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Fritz Sauckel

Hitlers „Muster-Gauleiter“
und „Sklavenhalter“

Fritz Sauckel

Hitlers „Muster-Gauleiter“
und „Sklavenhalter“

Steffen Raßloff

Titelbild: Bayerische Staatsbibliothek München

Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der Autor die Verantwortung.

Landeszentrale für politische Bildung Thüringen

Regierungsstraße 73, 99084 Erfurt

4. Auflage

2012

ISBN: 978-3-937967-99-8

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur vierten Auflage

Der biographische Überblick zum thüringischen „Muster-Gauleiter“ und „Sklavenhalter“ des Dritten Reiches hat breiten Widerhall in der Geschichtswissenschaft und beim historisch interessierten Publikum erzeugt. Er ist dabei durchaus kontrovers beurteilt worden. So spricht etwa Jürgen John der Darstellung von Sauckels Streben nach einem „Mustergau“ Thüringen die „analytische Qualität“ ab. Er übersieht dabei, dass dieses im Übrigen gut belegte Phänomen überhaupt nicht im Vordergrund stand. Justus H. Ulbricht betont dagegen die „Konzentration auf den Lebenslauf und die individuelle Rolle Sauckels im Machtgefüge der erst aufsteigenden und dann triumphierenden NS-Macht“, wobei die Frage „nach der moralischen Schuld und politischen Eigenverantwortung“ in den Mittelpunkt rücke. Dieses zentrale Anliegen des Autors war auch Leitfaden der Filmdokumentation über Fritz Sauckel im MDR.

Natürlich ist die Forschung seither nicht stehen geblieben. Neben einer Überblicksdarstellung zum Gau Thüringen, in der aber die Rolle des Gauleiters sehr blass bleibt, sei vor allem auf einen Quellenfund des Instituts für Zeitgeschichte verwiesen. Ob die umfangreichen autobiographischen Aufzeichnungen spektakuläre neue Erkenntnisse bringen werden, bleibt bis zu deren vollständiger Veröffentlichung abzuwarten. Manches deutet aber darauf hin, dass der Text das Selbstbild Sauckels aus seiner knappen Nürnberger Rechtfertigungsschrift bestätigen wird, wie sie hier im Anhang abgedruckt ist. Vor diesem Hintergrund dürften die Fragestellungen und Ergebnisse der Studie über einen der wichtigsten unter Hitlers Helfern ihre Relevanz noch nicht verloren haben.

Erfurt im März 2012,
Steffen Raßloff

John, Jürgen: Die Gaue im NS-System und der Gau Thüringen (Schriften der Landeszentrale für politische Bildung. Bd. 33). Erfurt 2008. S. 38.

Rezension in der Zeitschrift für Thüringische Geschichte 65 (2011). S. 448 f., hier S. 449.

Fritz Sauckel – Hitlers Mann in Thüringen (Filmdokumentation der Reihe „Geschichte Mitteldeutschlands“, Erstausstrahlung am 16. August 2009 im MDR). Autorin: Winifred König, Fachberater: Steffen Raßloff.

Fleischhauer, Markus: Der NS-Gau Thüringen 1939–1945. Eine Struktur- und Funktionsgeschichte. Köln/Weimar/Wien 2010; Siehe hierzu die Rezension in der Zeitschrift für Thüringische Geschichte 65 (2011). S. 445–447.

Lehnstaedt, Stephan und Kurt: Fritz Sauckels Nürnberger Aufzeichnungen. Dokumente. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57 (2009). S. 117–150.

I. Zur Einleitung

Am frühen Morgen des 16. Oktober 1946, gegen halb ein Uhr, öffnet sich die Tür zu jener Zelle im Nürnberger Alliierten Militärgefängnis, die seit gut einem Jahr von Fritz Sauckel bewohnt wird. Begleitet von zwei amerikanischen Militärpolizisten legt der zum Tode Verurteilte seinen letzten Weg durch die Gänge, über den Hof hin zur angrenzenden Turnhalle zurück. Im hell erleuchteten Saal besteigt er dreizehn hölzerne Stufen, die auf eine schwarze Plattform führen. Dort erwartet ihn der Galgen. Seine Hände sind auf dem Rücken mit Schnürsenkeln gefesselt. Oben legt ihm der Scharfrichter Master-Sergeant John C. Woods, nachdem eine schwarze Kappe das weitere Geschehen für Sauckel in Dunkel hüllt, die Schlinge um den Kopf. Gefängnisarzt Dr. Ludwig Pflücker schildert den letzten Akt: „Der Delinquent tritt auf eine Falltüre, die nach Anlegung des Stranges geöffnet wird; der Delinquent fällt ein Stockwerk tief. Das untere Stockwerk des Galgens ist mit Tuch verhängt, sodass die Vorgänge verborgen bleiben. Zwei amerikanische Ärzte überwachen hier die Gehängten und stellen den Tod fest.“ Nach kurzer Bewusstlosigkeit stirbt Fritz Sauckel am Strang.

Dies ist das Ende der außergewöhnlichen Karriere eines eher gewöhnlichen Menschen. Die krisenhafte Übergangsepoche zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg, jene erste Periode im vielzitierten „Zeitalter der Extreme“, hatte den Briefträgersohn Fritz Sauckel in zentrale Machtpositionen des Dritten Reiches geführt. Schrittweise arbeitete er sich in der „Kampfzeit“ der „Bewegung“ vom Ortsgruppenführer des Schweinfurter Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes bis zum NSDAP-Gauleiter von Thüringen (1927) empor. Binnen dreier Jahre gelang es ihm, im „Kampf um Thüringen“ die zerstrittene völkische Splitterpartei zur ersten Regierungsbeteiligung in einem deutschen Land 1930/31 zu führen. Weitere anderthalb Jahre später erreichte Sauckel als Chef einer nationalsozialistischen Regierung die „vorgezogene Machtergreifung“ in Thüringen vom August 1932. Nach 1933 schwang er sich schließlich zu Hitlers „Muster-Gauleiter“ auf, profilierte das symbolträchtige „Herzland deutscher Kultur“ zum „Mustergau“ im Dritten Reich.

Aus den Reihen der Gauleiter in den „inneren Kreis“ der „braunen Elite“ vorzustoßen, war freilich nur wenigen vergönnt – Fritz Sauckel zählte spätestens ab März 1942 als „Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz“ (GBA) mit dazu. Nach der Wende im Zweiten Weltkrieg 1941/42 sollte er durch die rücksichtslose Rekrutierung von Millionen ausländischer Zwangsarbeiter seinem von ihm fanatisch verehrten „Führer“ Adolf Hitler den „Endsieg“ ermöglichen. Insbesondere in Osteuropa geschah dies unter Ablegung der „letzten Schlacken unserer Humanitätsduselei“, wie Sauckel sich ausdrückte. Daher bezeichnete Robert H. Jackson, amerikanischer Hauptankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, Sauckel als den „größten und grausamsten Sklavenhalter seit den ägyptischen Pharaonen“.

Fritz Sauckel verkörpert also sowohl den Typus des regionalen NS-Machthabers als auch den des skrupellosen Funktionärs für „Sonderaufgaben“. Dieser Typus wurde geprägt von einem totalitären System, in dem sich sozioökonomische Modernisierung mit Staats- und Gesellschaftsvorstellungen verband, die der germanischen Frühgeschichte sowie dem Sozialdarwinismus und der Rassenlehre entlehnt waren. Jene „alt-neue, revolutionär rückschlägige Welt“ mit ihrer „neuigkeitsvollen Rückversetzung der Menschheit in theokratisch mittelalterliche Zustände“, wie es Thomas Mann umschrieben hat, botrobusten Volkstribunen und Taktikern der NS-Bewegung völlig neue Aufstiegschancen. Denn die alten staatlichen Machthierarchien, die Einrichtungen der Partei sowie von Hitler ernannte Statthalter, Beauftragte, Bevollmächtigte usw. verstrickten sich rasch in ein Kompetenzengerangel, in dem in erster Linie Durchsetzungsvermögen gefragt war.

Der förmliche „Kampf aller gegen alle“ kannte letztlich nur Hitler als unangefochtene Führerpersönlichkeit. In jenem polykratischen „Führerstaat“ (Norbert Frei) spielten die Gauleiter eine wichtige Rolle, waren nach 1933 wesentlich für den Doppelcharakter des Dritten Reiches von „Reichszentralismus“ und „Gaupartikularismus“ verantwortlich. Je nach persönlicher Energie und politisch-administrativen Rahmenbedingungen konnten sich die Gauleiter eine starke Machtstellung erwerben, mit der sie als „Repräsentanten des Führers im Land“ ihre wichtige Scharnierfunktion zwischen nationalem Machtanspruch der NS-Bewegung und dessen regionaler Durchsetzung auszufüllen hatten. Dabei räumte Hitler seinen „Vizekönigen“ bei ihrer „Frontarbeit in den Gauen“ durchaus einen gewissen Spielraum ein, der die Beachtung regionaler Besonderheiten ausdrücklich mit einschloss. Sauckel ist dieser Rolle in Thüringen als einer der dienstältesten Gauleiter der NSDAP einschließlich des Aufstieges in ein nationales Führungsamt beispielhaft gerecht geworden.

Trotz der herausragenden Karriere eines der wichtigsten unter „Hitlers Helfern“ hat sich bisher noch kein Autor umfassend seiner Person in einer Biographie angenommen. In der übergreifenden Literatur taucht Sauckel in der Regel nur im Zusammenhang mit der Kriegswirtschaft auf. Selbst in manchen Arbeiten zum Nürnberger Prozess bleibt er unberücksichtigt oder tritt zumindest hinter den anderen Angeklagten zurück. Das recht konturlose Bild gewinnt erst auf regionaler Ebene an Kontrastschärfe.

So mag eine auch an breitere Leserkreise gerichtete Publikation über den mächtigsten Mann Thüringens, einen der für das Dritte Reich so charakteristischen „Vizekönige“ Hitlers, dem Bild der Landesgeschichte wie auch der NS-Forschung einen neuen Mosaikstein hinzufügen. Dies gilt umso mehr, als Sauckel mit dem Zwangsarbeitereinsatz für eines der dunkelsten Kapitel der NS-Diktatur verantwortlich zeichnete, das nach langer Verdrängung mit den Debatten um die Entschädigungsfrage seinen Schatten bis in die jüngste Vergangenheit der Bundesrepublik wirft. Dabei soll das Bekenntnis Olaf Hähners unterstrichen werden, dass „die Biographie […] eine Form legitimer Geschichtsschreibung“ sei, man „sich zu ihr als historiographischer Form bekennen“ könne, ohne deshalb die allgemeinen Strukturen und Prozesse der Geschichte aus dem Blick zu verlieren.

Die Frage nach dem Aufstieg von „ganz unten“, nach Herkunft, Motivationen und frühen biographischen Zäsuren wird dabei nicht ausgeklammert. Dieser Aspekt spielte bei Sauckels Verteidigung in Nürnberg zudem eine wichtige Rolle. Sein „Weltbild“ hatte sich schon in der Jugend fest ausgeprägt und später in Amt und Würden kaum mehr verändert. Der alles andere als geradlinige Weg zum radikalen nationalsozialistischen Partei- und Staatsfunktionär verweist hierbei auf teils sehr individuelle, teils aber auch durchaus zeittypische Weichenstellungen einer Biographie, die im Ersten Weltkrieg trotz fehlendem „Fronterlebnisses“ die prägende Wegmarke besaß.

Gehörte Sauckel also jener „politischen Generation“ an, die laut dem Historiker Ulrich Herbert „als vornehmliche Trägergruppe der NS-Diktatur identifizierbar“ ist, „und zwar vor allem auf der Ebene des Führungspersonals“? Als wesentliche Merkmale jener „jungen Frontkämpfer-“ bzw. „Kriegsjugendgeneration“ werden u.a. genannt: Prägung und Abgrenzung von der älteren Generation durch „den alle bisherigen Erfahrungsdimensionen sprengenden Ersten Weltkrieg und die durch Bürgerkrieg und Inflation gekennzeichneten Nachkriegsjahre“, „Verarmung und […] Verlust der […] Berufsaussichten“, „Kontakte zur Arbeiterjugend“ und Überwindung „sozialer Barrieren“. Hierbei seien „der jeweils individuelle Lebensweg und die dabei gemachten Erfahrungen vor allem der männlichen bürgerlichen Jugend nach dem Kriege auf ein stringentes Angebot an Sinndeutungen“ – meist gebündelt in der Volksgemeinschaftsvision – gestoßen, „welches die Erlebnisse des Einzelnen einband in die Kategorien und Wertemuster seiner ‚politischen Generation‘“.

Hier soll ein allgemeinverständliches historisch-biographisches Portrait entstehen, das die Rolle eines Protagonisten bei Aufstieg, Herrschaft und Verbrechen des Nationalsozialismus skizziert. Dabei ist es wichtig nach dem Maß persönlicher Verantwortung des Fritz Sauckel zu fragen. Das Interesse des Nürnberger Militärtribunals bezog sich 1945/46 stark auf den „Muster-Gauleiter“ und – für das Urteil letztlich maßgebend – auf Hitlers „Sklavenhalter“. Es soll aber auch die Frage nach der weithin prägenden „Vorgeschichte“ Sauckels mit kleinbürgerlichem Hintergrund, dem Scheitern einer Marinelaufbahn durch den Ersten Weltkrieg, der Tätigkeit als Fabrikarbeiter in Schweinfurt und einem abgebrochenen Technikerstudium in Ilmenau mit einbezogen werden.

Es gibt keinen breiten persönlichen Quellenbestand. Einige schlaglichtartige Einblicke auch in das Privatleben bietet der „Nachlass Fritz Sauckel“ im Bundesarchiv Koblenz. Autobiographische Äußerungen jenseits offiziöser Propagandaschriften gibt es so gut wie gar nicht. Auch der Quellenwert des letzten und umfangreichsten Lebenslaufes, die in Nürnberg verfasste 20-seitige Handschrift „Für Herrn Mayor Kelley. Über meinen Lebenslauf und meine Familie“ vom 17. Oktober 1945, ist zumindest als problematisch einzustufen (vgl. den Text im Anhang). Dennoch konnte dieser in Duktus und Wortwahl an Hitlers „Mein Kampf“ erinnernden Kurz-Autobiographie bei aller gebotenen Vorsicht manch aufschlussreicher Aspekt entnommen werden. Sauckels Karriere lies sich neben der Forschungsliteratur aus den Beständen verschiedener nationaler und regionaler Archive rekonstruieren (vgl. Anhang). Unter dem leitenden Aspekt der Verantwortung vor Gericht 1945/46 war die offizielle Dokumentation des Nürnberger Prozesses von großem Interesse; lebendige Eindrücke vermittelten Tondokumente der Verhöre Sauckels. Das Tagebuch des amerikanischen Gefängnispsychologen Gustave M. Gilbert und die Gesprächsnotizen von Gefängnispsychiater Leon Goldensohn ermöglichten weitere „Aufschlüsse über die Wirkungen von Sozialisation und Verführbarkeit auf politisches Handeln und ebenso über die späteren Rechtfertigungsstrategien“. Darüber hinaus galt es auf Zeitungen, Denkschriften, Erinnerungen von Zeitgenossen u. Ä. zurückzugreifen.

Heydecker/Leeb: Nürnberger Prozess.

Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme; Mai: Europa 1918–1939.

Becker: Generalbevollmächtigter.

Weißbecker: Sauckel.

Zit. nach Smelser/Zitelmann: Die braune Elite I. S. 329.

Mann: Doktor Faustus. S. 489.

Ziegler: Gaue und Gauleiter; Hüttenberger: Gauleiter; Höffkes: Gauleiter.

John: NS-Gau Thüringen. S. 26.

Ziegler: Gaue und Gauleiter. S. 139.

Vgl. Hüttenberger: Gauleiter. S. 221-224. Nur Robert Wagner (Baden), Otto Telchow (Ost-Hannover), Martin Mutschmann (Sachsen) und Hinrich Lohse (Schleswig-Holstein) konnten sich durchgehend von der Partei-Neugründung 1925 bis 1945 im Amt zu behaupten.

Vgl. neben Becker (Generalbevollmächtigter) und Weißbecker (Sauckel) Raßloff: Fritz Sauckel; Post/Wahl: Thüringen-Handbuch. S. 624 f.; Breitlauch: Sauckel; Höffkes: Gauleiter. S. 288-290; Lilla: Statisten in Uniform. S. 538 f.; Leisentritt: Sklavenhalter; mdr-Filmdokumentation „Lebensläufe …“

Vgl. u.a. Hildebrand: Das Dritte Reich. S. 74, 173; Benz: Geschichte des Dritten Reiches. S. 191 f., 272.

Vgl. v.a. Post: Vorgezogene Machtübernahme; Post: Thüringen unter nationalsozialistischer Herrschaft. Vgl. allgemein Mai: Zeitgeschichtliche Forschung in Thüringen.

Es dauerte von der Nürnberger Aufarbeitung 1945/46 bis in die 1980er Jahre, ehe der Zwangsarbeitereinsatz auch von der westdeutschen Geschichtswissenschaft breit aufgegriffen (Herbert: Fremdarbeiter. S. 13) und die Entschädigungsfrage nach der deutschen Einheit 1990 gelöst wurde.

Hähner: Historische Biographik. S. XI.

Weisbrod: Generation und Generationalität; Schulz/Grebner: Generationswechsel und historischer Wandel.

Herbert: Drei politische Generationen im 20. Jahrhundert. S. 100.

Ebda. S. 97 f.

Bundesarchiv Koblenz (im weiteren BAK) 848-1 bis 848-11, Nachlass Fritz Sauckel. Dieser Bestand enthält neben persönlichen Papieren Sauckels und seiner Familie (Urkunden, Ausweise etc.) v. a. private und dienstliche Schriftwechsel, Rechnungen, Bücherlisten u. ä.

Sauckel, Fritz: Für Herrn Mayor Kelley. Über meinen Lebenslauf und meine Familie. (17.10.1945) In: Archiv Institut für Zeitgeschichte München (im weiteren: IfZ) Fa 190.

Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher; Die NS-Führung im Verhör. CD 7.

Gilbert: Nürnberger Tagebuch; Goldensohn: Nürnberger Interviews; Zit.: Benz: Vorwort. S. 14 f.

II. „Ganz der Mann aus dem Volke“ – Kindheit und Jugend

Wie weit kann man dem in Nürnberg auf der Anklagebank von Sauckel entworfenen Selbstbild vom „kleinen Mann aus dem Volke“ folgen, der im Herzen immer Arbeiter und Matrose geblieben sein will? Wo liegen die Wurzeln jener Karriere, die schließlich über das Schicksal von Millionen Menschen bestimmte? Tatsächlich stammte der am 27. Oktober 1894 im unterfränkischen Haßfurt geborene Ernst Friedrich Christoph Sauckel als Sohn des Postbeamten Friedrich Sauckel (1868–1943) und der Näherin Magdalena Sauckel (1865–1927), geb. Dette, aus ausgesprochen kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sauckel selbst spricht von „der finanziell bescheidenen Lage meiner Eltern“. Diese Lage wurde durch ein bei seiner Geburt zugezogenes Herzleiden der Mutter zusätzlich erschwert, da sie ihre zum Familienaufkommen beitragende Tätigkeit als Näherin aufgeben musste. Sauckels Geburtshaus stand in der Brückenstraße 6 des damals knapp 3 000 Einwohner zählenden Städtchens am Main. Haßfurt verlieh 1934 dem Sohn der Stadt „in dankbarer Anerkennung der überaus großen Verdienste in der Bewegung und für die Freiheit des deutschen Volkes“ die Ehrenbürgerwürde und widmete die Brückenstraße in Fritz-Sauckel-Straße um. Sauckel präsentierte sich beim feierlichen Empfang am 14. Oktober 1934 laut Haßfurter Tagblatt als „ganz der Mann aus dem Volke“, der auch als hoher Funktionär seine Herkunft nicht verleugne.

Sauckel hielt lange die Verbindung zu seiner Heimat und betätigte sich während der „Kampfzeit“ in der fränkisch-thüringischen Grenzregion. Dabei gehörte die Saalschlacht im Wildbadsaal von Haßfurt am 5. Mai 1923 zu den prägenden Jugenderlebnissen. Die NSDAP-Ortsgruppe hatte die in der völkischen Bewegung aktive Kapitänleutnantswitwe Andrea Ellendt eingeladen, um gegen „Judenrepublik“ und „jüdischbolschewistischen Internationalismus“ zu polemisieren. Die gut organisierte Arbeiterbewegung der Stadt fasste dies als Provokation auf. Jeweils verstärkt durch Anhänger aus der ganzen Region kam es im Saal zur Entladung der gespannten Atmosphäre, wobei die „Nazis“ rasch den Kürzeren zogen. Dieser ersten großen Massenschlägerei gedachte Sauckel noch anlässlich seiner Ehrenbürgerwürde-Verleihung 1934: „Sie dürfen versichert sein, daß wir alten Nationalsozialisten, als vor einem Jahrzehnt jene Saalschlacht im Wildbadsaal stattfand, an der auch ich teilnahm, den unerschütterlichen Glauben und Willen hatten, unser Volk wieder aus der furchtbaren Not und knechtischen Gesinnung herauszuführen.“ Angesichts des damaligen „Klassenhasses zwischen Arbeitern der Stirne und der Faust“ sei die von der NSDAP und ihrem Führer erkämpfte neue harmonische Volksgemeinschaft um so höher einzuschätzen.

Vorerst deutete im Haßfurt der Jahrhundertwendezeit aber nichts darauf hin, dass der kleine Fritz später zu einem der führenden deutschen Politiker aufsteigen würde, rekrutierte doch die gesellschaftliche Oberschicht des Bürgertums auch in der „Provinz“ ihren Nachwuchs weitgehend aus den eigenen Reihen. Dennoch gab es einen gemeinsamen bürgerlichen Wertehorizont, an dem sich auch der Mittelstand orientierte. Es waren dies Weltdeutungsmuster wie Nationalismus, Antisozialismus und Religion – Überzeugungen, denen der Vater als königlicher Beamter in ausgeprägtem Maße anhing. Insbesondere an der von Sauckel immer wieder betonten „streng religiösen evangelischen Erziehung meines Elternhauses und meiner Lehrer“ braucht man wohl keine Zweifel zu hegen. Überhaupt scheint der Vater das Musterbild eines konservativen nationalprotestantischen Bürgers der Kaiserzeit gewesen zu sein, „wegen seines Fleißes und seiner Zuverlässigkeit, sowie wegen seiner Frömmigkeit und nationalen Gesinnung […] angesehen und beliebt“.

Zu diesen Grundlagen bürgerlich-nationaler Weltsicht, die dem jungen Fritz Sauckel mit auf den Weg gegeben wurden, kamen weitere Wertorientierungen, die sich unter dem Schlagwort „Besitz und Bildung“ subsumieren lassen. Für jeden Bürger bedeutete die Demonstration dieser Eigenschaften den Dreh- und Angelpunkt seines gesellschaftlichen Status. Sie stellten zugleich die entscheidenden Aufstiegsfaktoren aus der kleinbürgerlichen Sphäre dar. Da nennenswerter Besitz bei Sauckels Eltern fehlte, blieb nur eine akademische Bildung. Der für „Höheres“ bestimmte Sohn sollte jedoch das seit 1904 besuchte Schweinfurter Gymnasium – der Vater war 1898 in die benachbarte, ca. 25.000 Einwohner zählende Industriestadt versetzt worden – nicht erfolgreich abschließen. So wäre wohl unter den Bedingungen des kaiserlichen Deutschlands von einem Fritz Sauckel für die Nachwelt nichts in Erinnerung geblieben.

Zudem zog es den Jungen in die Ferne. Nach der mittleren Reife verließ er im Februar 1909 mit knapp 15 Jahren das Elternhaus und wurde Matrose. Ob ihn eher jugendliche Abenteuerlust oder eher die nationale Erziehung des Vaters hierzu bestimmte, der wohl wie viele Zeitgenossen die Zukunft des Deutschen Kaiserreiches „auf dem Wasser“ sah, muss offen bleiben. Das Berufsziel „Kapitän bei der Handelsmarine“ jedenfalls wird man als letztlich akzeptabel auch für die Eltern ansehen dürfen, die sich offenkundig mit dem Berufswunsch des Sohnes zumindest abfanden. Der Vater bemühte sich 1910 sogar um die Aufnahme Sauckels auf ein Segelschulschiff, was jedoch nicht gelang. Fritz Sauckel selbst spricht von ausgeprägter „Freiheitsliebe“ und einem amerikanischen Onkel, dessen Briefe „stark auf mein jugendliches Gemüt gewirkt“ hätten. Nach 1933 behauptete die NS-Propaganda, Sauckel habe den „brennenden Wunsch im Herzen“ gehabt, „im Ehrenkleid eines Offiziers der stolzen deutschen Marine“ in die Heimat zurückzukehren. Man sollte dies nicht ohne weiteres „in den Bereich der Legenden“ verbannen. Als Wunschvorstellung scheint ein Wechsel in die Kriegsmarine plausibel zu sein. Die Marine bot sehr viel stärker als das Heer auch Bürgerlichen Aufstiegschancen.

„Seppl“, wie ihn seine Kameraden riefen, heuerte zuerst in Hamburg auf der norwegischen Dreimastbark „Daphne“ an. Fünf Jahre befuhr er mit verschiedenen skandinavischen und deutschen Handelsschiffen alle Weltmeere. Sauckel lernte dabei das Seemannshandwerk vom Kajütjungen bis zum Vollmatrosen sowohl auf Segel- wie auch auf Motorschiffen. Dass ihm seine Reisen eine ausgesprochene Weltläufigkeit im weiteren Wortsinne eingebracht hätten, lässt sich allerdings nicht behaupten. Vielmehr beeindruckte ihn in erster Linie die Rolle des Deutschen Kaiserreiches als Industrie- und Handelsnation. Die Feststellung, „wie verbunden die Welt mit deutschem Schaffen und deutscher Arbeit ist“, trug sicher mit zu Sauckels späterer Gedankenwelt bei.

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg begann, befand sich der junge Matrose gerade auf Australienfahrt. Noch im Ärmelkanal wurde sein deutsches Frachtschiff „Frieda Mahn“ am 3. August aufgebracht und die Besatzung in französische Zivilinternierung überführt. Die Zeit im Lager auf der „langen Insel“ westlich von Brest verbrachte er mit Lesen, Sport u. ä. Beschäftigungen, ohne wirklich Not zu leiden. So erinnerte ein einstiger Mitgefangener, der Leipziger Verlagshändler E. A. Seemann, Gauleiter Sauckel anlässlich des Weimarer Presseballs vom Januar 1939 an Sportplatz und Bibliothek des Gefangenenlagers. Auch stand der Gefangene Nr. 398 in brieflichem Kontakt mit seinen Angehörigen, von denen er Pakete und Geldzuweisungen erhielt. Trotzdem wurde die Zeit natürlich lang, insbesondere als die Franzosen ihn auch nach Kriegsende weiter festhielten.

Bis November 1919 hielt man Sauckel auf der Ile Longue gefangen. Hier zeigt sich die erste tiefe Zäsur in der Biographie des Briefträgersohnes, der immer wieder seine Liebe zum Seemannsberuf betonte und noch in seinem Nürnberger Lebenslauf den Fahrten durch alle Weltmeere viel Raum gab. Für anhaltendes Interesse an der Ferne, an Seefahrt und Abenteuer zeugen auch das Leseverhalten Sauckels. Selbst der viel beschäftigte Gauleiter späterer Tage ließ sich in großer Zahl entsprechende Literatur von maritimen bzw. geographischen Fachbüchern und Reiseliteratur („Völker und Kontinente“, Gustav Nachtigal) bis hin zu Belletristik von Hans Grimm, Sven Hedin und Karl May schicken – und ganz gern auch mal von deutschen Verlagen schenken. Es spricht vieles dafür, dass Sauckel unter anderen Umständen dem Seemannsberuf treu geblieben wäre.

Der Weltkrieg griff also wie bei vielen seiner Zeitgenossen tief in die individuelle Lebensplanung ein: „Dies war besonders tragisch für mich, denn ich war [bei Kriegsausbruch 1914, d.V.] gerade 20 Jahre alt, hatte meine praktische seemännische Ausbildung beendet und das Geld für meine nautischen Studien erspart.“ Zudem, so Sauckel weiter, „war es 1919 mit der Seefahrt für deutsche Seeleute nicht gut bestellt, außerdem wurden meine Ersparnisse, ebenso wie die meiner Eltern, durch die deutsche Inflation total entwertet, sodaß mir auch die Möglichkeit, meine nautischen Examen zu absolvieren, genommen war.“ Weder der vor 1914 durchaus realistische Aufstieg zum Offizier der Handelsmarine, noch gar das Traumziel Kriegsmarine ließen sich unter den Bedingungen des Versailler Vertrages und der sozioökonomischen Nachkriegskrise realisieren. Dies sollte auch für die politisch-ideologische Orientierung des 25-Jährigen nicht ohne Folgen bleiben.

Denn die Internierung hat den Weg Sauckels auch jenseits der zerstörten beruflichen und gesellschaftlichen Perspektive nachhaltig beeinflusst. Im Lager begann er sich für Politik zu interessieren, erweiterte in den vielen Mußestunden seinen geistigen Horizont neben nautischen und mathematischen auch durch „volkswirtschaftliche und soziale Studien“. Möglicherweise gab schon die über fünfjährige französische Internierung gemeinsam mit der Prägung durch Elternhaus, Schule und Milieu diesem erwachten Interesses eine klare, ja radikale nationalistische Richtung. Die Briefe der Eltern etwa an „ihren lieben Friedrich“ sind tief durchdrungen von Nationalgefühl und Verachtung für den äußeren und inneren Gegner. In einem der letzten Schreiben nach Frankreich vom 19. Oktober 1919 ist die Rede von den „Scheidemännern u[nd] Co“, dem „9. Nov[ember] Angedenkens“, an dem sich das arme Volk die Hände wärmen solle, der „Versklavung von Hunderttausenden“ und dem Hass auf „die Menschen dadrüben“, d. h. in Frankreich.

Die langjährige erzwungene Untätigkeit, während derer andere auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges „Ruhm und Ehre“ erringen konnten, dürfte dem baldigen Vertreter der äußersten Rechten zudem als Makel erschienen sein. „Fronterlebnis“, persönliches Opfer für die Nation und Auszeichnungen für besondere Leistungen spielten nicht nur in der völkisch-nationalistischen Ideologie (und weit darüber hinaus) eine wichtige Rolle, sondern waren auch persönliche Ansehensfaktoren, die Fritz Sauckel nun völlig fehlten. Das konnte im politischen Kampf zum Handicap werden, wenn ihn etwa Vertreter der Linken im Thüringer Landtag als „Kriegsdrückeberger“ und „Heimkrieger“ titulierten. Dieses Manko suchte er unverkennbar durch desto eifrigeres und radikaleres Vorgehen wettzumachen. Wie tief der Stachel saß, sollte sich noch bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zwei Jahrzehnte später zeigen, als Sauckel um jeden Preis ins Feld ziehen bzw. in See stechen wollte, was ihm nun sein „Führer“ verwehrte. Selbst noch in Nürnberg stellte er gegenüber Mayor Kelley mit deutlichem Bedauern fest: „So bin ich nie Soldat gewesen.“