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Schnelleinstieg

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Inhalt

(Risikokokett)

(Schnepfenstrauß)

(Fakten)

(Schlangenlos)

(Insellösung)

(Nestflucht)

(Lockerungsübung)

(Kiwinest)

(Personenkult)

(Hochseilakt)

(Federlesen)

(Lockvogel)

(Landung)

(Tagtraum)

(Polit(un)ikum)

(Kiwikopulation)

(Nestbau)

(Kesseldruck)

(Elchtest)

(Fahrwerk)

(Kuckucksnest)

(Fehlerquote)

(Schwerkraft)

(Schluckauf)

(Schwer(v)erbrechen)

(Zeichensprache)

(Telefonsex)

(Tüten(k)leben)

(Intelligenzbestien)

(Hirnschmalz)

(Horrortrip)

(Kreuzhaken)

(Werbepsychologie)

(Durchgespült)

(Mitgift)

(Stichprobe)

(Flohzirkus)

(Hau(p)tsache)

(Krisenfest)

(Ohrenschmerz)

(Stadthalter)

(Eiersalat)

(Schallmauer)

(Wannsemalwolle)

(Hundstage)

(Tierversuch)

(Anders(un)artig)

Spitze Notizen vom (anderen) Ende der Welt

Und der Herr sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und der Herr schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art. Und der Herr sah, dass es gut war. Und er schuf alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art, so auch den Kiwi. Und siehe dem Herrn ward peinlich zumute. Also schuf er flugs ein Stück einsame Erde, fern von allem und es ward Neuseeland, dem Kiwi zur Heimat, auf dass niemand ihn je sähe.

Doch alles kam ganz anders.

Aus »Was uns die Bibel nicht verrät«

Von Gotthilf Mirdoch

Poison arrow

(Risikokokett)

Can you keep a secret? Would you know just what to do… or where to keep it? Shoot that poison arrow to my heart…

Lyrics by Abc

Dieses Buch ist subjektiv, undiplomatisch und politisch unkorrekt. Es enthält ferner Inhaltsstoffe, die zu sauerem Aufstoßen führen können. Der Text ist außerdem mit Kalauern und anderen Plattscherzen durchsetzt, deren Haltbarkeitsdatum seit Dekaden abgelaufen ist und deshalb in häufigen Fällen zu schmerzhaften Nervenreizungen führen kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihr Reisebüro oder Ihren Nachbarn, der vor zwanzig Jahren auch schon einmal in Neuseeland war.

Me, myself and I

(Schnepfenstrauß)

I want to go to China and to see Japan… I’d like to sail the oceans… Before the seas run dry… Me myself and I…

Lyrics by Joan Armatrading

Meine Wurzeln reichen ganz schön tief. Streng genommen einmal quer durch den Globus hindurch. Ich bin nämlich Neuseelanddeutscher, so es denn diesen Begriff überhaupt gibt. In jedem Falle aber sollte es eine eher seltene Mischform der Nationalitäten sein.

Der echte Neuseeländer per se bezeichnet sich gerne als Kiwi. Der zoologische Begriff für den Kiwi ist Schnepfenstrauß, dessen auffälligste äußere Merkmale kurze Flügel und ein großer Schnabel sind. Obwohl einem tagtäglich Lebensformen mit großer Klappe, die aber nie richtig abheben, über den Weg laufen, gilt der Kiwi als eine rare, fast vom Aussterben bedrohte Spezies! Vielleicht schon ein Thema für die Artenschutzkommission!?

Weil aber die Jungen der Katze, die im Fischladen wirft, trotzdem Katzen sind und keine Heringe, befinde ich mich gefühlsmäßig in einem genealogischen Dilemma; am besten darstellbar am Beispiel eines Russlanddeutschen.

Da lebt einer von Geburt an, sagen wir mal, in Kasachstan – weil das doch jüngst durch den Herrn Borat so bekannt geworden ist – und nach vierzig Jahren merkt er plötzlich, dass er eigentlich Deutscher ist, der Wurzeln wegen und weil er vielleicht Alexander Lämmer oder so heißt, ansonsten aber keine Ahnung vom Land seiner Ahnen hat und gerade mal über »Guten Tag, wie geht es Ihnen?« im Sprachrepertoire verfügt. Weil er aber mittlerweile das Leben in der Tundra zwischen oder sogar in ausgeglühten Raketenstufen gründlich satt hat, stellt er ganz eilig einen Immigrationsantrag in seinem »Heimatland«. Schneller, als ihm fast lieb ist, kommt er dann auch schon am vermeintlichen Erfüllungsort seiner Träume an, hat even Frau und tuell Kinder im Marschgepäck und merkt noch schneller – ›Привет!‹ – dass hier ja alles komplett anders ist. Die Verwunderung ist perfekt und das Abenteuer darf seinen Lauf nehmen.

So oder ähnlich darf man sich das auch bei mir vorstellen. Meine Mutter, Anna, ist ein paar Jahre nach Kriegsende von Deutschland nach Neuseeland übergesiedelt. Wenn sie jemand nach dem Warum fragte, sagte sie immer: »Weil es dort keine Schlangen gibt!«

Mein Vater, Terry Falls, war Kiwi, Landarbeiter, Spieler und vor allem Säufer. Fragen Sie mich bitte nicht, was die beiden zusammengeführt hat. Wo die Liebe hinfällt, wächst ja meist kein Gras mehr. Dabei war meine Mutter eine äußerst attraktive und im Rahmen der damaligen Möglichkeiten auch gebildete Frau. Mein Vater gar nicht. Aber ist es nicht wirklich oft so, dass die tollsten Frauen die fürchterlichsten Typen als Partner haben? Zumindest temporär. Schauen wir uns zum Beispiel doch nur die Beckhams an…

Ich wurde in Dannevirke geboren. Das ist eine Kleinstadt mitten im neuseeländischen (N)irgendwo. Weidewirtschaft, Farmland soweit das Auge reicht. Der Ort, traditionell konservativ bis reaktionär im Regionalcharakter, wurde einst von dänischen Einwanderern gegründet. Selbst heute gibt es dort noch eine Art Wikingergemeinde, die ihre Stammbäume wie ein Heiligtum pflegt. Aber ich will Ihnen eigentlich nichts erzählen, was Sie ebenso gut in den meisten Lexika oder jedem billigen Reiseführer nachschlagen können.

Allerdings möchte ich Ihnen etwas aus der aktuellen und offiziellen Landesstatistik berichten: Dannevirke ist die so genannte suicide capital of New Zealand, die Hauptstadt des Freitodes. Das sagt schon mal etwas aus über den Grad der Lebensfreude in dieser Gegend. Da ›böllern‹ wir doch gleich ein Warnsignal: Wanderer kommst du nach Da…

Die depressive Grundstimmung legt sich wie eine dünne Dunstschicht über Manuwatu, so der Name dieser Region. Sensible Naturen spüren das sofort. Der Brite John Cleese, bekannt unter anderem aus den Filmen von Monty Python’s Flying Circus, sagte einmal sinngemäß bei einem Aufenthalt in Palmerston North, dem größten Ort der Gegend und knapp fünfzig Kilometer von meinem Geburtsort entfernt: »Wenn einer vorhat, sich umzubringen, ihn aber der Mut dazu verlässt, dann möge er sich einfach hierher begeben – dann klappt die Sache.«

Klarer Standpunkt. Ich nehme an, Cleese hat die oben genannte Statistik nicht einmal gekannt – aber ein Engländer spürt so etwas.

Mein offenbar ständig benebelter Dad bestand damals darauf, mir den Namen seines verehrten Großvaters, Allen, zu geben, bar jeder Ahnung, was damit im Deutschen für eine fröhliche Kombination zustande kommen würde…

Ein Jahr nachdem ich das wirklich sehr helle Licht Neuseelands erblickte hatte, war die Ehe meiner Eltern auch schon im Eimer. Und ein weiteres Jahr später schnappte meine Mutter mich, Sack und Pack, flog zurück nach Deutschland, wohl wissend, dass es dort Schlangen gibt, und weigerte sich fortan, jemals wieder das Thema Neuseeland auch nur in einem Nebensatz zu erwähnen. Sie vermied es sogar, überhaupt noch englisch zu sprechen, selbst in Situationen, wo sie es hätte gut gebrauchen können. Wer den Ärger kennt, ist konsequent. Schluss, aus.

Mit den Jahren wuchs nicht nur ich, sondern auch meine Neugier. Aus meiner Mutter war nichts rauszukriegen, aber auch gar nichts. Ich selbst hatte natürlich keine Erinnerungen mehr an mein Jahr in Neuseeland, aber es war eine Schwingung zu spüren, ähnlich wohl diesem Brummton, den manche Leute permanent im Ohr haben. So stellte ich also eigene Nachforschungen an und fühlte mich wie Abel Tasman und James Cook in einer Person, als ich auf diese Weise nach und nach Neuseeland für mich entdeckte. Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Sowie mir klar wurde, dass vierzig Jahre im ach so trügerischen, deutschen Wohlstandsidyll eigentlich genug sind, war es um mich und meine über(aus)a(ttra)ktive Frau geschehen. Wir zogen aus gen Nova Zeelandia, wie wir bildungsbeflissenen Lateiner gerne dazu sagen!

Vielleicht auch, weil es dort keine Schlangen gibt...

Keep the customer satisfied

(Fakten)

Gee but its great to be back home… Home is where I want to be… I’ve been on the road so long my friend… Just trying to keep my customers satisfied…

Lyrics by Simon and Garfunkel

Glauben Sie wirklich, Neuseeland sei das Land, in dem Milch und Honig fließen, wie die meisten Auswandererberichte kolportieren?

Denken Sie allen Ernstes, es sei das Land, in dem alles so schön grün ist, und dass der Neuseeländer an und für sich unvorstellbar glücklich sei ob solchen Schatzes, wie fast alle Reisebücher suggerieren?

Wenn Sie das wirklich für bare Münze nehmen, dann sollten Sie dieses Buch lieber nicht lesen. Wirklich nicht. Bitte klappen Sie es im Zweifelsfalle besser gleich wieder zu und stellen es möglichst ohne Knicke und Eselsohren zurück ins Regal.

Sie wissen doch ganz genau, dass die viel zitierten ›bösen Zungen‹ die geografische Lage Neuseelands gerne auch als den Arsch der Welt bezeichnen. Andererseits wissen Sie aber sicher auch von Sigmund Freud oder Ihrem homosexuellen Frisör, dass jeder – früher oder später – seine ganz persönliche anale Phase durchzumachen hat.

Lesen Sie also bitte unbedingt weiter, wenn Ihnen einleuchtet, dass überall, wo Milch fließt, auch ganz schöner Käse gedeihen kann, und wo Honig fließt, immer auch die unvermeidlichen Wespen schwirren, allzeit bereit, schmerzhafte Stiche auszuteilen. Vielleicht ist Ihnen außerdem bewusst, dass überall, wo der Rasenteppich besonders grün ist, meist auch besonders viel Müll drunter gekehrt wird. In Kiwi veritas…

Das alles sind dann schon mal gute Voraussetzungen, diesen Text, der hier noch jungerfreulich unentdeckt und jungfräulich unbefleckt vor Ihnen liegt, unbeschadet zu überstehen. Denn wie sagte fokussierend der völlig fett-füllige Helmut Markwort so treffend: »…und immer an den Leser denken«. Fakten. Fakten! Fakten?

If paradise is half as nice

(Schlangenlos)

If paradise is half as nice as heaven that you take me to… Who needs paradise I’d rather have you… Oh yes I’d rather have you…

Lyrics by Amen Corner

Da haben Sie nun ein Buch mit dem Titel »Der gerupfte Kiwi« aufgeschlagen. Es ist Ihnen offenbar klar, dass es sich dabei nicht um ein Kochbuch für Geflügelgerichte handelt. Ente gut, alles gut? Der Grammatikdramatik entnehmen Sie auch, dass es nichts mit der Kiwi Fruit, der auch anderswie genannten Chinesischen Stachelbeere, zu tun hat. Es ist Ihnen also bewusst, dass es irgendwie um diesen Inselstaat im südlichen Pazifik gehen könnte.

Wenn die beabsichtigte Assoziation zum Titel vollkommen ideal abläuft, dann ahnen Sie sogar, dass es sich auch nicht um die Beschreibung des Dauerurlaubs im Paradies handelt. Denn: hatte nicht auch Adam mit Eva ein Flattertierchen mit schwachen Flugleistungen zu rupfen?

Aber: das Paradies kann es hier schon deshalb nicht sein, weil es zwar Äpfel in Massen gibt, jedoch keine Schlangen. Zumindest keine giftigen. Arche Neuseeland Select Edition. Und der überseeische Abgeordnete des Erzengels Michael heißt Archangel John.

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John Key ist der neue Vorstandsvorsitzende, Chief Executive Officer, CEO, der »Paradise Ltd.«, will sagen: Neuseelands aktueller Premier-Minister. Er kommt aus der nationalen und internationalen Finanz- und Bankenwelt, dem Währungshandel im Speziellen, und sollte damit gute handwerkliche Voraussetzungen für die Tätigkeit als Kapitän dieses, leider auch vom pandemischen economic downturn erfassten, Landes mitbringen, um es aus der wirtschaftlichen Schräglage wieder aufzurichten und volle Kraft voraus über sanfte Wellen gleiten zu lassen. Auch in einem Land, das mit seinen unglaublichen Naturpfunden kräftig wuchern kann, ist es letztlich immer auch die (wieder)funktionierende Wirtschaft, die zählt.

Mit John Key schlägt Neuseeland zumindest politisch ein wohltuend neues Kapitel der südpazifischen Zeitgeschichte auf, nachdem neun Jahre lang die bei der letzten Parlamentswahl recht unglücklich gescheiterte Helen Clark (Labour Party) die politische Führungsposition innehatte. Eingedeutscht hieße der Neue ungefähr Hans Schlüssel, und besser hätte es kaum kommen können – Nomen est eben Omen – auf ein solches (entschuldigen Sie das Wortspiel bitte) Schlüsselerlebnis hat das Inselland lange gewartet. Key, der Schlüssel zur Insellösung?

Little John wuchs in Christchurch auf, wodurch er sich einen ausgeprägten Südinselakzent eingehandelt hat, der ihm phonetisch einen etwas schafzüchterisch-weideländischen touch verleiht. Dass Leute mit bescheuertem Slang hochintelligente Typen sein können und durchaus auch in der Hochpolitik denkbar wären, beweist zum Beispiel ganz klar der Fall Matthäus. Lothar Matthäus.

JK wusste schon als Dreischafskäsehoch, was er wollte: eine Million Dollar machen und Prime Minister werden. Stairway to heaven: er wird zunächst Steuerberater, weil laut einer Statistik, die er gelesen hatte, die meisten erfolgreichen Geschäftsmänner accountants sind; er lernt Golf, um Kontakte zu knüpfen; wenn Freunde im Park abhängen, bleibt er im Auto sitzen und hört Parlamentsdebatten. Sein Selbstbewusstsein und seine Zielstrebigkeit überstrahlen mit Leichtigkeit seine tendenzielle Ähnlichkeit mit Stan Laurel. Doof. Kurzum: der Traumschwiegersohn aller Mütter hässlicher Töchter.

Sein Vater, genau wie meiner, war schwerer Trinker, verließ die Familie früh. John war bald der Mann im Haus und hat seiner Mutter Ruth – ruthless – das Autofahren beigebracht, sie vom Rauchen abgebracht und ihr Erspartes mit Aktien durchgebracht. Er selbst – vollkommen kiwiunüblich – trinkt nicht, raucht nicht, was ihn sofort verdächtig macht. Ein getarnter Wolf unter seinen eigenen hoffnungsfrohen Schäfchen?

Der wohlhabend machende Karrieregipfel als Währungshändler, war seine Zeit bei Merrill Lynch in London. Danach ging’s zurück nach Neuseeland – und hier kopfüber in die Politik. Er löste schnell den parteipolitischen Missgriff Don Brash – über den noch zu berichten sein wird – als Vorsitzenden der National Party ab, wird als quasi Kanzlerkandidat nominiert und vom Volke mit klarer Mehrheit gewählt. Bingo. Das hat geflutscht. Labour nennt Key auch Slippery John. Sein Gespür fürs richtige Timing ist verblüffend: Key kündigt bei einer Finanzfirma praktisch am Vorabend ihrer Verwicklung in den größten neuseeländischen Währungshandelsbetrug; er verlässt die Finanzplattform London rechzeitig vor der sub-prime crisis mit Sperma im Auge: »Ich hab’s kommen sehen.«

Erst wenn die letzte Bank verstaatlicht,
die letzte Private Equity enteignet,
die letzte Finanzierungsgesellschaft geschlossen ist,
werden die Menschen feststellen,
dass man mit Geld recht gut essen gehen konnte.

(Aus einer Prophezeiung des Stammes der Penunzen)

Wird er die Titanic NZ verlassen, bevor sie den Iceberg Global Crisis gerammt haben wird? No worries. Der Eisberg wird bis dahin durch die Globale Klimakatastrophe längst geschmolzen sein. Darauf einen Whisky on the rocks! Cheers.

Wenn man nun den gemeinen Neuseeländer auf der Straße beispielsweise nach den Auswirkungen der Weltfinanzkrise – manche nennen sie den Finanztsunami – auf Land und Leute befragt, bekommt man nicht selten zur Antwort: »Crisis? What crisis?«

Die Kiwis wollen sich einfach nicht krisengerecht verhalten. Immer wieder trifft man auf völlig rezessionsresistente Leute, für die ganz klar die Krise nur in der Zeitung und im Fernsehen stattfindet. »She’ll be right« ist die universelle Standardfloskel der Neuseeländer für jedwede Situation im Leben, in der es einmal nicht ganz so läuft, wie man es gerne hätte – und dieser Satz ist derzeit öfter denn je zu hören. Wörtlich ist die Zauberformel kaum übersetzbar aber »alles wird gut« sollte als eine von mehreren Möglichkeiten in etwa hinkommen.

Analog zum Stockholm-Syndrom haben Journalisten diese Einstellung auch schon als Kiwi-Syndrom bezeichnet, ein psychologisches Phänomen sozusagen, bei dem Opfer von Krisen ein positives emotionales Verhältnis zu deren Ursachen aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit der Krise sympathisiert oder diese erst gar nicht wahrnimmt.

Seien Sie also mental gerüstet, im Innern stabilisiert, von sich selbst halbwegs so überzeugt wie John Key und tragen Sie am besten einen kleinen Rest an Anarchismus (ich weiß: in Deutschland so gut wie ausgestorben und ein bisschen verboten) in sich. Solcherart gerüstet sind Sie der ideale Leser für das vorliegende Werk.

Anyway. Ursprünglich sollte der Titel des Buches übrigens ein ganz anderer sein, nämlich: »Geheime Liste ergiebiger Goldschürfplätze in Neuseeland«. Gold als Leim auf den möglichst viele Leser gehen sollten? Wo doch der Goldpreis krisenkonform gerade astronomische Höhen erklimmt. Ja, zugegebenermaßen ein etwas blecherner Trick, aber leider auch zu leicht durchschaubar. Also schnell wieder verworfen. Aber dem Verleger hätte es gefallen.

Auch »Der Lockruf des Kiwi« kam in Betracht. Wohl wissend, wie solide die Einschaltquoten einschlägiger Sendungen im Emigranten-TV sind. Aber nein! Alles nur (sch)laue Scharmützel gegen die Angst des Autors vor dem Leser. Präziser: dem fehlenden Leser. Doch die Seriosität obsiegt – Humor ist eine ernste Angelegenheit. Ohne Quatsch: spaßgesellschaftsfähiger Toujournalismus ist immer angesagt. Nicht zu verwechseln mit dem viel strapazierten, aus deutscher Gründlichkeit heraus geborenen investigativen Journalismus. Albernes Zeug. Den überlassen wir gerne der Armada der Altklugscheißer. Hier und jetzt geht es einzig um Randbeobachtungen am Rande der Welt: ein kurzer, doch intensiver Blick unter Hempels neuseeländisches Sofa.

»Da kommt wohl eine dieser aufgesetzt kritischen Betrachtungen auf mich zu«, dünkt dem ahnungsvollen Leser.

Richtig.

Nein, schlimmer noch! Ist es vielleicht sogar der pseudointellektuelle Versuch, den Tanz um ein Goldenes Kalb (in diesem Fall allerdings passender: Goldenes Schaf) aus dem Rhythmus zu bringen? Taktlos? Keineswegs.

Es bleibt aber dabei, was der Bundesadler längst hochnötig hätte: der Kiwi wird gerupft und zur Feder gelassen.

If you leave me now

(Insellösung)

How could we let it slip away… We’ve come too far to leave it all behind… If you leave me now, you’ll take away the biggest part of me…

Lyrics by Chicago

Es gibt kein richtiges Leben im falschen, hat Theodor W. Adorno (wissen Sie eigentlich, wofür dieses »W« steht?) einmal gesagt und keiner hat ihn richtig falsch verstanden. Er soll sich, so hört man, am Ende selbst in Grund und Boden adorniert haben. Und doch ist genau das des immigrierten Pudels Kernbotschaft. Die Deutsche Botschaft? German Message oder German Embassy? Vielleicht von beidem ein bisschen etwas. Oder alles nur eine Ente? Auflösung später. Verticktrickundtrackte Sache. Enten hausen überall.

Ist Neuseeland etwa das unerschütterliche Epizentrum der Heilen (Um)Welt? Man könnte es durchaus meinen. Das Heile(um)weltdenken unter den – zumal deutschen – Immigranten ist geradezu manisch. Jeglicher Realismus wird gerne und oft komplett ausgeblendet, wenn es um das (viel)gelobte Land geht.

Solange aber Firmen wie Raid und Mortein äußerst gut – auch in beschissenen Zeiten, denn Schmeißfliegen suhlen sich gerne in der Krisenkacke – davon leben, dass sich die Neuseeländer deren automatische Sprühdosen ins Wohnzimmer stellen, die in frei wählbaren Intervallen – 24/7 (so nennt man hierzulande: täglich, rund um die Uhr) – hochwirksames Insektengift gegen mossies und andere bugs versprühen, kann auch die Umwelt draußen nicht ganz so sauber sein, wie fast alle denken.

Ein Wort sagt oft mehr als tausend Bilder: Neuseeland! Das ist doch wie der Druck auf den Startknopf einer PowerPoint-Präsentation im Endlosmodus. Es nervt eher schon. Man sieht und hört doch wirklich nur Gutes, ja Bestes über diese kleine Doppelinsel namens Neuseeland, New Zealand oder noch klangvoller Aotearoa.

Hat man nicht stapelweise Reiseführer jedweder Provenienz durchgeblättert bis die Fingerspitzen wund wurden? Jede auch noch so bieder wie anbiedernd gemachte Auswandererreportage mit stark erhöhter Herzfrequenz am Fernseher verfolgt bis einem ganz schwindelig wurde – und man nur deshalb nicht sofort Sack und Pack geschnappt und dort hin gezogen ist, weil es nur noch ganz wenige Jahrzehnte bis zur Rente waren? Wie wäre es wohl als Rentier in Neuseeland. Oder: Rentier en Nouvelle Zélande – um es auch mal á la francaise zu versuchen. Recht flott polyglott, n’est ce pas?
Hier könnte Gott wirklich wie in Frankreich leben.

Und dann, ja dann, wenn man das profane Arbeitsleben erst einmal hinter sich gelassen hätte, würde sowieso alles besser werden, relaxter vor allem, und man könnte dann mal so richtig unverschämt drauflos leben. Also erstmal nach hinten verschieben, das Projekt, aber gelegentlich noch mal darüber nachdenken. Ab in die Wiedervorlage. Doch hinreisen könnte man schon vorher mal. Hinreißend. Fast spontan sogar. Orientierungsurlaub machen. Und siehe da, früher oder später wird das vage Vorhaben sogar in die Tat umgesetzt.

Einige, recht viele sogar (ersparen Sie mir bitte die genaue Zahl; die finden Sie im Internet), haben das Ding tatsächlich noch vor Ablauf des Arbeitslebenhaltbarkeitsdatums durchgezogen. Haben ihre Koffer gepackt und sind entfleucht – ab in den Süden. In den sehr fernen Süden allerdings, einmal halb um die Kugel herum, die sich Welt, Erde oder Globus nennt. Beneidenswert allenthalben.

Doch bis der Traum wahr werden sollte, sind sie mehr oder weniger ständig präsent, diese Bilder, diese unzähligen, tiefenscharfen, farbechten Bilder. Traumsequenzen. Wie königsblauer Himmel in den Löchern der bleigrauen Wolkendecke tauchen strahlend die Prädikate auf:

»Das schönste Ende der Welt«, »Perle im Südpazifik«, »Schatzinsel«, oft auch »Die grüne Insel« genannt, was nicht unbedingt die politische Färbung ausdrücken soll oder den rhythmischen Namen, den die Maori dem Inselland gegeben haben: »Aotearoa«, was, wie jeder Bildungsreisende weiß, verheißungsvoll »Land der langen weißen Wolke« bedeutet.

Dabei wird dem braven Neuseelandsympathisanten allerdings auch gar keine Gelegenheit gegeben, auf andere Gedanken zu kommen. Der Kommerz obsiegt ja stets. TNZ steht für Tourism New Zealand und ist die nationale Fremdenverkehrsbehörde. TNZ hat einen Werbeclip fürs internationale Fernsehen produziert. Das Filmchen wirbt mit den nun wirklich allerschönsten Bildern für Neuseeland als Reiseziel. Kleines Einmaleins der Werbepsychologie. Mit bunten Bildern balzen. Der Film soll sogar ins Kino und kann – auf dass uns bloß keiner entkomme – aufs Handy runtergeladen werden. Modern. Hipp. Alete.

Der Slogan im Spot ist »Willkommen im jüngsten Land der Erde« und was liegt da näher, als ihn mit dem Musikstück… genau… »Forever young« zu unterlegen. Dieser Titel kommt im Original von der deutschen Band Alphaville und stammt aus dem Orwell-Jahr 1984. Ihr großer Bruder hat Ihnen das sicher längst schon erzählt. Im Werbefilm wird immerhin eine aktualisierte, also junge Version dieser Nummer eingesetzt, nachgespielt von der neuseeländischen Band Pluto.

Pluto? Band? Mal ehrlich: Würden Sie Ihre Band, wenn Sie eine hätten, Pluto nennen? Da passt doch etwas nicht zusammen. Hat hier so ein junger Popmensch zuviel Micky Maus gelesen oder ist es eine Übersprungshandlung, ausgelöst durch die Verzweiflung über die Degradierung eines einst stolzen Planetchens zum Asteroiden?

Aber so ist das häufig in Neuseeland: Propere Musikgruppen geben sich hier Hundenamen und die beliebteste Automarke heißt Holden, was jeden halbwegs gut an Büchern sortierten Billyregalbesitzer allenfalls an Holden Caulfield, den Protagonisten aus »Der Fänger im Roggen« denken lässt. Aber jener Holden würde sich nie im Leben in einen solchen Holden setzen, geschweige denn auch noch damit losfahren. Einen alten Mercedes hätte er wahrscheinlich. Oder einen – damals noch krisenunversehrten – Saab vielleicht, höchstens. Aber doch keinen Holden.

Überhaupt ist ein Holden ein ganz furchtbares Auto. Egal welches Modell. Die meisten haben 8-Zylindermotoren und taugen nach meinem Dafürhalten höchstens dazu, um im Autoquartett (gibt es das eigentlich noch) alle anderen mit weniger Zylindern auszustechen. Aber die Marke ist so was von beliebt hier und jeder will einen Holden haben. Und jetzt kommt der eigentliche dicke Hund (bitte halten Sie sich in der daraus resultierenden Köterkurve gut am Buchdeckel fest): Holden ist der australische Lizenznehmer von GM (General Motors), also quasi Opel, im leicht erweiterten Sinne.

Da fehlen doch nur noch gewisse Sondermodelle, zum Beispiel:

Ist das alles nicht ganz, ganz furchtbar?

Nun hat aber die weltumkrallende Krisenkackeriesenkrake GM freilich arg gebeutelt und vorgebliche Fachleute, die das alles schon lange geahnt und vorausgesehen haben, haben schnell damit begonnen, so manche Marke des angeschlagenen Konzerns auszuzählen. Bei acht sind sie schon angekommen. Aber das tut einem plötzlich für Opel auch wieder leid. Wie man’s macht… oder: Catch 22. Selbst Fredl Fesl hat es damals in den 70ern schon geahnt: »Opel, Opel, Caravan, jeder will an Opel ha‘m. Fährt er‘n innen Graben, will ihn keiner haben.« Doch da war die Große Krise noch weit weg.

Nun betrifft das ganze GM-Drama aber auch Saab, was einem wiederum – rein hypothetisch zwar – für Holden Caulfield leid tut, haben wir ihm doch gerade einen solchen Fahrzeugtyp zugetraut und zugedacht. Mist – muss er eben Mercedes fahren. Aber was geschieht eigentlich mit den Saab Flugzeugwerken? Die Saab Viggen war doch ein sexy Maschinchen. Kurz und bündig: kann man zulassen, dass der Homo saabiens mit der Marke ausstirbt? Auweia. »Wenn man sich in einen Gedanken förmlich hinein pferrennt« (O-Ton: Gerhard Polt).

Tatsächlich ist das Lager der tiefdevoten und marken-affinen Automoblisten dieses Zweiinsellandes genauso zwiespältig wie die Geografie ihres Staates: hier die holden Holden holders, dort die fortwährenden Ford-Ver(k)ehrer. Selbst der traditionelle Permazwist zwischen Aussies und Kiwis hindert die neuseeländischen Autonarren nicht daran, ihrem Holden tief in den Auspuff zu kriechen. Selbst die Polizei fährt Holden, was diese sich eigentlich selbst polizeilich verbieten müsste, so verboten ist das.

Genauso wenig hindert die insgesamt doch eher reservierte
politische Beziehung des Landes zu den USA die Fraktion der praktizierenden Ford Fans daran, ihrem Amivehikel die blanken Felgen zu lecken. Das sieht der Kiwi dann recht pragmatisch und very british: »Fährt der alte Lord fort, fährt er nur im Ford fort…«

Wenn zwei sich streiten, lacht der dritte sich den Ast auf dem er sitzt und mit Begeisterung selbst absägt: das sind die so genannten boy racers. Sie bilden nämlich die dritte Lagerfraktion und verdienen dafür sogar ein eigenes Kapitel. Das Thema rundet sich ab mit Gruppe 4, der schweigend fahrenden Mehrheit, der Golfklassemasse, dem automobilen Mob.

So liegt es nun einmal in der Natur der Sache, dass das Leben – egal wo es stattfindet – durch all die Imponderabilien, die man kostenlos aber unbestellt bei der Geburt als lebenslanges Überraschungspaket mitgeliefert bekommt, ein weites Feld für Kritik, Komik und Kalauer darstellt. In guten wie in schlechten Zeiten…

Up, up and away

(Nestflucht)

Would you like to ride in my beautiful balloon… We could float among the stars together, you and I… For we can fly we can fly… Up, up and away…

Lyrics by The Fifth Dimension

Was ist es eigentlich, das jährlich etwa einhundertundfünfundsiebzigtausend (in Zahlen: 175.000) deutsche Bundesbürger dazu führt, ihrem Land den Rücken zu kehren und auszuwandern? Einige davon hier her ins Neue Seeland? Deutsche Sehnsucht? Wissenschaftlich: Obsession germanis? Raus aus dem Haus, ab in die Fremde, um dort aber sofort wieder eine Gruppe gleichsprachig Gleich(un)gesinnter zu formieren? Flucht aus der Enge ins Exil? Vielleicht. Oder nur eine Art Down Under spleen?

Doch selbst die Werbung will Bauchgefühle suggerieren: Reif für die Insel? Nix wie weg! Doch die Kehrseite jeder glänzenden Medaille ist immer nur einen Daumendreh weit entfernt. Neuseeland, das Paradies hienieden; der öffentliche und frei zugängliche Garten Eden, betreten ausdrücklich nicht verboten. Eintritt frei? Sag die Wahrheit, Pinocchio!

Aber warum, fragt man sich dann, zieht es andererseits jährlich bis zu dreißigtausend Kiwis dauerhaft oder sogar für immer nach Australien. 30.000! Das sind immerhin rund 25 Prozent der Zahl derer, die im Jahresdurchschnitt nach Neuseeland einwandern. Es handelt sich dabei überwiegend um gut ausgebildete Personen in der Blüte ihrer Jahre. Brain drain nennen sie das hier. Aber warum strömt der ganze Hirnschmalz ausgerechnet zu den Aussies?

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Liegt die einfache Antwort vielleicht in der Titelzeile eines Hits aus den 70er Jahren: »We don’t know how lucky we are?« Schon möglich: sie wissen es nämlich wirklich nicht, denn sie wissen nicht, was sie tun. So kam es auch, dass in einer Diskussionsrunde gefragt wurde, was wohl die direkt messbare Folge dieses brain drains sei? Antwort: der IQ-Level steige in beiden Ländern sprunghaft an.

Relax

(Lockerungsübung)

Live those dreams… Scheme those schemes… Relax don’t do it… When you want to go to it…

Lyrics by Frankie Goes To Hollywood

Die Behauptung bleibt zunächst im Raum stehen: Aotearoa, ein Land in dem Milch und Honig fließen – wenigstens auf den ersten Blick versteht sich. Doch schauen wir ruhig etwas genauer hin. Kratzt man einmal leicht am schönen Lack, dann kommen da sehr schnell einige alte Farbschichten zutage. Im übertragenen Sinne, aber gleichermaßen auch im wörtlichen. Man darf das sogar sehr praktisch verstehen.

Ein Beispiel: Das obskurste Objekt der neuseeländischen Begierde ist und bleibt das eigene Dach überm Kopf (da können die Kiwis ganz schön deutsch sein, schwäbisch gar), auch wenn sich das Leben, wann immer nur möglich, draußen vor der Türe abspielt. Wer versucht, eine Wohnung oder gar ein ganzes Haus zu renovieren, versteht sofort, was gemeint ist.

In der Regel reicht es sogar, ein angeblich renoviertes Objekt etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Wir nennen das offensichtliche Ergebnis solcher Komplettsanierungen, die verständlicherweise besonders gerne kurz vor einem beabsichtigten Hausverkauf getätigt werden, allgemein auch »generalübermalt« – und nicht selten ist es tatsächlich allein die dicke Farbschicht, die alles zusammenhält, abdichtet und isoliert.

Ähnliches beobachtet man auch bei den Autos. Es fängt damit an, dass es in Godzone keinen TÜV gibt. Dafür gibt es die WOF, warrant of fitness, erhältlich in vielen KFZ-Werkstätten Ihres Vertrauens, standardgemäß in Halbjahresintervallen zu absolvieren. Klar, die Garagen haben alle eine lange Liste mit amtlich vorgegebenen Prüfpunkten, die alle abgehakt sein wollen; nur über die Toleranzen wollen wir lieber nicht reden. Und wenn man als ordentlicher Deutscher für sein liebstes Kind auch noch gleich eine kleine Inspektion mitbestellt (was der normale Auto fahrende Kiwi allerdings niemals tun würde), dann ist die WOF noch weniger als eine Formalität, solange am geprüften Vehikel die Lichter angehen und das Betätigen der Bremse eine angemessene Verzögerung der Vorwärtsbewegung bewirkt.

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich ein wesentlicher Teil des neuseeländischen Selbstverständnisses. »Driving is in our blood« lautet denn auch eine der großen Lebensüberschriften. Der junge Neuseeländer fängt im zarten Alter von 15 mit dem Autofahren an. Es gibt ein paar Fahrschulen, es gibt aber keine Fahrschulpflicht. Und weil jeder Cent zählt und ins Fahrzeug investiert werden soll, lernt der junge Kiwi das Fahren von Dad oder häufiger noch von seinen mates, den Kumpeln, die schon die Lizenz zum Rasen haben.

Trotz einer Art Stufenführerschein, der den boy racer in spe erstmal dazu berechtigt, eine gewisse Zeit lang nur in Begleitung (»No risk, no fun«), nicht nachts (»Day tripper«) oder auch nur solo ohne Passagiere (»They don’t know how lucky they are«) zu fahren, geht’s alsbald richtig rund auf High- and Motorway.

Immer gilt als erstes und oberstes erstrebenswertes Ziel einzig und allein das eigene Auto zu besitzen. Das Fahrzeug an sich ist das sozialobligatorische Statussymbol, bei der Marke ist der junge Fahrer zunächst noch kompromissbereit. Da ist es doch sehr leicht vorstellbar, dass nicht gerade die neuesten und hochwertigsten Fahrzeugmodelle das Straßenbild dominieren. Nein, es sind natürlich die billigen Japaner, die in Massen von ihrem Ursprungsland der aufgehenden Sonne nach dem Neuseeland der lange weißen Wolke verschifft werden und hier weggehen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. In diesem Fall allerdings überwiegend olle Semmeln.

Während Dad – Sie wissen es bereits – auf Holden schwört, fährt Junior total auf Subaru ab, trotz des praktisch unzumutbaren Designs. Aber mit seinem Boxermotorkonzept ist Subaru anscheinend so etwas wie ein emotionales Porschesubstitut für den heranreifenden und -rasenden Neuseeländer geworden. Kiwicarrera? Und so darf sich Subaru (aber bitte mit der Betonung auf dem letzten »U«) auch noch rühmen, eine der meistgeklauten Automarken hierzulande zu sein.

Will damit auch sagen – alles in allem – es geht auffallend schräg, aber mindestens ebenso locker zu in diesem Land. Ungezwungen, individuell, ein bisschen anarchistisch für den Hausgebrauch. Das ist angenehm wohltuend, bisweilen aber auch irritierend, wenn der Beobachter vielleicht zu lange Jahre deutscher Akkuratesse ausgesetzt war und diese schon zu sehr, als das Maß aller globalen Dinge verinnerlicht hat. In diesem Falle kann er sich schnell wie in eine Zwangsjacke gesteckt fühlen. Dagegen hilft es nur eines: üben, üben, üben – nämlich über den eigenen Schatten zu springen.

2000 light years from home

(Kiwinest)

Sun turnin’ round with graceful motion… We’re setting off with soft explosion… Bound for a star with fiery oceans… You’re two thousand light years from home…

Lyrics by The Rolling Stones

Dies ist kein Reiseführer. Reiseführer sind Reiseverführer und verfolgen meist nur diesen einen fragwürdigen Zweck: Zur Reise verführen, gegen eine mehr oder minder kleine Unkostengebühr versteht sich; wetteifern in der Zahl der Euphemismen, viel versprechen und wenig halten. Jeder ist schon auf solche Werke hereingefallen.

Nur geht es hier um etwas anderes, vielleicht sogar um weitaus mehr. Ein Land zu bereisen, ist eine Sache, in einem Urlaubsziel dauerhaft zu leben, eine völlig andere. Man muss es nicht nur wirklich wollen, man muss sich sinnbildlich öffnen, nach allen Seiten hin offen sein. Im Umkehrschluss: Man darf einfach nicht ganz dicht sein.

»Die Trilogie des laufenden Schwachsinns«, ein fast schon klassisches Werk von Eckhard Henscheid, ist für mich Symbol und Fanal. Denn die Gründe zu gehen, könnten unterschiedlicher nicht sein und schrammen durchaus auch mal hart am Schwach-, immer aber am Wahnsinn entlang (im hoffentlich positiven Sinne). Doch letztlich zählt die Tat an sich. Nicht der Weg ist das Ziel. Nur das Ziel ist das Ziel ist das Ziel.

Die Neuseelandoption entwickelte sich ganz allmählich, über einige Jahre hinweg sogar. Trotz der Kiwiwurzeln. Die definitive Entscheidung zu gehen, oder – je nach Sichtweise – zu kommen, fiel dann allerdings doch spontan, fast wie aus heiterem Himmel. Out of the blue. Und traf dennoch voll ins Schwarze.

De facto kannten wir trotz aller Recherchen Neuseeland nur sehr oberflächlich. Jeder hat ja dieses grobe Grundwissen, die sieben Dinge, die Aotearoa ausmachen und die jeder weiß: Down Under, rechts unterhalb Australiens gelegen, nach landeseigener Annahme: God’s own country, kurz Godzone, englische Kronkolonie, Maori, Natur pur, zwanzig Entwicklungsjahre hinter Europa zurück und – Hirschfleisch bei ALDI.

Sogar das populäre ZDF-Traumschiff ging hier schon unter, ’tschuldigung: vor Anker. Wer die Neuseelandepisode gesehen hatte, gehörte schon zu den besser informierten. Inhalt und Fakten der Sendung? Na ja, wer erwartet im »Zweiten« schon erste Qualität? Aber es war ein Werbefilm par excellence. Tourismus ist nun mal ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor im Kiwiland und man empfängt sehr gerne Gäste aus dem Einzugsbereich deutscher Fernsehsender.

»Der Kahn hätte am besten auf Grund laufen sollen, sanft aber dauerhaft«, war die Bemerkung eines Werbeschaffenden aus der Reisebranche. Denn: ein blütenweißer Havarist vor einer Bilderbuchküste wie der Bay Of Plenty wäre ein absoluter hot spot für Taucher und Touristen! So ein Tauchenichts…