Lesereise Kanarische Inseln
Picus

Claudia Diemar

Lesereise Kanarische Inseln

Claudia Diemar

Lesereise Kanarische Inseln

Archipel der Glückseligkeiten

Picus Verlag Wien

Copyright © 2011 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien
Umschlagabbildung: © Rainer Jahns
Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien
ISBN 978-3-7117-5016-7
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt

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[9]Auftakt

Vier Flugstunden liegen zwischen Novembermelancholie und subtropischer Blütenpracht vor Ozeanblau, zwischen Januarblues und immergrünen Lorbeerwäldern, zwischen verregneten Ostern und lichtgleißenden Buchten. In der Weite des Atlantiks vor Westafrika ragen die Kanaren als Archipel des »ewigen Frühlings« auf. Nur für den Fall, dass es bei »Wer wird Millionär« abgefragt werden sollte: Die Kanaren gehören wie die Azoren, die Kapverden und Madeira zu Makaronesien, dem Oberbegriff für die gesamte Großfamilie immergrüner Atlantikeilande vulkanischen Ursprungs. Der Name stammt aus dem Griechischen: Makarios heißt »gesegnet« oder »glücklich«, und Nesos bedeutet so viel wie »Insel«.

Die Meerenge von Gibraltar bildete in der Antike die Grenze der bekannten Welt. Doch schon die Phönizier sollen den Schlund mit der gefährlichen Strömung überwunden haben. Die Ureinwohner der Kanaren, die Guanchen, waren dagegen vermutlich von Nordafrika aus eingewanderte Berber. Der Römer Plinius der Ältere spricht erstmals ausdrücklich von den Insulae Fortunatae, den »glückseligen Inseln«.

Dann verliert sich die Spur. Fast ein Jahrtausend lang scheint der Archipel in Vergessenheit zu geraten. Bis ein Paukenschlag erfolgt: Im Auftrag der [10]spanischen Krone kommen Eroberer aus Europa mit der Passatströmung. Sie unterwerfen, versklaven und morden die Ureinwohner, löschen ihre Kultur und Sprache aus. Anfang des 14. Jahrhunderts sind die Kanaren »entdeckt«. 1492 bricht Kolumbus von La Gomera aus nach Westen auf und landet in Amerika. Aus den Eilanden am Rand des Erdkreises werden Trittsteine auf dem Weg in die Neue Welt.

Atlantis, Elysium und Eldorado vermutete man stets im Westen. Millionen von Touristen aus Mittel- und Nordeuropa können also nicht irren. Alljährlich schweben sie Zugvögeln gleich in Chartermaschinen ein, auf der Flucht vor dem winterlichen Nebelgrau und der Dunkelheit, auf der Suche nach einem temporären Paradies. Vamos!

[11]María duldet keinen Widerspruch

Nach der Landung geht’s zum Kostümball – da gibt es kein Pardon!

Ich habe fast den ganzen Flug verschlafen. Als ich aufwache, ist die Maschine schon über der Landebahn. Ich ziehe das Tuch weg, das ich mir über die Augen gelegt habe, nehme die Wachskügelchen aus den Ohren. Der Flieger setzt auf und rollt aus.

Der Typ von der Autovermietung ist bester Laune. »Bienvenido al Carnaval«, meint er und gibt mir einen nagelneuen Wagen. Als ich den Flughafen verlasse, sticht mir die Sonne ins Gesicht. Der Himmel leuchtet in blankem Azur. Ich angle nach der Sonnenbrille und fädle mich auf der Autobahn Richtung Süden ein.

Die Strecke führt durch sterbenslangweilige Ödnis: wüstengelber Sand, Steinbrocken, staubbedecktes Krüppelgehölz. Möbelhäuser, Großwäschereien, Discount-Supermärkte entlang der Piste. Alles, was man braucht, um die Urlauberinsel in Gang zu halten. Dann kommen die Touristenzentren, inzwischen schon kilometerweit von der Küste entfernt. Nach Puerto Rico, dessen Hotels sich bereits bis auf die Bergflanke hinaufgeschoben haben, wird die Straße kurvig, schneidet als gewaltsam frei gesprengte Trasse durch Wände von ockergelbem Tuffstein. Dann die letzte Kurve, Endspurt auf dem [12]schnurgeraden, gleichmäßig abfallenden Asphaltband, dem Ozean entgegen. Motor aus, Handbremse anziehen, und los geht der Urlaub.

Juán kommt mir auf den Stufen zum hostal mit dem Werkzeugkasten entgegen und begrüßt mich. »Wieder der Wasserkasten im Untergeschoss?«, frage ich ihn. »Sí«, bestätigt er und verdreht die Augen dabei. Ich höre María auf dem Dach wie ein Schnellfeuergewehr reden. Dann kommt sie mit einer Gruppe Schweizer Rucksacktouristen herunter, denen sie gerade die Dachterrasse als Schlafplatz vermietet hat.

Ich denke, dass María nun endgültig jedes Maß für das Machbare verliert. Für ihre elf Zimmer, von denen fünf nicht einmal über ein Fenster, sondern lediglich über Lüftungsschlitze in den Türen verfügen, hat sie ganze zwei Bäder anzubieten. Bei guter Belegung sind somit mindestens zwanzig Leute damit beschäftigt, ständig auf ein freies Bad zu lauern oder über Treppen und Terrassen zu rennen, weil die aus dem Untergeschoss nachsehen gehen, ob vielleicht das obere baño frei wäre oder umgekehrt.

Über all dem wacht Juán, der an der Balustrade des an höchster Stelle gelegenen Balkons der Privatwohnung lehnt und dünne kanarische Zigarren raucht. Juán steht morgens auf, zündet den ersten puro an, stützt die Arme auf die Brüstung und verharrt am liebsten in dieser Position, bis die Nacht fällt. Ab und zu brennt er den ausgegangenen Stumpen wieder an, betrachtet gelassen den Trubel auf der Terrasse und nickt huldvoll, wenn ihm jemand einen Gruß hinaufruft. Wenn man etwas [13]von ihm will, antwortet er mit einem bedächtig gedehnten: »Sí!« Manchmal sagt er auch: »Sí, claro!«

»Heute ist Carnaval«, schreit María, als sie mich erspäht hat, und reißt mich in die Arme. Es folgt ein Wortschwall, dessen konturenloses Kanaren-Spanisch den Buchstaben S an den Wortenden einspart, dadurch die Sprechgeschwindigkeit erheblich steigert und die Vokale in singende Überzahl bringt.

María stürzt davon, um in der Küche eine Flasche tinto zu holen. Sie hat stets eine Flasche im Gästeeisschrank stehen. Ich höre sie rumoren und unter Flüchen irgendwelches Zeug auf die meterlange marmorne Arbeitsplatte knallen.

Dann kommt sie mit Wein, Zettel und dickem Filzer angefegt und gibt mir Order, eine in deutscher Sprache gehaltene Anweisung zu verfassen. Alle Gäste hätten noch verwertbare Vorräte bis zum Abend in die jeweils vorgesehenen Etagen des Gemeinschaftskühlschranks ordentlich und übersichtlich (dreimal unterstrichen) einzuräumen. Den Rest werde sie höchstpersönlich wegschmeißen.

Endlich füllt María die Gläser und stößt mit mir an. »Salud! Du wirst mit mir heute zum Carnaval gehen. Juán macht sich doch nichts daraus, du weißt ja. Den bringt man nicht von seinem Balkon herunter. Aber wir beide werden zusammen feiern und es krachen lassen.«

Ich muss lachen, deute auf meine Klamotten: »Womit denn?«

»Ich habe fünf Kostüme. Fünf!«, wiederholt María. »Alle von einer Schneiderin in Las Palmas. Eines für den großen Umzug dort, eines für die Feste [14]in Arguineguín, eines für Venegueras, eines für den hiesigen Dorfkarneval und das letzte für San Nicolás. Du kriegst das Kostüm, das eigentlich für die Hauptstadt bestimmt ist. Dorthin fährt sowieso keiner außer mir.«

Sie trällert ein »Carnaval, te quiero«, während sie mich die Treppen zur Chefetage hinaufzieht, an Juán vorbei, der wieder Posten an der Brüstung bezogen hat und nachsichtig lächelt, als sie ihm zuzischt, sie habe inzwischen Begleitung gefunden.

Oben stülpt sie mir ein weiß-rotes Harlekinsgewand über und setzt mir eine giftgrüne Perücke auf. Dann zerrt sie ohne Hemmungen die beiden zärtlich umschlungenen Berliner Jungs aus dem Bett, denen sie das ehemalige Kinderzimmer ihrer Töchter vermietet hat, und verlangt von den beiden eine Begutachtung meiner Maskerade. Endlich darf ich das Kostüm wieder ablegen. Jedenfalls bis zum Abend. Die Dose mit der Clownschminke drückt sie mir schon mal in die Hand, für später.

Mein Zimmer ist nun fertig geputzt. Stammgästen wird eine Unterkunft in der Beletage mit richtigem Fenster zur Terrasse hin garantiert. María weiß genau, welches ich haben will. Nicht das gleich neben der Küche, wo man jedes Mal zusammenzuckt, wenn die Kühlschranktür zugeschmettert wird. Auch nicht die habitación direkt neben dem Bad, wo man ständig das Rauschen der Wasserspülung mitbekommt. Andererseits darf man auch nicht zu weit vom baño entfernt untergebracht sein, weil man sonst nicht mehr hört, wenn sich der Schlüssel im Schloss dreht, das untrügliche Signal, dass man [15]sofort durchstarten muss, um die frei gewordene Dusche zu ergattern.

Ich nehme das Gepäck und beziehe mein Domizil. Der Fußboden glänzt noch vom Aufwischen. María folgt mir, schnappt sich die Matratze, schleppt sie hinaus und bringt ein nagelneues Exemplar. Sie zerrt die Schutzfolie runter und schmeißt das Teil triumphierend auf das Bettgestell. Treffsicher hat diese Herbergsmutter kapiert, dass das einzige, womit ihre langmütige Klientel wirklich kritisch sein kann, der Zustand des Bettes ist. Außer dem Bett gibt es im Zimmer eine Glühbirne unter der Decke, Vorhänge vor dem Fenster, den kleinen Tisch darunter und einen Schrank ohne Türen. María grinst, als sie mich ein Bündel Kleiderbügel aus der Tasche nehmen sieht. Ich packe Schwimmzeug, Sonnenmilch, Portemonnaie und ein Buch in einen Beutel und sehe zu, dass ich endlich an den Strand komme.

An der playa kreischen Kinder im Diskant. Sonst passiert nicht viel. Manchmal fährt eines der letzten Fischerboote hinaus, manchmal kommt eines rein. In der Bar haben sie Miles Davis aufgelegt. Die Musik dringt bis auf die sonnendurchglühte Terrasse hinaus. Ich nippe am ersten Gin Tonic dieser Ferien und schaue auf den Atlantik. Gegen Abend, als es langsam kühler wird, gehe ich die paar Schritte zum Strand hinüber. Ich kraule ein Stück hinaus, gucke mir die Küste vom Wasser aus an. Dann schwimme ich auf dem Rücken und schaue in den mit Rosenrot überhauchten Abendhimmel.

Auf dem Heimweg treffe ich María, die mit [16]zwei Einkaufstaschen unterwegs ist. Außerdem hat sie eine große Tüte Seehecht von den Fischern geschnorrt. Sie erinnert mich daran, dass ich sie abends zum Tanz rund um den Pool des Luxushotels zu begleiten habe. Vorher aber würde die Pension von ihr persönlich bekocht.

Wir sind beim hostal angekommen. María bringt ein Kofferradio in die Gästeküche. Sie tanzt sich allmählich warm, während sie Gemüse und Fisch im sprudelnden Öl wendet. Das Radio spielt Samba. Die anderen Gäste stehen an die Wand gelehnt, wippen mit den Füßen und halten ein Glas Wein in der Hand. Jemand schiebt die Tische auf der Terrasse zusammen, bringt Teller und Besteck. Juán steigt vom Balkon der Chefetage herunter, als das Essen fertig ist. Wir träufeln Zitrone auf den knusprig gebackenen Fisch und die Auberginen und essen frisches Weißbrot dazu.

Irgendwer schreit plötzlich etwas von einer Maus. Juán, der schon wieder eine Zigarre im Mund hat, schmeißt den Stummel weg und macht sich mit Schwiegersohn Jorge auf die Jagd. Während wir in Zeitlupe am Fisch kauen, hetzt die Maus an der Brüstung hin und her. Statt sich einfach zwischen den Streben hinunter in die Blumenrabatte fallen zu lassen, rast sie direkt unter Juáns Schuhsohle. Es knirscht, als er die Maus zertritt. »Salud!«, ruft María in die betretene Stille hinein. Irgendjemand redet vom Sternenhimmel. Alle legen den Kopf in den Nacken und mustern das Firmament.

María hebt die Tafel auf und gibt kund, nun sei es Zeit, zum Mummenschanz aufzubrechen. Sie [17]nimmt mich mit in ihr Schlafzimmer. Die ganze Familie schaut zu, wie ich in einen Bajazzo verwandelt werde. María selbst trägt ein Kostüm aus giftgrünem und orangem Satin, ihr hüftlanger Haarschopf ist aus flammend roten Wollfäden. Auf dem Kopf hat sie einen spitzen Hut, über der Augenpartie eine Maske. Ihr grell orange gemalter Mund reicht von einem Ohr zum anderen.

Wir schleichen oberhalb der Häuser an der Bergflanke entlang. Niemand darf uns sehen, niemand wissen, wer wir sind. María zischt es mir auf dem Weg noch mehrmals zu. Kein Wort spricht sie an diesem Abend. Dafür schlägt sie den jungen Burschen, die sich vorzugsweise als Carmen oder schwarze Witwe verkleiden, auf den Hintern oder grapscht nach ihren ausgestopften Brüsten. Auf dem Sportplatz findet der große Kostümball der Dorfbewohner statt.

Aber María will zum Tanz ins Hotel, wo eine richtige Kapelle spielt. Ein paar andere Einheimische sind ebenfalls dort. Deshalb bleibt María wortlos, verteidigt ihre Perücke und ihre Maske mit stummer Brachialgewalt gegen räuberische Übergriffe. Neben solchen Scharmützeln tanzen wir Samba um den Pool. Die Touristen freuen sich, dass sie erleben dürfen, wie die Canarios ihren carnaval feiern. Manchmal schnappen wir uns ein gerade serviertes Sektglas von einem der Tische. Die Leute lachen und lassen uns gewähren. Sie denken, das sei wohl im carnaval so üblich.

Erst auf dem Heimweg fängt María wieder zu reden an. Vielleicht sollte sie neben der Pension [18]noch ein Eiscafé oder eine Kneipe aufmachen. Juán muss eben einfach anbauen. Wofür hat er seinen Werkzeugkasten? Ich lege die Finger auf die Lippen, als uns jemand entgegen kommt, und Marías wortreiche Zukunftsfantasien ersterben. Einen Augenblick überlege ich, ob ich mich das nächste Mal nicht besser bei Lucrecia einmieten soll. »Morgen feiern wir in San Nicolás weiter«, entscheidet María, als wir noch einen Brandy trinken. Es ist niemand mehr auf der Terrasse. Im unteren Bad ist erneut der Spülkasten defekt. Es klingt wie ein entfernter Wasserfall.

»Eigentlich ist Juán ein Hippie, lebt einfach in den Tag hinein«, meint María, bevor sie austrinkt. Ich bleibe noch eine Weile und sehe nach der funkelnden Milchstraße. Dann gehe ich mich abschminken.