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Schnelleinstieg

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Inhalt

Vorwort

Wien ist eine geteilte Stadt. Nicht wie Berlin es einst war, mit einer Mauer in der Mitte. Wien ist durchschnitten wie ein Schachbrett: Es gibt zwei Gegensätze, schwarz und weiß, und es gibt viele von diesen Gegensätzen. Und am Schluss kommt dabei ein Ganzes heraus – eine Stadt.

Wenn man einige Zeit in Wien gelebt hat, erkennt man, dass die einzige Grundstimmung, die sich quer durch alle Bezirke, alle sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Gruppen zieht, die Ambivalenz ist. Wien ist koid-woam (kalt-warm), Wien ist süß-sauer, Wien ist laut-leise. Der Besucher kommt nach Wien und kann wählen, welche Stadt er gerne sehen möchte. Er kann beim nächsten Besuch eine andere Stadt sehen, beim nächsten wieder und so weiter. Und er wird lange nicht damit fertig werden, verschiedene Städte zu sehen.

Es gibt die geografische Teilung. Auf der einen Seite das historische Wien, die alte Stadt, auf der anderen Seite die beiden jüngsten Bezirke Floridsdorf und Donaustadt, dazwischen die Donau.

Es gibt die demografische Teilung. Die Wiener und die Zuagrasten, die Restösterreicher und sonstigen Zuwanderer. Es gibt den Gürtel und den Ring, den Heurigen und den Zentralfriedhof, Rapid und Austria, den Tafelspitz und den Kebab, die Döblinger und die Wohntürme in Alt-Erlaa.

Buchgraber & Brandl wollen Ihnen in diesem Buch Wien näherbringen. So wie wir die Stadt kennen und lieben gelernt haben. Als klassische Neo-Wiener, die voller Vorurteile in die Hauptstadt gezogen sind und bald feststellen mussten, dass alle Klischees der Wahrheit entsprechen. Und dass man Wien dafür umso mehr liebt.

Wo sind die Wiener?

Restösterreicher in Wien

Brandl. Ein altes und in ganz Österreich verbreitetes Sprichwort sagt: »Wien wäre so schön ohne die Wiener!« Nun muss man sagen, dass das schon ein wenig gemein formuliert ist. Daraus spricht die Eifersucht der Österreicher auf die schöne Stadt, die vielen Touristen, die gute Sachertorte. Andererseits haben sich die Einwohner unserer Hauptstadt im Lauf der Jahre einen Ruf erarbeitet, der – sagen wir es diplomatisch – etwas zweifelhaft ist. Sie würden auf das Land herabschauen, heißt es da, sie würden sich für nichts und niemanden außerhalb der Stadtgrenzen interessieren, sie würden den Rest von Österreich mehr oder weniger als mindere Provinz betrachten. Vereinfacht gesagt – man unterstellt den Wienern, sich auf Wien was einzubilden. Und obwohl es nicht angeht, hier pauschale Verurteilungen abzugeben, muss man sagen, dass das a) stimmt und b) nervt.

Keine andere österreichische Stadt besingt sich selbst in so vielen Liedern, so vielen Sagen und Legenden. Dagegen gibt es beispielsweise keinerlei uns bekanntes Liedgut, das die Vorzüge der Städte Wörgl (Tirol), Feldbach (Steiermark), oder Spittal an der Drau (Kärnten) lobpreist. Wien zelebriert sich selbst auf eine Weise, die dem Rest der Österreicher ein wenig suspekt ist. Da haben wir auch schon einen Grund für diese Vorbehalte: »Restösterreicher« – eine charmante Wortschöpfung aus Wien, einer Stadt, die flächenmäßig gerade einmal 0,5 Prozent der Fläche Österreichs einnimmt. Diese Stadt erdreistet sich, das gesamte Land außerhalb der eigenen Stadtgrenzen als »Rest« zu bezeichnen. In dieselbe Kerbe schlägt die liebevoll gemeinte Redewendung »in die Bundesländer«. Alles, was nicht aus Wien ist, ist »aus die Bundesländer« (um die korrekte Fall-Form kann man sich in der Bundeshauptstadt nicht auch noch kümmern). Den Wienern ist es nämlich egal, aus welchem der anderen acht Bundesländer etwas stammt, sind doch alle gleich. Gleich unwichtig.

Als wir nach Wien gezogen sind, waren wir schon ganz gespannt auf den »echten Wiener«, der uns seit unserer frühen Kindheit in so schöner Regelmäßigkeit im Fernsehen vorgeführt wurde. Da natürlich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Hauptstadt angesiedelt ist, gibt es nicht nur kein Liedgut aus anderen Städten Österreichs, auch praktisch alle heimischen Fernsehproduktionen spielen in Wien (oder in entlegenen Tiroler Bergdörfern, aber diese Sendungen werden fürs deutschsprachige Ausland produziert). Die Paradesendung in dieser Hinsicht hieß – um der Sache mehr Deutlichkeit als nötig zu verleihen – »Ein echter Wiener geht nicht unter«. Die ganz normalen Menschen aus dem ganz normalen Gemeindebau wurden da zu Kultfiguren erhoben. Mit Erfolg! Die Darsteller waren Stars, die Serie ein Hit – das ganze Land freute sich darüber, dass die Wiener so entlarvend vorgeführt wurden. Man war stolz darauf, kein Wiener zu sein, und darauf, nicht den ganzen Tag ein weißes Unterhemd zu tragen und Bier zu trinken. Der Spitzname der Hauptfigur, »Mundl« (von Edmund), wurde schließlich zum Synonym für den Prototypen des Wieners.

Und so haben wir uns richtig gefreut auf die ganzen Mundln, die uns in der schönen Wienerstadt empfangen würden. Wir haben uns gefreut auf den lieblichen Klang des Wiener Idioms, auf Habe-di-Ehre, Oida und Gschissana (Die Ehre ist ganz meinerseits, Alter, Geschissener – eine sarkastisch gemeinte Begrüßung unter Freunden oder eine echte Beleidigung).

Schon die Wohnungssuche brachte uns die erste Enttäuschung. Meine Maklerin war Serbin, Buchgrabers Vermieter aus Kärnten. »Treff isch Sie um drei, gut?« und »Do muast lei a bissale wos molen.« (Da muss man nur ein wenig ausmalen) war nicht das, was wir uns zu hören erhofft hatten. Also rein in den Alltag und rein in die Menge aus echten Wienern. Unsere erste Arbeitswoche brach an, freudig erregt marschierte ich los in Richtung Theater. Die Ersten, die mir über den Weg liefen, waren eine Gruppe orthodoxer Juden, die sich angeregt auf Hebräisch unterhielten und dann in schallendes Gelächter ausbrachen. Einer hatte offenbar gerade einen ausgezeichneten Witz erzählt. Auch der Ruf Wiens als Weltstadt war uns Provinzlern zugetragen worden – und gleich zu Beginn durfte ich die vielen Gesichter der Stadt sehen. Vorbei an einigen türkischen Läden und in die U-Bahn. Am Automaten neben mir unterhielten sich zwei junge Männer in breitestem Kärntnerisch. Im Waggon dann endlich eine echte Wiener Stimme, der Sicherheitschef der Wiener Linien sagte die nächste Station an. Aber doch auch enttäuschend, weil vom Band. Ich stieg von der U- in die Straßenbahn um, wieder keine echten Wiener, nur eine Gruppe von amerikanischen Schülern quakte durch den Waggon.

Im Theater stellte mir meine neue Chefin, eine Niederösterreicherin, die nach Wien pendelte, das Team vor: An der Technik ein Kärntner und ein Steirer, die in Wien studierten, und ein Kroate. Hinter der Bar eine Tirolerin, ein Burgenländer, eine Deutsche und eine Perserin (Wie der Kabarettist Michael Niavarani es formuliert: Die Iraner sind diejenigen, die Präsident Ahmadinejad bejubeln. Die Perser sind diejenigen mit der jahrtausendealten Hochkultur). Unser erster Dienstabend brach an, wir lernten einige Stammgäste kennen: aus Tschechien, Salzburg, aus der Nähe von Wien (beinahe!) und aus Kärnten. Der Künstler, der an diesem Abend auftrat, war übrigens Tiroler.

Wir feierten unseren Einstand und stießen darauf an, dass eine echte Wiener Institution wie unser Kleinkunsttheater jetzt von Restösterreichern geführt wurde (siehe ).

In den folgenden Wochen trat ein Muster hervor – in Wien gibt es keine echten Wiener. Wir lernten immer neue Leute kennen, alle schon irgendwie Wiener, aber alle mit restösterreichischer Geschichte. Oder solche, die in Wien geboren worden sind, dann aber ihre gesamte Kindheit und Jugend woanders verbracht hatten und erst vor Kurzem mit schwerem Dialekt und ebensolchen Vorurteilen in ihre »Heimat« zurückgekehrt waren. Wir trafen Taxifahrer aus Marokko und Deutschland, Beamte aus Niederösterreich und der Türkei, Pizzabäcker aus Japan, Sushi-Zusteller aus Indien, England und Bolivien und Trafikantinnen (Tabakladenbesitzerinnen) aus Bosnien. Die Künstler kamen aus Oberösterreich, die Ärzte aus Kärnten. Die Politiker kamen woher es ihnen passte. Alles, nur keine Wiener. Allein die Straßenbahnschaffner konnten wir nicht einordnen, die reden nicht mit Fahrgästen. Wie um alles in der Welt konnten die Autoren jener Fernsehserie den »echten Wiener« porträtieren, wenn es ihn nicht mehr gab? Oder war die Serie eine Hommage an eine aussterbende Spezies? Und warum war in Wien immer von Restösterreichern die Rede, wenn doch ohnehin alle Bewohner aus Restösterreich, wenn nicht sogar der Restwelt stammten?

Die Erklärung mag in einer Eigenschaft Wiens liegen, die man als Restösterreicher erst erkennt, wenn man kein Restösterreicher mehr ist. Und die man dann gleichermaßen verflucht und bejubelt: Wer in Wien lebt, ist ein Wiener. So einfach ist das. Man kann gar nichts dagegen machen, so sehr man auch Restösterreicher bleiben will, die Stadt ist stärker.

Unsere letzte Hoffnung war der Bürgermeister Dr. Michael Häupl. Eine kurze Recherche im Internet ergab: geboren in Altlengbach, zur Schule gegangen in Krems – beides liegt in Niederösterreich.

Sehr enttäuschend.

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Heimatgeschichte – Wo die Wiener herkommen

Wien war – man glaubt es kaum – einmal die viertgrößte Stadt der Welt, und zwar zwischen 1910 und 1918. Es war die Blütezeit der k. u. k. Monarchie, als Untertanen aus allen Kronländern in die Hauptstadt strömten. Und zwar mit einer Zuwachsrate, die heute kaum mehr vorstellbar ist: Von 1857 bis zum Ersten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung der Stadt von 676.000 auf über 2,1 Millionen.

Ein gutes Fünftel der Zuwanderer kam aus Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien, je 15 Prozent aus Niederösterreich und dem Ausland, nur vier Prozent aus den übrigen heutigen österreichischen Bundesländern. Der Rest stammte aus den damaligen Kronländern im Osten und Südosten.

Seit der Monarchie hat sich die Mischung der Wiener nur gering verändert. Rund 20 Prozent der Wohnbevölkerung sind keine österreichischen Staatsbürger, die meisten Zuwanderer stammen aus der Türkei, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien und Slowenien. Dazu kommen Polen, Tschechen, Ungarn und Rumänen. Rund 26.000 Deutsche leben in Wien und einige Tausend Menschen aus anderen EU-Ländern.

Quelle:

Heimatspuren – Restösterreicher, vereinigt euch

Was die Restösterreicher, die nach Wien gezogen sind, angeht, sind den Autoren keine genauen Zahlen bekannt. Es sind viele. Und sie versuchen alle, ihre regionale Identität zu behalten, wie ein kurzer Streifzug durchs Internet zeigt. Fast jedes Bundesland ist im »Wiener Exil« als Verein, Landsmannschaft oder Club organisiert. Es gibt die Kärntner Landsmannschaft, den Club Salzburg, den Tirolerbund, die Burgenländische Landsmannschaft, die Vorarlberger in Wien, den Verein der Oberösterreicher und die Steiermärker in Wien.

Die einzige Ausnahme bilden die Niederösterreicher. Das mag daher kommen, dass Niederösterreich einfach zu nahe an Wien ist (Wien ist in das Bundesland NÖ eingebettet) und dass Wien lange Zeit sogar die Landeshauptstadt war.

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Durch Wien durch

Autofahren in der Hauptstadt

Brandl. Was ein Restösterreicher ist, haben wir schon erklärt. Wien ist Wien, der Rest ist der Rest. Wenn man als Restösterreicher nach Wien zieht, ist man zuerst von der schieren Größe der Stadt erschlagen. Bewohner anderer europäischer Länder werden das vielleicht nicht verstehen können, Wien ist mit 1,7 Millionen Menschen zwar groß, im europäischen Vergleich aber im Mittelmaß. Für österreichische Verhältnisse jedoch ist Wien ein Moloch – rund ein Viertel aller Österreicher lebt in Wien. Die anderen drei Viertel nennen ihre Hauptstadt auch liebevoll den »Wasserkopf«. Die Größe bedingt einen anderen Faktor, den Zuwanderer aus den Provinzen gerne unterschätzen: die Distanz. Da verabredet Brandl sich schnell mal auf einen Kaffee in der Innenstadt, und dann ist er eine gute Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Beim nächsten Mal ist er aber schlauer, sagt er sich, und nimmt das Auto.

Fehler.

Bevor wir nach Wien gezogen sind, kannten wir drei verschiedene Arten, Wien mit dem Auto zu bereisen. Wir kannten das An-Wien-vorbei-Fahren – immer dann angewandt, wenn wir nicht nach Wien wollten, sondern woanders hin. (Interessanterweise ist das bei den meisten Restösterreichern die beliebteste Art, Wien zu bereisen.) Außerdem kannten wir das Nach-Wien-hinein-Fahren – das machen eigentlich nur die Busfahrer, die Reisegruppen von Restösterreichern zu kulturellen Veranstaltungen bringen und danach wieder abholen. Die dritte Art der Wien-Reisen war schon immer mehr Mythos als Fakt, nur wenige haben es versucht, kaum jemand kann davon berichten. Die bloße Vorstellung davon lässt den Restösterreicher erschaudern. Schon in ihrer Kindheit wurden wir von unseren Eltern mit der Drohung zur Räson gebracht: »Wenn du nicht brav bist, dann setz ich dich ins Auto und fahr mit dir durch Wien durch.«

Seitdem wir nach Wien gezogen sind, haben wir eine neue Beobachtung gemacht. Die eingeborenen Wiener fahren sehr wohl durch Wien durch. Jeden Tag sieht man sie, zu Tausenden stehen sie in ihren Autos auf den Straßen herum. Daraus folgt: Wenn man Wiener ist, kann man durch Wien durch fahren und später noch darüber berichten. Wir machten die Probe aufs Exempel, als Buchgraber im Zuge der Übersiedlung in ein Möbelhaus musste. Ich bot meine Hilfe an.

In Wien kann man fast alle Einkäufe in der großen Shopping-City im Süden der Stadt erledigen, aber eben nur fast alle. Es gibt dann immer noch das eine Ding, das man unbedingt braucht und das es nur in dem einen Geschäft gibt. Und wenn der eigene Wohnort und die Shopping-City eine gerade Linie bilden und man über dieser Linie ein gleichseitiges Dreieck errichtet, dann liegt dieser eine Shop mit Sicherheit dort, wo die Spitze dieses Dreiecks liegen würde. Und zwar unabhängig davon, in welchem Teil der Stadt man lebt.

Wir bestiegen meinen kleinen grünen Skoda, atmeten ein letztes Mal tief durch und reihten uns in den Verkehr ein. Ein Autofahrer mit Salzburger Kennzeichen ließ uns vor sich in die Kolonne, er war an diesem Tag der Einzige, der eine derartige Freundlichkeit an den Tag legte. Zuerst ging es den berühmt-berüchtigten »Gürtel« entlang. Das ist die Hauptverkehrsader der Stadt, die das Zentrum im Westen halb umrundet. Der Verkehr gestaltete sich zäh fließend, mit kleinen Sprints zwischen den Ampeln. Wir hielten fleißig mit und lernten schnell zwei Grundregeln, die es im Wiener Verkehr zu beachten gibt.

Grundregel 1: Wer mit seinem Auto an einer roten Ampel in vorderster Reihe steht, sollte sich auf ein Hupkonzert der anderen Verkehrsteilnehmer einstellen. Dieses hat er durch eine von zwei möglichen Provokationen selbst verschuldet. 1a) Entweder hat er auf das grüne Licht gewartet oder 1b) er hat zwischen Grünlicht und Anfahren mehr als 0,5 Sekunden verstreichen lassen. Hupkonzerte treffen ganz besonders Fahrer mit Nicht-Wiener Kennzeichen. Die sind böse Fremdkörper und haben somit überhaupt kein Recht, ein Hindernis darzustellen.

Grundregel 2: Wer an einer roten Ampel nicht in der ersten Reihe steht, macht sich seinerseits zum Hupen bereit. Die Wiener haben vielleicht ein goldenes Herz, aber sicherlich keine Zeit.

Aber auch der Spaßfaktor kam am Gürtel nicht zu kurz. Während ich jede Lücke nutzte, um schneller voranzukommen, versuchten alle anderen Autofahrer ihrerseits, jede Lücke zu schließen. Das war vor allem dann der Fall, wenn ich den Blinker betätigte. Immerhin zeigte ich damit eine Lücke an, die es zu schließen galt, die Fahrer hinter mir gaben auf der Stelle Vollgas. Wir verließen den Gürtel und bogen auf den Autobahnzubringer ein. Auch hier wurde überholt, wo immer Platz war. Und ein bisschen Platz war offenbar überall, es musste ja nicht viel sein.

Wir erreichten die Shopping-City und erledigten unsere Einkäufe. Wir haben auch alles bekommen – fast alles. Es gab da nämlich noch dieses eine Ding, das es nur in diesem einen Geschäft gab, und das lag eigenartigerweise ganz am anderen Ende der Stadt. Aber was soll’s, dachten wir uns, wir sind ja jetzt echte Wiener, folglich schaffen wir das. Außerdem waren wir damals schon echte Männer, die sich schon von Natur aus in der Stadt, in der sie sich gerade befinden, auskennen. Dementsprechend hatte ich auf den Kauf eines Navigationsgeräts verzichtet. Die alte Straßenkarte musste es auch tun. War ja einfach – auf dem Papier. Einmal quer durch die Stadt. Nix dabei.

Wir nahmen dieselbe Autobahn, die uns ins Shoppingcenter gebracht hatte. Wo es aus der Stadt rausgeht, muss es auch wieder reingehen. Was man allerdings nicht sieht, wenn man aus der Stadt raus fährt, sind die unzähligen Möglichkeiten, in die Stadt rein zu fahren. Um nur einige zu nennen: Industriezentrum Süd, Wiener Neudorf, Vösendorf, Altmannsdorf, Inzersdorf, Triesterstraße, Schwechat, Favoriten, Simmering, Bratislava, St. Marx, Erdberg, Handelskai, Ölhafen Lobau, Stadlau, Kaisermühlen, Kagran und Zentrum. Weil wir als Wien-Anfänger mit all diesen Richtungsangaben nichts anfangen konnten, und wir das Zentrum unserer schönen Heimatstadt Graz (mit ihren 300.000 Einwohnern) ja auch recht übersichtlich in Erinnerung hatten, entschieden wir uns, den direkten Weg mitten durch die Stadt zu nehmen. Achtung – Fehler.

Niemals sollten Sie, geschätzte Leser, Ihren Wagen ins Zentrum von Wien lenken. Da stehen auf Kreuzungen Autowracks aus den 60ern, die von ihren verzweifelten Besitzern einfach zurückgelassen wurden. Da schleicht des Nachts zwielichtiges Gesindel herum und überprüft Ihre Parkgenehmigung (siehe ). Da fahren brennende Kutschen, gezogen von beinernen Gäulen, und wenn man sich einmal hinter ihnen eingereiht hat, gibt es kein Entrinnen mehr, bis man vor dem goldenen Johann Strauß angelangt ist. Im Ernst: Das Zentrum macht einfach keinen Spaß. Vor allem der 1. Bezirk ist ein wahres Labyrinth. Der mittelalterliche Stadtkern, obwohl modernisiert und entschärft, kann Menschen regelrecht verschlucken. Schuld ist ein ausgeklügeltes Einbahnsystem, das von Verkehrsplanern zunächst als verkehrsberuhigende Maßnahme erdacht wurde, dann aber völlig außer Kontrolle geraten ist. Als auch der Letzte der Planer in dem Irrgarten auf Nimmerwiedersehen verschollen war, hat die Stadt das Projekt beschämt in eine der unteren Schubladen gelegt und dort »vergessen« – in der Hoffnung, dass keiner was merkt.

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Nicht immer darf man dorthin, wo man hinwill

Buchgraber und ich waren immer noch guter Dinge, wir beschlossen, den »Zentrum«-Schildern eine Weile zu folgen und dann einfach geradeaus weiterzufahren, denn dann müssten wir zwangsläufig auf der anderen Seite des Zentrums wieder herauskommen. Was wir nicht wussten, war, dass man im Zentrum von Wien nicht geradeaus fahren kann. Schuld ist oben genanntes Einbahnsystem. Wir näherten uns einer kleinen Kreuzung und konnten vor unserem geistigen Auge unser Ziel schon fast vor uns sehen. Da stand es, winkte einladend herüber, freute sich auf uns. Doch da stand auch ein »Einfahrt verboten«-Schild, wir mussten rechts abbiegen. Kein Problem, wir bogen rechts ab. Bei der nächsten Kreuzung würden wir einfach wieder links fahren, dann noch einmal links, dann rechts und schon wären wir um den Block herum und wieder auf Kurs. Wieder eine Einbahn. Auch kein Problem, dann würden wir eben um den anderen Block herum fahren, also noch zweimal rechts, und wir wären wieder auf Kurs. Ging auch nicht. Wir fuhren also rechts, rechts, links, rechts, noch einmal rechts, links, zweimal rechts, blieben mitten auf der Straße stehen und fragten nach dem Weg. Ein Juwelier erklärte uns, das sei ganz einfach, wir müssten nur die Zweierlinie (siehe ) entlang fahren. Wir hakten nach, was denn bitte die Zweierlinie sei. Die Antwort ging in einem Hupkonzert der Autofahrer hinter uns unter. Also weiter! Durch eine kleine Unterführung – da waren wir noch nie, oder? – über einen hübschen Platz, wieder links, eine Weile geradeaus, weil wir weder links noch rechts abbiegen konnten, an einem Park vorbei – im Zentrum gibt es keine Parks, dachte ich noch – und schon waren wir auf der Ringstraße. Schön, aber nutzlos. Nicht die Ringstraße an sich, die hat schon ihren Nutzen. Man kann dort flanieren, fotografieren, demonstrieren. Nur in dem Moment, in dem wir eigentlich auf die andere Seite des Zentrums wollten, war die Ringstraße nicht von großem Nutzen, weil geografisch völlig falsch gelegen.

Wir bogen von der Ringstraße ab und ließen uns diesmal von der Sonne leiten. Männer können an sich recht gut mit den Himmelsrichtungen navigieren. Ich erspare Ihnen an dieser Stelle die genaue Abfolge der Abzweigungen, lassen wir es dabei bewenden, dass es viele waren. Wir endeten auf dem hübschen Platz, auf dem wir zuvor schon einmal gewesen waren. Das ist ein Fortschritt, dachten wir uns, immerhin wissen wir jetzt wieder, wo wir sind. Nämlich auf dem hübschen Platz im Zentrum von Wien, südöstlich von diesem einen berühmten Gebäude an der Ringstraße, das doch der Dings gebaut hat. Wir fragten wieder nach dem Weg. Ein anderer Juwelier (im 1. Wiener Gemeindebezirk gibt es mehr Juweliere als Mozart-Doubles, die Flyer verteilen) zeigte uns einen Plan und schickte uns auf die Zweierlinie. Immer weiter ging’s, Richtung Zweierlinie, immer durch Einbahnen, entweder im Schleichtempo hinter Fiakern her oder gehetzt von Wiener Taxifahrern, für die wir wegen unseres Noch-Grazer Kennzeichens böse Fremdkörper waren, die es zu beseitigen galt. Wieder auf dem hübschen Platz. Der muss aber beliebt sein, dieser Platz, dachten wir uns, so viele Wege führen hierher. Lustig. Beim nächsten Mal fanden wir es schon weniger lustig, bemerkten aber, dass vor allem die nordöstliche Seite des hübschen Platzes besonders hübsch gestaltet war. Weiter! Beim vierten Besuch auf dem hübschen Platz hätte ich es am liebsten angespuckt, das hübsche Kopfsteinpflaster auf dem hübschen Platz. Es wurde langsam dunkel. Buchgraber wollte noch einen letzten verzweifelten Versuch starten und einen Juwelier nach dem Weg fragen, ich ließ die Vernunft siegen. Wir riefen ein Taxi (siehe ) und baten den Fahrer, uns nach Hause zu lotsen. Der wollte witzig sein und meinte, wir hätten uns nur nach Westen halten müssen, und dann die Zweierlinie entlang.

Der simple Ausflug zum Shoppingcenter schlug schließlich wie folgt zu Buche: sechs Stunden unterwegs, 92 gefahrene Kilometer, Benzinverbrauch 17 Liter (ein Skoda Baujahr 1992 ist gerade im Stadtverkehr nicht zimperlich), Benzinkosten: € 23,63, drei Dosen Red Bull, zwei Schokoriegel.

Conclusio: Ich habe mir ein Navigationsgerät gekauft, Buchgraber fährt jetzt U-Bahn.

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Heimatwissen – Parken in Wien

Im Zentrum von Wien gilt eine flächendeckende Kurzparkerlaubnis, Mo–Fr (werktags) 9–22 Uhr. Sie umfasst die Bezirke 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 20. Im 15. Bezirk gilt rund um die Stadthalle eine eigene Regelung: 1. September bis 30. Juni 18–23 Uhr. Man darf hier maximal 2 Stunden mit einem Parkschein stehen bleiben. Die Zonen sind an ihren Grenzen markiert, innerhalb der Zonen gibt es keine weiteren Hinweise. Auch in den äußeren Bezirken von Wien gibt es immer wieder Straßenzüge oder -abschnitte, in denen eine Kurzparkzone eingerichtet ist.

Parkscheine bekommt man in Trafiken (Achtung: Die meisten Trafiken – Tabakladen, Kiosk – in Wien machen Mittagspause!), in vielen Tankstellen, Banken, an Ticketschaltern der Wiener Linien und in Bahnhöfen.

½ Stunde: € 0,60

1 Stunde: € 1,20

1 ½ Stunden: € 1,80

2 Stunden: € 2,40

Kurzes Halten bis 10 Minuten ist kostenlos, man muss dazu allerdings einen lila Parkschein mit der Ankunftszeit ausfüllen und ins Fahrzeug legen.

Neben den flächendeckenden Parkzonen gibt es in allen Bezirken auch die sogenannten linearen Kurzparkzonen. Diese sind mit eigenen Verkehrszeichen ausgeschildert. Alle wichtigen Informationen sind auch auf zusammengefasst.

An vielen Stadteinfahrten gibt es Park & Ride-Anlagen. Dort können Sie das Auto direkt neben U- oder S-Bahn-Stationen abstellen. Infos und Tarife unter

Man kann Parkscheine auch mit dem Handy lösen. Infos darüber gibt’s auf

Wien verfügt über ein ausgezeichnetes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln:

Heimatwissen – Taxis

Wien hat zahlreiche Taxiunternehmen, hier drei Telefonnummern, die man sich problemlos merken kann:

Heimatwissen – Die Zweierlinie

Die Zweierlinie ist ein Straßenzug, der außerhalb parallel zur Wiener Ringstraße verläuft. Er wurde am äußeren Rand des Glacis genannten Schussfeldes errichtet, nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts die Stadtmauer abgetragen wurde. Und zwar zuerst als »Lastenstraße«, um den Lastenverkehr von der repräsentativen Ringstraße fernzuhalten. Der Name Zweierlinie rührt daher, dass ab 1907 einige Straßenbahnlinien diese Route befuhren und dass die Lastenstraße die Strecke Nummer zwei war – die Ringstraße war natürlich wieder die Nummer eins.

In den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden einige Straßenbahnlinien in einen Tunnel unter die Erde verlegt, daraus ist später die U-Bahn-Linie U2 hervorgegangen. Wichtig ist die Zweierlinie unter anderem, weil die Ringstraße eine Einbahn im Uhrzeigersinn ist – die Zweierlinie kann auch in der Gegenrichtung befahren werden.

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Der Naschmarkt

Schauen und kosten

Brandl. Wenn man einen freien Tag hat in Wien und nicht so recht weiß, was man mit diesem anstellen soll, und wenn das Wetter schön ist und somit die Museen der Stadt wenig attraktiv erscheinen, und man zu spät aufgestanden ist, um sich einer ausgiebigen Erkundungstour hinzugeben, dann lautet eine beliebte Option: Schauen wir auf den Naschmarkt. Der Naschmarkt erstreckt sich vom Karlsplatz und der berühmten Wiener Secession (siehe ) nach Westen und ist der Wiener Markt. Wobei – wobei »Markt« in diesem Fall nicht mehr ganz das richtige Wort ist. »Genuss-Bezirk« trifft es eher. Neben den klassischen Marktständen, die Fleisch, Käse und Gemüse anbieten, gibt es inzwischen mindestens genauso viele Restaurants, Imbissbuden sowie Gewürz- und Süßwarenhändler aus allen vier Himmelsrichtungen. Ein El Dorado für Naschkatzen. Wie auch ich eine bin, das muss ich an dieser Stelle offen zugeben.

Ein solch freier Tag kam, ich wusste nicht so recht, was ich anstellen sollte, und schaute also zum ersten Mal auf den Naschmarkt. Sofort wurde mit klar, warum man sagt: Man schaut auf den Naschmarkt. Weil man das dort hauptsächlich macht: schauen. Man schaut, was es so gibt, man schaut, ob man findet, was man sucht, oder man schaut den anderen beim Schauen zu – und nicht wenige schauen, wo sie möglichst schnell das nächste Viertel Wein herbekommen. Ich habe mich zuerst einmal nur vorsichtig umgeschaut.

Da fiel mit etwas auf: Die Menschen am Naschmarkt waren etwas anders als die übrigen Menschen in Wien. Was eigenartig war, weil der Naschmarkt in Wien liegt, aber fast schien es, als gäbe es zwischen dem Naschmarkt und dem Rest von Wien eine unsichtbare Grenze. In Wien legen die Menschen einen oft etwas herb anmutenden Charme an den Tag, das haben wir schon geklärt. Am Naschmarkt waren die Menschen eine entscheidende Spur freundlicher, offener und entspannter. Sie redeten miteinander, sie scherzten, sie tratschten. Und damit nicht genug! Die Menschen waren nicht nur freundlich, sondern obendrein auch noch freigiebig. Ich war erstaunt. Immer wieder steckten Verkäufer ihren potenziellen Kunden kleine Kostproben zu, um sie von der Qualität der Ware zu überzeugen.

Nun ist das auf Bauernmärkten in ganz Österreich nicht unüblich, die Menge der Happen am Naschmarkt überraschte mich aber doch. Zuerst griff ich nur zögerlich zu, später wurde ich immer selbstbewusster – beinahe fordernd. Auch ohne etwas angeboten zu bekommen, streckte ich die Hand aus, um dem Händler zu signalisieren: Hier bin ich, bereit zum Konsum, jetzt wollen wir mal sehen, wie sehr du mich willst. Die Antwort war ernüchternd – sie wollten mich schon, aber nicht so sehr, wie ich dachte. Immer wieder kamen mir nämlich kleine süße Kinder in die Quere, die das abstaubten, was mir zugestanden wäre. Sobald ich mich auf eine exotische Köstlichkeit freute, wurde diese verschleudert an kleine verklebte Hände. Hände, die es nicht einmal schafften, die Köstlichkeit im Ganzen in den kleinen schokoladeverschmierten Mund zu befördern – eine Hälfte landete mit trauriger Regelmäßigkeit auf Jacken, in Taschen oder auf dem Boden. Und trotzdem freuten sich immer alle, dass es dem kleinen Racker so gut schmeckte! Ich war frustriert, aber in mir reifte eine Idee.

Bei nächster Gelegenheit handelte ich. Ich lieh mir meine dreijährige Nichte Melanie aus, die sich über einen Tag mit dem Onkel freute. Außerdem lieh ich mir Buchgraber aus, der auch noch den Sohn eines Freundes, vier Jahre alt und ein Max, mitbrachte. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Naschmarkt. Nach einer kurzen Aufwärmphase, in der die Kinder herumtollten und Buchgraber das tat, was Naschmarkt-Neulinge eben so tun (schauen), weihte ich die Gruppe in mein Vorhaben ein. »Heute«, sagte ich, »werden wir einen Tag lang gratis essen.« Max mochte essen, Buchgraber mochte gratis und Melanie mochte die Heimlichtuerei.

Der Plan war einfach. Wir würden über den Markt streifen und alles nehmen, was uns angeboten würde. Unabhängig von Herkunft, Qualität oder Konsistenz der einzelnen Kostprobe, es ging einzig um die Menge. Viele kleine Happen machen auch ein Menü, und wenn’s dem einen nicht schmeckt, sind immer noch die anderen da. Mein Plan sah vor, die Gruppe zu teilen – die Geografie des Ortes ist dafür wie geschaffen. Der Naschmarkt ist nicht sonderlich breit, dafür lang gezogen. Er liegt zwischen den beiden Straßenzügen Rechte Wienzeile und Linke Wienzeile, direkt über dem früheren Flussbett der Wien, das Ende des 19. Jahrhunderts überbaut wurde. Dasselbe frühere Flussbett wird übrigens inzwischen von der U-Bahn-Linie 4 befahren, Fluss und Bahn teilen sich denselben Tunnel. Somit gehen sich aus Platzgründen auf dem Markt nur zwei »Hauptstraßen« aus, die der Länge nach zwischen den Ständen hindurchführen (siehe ).

Den anderen waren diese Ausführungen herzlich egal, Max freute sich aufs Essen, Buchgraber aufs gratis und Melanie musste aufs Klo. Das Unternehmen startete mit geringfügiger Verspätung.

Ich setzte Melanie auf meine Schultern und zog in der einen Hauptstraße los, Buchgraber und Max nahmen die andere Straße. Die Genialität meines Plans wurde mir erst jetzt so recht bewusst, ich hätte keinen besseren Platz für dieses Unternehmen finden können. Von links lockte getrocknetes Obst, von rechts Curry, vom nächsten Stand Prosciutto, dazwischen fand man griechischen und französischen Käse und Äpfel aus der Steiermark. Daneben pries ein Händler Hunderte verschiedene Gewürze an, ein anderer Essiggurken, ein weiterer Döner und Falafel. Es gab Nüsse, Oliven, Datteln, Heidelbeeren, Parmesan, Öle in verschiedensten Aromen, Maulbeeren, Linsen, Honig, Pfeffer, Sauerkraut, Reis und Sushi.

Die Düfte vermischten sich auf eine ganz sonderbare Weise – es roch scharf, süß, sauer, verlockend und abstoßend, fischig und würzig. Nach Italien roch es, nach Persien, nach Ungarn. Je nachdem, in welche Himmelsrichtung man seine Nase streckte, man wähnte sich in einem anderen Teil der Welt. Griechischer Schafskäse verhieß Strand und Sonne und Sirtaki, man dachte an Abende in der Taverne, wo man Retsina trinkt und Weißbrot in Olivenöl tunkt. Feigen und Datteln entführten in den Orient, in die Wüste. Vor dem geistigen Auge türmten sich Sanddünen auf, die von Vorarlberger Bergkäse schlagartig in Almweiden verwandelt wurden. Kamele staksten über grüne Berghänge, der Senner rauchte Wasserpfeife. Erst der Duft gegrillter Käsekrainer (siehe ) brachte mich zurück nach Wien. Fast schien es, als hätte sich hier nicht nur eine kulturelle Enklave gebildet, nein diese Enklave hatte auch noch einen Gutteil der bekannten Welt zum Essen eingeladen, und jeder musste was mitbringen.

Mein Tipp an Sie, werte Leserinnen und Leser, gehen Sie auf den Naschmarkt nicht nur, um zu schauen, beim Schauen kann man allzu leicht was übersehen. Setzen Sie sich ein Ziel, suchen Sie eine Sache und Sie werden eine kleine Welt entdecken. Für mich erwachte der Markt zum Leben. Ich plauderte mit fremden Menschen über Kochrezepte, Politik und das Wetter. Ich verstrickte mich heillos in den Versuch, einem Ehepaar aus Lyon zu erklären, was Schmalz ist. Mein Schulfranzösisch brachte mich nur ein Stück weit. Wir waren uns einig, dass es sich um ein tierisches Produkt handelte. Offen blieb allerdings, von welchem Tier und welcher Teil des Tieres dafür verarbeitet wurde. Von der Delikatesse bis hin zur regionalen Absonderlichkeit war alles offen. Gerettet wurde ich von einem Herrn aus dem Sudan, der das Gespräch einige Minuten lang belauschte und meine wachsende Verzweiflung zuerst mit Amüsement und dann mit Mitleid betrachtete. Er ging kurz dazwischen, schaute uns einige Sekunden lang an und meinte dann nur: »Saindoux«. Die Franzosen waren entzückt, ich war erlöst.

Melanie fand eine kleine Freundin, mit der sie sich die U-Bahn von oben ansah. An einigen Stellen ist der unter dem Markt liegende U-Bahn-Tunnel nicht überdacht, man kann auf Brücken stehen und den Fahrern zuwinken, die unter einem durchbrausen. Zu ihrer großen Freunde winkten beinahe alle zurück.

Ein Händler erzählte uns, dass er seine alte Heimat Ägypten mit vier Jahren verlassen hatte. Inzwischen sei er waschechter Wiener, nur für die Touristen würde er noch hin und wieder den Akzent seiner Eltern imitieren. Nervig, aber gut fürs Geschäft. Melanie streckte eine verklebte Hand aus, der ägyptische Wiener grinste, sagte: »Du sollst chaben langes Lebben!«, und überreichte ihr feierlich eine Dattel.

Ein kleines süßes Kind war tatsächlich der Schlüssel zu den Herzen und Waren der Händler! Und Melanie war nicht nur besonders klein, sondern auch besonders süß. Wir beendeten den ersten Durchgang mit einer Handvoll Nüssen, zwei Falafeln, vier Oliven, zwei getrockneten Äpfeln, einer Erdbeere vier gebrannten Mandeln, einem Stück Trüffelkäse aus dem Piemont, zwei gerösteten Kichererbsen, zwei verschiedenen Blättern Salami und der oben erwähnten Dattel. Buchgraber war außerdem ein ziemlich starker Grappa, Max sogar ein kleines Eis vergönnt.

Jetzt erst spielte ich meinen Trumpf aus: Kindertausch. Die Verkäufer können sich vielleicht einzelne Gesichter merken, aber nicht, wenn diese in neuen Kombinationen auftauchen. Wir zogen in veränderter Besetzung erneut los, anschließend setzten wir noch eine Schlussrunde zu viert drauf. Dann wurde mir flau im Magen. Wie jede große Unternehmung forderte auch diese ihren Tribut. Ich verlor ein Büschel Haare, weil Melanie mir irgendwas besonders Klebriges in die Frisur tropfte. Buchgraber hatte Blasen an den Füßen und ein leicht geschwollenes Auge, weil Max sein zweites Eis vehement zu verteidigen wusste. Die Kinder waren glücklich und satt, ihre Eltern hatten allerdings einige Tage lang mit einer unerklärlichen Appetitlosigkeit der Kleinen zu kämpfen.

Mein Fazit: Ich habe mich an diesem Tag in den Naschmarkt verliebt. Nicht nur, weil man sich dort kulinarisch verwöhnen lassen kann. Es war etwas anderes: Ich war bis zu diesem Tag ein Fremder in der Stadt, die ich als groß und ein wenig unnahbar empfand. Am Naschmarkt war ich mit einem Mal nur noch ein Fremder unter vielen – und doch waren wir alle Wiener. Ich war in der großen weiten Welt unterwegs und gleichzeitig zu Hause. Erst die Fremden machen Wien zu dem, was es ist. Österreich war immer schon eine Melange aus Kulturen und Sprachen, und das ist es noch heute. Der Naschmarkt ist das schönste Beispiel dafür, dass diese Stadt mehr ist als die Summe der einzelnen Teile.

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Heimatgeschichte – Secession

Die Wiener Secession war zuerst eine Gruppe bildender Künstler in Wien, die sich in der Zeit des Fin de Siècle als Gegenpol zum Konservatismus und Historismus bildete. Ein berühmter Vertreter ist Gustav Klimt. Die Gruppe bekam 1898 ein eigenes Ausstellungshaus, das in Wien kurz »die Secession« genannt wird. Berühmt ist das Gebäude vor allem durch seine goldfarbene Kuppel. Es dient noch heute als Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst.

Heimatgeschichte – Naschmarkt

Die Geschichte des Naschmarktes beginnt mit einem Mistplatz. Im Mittelalter, als die Wien noch unreguliert von Westen her auf die Stadt zufloss, wurde an den Ufern der Wien Asche abgeladen, später hat sich an derselben Stelle ein kleiner Milchmarkt etabliert.

1780 wurde ein anderer, nämlich der innerhalb der Stadt gelegene Obst- und Gemüsemarkt auf der Freyung, vor die Tore Wiens verlegt, an die Stelle des schon existierenden Milchmarktes. Der Name: Kärntnertormarkt. Kurz darauf wurde sogar verordnet, dass alles Obst und Gemüse, das von außerhalb der Stadt mit dem Wagen nach Wien gebracht wird, hier verkauft werden muss.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Wienfluss reguliert und schlussendlich überbaut, neue Fläche wurde damit auch für den Markt gewonnen. Gleichzeitig lief der Markt Gefahr, erneut weichen zu müssen, da die Linke und Rechte Wienzeile zum Prachtboulevard in Richtung Schloss Schönbrunn ausgebaut werden sollten. Der Erste Weltkrieg vereitelte diese Pläne.

Für die Herkunft des Namens »Naschmarkt« gibt es einige mögliche Erklärungen. Der Markt an dieser Stelle wurde immer schon »Aschenmarkt« genannt, wegen der Aschedeponie vergangener Tage. Als sich später der Milchmarkt etabliert hatte, wurden die Milchbehälter als »Asch« bezeichnet. Von diesen Bezeichnungen war es nur eine kleine Lautverschiebung zu den Naschereien aus aller Herren Länder, die auf dem Naschmarkt feilgeboten wurden. 1905 wurde der Naschmarkt auch offiziell auf diesen Namen getauft.

Quelle:

Heimatküche – Käsekrainer

Eine Käsekrainer ist eine Wurst, die an keinem österreichischen Wurststand fehlt. Sie ist eine Abwandlung der Krainer Wurst, die ihre Wurzeln in der Landschaft Krain in Slowenien hat. Sie besteht aus Schweinefleisch, Rindfleisch und Speck, mit Knoblauch und Pfeffer gewürzt. In der Käsekrainer sind außerdem Käsestücke verarbeitet, sie wurde angeblich erst in den 1980er-Jahren in Österreich erfunden. Im Großteil Österreichs werden die Würste gekocht und dann mit Senf und geriebenem Kren serviert. Die Wiener Wurstbrater werfen die Käsekrainer zumeist auf den Grill.

Im Wienerischen werden Käsekrainer als »Eitrige« bezeichnet – ein wenig schmeichelhafter Name für eine regionale Spezialität, die man unbedingt versucht haben muss.

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