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Peter Philippen-Lindt

Jürgen Hennecke

 

Along The Road To India

Deserts, Cultures and Gravelroads

 

Hallo Kabul

 

Wüsten, Pisten und Kulturen

 

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Peter Philippen-Lindt, Jürgen Hennecke

Along The Road To India, Hallo Kabul

 

ISBN 978-3-86460-031-9

 

 

Dieses Buch ist auch als Taschenbuch im gleichen Verlag erschienen unter

ISBN 978-3-86805-300-5

 

 

Lektorat: Peter Philippen-Lindt & Jürgen Hennecke

Textredaktion: Peter Philippen-Lindt

Titelbild: Jürgen Hennecke

Kartographie und Graphik: Peter Philippen-Lindt

Satz: Peter Philippen-Lindt & Jürgen Hennecke

 

 

Bildnachweis:

Sämtliche Fotografien Jürgen Hennecke, bis auf Fotos der Mitbringsel, Kilometerlöffel, TextScans der Reiseunterlagen und Zeichnung “Gulliver in Bamian“ Peter Philippen-Lindt; sowie Kapitel Aktuelles: Bild 1+2,5-8  und 11 Peter Philippen-Lindt, Bilder 3+4 Screenshots des Videos Regiozeit des Center.TV, Bilder 9+10 Scans des Begleitprogrammheftes zur Ausstellung „Afghanistan-gerettete Schätze“ Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bild 12 Scan der Buchbesprechung „Hallo Kabul“ der Aachener Zeitung

 

 

© 2012 by Pro BUSINESS digital printing Deutschland GmbH

 

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Intro

–Bamian, Zentralafghanistan, den 24.07.1974

Auf der wenig vertrauenerweckenden Post von Bamian im afghanischen Hindukusch versuchten wir unser Glück und brüllten in den Telefonhörer:

„Hallo Kabul!?!“

so laut, dass man es auch ohne Kabelverbindung im 180 km entfernten Kabul hätte hören können. Nach 10 Minuten hatten wir zu unserer Verwunderung, wohl aufgrund unseres lauten Gebrülls, schon Verbindung mit der Werkstatt VW-Kasko in Kabul, die aber dann nach 10 Sekunden wieder unterbrochen wurde und erst nach weiteren 10 Minuten wieder da war.

Dann aber hatte ich auch schon den Werkstattmeister am Apparat, der sich an Gulliver, unseren VW-Samba-Bulli, erinnerte. Ich schilderte ihm in kurzer, höchst eindrucksvoller Weise die Ereignisse des letzten Tages. Er meinte nur gelassen, dass kein Grund zur Besorgnis bestünde. Wir sollten uns nur mit genug Motoröl eindecken und alle 50 Kilometer nachkippen. Er erwarte uns dann morgen oder übermorgen oder überübermorgen in der Werkstatt zur Reparatur.

Was war passiert? Drei Anläufe, eine leichte Anhöhe im Bamian-Tal zu erklimmen, waren fehlgeschlagen. Gulliver, streikte und seine 40,34 Pferde verweigerten den Dienst. Verunsichert begaben wir uns zurück zum Camp in Bamian. Als ich dort angekommen die Motorraumklappe öffnete, wusste ich sofort Bescheid: fieser Motorschaden! Hinter der Keilriemenschwungscheibe trat Öl aus, wenn der Motor lief. Die Kurbelwellenlager waren nun wohl doch hin und anscheinend noch einiges mehr.

Tod und Teufel! Gulliver war fertig mit der Welt. Was nun? sprachen wir im Chor mit Donar, Zeus und Jupiter? Nun ja, wir konnten nichts tun.

„War dies nun das Ende unserer Reise durch den Mittleren Orient, nach fast 20.000 Kilometern Wüsten, Pisten und Kulturen?“

Hoch und Tief liegen eben oft dicht nebeneinander, jedoch waren wir nach 112 Tagen Reiseerfahrung nur noch schwer zu erschüttern. Einmal alles Dicke ist besser, als kleckerweise ständig Maläste über die ganze Zeit verteilt!


Inhaltsverzeichnis

Intro

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abfahrt

Türkischer Süden

Syrische Anekdote

Mesopotamien

Persische Weite (Persien I)

Alexanders Ostgrenze (Pakistan I)

Zwei unter 700 Millionen

Das Indus Tal (Pakistan II)

Afghanistan

Persiens Norden (Persien II)

Türkischer Norden

Rückkehr

Rückblick

Danksagung

Schlagworte

Anhang -Daten zur Fahrt-

Über die Autoren:

Aktuelles zum (E-)Buch (2012)

Epilog


Vorwort

Im Frühjahr 2008, nach 34 Jahren, entstand bei einem Gläschen Wein und einem Disput mit meiner Tochter nach dem Motto: „Papa, Ihr habt doch auch damals in Afghanistan gekifft, oder?“ der erzieherische Zwang, die alten Reisebeschreibungen, mal wieder rauszukramen und zu sichten, natürlich um auch die Sache mit dem Kiffen bei „Siggis“ in Kabul klarzustellen.

Also: Schublade auf und her mit dem Prachtstück von Manuskript. Siehe da, viele Fragen, auch die meiner Tochter, ließen sich damit Dunkelgrau auf Vergilbt (jetzt: Schwarz auf Weiß) beantworten.

Wie war das Reisen damals im Orient?

Wie waren die Menschen im Orient?

Wie war das Reisen überhaupt möglich?

Wie frei konnte man sich in diesen Ländern bewegen?

Waren die teilweise negativen Entwicklungen damals schon abzusehen?

Stimmte die damalige Entwicklungsprognose oder kam alles anders?

Die Ihnen, liebe Leserinnen und Leser vorliegende Printausgabe „Hallo Kabul – Wüsten, Pisten und Kulturen“ oder die erweiterte und aktualisierte e-book Version „Along The Road To India, Hallo Kabul“ ist ein Muss für alle, die heute, im sogenannten „Zeitalter der Globalisierung“, den leichtfüßigen und unbeschwerten „Swing“ der siebziger Jahre für sich entdecken wollen, bzw. wenn Sie die 55 überschritten haben wieder zu entdecken. Wir möchten das etwas beschaulichere aber trotzdem weltoffene "Lebensgefühl" der frühen siebziger Jahre wieder lebendig werden lassen, sei es durch die aus dem Original übernommenen lockeren Sprüche oder sei es durch den legeren Jargon des damaligen Schreibstils.

Keinen trockenen Reiseführer und auch keine Extremreisebeschreibung à la: „Auf Inliner über den Pazifik“ wollten wir erstellen, obwohl auch wir viele brenzlige Situationen sowie frustrierende Erlebnisse hatten, wie Sie im Weiteren beschrieben werden. Vielmehr lag es uns am Herzen, eine mit Humor und etwas Selbstironie gewürzte Darstellung unserer Indientour widerzugeben und zu zeigen, wie wir auch die garstigsten Unbillen mit Engagement und Optimismus durchgestanden und überwunden haben.

Im April 1974 starteten wir, damals 20 und 21 Jahre alt, mit unserem selbst eingerichteten Samba-Bulli (T1) zu einer halbjährigen Reise durch den damals noch goldenen, vorderen und mittleren Orient bis an die Südspitze von Indien. Wir waren weltoffen, lebenslustig, und optimistisch, und deshalb stellte es für uns damals auch kein großes Risiko dar, mal für ein halbes Jahr „auszusteigen”, da die Rente noch nicht im Mittelpunkt unserer Überlegungen stand.

Die Hinfahrt verlief ab der Türkei überwiegend „on piste“ bzw. „off road“ und damit hauptsächlich auf den über weite Strecken noch nicht ausgebauten, staubigen Schotterpisten der „Indien-Süd-Route“ via Türkei, Syrien, Irak, Persien (Iran) und Pakistan. Die Rückfahrt erfolgte ab Pakistan auf der „fast“ durchgehend asphaltierten „Nordroute“, dem „Asian Highway“ oder sogenannten „Hippie-Trail“, über Pakistan, Afghanistan, Persien (Iran) und die Türkei und dann durch den damaligen Ostblock mit Bulgarien und Jugoslawien wieder zurück nach Deutschland.

Der Mittlere Orient erschien damals politisch als relativ stabil, war “pauschaltouristisch” kaum erschlossen und ein Samba-Bulli noch mit „Messer und Gabel“ zu reparieren. Handys, Laptops, MP3-Player und Internet waren –Gott sei Dank- nur aus „Science-Fiction“ Romanen bekannt. Kreditkarten und Navigationsgeräte wären zwar wünschenswert gewesen, aber es ging auch ohne sie; heute fast unvorstellbar und doch wahr!

Unmittelbar im Anschluss an diese, für die damaligen Verhältnisse weite und lange Reise schrieb ich, Peter “Pit” Philippen, aus meinen noch taufrischen Erinnerungen gestützt auf die Notizen in meinem Reisetagebuch, unsere Reiseerlebnisse und -empfindungen auf.

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Das auf meiner „Mercedes“-Schreibmaschine, Baujahr 1922, getippte Script wurde Ende 1974 fertiggestellt und schloss mit einem Resümee sowie heute schon historisch erscheinenden Statements zu den damaligen Verhältnissen, die wir Reisenden in den einzelnen Ländern antrafen.

Eine Abschätzung der aus damaliger Sicht zu erwartenden Entwicklungen dieser Länder schloss die Rohfassung der Reiseerinnerungen ab. Dann verschwand das Manuskript für 34 Jahre bis zu jenem Disput mit meiner Tochter in der Schublade.

Von 2008 bis 2009 haben Jürgen und ich dann das Manuskript überarbeitet und ergänzend kommentiert sowie durch die wunderbaren, heute schon als historisch anzusehenden Photographien von Jürgen zur nun vorliegenden Neufassung des Originalskripts (1974) aufpoliert. Doch nun ab zur „Lesefahrt“ auf der „Via Orientalis“ des Jahres 1974.

Gute Fahrt!“


Abfahrt

Am 7.4.1974 um 9 Uhr mitteleuropäischer Zeit (MEZ) starteten wir von Düsseldorf aus in Richtung Osten gen Rahmeswaram.

Wie? Keine Ahnung wo das liegt? Na dann lesen Sie mal hier weiter!

Als kleiner Hinweis sei gesagt: es liegt in Indien, aber in der Mitte des Buches werden Sie erfahren, wo genau und worauf Sie dort tunlichst achten müssen, wenn Sie nach Sri Lanka übersetzen wollen.

Die Hauptpersonen:

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Gulliver

Unser Gefährt: ein VW-„Samba“-Bus Modell T1, auch VW-Bulli genannt: genau: der mit den vielen kleinen Fensterchen und dem Schiebedach. Die Luxusausstattung unseres Fahrzeuges hatten wir allerdings selbst gebaut und die bestand aus einer ausklappbaren Bettbank über dem Heckmotor, einem kleineren Hängeschrank darüber, einem „Gasherd“, besser: einer hölzernen Vorrichtung, die zwei Campinggas-Kocher festhielt, zwei 50 Liter-Wasserkanister, eine alte Munitionskiste für „Dies und Das“ sowie zu guterletzt aus einem aufklappbaren und, wenn man nicht aufpasste, manchmal auch von alleine abklappenden Tisch.

Auf dem Dach „wackelte“ bzw. legte sich später ein wackeliger PKW-Dachgepäckträger, auf dem zwei Reservereifen und ein 20 l Benzinkanister mit einer dicken Stahlkette zusammengehalten wurden. Das Alles war „Gulliver“ oder auch in der Kurzform „Gulli“, wie er von uns später getauft wurde.

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Jürgen

Jürgen, groß und mager, mit fast schulterlangen blonden Haaren, einem kleinen Schnauzbart und blaugrauen Augen hinter einem metallenen Brillengestell.

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Pit

Isch, Peter Josef Augustinus, genannt „Pit“, mit schwarzen Haaren, einem angehenden Vollbart und braunen Augen hinter einer 1968 gekauften, hochmodernen, dunklen Hornbrille.

Jaoouuuhh, los ging‘s!

Mit dem Drehen des Zündschlüssels röhrte der Anlasser, Benzin spritze in den Zylinder von Gulliver und Adrenalin in unsere Blutbahnen. Das gleichmäßige Ruckelgeräusch des Boxermotors löste den Stress der letzten Tage allmählich auf.

Wie immer war der Zeitplan zu knapp bemessen gewesen. Einkaufen, Einpacken und die letzten Vorbereitungen hatten mehr Zeit als geplant verschlungen, so dass wir die Abreise um einen Tag verschieben mussten. Dabei hatten die Vorbereitungen schon vor mehr als einem Jahr begonnen.

Ein Traum ist schön und leicht, die Realisierung schwer und anstrengend. Die ersten zu überwindenden Hindernisse: Geld und der Segen der Eltern. Mit zwanzig war man damals noch nicht volljährig! Einen postpubertären Traum auch den Ernährern schmackhaft zu machen war nicht ganz leicht. Immerhin hatten wir die Idee, eine Auszeit bereits zu absolvieren, bevor der Ernst des Lebens erst richtig losging. Vor dem Studium erst mal eine Weltreise. Die Reaktionen der Eltern wechselten zwischen Bestürzung, Unverständnis, Angstgefühlen, Kopfschütteln und Bewunderung und schließlich - nach intensiven Verhandlungen – dem Segen und einem: „Ja“.

Einen Teil meines Wehrsoldes rettete ich (Pit) vor den Biergelagen und zusammen mit der Bundeswehr-Abfindung waren bei mir genug Mäuse zusammen. Jürgen ging für sechs Monate als Hilfspfleger ins Krankenhaus, um seinen Anteil zu verdienen.

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Gleichzeitig wurden intensive Vorbereitungen getroffen, die aus Einrichten des Bullis mit viel Liebe und wenig Geld, Besorgen von Kartenmaterialien, Impfungen, internationalem Führerschein, Zollpapieren, Visa usw. bestanden.

An den Wochenenden unternahmen wir dazu feucht-fröhliches „Überlebenstraining“ für die körperliche und geistige Fitness, „Gewaltmärsche“ durch die heimischen Wälder mit Brutzeln am offenen Feuer und Campieren in der hiesigen „Wildnis“. Wir wollten halt auf alles vorbereitet sein, falls der Wagen zusammenbrechen sollte.

Immerhin hatten wir schon in der Schulzeit gemeinsame Lagerfeuerabende bei Pichelsteiner Eintopf und Lambrusco unter der Düsseldorfer Nordbrücke verbracht und bei Gitarrenklang Bob Dylan-Songs gegröhlt. Das „Fernweh“ schickte uns auch schon auf Campingtouren ins Loire-Tal und nach Südfrankreich – also ganz so unerfahren waren wir doch nicht.

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Die wichtigsten Szenen der letzten Monate rollten noch einmal wie ein Film an unserem geistigen Auge vorüber, bis wir uns auf der Autobahn nach Süddeutschland auf unbekanntes Territorium vortasteten.

Graz ist eine schöne Stadt mit zwei tollen VW-Werkstätten für Ölwechsel, Abschmierdienste und den Kauf von zwei Keilriemen, die wir bei einem urigen Mechaniker erstanden, der uns netterweise mit einem allerdings etwas zweifelnden Blick alles Gute zu unserem Vorhaben wünschte. Er bat darum, bei der Rückfahrt wieder bei ihm vorbeizuschauen und ihm von der Fahrt zu berichten.

In Nis (Nisch) erreichte der fünfstellige Kilometerzähler unseres Bullis 100.000? oder 200.000? Kilometer, jedenfalls eine Zahl mit fünf Nullen. Wie sich hinterher aus dem KFZ-Brief herausstellte, waren es bereits 300.000 Kilometer, die unser gebraucht gekaufter Samba-Bulli jetzt auf dem Buckel hatte; also ideale Voraussetzungen für eine so weite Reise

Eine Irrfahrt machten wir durch Skopje, wo gerade, den Transparenten nach zu urteilen -denn die Rolling Stones waren nicht zu sehen- eine sozialistische Feier stattfand. Die erste Moschee sahen wir in Tito Velles.

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Dann ging‘s durch eine tolle Canyon-Landschaft bis an die Porta von Griechenland mit der ersten Zeitverschiebung von einer Stunde. Bald schon schlummerten wir nun über 3.000 km von zu Hause entfernt im griechischen Kavala. Nach einem gemütlichen Aufstehen um Achte hatten wir ein ausschweifendes Palaver über die Einrichtung eines VW-Busses mit unseren Nachbarn, die ebenfalls mit einem Bulli auf der Reise von Tunesien nach Pakistan waren.

Mittags fuhren wir zum Geldtausch nach Kavala weiter. Asien war sehr nahe, was man schon an orientalischen Lebenssitten wie Kleidung, Basaren und Minaretten im Osten von Griechenland merkte. Abends erreichten wir schließlich die türkische Grenze bei Keshan.

Und nun ging’s endlich richtig los!