Lesereise Finnland
Picus

Helge Sobik

Lesereise Finnland

Helge Sobik

Lesereise Finnland

Das letzte Postamt diesseits des Polarsterns

Picus Verlag Wien

Copyright © 2011 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien
Umschlagabbildung: © Helge Sobik
Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien
ISBN 978-3-7117-5007-5
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[9]Diesseits des Polarsterns

Ein Leben im Geheimen: die letzten Schamanen des Nordens

Ihr Haus gibt es hundertmal. Tausendmal. Es ist wie alle in Nordfinnland. Aus Holz, im Wald, hat CD-Spieler, Mikrowelle und keine Gardinen an den Fenstern. Das Haus ist fest in der Gegenwart fundamentiert. Die Vergangenheit ist zweihundert Meter entfernt und steht im Hof: die Jurte der Samen. In diesem Zelt hat das Jetzt keinen Platz, denn hier reist Maarit Paadar im Licht des Lagerfeuers weit zurück ins Dunkel der Zeiten, als Mensch und Wind noch miteinander reden konnten. Hier schlägt sie die Trommel der Schamanen und singt die joiks, die samischen Lieder vergangener Jahrhunderte. Hier erzählt sie die Geschichten ihrer Vorfahren aus den Zeiten, als die Kinder in Lappland noch mit den Geistern spielen und die Erwachsenen mit den Tieren sprechen konnten. Für manche ist es in den dünn besiedelten Weiten Nordfinnlands noch heute so. Maarit Paadar gehört dazu.

Irgendwo in der Ferne bellt ein Hund. Aus der Jurte steigt Rauch in den Himmel und in ihrer Mitte knistert das Feuer, auf dem Maarit Lachssuppe für ihre Gäste kocht. Die zurückhaltende, vielleicht sechzigjährige Frau mit dem dünnen, dunklen Haar hockt auf einem Baumstumpf, lächelt und wippt mit ihren Schuhen aus Rentierfell. [10]Ihre Augen blicken in die Flammen, als lüden sie sich auf und saugten dort Energie. »Manchmal«, erzählt sie, »treffen wir uns hier mit den samischen Familien der Umgebung, singen, lachen. Und reisen in Gedanken in die Vergangenheit.«

Maarits Muttersprache ist Nord-, die ihres Mannes Intoo ist Inarisamisch, und als sich die beiden kennenlernten, konnten sie sich nicht in ihren Sprachen miteinander unterhalten. Zu unterschiedlich sind die insgesamt vier verschiedenen Idiome der Ureinwohner Lapplands. Maarit und Intoo mussten auf Finnisch flirten. Heute haben sie drei Kinder, die die Sprachen ihrer Eltern verstehen, aber nicht mehr sprechen – und sechs Enkel, die ihre Großeltern lieben, doch mit Samisch nichts mehr anfangen können.

Wenn die Enkel in Inari fast vierhundert Kilometer nördlich des Polarkreises zu Besuch sind, erzählt Maarit Geschichten. Sie muss sie nicht vorlesen. Sie braucht kein Märchenbuch. Sie hat die Geschichten selbst erlebt, denn als Maarit jung war, zeigten sich die Geister häufiger als heute. Früher, wenn sie mit ihrer Mutter Schafe zum Tenojoki-Fluss in Nordlappland brachte, kamen ihnen Herden bunt gescheckter Schafe entgegen, die von menschlichen Wesen in roter Tracht begleitet wurden. Die Samen tragen traditionell blaue Kluft – die Farbe Rot ist Göttern und Geistern vorbehalten, und gescheckte Tiere besitzen ebenfalls nur die Götter: »Die Fremden kamen uns bis auf fünfzig Meter nahe, ehe sie plötzlich verschwanden. Diese Wesen kannst du nur sehen, wenn du ihnen direkt entgegenschaust. Von der [11]Seite sind sie unsichtbar. Sie verschwinden durch Ritzen zwischen den Felsen in die Unterwelt, wo alles spiegelbildlich zu unserer Welt existiert. Die Wesen leben nicht und sie sind nicht tot. Sie sind. Und manche Menschen können mit ihnen kommunizieren.« Sie deutet ein Kopfnicken an, als wollte sie ihre Worte unterstreichen.

Früher brauchte man dazu die Hilfe der Schamanen, der Religionsführer, die sich mit Fliegenpilzgift in tranceartige Rauschzustände versetzt haben. Noaidi wurden sie genannt. Heute gibt es die samische Religion nicht mehr. Christliche Missionare haben sie ausgerottet, die Weltenwanderer ermordet, ihre Kultgegenstände verbrannt. Heute existiert keine einzige der alten, mit Symbolen verzierten Schamanentrommeln mehr in Lappland. Die wenigen, die das Feuerinferno der christlichen Mordbrenner überstanden haben, befinden sich in Museen im Ausland.

Nur etwa fünftausend Samen sind noch heute in Nordfinnland zu Hause, die meisten zwischen Inari und Utsjoki im äußersten Norden des Landes. Sie bilden eine eher verschlossene Gemeinschaft. Viele samische Familien gehen wie früher überwiegend ihren traditionellen Berufen als Rentierzüchter oder Fischer nach. Ihre Vorfahren waren Nomaden und zogen mit ihren Rentieren jahrhundertelang über Staatsgrenzen hinweg durch die kargen Weiten im äußersten Norden Skandinaviens. Heute leben sie in Häusern, die sich von denen ihrer nicht-samischen Nachbarn nicht mehr unterscheiden, und lediglich die Männer begleiten im Hochsommer ihre Herden [12]– ohne die Grenze nach Russland zu verletzen, die den Osten Lapplands vom Rest des samischen Gebiets abgeschnitten hat und heute so unüberwindbar ist wie vor fünfzig Jahren. Viele junge Samen bekennen sich nicht mehr zur Kultur ihrer Väter, haben die Trachten abgelegt, wollen die Herden der Familie nicht übernehmen, sondern suchen ihr Glück im Süden, wo die Wintertage ein bisschen heller und ein bisschen wärmer sind. Und wo das Leben weniger hart ist.

Schon lange gibt sich in Finnisch-Lappland niemand mehr als Schamane aus. Zu lebendig ist die Erinnerung an die Gräueltaten, die den Weisen widerfuhren. Doch der samische Glaube lebt im Verborgenen hinter einer Mauer des Schweigens fort – und in den Seelen der Menschen, die ihren Naturgöttern nie völlig abgeschworen haben.

Noch heute opfern die Samen ihren Geistern, die offiziell Geschichte sind und insgeheim den Alltag bestimmen. Maarit kennt über ein Dutzend solcher Opferplätze in der Umgebung, und ihre hochbetagte Mutter reibt jedes Frühjahr einen heiligen Stein am Ufer des Inari-Sees mit dem Fett des ersten gefangenen Lachses der neuen Saison ein, um das Wohlwollen von Geistern und Göttern zu erbitten.

In vielen Details hat der alte Glaube überlebt: Nie würde ein Same einen Wacholder verletzen, nie einen Ast davon abbrechen, nie mit diesen Zweigen Fisch räuchern. Wacholder ist die heilige Pflanze der Spiegelwelt und gehört den Geistern. Nur ihre reifen Beeren darf man ernten – die [13]unreifen sind tabu. Ihre Mutter war aufgebracht, als die kleine Maarit im Alter von vier, fünf Jahren einmal mit einem Wacholderzweig in der Hand nach Hause kam. Sie musste zu der Stelle zurückgehen, wo sie ihn abgebrochen hatte und ihn dort in die Erde stecken, damit die Geister ihn selber mitnehmen konnten. Noch heute werden samische Kinder erzogen, Wacholder nicht anzurühren. Die neue Welt hat sich dem Glauben von einst angepasst: In Lappland steht dieser Strauch inzwischen offiziell unter Naturschutz.

»Für uns gibt es Vögel, die Glück, und solche, die Unglück bringen«, erzählt Maarit. »Specht und Kuckuck bringen Unglück, und kommt ein Schneehuhn auf den Hof und bleibt, dann bringt es den Tod mit. Glück bringt der Kuovso-Vogel.« Auf Deutsch heißt er Unglückshäher. Sein finnischer Name ist schöner. Er bedeutet »Morgenröte«.

»Heute fehlt den meisten Menschen die Begabung, auf die innere Stimme und die Natur zu hören. Ihnen fehlt die Zeit und die Ruhe, zu fühlen, was um sie herum, unter und über ihnen geschieht«, sinniert Maarit. »Die Älteren haben Ahnungen. Wissen noch manchmal im Voraus, was geschehen wird. Spüren zum Beispiel, wenn sie Besuch bekommen werden. Das sind Reste des viel größeren Wissens von einst.«

Zwei Frauen oben in der Gegend von Utsjoki gibt es noch, die zwischen den Welten wandern können und es nur im Verborgenen tun. Fragte man sie, ob sie Schamaninnen seien – sie würden es bestreiten. Und milde lächeln. Von zwei, drei [14]anderen bei Sevettijärvi weiter im Osten hört man vage. Die Flammen der geistlosen Missionare haben das Vertrauen für Jahrhunderte zerstört. Das Tor zur Welt der Götter und Geister existiert im Geheimen weiter, und manchmal spiegelt es sich in Maarit Paadars Augen. Sie erzählt viel. Und sie weiß mehr: Dinge, die sie niemals einem Fremden sagen würde.

Die Namen lebender Weltenwanderer sind tabu, die der Toten darf man preisgeben. Antti Helander war einer von ihnen – einer der letzten Schamanen Lapplands. Er hatte die Kraft der Jahrtausende. Vor einigen Jahren ist er neunzigjährig in Karasjoki gestorben. »Er hatte die Gabe, mehr zu hören und zu wissen als andere«, sagt Maarit, die ihn viermal besucht hat, um von Helander etwas über das Leben der Samen in fernen Zeiten zu erfahren. Oft hat er die Jüngeren um sich geschart, um sein Wissen weiterzugeben. »Obwohl sein Haus mitten im Dorf war, gab es dort keinen Strom. Antti hat sich geweigert, einen Anschluss gelegt zu bekommen. Elektrizität, sagte er, könne das Böse ins Haus hineinbringen.«

Was hat Maarit von ihm gelernt, was hat er ihr weitergegeben? Sie schweigt lange und lächelt ebenso lange, bis sie doch etwas sagt: »Ich kann mich mit der Kraft meiner Gedanken an andere Orte versetzen und Intoo von dieser Jurte aus bei der Rentierscheidung in vielen Kilometern Entfernung zusehen. Ich kann dabei sein, ohne hinzufahren.« Es ist ihr nicht recht, sich das sagen zu hören. Lieber hätte sie es nicht erwähnt. Sie rührt mit ihrem Holzlöffel in der Lachssuppe, als würden zu [15]viel gesprochene Worte darin versinken können. Und irgendwann erzählt sie doch weiter: Als Kind habe sie oft mit den Geistern gespielt, mit Kindern aus der Unterwelt und mit den wilden Tieren des Waldes – immer zur selben Uhrzeit auf derselben Lichtung im Wald. Die fremden Mädchen haben rote Tracht getragen und hatten dieselben Spielsachen. Sie haben miteinander getanzt, gelacht, gesungen – bis die geheimnisvollen Kinder eines Tages nicht mehr kamen. Maarit hat später einen joik darüber geschrieben, ein samisches Lied, dessen Töne tief in der Kehle geformt werden und dessen Worte für Fremde unverständlich sind.

Sie hält ihre Trommel an die Flammen des Lagerfeuers, damit sich das Leder in der Hitze spannt und den richtigen Klang bekommt, streicht mit der flachen Hand den Rhythmus ihres joiks auf das Fell, schlägt kräftiger, beschleunigt, als trommelten Hunderte Rentierhufe dumpf auf moorigen Waldboden. Sie schließt die Augen, singt voller Tiefe, voller Leidenschaft, als riefe ihre Stimme die Geisterkinder herbei, als höbe ihr Lied die Grenze zwischen den Welten auf. Als könnte man die Erdanziehung ausknipsen und für die Dauer einer Strophe schweben.

Joiks klingen so ähnlich wie die Gesänge der nordamerikanischen Indianer, und die ältesten dieser Lieder erzählen Geschichten aus der Zeit, als Schamanen noch alltäglich waren. »So lange über einen Menschen gejoikt wird, so lange lebt er fort«, sagt Maarit. Eltern schreiben Lieder für ihre Kinder, Kinder welche für die Eltern, Freunde über andere Freunde. Immer gilt eine Regel: [16]Wem das Lied gewidmet ist, der darf es niemals selber singen.

Maarit hat eines über die Geister geschrieben, die auf ihrer Schulter sitzen. Es ist ihr Lieblingslied. Beim joiken spürt sie sie. Sie kommen aus der Spiegelwelt, wo alle Rentiere bunt gescheckt sind und die Wesen rote Tracht tragen. Sie sind in Verbindung geblieben – lange nachdem sie nicht mehr auf derselben Lichtung miteinander spielen. Sie hockt auf ihrem Baumstumpf am Feuer. Sie schaut herunter auf den Boden der Jurte. Auf etwas, das nur sie sehen kann. Für andere ist dort nichts. Sie aber schaut. Und schaut. Und lächelt.

Erst von 1980 an ließen die ersten Pastoren in Lappland zu, dass auch in ihren Gottesdiensten joiks gesungen werden. In manchen Gemeinden ist es heute noch tabu, gilt als heidnisch, als Ausdruck von Unkultur, doch die Grenzen weichen auf und die Kirchenleute von heute haben nur das Symbol des Kreuzes mit den Missionaren von einst gemein. 1992 hat Maarit das erste Mal in ihrer Gemeindekirche gejoikt. »Heute gibt keiner offen zu, zu den alten Geistern zu beten. Aber in die Kirche geht auch kaum einer.« Maarit lächelt wieder. »Für mich ist die Kirche die Natur der Umgebung. Die Fjälle und Wälder sind mein Altar, die Vögel und der Wind meine Orgel. In der Natur fühlst du dich so klein. Und so beschützt. Einmal habe ich in der Kirche das Gefühl von etwas Höherem gehabt – als ich länger als eine Stunde in Nôtre-Dame in Paris gesessen und zu den Fenstern hinaufgeschaut habe. Es war dasselbe Gefühl wie sonst im Lappenzelt oder in der Natur.«

[17]Wenn heute samische Freunde zu Besuch sind, dann sitzen sie lieber in der Jurte beisammen als im Haus, spielen miteinander das Kartenspiel tuppi und kochen Fisch nach alten Rezepten. Und manchmal bereitet Maarit schon am Nachmittag traditionelle kumpus zu, Klößchen aus Rentierblut. Selbst wenn sie niemandem zuvor davon erzählt, stehen plötzlich die Kinder aus der Nachbarschaft bei ihr an der Tür. »Sie lieben meine kumpus.« Sie lächelt und wippt wieder mit den Fellschuhen.

»Früher befasste man sich mit den Problemen der Menschen, die man kannte. Man half sich gegenseitig. Heute wird man mit den Problemen wildfremder Menschen konfrontiert und kann nichts tun. Im Fernsehen. Rund um die Uhr.« Maarit verachtet das Fernsehen. Die Stimmen, die aus dem Flimmerkasten sprechen, haben wenig auszusagen und nichts mit ihrem Alltag zu tun, nichts mit ihren Erinnerungen, wenig mit ihrer Zukunft. »Früher brauchte niemand den Fernseher. Da haben sich Samen und Finnen am Lagerfeuer Geschichten erzählt. Manche wahr. Manche weniger wahr. Das war schön.«

Als das letzte Mal samische Freunde zu Besuch waren, kam Intoo Paadar verspätet dazu: »Ich war draußen bei meinen Rentieren in den Fjälls«, erzählte er, »und habe am Horizont wieder die Herden aus der Spiegelwelt entlangziehen sehen. Sie kommen plötzlich und verschwinden ebenso plötzlich. Es sind weiße Tiere mit schwarzen und braunen Flecken.« Die anderen freuten sich. Sie kennen den Anblick.

[18]Seit ein paar Monaten haben die Paadars ein solches bunt geschecktes Ren in ihrer Herde. Kein Same zweifelt daran, dass es ein Geschenk der Götter aus der Spiegelwelt ist, ein Zeichen für großes Glück: »Es war plötzlich da. Niemand hat die Geburt gesehen, und es gibt kein Muttertier.« Intoo nippt Kaffee aus seiner geschnitzten Holztasse und blickt in die Flammen des Lagerfeuers. Die Geschichte ist kein Späßchen. Intoo wartet auf kein Lachen. Er hat aus seinem Alltag erzählt. Die Anwesenden wissen es. Maarit schließt die Augen und ihre Züge entspannen sich, als lächelte die Seele.