Lesereise Myanmar/Burma
Picus

Ralf Sotscheck

Lesereise Schottland

Ralf Sotscheck

Lesereise Schottland

Whisky, Seetang und karierte Röcke

Picus Verlag Wien

Copyright © 2011 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien
Umschlagabbildung: © Callaway/mediacolor's
Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien
ISBN 978-3-7117-5021-1
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[9]Vorwort

Das Land habe ein Lächeln auf den Lippen und einen Willkommensgruß in den Augen, schrieb der englische Reiseschriftsteller Henry Vollam Morton, als er Schottland 1929 bereiste. Und die Bewohner des Landes? Nach gängigen Vorstellungen sind sie sparsam und tapfer, spielen Dudelsack und tragen Röcke, trinken Whisky und beherbergen Ungeheuer in ihren Seen.

Das moderne Schottland dagegen ist weniger bekannt. Die Ölindustrie hat dem Land Auftrieb gegeben. Aberdeen ist Ölhauptstadt Europas, ein Fünftel der Einwohner arbeitet in diesem Bereich. Dank des schottischen Öls ist Großbritannien seit Anfang der achtziger Jahre Selbstversorger, aber die Vorräte gehen langsam zur Neige.

Das Öl gab auch den Anstoß zum Streben nach größerer Selbständigkeit. Als man in der Nordsee fündig geworden war, bestritt die Scottish National Party (SNP), die für Schottlands Autonomie eintritt, den Wahlkampf 1974 mit dem Slogan: »Es ist Schottlands Öl.« Die Partei gewann dreißig Prozent der Stimmen und ist seither ein Machtfaktor in Schottland. Aber es dauerte noch ein Vierteljahrhundert, bis wenigstens die Teilautonomie erreicht war. Seit dem 30. Juni 1999 hat Schottland wieder ein eigenes Parlament. Die Bereiche Außenpolitik, gesamtbritische Finanzen, Verteidigung, Sozialversicherung, Staatsbürgerschaft und Verfassungsfragen [10]werden zwar weiterhin in London entschieden, aber alles andere untersteht dem Parlament in der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Darüber hinaus darf es bei der Einkommenssteuer bis zu drei Prozent vom Basissteuersatz abweichen.

»Wir meinen, wenn sich die Schotten daran gewöhnt haben, seit der Vereinigung der Parlamente 1707 erstmals wieder ein eigenes Parlament zu haben, dann wollen sie auch bald über die anderen Bereiche, in denen London weiterhin das Sagen hat, selbst entscheiden«, sagt Angus Robertson, der außenpolitische Sprecher der SNP. Der Neunundzwanzigjährige arbeitete sieben Jahre bei Blue Danube Radio, dann hat er sich für eine politische Karriere entschieden. Der berühmteste Schotte der Welt ist ebenfalls SNP-Mitglied, im Flur der Parteizentrale hängt sein Ölporträt: Sean Connery alias James Bond zahlt jedes Jahr fünfzigtausend Pfund in die Parteikasse, zu Wahlkampfzeiten tritt er in SNP-Fernsehspots auf und wirbt für eine unabhängige schottische Nation. Das wird allerdings noch eine Weile dauern. Obwohl die SNP seit den Wahlen 2007 mit einer Minderheitsregierung an der Macht ist, musste die Partei ihr geplantes Referendum über die schottische Unabhängigkeit vorerst auf Eis legen, weil man keine Erfolgschance sah.

Wer aber sind die Schotten? »Wir glauben zu wissen, wer wir sind«, sagt Magnus Linklater, der Kolumnist. »Wir besitzen ein viel größeres Selbstvertrauen in Bezug auf unsere Nationalität als die Engländer. Aber genau wie sie kommen wir aus allen Himmelsrichtungen. Manche stammen aus Nordirland, andere sind Kelten, aber niemand weiß [11]genau, wo die Kelten herkamen. Sie sind die romantische Seite der Schotten. Wieder andere, wie ich, haben Wikingerblut in den Adern. Und einige von uns stammen von den Pikten ab, aber niemand weiß auch nur das Geringste über die Pikten.« Es waren jedoch die Skoten, denen Schottland seinen Namen verdankt. Sie waren Kelten und kamen wahrscheinlich aus Irland herüber. Pikten und Skoten fielen immer wieder plündernd in den römisch besetzten Süden Britanniens ein, sodass Kaiser Hadrian ab 122 n. Chr. an der schmalsten Stelle der Insel eine Mauer errichten ließ, den Hadrianswall. Er bildete die Nordgrenze des Römischen Reiches.

Der Schutzwall sorgte dafür, dass Schottland eine eigene, keltisch beeinflusste Entwicklung nahm, die zum Teil bis heute nachwirkt. Henry Vollam Morton sinnierte, als er am Hadrianswall stand: »Die schottische Seite der Mauer ist niemals überwunden worden. Auf dieser Seite gab es viele Weggenossen, aber keine Herren. Hier wurden viele Lieder gesungen, aber keine Gesetze geschaffen.«

Nun, in Schottland gibt es natürlich auch eine Rechtsprechung, sie gehörte, ebenso wie das Schulsystem und die Kirche, zu den Sonderrechten, die nach der Zwangsvereinigung mit England 1707 den Schotten überlassen blieben. Diese Eigenständigkeit in diesen drei Bereichen trug dazu bei, dass nationale Kultur und Identität überlebten oder durch den Verlust der politischen Selbständigkeit sogar verstärkt wurden.

Hat der Nationalismus eine Kehrseite? Eingewanderte englische Familien erzählen von Urin im Briefkasten, vom Eierhagel auf dem Weg zur Kirche, [12]von Prügel auf dem Schulhof. 1998 wurde ein englischer Jugendlicher in einem Vorort von Edinburgh von drei schottischen Altersgenossen totgeschlagen. Angus Robertson weist darauf hin, dass die SNP zwar eine nationalistische, aber auch eine antirassistische Partei sei und den Nationalitätsbegriff nicht ethnisch definiere, sondern staatsbürgerlich: Wer in Schottland lebt und arbeitet, ist Teil Schottlands.

Schottland sei die siebtreichste Nation der Welt, das gehe aus OECD-Zahlen hervor, sagt Robertson: »Wir besitzen die beiden größten Exportindustrien Britanniens, Öl und Whisky, den viertgrößten Bankensektor der EU und siebzig Prozent aller Energiereserven Europas. Wir müssten unglaublich inkompetent oder ständig betrunken sein, wenn wir es nicht schaffen sollten, wirtschaftlich zu überleben.«

Modernisierung und Wirtschaftsentwicklung sind eine Seite Schottlands, doch auch die andere Seite, die Theodor Fontane nach seiner Schottlandreise beschrieben hat, gibt es immer noch: »Es war eine der schönsten Reisen in meinem Leben. Ich habe nie Einsameres durchschritten.«

[13]Ein Gedicht für einen Tiermagen

Eine Geburtstagsfeier ist eine ernste Angelegenheit, wenn das Geburtstagskind ein Nationalheld ist. Am 25. Januar feiern Schotten in aller Welt den Geburtstag des Dichters Robert Burns, und damit sie dabei nichts falsch machen, wacht der »Weltverband der Burns-Vereine« mit Argusaugen über die Festlichkeiten, deren Ablauf streng vorgeschrieben ist. Dazu gehören Unmengen von Whisky, die Überreste eines Schafes, viele Gedichte, und zum Schluss singen alle »Auld Lang Syne«, den Burns-Hit, der in den ewigen Charts ganz oben steht.

Wir feiern bei Dissidenten im Tam O’ Shanter Pub in Ayr. Dort sind, im Gegensatz zu den offiziellen »Burns Suppers«, Frauen zugelassen, was völlig gerechtfertigt ist, galt Burns doch als »kaledonischer Casanova« mit einem Heer von Kindern. Außerdem ist das Tam O’Shanter ein historischer Ort: Hier besoff sich der gleichnamige Held aus Burns’ berühmtestem Gedicht, bevor er nach Hause ritt und unterwegs in der Alloway-Kirche ein Hexenfest störte. Tam entkam nur knapp über die Brig o’ Doon, sein Pferd Maggie büßte den Schwanz ein.

Auch bei den Dissidenten gibt es haggis, jenes Würgreizgericht aus allerlei Innereien, das mit Hafermehl vermischt im Schafsmagen gekocht wird. Burns hat auf diesen kulinarischen Albtraum ein Gedicht verfasst. Der »Häuptling aller Wurstsorten«, wie er bei ihm heißt, wird von einem Dudelsackspieler [14]angekündigt. Dahinter schreitet der Koch einher, der das stinkende Gebilde, das dem Dudelsack nicht unähnlich sieht, unter tosendem Applaus auf einer Art Bühne abstellt. Drew Goodwin, ein ortsansässiger Musiker, trägt die »Ode an den haggis« vor. Das muss man sich mal vorstellen: Ein erwachsener Mann liest einem Tiermagen ein Gedicht vor.

Danach verschwindet der Koch mit dem haggis im Hinterzimmer. Sollte der Kelch an uns vorübergehen? Weit gefehlt. Während der piper sich die Lunge aus dem Leib bläst, bringt der Koch den zerkleinerten haggis mit tatties und neeps – Kartoffeln und gelben Rüben – portionsweise zurück. Wir sind bloß Gäste, wehren wir ab, Ausländer gar, und wollen niemandem etwas wegessen. Unsinn, es sei genug da, so ein Schaf habe einen großen Magen. Ach, hätte Burns doch ein Gedicht auf Räucherlachs geschrieben, auf Bratkartoffeln oder meinetwegen auf Pizza Calzone. Aber mit einer Flasche Bunnahabhain, einem leckeren Whisky von der Insel Islay, rutscht sogar ein Schafsmagen in den Magen.

Hugh MacDiarmid, der schottische Kommunist, nannte Burns den »Braveheart der Poesie«. Allerdings ist der Dichter nicht gefoltert und enthauptet worden, sondern im Alter von siebenunddreißig Jahren an rheumatischem Fieber gestorben, was seine Position als mythische Figur aber kaum mindert. In England geht das Burns-Theater der Exilschotten so manchem auf die Nerven. Ein Andrew Cunningham hat den Club »Zum Teufel mit Burns« gegründet und fordert, den Schotten im Gegenzug ein Shakespeare-Dinner aufzuzwingen – mit Lamm in Pfefferminzsauce und warmem Bier, den englischen [15]Spezialitäten. Das Dinner soll am 23. April, dem Todestag Shakespeares, ausgetragen werden. Die einen feiern eben den Geburtstag, die anderen den Todestag ihres Nationaldichters. Daraus kann man sicher über beide Nationen etwas lernen.