Bilder

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Dezembernachmittag in Reykjavík.

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Mitternachtsempfang am längsten Tag des Jahres.

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Ein Präsident zum Anfassen: Ólafur Ragnar Grímsson mit Gattin.

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Wer ist die Schönste im ganzen Land?

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Badezeit ist jederzeit.

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Mut zur Selbstironie.

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Hoch die Fahnen!

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Empfang der „versilberten“ Handballer.

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Svið: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

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Sægreifinn, der Seebaron: ein Original wie es im Buche steht.

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Die Ausnahme: Schaf als Streicheltier.

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Beim herbstlichen Schafabtrieb.

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Pylsa: das wahre Nationalgericht.

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Heiß auf Eis bei jeder Außentemperatur.

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Isländer aus Überzeugung.

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Sommer in der Stadt.

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Jährlicher Hundemarsch am Laugavegur.

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„Amy Poppers“, Drag Queen 2008.

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„Elfenstein“: Eintritt in eine andere Welt?

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Strickvergnügen für jedermann.



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www.icelandbike.com

bike@icelandbike.com

Tel/SMS: +(354) 694 8956

Iceland Bike - Reykjavik Bike Tours

Wir sind ein junges Familienunternehmen, das geführte Fahrradtouren in Reykjavik anbietet.

Unsere Fahrradstadtführer lieben und kennen Islands Hauptstadt. Sie warden Ihnen so manchen Winkel zeigen, den Sie sonst nicht entdecken würden. Unserer Meinung nach ist eine gute Stadtbesichtigung mehr als nur eine Unterrichtsstunde in Geschichte. Deswegen flechten wir amüsante Reykjavik-Anekdoten in unsere Führungen ein, die die besuchten Orte erst richtig zum Leben erwecken.

Unsere Touren werden auf englisch und bei Bedarf auch auf deutsch geführt.

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Hoch oben im Norden, wo es zwei Monate im Jahr mehr Nacht als Tag und zwei Monate mehr Tag als Nacht ist, liegt eine besondere Insel, die sich rühmen kann, drei Miss World, zwei der stärksten Männer der Welt und die nördlichste Bananenplantage der Welt zu beherbergen.

Kein Wunder, dass die Isländer Statistiken sehr schätzen, denn in der Regel kommen sie darin äußerst gut weg. Aber die Insulaner sind nicht nur statistisch betrachtet, sondern auch im realen Leben etwas Besonderes – selbst wenn sie nicht, so der oft zitierte Mythos, alle an Elfen glauben.

„Das lässt sich retten“, lautet das Lebensmotto auf der Insel – offensichtlich auch noch in Zeiten der Wirtschaftskrise. Wenigstens die gängigen Tücken des isländischen Alltags meistern die Isländer noch mit der üblichen Gelassenheit. Wie, das beschreibt die Autorin mit augenzwinkerndem, selbstironischem Blick auf den eigensinnigen, wenn auch sehr liebenswerten Habitus ihrer neuen Heimat.

Mit dem Kauf dieses Buches unterstützen Sie den „Special Children Travel Fund“ von Icelandair, der schwer kranken Kindern und ihren Familien Reisen ermöglicht. Für jedes verkaufte E-Book fließt ein Spendenbeitrag von 25 Cent an den Verein.

Zur Autorin:

Ursula Spitzbart wurde 1968 in Nürnberg geboren. 1988 zog sie nach Freising in Oberbayern, wo sie 1994 die Ausbildung zur Ökotrophologin abschloss. Ihre Leidenschaft für Reisen und Outdoorleben führte sie seitdem unter anderem nach Ost- und Westkanada, Alaska, Neuengland, Schottland, Irland und Island. Seit 2003 lebt Frau Spitzbart in Reykjavík.




Widmung

Für meine Tochter Anna Karlotta, die mich unermüdlich wissen lässt, dass sie – und kein Buch dieser Welt – mein Hauptprojekt ist

Ein Wort vorab

Es gibt verschiedene Gründe dafür, auf Island zu wohnen. Den Lebenspartner zum Beispiel. Die Arbeit, ein Studium, die Schönheit des Landes. Oder man ist hier geboren. Ich falle in die erste Kategorie: Die Liebe hat mich hierher verschlagen. Was mit einem Sommerurlaub begann, wurde meine Gegenwart und Zukunft. Im Herbst 2003 verlegte ich mein Domizil nach Reykjavík.

Island liegt nur gute drei Flugstunden von Deutschland entfernt, die Insel hat ihren festen Platz im Standardprogramm vieler internationaler Reiseveranstalter und entsprechend groß ist die Auswahl an Reiseliteratur. Nein, ein Geheimtipp ist Island nicht mehr. Trotzdem ist der gedankliche Weg auf die abgelegene Insel im Nordatlantik oft unendlich lang – und geheimnisvoll. Sie hat sich den gewissen Hauch von Mystik und Mythischem bewahrt, der neugierig macht.

Tatsächlich wird meine Wahlheimat schon seit geraumer Zeit Jahr für Jahr von mehr Urlaubern heimgesucht, als sie Einwohner aufbieten kann. Auch von deutscher Seite mangelt es dabei an Island-Interesse nicht. Die Þjóðverjar, wie wir hier genannt werden, machen eine kräftige Portion aller Islandgäste aus. Deshalb umschwirren mich hier vor allem in den Sommermonaten die heimatlichen Laute nur so. Wo ich hinhöre, wird deutsch gesprochen. Individuelle Urlauber genauso wie Reisegruppen.

Es überrascht daher nicht, dass meine Insel zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2011 auserkoren wurde – schon lange bevor sie im Oktober 2008 den Sprung in die weltweiten Medien schaffte. Kein anderes Land dieser Welt dürfte „dank“ der Weltwirtschaftskrise so sehr ins allgemeine Bewusstsein gerückt sein wie Island.

Die Wirtschaftskrise – oder kreppa, wie sie auf isländisch genannt wird – schlug genau in dem Moment zu, als ich letzte Hand an die erste Auflage dieses Buches legte. Nur ansatzweise konnte ich damals das Thema noch aufgreifen. Mittlerweile sind seit dem großen Einbruch fast eineinhalb Jahre vergangen. Bis dahin galt Island als eines der reichsten Länder der Welt bei einem Lebensstandard, der ganz weit oben rangierte. Jetzt sind hier Schlagworte wie Entlassungswellen und Arbeitslosigkeit keine Fremdwörter mehr. Auch die Lebensgewohnheiten meiner Insulaner änderten sich, wenigstens kurz- bis mittelfristig. Diesem „neuen“ Alltagsleben auf Island in Zeiten der wirtschaftlichen Depression ist in vorliegender zweiten Auflage meines Werkes ein eigenes Kapitel gewidmet. Diese Ergänzung war mir ein großes Anliegen.

Seit ich mich hier niederließ, werde ich mit Fragen zum Alltag vor Ort geradezu bombardiert. Lässt es sich gut leben? Wie spricht man? Wird es im Winter überhaupt hell? Dieses Buch – mein Erstlingswerk übrigens – ist der Versuch, sie zu beantworten. Es soll einen Einblick geben in das Leben dieser kleinen Inselgemeinschaft, so wie es sich mir jeden Tag präsentiert. Die Grundlage für meinen Bericht bilden nicht nur objektive Tatsachen, sondern ganz besonders persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Herzerwärmende, komische und überraschende. Frustrierende, unbegreifliche und nachdenkliche. Natürlich schreibe ich stets aus dem Blickwinkel der gebürtigen Deutschen, für die Island – und speziell Reykjavík – zur neuen Heimat wurde. Die Zahlen, die dabei immer wieder auftauchen, sind unverzichtbar. Schließlich beschäftigen sich meine Insulaner ausnehmend gerne mit Statistiken. Man könnte fast glauben, dass sie sich darüber identifizieren. Ich habe mich darum bemüht, mit der Mathematik behutsam umzugehen.

Ich nahm es mit einer Nation auf, die zum 1. Januar 2009 gerade einmal 319.368 Einwohner stark war. Das entspricht ungefähr einem Bonn oder Mannheim. Etwa 60 % aller Islandbewohner leben in der und um die Landeshauptstadt Reykjavík. Wenn man diese Tatsache bedenkt, ist es recht gut nachvollziehbar, dass es für einen Ausländer nicht immer ganz leicht ist, an die isländische Seele heranzukommen. Deshalb nehme ich in meinem Bericht immer wieder die Position des Beobachters ein. Schon bald machte ich nämlich die Erfahrung, dass der Isländer im Prinzip sich selbst genügt. Er legt in seinem Innersten nicht unbedingt gesteigerten Wert darauf, andere als seinesgleichen in die eigenen Kreise aufzunehmen. Das soziale Netz der isländischen Gesellschaft ist extrem eng geknüpft und sich darin als Außenstehender ein wirklich festes Plätzchen zu schaffen, ist eine heikle Aufgabe, die das Leben in meiner Wahlheimat nicht immer einfach macht. Andererseits haben meine Insulaner auch Eigenheiten, die ich nie mehr vermissen möchte. Vor allem von der ungezwungenen und entspannten Art, die den täglichen Umgang miteinander bestimmt, von der gewissen Leichtigkeit des Seins könnte man sich nach meinem Geschmack anderswo gerne ein Scheibchen abschneiden.

Und nun, lieber Leser, wünsche ich viel Spaß und Spannung bei der Reise auf meine ganz persönliche Insel.

Reykjavík, im Februar 2010

Ursula Spitzbart

Zwischen Licht und Dunkel

Ich habe gut geschlafen. Es ist Samstagmorgen und ich gönne es mir, noch ein paar Minuten vor mich hin zu dösen. Dann bin ich für den neuen Tag bereit und mache die Augen auf – gerade rechtzeitig für einen tollen Sonnenaufgang. Aus Macht der Gewohnheit fällt mein Blick auf den Wecker: Was … schon elf Uhr!? Nur vier Stunden Zeit, bis es wieder dunkel wird! Dabei wollte ich heute doch so viel erledigen!

Auch der Islandsommer raubt mir oft jegliches Zeitgefühl. Denn so wie der Winter hier mit Tageslicht knausert, machen sich in den Sommermonaten die dunklen Stunden rar. Für echte Überraschung sorgt stets mein Bericht, dass beide Extremzustände in ihrem Kern eigentlich nur jeweils zwei Monate lang dauern. Tatsächlich, nicht länger? Die trübe Vorstellung von endlosen Islandmonaten in kompletter Dunkelheit ist erstaunlich weit verbreitet. Die Frage, die mir seit Beginn meiner persönlichen Islandkarriere schon unzählige Male gestellt wurde – „Wie ist das denn so, Winter auf Island?“ – kommt nicht von ungefähr. Wahlweise wird sie mit einem interessierten, einem vorsichtigen oder sogar fast mitleidigen Unterton vorgebracht. Ist es gar nicht so schlimm wie ursprünglich angenommen?

Zum ersten Mal kam ich als Rucksackurlauber nach Island. Im August 2001 umrundete ich drei Wochen lang die Insel mit dem Linienbus. Ich erlebte helle, schier unendliche Tage, in denen alles vor Leben und Heiterkeit strotzte. Einen ersten Vorgeschmack auf den isländischen Winter bekam ich im Dezember desselben Jahres, als ich für eine Woche auf die Insel zurückkehrte. Ziel dieser Übung war es, meine überaus angenehm ausgefallene Bekanntschaft mit Stefán zu vertiefen, dem ich im Sommer durch einen Wink des Schicksals in die Arme gelaufen war. Im Vergleich zu meiner sommerlichen Stipvisite, bei der sich das Leben draußen abspielte, erlebte ich jetzt ein völlig in sich gekehrtes Island. Drinnen schön schummrig bei Kerzenschein, draußen zahllose und längst nicht nur auf die Weihnachtszeit begrenzte Lichtergirlanden, um die Dunkelheit zu erhellen. Kaum ein Fenster bleibt ungeschmückt. Manche Hausgemeinschaften scheinen regelrechte Abmachungen getroffen zu haben zwecks Balkondekoration: Hier leuchtet ein kompletter Häuserblock in Weiß, der Nachbar hat rot geschmückt. Obendrein spendiert die Stadt Reykjavík eine üppige Portion Lichterschmuck. Frisch verliebt ließ sich diese Kuschelatmosphäre in der Landeshauptstadt wunderbar genießen.

Am 21. Dezember eines jeden Jahres erlebt Island seinen kürzesten Tag – oder die längste Nacht. In Reykjavík steigt die Sonne nur für gute vier Stunden über den Horizont. In den Wochen um diesen Stichtag herum komme ich mir vor wie ein Bär im Winterschlaf. Wenn nicht gerade der Wecker gestellt ist, wache ich tatsächlich erst am späten Vormittag auf. Obendrein gönne ich mir gerne nachmittags ein Nickerchen. Wie ein kleiner Vogel fühle ich mich, der erst dann aus seinem Nest schlüpft, wenn es hell wird und es wieder heimsucht, sobald es dämmert. Im Gegensatz dazu kennt mein Tatendrang in der Zeit des sommerlichen Lichts keine Grenzen. Vielleicht ist es genau das, was die Natur eigentlich auch für den Menschen vorgesehen hat.

Doch selbst in dieser winterlichen „Zeit der kurzen Tage“ – im Dezember und Januar – verirren sich immer wieder Sonnenstrahlen auf isländischen Boden. Mitunter gibt es sogar fantastisch helle Stunden bei blauestem Himmel, meist nach einem perfekten Sonnenaufgang – und vor einem ebensolchen Untergang. Als ich mich als Islandneuling für meinen ersten längeren Winterbesuch auf der Insel rüstete, steckte ich die Sonnenbrille absichtlich nicht ins Reisegepäck. Wozu denn auch … Doch wie sehnte ich sie bald herbei! Die Sonne stand so tief, dass sie mir – besonders beim Autofahren – beinahe waagerecht ins Gesicht schien.

Winterliche Lichtblicke ganz anderer Art bietet Aurora Borealis, das Nordlicht. Dieses himmlische Lichterspektakel entsteht dadurch, dass von der Sonne stammende, elektrisch geladene Teilchen auf die Erdatmosphäre treffen und dort Luftmoleküle zum Leuchten anregen. Dem menschlichen Auge offenbart es sich allerdings nur dann, wenn auch die Witterungsverhältnisse stimmen. Vor allem klar muss der Himmel sein! Dass es bei dieser Gelegenheit oft auch kalt ist, ergibt sich im Nebeneffekt. Dabei ist es keineswegs so, dass Nacht für Nacht der Himmel mit bunten Lichtschleiern übersät ist. In meinen meisten Islandwintern sah ich das Nordlicht vielleicht zwei-, fünf- oder zehnmal – allerdings ohne extra danach auf Jagd zu gehen. Wer eine Islandreise mit dem Hauptziel antritt, Nordlichter zu bewundern, sei daher vorgewarnt: Er könnte eine bittere Enttäuschung erleben. Es ist einfach Glückssache. Wenn es dann aber klappt, ist es wunderschön. Manchmal kann ich direkt vom Wohnzimmerfenster aus dem Lichtertanz am Himmel zusehen. Ein besonders großes Erlebnis war freilich „das erste Mal“. Überhaupt ist das isländische Licht mit all seinen Varianten und seiner unglaublichen Intensität die Facette des Landes, von der ich nicht genug kriegen kann.

Mindestens genauso oft wie strahlende Sonne bringt der isländische Winter auch solche Phasen mit sich, in denen es tagelang nicht richtig hell werden will. Dunkelgraue Wolken verhängen den Himmel und dazu bläst oft ein mächtiger Wind. Dann verspüre ich nicht das geringste Bedürfnis, auch nur die Wohnung zu verlassen und mein Bewusstsein vertieft sich, auf einer Insel zu sitzen. Ich kann genau beobachten, wie mit abnehmendem Licht mein persönlicher Aktionsradius immer kleiner wird. Ab November komme ich nicht mehr wirklich heraus aus der Stadt. Wohin denn auch, gibt es doch nach meiner Einschätzung zu dieser Jahreszeit jenseits der Hauptstadtgrenzen nur „jede Menge nichts zu tun“. Dann heißt es gut aufpassen, dass mich der Inselkoller nicht einholt. Nein, ganz so romantisch wie meine erste winterliche Kurzvisite präsentierte sich mir die dunkle Jahreszeit im Langzeittest nicht.

Wie mag sich der Islandwinter wohl erst im Inselnorden anfühlen, wo sich das Licht im Winter noch kürzer blicken lässt? Ein paar besiedelte Inselflecken müssen tatsächlich Winter für Winter mehr als zwei Monate lang ohne einen einzigen erleuchtenden Strahl auskommen. Wenn dann aber die Sonne Ende Januar endlich wieder ihren Weg durch die Wohnzimmerfenster findet, wird zur Feier des Tages ein „Sonnenkaffee“ veranstaltet. In der „Hauptstadt der Westfjorde“ Ísafjörður zum Beispiel ist das schon seit mehr als hundert Jahren Brauch. Original isländische Crêpe-ähnliche Pfannkuchen gehören zu diesem Tag so sicher wie die ersehnte Sonne. Vielleicht sollte ich doch einmal einen winterlichen Kurzurlaub Richtung Westen einplanen, um mir einen dieser ganz besonderen Pfannkuchen einzuverleiben.

Der Isländer eignete sich im Laufe der Zeit verschiedene Techniken an, um mit „seiner“ Winterzeit klar zu kommen. „Sonnenreisen“ heißt ein wirksames Zauberwort. Auf den Kanarischen Inseln oder in der Dominikanischen Republik zum Beispiel lassen sich ein paar Winterwochen ziemlich effektiv erhellen. Wenn eine Reise in den Süden gerade nicht drin ist, lässt sich auch mit Besuchen im heimischen Sonnenstudio etwas Abhilfe schaffen – oder mit Bräunungsspray. Mit einem gesunden Teint lassen sich schließlich besonders im Winter Attraktivitäts- Pluspunkte sammeln. Auch der regelmäßige Besuch im Fitnesscenter kann Wunder wirken. Hätte mir früher jemand prophezeit, ich als eingefleischter Outdoor-Fan würde mich dafür erwärmen können, hätte ich es glatt abgestritten. Aber ich probierte ihn doch aus, den isländischen Weg, und siehe da: Aerobic und Zirkeltraining tun Körper und Seele tatsächlich sehr gut. Eine universal wirksame Patentlösung gegen den Winterblues ist aber offensichtlich noch nicht erfunden. Denn der Islandwinter drückt längst nicht nur manchem Zugewanderten auf das Gemüt. Depressionen sind hier an der Tagesordnung und meines Wissens bekommt etwa ein Drittel der Islandbevölkerung irgendwann im Leben eine mehr oder weniger große Portion davon am eigenen Leibe zu spüren. Was mich betrifft, habe ich eines gelernt: Wenn ich nörgelig werde und nicht mehr gut schlafen kann, ist es wieder einmal Zeit, der Insel für eine Weile den Rücken zu kehren. Am besten in Form eines kleinen Deutschlandurlaubs.

Doch bereits im Februar lässt sich erahnen, dass es wieder aufwärts geht. Mitte April bleibt es bereits bis neun oder halb zehn Uhr abends hell. Wenn allerdings in Deutschland schon alles sprießt und grünt, hüllt sich meine Insel immer noch in Braun und Grau. Aber der ersehnte Moment kommt: Innerhalb von ganz wenigen Tagen explodiert die Vegetation sichtlich. Der Sommer ist da.

Am 21. Juni erlebt meine Insel dann ihren längsten Tag, an dem die Sonne in Reykjavík über einundzwanzig Stunden lang am Himmel steht, etwa von drei Uhr nachts bis Mitternacht. Im Inselnorden geht sie zu dieser Jahreszeit ein paar Wochen lang gar nicht unter – der gerechte Ausgleich für den überstandenen Winter. Richtig dunkel wird es aber auch in Reykjavík nicht. Je nach Wetterlage reicht es allerhöchstens zu einer drei oder vier Stunden langen Dämmerung. Was einerseits zu einem nächtlichen Spaziergang einlädt, kann besonders für denjenigen zur Plage werden, der keinerlei Übung in Sachen Islandsommer hat. Selbst nach etlichen Inseljahren wache ich immer noch völlig irritiert mit der Sonne im Gesicht auf, nur um festzustellen, dass es gerade einmal vier Uhr früh ist.

Es ergibt sich von selbst, dass auf Island die Uhrenumstellung auf Sommerzeit keinen Sinn macht. Deshalb ist die Insel im Sommer zwei Stunden und im Winter eine Stunde hinter Deutschland her. Ein Zeitunterschied, der innerhalb meiner in Deutschland stationierten Bekannten- und Verwandtenkreise nur zu gerne übersehen wird. Das erklärt die zeitigen Telefonanrufe, die ich gerade im Sommer immer wieder erhalte. Trotzdem kommt das Thema „Sommerzeit auf Island“ ab und zu auf. Erst im Juni 2008 schaffte es das rund 700 Seelen-Städtchen Seyðisfjörður im Osten der Insel in die Schlagzeilen. Eine Siedlung, die im allgemeinen eher als Anlegestelle der Personen- und Autofähre bekannt sein dürfte, die Island mit dem restlichen Europa verbindet. Dieses Mal galt das heimatliche Medieninteresse jedoch der „Interessengemeinschaft Sonnigere Gesellschaft“, die allen Ernstes auf Regierungsebene beantragt hatte, die Uhr auf Sommerzeit umstellen zu dürfen. Notfalls lediglich bei sich zu Hause in Seyðisfjörður als einzigem Ort auf der ganzen Insel. Wenn das kein Anzeichen dafür ist, dass Isländer gerne und unbeirrt ihre eigenen Wege gehen!

Auch wenn man es lange Zeit nicht wirklich merkt, wird es mit jedem Tag ein kleines bisschen später hell und früher dunkel. In Reykjavík beträgt der Unterschied im Durchschnitt fünf bis sechs Lichtminuten pro Tag, im Inselnorden etwas mehr. Mitte August schalte ich abends das Licht wieder ein. Und spätestens Mitte November dürfte es dann auch dem Letzten dämmern, dass wieder einmal die zwei langen, wirklich dunklen Monate ins Haus stehen.

Das Bild vom nicht enden wollenden Islandwinter ist nun widerlegt. Und was die Außentemperaturen angeht … Müssen wir hier oben wirklich in Eiseskälte ausharren? Das nämlich ist eine weitere Idee, die sich in unbedarften Köpfen hartnäckig hält. „Wir Isländer leben wie im Kühlschrank“ klärte mich mein Stefán auf. „10 °C im Sommer und 0 °C im Winter ergeben eine mittlere isländische Jahresdurchschnittstemperatur von 5 °C. Genau wie im Kühlschrank. Und weshalb bewahrt man dort Lebensmittel auf? Um sie länger haltbar zu machen. Siehst du, deshalb ist auf unserer Insel die Lebenserwartung besonders hoch.“ Tatsächlich scheint in dieser Theorie ein Fünkchen Wahrheit zu liegen. Ein Blick auf die Altersstatistiken 2007 dieser Welt offenbart es: Die isländischen Männer leben innerhalb der dreißig OECD-Mitgliedsstaaten am längsten. Mehr noch: Sie dürften sogar einmal die ältesten der Welt werden, bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung bei der Geburt von gut 79 Jahren – zwei Jahre mehr als zum Beispiel in Deutschland. Islands Mädchen von heute können mit 83 Lebensjahren und damit ein paar Monaten mehr als ihre deutschen Geschlechtsgenossinnen rechnen.

Was isländische Thermometergrade angeht, bin ich aus meiner süddeutschen Heimat deutlich härtere Zeiten gewöhnt. Dem warmen Golfstrom ist es nämlich zu verdanken, dass die Winter hier vergleichsweise mild ausfallen. Mit Frostbeulen und totalem Schneechaos ist daher kaum zu rechnen – wenigstens in Reykjavík nicht. Eine zünftige, wochenlang nicht weichende Schneedecke in der Hauptstadt erlebte ich bislang nur ein einziges Mal. In den übrigen Jahren konnten die Skilifte in der Umgebung aus Schneemangel manchmal sogar nur für einen Bruchteil der Wintersaison in Betrieb genommen werden. Trotzdem kann es passieren, dass Reykjavíks Hausberg Esja im Mai noch einmal und im September schon wieder von einer Schicht Neuschnee überzuckert wird. Im Norden der Insel und im unbewohnten Hochland allerdings geht es mit Kälte und Schnee merklich strenger her. Ein paar Höhenmeter mehr, und schon lässt sich die Lage knapp unterhalb des Polarkreises nicht mehr verleugnen. Einmal kletterte ich Anfang Juni auf einer mehrtägigen Hochlandwanderung eine gewaltige Schneewand hoch. Wer auf einer Weltkarte von Island aus den Polarkreis Richtung Westen entlang wandert, wird feststellen, dass in den entsprechenden Gegenden Nordamerikas nicht einmal Dörfer eingezeichnet sind.

Gut, die Sommer sind vergleichsweise kühl. Wenn der abendliche Fernsehwetterbericht verkündet „Morgen um die Mittagszeit darf mit 14 °C bei leichter Bewölkung gerechnet werden“, dann freut sich der Isländer auf einen schönen, ganz normalen Sommertag, geradezu ideal für T-Shirt und kurze Hose. Immerhin fühlt sich dank der trockenen Luft die Temperatur gleich um zirka 2 °C höher an. Für meinen persönlichen Geschmack könnte der isländische Sommer trotzdem etwas wärmer sein. Die mittlere sommerliche Tagestemperatur liegt in Deutschland mit knapp 20 °C fast doppelt so hoch wie auf Island. Daher sind zumindest für mich auch im isländischen Hochsommer die Tage gezählt, an denen ich draußen „kurz“ unterwegs bin. Vielmehr sind Fleece- oder Wolljacke meine fast ständigen Begleiter.

Und es gibt sie doch, die echten Sonnentage, an denen sich die Tageshöchstmarke geradezu dreist der 20 °C-Schwelle nähert oder sie sogar übersteigt. Im August 2004 hatte es in Reykjavík gleich vier Tage am Stück über 20 °C. Nur zweimal davor wurde eine ähnliche Hitzewelle registriert. Der fünftwärmste Juni, der zweitwärmste Juli … Derartige Statistiken sind immer eine Nachrichtenmeldung wert. Als ich unser neu erstandenes Außenthermometer provisorisch auf den hölzernen Balkonboden stellte und es dabei an die geschützte Hauswand lehnte, zeigte es kurz darauf über 30 °C an. „Solche Zahlen habe ich hier noch nie gesehen!“ reagierte Stefán auf diese Entdeckung. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, was ihn ein paar Wochen später erwartete: Am 30. Juli 2008 stieg in Reykjavík das Thermometer offiziell auf sagenhafte 26,2 °C, während besser geschützte Inselzonen die 30 °C haarscharf verfehlten. Der absolute Hitzerekord seit Beginn der Messungen auf Island vor zirka 150 Jahren! Es gab kein Halten mehr. Auf der Zufahrtsstraße zu Reykjavíks Badestrand stauten sich die Fahrzeuge. Im heißen Sand und kühlen Meer wimmelte es wie in Rimini. Nur dass dort im Gegensatz zu Reykjavík kein geothermal beheiztes Meereswasser- Becken zur Verfügung stehen dürfte – für alle Fälle. Überhaupt genügt schon ein einziger Sonnenstrahl, um jedes einigermaßen passende Fleckchen mit isländischen Sonnenanbetern zu übersäen. Es ist ein sonnenhungriges Völkchen.

Schließlich gibt es noch den Wetterfaktor Wind, meinen erklärten Feind. Zu gerne macht er mir das Leben mutwillig schwer, unabhängig von jeder Jahreszeit. Nur wer ihn selbst erlebt und so wie ich mit unzähligen, gehässigen Schimpftiraden bedacht hat, weiß was ich meine. Nicht genug damit, dass sich dank seiner Hilfe die Thermometergrade oft niedriger anfühlen als sie wirklich sind. Der isländische Wind versteht es auch bestens, den Regen waagrecht vor sich her zu treiben. Bald gab ich daher meine frühere Gewohnheit auf, mich per Fahrrad auf den Weg zur Arbeit zu machen, war ich dort doch mehrfach fix und fertig eingetrudelt. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich irgendwann freiwillig eine Mütze tragen würde. Aber jeder macht das hier. So wurde eine Kopfbedeckung auch für mich zur Selbstverständlichkeit, ganz egal wie ich damit aussehe.

Mein verlorener Kampf mit dem Einkaufswagen verbesserte mein Verhältnis zum Islandwind auch nicht gerade: Mit aller Kraft stemmte ich meinen voll beladenen Wagen am Supermarkt-Parkplatz gegen die Windböen, darum bemüht, ihn nicht gegen ein geparktes Auto rollen zu lassen. Als ihn mir der Wind dann noch in einem unbeachteten Moment etwa zwanzig Meter weit entführte, umwarf und seinen Inhalt in der Gegend verteilte, war es mit meiner Geduld vorbei. Schnell lernte ich außerdem, Autotüren vor dem Öffnen mit beiden Händen festzuhalten, um gegen Windattacken gewappnet zu sein. Mehr als eine Türe am Auto sollte ohnehin niemals offen stehen, denn sonst besteht unweigerlich die Gefahr, sämtlichen frei beweglichen Autoinhalt auf immer und ewig an die Lüfte zu verlieren.

Der unbarmherzige Wind ist auch meine einzige Erklärung dafür, dass sich kaum ein Fenster dieser Insel öffnen lässt. Seit jeher wohl ist fast jedes Exemplar im gesamten Land unbeweglich in den Rahmen eingelassen. Höchstens eine winzige Fensterluke kann nach außen gekippt werden. Erst seit kurzem schreibt das Gesetz mindestens ein zu öffnendes Fenster pro Wohnung vor, das im Notfall als Fluchtweg dienen kann. Unsere eigene Wohnung lässt sich jedenfalls erst richtig durchlüften, seitdem sie einen Balkon und damit auch einen zweiten Ausgang bekommen hat. Am großzügigen Gruß, den vor dieser Ära eine Möwe auf der Glasscheibe abgesetzt hatte, konnte ich mich bis zum nächsten großen Regen erfreuen. Das Praktische dabei: Fensterputzen kann man sich ohne schlechtes Gewissen sparen. Schmutzige Fenster gehören einfach dazu.

Anfangs erstaunte es mich, mit welcher Gelassenheit der Isländer auch die schrecklichsten Wetterkonstellationen hinnimmt. Er geht vergleichsweise leicht bekleidet, im geschäftsmäßigen Anzug oder im Kostüm, durch Wind und Regen und schafft es trotzdem immer wieder, wie aus dem Ei gepellt daher zu kommen. Ich weiß nicht, wie das möglich ist. Trotz allem darf ich von mir nicht ohne Genugtuung behaupten, dass ich mir zumindest etwas von dieser lockeren Einstellung angeeignet habe. Diese Sinneswandlung tritt besonders auf nicht-isländischem Boden zutage. Wie unnötig war doch der Regenschirmwald beim Open Air-Konzert, wo es wirklich nur tröpfelte! Meldungen von „starkem Wind“ andernorts begegne ich kritisch. Ich habe gelernt zu relativieren und genieße die vereinzelten wirklich tollen Tage – und gluggaveður, „Fensterwetter“. Der Isländer weiß nämlich, dass strahlende Sonne nur allzu gerne das Blaue vom Himmel herunter verspricht. Trotzdem sorgt ein gemeiner, eisiger Wind dafür, dass es draußen kaum auszuhalten ist. Man tut deshalb am besten daran, sich am vermeintlich schönen Wetter vom sicheren Wohnzimmer aus zu erfreuen. Wenn mir dann die Sonne durch unser großes Fenster hindurch ins Gesicht scheint, wird es auch ziemlich warm.

Richtig gewöhnt habe ich mich an die extremen Tageslichtverhältnisse – und den Wind – nicht. Ich glaube gar, dass das nur derjenige kann, der hier geboren ist. Eines jedoch weiß ich sicher: Wer mit einem Überwinterungsversuch auf Island liebäugelt, sollte wenigstens drei Dinge in seinem Reisegepäck haben: eine zeitintensive Beschäftigung, eine gute bis sehr gute psychische Konstitution … und ein im günstigsten Falle menschliches Kuscheltier.