1.png

Kapitel 1

Erstes Kapitel, in dem Selim, Hassan und Anna auf dem Markt in Simba dem Märchenerzähler Safran begegnen und das trotzdem ein wenig märchenhaftes Ende findet.

Es ist Markttag in Simba. Eine Kamelkarawane nähert sich dem südlichen Stadttor und strebt auf den Lagerplatz am Brunnen zu. Dort drängen sich schon Händler, Handwerker, Bauern, Fischer und Nomaden aus der ganzen Umgebung. Auch Seeleute und Passagiere von den Schiffen, die gerade im Hafen liegen, strömen in die Stadt.

Die Reit- und Lasttiere bleiben draußen vor der Stadtmauer. Dort ist auch der Kamel- und Eselmarkt. Drinnen auf dem großen Marktplatz bauen die Händler ihre Waren auf. In Kisten, Säcken, Töpfen und Pfannen wird alles angeboten, was das Herz begehrt. Unter den Zeltdächern vor der Moschee gibt es vor allem Obst und Gemüse. Meeresgetier aller Art preisen die Fischer am Hafen an. In den engen Gassen des Bazars hoffen die Schneider, Gerber, Färber, Pantoffelmacher, Teppichknüpfer, Gewürzhändler und Goldschmiede auf ein gutes Geschäft.

Selim und Anna sitzen auf den Stufen der Moschee und teilen sich eine Wassermelone.

Selim hat halblanges pechschwarzes Haar und braune Augen. Genau wie Anna, die ihre Haare allerdings in unzählige kleine Zöpfe geflochten hat.

Die beiden sind ungefähr zwölf Jahre alt und warten auf ihren Freund Hassan, der heute nicht zur Koran-Schule gekommen ist.

„Was ist bloß los?“, grübelt Anna, während sie ein saftiges Stück Melone in den Mund schiebt.

„Bestimmt musste er wieder seinem Vater helfen!“, vermutet Selim. „Er hat ein neues Boot gekauft und er muss doppelt so viel Fische fangen wie sonst, um es abzubezahlen!“

„Schade, dass du diesmal nicht mit nach Conda kommen kannst“, sagt Anna. „Ich habe mich so auf das Wochenende mit euch gefreut!“

„Es geht wirklich nicht“, bedauert Selim. „Osmin, der Palastgärtner, ist krank geworden und ich habe am Wochenende Dienst. Ich bin so froh, dass ich diese Arbeit im Palastgarten bekommen habe, und möchte sie nicht aufs Spiel setzen.“

„Das kann ich gut verstehen!“, seufzt Anna. „Hoffentlich kommt wenigstens Hassan mit. Sonst hat der gute Tschu auf dem Markt wieder viel zu viel zum Essen eingekauft! Sieh doch, dort läuft er!“ Sie deutet auf einen chinesischen Seemann, der sich vor ihnen durch das Gewühl schiebt und einen riesigen Korb mit frischem Gemüse auf dem Kopf trägt.

„Ich krieg Pfützen auf der Zunge, wenn ich an das Hühnchen süßsauer mit Shanghai-Gemüsepfanne denke, das er bei unserem letzten Besuch auf Conda gekocht hat!“, sagt Selim und tröstet sich mit einem Stück Melone.

„Da kommt Hassan ja endlich!“, ruft Anna plötzlich und deutet auf einen schwarz gelockten Kopf mit rotem Käppchen, der sich durch die Menge schiebt.

„Wird aber Zeit, Hassan! Hast du vergessen, dass wir verabredet waren?“, ruft Anna.

Hassan schüttelt den Kopf.

„Natürlich nicht, aber stellt euch vor, mein Vater ist überfallen worden. Er hat eine Gehirnerschütterung und ein gebrochenes Bein.“

„Wie ist denn das passiert?“, ruft Anna erschrocken.

„Heute Morgen, nachdem Papa die Körbe mit den Fischen zum Markt gebracht hatte, säuberte er bei den Klippen seine Netze. Plötzlich bekam er einen Schlag über den Kopf und wurde bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, war er in die stinkenden Netze gewickelt und sein Boot war weg. Das schöne neue Boot! Er hat es noch nicht einmal ganz bezahlt!“

„So eine Gemeinheit!“, ruft Selim. „Wer könnte das getan haben?“

„Wenn ich den erwische“, knurrt Hassan mit finsterer Miene. „Wovon sollen wir leben, wenn Papa keine Fische mehr fangen kann?“

„Geht es deinem Vater inzwischen wieder besser?“, erkundigt sich Anna besorgt.

„Ein wenig. Ermine hat ihm einen ihrer berühmten Kräuterbeutel auf die Stirn gelegt. Jetzt hat er wenigstens keine Kopfschmerzen mehr!“

„Die gute alte Ermine hat gegen alles ein Kraut!“, sagt Selim. „Mir hat sie auch schon oft geholfen, wenn ich krank war.“ Seit dem Tod seiner Mutter fühlt sich Selim besonders zu der Kräuterfrau hingezogen. Seinen Vater hat er nie gekannt.

„Habt ihr Mufti gesehen? Der ist seit drei Tagen nicht nach Hause gekommen. Das macht er sonst nie!“, sagt Hassan besorgt.

„Du hast ihn doch gestern schon gesucht“, erinnert sich Selim.

„Kater streunen eben gern!“, sagt Anna.

„Ich weiß. Aber so lange ist er noch nie weggeblieben!“

Gemeinsam schlendern die drei über den Marktplatz von Simba.

Hinter den Mauern des Sultanspalastes, der auf einer Anhöhe über der Stadt thront, verschwindet gerade die Sonne. Die glühende Hitze, die mittags über der Stadt brütete, hat etwas nachgelassen. Jetzt kommen auch die Einheimischen aus den Häusern und drängen sich durch die Gassen des Bazars. Sie wollen einkaufen oder einfach nur mit den Nachbarn oder Geschäftsfreunden ein Schwätzchen im Kaffeehaus halten.

Auf dem kleinen Platz vor dem Laden des Teppich-Händlers ist ein Brunnen. Auf dessen Steinumrandung hat sich ein Märchenerzähler niedergelassen. Bald hängt eine Traube von neugierigen Zuhörern um ihn herum.

„Das ist doch der berühmte Safran aus Bassa. Er war schon öfter hier auf dem Markt. Der kennt gute Geschichten! Kommt, wir wollen ihm ein bisschen zuhören!“, ruft Selim und zieht Hassan und Anna hinter sich her.

Safran enttäuscht die drei Freunde nicht. Er erzählt diesmal keine Märchen aus der Vergangenheit, sondern Märchen aus der Zukunft: von Schiffen, die aus eigener Kraft ohne Segel über die Meere fahren, von fliegenden Kutschen, in denen sogar Kinder über die Wolken segeln, von Schaukisten und Sprechbüchsen, mit denen man Kontakt zu fernen Ländern und Sternen aufnehmen kann, von Wagen, die schneller sind als Rennkamele und sogar von Menschen, die in Luftschiffen zum Mond fliegen!

„Hat man schon so einen Blödsinn gehört!“, murmelt der Teppichhändler. „Ehe das alles passiert, könnt ihr bei mir fliegende Teppiche kaufen!“

„Vielleicht ist er ein echter Prophet!“, sagt Haktan, der Wasserverkäufer, und trinkt einen Schluck aus seinem Tonbecher.

„Hüte dich den Namen des Propheten leichtfertig im Munde zu führen!“, warnt ihn ein abergläubischer Schneider mit finsterem Blick. „Das bringt Unglück.“

„Es sind jedenfalls gute Geschichten, mögen sie nun wahr werden oder nicht!“, sagt der alte Haktan. Er ist zufrieden. Er verkauft mehr Trinkwasser als sonst, weil das gespannte Zuhören die Leute durstig macht.

„Ich denke, Safran weiß wirklich mehr als andere Menschen!“, brummt Haktan. „Er hat mir geholfen meinen entlaufenen Esel wieder zu finden. Manche sagen sogar, er kann Verborgenes sehen!“

„Hej, wir könnten ihn fragen, wo Mufti ist!“, ruft Hassan.

„Du hast Recht!“, stimmt ihm Selim zu. „So können wir herausfinden, ob er wirklich mehr weiß als andere!“

In der Pause zwischen zwei Geschichten schiebt sich Hassan näher zu dem Märchenerzähler hin. Im Gegensatz zu den meisten anderen Männern, die in helle Baumwoll-Kaftane gekleidet sind und helle Kopfbedeckungen tragen, trägt Safran einen bunten Umhang und einen senffarbenen Turban.

„Hochgelehrter Sahib, der du so viel über die zukünftigen Dinge weißt, kannst du mir sagen, ob mein Kater Mufti noch am Leben ist?“, erkundigt sich Hassan höflich.

„Er ist seit drei Tagen verschwunden und wir machen uns Sorgen“, fügt Selim hinzu.

„Allwissend bin ich nicht“, sagt Safran und sieht lächelnd auf die beiden Jungen. „Aber manchmal habe ich einen siebten Sinn. Welches ist die Leibspeise deines Katers?“

„Heringe!“, antwortet Hassan verwundert. Er hat keine Ahnung, wie Safran auf diese seltsame Frage kommt.

Safran schließt für einen Augenblick nachdenklich die Augen, überlegt und sagt dann: „Bestimmt ist er noch am Leben. Das fühle ich. Schaut mal unter der Treppe von Ermines Haus nach.“

Die beiden Jungen sehen sich an. Dass sie nicht selbst darauf gekommen sind! Unter der Treppe von Ermines Haus lagern gewöhnlich leere Heringsfässer. Deshalb ist dort oft der Treffpunkt der Katzen von Simba.

„Danke! Wir werden gleich nachsehen!“, ruft Hassan. Und dann laufen die drei die kleine Gasse hinunter, die zum Hafen führt.

In einem Hinterhof, nicht weit von der Apotheke, liegt Ermines Haus. Sie kommt gerade aus der Tür.

„Na, was wollt ihr denn hier?“, erkundigt sie sich überrascht, als sie die drei Kinder erblickt.

„Wir suchen Mufti“, sagt Selim. „Wir vermuten, dass er bei den Heringsfässern ist.“

„Wohl kaum!“, sagt Ermine. „Die Fässer habe ich nämlich vor drei Tagen weggeräumt. Die guten habe ich verkauft und die schlechten zu Brennholz zerhackt.“

Die drei sehen sich enttäuscht an.

„Schaut trotzdem mal nach!“, ermuntert sie Ermine. „Wenn es auch keine Heringe mehr gibt, so gibt es vielleicht Mäuse, hinter denen Mufti her ist! Ich muss jetzt rasch in den Garten, denn einige Kräuter wirken am besten, wenn man sie kurz vor Sonnenuntergang sammelt.“

Die drei gehen um das Haus herum und suchen überall. Aber zunächst vergeblich.

„Psst! Still!“, flüstert Hassan. Tatsächlich, da hört man ein jämmerliches Miauen.

„Das ist er!“, ruft Hassan. „Mufti! Mufti! Wo steckst du?“

Ganz schwach hört jetzt auch Selim die Stimme des Katers. Sie öffnen die Holzklappe in der Wand, hinter der Ermine ihr Brennholz verwahrt hat. Abgemagert wie ein Gespenst springt der Kater heraus und flüchtet in Hassans Arme.

„Armer Mufti!“, sagt Anna und krault ihn hinter den Ohren.

„Gleich kriegst du was zu futtern!“, verspricht Hassan.

Sie laufen zum Hafen. Dort schenkt ihnen ein Fischer einen Hering. Gierig stürzt sich Mufti auf den lang entbehrten Leckerbissen.