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Band 111

 

Seid ihr wahres Leben?

 

Oliver Fröhlich

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

Nachdem der Astronaut Perry Rhodan im Jahr 2036 auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff entdeckt hat, verändert sich die Weltgeschichte. Die Menschheit beginnt sich zu einigen, eine Zeit des Friedens bricht an. Doch im Jahr 2049 tauchen beim Jupiter fremde Raumschiffe auf; sie greifen sofort an und müssen zurückgeschlagen werden.

Rhodan setzt sich auf die Spur der Angreifer. In den Tiefen der Milchstraße trifft er auf die Maakhs, ein außerirdisches Volk, das sich zur Attacke gegen das mächtige Imperium der Arkoniden rüstet. Die Menschen erkennen die Zusammenhänge zwischen der aktuellen Bedrohung und einem uralten Konflikt.

Um weitere Hintergründe herauszufinden, macht sich Rhodan mit der CREST, seinem Raumschiff, auf die Suche nach dem Hort des Ewigen Lebens. Die Reise führt in ferne Regionen der Milchstraße – und darüber hinaus – und konfrontiert die Menschen mit einer Frage, deren Beantwortung über das Schicksal der Galaxis entscheiden könnte ...

1.

Einsame Zwillinge

 

Eine Explosion erschütterte die CREST, und Perry Rhodan begriff, dass etwas ganz und gar nicht nach Plan lief.

Tom!, dachte er. Ich muss Tom schützen!

Ein Wunschgedanke, fernab der Realität, auch wenn sein Sohn nur wenige Meter schräg hinter ihm saß. Mit Mühe widerstand Rhodan dem väterlichen Impuls, aus dem Kommandositz aufzuspringen und zu Tom zu laufen. Rhodan musste seine Pflicht erfüllen und herausfinden, was geschehen war, musste die Zerstörung der CREST verhindern. Damit konnte er Tom auf jeden Fall sinnvoller beistehen, als wenn er ihn in die Arme schloss – sosehr es ihn danach verlangte.

»Meldung!«, rief Rhodan. »Was passiert mit uns?«

»Ich weiß es noch nicht«, antworte der Schiffskommandant Conrad Deringhouse. »Analyse läuft.«

Die Hauptbeleuchtung in der Zentrale erlosch. Im Schein der Konsolen und flackernden Holoschirme erkannte Rhodan die Besatzungsmitglieder nur schemenhaft. Sie bellten Befehle, riefen durcheinander, versuchten, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Für einen Augenblick stieg Übelkeit in ihm hoch, und er glaubte, aus seinem Sessel gehoben zu werden. Dann erfasste ihn die Schwerkraft erneut und presste ihn zurück ins Polster. Deringhouse ächzte auf. Offenbar war es ihm genauso ergangen.

Also kein psychisches Problem, dachte Rhodan, sondern der kurzzeitige Ausfall der Gravitationsgeneratoren.

Die nächste Explosion, irgendwo in den Tiefen des Rumpfs. Der Boden vibrierte. Rote Lichter flammten in den Holos auf, ein leiser, aber durchdringender Alarmton erklang.

Instinktiv klammerte sich Rhodan an den Lehnen des Sessels fest. Was zum Teufel spielte sich hier ab? »Werden wir angegriffen? Sind uns die P'Kong gefolgt?« Er versuchte, ruhig und sachlich zu klingen. Es fiel ihm schwer. Er schaute zum Panoramaholo und sah nichts als Schwärze.

»Ich kann keine feindlichen Schiffe entdecken, Protektor«, sagte Major Schimon Eschkol, der Funk- und Ortungschef.

Ein entferntes Grummeln ertönte, die CREST erzitterte. Der Raumer ächzte und stöhnte wie unter Schmerzen, als wolle er jeden Moment auseinanderbrechen.

»Womit haben wir es stattdessen zu tun? Ist bei dem Transmittersprung etwas schiefgegangen?« Rhodan wurde die Ironie bewusst: Da suchten sie Achantur, den Hort des Ewigen Lebens, und gerieten dabei in Todesgefahr. Großartig. Rhodans Blick fiel auf die schematische Schiffsdarstellung in einem der aktiven Holoschirme. Die roten Signale, die viel zu viele Schäden anzeigten, lenkten ihn für einen Moment vom Wesentlichen ab. »Warum ist der Schutzschirm nicht aktiviert?«

»Systemausfall«, antwortete die Waffenoffizierin Dimina Lesch in gehetztem Tonfall. »Wir arbeiten daran.«

Die Beleuchtung ging wieder an. Kein Grund zur Erleichterung, denn unmittelbar darauf erbebte die CREST unter einer Salve weiterer Explosionen. Fünf, sechs, sieben neue rote Schadenslichter tauchten in der Schemaanzeige auf.

»Ich will Echtbilder dieser Schiffssektionen im Holo sehen«, forderte Rhodan. »Sofort!«

Zwei Sekunden vergingen. Gerade wollte er den Befehl wiederholen, da schrumpfte der 3-D-Aufriss der CREST im Holo zusammen, rutschte an den Bildrand und machte Aufnahmen aus dem Schiffsinnern Platz.

In einem der Hangars brannte ein Aggregat. Drei Besatzungsmitglieder in Schutzanzügen versuchten, das Feuer zu bekämpfen, weil die Löschautomatik nicht funktionierte. In der Triebwerkssektion detonierte ein Energiespeicher. Funken sprühten. Ein Wassertank in der Nähe platzte. Augenblicklich füllte das undurchdringliche Grau von Dampf das Bild. Menschen schrien, was umso gespenstischer und eindringlicher wirkte, weil Rhodan nur die schmerzverzerrten Gesichter sah. Die Geräusche wurden nicht mit übertragen. In der Waffensektion stürzte ein Mann mit brennenden Haaren zu Boden. Sofort war ein Kamerad bei ihm, warf sich auf den Verletzten und erstickte die Flammen mit dem Körper.

Rhodans Vorstellungskraft gaukelte ihm den Gestank nach verkohltem Haar, geschmortem Kunststoff und Löschpulver vor.

Und während überall auf dem Schiff das Chaos tobte, saß er in seinem Kommandosessel, hilflos und zum Zusehen verdammt, weil er nicht wusste, was gerade mit ihnen passierte.

Widerwillig löste er den Blick von den Holobildern und wandte sich endlich der u-förmigen, gepolsterten Bank zu, die eine merkwürdige Insel in der aktuellen Hektik der Zentrale bildete. Die Mutantenlounge, in der häufig die parabegabten Besatzungsmitglieder saßen. Momentan jedoch bot sie drei Gästen Platz, die erst seit Kurzem an Bord waren. Crest, Thora – und Thomas. Schon seinetwegen musste Rhodan alles daransetzen, sich von der allgemeinen Aufregung nicht anstecken zu lassen.

Schau her, mein Junge. Dein Vater ist die Gelassenheit in Person. Siehst du? Kein Grund zur Beunruhigung.

Rhodan schenkte Tom ein kurzes – zugegebenermaßen gezwungenes – Lächeln, das dieser nicht erwiderte. Tränen schimmerten in den Augen des Kindes, und in ihnen schwamm die Angst. Thomas starrte auf das Holo, das zuvor Rhodan betrachtet hatte. Auf das Bild mit dem brennenden Mann. Seine Unterlippe bebte.

Bitte lass nicht zu, dass ihm etwas geschieht, schickte Rhodan ein Stoßgebet wohin auch immer. Er ist doch gerade erst acht Jahre alt, um Himmels willen, und hat sein ganzes Leben noch vor sich.

Tom schmiegte sich an seine Mutter. Thora hatte ihm beschützend einen Arm um die Schultern gelegt und strich ihm mit der anderen Hand über die Haare. Der Junge selbst umklammerte einen Plüschhaluter, so fest er nur konnte. Er zuckte zusammen, als die nächste Explosion erklang.

»Crest«, sagte Rhodan. »Wo sind wir hineingeraten? Ein Sicherheitssystem, das Achantur schützen soll? Ein Minenfeld vielleicht?«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte der alte Arkonide mit so leiser Stimme, dass Rhodan ihn über den Trubel der Zentrale hinweg kaum verstand. »Es wäre widersinnig, einen solchen Ort mit tödlichen Waffen zu sichern.« Aus seinen Worten sprach eher verzweifelte Hoffnung als Überzeugung.

»Eine erste Situationsanalyse der Positronik liegt vor«, meldete Conrad Deringhouse endlich. »Keine unmittelbaren äußeren Einflüsse.«

Rhodan zuckte zum Kommandanten der CREST herum. »Was soll das heißen? Unser Schiff geht einfach so von selbst kaputt?«

Wie um die Frage zu unterstreichen, erklang die nächste Explosion, irgendwo tief unter ihnen. Die Vibration setzte sich in seinen Beinen fort und brachte sie zum Kribbeln. Plötzlich sprang eines der Schadenslichter von Rot auf Grün um und erlosch kurz darauf. Ein Zeichen der Hoffnung?

»Nicht ›einfach so‹«, entgegnete Deringhouse. »Die Kräfte, die beim Transmitterdurchflug auf die CREST einwirkten, haben ihr vermutlich zugesetzt.«

»Das kann ...« Rhodan unterbrach sich, als er sah, dass eine weitere Schadensanzeige verschwand. »Ein Transmitter, der die Schiffe zerstört, die ihn durchfliegen? Das ergibt keinen Sinn.« Ihm wurde bewusst, dass er sich genauso verzweifelt anhörte wie eben noch Crest.

Das innerliche Beben des Raumers flaute ab. Es fühlte sich an, als käme ein Patient nach einer Reihe von Krämpfen allmählich zur Ruhe. Das Hangaraggregat im Holo war gelöscht und qualmte nur noch. Der brennende Mann war aus dem Bild verschwunden. Wahrscheinlich befand er sich auf dem Weg in die Krankenstation. Die durch die Zentrale hallenden Stimmen wurden leiser, die Hektik nahm ab und verwandelte sich zusehends in konzentrierte Betriebsamkeit.

»Die Lage beruhigt sich«, stellte schließlich auch Deringhouse fest. »Ich glaube, wir haben es hinter uns. – Alle Stationen: Schadensberichte!«

Zunächst traute Rhodan der Sache nicht, doch als nach und nach Klarmeldungen eintrudelten und weitere Explosionen ausblieben, ließ er zu, dass die Anspannung ein wenig von ihm abfiel. Erneut drehte er sich zur Mutantenlounge um.

Tom suchte nicht länger Schutz in der Umarmung seiner Mutter, sondern beschäftigte sich ausgiebig mit dem Plüschhaluter. »Keine Angst«, sagte er zu dem Spielzeug. »Ich pass auf dich auf. Dir geschieht schon nichts.« Er nickte, als höre er der Figur aufmerksam zu. »Dem verbrannten Mann geht es bestimmt bald wieder gut.«

Erstaunlich, wie schnell Kinder schlimme Erlebnisse manchmal verarbeiteten. Zumindest vordergründig. Aber wer konnte sagen, ob nicht Spätfolgen zurückblieben? Thomas war entführt worden. Er hatte miterlebt, wie Menschen beim Versuch, ihn zu befreien, gestorben waren. Sid Gonzáles. Homer G. Adams, Allan D. Mercant und alle anderen Mitglieder der Old Men. Zahlreiche Angehörige der LEPARD-Crew. War sich Tom dessen bewusst? Würde er sich eines Tages Vorwürfe machen und die Schuld am Tod vieler tapferer Männer und Frauen bei sich suchen? Wie sollte ein Kind jemals mit so einer Last fertigwerden?

Thora und ich müssen ihm dabei helfen, dachte Rhodan. Mit all unserer Liebe und Fürsorge. Mit Armen, die ihn halten. Mit Schultern, an denen er sich ausweinen kann. Mit der Bereitschaft, jederzeit ein offenes Ohr für seine Sorgen zu haben.

Wenn es doch nur so einfach wäre und sie nicht in einem Schiff, das gerade fast auseinandergebrochen wäre, irgendwo im All schwebten!

»Erste Positionsbestimmung abgeschlossen«, riss ihn Schimon Eschkol aus den Gedanken.

Und wenn es nicht tausend andere Dinge gäbe, um die ich mich kümmern muss. Rhodan seufzte. »Ergebnis?«

»Wir sind ...« Der Major schluckte vernehmlich. »... wesentlich weiter gereist, als wir vermutet haben, Sir.«

Rhodan verzichtete darauf, dem Ortungschef zu sagen, dass er sich unter einer Meldung etwas Gehaltvolleres vorstellte. Denn er merkte Eschkol das Entsetzen deutlich an, sosehr dieser es zu verbergen versuchte.

»Wir befinden uns offenbar«, fuhr der Israeli mit um Festigkeit bemühter Stimme fort, »tief im intergalaktischen Leerraum. Zehntausende von Lichtjahren von zu Hause entfernt. Die genauere Positionsbestimmung läuft noch.«

Perry Rhodan betrachtete das Umgebungsholo und entdeckte weiterhin nichts als vollkommene Schwärze. Bisher hatte er das für eine Folge der Ausfälle im Schiff gehalten. Doch nun ... »Sehen wir hier ein Echtbild?«

Eschkol bestätigte.

Ein kurzer Blick auf Crests überraschtes Gesicht zeigte Rhodan, dass der Arkonide ebenfalls nicht mit so einer weiten Reise gerechnet hatte. »Ist das möglich? Achantur liegt im Leerraum?«

»Ich weiß es nicht. Wenn uns der Transmitter hier ausgespuckt hat, muss es wohl so sein.« Zweifel schwangen in Crests Worten mit. »Und falls wir nichts falsch gemacht haben.«

»Völlig leer ist es hier allerdings nicht«, meldete der Ortungschef. »Ich zoome aus dem Bild heraus.«

Eschkol nahm ein paar Einstellungen an der Holosteuerung vor. Einige Sekunden lang änderte sich nichts, doch plötzlich schoben sich von links und rechts zwei Sonnen in den Holoschirm. »Ich habe auf eine schematische Darstellung umgeschaltet. Was wir hier sehen, ist das, was die Positronik aus den Ortungsergebnissen errechnet.« Exakt in der Mitte zwischen den beiden Sternen blinkte ein Signal auf. »Das ist die CREST. Darunter liegt das Rematerialisierungsfeld des Transmitters.«

»Es ist noch aktiv?«

Major Eschkol zoomte wieder näher heran. Die Sonnen glitten seitlich aus dem Holo, stattdessen wuchs der blinkende Punkt zu einer flimmernden Fläche an. »Leider. Allerdings gibt es bislang keine Anzeichen dafür, dass die P'Kong uns gefolgt sind.«

»Na schön«, sagte Rhodan. »Wir befinden uns also weit weg von daheim. Aber sehen wir es von der guten Seite. Immerhin hat uns diesmal niemand aufgelauert und sofort das Feuer auf uns eröffnet.«

»Äh ... Sir«, meldete sich der sonst eher wortkarge Pilot Mirin Trelkot zu Wort. »Da wäre ich mir nicht so sicher. Wir bekommen Besuch.«

 

An Bord der Korvette EXPLORER im Hangar der CREST herrschte angespanntes Schweigen. Die Mitglieder des Suchtrupps, die erst wenige Minuten zuvor von ihrer Mission vom Planeten Sede zurückgekehrt waren, saßen angeschnallt auf den Klappsitzflächen in der Personenschleuse, starrten zu Boden oder in die Ferne und ließen die Explosionen und Erschütterungen über sich ergehen.

Amanda Heikkinen fühlte den Schweiß, der ihr auf Stirn und Oberlippe stand, aber sie widerstand der Versuchung, ihn wegzuwischen. Nur zu leicht konnte diese Geste als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden.

Was ging dort draußen vor sich? Waren sie den P'Kong doch nicht entkommen? Oder waren die Krieger der Allianz ihnen durch den Transmitter gefolgt?

Sie schaute zur gegenüberliegenden Wand, wo Ron Daltrey saß, der ehemalige Zweite Offizier der vernichteten LEPARD. Bei jeder Explosion zuckte er zusammen. Kein Wunder. Wahrscheinlich kamen Erinnerungen an das Schicksal seines untergegangenen Schiffs in ihm auf. An all das sinnlose Sterben, dem er entkommen war.

Daltrey löste den Blick von den Schuhspitzen, sah in die Runde, schaute aber schon wieder weg, ehe er Amanda Heikkinens zaghaftes Lächeln bemerkte.

Der nächste Schlag ließ die EXPLORER erbeben.

»Wir sollten ausschleusen«, brach Thi Tuong Nhi das Schweigen. »Von hier drinnen können wir der CREST nicht helfen.«

»Nicht, solange wir nicht den Befehl dazu bekommen«, widersprach Cel Rainbow, der Missionsleiter.

»Wie soll das gehen? Darf ich Sie daran erinnern, dass die Verbindung zur CREST ausgefallen ist?«

Und das, obwohl wir uns im Bauch des Mutterschiffs aufhalten, fügte Amanda Heikkinen im Geist hinzu. Sie musterte den Lakota. Erst war er wegen Kompetenzüberschreitungen degradiert, kürzlich indes wieder zum Captain befördert worden. Seitdem bereitete ihm die Einhaltung der Kommandohierarchie offenbar weniger Schwierigkeiten. Vielleicht wollte er aber auch nur selbst beschließen, über welchen Befehl er sich hinwegsetzte.

»Dessen bin ich mir bewusst«, sagte Rainbow. »Trotzdem herzlichen Dank für die Gedankenstütze. Aber das ändert nichts an meiner Entscheidung. Ohne ausdrückliche Anweisung werden wir nicht ausschleusen.«

Thi Tuong Nhi sah ihn einen Augenblick herausfordernd an, nickte dann jedoch. Die kleine Vietnamesin war die Kommandantin der LEPARD gewesen. Eine schlecht verheilte Wunde auf der linken Wange zeugte von dem, was sie durchgemacht hatte. Ihre entschlossenen Züge zeigten, dass sie es gewohnt war, Anordnungen zu erteilen. Auf der CREST hingegen – oder auf der EXPLORER – besaß sie keinerlei Befehlsgewalt. Etwas, das ihr erkennbar nicht schmeckte. Dennoch fügte sie sich.

Amanda konnte sich nur zu gut vorstellen, wie es der ehemaligen Kommandantin ging. Das Konzept, kaum etwas zu sagen zu haben, war auch Amanda durchaus vertraut.

Es kann nicht immer nur nach deinem Kopf gehen.

Eine der Weisheiten, mit denen ihr Vater – der ach so fürsorgliche Eino Heikkinen, Gott hab ihn selig – ihr Leben bereichert hatte. Und eine maßlose Untertreibung obendrein, legte der Spruch doch nahe, dass Amanda wenigstens ab und an ihren Willen hatte durchsetzen dürfen. Dies war aber stets nur dann der Fall gewesen, wenn der Herr Papa nicht andere Pläne gehabt hatte.

Oh, und dann gab es da den Klassiker unter Eino Heikkinens Lebensweisheiten. Einen Satz, den sie noch mehr verabscheute – nicht zuletzt deshalb, weil sie ihn umso häufiger zu hören bekommen hatte.

Du kannst nicht jeden retten, mein Kind.

Der Gedanke daran versetzte ihr einen Stich, wie immer, wenn etwas sie an Minttu erinnerte. Ihre Zwillingsschwester. Ihre tote Zwillingsschwester. Egal wie viel Zeit seitdem vergangen sein mochte, es tat weiterhin weh. Und das würde sich nie ändern.

Amanda war dankbar, als die Stimme von Ron Daltrey sie ablenkte. »Es hört auf.«

Sie sah auf. Lauschte. Fühlte. Tatsächlich, die Vibrationen waren abgeebbt, die Explosionen verstummt.

»Die Verbindung zur CREST steht wieder«, ließ sich Tim Schablonski aus der EXPLORER-Zentrale über ein Akustikfeld vernehmen. Als Einziger des Teams war er dort zurückgeblieben. »Entwarnung, Leute. Der Sprung durch den Transmitter hat uns ein bisschen durchgeschüttelt und das eine oder andere Aggregat in die Luft gehen lassen, das war's aber schon. Keine allzu bedrohlichen Schäden, wenn ich das richtig sehe. Wir können aussteigen. Vielen Dank, dass Sie mit EXPLORER-Reisen geflogen sind.«

Cel Rainbow grinste. Auch This Lippen zuckten leicht, was die Andeutung eines Lächelns darstellen mochte.

Mit einem erleichterten Seufzen löste Amanda das Gurtsystem, stand auf ...

... und erstarrte, als ein gellender Alarm ertönte.

 

Ein wahrer Gigant erschien auf dem Panoramaholo in der Zentrale der CREST: ein Würfel mit einer Kantenlänge von zweitausend Metern. Riesig – und völlig chaotisch. Unüberschaubar viele Module unterschiedlichster Bauart und Größe, zusammengedrückt wie von einer gewaltigen Schrottpresse. Kuppeln, Zylinderstümpfe, ungleichmäßig geformte Spitzen und Grate ragten bedrohlich aus den Außenflächen des Raumschiffs wie Schilde und Speere aus einer altrömischen Phalanx.

»Rotalarm!«, befahl Rhodan.

Sofort brüllte der Alarmton durch das Schiff und machte auch dem letzten Besatzungsmitglied klar, dass sie einem neuen und vielleicht größeren Problem als den Transmittersprungschäden gegenüberstanden.

»Was ist mit dem Schutzschirm?«

»Unveränderter Systemausfall«, antwortete die Waffenoffizierin Dimina Lesch. »Die Reparaturen und Neujustierungen der Schirmprojektoren laufen, werden aber erst in ein paar Minuten abgeschlossen sein.«

»Geht es genauer?«

»Vier Minuten, höchstens fünf.«

»Wollen wir hoffen, dass das ausreicht. Major Eschkol, schicken Sie eine Grußbotschaft!«

»Die Fremden funken uns bereits an«, gab der Offizier zurück.

Gleich darauf erfüllte ein Stakkato von Zisch- und Klopflauten die Zentrale. Es hörte sich an, als würde irgendwo Gas aus einem Leck oder einem geöffneten Ventil strömen, während im Hintergrund mehrere Unbekannte mit Eisenstangen auf Metallfässer einschlugen.

Rhodan erstarrte. Er hatte eine solche Nachricht bereits einmal gehört. Vor zwei Monaten, als sie mit der MAYA und der BOOTY ein Hyperfunkrelais der Mehandor-Linie in relativer Nähe des Refeksystems erreicht und ein Trümmerfeld vorgefunden hatten: die Überreste von Mehandorschiffen, zerstört von einem unbekannten, aber augenscheinlich übermächtigen Gegner. Aus den geborgenen Aufzeichnungen und den Berichten der wenigen Überlebenden wusste er, dass der Feind eine ähnliche – wenn nicht sogar die gleiche – Nachricht geschickt hatte. Dreimal, im Abstand von exakt 31 Sekunden. Als nach der dritten Sendung die Frist verstrichen war, hatten die Fremden das Feuer eröffnet und nichts als Trümmer, Elend und Tod von den Mehandorschiffen übrig gelassen.

Knapp über anderthalb Minuten.

»Countdown einblenden«, sagte Rhodan. »Dreiundneunzig Sekunden, beginnend mit dem Eingang der Nachricht.«

Im Holo flammte eine Anzeige auf und zählte gnadenlos nach unten.

90, 89, 88 ...

»Funkspruch entschlüsseln!«

»Die Positronik arbeitet daran«, sagte Eschkol.

»Major Lesch, wir brauchen die Schutzschirme. Sie haben noch ...« Ein Blick auf das Holo. »... 82 Sekunden Zeit.«

»Das ist nicht zu schaffen, Sir.«

»Tun Sie es trotzdem. Captain Trelkot, Alarmstart vorbereiten.«

Der Pilot nickte. Im Widerspruch dazu sagte er: »Die Schäden nach dem Transmittersprung sind zu groß. Die Triebwerke werden gerade neu hochgefahren, aber einen Alarmstart würden sie im Augenblick nicht überstehen.«

So wenig, wie wir einen Angriff dieses Ungetüms überstehen würden, dachte Rhodan, sprach es jedoch nicht aus. »Tun Sie, was Sie können. Wie läuft die Übersetzung?«

»Schlecht«, antwortete Eschkol. Er klang geknickt. »Die Positronik weiß mit den Lauten nichts anzufangen.«

Nicht gut. Überhaupt nicht gut.

»Vergleichen Sie den Funkspruch mit dem, den die Mehandorschiffe empfangen haben. Hört er sich nur so ähnlich an oder ist es der gleiche?«

... 64, 63, 62 ...

Kaum sprang die Anzeige um, ertönte das Zischen und Klopfen erneut.

»Funkverbindung öffnen!«, befahl Rhodan. »Auf der Frequenz des eingehenden Spruchs.«

»Geöffnet.«

»In alle gespeicherten Sprachen übersetzen!« Er atmete kurz durch. Ihm blieb nicht viel Zeit, sich die Worte zurechtzulegen. »Hier spricht Perry Rhodan von der CREST. Wir haben Ihre Botschaft erhalten, können sie jedoch nicht entschlüsseln. Wir kommen in friedlicher Absicht. Wir sind nicht Ihre Feinde. Ich wiederhole: Wir sind nicht Ihre Feinde. Bitte antworten Sie, wenn Sie mich verstehen.«

Er wartete, betrachtete die herabzählenden Sekunden, blickte durch die Zentrale, schaute zu Thora und Tom, dann wieder zum Countdown im Holo.

... 49, 48, 47 ...

Die Fremden schwiegen.

»Ich habe etwas«, meldete Eschkol. Im Holo erschienen nebeneinander zwei wilde Muster aus sich überlagernden Wellenlinien. Offenbar die grafische Darstellung des Funkspruchs. »Der linke, der Spruch an uns, ist ein wenig länger als der an die Mehandor. Ansonsten sind beide identisch. Bis auf die Anhängsel, die wir empfangen haben. Sie unterscheiden sich.«

»Das bedeutet?«

»Ich weiß es nicht.«

»Das bedeutet ...«, erklang die Stimme von Professor Ephraim Oxley. Rhodan hatte völlig vergessen, dass sich der Hyperphysiker ebenfalls in der Zentrale aufhielt, weil er bislang alles schweigend beobachtet hatte. »Das bedeutet, dass die Fremden einen Dechiffrierungskode mitgeschickt haben. In unterschiedlichen Sprachen. Zumindest hoffe ich das.«

»Aber wie sollen wir einen Kode benutzen, den wir nicht verstehen?«, fragte Eschkol.

Der Countdown sprang auf 31, und die Nachricht ertönte erneut.

Oxley eilte an die Funkkonsole. Sofort wirbelten seine Finger durch die Bedienelemente. »Ich extrahiere das dritte Anhängsel.« Im Holo erschienen die Segmente, die der Professor für einen Dechiffrierungskode hielt. Sie flossen übereinander. Gelegentlich flammten einzelne Wellenlinien auf, andere verschwanden.

Was tat er da nur?

Rhodan schielte zum Countdown.

... 27, 26, 25 ...

»Kreuzvergleich«, sagte Oxley, was auch immer er damit meinte. »Ausscheiden identischer Teile. Extraktion der Sprachkomponenten. Vor allem der letzte Kode ist hilfreich. Offenbar haben die Fremden Ihren Funkspruch, unsere Sprache eingearbeitet.«

»Großartig. Und was heißt das jetzt? Uns bleibt nicht mehr viel Zeit!«

... 18, 17, 16 ...

»Das heißt Folgendes«, sagte Oxley.

Plötzlich hallte eine geschlechtslos klingende Stimme durch die Zentrale. »Seid ihr wahres Leben?«

... 15, 14, 13 ...

Das war der Inhalt des Funkspruchs? Was sollte das? Rhodan war klar, dass er darauf reagieren musste. Nur wie? Ihm blieben lächerliche elf Sekunden, eine Antwort zu formulieren. Nein: zehn.

»Klar sind wir das«, hörte er Toms Stimme von der Mutantenlounge. »Was denn sonst?«

Der Junge hat recht, dachte Rhodan. »Wir funken ein simples Ja«, entschied er.

... 9, 8 ...

Oxley verschlüsselte die Nachricht in ein kurzes Zischen und Klopfen.

Sieben, sechs.

»Antwort gesendet«, meldete er.

... 5, 4 ...

Rhodan starrte das Holo an. Keiner sprach mehr ein Wort. Jeder wartete.

... 3, 2 ...

Er wandte den Blick Thora und Tom zu. Wenn er sterben sollte, wollte er, dass sie das Letzte waren, das er in seinem Leben sah.

... 1, 0.

Nichts geschah. Weder wiederholte sich der Zisch-und-Klopf-Funkspruch noch antworteten die Fremden auf andere Weise. Glücklicherweise eröffneten sie ebenso wenig das Feuer.

»War's das?«, fragte Schimon Eschkol.

»Schutzschirm einsatzbereit«, meldete in diesem Augenblick Dimina Lesch.

Unwillkürlich musste Rhodan lächeln. »Hochfahren«, befahl er, obwohl er inständig hoffte, dass das nicht mehr nötig war. Sekundenlang hing der Würfelraumer im All. Regungslos, lauernd, bedrohlich, vielleicht abwartend.

»Die Tastung läuft noch?«, erkundigte er sich.

»Auf Hochtouren«, antwortete Eschkol. »Bisher ohne neue Ergebnisse. Die P'Kong sind weiterhin nicht aufgetaucht. Dennoch schlage ich vor, uns von hier zu entfernen.«

»Eigentlich bin ich Ihrer Meinung, Major, aber mir ist unwohl bei dem Gedanken, dass die Besatzung dieses Monstrums ...« Rhodan deutete auf das riesige Raumschiff im Holo. »... das als Fluchtversuch auffassen könnte. Wir haben bei den Mehandor gesehen, wozu sie fähig sind.«

»Und wenn wir noch eine Nachricht schicken? Ein bisschen ausführlicher diesmal. Oder überhaupt eine Kontaktaufnahme versuchen, die über merkwürdige Fragen und einsilbige Antworten hinausgeht.«

Rhodan dachte darüber nach. »Nein«, entschied er dann. »Wir haben keine Ahnung, worauf die Fremden abzielten oder was sie unter ›wahrem Leben‹ verstehen. Die Gefahr, dass sie das bemerken, ist zu groß. Besser, wir sagen gar nichts als etwas Falsches.«

»Das heißt, wir sollen tatenlos die Position halten und darauf warten, dass was passiert?«

»Der Gedanke behagt mir genauso wenig wie Ihnen, aber er scheint mir im Augenblick die beste ... Oh!«

Unvermittelt zerbrach der Riesenwürfel in acht unregelmäßige Fragmente von jeweils rund tausend Metern Kantenlänge. Keines von ihnen sah friedfertiger aus als das Gesamtkonstrukt. Im Gegenteil. Acht Schiffe, jedes so groß wie die CREST. Selbst mit Schutzschirm hatten die Menschen wahrscheinlich keine Chance gegen die Fremden.

»Was tun die da?«, fragte Deringhouse. »Angriffsformation?«

Die Antwort bekam er nur eine Sekunde später. Die Würfelbruchstücke beschleunigten mit Werten, die sogar jene der zerstörten BOOTY übertrafen. Sie rasten in verschiedene Richtungen davon und gingen nur Augenblicke danach fast zeitgleich in Transition.

»Das war ...«, sagte Conrad Deringhouse, unterbrach sich jedoch, als müsse er nach dem richtigen Ausdruck suchen, »... überraschend.«

Rhodan wandte sich erneut Crest zu. »Hast du schon einmal einen derartigen ... Fragmentraumer gesehen?«

»Tut mir leid«, antwortete der Arkonide. »Ich bin von dem Auftritt genauso verblüfft wie du.«

»Schade. Dann wollen wir jetzt Major Eschkols Empfehlung folgen und etwas Abstand zwischen uns und das Rematerialisierungsfeld bringen.«

»Das soeben erloschen ist«, teilte der Ortungschef mit.

»Trotzdem. Ich möchte mehr über dieses System der einsamen Zwillingssterne herausfinden. Wo genau liegt es, gibt es Planeten, ist einer davon Achantur? Und vor allem will ich wissen, warum die CREST unter dem Transmitterdurchgang so gelitten hat. Conrad, Professor Oxley, gehen wir die Aufzeichnungen durch. Vielleicht finden wir etwas. Länger als eine Stunde sollten wir dafür nicht brauchen. – Oberst Melville«, wandte er sich an den Ersten Offizier, »berufen Sie für danach eine Lagebesprechung ein.«

2.

Entfernte Bekannte

Einige Stunden zuvor

 

Perry Rhodan widerstrebte es, zum Tagesgeschäft zurückzukehren, als sei nichts geschehen, als hätten sie nicht gerade eine Trauerfeier für die verlorenen Freunde abgehalten, als seien sie nicht alle noch erschöpft und zutiefst getroffen von den zurückliegenden Ereignissen. Und dennoch flogen sie nun ins Trapezasystem im Sternhaufen Hamtar Rhag Nar Rhug ein, um nach Achantur zu suchen und Crests Traum von Heilung und Unsterblichkeit Wahrheit werden zu lassen.

Das Leben geht weiter. Einer der dämlichsten und überstrapaziertesten Sprüche der Menschheitsgeschichte. War derjenige, der diese schalen Worte zum ersten Mal ausgesprochen hatte, wirklich der Meinung gewesen, er könne den Hinterbliebenen damit Trost spenden? Und trotzdem steckte ein Funke Wahrheit darin. Nein, mehr als nur ein Funke. Denn das Leben ging tatsächlich weiter – zumindest für die, die nicht gestorben waren. Und wenn die Überlebenden dem Tod ihrer Freunde wenigstens einen Hauch von Bedeutung verleihen wollten, dann durften sie nicht in Trauer und Betroffenheit versinken, sondern mussten unbeirrt weitermachen, so wie Homer G. Adams, Sid Gonzáles und alle anderen es von ihnen erwartet hätten.

Nur: weitermachen womit? Es gab so viele Punkte auf ihrer Agenda, von denen jeder einzelne danach verlangte, als Erster abgearbeitet zu werden. Egal welchem sie sich vorrangig widmeten, es würde immer das Gefühl bleiben, etwas anderes vernachlässigt zu haben.

»Tun wir wirklich das Richtige?«, erklang eine Stimme neben Rhodan.

Er schaute zur Seite und lächelte. Thora ließ sich auf dem Sitz nieder, der vor einiger Zeit für den Auloren Tuire Sitareh in der Zentrale installiert worden war. Sie erwiderte das Lächeln nicht.

»Wo ist Tom?«, fragte er.

Thora deutete zur Mutantenlounge, wo Rhodan seinen Sohn zusammengekauert und mit dem Plüschhaluter im Arm entdeckte. »Er schläft. Ich wollte ihn nicht in der Kabine allein lassen. Nach allem, was er durchgemacht hat, möchte ich in seiner Nähe sein, wenn er aufwacht.«

»Ich verstehe.« Er zögerte. »Ein Schlachtschiff ist der denkbar ungeeignetste Ort für einen Jungen in seinem Alter.«

»Er ist endlich wieder bei seinen Eltern. Nur das zählt.«

»Aber zu Hause wäre ...«