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ISBN E-Book 978-3-359-50073-5
ISBN Print 978-3-359-01348-8

© 2017 Eulenspiegel Verlag, Berlin

Umschlaggestaltung: Verlag, Karoline Grunske

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Über das Buch
»Als Referendar ist man ja eigentlich auch noch Schüler«, weist Oberstudienrat Jakob Hiener den angehenden Lehrer Michael Ritter in die Schranken. Und achtet darauf, dass am Goethe-Gymnasium von Heßlinghausen alles seinen altbewährten Gang nimmt. Doch dann versetzt eine Forderung des Kultusministeriums die Lehrerschaft in helle Aufregung. Während Ritter in seine pädagogischen Aufgaben hineinwachsen muss, nebenher sogar zum Spezialisten für die Förderung Hochbegabter wird – wenn auch nicht freiwillig – und für eine ganz besondere Geschichtsstunde Karl Marx ins Klassenzimmer holt, rüstet der »etablierte Lehrkörper« zum Aufstand, der dann doch nur ein Sturm im Wasserglas ist. Sönke Zankel erzählt humorvoll vom Lehreralltag und davon, wie Schule ist, wie sie nicht sein darf und wie sie sein sollte.

Über den Autor
Sönke Zankel, geboren 1973 in Itzehoe, Studium der Fächer Geschichte, Wirtschaft/Politik, Deutsch, Philosophie und Evangelische Religion in Kiel, Promotion in München, arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Schleswig-Holstein und an der Universität Kiel im Bereich der Lehrerbildung. Zankel lebt in Hamburg.

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Der Neue

Er wollte gerade seine rechte Hand aus der Tasche nehmen, um sie in Richtung Türgriff auszustrecken. Aber so weit kam sie nicht. Die Tür öffnete sich von der anderen Seite und eine nicht bezifferbare Menge an kleinen Menschen stürmte hinaus. Das Geschrei war so laut, dass das Läuten der Schulglocke unterzugehen drohte. Kurz wunderte er sich darüber, wie die Schüler zeitgleich mit dem Klingeln den Schulhof betreten konnten. Eigentlich hätten sie doch erst den Weg vom Klassenzimmer zum Haupteingang zurücklegen müssen. Schnell wurden seine Gedanken von dieser Frage abgelenkt, denn zahlreiche Sechstklässler riefen sich die Frage zu: »Wer ist der denn?« Ihm war klar, dass sie ihn meinten, und er war sich nicht sicher, was er davon halten sollte. Eine nette Begrüßung sah anders aus.

Die etwas später kommenden älteren Pennäler hingegen waren dezenter, fast ignorant. Sie schauten so, als hätten sie ihn nicht gesehen oder als sei er gar nicht existent. Erst als er sich auf einer Höhe mit den Entgegenkommenden befand, spürte er, wie ihre Pupillen in Richtung Augenwinkel wanderten, um möglichst unauffällig einen Blick auf den Neuling zu werfen.

Das Gebäude war der Stolz der Kleinstadt Heßlinghausen, ein Bau aus der Kaiserzeit, imposant inszeniert, und dennoch wirkte es kalt. Die hohen Decken und der endlos erscheinende Flur gaben ihm sofort das Gefühl, unbedeutend zu sein. Bunte Wände, wie man sie aus Gesamtschulen kannte, waren hier offensichtlich verpönt. Die weiße Tapete hatte sich in ein tristes Grau verwandelt. Hier gab es noch kein Farbfernsehen, hier gab es nur Schwarz, Weiß und viel Grau.

Das galt auch für die Bildergalerie. Es war keine, wie er sie in seinem Praktikum an der Anne-Frank-Schule an den Wänden gesehen hatte: künstlerische Ergüsse von Fünft- bis Dreizehntklässlern, die meist mehr den guten Willen als Talent erkennen ließen. Hier verzichtete man auf solche pädagogischen Motivationsspiele und dokumentierte stattdessen acht Gemälde mit alten, ehrwürdigen Männern, die Ernsthaftigkeit, Entschlossenheit und prätentiöse Jovialität ausstrahlten. Darüber prangte ein silbrig-metallenes Schild mit schwarzen Buchstaben: »Sie führten uns auf den richtigen Weg

Beim näheren Herantreten konnte er erkennen, dass es sich um die ehemaligen Rektoren dieser Lehranstalt, des Goethe-Gymnasiums, handelte. Alle wirkten ähnlich: Man konnte kaum einen Unterschied erkennen zwischen Friedhelm Neuenburg, der von 1902 bis 1920 die Schule geleitet hatte, und dem Rektor Wilhelm Markenstein, der den einstweiligen Schlusspunkt der Ahnengalerie darstellte und hier bis zum Jahr 1996 für Recht und Ordnung gesorgt hatte. Etwas weiter entfernt konnte Michael Ritter noch eine kleine Vitrine erkennen, in der Pokale ausgestellt waren. »Erfolge bei der Biologieolympiade« war darüber zu lesen.

Der Eingang zum Lehrerzimmer befand sich daneben. Er kannte den Weg, denn er war bereits einmal dort gewesen, als er sich beim Rektor vorstellen wollte. Der hatte jedoch kaum Zeit für ihn gehabt und ihm nur kurz die beiden wichtigsten Räume im Haus gezeigt: als erstes sein Büro und dann das Lehrerzimmer.

Er betrat dieses nun nicht ohne Spannung und Vorfreude auf die Kollegen, die er zum ersten Mal sehen würde.

Kaum hatte er die Türschwelle übertreten, als eine Stimme ertönte, die er nicht lokalisieren konnte: »Du bleibst schön draußen

Er drehte sich um und fragte sich, wer wohl gemeint sein könne. Aber hinter ihm stand niemand.

»Bist du schwerhörig?« Die Stimme wurde schneidender. Er sah einen Mann auf sich zukommen: Mitte fünfzig, korpulent, wenig Haare, Hemd urinfarben, braunes Cord-Sakko mit schwarzen Flicken an den Ellenbogen und mit einer Krawatte, die in den achtziger Jahren sicher einmal modern gewesen war. Hier sollten bürgerliches Establishment und die harte Hand der Staatsmacht inszeniert werden.

»Wie oft muss man euch das eigentlich noch erklären: Im Lehrerzimmer habt ihr nichts zu suchen

Offensichtlich hielt ihn diese biedere Lehrergestalt für einen Schüler. Sollte er sich freuen, dass man ihn, der kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag stand, noch für einen Schüler hielt? Oder sollte er seinem Gegenüber süffisant mit den Worten begegnen: »Und wer sind Sie? Der Hausmeister?« Er verkniff es sich, meinte stattdessen betont neutral: »Mein Name ist Michael Ritter. Ich bin der neue Referendar.«

»Oh! …« Die etablierte Lehrkraft stockte, auch wenn es zum Gefühl des peinlich Berührten nicht reichte. »Aber als Referendar ist man ja eigentlich auch noch Schüler.« Der Mann versuchte witzig zu sein, löste aber beim angehenden Lehrer nur ein gequältes Lächeln aus. »Hiener, Oberstudienrat Jakob Hiener«, stellte er sich vor.

Hiener, Lehrer für Mathematik, Physik und Philosophie, gab Ritter kurz und kräftig die Hand, wünschte ihm einen guten Start und verschwand dann wieder in der Ecke, aus der er gekommen war.

Da stand der Referendar nun und versuchte, die auf ihn einstürzenden Eindrücke aufzunehmen. Es schien ein heilloses Durcheinander zu herrschen. Eine Lehrerin sortierte einen großen Stapel von Kopien, ein Kollege packte gerade ein Käsebrot aus einer alten, anscheinend noch aus der Nachkriegszeit stammenden Brotdose aus, ein anderer protestierte, er werde diesen Stundenplan nicht akzeptieren, ein Vierter rief, während er den Raum betrat, die Schüler würden sich jeden Tag schlimmer aufführen, und eine ältere Lehrerin saß in einer Ecke und wimmerte vor sich hin: »Ich schaff das nicht, nicht noch ein Jahr, ich schaff das nicht.«

Michael Ritter beschloss, sich einen Platz zu suchen. Viele Möglichkeiten blieben ihm nicht, denn die meisten Stühle an den neun oder zehn Tischgruppen, die den Raum füllten, waren besetzt. Er spähte einen freien Platz aus, begab sich dorthin, zog den Stuhl vom Tisch weg und wollte seine Beine in eine Neunzig-Grad-Stellung bringen, um sein Gesäß auf den Stuhl zu befördern, als ihm die inzwischen bekannte Stimme zurief: »Halt, stopp

Er sah Jakob Hiener auf sich zu galoppieren. »Da sitzt Kollege Bachmann, seit vierunddreißig Jahren. Die Plätze für die Referendare sind dort hinten.«

Hiener wies in eine Ecke des Raumes, die das Licht der Deckenlampen kaum noch erhellte.

Ritter war irritiert. Er bewegte sich nicht, sondern verharrte mehrere Sekunden in einer Stellung genau zwischen Stehen und Sitzen. Hiener sagte nichts, aber zeigte wie ein Straßenpolizist in weißem Mantel, der den Verkehr zu regeln hat, mit strengem Blick und ausgestrecktem rechten Arm in Richtung Referendarsquartier. Es fehlte nur noch der Pfiff mit der Trillerpfeife.

Als Ritter den Tisch für den Lehrernachwuchs sah, traute er seinen Augen nicht. Er war deutlich kleiner als die anderen, auch die Stühle schienen nur die Hälfte der Größe der normalen Exemplare zu haben. Er fühlte sich an die Familienfeiern in seinem Elternhaus erinnert. Damals mussten die Kinder an einem gesonderten Tisch Platz nehmen, wo alles kleiner war als in der Welt der Erwachsenen: der Tisch, die Stühle, die Teller, das Besteck, die Gläser. Die waren mit Bildern von Ernie und Bert, Krümelmonster und Samson verziert. Mit seinen Cousinen und Cousins hatte er rumgealbert, über tatsächliche und besser noch über angeblich erlebte Abenteuer gesprochen, und sie hatten sich ihre Kindergeheimnisse zugetuschelt, von denen die Erwachsenen nichts mitbekommen durften. Das war aufregend gewesen und machte doch irgendwann keinen Spaß mehr. Er hatte nicht mehr dort sitzen wollen. Doch erst sein bestandenes Abitur führte den Familienrat zu dem Beschluss, ihn an den Tisch der Erwachsenen zu befördern.

Und nun sollte er wieder bei den Kleinen sitzen? Und das, obwohl er sein Hochschulstudium mit den Fächern Deutsch und Geschichte doch recht ordentlich absolviert hatte? Ihm blieb anscheinend keine Wahl.

Als er auf dem Stuhl Platz genommen hatte und an den Tisch heranrücken wollte, stießen seine Knie an die Tischplatte. Seine ein Meter fünfundachtzig sprengten wohl die Norm der Referendarsgröße an dieser Schule. Er musste sich parallel zum Tisch setzen.

Bis zu seiner ersten Unterrichtsstunde hatte er noch Zeit. Er griff zu den Zeitschriften, die sich auf dem Tisch stapelten: die Mitgliederzeitschrift des Philologenverbandes und die von der GEW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Letztere bestach durch das Titelblatt, auf dem eine attraktive junge Lehrerin abgebildet war: schlank, lange blonde Haare, im Hintergrund leicht verschwommen eine Gruppe von jungen Menschen, die an Tischen saßen und fleißig arbeiteten. Die Lehrerin lächelte so freundlich und warmherzig, dass sich Ritter kurzzeitig wünschte, sie kennenzulernen. So waren also nach Meinung der Gewerkschaft die jungen Lehrkräfte: sympathisch, engagiert – und dann sahen sie auch noch gut aus.

Er blätterte durch das Magazin und las die Überschriften: »Finnland zeigt: Die Gesamtschule ist besser« oder »Gute Bildung braucht mehr Geld«. Beim Anzeigenteil stockte er. Von einigen Annoncen für günstige Klassenfahrten abgesehen, gingen die Werbeanzeigen alle in die gleiche Richtung. Er las Zeilen wie: »Erschöpft? Migräne? Tinnitus? Wir helfen Ihnen.« Oder: »Sucht, Depression, Angst, Burn-Out? Wir bieten Sofortaufnahme. Hochintensive und individuelle Therapien für Privatversicherte und Beihilfeberechtigte.« Oder: »Spannen Sie in der Fachklinik für psychosomatische Erkrankungen in Apenhöhe mal richtig aus.«

Es existierte offensichtlich ein lukrativer Markt, und die Zielgruppe, das wurde ihm schlagartig klar, saß in diesem Lehrerzimmer. Das löste ein Unbehagen in ihm aus. Intuitiv drehte er sich um und schaute zu der Lehrerin, die ihm am Anfang schon aufgefallen war. Immer wieder klagte sie vor sich hinmurmelnd, sie schaffe nicht noch ein weiteres Jahr. Stand diese Frau kurz vor einem Nervenzusammenbruch? Ob er zu ihr gehen und sie auf die gerade entdeckten Kleinanzeigen aufmerksam machen sollte?

Schnell verwarf er seine Überlegung. Den ersten Kontakt zu den Kollegen mit Ratschlägen über eine geeignete Psychotherapie aufzunehmen, wäre gewiss kein guter Einstand. Doch die Anzeigentexte hatten ihn in eine bedenkliche Stimmung versetzt. Sollten das die Aussichten des Lehrerberufs sein? Würde er selbst in zwanzig Jahren in einer Ecke sitzen und vor sich hinjammern?

Kurzentschlossen wischte er die Gedanken weg, griff in seine Tasche und holte einen Schreibblock hervor, auf dem er sich am Abend zuvor für die einzige Stunde am heutigen Tag Notizen gemacht hatte. Mit dem eigentlichen Unterricht wollte er noch nicht beginnen, vielmehr sollten sich die Schüler erst einmal ausführlich vorstellen. Das sei sinnvoll, hatte er im Studium gelernt. Ihm wäre auch gar nichts anderes übrig geblieben, denn er hatte nicht den blassesten Schimmer, was man in der zehnten Klasse in Geschichte überhaupt durchnahm.

Die erste Stunde

»Herr Meierhold …?« Referendar Ritter erkannte seinen Mentor wieder. Die Bilderwand im Lehrerzimmer mit den Konterfeis aller Lehrerkräfte und einem Hinweis auf ihre jeweiligen Unterrichtsfächer war also doch hilfreich, auch wenn sie ihn an polizeiliche Fahndungsplakate erinnerte.

Meierhold nahm Ritters entgegengestreckte Hand an und wirkte zugleich gehetzt. »Ich muss dringend in die 7d, großes Problem mit Mobbing. Wir sprechen später, nach der sechsten Stunde im Lehrerzimmer. In Ordnung

Eigentlich wollte Ritter seinen Betreuer noch fragen, ob er in seiner ersten Stunde etwas Besonderes zu beachten habe. Aber der war schon davongebraust und der Referendar sah nur noch eine Staubwolke des schulischen Engagements.

Als Ritter den Klassenraum der 10d betrat, schien ihn niemand zu beachten. Zwei Schüler zogen wie beim Tauziehen an einer Federtasche, ein anderer malte einem Fußballspieler, der auf einem Poster abgebildet war, einen Schnurrbart und weitere zwei schrieen sich an, dass jeweils der andere angefangen habe.

Sein Plan stand fest und entstammte DEM Buch: »Grundlagen des Lehrerverhaltens« von Friedemann Gippert.

Für eine Prüfung in Pädagogik hatte er es lesen müssen und sich dabei ziemlich gelangweilt. Nun würden sich die damals als verschwendet erachteten Stunden auszahlen. Das Buch, das aus der Feder seines Pädagogikprofessors stammte, konnte nun zum ersten Rettungsanker im realen Schulleben werden. Denn hier wurde nicht theoretisch über Schule gesprochen – wie sie angeblich ist, wie sie nicht sein darf und wie sie sein sollte. Hier befand man sich im Kampfgebiet.

Ritter befolgte die erste Grundregel des Buches, die er am Abend zuvor noch einmal nachgelesen hatte: Ohne etwas zu sagen stellt sich die Lehrkraft vor die Klasse und schaut die Schüler nur an. Die Gelassenheit des Lehrers würde sie einem Naturgesetz gleich zur Ruhe bringen: »Bin ich selber ruhig, werden auch die Schüler ruhig sein«, hatte er damals in der Prüfung den Inhalt des Buches wiedergegeben und das zufriedene Nicken seines Prüfers Friedemann Gippert geerntet. Der Professor für Schulpädagogik hatte sein eigenes Buch als »Standardwerk zum Lehrerverhalten« bezeichnet und den Studenten bei jeder sich bietenden Gelegenheit empfohlen, doch einmal »in den Gippert« hineinzuschauen. Dort fänden sie alles, was man in der Schule für ein kon­struktives Lehrer-Schüler-Verhältnis und einen zielorientierten Unterricht brauche.

Da stand er nun und schwieg, gefühlte zwanzig Minuten. Die Lage blieb unverändert, abgesehen vielleicht davon, dass der Machtkampf um die Federtasche zugunsten des einen Jungen ausfiel und dieser daraufhin mehrmals mit der Beute auf den Kopf seines Kontrahenten eintrommelte. Ritter wurde nervös. Er überlegte krampfhaft, ob der renommierte Pädagoge unter seinen Ratschlägen einen Plan B angeboten hatte. So sehr er sich anstrengte, es fiel ihm nicht ein. Womöglich hatte er diese Seiten überlesen.

Doch wie durch ein Wunder wurde es nun doch ruhiger in der Klasse.

»Guten Morgen.«

Die Klasse antwortete mit einer Mischung verschiedener Begrüßungsformeln. Ein recht anständiges »Guten Morgen« kam aus der Reihe der Mädchen, die Jungs ganz hinten quälten sich hingegen ein absichtlich lustloses »Hallo« heraus.

»Mein Name ist Michael Ritter, ich bin euer neuer Geschichtslehrer. Wir werden das verbleibende Schuljahr zusammenarbeiten. Daher wäre es sicher ganz gut, wenn wir uns erst einmal kennenlernen. Ich würde es prima finden, wenn wir alle Tische beiseitestellen und einen Stuhlkreis bilden.«

»Dann machen wir heute keinen Unterricht«, triumphierte einer der Jungen und schlug die Hände mit denen seines Nachbarn zusammen, danach die Fäuste, die Bäuche und die Füße.

Es dauerte mehrere Minuten, bis der Klassenraum seine neue Ordnung hatte. Die Schüler ließen sich Zeit, um sich körperlich beim Bänkerücken und Stühletragen nicht zu überanstrengen und auch der Gefahr zu entgehen, womöglich am Ende der Stunde doch noch »richtigen Unterricht« machen zu müssen.

Als die Klasse endlich im Stuhlkreis saß, konnte Ritter in die Gesichter der Kinder blicken. Eigentlich sind es keine Kinder mehr, aber wirklich erwachsen sind sie auch nicht, dachte er. Drei Stunden Unterricht lagen hinter ihnen, eine Reise nicht nur zwischen verschiedenen Fachdisziplinen, sondern auch eine Anpassung an Unterrichtsweisen verschiedener Lehrkräfte: erst Mathematik bei Oberstudienrat Hiener, von dem die Eltern als strengem Lehrer, die Schüler als »Riesenarschloch« sprachen, dann die immergleichen Geschichten und selbstherrlichen Ausführungen beim Religionslehrer Doktor Paulus, schließlich Biologie bei Frau Siegmann. Und das war wie Mathematik bei Hiener, nur ohne Zahlen. Beide Lehrkräfte hielten sich nicht nur für allwissend und unfehlbar, sondern sahen sich selbst als Fels in der Brandung, die gegen die Werte der alten Schule anzurollen und Disziplin, Gehorsam und die Wahrung von Hierarchien hinwegzuspülen drohte.

Ritter griff nach einem Stuhl, setzte sich in die Mitte des Kreises und leitete noch einmal ein: »Ich habe mir überlegt, dass wir uns erst einmal vorstellen, um uns kennenzulernen. Damit wir nicht alle durcheinander reden, habe ich diesen kleinen Ball mitgebracht.«

Er hielt mit seiner rechten Hand einen kleinen Schaumstoffball hoch. Die Zehntklässler blickten etwas verwirrt auf das Runde in der Hand des Lehrers.

»Es spricht immer derjenige, der den Ball hat. Stellt euch dann kurz vor, sagt, wie ihr heißt, welche Hobbys ihr habt, was ihr an der Schule mögt, was ihr nicht mögt. Und wenn jemand nichts mehr sagen möchte, dann wirft er den Ball vorsichtig zu einer Mitschülerin oder einem Mitschüler.«

Es herrschte Ruhe. Ritter war überzeugt, ganz tief in die pädagogische Trickkiste zu greifen, indem er sich mit seiner Vorstellungsmethode am Gippert orientierte. Das war modernste Pädagogik, nah am aktuellen Forschungsstand, und empirisch belegt sollte sie auch sein. Er sah sich schon als einen der besten Referendare die zweite Phase der Lehrerausbildung beenden.

Vorsichtig warf er den Ball einem Mädchen zu. Es hatte längere dunkle Haare, zum Pferdeschwanz zusammengebunden, und trug ein rotes Hemd, bei dem die obersten Knöpfe offenstanden, aber nur so weit, dass man ihr keine unsittliche Kleiderordnung vorwerfen konnte.

»Ich bin Katharina. Meine Hobbys sind Lesen und Reiten. An der Schule mag ich nicht die vielen Hausaufgaben und strenge Lehrer. Ich mag Geschichte.«

Ritter atmete tief durch, das war ein Volltreffer, perfekte Spieleröffnung.

»Und ich hoffe, dass das auch so bleiben wird«, ergänzte die Sechzehnjährige.

Das war wohl als Warnung zu verstehen. Michael Ritter rutschte auf seinem Stuhl weiter nach hinten, direkt an die Lehne heran und drückte seinen Rücken in eine gerade Linie. Haltung annehmen, Ernsthaftigkeit ausstrahlen und dem Schüler Aufmerksamkeit und Interesse signalisieren.

Katharina gab den Ball zu ihrer Nachbarin. Das war laut Gippert nicht geplant. Der Ball hatte die Funktion, zu verhindern, dass nur eine Gruppe innerhalb der Klasse das Gespräch übernahm, sondern ein fortlaufender Wechsel zwischen den Geschlechtern und Gruppierungen stattfände. Sollte Referendar Ritter intervenieren? Besser nicht, dachte er. Abwarten. Keine Konflikte heraufbeschwören. An der Uni kursierten schlimme Gerüchte über die Schüler: »Haben die dich einmal auf dem Kieker, kannst du dein Testament machen.« »Da herrscht das Recht des Stärkeren, und gegen die sind wir chancenlos.« »Die machen dich fertig.« Solche Sätze verbreiteten am liebsten die Studenten, die nicht das Lehramt anstrebten oder nach dem ersten Praktikum davor geflüchtet waren.

»Ich bin Maria, spiele gerne Handball, ich mag Bio bei Siegmann nicht, da geht es meist nur um Vererbungslehre.« Schallendes Gelächter durchbrach die bis dahin herrschende Stille. Alle wussten, was das junge Mädchen in dem bunten T-Shirt damit sagen wollte – nur Ritter konnte das Lachen nicht deuten.

Wieder wanderte der Ball einen Platz weiter, die Aussagen wiederholten sich. Die Jungen wurden unruhig, tippelten mit den Füßen auf dem Boden, schauten bewundernd auf ihre topmodernen Sportschuhe und begannen zu flüstern. Ritter verstand zwar nicht, worum es ging, wusste aber, dass er zur Methode von Gippert zurückkehren musste, um zu verhindern, dass der geordnete Ablauf ein abruptes Ende nahm.

»Vielleicht könntest du jetzt den Ball mal zu einem Jungen werfen, damit die auch drankommen.«

Die männliche Front quittierte diesen Hinweis mit kollektivem Murren. Die Schülerin folgte der Aufforderung und warf den Ball vorsichtig von unten in Richtung eines Mitschülers, der seine straßenköterblonden, etwas längeren Haare so ins Gesicht gekämmt trug, dass man kaum seine Augen erkennen konnte. Seine Kleidung sollte wohl vor allem Lockerheit signalisieren: ein luftig geschnittener Pullover sowie eine Hose, die bis in die Kniekehlen herunterhing und einen breiten Streifen seiner karierten Unterhose sehen ließ. Lässig fing er den Ball mit der linken Hand, sagte, er heiße Jannik, spiele gerne Computer und Schule würde ihn total langweilen, nur Geschichte sei ganz in Ordnung.

»Schleimer!« und »Wie schwul ist das denn?«, ertönte es von der Herrenriege, die ihre Abneigung mit wegwerfenden Handbewegungen unterstützte. Bei den Mädchen schien eine solche Aussage toleriert zu werden, bei den Jungs wurde mit dem Bekenntnis zu einem Schulfach wohl ein gewisser Ehrenkodex durchbrochen. In Heßlinghausen herrschten noch klare Geschlechterrollen.

Jannik war aber keiner derjenigen, die sich ohne Gegenwehr alles gefallen ließen. Er nahm den Ball und warf ihn einem ähnlich gekleideten Mitschüler zu. Der Ball prallte am Oberkörper ab, der Getroffene nahm ihn jedoch flink auf und warf ihn mit voller Kraft zurück auf Jannik.

Der pädagogische Schaumstoffball, der jede Einstiegsstunde laut Gippert zu einem Erfolg werden lassen sollte, mutierte zu einem Wurfgeschoss. Jannik konnte gar nicht so schnell gucken, wie der Ball flog – direkt an seinen Kopf. Die anderen Jungs lachten, grölten und forderten die beiden Kontrahenten zum Duell auf, indem sie wie auf Kommando im Chor gleich einer Horde Fußballfans riefen: »Wir wollen euch kämpfen sehen, wir wollen euch kämpfen sehen …«

Augenblicklich sprangen die beiden von ihren Stühlen hoch und stürmten aufeinander zu. Die anderen Jungen schlossen in Windeseile einen Kreis um die Kämpfenden.

Der kleine Schaumstoffball kullerte Ritter vor die Füße.