Lesereise Südsee
Picus

Volker Mehnert • Frank Rumpf

Lesereise Südsee

Volker Mehnert

Frank Rumpf

Lesereise Südsee

Die Feuertänzer auf den Perleninseln

Picus Verlag Wien

Copyright © 2011 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien
Umschlagabbildung: © Frank Rumpf
Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien
ISBN 978-3-7117-5056-3
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt

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Unterwegs zum Mittelpunkt der Südsee

Blaue Lagunen, sanfte Lieder und zärtliche Rochen: Wie Bora Bora zum Sehnsuchtsort des Westens wurde

Es war ein magischer Moment: Inmitten der Weite Ozeaniens saßen wir auf einem winzigen Eiland, umspült vom seichten, lauwarmen Wasser der Lagune. Grellweiß leuchtete der Strand, und hellblau, grün oder türkis färbte sich das Wasser je nach Tiefe und Sonnenstand. Silbrige Meeräschen schwammen unbekümmert bis ans Ufer heran, und von Zeit zu Zeit sprang in einiger Entfernung ein fliegender Fisch über die schimmernde Oberfläche. In der anderen Richtung schauten wir hinaus auf das Dunkelblau des offenen Pazifiks, wo sich am Horizont mächtige Wolkengebirge auftürmten. Wir befanden uns auf einem der motus von Bora Bora, jenen kleinen Inseln, die rund um das Atoll auf der Kante des Riffgürtels aus der Lagune herausragen, manchmal sandig und kahl, manchmal dicht mit Kokospalmen bewachsen. Es war die Inkarnation einer Tropeninsel. Nur hier, so dachten wir, kann der Mittelpunkt der Südsee liegen.

Im Schatten der Palmen hatte die einheimische Familie ein traditionelles Mittagessen zubereitet. Zum Auftakt aßen wir poisson cru, rohen Fisch, der in Kokosmilch und Limonensaft mariniert war. Erst kurze Zeit zuvor hatte man ihn aus dem Meer geangelt, und die Kokosmilch wurde direkt aus dem Mark einer frisch gepflückten Nuss über den Filets ausgedrückt. Zu diesem Klassiker der polynesischen Küche bekamen wir Maniok und gebratene Bananen gereicht. Als Hauptgericht gab es Spanferkel aus dem traditionellen Erdofen, der Stunden zuvor in den weichen Sandboden gegraben worden war. Zum Nachtisch Mangos, Pampelmusen und süßes Bananenmus, serviert auf handgeflochtenen Tellern aus Palmblättern.

Als wir nach dem Essen im seichten Wasser der Lagune ein wenig Abkühlung suchten, lockten unsere Gastgeber mit einigen Fischabfällen einen Schwarm riesiger Rochen herbei. Zunächst flößten uns diese platten Fische allein durch ihre Größe Respekt ein, doch die dunklen Flecken im Wasser bewegten sich so geschmeidig um uns herum, dass unsere Furcht sich bald verflüchtigte. Schließlich kamen die Tiere immer näher und schmiegten sich beinahe wie verliebt an unsere Körper. Je länger wir dort standen, desto zutraulicher wurden sie und desto vertrauter wurden auch wir mit diesem ungewohnten Hautkontakt zwischen Fisch und Mensch.

Bora Bora gilt als »Supermodel« unter den Inseln Französisch-Polynesiens, ein Ort der Sehnsucht par excellence. Dabei war das Atoll im Südpazifik, etwa zweihundertfünfzig Kilometer nordwestlich von Tahiti gelegen, den Europäern zunächst gar nicht aufgefallen. James Cook erreichte es erst während seiner dritten Pazifikreise und blieb nur kurz, denn das Einlaufen in die Lagune erwies sich als unmöglich: »Die Gezeiten und der Wind waren gegen uns«, schrieb er in sein Logbuch, »und nachdem ich zwei oder drei Anläufe unternommen, musste ich einsehen, dass es nicht zu bewerkstelligen war.« Deshalb setzte er mit dem Beiboot an Land über und bekam nur einen flüchtigen Eindruck von der Umgebung. »Die Insel, die von Weitem wie ein karger Felsen anmutet, schien sehr fruchtbar und zu einem guten Teil aus Flachland zu bestehen.«

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Bora Bora von der Welt weiterhin kaum wahrgenommen. Erst nachdem sich während des Zweiten Weltkriegs der Autor James A. Michener hier aufgehalten und seinen Bestseller »Tales of the South Pacific« verfasst hatte, rückte die Insel ins Zentrum amerikanischer Südsee-Träume. Michener erhielt für sein Erstlingswerk den Pulitzerpreis, die Musicalfassung und eine Hollywood-Verfilmung machten Furore. Seine fiktive Insel Bali Hai hatte zwar nicht Bora Bora zum Vorbild, denn der Schriftsteller kam erst nach dem Abfassen seines Buches dorthin, doch irgendwann nannte er Bora Bora einmal die schönste Insel der Welt, und damit war ihr Schicksal als Synonym der Südsee-Sehnsucht besiegelt. In der Folge kamen erst die Reichen und die Schönen und dann die Touristen.

Sicher, die Floskeln vom »Südsee-Traum« und »Südsee-Paradies« sind inzwischen abgegriffen und schon lange Klischee. An diesem Nachmittag am Ufer der Lagune aber waren sie Wirklichkeit. Das Atoll von Bora Bora, auch wenn es schon tausend Mal gesagt und geschrieben wurde, ist tatsächlich hinreißend schön, geradezu unverschämt schön. Bora Bora war und ist ein Kleinod der Südsee, und besonders eindrucksvoll präsentiert sich die Insel mit dem markanten Doppelvulkan von den motus aus. Von dort hat man auch den besten Blick auf Otemanu, den höchsten Berg, der seinen gezackten Felsgipfel gern in dekorative weiße Wolkenknäuel hüllt.

Auf eines dieser motus, seit Menschengedenken im Besitz seiner Familie, hatte uns Patrick Tairua mit seinem motorisierten Auslegerkanu zum Mittagessen gefahren. Patrick ist ein Polynesier wie aus dem Bilderbuch, mit langen dunklen Haaren und Tätowierungen über fast den gesamten Körper. Die Muster auf der einen Körperhälfte repräsentieren den väterlichen, die auf der anderen den mütterlichen Stammbaum, und was sonst noch auf Armen, Beinen und Rücken eingeritzt ist, das ist tabu und geht die Fremden nichts an. Patrick lebt, wie fast alle Einheimischen auf Bora Bora, von den Touristen, doch als er während der Fahrt durch die Lagune sein kleines Saiteninstrument hervorholte und versonnen polynesische Lieder sang, war er vollkommen in seiner eigenen Welt der Clans und Traditionen versunken und schien seine Gäste gar nicht mehr wahrzunehmen.

Bodenständige Menschen wie Patrick und seine Familie hat Bora Bora derzeit besonders nötig. Denn sie verfügen über einen Grundbesitz, der internationalen Hotelkonzernen Millionen wert ist und auf dem sie nur allzu gern weitere Luxushotels bauen würden. Der Tairua-Clan aber war bislang nicht zu überreden, ihnen sein Stückchen Insel zu überlassen, und das ist gut so. Denn auch wenn hier von Massentourismus nicht die Rede sein kann und das Atoll mit seiner Lagune noch immer zu den schönsten und am wenigsten verbauten Küstenlandschaften der Erde gehört, haben sich die Hotelkonstruktionen doch schon so weit vorangetastet, dass sie an manchen Stellen das Bild der Insel gravierend verändern.

Bora Bora lebt ganz offensichtlich von seiner Küste, vom Wasser, von der Lagune, vom Riff und vom Meer; in den Bergen dagegen bestellen die Menschen höchstens hier und da eine Ananasplantage oder ein Bananenfeld. Dennoch hat die Insel einen sehenswerten Kern. Bei unserem Ausflug in die Hügel des Landesinneren war es angenehm kühl. Der Weg führte durch dichte, hohe Vegetation. Kokospalmen und Bananenstauden spendeten Schatten. Die Mühe des Aufstiegs wurde belohnt, denn irgendwann öffnete sich der Wald, und wir hatten einen freien Blick hinab auf die Küste und die tief eingeschnittenen Buchten, die als dunkelblaue Kerben zwischen dem mächtigen Grün der Landzungen erschienen.

In der Ferne erkannten wir sogar noch die Umrisse der Nachbarinseln Raiatea und Taha’a. Wir staunten über die ständig wechselnden Wolkenformationen, die sich rund um den Otemanu über uns zusammenbrauten und kurz darauf schon wieder auflösten. Was andernorts viel gepriesene Panoramablicke mit Aussichtstürmen und Souvenirverkauf wären, lag hier einsam und abseits von jeglicher touristischen Neugier. Den Gipfel des Otemanu selbst, so erzählte man uns später, habe sogar noch nie jemand bestiegen. Das klingt unwahrscheinlich, mag aber sein, denn die Fremden bleiben am Meer, und den Einheimischen gilt der Berg als Sitz der Götter. Das Innere von Bora Bora ist auf jeden Fall Entdeckerland, und unsere Wanderung erschien uns wie die kurze Sequenz aus einem friedvollen Traum, der hier auch im 21. Jahrhundert ungestört abläuft.

Den Abschied machte uns Bora Bora auf besondere Art und Weise schwer. Um zum Flugplatz auf der vorgelagerten Insel Mute zu gelangen, bestiegen wir ein Schiff. Von Bord aus hatten wir wieder einen fabelhaften Ausblick auf die Hauptinsel und ihren markanten Berg. Wir erlebten, wie sich dessen Umrisse langsam entfernten und wie sein Gipfel das Spiel mit Wolken und Nebel noch einmal auf die Spitze trieb. Als das Propellerflugzeug dann abhob und in einer weiten Schleife über die Lagune flog, genossen wir ein letztes Mal die Südseefarben Blau, Grün und Türkis unter uns, konnten durch das glasklare Wasser bis auf den Meeresgrund sehen und meinten sogar, einige Fische zu erkennen.

Der Insulaner dort unten auf seinem Auslegerkanu, so dachten wir in diesem Augenblick, der hat es gut. Wir hingegen versuchten, wie seinerzeit Henri Matisse, vom Südseetraum so viel wie möglich in unserem Gedächtnis zu speichern: »Ich habe«, so schrieb der Maler nach seinem Abschied, »das magische Universum Ozeaniens in mich aufgesogen wie ein Schwamm.«