Heimatkinder – Jubiläumsbox 8 – E-Book: 41 - 46

Heimatkinder
– Jubiläumsbox 8–

E-Book: 41 - 46

Melanie Rhoden
Irene von Velden
Anne Altenried
Harald M. Wippenbeck
Loni Bergner
Christi Brunner

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74093-347-0

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Hochzeit auf dem Föhren-Gut

Hanni soll das Lachen wieder lernen

Roman von Melanie Rhoden

Der letzte Sonntag im März war ein prächtiger Sonnentag. Im Dorf Rottenfeld hatte der Frühling die Vorgärten der Bauernhäuser schon mit Blüten bunt gemacht. Dreihundert Meter höher, wo sich das Föhren-Gut in eine Wiesenmulde duckte, war der Boden noch nicht ganz aper, doch aus den Schneeflecken gruben sich zumindest die blassrosa Christrosen mit ihren goldenen Krönchen.

Auch das Vieh in den Stallungen wurde schon ungeduldig, aber noch war der Boden tief und gefährlich. Nur die fünf Hühnerscharen verteilten sich auf den Misthaufen und die umliegenden Wiesengründe. Sie ahnten nicht, dass im strahlend blauen Himmel Raubvögel kreisten, die nach Beute ausschauten. So nahe waren Glück und Tod beisammen, doch in diesen Tagen wurden Menschen und Tiere auf dem Hof vom Sterben verschont.

Thomas Klausen, der Herr vom Föhren-Gut, trat mit seiner Frau vor die Tür. Geradezu andächtig atmeten sie die kräftige Bergluft ein, die köstlich nach Sonne, Erde und der erwachenden Natur roch. Weder am Wohnhaus noch an den Nebengebäuden für die Dienstleute oder an den Stallungen fürs Vieh hatten Schnee, Eis und Winterstürme Schaden angerichtet.

»Vor sechs Jahren hat es hier nur eine nahezu verfallene Almhütte gegeben«, sagte Thomas und legte seinen Arm um Marthas Schultern. »Du hast damals mit deinen neunzehn Jahren den Mut aufgebracht, mit mir einen Bauernhof aufzubauen. Heute reden die Dorfleute nur noch vom Föhren-Gut.«

Martha Klausen schmiegte sich zärtlich in seinen Arm. Damit keiner von den Dienstleuten mithören konnte, flüsterte sie nur: »Mit dir hätt’ ich auch ein Schloss bauen wollen. Am wichtigsten ist mir damals gewesen, dass es darin ein Kinderzimmer geben würde.«

»Wenn aber auch schon unsere kleine Hanni unterwegs gewesen ist.« Das Gesicht des Gutsherrn strahlte in der Erinnerung vor Glück. »Außerdem bin ich auch froh, dass unser Mädchen nicht in einem Schloss, sondern auf einem Bauernhof zur Welt gekommen ist. Martha, wir zwei passen hierher, und ich weiß, dass die Hanni als glückliches Kind heranwächst: mit Kühen, Schafen, Ziegen.«

»Und Ferkeln!«, ergänzte Martha mit einem dennoch stolzen Lachen. An der Haustür war nämlich das Töchterchen erschienen, dessen ziemlich schmutziges Gesicht bestimmt in kein Schloss gepasst hätte. Sogar die goldblonden Locken waren schmierig und verklebt geworden.

Hinter der Hanni kam gleich ihre Urgroßmutter nach, die mit ihren siebenundsiebzig Jahren noch immer rüstige Sophie Steiner. Sie packte die Kleine gerade noch am Jankerärmel und vertratschte sie bei Thomas und Martha: »Ratet, wo ich eure Tochter soeben erwischt habe! Man sieht es ihr noch an: Im Schweinekoben!«

Ohne Spur von schlechtem Gewissen verteidigte sich das kleine Dirndl: »Ich hab’ doch nur nachschauen wollen, ob schon Ferkel da sind. Dabei bin ich ausgerutscht und hingefallen.«

»Wir haben dir verboten, allein in die Stallungen zu gehen!«, stellte der Vater streng fest, doch dann brachen gleichzeitig alle vier in Lachen aus, und die Sophie Steiner führte ihre Urenkelin zwecks Reinigung ins Badezimmer.

Thomas stellte nur fest: »Unser kleiner Schmutzfink sollte froh sein, dass er nicht fünf Jahre früher geboren worden ist. Damals hätten wir ihn nur im Brunntrog abwaschen können.«

Dagegen empörte sich die Martha: »So denkt vielleicht der Rabenvater. Ich bestimmt nicht! Bei diesen Frühlingstemperaturen hätte ich sie keinesfalls ins eiskalte Wasser getaucht, sondern ich hätte für sie eines gewärmt und ihr im Zuber ein Vollbad bereitet. Gegen den Geruch aus dem Saustall sogar mit einer Duftessenz!«

Dafür küsste er seine Frau auf die Wange und lobte sie: »Du bist eben eine viel bessere Mutter als ich ein Vater.«

Auch dem hätte sie gern widersprochen, doch in diesem Augenblick wurde sie von einem dumpfen Grollen, in das sich Knallen und Knattern mischte, abgelenkt. Um im Frühlingslicht besser zu sehen, schirmte sie die Augen mit der Hand ab. »Von den Kaiser-Zinken ist eine Lawine in die Hirler-Wand abgegangen. Ein Glück, dass um diese Jahreszeit noch keine Bergsteiger unterwegs sind.«

Einige Sekunden lang betrachtete Thomas das Bild seiner jungen Frau, in deren blondem Haar der Frühlingswind sanft spielte. Nie hätte er früher gedacht, dass auch hellgraue Augen ihn so zärtlich anstrahlen könnten. Als ihr Blick dem seinen begegnete, wich er ihm aus, als hätte sie ihn bei unanständigen, verbotenen Gedanken ertappt. Rasch beklagte er sein Schicksal: »Gerade jetzt hätten wir noch genug Zeit für Wanderungen, später wächst uns die Arbeit über den Kopf, und da bleibt uns wenig Zeit fürs Leben. Wenn das lange so weitergeht, wirst du mir eines Tages zu einem Bauern, Gutsherrn oder gar Schlossbesitzer im Flachland davonlaufen.«

Das befürchtete er nicht wirklich, dafür glaubte er zu sehr an die Liebe und Treue seiner Frau, sie aber verteidigte sich beinahe gekränkt: »Nicht für die halbe Welt würde ich auf ein Leben mit dir verzichten, nicht für die ganze auf das Glück mit dir und unserer Hanni!«

Gaudig schloss er: »Daran werde ich dich bei gegebenem Anlass erinnern! Jetzt aber ruft uns die Arbeit.«

Mit seiner Frau ging er durch die geräumigen Stallungen, wo das Vieh auch im Winter nicht zusammengepfercht stehen musste. Nur die Schafe drängten sich in einen Winkel, als könnten sich dann hundert von ihnen gemeinsam sogar gegen einen Bären zur Wehr setzen.

Dem scharfen Blick des Gutsherrn entging nicht der kleinste Missstand durch ein Versehen der beiden Knechte. Er schimpfte keinen von ihnen hart zusammen, sondern machte sie nur auf die Fehler aufmerksam und legte zu deren Beseitigung meistens selbst Hand mit an. Zornig wurde er hingegen, wenn er merkte, dass einer mit den Tieren derb umging. Inzwischen kontrollierte Martha Klausen die Arbeit der drei Mägde. »Alles in Ordnung«, urteilte sie, dann ging sie ins Wohnhaus, um ihr Kind und ihre Großmutter zu umsorgen.

Für die Rosa-Dirn wurde es Zeit, den Küchendienst anzutreten. Sie und die Bäuerin kochten für immerhin neun Personen, rechnete man die Hanni auch schon dazu. Gerti, mit achtzehn Jahren die jüngste Magd, fegte mit Besen und Tüchern ebenso durch das Herrschaftshaus wie durch das der Dienstleute. Für das große Osterputzen unter der Führung von Martha Klausen würde man nicht nur alle Mägde, sondern auch die beiden Knechte einspannen. In diesem Jahr sollte es ihnen bestimmt nicht mehr gelingen, sich rechtzeitig nach Rottenfeld hinunter, in den Gasthof ›Alpenglück‹, abzusetzen. Bis zum Mittagstisch grübelte nun der Thomas Klausen in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch, um den Wirtschaftsplan für dieses Jahr noch einmal zu überprüfen und zu ergänzen. Somit war jeder vollauf beschäftigt.

Erst brachten die Gerti und die Rosa das Mittagessen ins Gesindehaus, dann deckte die Hausfrau selbst im großen Zimmer den Tisch für ihre Familie. Das war eine der wenigen glücklichen Stunden, in denen alle beisammen sitzen konnten, von der Urgroßmutter bis zur Urenkelin, und an jedem Tag wünschten sie sich schweigend, beinahe ängstlich, es möge noch lange so bleiben. Nur die kleine Hanni lebte arglos in ihre sorgenfreien Kindertage hinein.

*

Für den letzten Sonntag im März planten Thomas und Martha Klausen noch einen Schiausflug auf den Mittagskogel. An der Nordseite war die Piste fast bis zweihundert Meter ans Föhren-Gut heran befahrbar, aber sie würde spätestens im nächsten Föhn brechen.

»Man muss das Glück eines jeden Tages nutzen, um es erleben zu können«, entschied Thomas. »Selbstverständlich werde ich nur fahren, wenn du mitkommst. Martha, du traust dich noch?«

Fröhlich sagte sie ihm zu: »Mit dir jederzeit, auch wenn es in die Hölle und zurück gehen würde.«

»Nach sechs Jahren Ehe noch so deppert verliebt!«, greinte dafür ihre Großmutter. »Da bindet ihr euch zwei Brettel an die Füße und rutscht damit über den Schnee herunter. Arg genug, wenn ihr euch dabei die Haxen brecht, aber um diese Jahreszeit spielt ihr mit dem Leben. Oder habt ihr die Lawinen von der Hirler-Wand nicht heruntertuschen gehört?«

Die Martha beruhigte sie noch recht lieb: »Großmutter, der Thomas ist der tüchtigste und vorsichtigste Bergkamerad, dem ich mich anvertrauen kann.«

»Aber der Berg ist allerweil noch stärker als der Mensch!«, blieb sie bei ihrer Meinung, um diese späte Jahreszeit wäre ein Schiausflug längst schon unverantwortlich. Um den jungen Leuten dennoch das Glück nicht zu verderben, erklärte sie sich nachher sogar bereit, an diesem Sonntag die Hanni zu behüten und zu bewachen. Sie betonte aber: »In den Saustall kommt mir mein Goldengerl nicht. Wenn doch, so lass ich es nie wieder ins Haus. Mir langt noch der Gestank vom letzten Mal, denn ich krieg’ ihn einfach nicht aus der Nase!«

Schilifte oder gar eine Gondelbahn auf den Mittagskogel gab es damals noch nicht, sondern vom Hof bis zur verschneiten Nordseite des Berges mussten sie ihre Schier noch geschultert tragen. Als der Thomas beweisen wollte, dass auch ein Ehemann Kavalier sein konnte, und der Martha ihre Bretteln abnehmen wolle, lehnte sie das lächelnd mit den Worten ab: »Du kannst sie gern tragen, aber erst, wenn ich mehrfache Mutter geworden bin.«

Ebenso übermütig antwortete er ihr: »Bei meiner Faulheit werd’ ich mich hüten, dafür etwas beizutragen!«

Martha Klausen lächelte still vor sich hin.

Auch der Aufstieg durch den Schnee wurde mit der Zeit recht mühsam, aber traumhaft schöne Naturbilder entschädigten sie. Am Nordabhang, wohin täglich nur ein paar Minuten Sonne fiel, waren die Bäume dick mit Raureif besetzt, in dessen Millionen von Kristallen sich das Licht in alle seine Farben zerlegte. Schwer neigten sich die Äste der Föhren unter ihrer glitzernden Last, doch sie waren so gesund, dass keine zusammenbrach. Als sie auf der runden Kuppe des Mittagskogel aus dem Wald auf eine weite Hochalm kamen, meinte sie, in ein golden durchstrahltes Paradies zu treten. Zärtlich umschlungen schauten sie über das Land, das sich tief unter ihnen schon frühlingsgrün breitete, von Bächen und einem Fluss durchschnitten. Zu ihren Füßen lag, klein wie aus Spielzeug aufgebaut, das Dorf Rottenfeld mit seiner Kirche, dem Hauptplatz, mit zwei großen und etlichen kleineren Straßen.

Plötzlich fiel es dem Thomas ein: »Wir sind über tausend Meter hoch! Da ist das Gipfelbussel fällig!«

Zum Spaß zierte sich die Martha. »Gilt nicht! Ich sehe kein Gipfelkreuz!«

Ihr Mann blieb unerbittlich. »Das Gipfelkreuz kann ich mir dazu denken!«, behauptete er. »Das Busserl will ich mir nicht einfach vorstellen, ich verlang sogar eines mit voller Leidenschaft!«

Sie gab ihm erst einen ganz sanften Kuss auf die Lippen, dann einen liebevolleren, und der dritte fiel unerwartet hemmungslos aus. Als er doch etwas überrascht dreinschaute, empfahl sie ihm: »Falls du dich schon schwach fühlst, sollten wir uns dort auf den Felsblock setzen. Komm, du wirst es nötig haben!«

Er hatte sich längst an ihre launigen Einfälle gewöhnt, also folgte er ihr noch ziemlich arglos. Er breitete seinen Anorak aus, und sobald sie saßen, verlangte sie: »Wenn wir uns schon bis hier heraufgequält haben, wollen wir den Augenblick besonders feierlich gestalten. Lege deine Arme um mich!« Als er sie nachsichtig lächelnd umschlungen hielt, sagte sie: »Jetzt küsse uns und sag: Herzlich willkommen, ihr zwei!«

»Ihr wer? Martha, hast du einen Höhenkoller, oder willst du mir am End’ sagen …, dass du wieder ein Kind bekommst!«

Sie widersprach ihm zwar, lächelte aber selig: »Nicht ich, der Doktor Gartel sagt das!«

Thomas musste erst seine völlig verwirrten Gedanken ordnen. Dann grollte er: »Der Felix Gartel erfährt das von meiner Frau früher als ich?«

»Wieder falsch«, widersprach sie ihm besonders sanft. »Ich hab’s von ihm erfahren!«

Er stieß sie von sich fort, sprang auf und rannte ein paar Schritte weg. Die Hände hielt er wie einen Trichter vor den Mund und schrie mit mächtiger Stimme übers Land: »Thomas Klausen kriegt ein Kind! Hanni Klausen kriegt ein Geschwisterl! Hannis Urgroßmutter kriegt das zweite Urenkel!«

Die Martha war hinter ihn getreten und erinnerte ihn: »Was ist mit mir? Krieg’ ich gar nichts?«

Da jubelte er gleich noch einmal so laut: »Martha, die beste Frau von Rottenfeld und dem Rest der Welt, kriegt auch ein Kind! Bei so vielen Kindern soll ich nicht narrisch werden vor Glück?«

Wer sie gesehen hätte, würde geurteilt haben: Zwei Verrückte! Die wälzten sich eng umschlungen im Schnee und lachten dazu!

Noch gut eine Stunde genossen sie das Gipfelglück auf dem Mittagskogel, dann erst fanden sie zum notwendigen Ernst zurück. Thomas wollte Martha beim Anlegen der Schier behilflich sein, was ungewöhnlich war, denn auf den Pisten und beim Klettern im Fels waren sie nichts als gleichberechtigte Kameraden. Sie wollte ihm schon gerührt danken, da gestand er heuchelnd: »Einer Schwangeren muss man jede Anstrengung ersparen!«

Daraus entwickelte sich eine Schneeballschlacht, die zur Balgerei ausartete. Erst eine weitere halbe Stunde später hatten sie sich vom Lachen wieder erholt und konnten sich endlich doch an die Abfahrt machen. Wie immer, wollte er vorausfahren, aber aus Übermut verzichtete sie auf Bogen und Schwünge und ließ die Brettel einfach laufen. Das wollte er nicht dulden, er ging in die Hocke. Außerdem hatte er seine Schier sorgfältiger gewachst als ihre. So konnte er sie wieder überholen. Der Fahrtwind brauste um ihn, er hätte schreien können im Glücksrausch! Das Brausen wurde binnen wenigen Sekunden stärker, und als er abschwang, sah er, dass sich an die hundert Meter oberhalb von ihnen eine mächtige Schneeplatte gelöst hatte, die rasend schnell talwärts glitt. Immer mehr Eis und Firn riss sie mit sich.

»Martha!«, schrie er gellend auf. Sie versuchte zwar abzuschwingen, doch sie prallte doch gegen ihn. Beinahe wären sie beide gestürzt. Er riss sie schon seitlich von dem Lawinengang auf den Wald zu. Unfassbar schnell raste der Tod auf sie zu, doch das panische Entsetzen verlieh ihm geradezu übermenschliche Kräfte. Martha stürzte nicht, er konnte sie zu einem mächtigen Felsblock bei den ersten Bäumen zerren. Dort warfen sie sich zu Boden. Nicht einmal mehr die Schier konnten sie von den Schuhen reißen, schon donnerte der breite weiße Todesfluss so nahe an ihnen vorbei, dass ihnen der Luftdruck Schneewolken ins Gesicht warf. Sie hätten nachher nicht sagen können, wie lang es gedauert hatte, bis die Schnee- und Eisbrocken liegen blieben. Nach der tobenden Hölle folgte die Stille des weißen Grabes.

Langsam getrauten sich die beiden Menschen aufzuschauen.

»Martha«, flüsterte er.

»Thomas!«

Sie sanken einander in die Arme und wurden sich nur langsam dessen bewusst, wie nahe ihnen der Tod gewesen war. Erst als die Kälte durch ihre Anoraks kroch, rafften sie sich dazu auf, die Abfahrt fortzusetzen. Über das Lawinenfeld wären sie nicht mehr weitergekommen, also fuhren sie vorsichtig im Pflug am Waldrand hinunter.

Nach einiger Zeit klagte die Martha, ihr zitterten schon die Beine, sie müsse rasten. Sie blieb nahe bei ihm stehen und schaute über die Eis- und Schneewüste hinaus, als sie plötzlich die Finger in seinen Arm verkrallte. Vor Aufregung beinahe atemlos, flüsterte sie: »Thomas, dort liegt jemand halb vergraben! Um Himmels willen!«

»Ein Schatten«, schätzte er das ein.

»Der sich bewegt? Dort liegt jemand und kämpft ums Leben!«, stieß sie hervor. »Wir müssen hin!«

Über das Lawinenfeld waren es etwa hundert Meter, auf denen sie der Tod begleitete, denn auch unter den Schiern brachen immer wieder die aufgetürmten Schneebrocken weg, rollten bergab und drohten die Massen wieder loszureißen. »Ja, es bewegt sich!«, schrie er plötzlich auf und war nicht mehr zu halten.

Er stieg aus der Schibindung, trieb die Brettel in den Schnee und grub mit bloßen Händen, bis er den Körper freigelegt hatte.

»Ein Reh!«, schrie die Martha. »Verletzt?«

»Ganz sicher. Aber es atmet noch, ich kann es doch hier nicht einfach sterben lassen. Ein noch junges Tier, ein Schmalreh. Hilf mir wieder in die Schibindung.« Dann warf er die letzten Schneebrocken zur Seite und hob das Tier auf. Die Abfahrt wurde dadurch noch schwieriger, sie kamen beinahe nur in Schrittgeschwindigkeit weiter.

»Gib nicht auf«, bat ihn die Martha. Als sie auf den aperen Wiesenboden kamen, sagte sie lächelnd: »Jetzt ist es doch soweit, dass ich auch noch deine Schier tragen muss!«

Aber sie lief so schnell zum Hof hinüber, dass ihr der Thomas mit dem verletzten Reh kaum folgen konnte. Die Steiner-Großmutter sah nicht mehr so weit, sondern fragte die Burgl: »Was schleppt der Bauer?«

Auch die Dirn konnte es nicht genau ausnehmen, sondern sagte unsicher: »Halt einen Körper. Ich seh’ nur was Dunkles. Doch nicht unsere Bäuerin. Jesus im Himmel!« Keine drei Sekunden später erlöste sie die alte Frau: »Nicht die Bäuerin, die ist jetzt wieder hinter ihm gegangen, aber sie kommen schon zum Hof!«

Bis dahin hatte es die Großmutter noch durchgestanden, doch jetzt presste sie auf einmal die Faust gegen ihre Brust und stöhnte: »Ich halt’s nicht aus!«

*

Somit erwartete das Bauernpaar auf dem Hof die nächste Aufregung. Hans, der ältere Knecht, nahm dem Thomas das verletzte Reh ab und flachste sogar noch: »Bist leicht in der Schonzeit wildern gegangen? Keine Angst, du armes Ding, musst gar nicht so zappeln, ich bin kein Freischütz und tu dir nichts! Ach so, Bauer, dir soll ich sagen, die Altbäuerin ist grad vorhin umgefallen und gibt kein Lebenszeichen mehr von sich. Da drinnen liegt sie.«

Martha und Thomas stürzten in die Stube. Was sie sahen, ließ ihnen das Blut in den Adern erstarren, denn die Sophie Steiner lag auf der Eckbank, die Augen geschlossen, die Hände verkrampft. Mit einem Aufschluchzen warf sich die Martha neben sie auf die Knie, der Thomas meinte zu erkennen, was geschehen war und jetzt noch geschehen sollte. Er riss die Tür vom alten Schrank auf. Während er zwei Schritte zur Großmutter hin machte, entkorkte er die Schnapsflasche. Er schüttelte daraus über die Stirn der Regungslosen und verrieb den Alkohol.

Gerade als ihr ein paar Tropfen davon übers Gesicht und in einen Mundwinkel flossen, machte sie zwar nicht die Augen auf, leckte sich aber über die Lippen und greinte: »Thomas, du Dodel! Nicht aufs Hirn sollst du das schütten. Verschwendung! Da hinein!«

Dazu machte sie den Mund auf.

Ein kräftiger Schluck brachte sie schnell wieder zu klarem Bewusstsein. Als sie erfuhr, dass die Lawine, die sie bis zum Hof her gehört hatte, so nahe an den Ihren vorbeigedonnert war, keifte sie wild und feindselig und schloss: »Thomas, von einem, der einer alten Frau den Schnaps aufs Hirn schüttet, kann ich keine Vernunft erwarten. Aber Martha, du hättest gescheiter sein müssen! Jetzt nützt dir das ganze Flennen nichts mehr! Stell dir vor, die Lawine hätt’ dich erwischt, nachher wärst nicht nur du tot gewesen, sondern dein armes Kindl hätt’ nie leben dürfen!«

»Ich pack’s nicht, Großmutter, woher weißt du was von meiner Schwangerschaft?«, stammelte die Martha.

Aus dem Thomas brach nun alle gestaute Aufregung als Wut. Er schimpfte los: »So weit ist es in diesem Haus schon gekommen! Mir scheint, bald wissen es unsere Dienstleut’ vor mir, wenn meine Frau schwanger ist!«

Noch einmal rächte sich die Steiner-Sophie für den verschwendeten Schnaps, indem sie auf den Thomas loshackte: »Musst dich gar nicht aufregen, mein Lieber! Mir hat die Martha erst gar nichts sagen müssen, ich hab’ ihr das Glück ganz allein von den Augen abgelesen. Nach sechs Jahren Verheiratetsein schaut halt so ein alter Ehekrüppel seiner Frau längst nicht mehr liebevoll genug in die Augen! Zu meiner Zeit ist alles ganz anders gewesen. Aber die heutige Jugend!«

Der Klausen-Thomas hörte aus dieser Schimpferei noch das Beste: Mit seinen fünfunddreißig Jahren hatte ihn die Großmutter immerhin noch zur ›heutigen Jugend‹ gerechnet, und das war Balsam auf seine vielfach verletzte Seele.

Aufregungen und Schmerzen legten sich mit der Zeit wieder, auf das Föhren-Gut zog Ruhe ein. Die Steiner-Sophie brachte ihren alten Nähkorb in die Stube und holte aus einem Koffer die Erstlingsgarnitur von Hannis Wäsche hervor. An den Hemden und Höschen war nichts auszubessern, also trennte sie nur die rosa Maschen und Stickereien heraus.

»Großmutter, warum machst du das?«, fragte die Martha verständnislos.

Die schaute flüchtig von ihrer Arbeit auf und erinnerte die Enkelin: »Seit wann gilt für Buben die rosa Farbe?«

Nun begriff Martha, doch sie sagte: »Ich versteh’ dich nicht, vielleicht wird auch mein zweites Kind ein Dirndl. Dann müsstet du alle Stickerei noch einmal auftrennen und in Rosa machen. Wär’s nicht gescheiter, du würdest die paar Monate zuwarten, bis wir’s wissen?«

Noch einen zornigen Blick schenkte ihr die Sophie und stichelte dabei schon weiter. Mit unbeirrbarer Sicherheit behauptete sie: »Ich fühl’s, dass du dem Thomas diesmal einen Buben in die Wiege legst. Mein Gefühl hat sich noch seltener geirrt als der Doktor Gartel samt der Hebamme. Inzwischen hab’ ich mir sogar schon einen Namen für unser Büberl ausgedacht: Der nächste Bauer auf dem Föhren-Gut soll Anton heißen wie sein Urgroßvater selig, mein Mann. Und jetzt geh vom Fenster weg, ich krieg’ sonst gar nicht genug Licht für die feine Arbeit!«

Ernste Aufregung gab es immer nur, wenn die Hanni verschwunden war. Martha und Thomas Klausen verließen sich dann nie allein auf ihre Dienstleute, sondern durchstöberten selbst alle Zimmer und Kammern, die Scheunen, Stallungen und Schuppen. Meistens entdeckten sie ihr Gold­engelchen beim Spielen am Bach. Das hatten sie zwar streng verboten, doch zuletzt waren sie froh, das Kind heil wiederzuhaben.

Die Steiner-Großmutter beteiligte sich selten an solchen Suchaktionen, denn sie meinte: »Meine Urenkelin ist viel zu gescheit, als dass sie in den Bach, den Brunntrog oder in einen Schacht fallen tät’. Ich hab’ mir schon gedacht, diesmal könnt’ sie nur bei den Schafen sein. Die kleinen Lämmer haben es ihr angetan!«

Als man sie eines Tages auch nicht mehr bei den Schafen finden konnte, brach die Martha in verzweifeltes Klagen aus. Thomas, der von den Seherfähigkeiten der Steiner-Großmutter wenig hielt, wandte sich in seiner Verzweiflung doch an sie. Die Sophie schaute nur flüchtig von der Stickerei auf und fragte: »Wo ist das Reh?«

Ehrlich empört, wies er sie zurecht: »Großmutter, wir suchen unser Kind, aber du sorgst dich um das Reh. Bis das gebrochene Bein ganz geheilt ist, müssen wir es in einem Verschlag bei den Kühen einsperren.«

Plötzlich rannte er aus dem Haus. Als Erstes jetzt fiel ihm auf, dass die Tür zu dem Verschlag nur angelehnt war. Offensichtlich war es dem Reh gelungen, auf irgendeine Weise auszubrechen und davonzulaufen. Das tat ihm sehr leid, aber gleich packte ihn wieder eher die Sorge um seine Hanni, bis ihm plötzlich klar wurde, es könnte ein Zusammenhang zwischen dem Verschwinden von Kind und Reh bestehen.

Martha und seine fünf Dienstleute kamen angerannt. Niemand wollte den Verschlag im Kuhstall aufgeschlossen haben, worauf es dem Bauern zur Gewissheit wurde: »Also muss es die Hanni getan haben! Leute, wir suchen nicht länger im Haus, sondern auf den Wiesen, beim Bach, wenn das auch nichts bringt, nachher im Wald!«

Mägde und Knechte verteilten sich im ganzen Gelände. Sie beschworen schreiend das Kind, es sollte doch Antwort geben. Thomas nahm seine Frau an der Hand und lief mit ihr zum Waldrand hinauf. Dabei sagte er: »Deine Großmutter hat mich auf den Gedanken mit dem Reh gebracht. Vielleicht hat die Hanni gesehen, wie das Tier davongelaufen ist. Wir zwei suchen im Unterholz!«

Beim kleinen Waldweiher schrie die Martha entsetzt auf, denn am Ufer fanden sie eine Haarmasche ihres Kindes. »Ertrunken!«, schrie Martha auf. »Am Ufer ausgeglitten!«

Auch der Thomas war bleich geworden. Er suchte den Wasserspiegel ab, doch dort trieb nichts, was zur Hanni gehört hätte. Es fiel ihm unsagbar schwer, von einem erhöhten Uferstreifen aus den Grund des Weihers abzusuchen. »Nichts«, schloss er und fühlte sich so erlöst, als hätte er das Kind schon wiedergefunden. Minuten später entdeckte er im weichen Waldboden Spuren von Rehhufen. »Hier ist auch die Hanni weitergegangen, ich bin mir beinahe sicher.«

Voll neuer Hoffnung liefen sie in diese Richtung weiter.

Nach kaum hundert Metern sahen sie das Reh im Unterholz. Die Hanni hielt es liebevoll umhalst und winkte ihnen zu.

»Kind!«

Als Martha und Thomas auf sie zuliefen, wollte das Reh flüchten, aber Hanni gab es nicht frei und sagte diesmal streng: »Bambi, jetzt rückst du nicht mehr aus. Es ist höchste Zeit zum Heimgehen!«

Auch ihre Eltern gingen nun behutsam näher, damit Hanni das Tier ohne Schwierigkeiten erst festhalten, nachher führen konnte.

»Wie hast du uns das antun können?«, schluchzte die Mutter.

Dafür brachte die Kleine wenig Verständnis auf, sondern sie erklärte altklug: »Ein Reh ist ein Waldtier. Mein Bambi hat mir gesagt, es wollte nicht immer nur in einen Verschlag gesperrt sein. Alsdann bin ich heute mit ihm ein bissel spazieren gegangen! Jetzt kommt es wieder heim, denn ich werd’ ihm einen Verschlag mit einem Fenster zimmern, durch das es den Wald sehen kann!«

Im Glück, sein kleines Mädchen wiedergefunden zu haben, hätte ihm Thomas Klausen sogar einen goldenen Palast versprochen. Er blieb bei einem kleinen Stall mit Blick in den Wald, und das konnte er auch halten.

Glück und Frieden auf dem Föhren-Gut waren gerettet.

*

Der Bürgermeister Franz Schober kam persönlich mit seinem Dienstauto von Rothenfeld heraufgefahren. Thomas Klausen ging ihm bis ans Hoftor entgegen und begrüßte den Gast.

»Nicht nur den Gast, den Freund!«, sagte er, was er auch wirklich so meinte. Die beiden Männer hatten große Hochachtung voreinander, denn der eine hatte aus einer verfallenen Sennhütte einen prächtigen Almhof, das Föhren-Gut, gemacht, der andere wirtschaftete erfolgreich im Gemeindeamt. Während aus immer mehr zahlungs- und lebensunfähigen Bergdörfern die Menschen abwandern mussten, dachte der Franz Schober daran, Rothenfeld sogar noch auszubauen.

»Darum geht’s, lieber Freund«, sagte er dem Thomas Klausen in dessen Stube bei einem Glas Wein. »Gelt, aber nur eines trink’ ich, denn unserem Gendarm tät’s eine Höllenfreud’ machen, könnt’ er mich als Saufkopf am Steuer erwischen. Weil wir grad’ vom Fahren reden. Die Straße zu euch herauf ist bald schlechter als ein Feldweg. Lauter Steine!«

»Vom Eis herausgefroren, vom Wasser ausgewaschen. Wenn ich zweimal in der Woche Milch und Käse mit dem Geländeauto nach Rothenfeld zur Bahn bring’, haut’s mir manchmal das Kreuz ab.«

Der Bürgermeister nickte verständnisvoll. »Es gäb’ viele Gründe, warum man ausgerechnet diese Straße ausbauen müsste. Dringendst!«, betonte er noch. »Nicht nur, dass sie nahe am großen Föhren-Gut vorbeiführt, sie ist auch die einzige Verbindung ins nächste Tal und meistens vier Monate im Jahr von Lawinen bedroht. Nächstes Jahr könnt’ über eine bessere Straße schon der kleine Schulbus herauffahren. Wann kommt dein Dirndl in die Schul’? Stimmt, nächstes Jahr.«

Der Gutsherr erkannte den Köder, der ihn durchaus reizen konnte, aber er sah noch immer nicht klar, worauf der Schober-Franz hinauswollte, denn bisher wich der jeder seiner Fragen geschickt aus. Als er nach einer halben Stunde noch immer nicht mit dem Zweck seines Kommens herausgerückt war, fragte ihn der Klausen geradewegs: »Ohne herumzureden: Was willst du von mir?«

Das war nicht gerade höflich, aber wirksam. Der Franz Schober bekannte Farbe: »Thomas, ich brauch’ dich in der nächsten Gemeindeversammlung zur Schützenhilfe.« Als der Klausen die Hände abwehrend hob und beteuerte, das Herumstreiten wär’ nicht seine Sache, kam der Bürgermeister erst recht in Fahrt: »Nix wird herumgestritten, sondern wir brauchen gute, starke Begründungen, mit denen wir die Opposition überzeugen und sogar für uns gewinnen. Es geht darum, dass wir Rothenfeld schöner, größer und reicher machen, damit jeder besser leben kann! Dafür werd’ ich allzeit sorgen, und wenn ich bei der nächsten Wahl noch mehr Stimmen krieg’, kann ich noch mehr Pläne als bisher verwirklichen!«

»Öha, Schober, du bist auf dem Klausen-Hof und noch bei keiner Wahlversammlung. Wie kann ich dir helfen?«

Auf dieses Stichwort schien der Bürgermeister die ganze Zeit über gewartet zu haben. »Ganz einfach: Wir brauchen Männer, auf die unsere Dorfleut’ hören, vom Geschäftsmann und Großbauern bis zum letzten Knecht. Jeder wird dabei gewinnen. Thomas, tu was für die kleinen Leut’, damit es auch ihnen besser geht!«

In den letzten zehn Minuten war die Klausen-Martha in die Stube gekommen und hatte sich still zu den beiden Männern gesetzt. Sie konnte seit jeher auf dem Hof ein wichtiges Wort mitreden, jetzt schlug sie ihrem Mann vor: »Willst nicht anhören, was der Schober für unser Dorf plant? Dass es uns heute so gut geht, verdanken wir nicht nur unserer harten Arbeit, sondern auch der Hilfe durch die Gemeinde.«

Gleich jubelte der Bürgermeister auf: »Was ich allerweil sag’: Die Frauen sind doch am gescheitesten und haben ein Herz für alle!«

Eine Stunde später ging er forsch und erfolgsbewusst zu seinem Wagen. Dem Herrn vom Föhren-Gut winkte er noch einmal zurück und erinnerte ihn: »Gelt, lieber Freund, am Samstag nach Feierabend, um acht im Gemeindeamt. Nach der geschlagenen Schlacht hocken wir uns noch für eine Stund’ zum gemütlichen Teil des Abends beim Itzelsberger-Wirt zusammen und feiern unseren Sieg. Nicht umsonst heißt sein Gasthaus ›Alpenglück‹. Versteht sich, lieber Freund, dass du deine liebe Frau mitbringst. Grüß mir auch die Hanni, dein Goldengerl!«

Kaum rumpelte der Bürgermeister mit seinem Dienstauto die schlechte Straße hinunter ins Dorf, kam die Steiner-Großmutter aus ihrem Zimmer und greinte: »Warum habt ihr so leise und undeutlich geredet? Ich hab’ das Ohr an die Tür gelegt und doch fast nichts verstanden. Thomas, erklär mir, worum es gegangen ist!«

Dem ging das alles schon gegen den Strich, nach dem Herumreden mit dem Schober-Franz langte es ihm, weshalb er die Sophie abstellte: »Ich kenn’ mich da nicht so gut aus. Frag doch lieber deine Martha, die weiß mehr, wenn doch sogar der Bürgermeister gesagt hat, dass sie am gescheitesten ist und ein gutes Herz für den Gemeinderat hat.«

Er ging zum Vieh und erholte sich vom menschlichen Gerede. Mit Engelsgeduld und sehr viel Herz erklärte die Martha ihrer Großmutter, dass der Schober ›dringendst‹ die Straße zum Klausen-Hof und weiter über den Pass in Ordnung bringen lassen wollte. Als die Sophie auch nur ein Wort vom Schulbus für die Hanni hörte, war sie für alle Neuerungen Feuer und Flamme. Sie befahl: »Martha, du musst auf jeden Fall mitgehen, du weißt, was geschehen muss: Im nächsten Jahr ein Schulbus für unsere Hanni, denn sobald du dein Büberl hast, kannst du sie nicht mehr vom Dorf her abholen, und dem Thomas darf man sie besser nicht anvertrauen. Jetzt hab’ ich schon drei Nächte hindurch von einem Sensenmann geträumt. Das könnt’ bedeuten, dass er früher oder später mit dem Auto einen Unfall baut.«

»Großmutter!«, empörte sich die Martha. »Jetzt ist deine Schwarzseherei und Wahrsagerei nicht mehr lustig! Ich mag solche Worte von dir nicht mehr leiden, und hört sie der Thomas, so könnt’ er auf dich einmal ernsthaft bös werden!«

Die Sophie kicherte. »Geh weiter, Martha, nimm mein Reden nicht so ernst. Eines ist mir klar: Der Thomas wird nie auf mich bös sein, dazu ist er ein viel zu lieber Mensch.«

Mit solchen Worten konnte sie die Martha gleich wieder versöhnen.

*

Als der Thomas und die Martha ins Geländeauto stiegen, um nach Rothenfeld zur Gemeindesitzung zu fahren, kam ihnen die Steiner-Großmutter noch bis zum Tor nach. »Fahr vorsichtig, Thomas!«, bat sie ihn ehrlich besorgt, und ihre Enkelin ermahnte sie noch einmal: »Straße ausbauen lassen, damit unser Goldengerl nächstes Jahr für den Schulweg einen Bus kriegt!«

»Ich werd’ dafür reden!«, beruhigte die Martha ihre Großmutter.

Der Thomas schränkte ein: »Aber auch für eine gute Straße und den Schulbus werd’ ich meine Stimme nicht um jeden Preis verkaufen. Man muss allerweil zu dem stehen, was man für richtig und gut anschaut.«

Im Laufe des Abends vertieften sich dann seine Bedenken sogar noch mehr. Alles begann recht gaudig, denn zu dieser Besprechung waren nicht nur die Gemeinderäte, sondern alle geladen, die in Rothenfeld ein Wort mitzureden hatten. Die Gemeindesekretärin betätigte sich gewissermaßen als Hausfrau und baute auf einem langen Tisch einen Haufen belegter Brote auf. Bestens gelaunt, forderte der Schober-Bürgermeister die Gäste auf: »Greift erst einmal zu. Nur nicht schüchtern sein, es ist noch mehr da! Aber damit mir die lieben Freunde von der Opposition nicht nachsagen, ich würde Gemeindegelder verfüttern, stell’ ich gleich fest: Das Buffet habe ich, der Schmöll-Kramer und der Itzelsberger-Wirt von unserem persönlichen Geld gespendet. Deswegen muss es einigen weniger lieben Freunden von der Opposition nicht im Hals stecken bleiben!«

Alle kannten den manchmal ein bissel derben Witz ihres Bürgermeisters, niemand verübelte ihm etwas, und der große Konferenztisch war binnen zehn Minuten leer geputzt. Nur noch einige Höflichkeiten wurden getauscht, dann ging es zur Sache.

Es war kein Zufall und auch nicht ohne Hintergedanken, dass der Franz Schober einstweilen hartnäckig am Ehepaar Klausen vorbeischaute und sagte: »Meine lieben Freunde, es geht mir darum, dass wir den Tourismus besser ankurbeln. Im Augenblick haben wir nur eine Sommersaison für ältere Leut’, die grad’ noch im Ebenen spazieren gehen können. Auf einem Haxen steht auf die Dauer niemand gut, alsdann brauchen wir ein zweites Standbein, und das ist die Wintersaison. Damit wir Gäste kriegen, sind vor allem gute Straßen und Gehwege wichtig. Fürs Erste machen wir deshalb aus dem Holperweg am Föhren-Gut vorbei eine ordentlich befahrbare Straße.«

»Holperweg?«, meldete sich gleich die Opposition. »Das ist allerweil noch die Straße ins nächste Tal hinüber!«

Der Bürgermeister Schober ließ sich in seinen Ausführungen nicht bremsen. »Holperweg, hab’ ich gesagt! Jetzt fahrt kaum ein Autobus von drüben zu uns herüber, und im Winter bleibt der Pass beim Schnee manchmal drei Monate lang gesperrt. Für eine Wintersaison brauchen wir aber auch Gäste aus den Nachbardörfern von drüben. Das heißt, die Straße muss gut und lawinensicher gemacht werden.«

Sogar die Klausen-Martha pflichtete dem Schober bei, auch der Itzelsberger-Wirt vom ›Alpenglück‹ klatschte wild in die Hände, aber der Thomas wartete noch ab, denn er wusste, der Pferdefuß würde gleich hinterher kommen. »Und wie?«, zwang er den Schober, weitere Einzelheiten bekannt zu geben.

Zweimal überhörte der Bürgermeister die Zwischenfrage, dann musste er die Katze aus dem Sack lassen: »Mit Schutzbauten.«

»In meinem Wald?«, schuf der Thomas Klausen Klarheit.

Fröhlich lachend beruhigte ihn der Schober: »Bei deinen großen Wäldern kommt es auf die paar Bäume bestimmt nicht an!«

»Mit jedem Baum stirbt auch ein Stückl von unserem Leben!«, warf der Klausen-Bauer ein.

Aber auch der Bürgermeister blieb dabei: »Lieber Freund, als Herr vom Föhren-Gut wirst du bestimmt etwas dazu beitragen wollen, dass unsere Gegend für den Fremdenverkehr besser erschlossen wird. Können wir keine sichere gute Straße bauen, nachher werden keine Wintergäste kommen, und wir haben uns für einen dreistufigen Schilift schon ganz vergeblich in Millionenschulden gestürzt.«

Durch die Einwohnervertretung von Rothenfeld ging ein unwilliges Murmeln, denn offensichtlich waren die Dorfleute über die Vorzüge der neuen Pläne schon bestens unterrichtet und mit ihnen einverstanden. Plötzlich sah sich der Thomas Klausen allen anderen gegenüber ganz allein gelassen, denn sogar die Martha schien die Neuerungen gutzuheißen.

Ein Mann erhob sich und nannte seinen Namen: »Ingenieur Thalmaier. Im Auftrag der Gemeinde Rothenfeld habe ich Pläne entworfen. Danach führt der erste Schilift vom Dorf hinauf in den Lärchen-Wald. Bei einer Erfrischungshütte steigt man um zur zweiten Etappe, die bis zu einem gewissen Föhren-Gut führt.«

»Ohnehin ein gutes Stück dran vorbei!«, warf der Bürgermeister hastig ein, denn vom Gesicht des Thomas Klausen las er die entschlossene Ablehnung aller bisherigen Vorschläge ab.

Der Ingenieur vollendete seine Ausführungen: »Von dort verläuft der dritte Schilift durch den Föhrenwald bis zur Hochalm auf dem Mittagskogel. Dort oben soll eine Imbissstube den Einkehrschwung ermöglichen, bevor eine Abfahrt auf bestens präparierten, lawinensicheren Pisten bis ins Dorf möglich ist. Somit sage ich Ihnen als Fachmann: Binnen weniger Jahre erwirtschaften Sie Gewinn durch die Schilifte, schaffen eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen, und das Dorf wird zum Urlaubsparadies in der ganzen Region aufblühen! Danke für Ihre Aufmerksamkeit!«

Von allen Seiten erzielte er lautstarken Beifall, nur einer blieb stumm und unbeweglich, der Thomas Klausen. Somit erkannte der Bürgermeister, dass er nur noch ein Hindernis zu überwinden habe, und er ging auf ihn zu. »Lieber Freund, du verstehst, was für uns alle von diesem Projekt und somit auch von deinem Ja abhängt. Ich weiß, dass dir um jeden Baum leidtut, aber wenn erst einmal eine Lawine in deinen Wald kracht, brechen vielleicht hundert Bäume zusammen. Thomas, von dir allein hängt es ab, ob unsere Region aus dem dumpfen Schlaf erwacht und am Wirtschaftsleben mit Gewinn teilhaben kann!«

»Nein!«, entschied der Thomas Klausen, ohne dass er viel überlegen musste.

Von einigen Seiten her kamen drohende Worte gegen den ›geldg’stopften‹ Dorffeind auf ihn zu, was ihn aber nicht umstimmen konnte. Doch dann erinnerten sie ihn an seine Verpflichtung der Gemeinschaft, besonders der Ärmeren gegenüber: der Pfarrer Grub, der Bürgermeister Schober, der Wirt Itzelsberger, der Lehrer Heller, der Doktor Gartl, der Kramer Schmöll und nicht zuletzt seine Martha. Die bat ihn: »Überleg’s dir noch gut, Thomas, vielleicht ist das bessere Leben so vieler Menschen ebenso viel wert wie ein paar Bäume. Bitte, Thomas!«

Ihr zuliebe sagte er zu: »Wir werden darüber in Ruhe nachdenken. Langt es, wenn ich heute in zwei Wochen meinen Entschluss bekannt geb’?«

»Passt schon, lieber Freund!«, versicherte ihm der Franz Schober im Glück. »Das käm’ gerade recht zur Kirchweih. Ich bin überzeugt, du wirst uns nicht im Stich lassen!«

Plötzlich waren sie alle seine Freunde und zollten ihm Beifall, als ob er sich schon für ihren Plan entschieden hätte.

*

Zwei Wochen Zeit blieben dem Familienrat auf dem Föhren-Gut zur Beratung, wie man sich entscheiden sollte. Thomas lehnte sich noch immer gegen die Zumutung auf, er müsse nicht nur seinen Wald verstümmeln lassen, sondern sollte dadurch außerdem ermöglichen, dass für die Touristen Schilifte und Einkehrbuden bis hinauf zum Mittagskogel gebaut werden konnten. Er blieb dabei: »Unsere Welt wird nachher um viel Schönes ärmer sein.«

Dagegen sagte die Martha: »Und viele Bauern, Handwerker und Kaufleute von Rothenfeld werden vor dem Verarmen und Abwandern gerettet sein.«

Die Steiner-Großmutter vertrat weniger ihre Interessen als die ihrer kleinen Urenkelin: »Wenn unser Goldengelchen im nächsten Herbst in die Schule eintritt, muss es nach Rothenfeld gefahren werden. Wer von uns wird die Strecke viermal täglich und fünfmal in der Woche fahren? Der Bürgermeister hat für die auswärts wohnenden Kinder einen Schulbus versprochen.«

Martha schloss sich ihr an: »Ich bin für den Ausbau der Straße, damit sie im Winter lawinensicher wird. Thomas, wir haben die Todesangst vor dem weißen Tod erlebt!«

Den Kirtag am letzten Sonntag im Mai wollten alle Dienstleute vom Klausen-Hof mitmachen. Sie machten sich zeitig genug auf den Weg, um noch vor der festlichen Messe die Verkaufsstände der Marktfahrer durchstöbern zu können. Sie alle freuten sich schon darauf, wenn sie eines Tages am Morgen der Autobus ins Dorf und am späten Abend wieder heimbringen würde. Auch in Rothenfeld müsste eines Tages der Fortschritt einziehen, und wer das verhinderte, konnte nur ein Menschenfeind sein.