Lesereise Schweiz
Picus

Beate Schümmann

Lesereise Schweiz

Beate Schümann

Lesereise Schweiz

Zwischen Sägemehl und Pulverschnee

Picus Verlag Wien

Copyright © 2011 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien
Umschlagabbildung: © www.buenosdias.at/Image Source
Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien
ISBN 978-3-7117-5062-4
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt

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Der Berg ruft, und alle kommen

Feier am Eiger

Alles sieht idyllisch aus. Das Dorf auf tausend Meter Höhe ist von aufsteigenden Hügeln umgeben, die mit Gras wie mit Samt überzogen sind. Enzianblau der Himmel, auf den Wiesen Alpenrosen, Kühe grasen, und der Gletscherbach Lütschine sprudelt munter ins Tal. Schwarzverbrannte Alphöfe, Heuschober und Käsespycher betupfen die Kuppen.

Würde jetzt Heidi mit den Geißen ins Bild laufen, die Schweizer Idylle wäre perfekt. Doch der Ort heißt Grindelwald, und hinter den Anhöhen ragt eine steile Felsarena auf, senkrecht wie die UBS-Zentrale in Basel. Mystisch, riskant, dunkel. Denn die Sonne steht nie auf der Nordseite. Das ist kein Berg für gemütliches Wandern. Das sieht man auf den ersten Blick.

Seit Jahrhunderten zieht die dreitausendneunhundertsiebzig Meter hohe Eiger-Nordwand im Berner Oberland Menschen an. Viele Bergsteiger ließen dort ihr Leben. Als Erste schafften 1858 die Bergführer Christian Almer und Peter Bohren, zusammen mit dem Iren Charles Barrington den Eigergipfel. Hundertfünfzig Jahre später knackte die Seilschaft aus den Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig Vörg sowie den Österreichern Heinrich Harrer und Fritz Kasparek den Mythos von der unbesteigbaren Eigernordwand. Am 24. Juli 1938 hatten sie das letzte ungelöste Problem der Alpen gemeistert und die achtzehnhundert Meter hohe Steilwand durchstiegen. Eine Tatsache, die in Grindelwald groß gefeiert wurde.

Die Zeit der großen Pioniertaten am Eigergletscher ist eigentlich vorbei. Karten weisen an die dreißig Routen aus. Doch der Mythos lockt, und der Schauder bleibt. Noch immer ist die Nordwand der Inbegriff eines senkrechten Berges. Dieser Fels aus brüchigem Kalkgestein bringt selbst erfahrene Alpinisten zum Schwitzen, und das trotz Funktionskleidung, Helm und moderner Meteorologie. Gleichwohl sind Forschung und Technik keine Rettungsanker. Berglaunen wie Steinschläge, Lawinen und Wettereinbrüche ziehen die Begeher weiterhin ins Verderben. Vor der Erstbegehung starben in der Nordwand an die sechzig Kletterer. »Mordwand« heißt sie deshalb immer noch.

»Heute nimmt man manche Wände in drei Stunden, wofür man damals drei Tage brauchte«, sagt Samuel Michel im Grindelwalder Heimatmuseum, das sich dem Berg und der Geschichte seiner Besteigung verschrieben hat. Der Museumschef zeigt die alten Nagelschuhe, Felshaken, Hanfseile und in Grindelwald hergestellte Bhend-Eispickel. Mit dieser rustikalen Pionierausstattung, sagt der Mann, der den Eiger selbst nur noch von unten bewundern will, wäre der im Jahr 2008 aufgestellte Rekord von zwei Stunden und siebenundvierzig Minuten für die Achtzehnhundert-Meter-Wand undenkbar gewesen. Michels ganzer Stolz ist das Motorrad Heinrich Harrers. Die schwarze Puch, Baujahr 1932, jenes Motorrad, mit dem der Erstbesteiger am 21. Juli zur Nordwand gefahren ist. Zu den Besuchermagneten zählen aber auch die beiden Schwarz-weiß-Fotos von Yuko Maki, der 1921 zu den Erstbesteigern des Mittellegigrats am Eiger gehörte. »Die Fotos des Bergsteigers sind für Besucher aus Japan wie für uns Rom«, freut sich Michel. Die Japaner stürmen das kleine Museum gruppenweise, verbeugen sich mehrfach vor dem berühmten Landsmann, rufen Maki, Maki und verschwinden wieder.

Der Berg ruft, und alle kommen. Nicht nur zum Jubiläum. Grindelwald hat das ganze Jahr Saison. Das Gipfel-Trio aus Eiger, Mönch und Jungfrau ist ein Touristenrenner. Seit das Jungfraujoch mit dreitausendfünfhunderteinundsiebzig Metern als höchstgelegene Bergbahnstation Europas und »Top of Europe« vermarktet wird, fahren jährlich Hunderttausende der Jungfrau aufs Dach. Dank Bergidylle, Grusel-Aura und Yuko Maki hat Grindelwald in Asien einen festen Platz bei den obligatorischen Reisezielen gefunden. Zwanzig Prozent der Gäste stammen aus Japan, Vietnam und Korea. Die Jungfraubahn gehört zu den rentabelsten Strecken der Schweizer Bergbahnen.

Der Hochgebirgsbahnhof Kleine Scheidegg ist der Knoten zwischen Tal und Gipfel. Im Prospekt der Bergbahnen, der die Leser in Deutsch und Englisch, aber natürlich auch in Zeichenschrift informiert, steht, dass einander auf zweitausendeinundsechzig Höhenmetern Alphirten, Bergsteiger und Besucher aus aller Welt die Hände reichen. Genau genommen herrscht hier ein Rummel, der den Idyllenfreund erschrecken muss. Auf den völkerverbindenden Perrons helfen Bahnbeamte mit gleich bleibender Gelassenheit den herumirrenden Gästen zum rechten Gleis. Andere drängen in die Souvenirshops, die Restaurants oder das altehrwürdige Hotel »Bellevue des Alpes«, das seit der Gründerzeit das Basislager aller Bergsteiger ist und alles daransetzt, den modernen Zeitgeist zu vermeiden.

Auf dem Platz vor dem Grandhotel werden Cliff und sein Bernhardiner Sennenhund von einer Gruppe aus Korea entdeckt. Beide bewahren stoische Ruhe, vor allem der zottelige Asti mit dem lebensrettenden Fässchen am Hals, als sie von den Asiaten begeistert überfallen werden. Sofort ist der Dolmetscher zur Stelle, und schon postiert sich die Gruppe mit Asti in der Mitte vor dem Alpenpanorama. Der Zweimetermann aus Kalifornien, der nicht auf das Foto passt, hat ein einträgliches Geschäft. Wenn die Gruppe gegessen hat, sind die Bilder fertig, und jeder erhält für ein kleines Vermögen sein Top-Souvenir.

Die Zahnradbahn zum Jungfraujoch überwindet innerhalb von fünfzig Minuten die restlichen fünfzehnhundert Höhenmeter. Die neun Kilometer lange Tunnelschlaufe führt durch die Berge Eiger und Mönch. Die unterirdische Endstation auf dreitausendvierhundertvierundfünfzig Metern erinnert an eine moderne Flughafen-Mall. Auf mehreren Etagen warten Andenkenläden, drei Restaurants, ein Selfservice-Restaurant, eine Cafeteria und die Aussichtsterrasse auf den Ansturm. Der Sphinx-Lift bewältigt innerhalb von Sekunden weitere hundert Meter. Oben schlägt einem der schnelle Aufstieg gleich auf den Kreislauf. Doch solche Ausblicke fordern eben Tribut. Vom Aussichtsplateau zeigt sich der längste Eisstrom der Alpen in seiner ganzen Großartigkeit, der Aletschgletscher.

Der Jungfraubahn AG in Interlaken war die alte Zahnradbahn schon lange viel zu langsam gewesen: mehr als sechs Stunden beträgt die reine Fahrzeit von der Talstation in Grindelwald bis auf die Jungfrau und zurück. Weil die Touristen aus Asien keine Zeit verlieren dürfen, kam die Idee für einen Schnell-Lift auf: in zwanzig Minuten von achthundertfünfzig auf dreitausendvierhundertfünfzig Meter – die Reise auf das Jungfraujoch als Halbtagsausflug. Als langfristiges Ziel waren täglich sechstausend und jährlich eine Million Gäste anvisiert. Wenn schon am Berg keine neuen Rekorde zu erwarten sind, dann wenigstens hier. Die Sehnsucht nach neuen Pioniertaten auch im Bahnenbau ist groß. Technisch machbar, hatten die Ingenieure gemeint, und wollten einen Tunnel von oben nach unten in den Fels sprengen. Schon das spektakuläre Bauwerk selbst hätte noch mehr Besucher angezogen und hätte im Wettrüsten mit anderen Alpendörfern Grindelwald nach ganz vorne gebracht. Doch dann explodierten die Kosten. Der schweizerische Alpentraum vom spektakulären Lift, der Touristen in Windeseile aufs Jungfraujoch katapultieren sollte, zerplatzte 2008 im Zuge der weltweiten Finanzkrise.

Während auf der Kleinen Scheidegg und dem Jungfraujoch auch ohne den Lift schon die Hölle los ist, ist der Wanderweg namens Eiger Trail fast romantisch. Der dreistündige Panoramaweg von Grindelwald zur Mittelstation ist zwar für Alpinisten anspruchslos, aber man hat die vertikale Nordwand ständig im Blick. Was für eine Kulisse! Wie mag das sein, da zu hängen? Welche Ängste steht man da aus, warum tut man das? Das Auge sucht nach der »Götterquerung« und dem »Todesbiwak«, wo 1936 der erschöpfte Toni Kurz im Seil hängend starb – wenige Meter von den Rettern entfernt.

Der schmale Bergweg schlängelt sich immer unterhalb der Felswand entlang. Während des nachdenklichen Innehaltens überholt eine Gruppe von Japanern und alle grüßen lächelnd: »Glüzi.«

Von Gletschern und Töpfen

Luzern am Palmenstrand

Elefantenähnliche Tiere weiden an der Küste, auf einer Sandbank im Fluss tummeln sich Flamingos. Hinter dem flachen Sandstrand wachsen prächtige Feigenbäume und andere exotische Pflanzen, die heißes Klima lieben und Schnee und Eis tunlichst meiden. Luzern mit Tropenflair – und im Hintergrund die Alpen. Unvorstellbar, wenn man Luzern am Vierwaldstättersee mit Rigi und Pilatus kennt. Vor zwanzig Millionen Jahren dürfte die Luzerner Bucht jedoch genauso ausgesehen haben.

Das Wandgemälde im Gletschergarten in Luzern, das dieses exotische Ambiente abbildet, stützt sich auf die Ergebnisse jahrzehntelanger geologischer Forschungen und rekonstruiert detailgetreu das einstige Landschaftsbild: Es zeigt das Miozän, einen jüngeren Abschnitt der Erdgeschichte. Versteinerte Reste der Fächerpalme, die im Luzerner Sandstein geborgen wurden, eingeschwemmte Zimtbaum- und Lorbeerblätter, Fossilien von Meeresmuscheln, Seesternen, Meerbrassen und Haifischzähnen, ja sogar im Gestein eingeschlossene Skelettteile und Hautschuppen von Krokodilen belegen das.

Die Geschichte des Gletschergartens geht mehr als hundert Jahre zurück. 1872 hatte der Banker Joseph Wilhelm Amrein-Troller einen damals außerhalb Luzerns liegenden Steinbruch erworben, um sich einen Weinkeller einzurichten. Bei den ersten Aushubarbeiten stießen die Arbeiter auf eine seltsame beckenförmige Vertiefung im Fels, mit kräftigen, parallel verlaufenden Schrammen auf der Oberfläche. Experten wurden geholt, die den Fund als Gletschertopf und die Schrammen als Spuren der Eiszeit deuteten. Amrein-Troller nahm von weiteren Sprengungen Abstand und ließ die Fundstellen untersuchen. Unter einer Moränen- und Pflanzendecke wurden so zwischen 1872 und 1876 zahlreiche Gletschertöpfe, Findlinge und Gletscherschliffe zum Vorschein gebracht, ein ganzer »Gletschergarten«. Wissenschaftler sprachen von einer »geologischen Sensation«.

Zwanzig Millionen Jahre Erdgeschichte – eine kaum fassbare Größenordnung. Unter einem gewaltigen Membranzelt erinnert das Naturdenkmal in Luzern an die Entwicklung vom Palmenstrand zur Gletscherwelt und damit an einen dramatischen Wandel von Landschaft und Klima. Auf der Fläche von achthundert Quadratmetern haben Geologen etwa dreißig Gletschertöpfe gezählt. Gut zu erkennen sind für das ungeschulte Auge allerdings nur die zwölf größten. Der mächtigste Topf misst neuneinhalb Meter Tiefe und hat einen Durchmesser von acht Metern, der zweitgrößte ist vier Meter tief. Unter den zahlreichen Findlingen, die der Reuss-Gletscher bis nach Luzern geschoben hat, finden sich rund zwanzig mit einem Gewicht von mehr als fünfhundert Kilogramm, die meisten rund geschliffen wie Kugeln. Findlinge oder »erratische Blöcke« sind Steine, die an Orten gefunden werden, wo sie eigentlich nicht hingehören. Das Umfeld des Luzerner Gletschergartens besteht aus grauem Sandstein, die Findlinge dagegen sind aus hellgrauem Schrattenkalk, braunem Kieselkalk und körnigem Granit; alle stammen aus den Alpen. Aus dem größten Gletschertopf wurde ein Kieselkalkblock geborgen, der mehr als sechs Tonnen wiegt und dessen Alter auf hundertdreißig Millionen Jahre datiert wird.

»Klimawandel ist dauernd«, heißt die Botschaft im Luzerner Gletschergarten. Die beeindruckenden Gletschertöpfe zeugen von der letzten Eiszeit vor zwanzigtausend Jahren und belegen, dass Luzern damals von Gletschern bedeckt war. Die Gletschertöpfe, auch »Gletschermühlen« genannt, sind die vielleicht sonderbarsten Phänomene der eiszeitlichen Vergletscherung, die vor zwanzigtausend Jahren ihren letzten Höhepunkt erreicht hat. Sie entstehen, wenn Gletschereis durch Sonneneinstrahlung und warme Luft sowie durch die Druckwärme der Eislast schmilzt. Immerhin produziert eine Gletscherfläche von einem Quadratkilometer im Sommer rund zweihundertfünfzig Liter Schmelzwasser pro Sekunde. Während der Eiszeit lag diese Menge um ein Vielfaches höher, als heutzutage Wasser vom Vierwaldstättersee in die Reuss fließt. Das sich sammelnde Schmelzwasser konnte sich in einen reißenden Strom verwandeln. Unter der Wucht seiner Masse und Geschwindigkeit zwang es sich durch Spalten und Klüfte ins Innere eines Gletschers und höhlte, von der Sogkraft herumgewirbelt, den Fels aus. Fachleute sprechen von »auskolken«.

Das Ganze spielt sich am Grund des Gletschers ab, wo Druckverhältnisse von zwanzig Atü und Geschwindigkeiten bis zu zweihundert Stundenkilometer gemessen werden. Die enorme Druckkraft der Wasserwirbel erklärt die spiralförmig in die Tiefe laufenden Rinnen an den Topfwänden, wie sie im Gletschergarten zu sehen sind. Doch auch ein Symbol für die graue Urzeit von vor Jahrmillionen wie der Gletschergarten muss im elektronischen Zeitalter bestehen. »Es ist das Bedürfnis der Menschen, nicht nur intellektuell und zeitgemäß, sondern auch sinnlich zu entdecken und zu erleben«, erklärt Peter Wick, Geologe und ehemaliger Direktor des Gletschermuseums. Er wandelte das steinerne Naturdenkmal in einen multimedialen Erlebnispark um und engagierte dazu eigens den österreichischen Mediendramaturgen Christian Mikunda. Unter der hohen Zeltkuppel liegt der Schlüssel zur Luzernischen Erdgeschichte. Kaum nachvollziehbare erdgeschichtliche Vorgänge werden hier mittels interaktiver Informationssysteme und Multimediashows spannend erklärt, unterstrichen durch Lichteffekte und Klanginstallationen. An Discovery-Boxen kann man Fragen stellen, wie zum Beispiel: »Wann wird es wieder so warm wie es einmal war?« Die Antwort sei kein Geheimnis, sagt Wick. »Wir stecken immer noch mitten im Eiszeitalter. Eine Erwärmung wie vor zwanzig Millionen Jahren wird aber in geologisch langer Zeit kommen.« Auf jede Frage gibt es eine Antwort. Dazu ertönt unter der frei schwebenden Kuppel der »Sound der Jahrmillionen« aus den Lautsprechern. Im Minutentakt ist das unterirdische Rauschen gewaltiger Schmelzwassermassen beim Wirbeln im Gletschertopf zu hören.