Ilka Schneider

»Zwischen Geistern
und Gigabytes« –

Abenteuer Alltag in Taiwan

Erschienen in der Edition Reiseratte im Dryas Verlag

 

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In Erinnerung an meine kleine Schwester
Huang Chenxuan

Ilka Schneider:
»Zwischen Geistern
und Gigabytes«

Inhalt

Vorwort

1. Ankunft im Taifun

2. Wohnen bei Mama Zheng

3. Verkehrsregeln oder: „Huhu! Ich komme!”

4. Tempelraten

5. Der Nationalheld Coxinga

6. Kulinarien

7. Der Gott der Literatur, das Mondholzorakel und die Schutzgöttin der Seefahrer

8. Regen, der auf Zedern fällt

9. Mitteherbstfest

10. Daoismus oder die Einheit aller Dinge

11. Chinesische Namen

12. Fragen der Höflichkeit

13. Torture-Cindy's Taiji

14. Der Geburtstag des Konfuzius

15. Sonderbar sind immer die anderen

16. Taibei

17. Teezeremonie

18. Taiji am Kongzimiao

19. Ausländer in Taiwan

20. Sag's durch die Blume

21. Allein sein, heißt traurig sein

22. Tuschmalerei

23. Alishan

24. Töne und Zahlen

25. Geistergeschichten

26. Karaoke

27. Wahlkampf beim Göttergeburtstag

28. Deutschunterricht

29. Krasse Frauen

30. Todesursache Liebe

31. Orakelchinesisch am Sonnemondsee

32. Sicherheit zum Zeitvertreib

33. Westlicher Jahreswechsel

34. Babylon

35. Chinesisches Neujahr

36. Chinesenkoller in der Taroko-Schlucht

37. Beim Friseur

38. Laternenfest

39. Taiwanische Spezialitäten

40. Betelnutbeauties

41. Japanbarock und Tabledance

42. Geburtstage

43. Erdbeben

44. Spielregeln

45. Sport und Wellness

46. Fest der internationalen Küche

47. Das Totenfest Qingmingjie

48. Die grüne Insel

49. Fahrradreparatur

50. Fiebrige Giftgedanken

51. Hochzeit und Geburt

52. Chinesische Fabeln

53. Super-Ama und die Taiwanfrage

54. Getier

55. Romance of the three kingdoms

56. Kuhhirte und Weberin

57. Die Freude der Fische

58. Wenn der Himmel herabstürzt

59. Felder und Berge

60. Der Doppelfünfte

61. Beim Wahrsager

62. Abfall

63. Abschiedsgeschenke

64. Gefahren des Alltags

Kleine Auswahl populärer Gottheiten

Karte

Literaturverzeichnis

Bilder

Impressum

Vorwort

Ende der 80er Jahre hatte ich in der VR China ein typisches Gespräch mit einem chinesischen Mitreisenden im Zug. Nach den üblichen Präliminarien, das Alter, den Familienstand und den Beruf betreffend, wollte er gerne wissen, ob Hitler Ost- oder Westdeutscher gewesen sei. Als ich antwortete, er sei Österreicher gewesen, war mein Gesprächspartner verwirrt und ich hoffte, dass ich nicht Österreich (Audili) mit dem mehr nach Austria klingenden Australien (Audalia) verwechselt hatte. Und, ergänzte ich naiv, damals hätte es auch noch kein West- und Ostdeutschland gegeben, sondern es sei damals ein Land gewesen, so wie China und Taiwan. Der freundliche Mann wurde plötzlich sehr ärgerlich und fing an lauthals zu schimpfen. Dass Taiwan auch heute noch eine Provinz der Volksrepublik sei und wovon ich überhaupt rede. Mehr verstand ich von seiner Tirade nicht, aber er hörte so schnell nicht auf. Nach diesem Ausbruch sprang er auf und kraulte sich hektisch durch den überfüllten Zug, weit weg von mir. Denn aus Sicht der VR gab und gibt es keine Teilung, sondern nur so etwas wie Widerspenstigkeit oder schlechtes Benehmen der Inselprovinz. Von der Heftigkeit der Reaktion erschrocken und von meiner unwissenden Taktlosigkeit peinlich berührt, übernahm ich dann das Taiwan-Tabu. Es war, als ob ich mir durch die Beschäftigung mit der VR China im vorauseilenden Gehorsam die Neugier auf Taiwan verboten hatte.

Das Wort „Taiwan“ löste bei mir daher weiterhin nur so wenig großartige Assoziationen wie billige Klamotten und Plastikspielzeug aus. Später kamen Elektronik und Notebooks hinzu. „Made in Taiwan“ eben. Ich kam nicht im Mindesten darauf, dies damit in Verbindung zu bringen, dass Taiwan in kaum einem Land als Staat anerkannt ist und es daher die Außenpolitik durch Außenwirtschaftspolitik ersetzen muss.

Das andere, was mir noch linientreu zu Taiwan einfiel, war, dass sich die im chinesischen Bürgerkrieg unterlegene nationalistische Partei Guomindang 1949 auf Taiwan zurückgezogen hatte und dort lange regierte. Und die war mir wegen korrupten und ausbeuterischen Benehmens im chinesischen Bürgerkrieg schon immer unsympathisch gewesen. Doch dann bekam ich aufgrund meines Chinesischstudiums die Möglichkeit, mit einem Stipendium für ein Jahr nach Taiwan zu gehen. Ich begann deshalb in meinem Hirn zu kramen, ob sich nicht auch positivere Aspekte finden ließen. Der taiwanische Regisseur Ang Lee fiel mir ein und sein Film „Das Hochzeitsbankett“. Und anhand dieser Geschichte, in der traditionell eingestellte Eltern aus Taiwan zu ihrem schwulen Sohn in die USA kommen und aus seiner Scheineheschließung eine große, chinesische Hochzeit mit allem Tamtam machen, fing es an mir zu dämmern: Taiwan ist ein chinesisches Land, in dem die Kulturrevolution nicht gewütet hat, in dem Traditionen und Bräuche noch lebendig sind, wo die alten Langzeichen benutzt werden und an jeder Ecke Geister und Götter hocken. Gleichzeitig handelt es sich mittlerweile um eine chinesische Demokratie mit hohem Lebensstandard. Plötzlich war ich Feuer und Flamme für Taiwan und wollte das chinesische Land erleben, das zugleich moderner und altmodischer ist als die VR China. Über mein bisheriges Desinteresse innerlich den Kopf schüttelnd, bewarb ich mich um das Stipendium.

Was ich da, wie vieles andere, noch nicht wusste, war, wie großartig Natur und Landschaft auf dieser kleinen Insel sind. Und mit wie viel Freundlichkeit mir die Menschen begegnen würden.

Als ich zurückkam, wurde ich regelmäßig gefragt, wie es denn war, in Thailand. Dabei war zu sehen, wie einige innerlich mit der Frage kämpften, warum um alles in der Welt ich denn zum Chinesisch lernen nach Thailand gegangen sei. Ich bin selber geografisch minderbegabt, aber dass Taiwan für vie le gar nicht zu existieren schien, machte mich im Hinblick auf das Allgemeinwissen der meisten Taiwaner über die Welt besonders betreten. So begann ich auf der Grundlage von damals kontinuierlich geschriebenen Texten und Geschichten dieses Buch zu schreiben.

Das Buch soll nicht nützlich sein, auf die Art wie ein Reiseführer nützlich ist. Es soll vielmehr den Nutzen des Nutzlosen haben, wie er im Buch Zhuangzi1 beschrieben ist. An einer Stelle diskutieren Huizi, ein Anhänger der sich mit Logik befassenden “Schule der Namen”, und Zhuang Zi (=Chuang Tzu=Tschuang Tse=Dschuang Dsi) darüber. Wer Zhuang Zi war, ob er sich selber als Daoisten bezeichnet hätte und ob es ihn überhaupt gab, ist – wie so oft – unklar, aber wenn, dann hieß er Zhuang Zhou und lebte vermutlich von 369-286 v.u.Z..

Huizi erzählt also, dass er Samen für einen Flaschenkürbis geschenkt bekommen habe, die Früchte aber so groß geworden seien, dass er nichts mit ihnen anfangen konnte. Als Gefäß konnte man sie nicht verwenden und auch zerteilt als Schöpflöffel nicht und so habe er sie zerschlagen. Zhuang Zi mokiert sich darüber, wie ungeschickt Huizi bei der Benutzung großer Dinge sei. Nach einer Parabel über den unterschiedlichen Nutzen, den man aus dem Rezept für eine Salbe gegen rissige Hände ziehen kann, fragt er Huizi: “Wieso habt Ihr nicht nachgedacht und daraus große Schwimmflaschen gemacht, um Euch mit ihnen auf Seen und Flüssen herumtreiben zu lassen? Stattdessen grämt Ihr Euch, weil sie zu groß und plump sind, um sie unterzubringen. Ihr hattet da wohl einen verworrenen Geist!”

Dieses Buch hier ist nun ohne Nutzen wenn man zum Beispiel ein Hotelzimmer sucht, und sonderlich groß ist es eigentlich auch nicht, doch zum vergnüglichen Treibenlassen durch eine fremde Welt könnte es taugen.

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1 Bücher, auf die im Text Bezug genommen wird, sind im Literaturverzeichnis im Anhang aufgeführt.