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Linda Mignani

STAYAWAY FALLS:

VERNASCHT UND VERZAUBERT

© 2016 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamourbooks.com

info@plaisirdamourbooks.com

© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg

(www.art-for-your-book.weebly.com)

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-279-1

ISBN eBook: 978-3-86495-280-7

 

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

 

Inhalt

 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Prolog

Autorin

 

Kapitel 1

 

Ich will nicht!

Du musst!

Aber das glänzt gruselig!

Sei keine Pussy!

Mit spitzen Fingern holte Kade McLean das Etwas aus der Papiertüte und zog es lang, länger und noch sehr viel länger, bis es seine ganze grausame Entsetzlichkeit entfaltete. Er starrte auf die giftgrüne Strumpfhose in seinen Händen, die zudem an den Knöcheln mit Ringen aus weißen Puschelfedern bestückt war. Oder war das eine Leggings? Oh Gott!

Ihr wollt mich wohl verarschen!

Leider wollten seine Rugbykumpels das jedoch nicht, sodass Kade mitten in dem ausbruchsicheren Kerker der Arschgeigen feststeckte. Schließlich war eine Wette eine Wette, verloren war verloren und Spielschulden waren Ehrenschulden. Während er sein Spiegelbild betrachtete, musste Kade zugeben, dass er ziemlich grinchig dreinschaute, wobei der Bartschatten sowie die schwarzen Haare diesen Eindruck verstärkten. Ein blonder Sonnyboy war das Gegenteil von seinem Konterfei. Aber wer würde nicht genervt nach den letzten Stunden sein? Das war heute einfach nicht sein Tag, genau genommen war es der beschissenste Tag ever. Eigentlich wäre es legitim, nicht nur Finsternis zu verströmen, sondern irgendwas kaputt zu machen. Er könnte sich an dem Weihnachtsbaum auslassen und die Kugeln zertrampeln, die Nadeln einzeln abreißen oder am besten das ganze Ding verbrennen, nachdem er es mit der Axt zerkleinert hatte.

Vor seinem inneren Auge ließ er die letzten Stunden Revue passieren. DaVinci, sein Schäferhundmix, hatte die schlimmste Magenverstimmung, die man sich vorstellen konnte. Natürlich hatte er sie ausgiebig auf dem ehemaligen einzigen Teppich bekommen, der in seinem Haus herumlag.

Nie hätte Kade geglaubt, dass solche Sachen in den Tiefen des Hundes lauern könnten. Der Generator fand, dass es an der Zeit gewesen war, herumzuzicken, sodass er einen Schwall kaltes Wasser abbekommen hatte, als er unter der Dusche stand. Er fror noch immer, wenn er nur daran dachte. Ophelia, eine Mieterin seiner fünf Lodges, hatte sich mit ihrem Mann so heftig gestritten, dass sie diesem eine Platzwunde an der Stirn mit einem Kerzenständer verpasst und dabei die Kerze in der Hand gehalten hatte, als wollte sie ihn damit wie einen Vampir pfählen. Ihr war es egal gewesen, dass die filigrane Silberarbeit, die einen Engel darstellte, eigentlich eine besinnliche Stimmung verbreiten sollte und die Kerze ein Symbol des Friedens war. Im ersten Moment hätte Kade am liebsten beide hochkant rausgeworfen, doch das wäre bei der Wetterlage nicht mit seinem Gewissen vereinbar gewesen. Zum Glück konnte Kade die Platzwunde versorgen und Ophelia in der letzten freien Lodge einquartieren.

Wenigstens hatte er DaVinci bei der Schlägerin unterbringen können, die im Grunde genommen ganz süß und normalerweise eine friedliche Tierärztin war, die heute Morgen herausgefunden hatte, dass ihr Ehemann nicht halb so brav war, wie er aussah. Er hatte seit über einem Jahr eine Geliebte, die vom Alter her ihre Tochter sein könnte und zudem auch noch schwanger von Ophelias Arschlochehemann war. Von daher konnte Kade verstehen, weshalb Ophelia so ausgetickt war. Wenigstens konnte DaVinci sich ausruhen und Kade brauchte ihn nicht mit auf die Party zu schleppen. Und dann die Toilette in Lodge Nummer zwei! Was für ein Idiot warf einen beschissenen Slip, und das im wahrsten Sinne des Wortes, ins Klo? Der Reiz, Barry als Klobürste zu missbrauchen, war auch in dieser Sekunde übermächtig, denn das wäre die gerechte Strafe für ihn. Dabei hatte Kade einen schönen, ruhigen Tag verbringen wollen, der seinen lang ersehnten und verdienten Urlaub einläuten sollte.

Nun plagten ihn andere prekäre Sorgen!

Angewidert betrachtete er das peinliche Kleidungsstück. Es nutzte nichts! Er musste sich der Ungeheuerlichkeit stellen. Kade zwängte seine Füße in das enge, aber zum Glück blickdichte Teil, das zunächst drei Nummern zu klein erschien, doch wie ein Wunder schaffte er es, das Ungetüm nach oben zu zerren. Diesmal riskierte er keinen Blick auf sich, denn ihm schwante Verstörendes. Anschließend zog er sich das Oberteil über, oder vielmehr quetschte er sich in das grüne Longsleeve, und das war definitiv mit Absicht zu klein gekauft worden. Diese hinterhältige Bande! Der Saum reichte gerade bis zum Bund der Möchtegernhose. Sogar hier wippten Federn, die ihn alles andere als fröhlich stimmten. Eine zu große Zipfelmütze, selbstredend auch in dem garstigen Grün, die mit einem weißen Fleecerand bestückt war, machte das Outfit komplett. Sie rutschte ihm bis über die Augenbrauen, sodass seine Nase sicherlich wie ein Zinken wirkte. Obwohl er es nicht wollte, er sich plötzlich wie ein Feigling fühlte, musste er sich der Wahrheit stellen. Kade schluckte hart und noch härter, sobald er sein Spiegelbild anstarrte.

Man konnte alles von ihm erkennen und er meinte wirklich alles. Er sah aus wie eine triebgesteuerte, perverse Version des Grinchs. Das würden sie ihm büßen! Beim nächsten Training des ortsansässigen Rugbyclubs The Rugadoodles würde er sie in Grund und Boden tacklen. Vielleicht musste Stayaway Falls dann für ein paar Tage ohne einige seiner männlichen Bürger auskommen. Frauen gab es in ihrem Club nicht. Kade konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, ein süßes Wesen auf diese brutale Weise zu Fall zu bringen. Aber diese Fieslinge würde er zuerst anspitzen und sie anschließend in die Erde stampfen, bis nur noch ihre warzigen Füße herauslugten.

Apropos süßes Wesen! Seine letzte Liaison hatte sich bei der Trennung nicht gerade als zart besaitet entpuppt. Margaret war genauso biestig, wie sie schön war. Das lag bestimmt an ihrem ständigen Hungern. Kade verstand das Theater nicht, weil sie nur im Bett harmoniert hatten und sich zum Schluss über jede Kleinigkeit gestritten. Sich von Margaret zu trennen, war wie eine Erlösung gewesen.

Leider war Stayaway Falls mit seinen dreihundertundzwölf Einwohnern zu klein, um ihr dauerhaft aus dem Weg zu gehen. Er musste heute Abend auf seinen Arsch und Rücken aufpassen, denn das ein oder andere Messer würde ihn treffen, wobei Margaret bestimmt nicht davor zurückschreckte, anschließend an den Griffen zu drehen, um ihm den Rest zu geben. Währenddessen würde sie wie die garstige Hexe aus dem Westen kichern. Der Abschied von Margaret war wie eine fiese Variante eines Silvesterfeuerwerks gewesen.

Seufzend riss er sich aus den unfestlichen Schreckensvorstellungen. Kade streifte sich die Stiefeletten über, die ihm, dem Himmel sei Dank, passten. Warum hatte er auch wetten müssen, dass er Galina, die Eigentümerin des Diners Stay-Yummy, unter den Tisch saufen konnte und dabei ihr Geheimrezept für das Curry erhalten würde? Da hatte er den Mund mehr als nur zu voll genommen. Ihm wurde noch immer schlecht, wenn er nur daran dachte. Wodka würde er nie wieder trinken, egal, womit er gemixt war.

Hör sofort auf, dir das vorzustellen, sonst ist deine Visage gleich genauso grün wie der Rest von dir.

Er grinste sein Spiegelbild an, obwohl er zugeben musste, dass dies seine düstere Fassade auf eine makabre Weise unterstrich. Kinder würden schreiend vor ihm weglaufen, und in seiner jetzigen Stimmung hätte er nichts dagegen, ein paar kreischende Bälger in die Flucht zu schlagen. Dennoch freute Kade sich auf die Weihnachtsfeier der Rugadoodles. Jedoch würde er sich den Bauch ausschließlich mit Essen vollschlagen und Saftcocktails trinken. So weit war es schon mit ihm gekommen. Er wurde alt! Seine Geschwister hatten längst die Partner fürs Leben gefunden, das galt sowohl für seine jüngere Schwester als auch für seinen noch jüngeren Bruder. Nur er war mit Anfang vierzig ledig. Allerdings blieb sein Bett selten kalt, was vorteilhaft war, da die Winternächte in Montana eisig und lang waren. Vielleicht sollte er es bei Ophelia versuchen, sie war leidenschaftlich und schön. Das würde ihrem Nochehemann recht geschehen. Kade schnappte sich seine Steppjacke und zog sie über. Möglicherweise sollte er sie den ganzen Abend anlassen, denn sie verdeckte seinen Schritt. Aber die miesen Hinterwäldler würden ihm diese Annehmlichkeit nicht gönnen. Und er freute sich bereits auf die Kommentare der Ladys, die bestimmt nicht sehr ladylike ausfallen würden, und seine Rugbyfreunde als Gentlemen zu bezeichnen, zumindest was die Neckereien untereinander anging, wäre die Falschetikettierung des Jahrhunderts. Allerdings verwandelten sich die bengalischen Tiger beim Umgang mit dem zarten Geschlecht meistens in Labradorwelpen, bei denen man einen Zuckerschock bekommen konnte. Er musste eingestehen, dass dies auch durchaus auf ihn zutraf. Aber was tat man nicht alles, um zu kriegen, worauf man es abgesehen hatte, besonders wenn es ein Höschen war, in das man gelangen wollte. Vielleicht verdiente er doch Margarets Zorn und er sollte seine Libido in Zukunft besser kontrollieren.

Gott! Zum Glück konnte seine Schwester Bethany jetzt nicht seine Gedanken lesen. Sie würde ihn nach draußen in den Schneesturm zerren und ihn mit einem Schlauch abspritzen, aus dem sicherlich kein warmes Wasser sprühte. Vermutlich wäre das eine gerechte Strafe für ihn. Er hatte so einige Herzen gebrochen, vor allem in seinen jungen Jahren, doch es war einfach noch nie die Frau dabei gewesen, die ihn wirklich an sich gefesselt hätte. Allerdings hatte er nichts gegen ein paar Fesseln einzuwenden, sofern sie richtig eingesetzt wurden und zierliche Handgelenke an sein Bett banden, damit er seine Beute zärtlich lieben konnte, während sie hilflos seine Zunge und seine Hände erdulden musste.

Aber eventuell hatte er im nächsten Jahr mehr Glück, weil Stayaway Falls endlich die strengen Regularien gelockert hatte, um frisches Blut in die malerische Kleinstadt zu locken. Das war nur möglich, weil der alte Bürgermeister und auch der betagte Sheriff, die ihre Tätigkeiten bis ins hohe Alter ausgeführt hatten, zusammen bei einem gemeinsamen Wanderausflug stockbesoffen abgestürzt waren. Nicht jeder in Stayaway Falls war darüber entsetzt, obwohl es keiner offen zugeben würde. Kade war sich nicht sicher, zu welcher Fraktion er gehörte. Die beiden waren oft eine Pest gewesen. Die Stadt konnte wirklich neue Einwohner gebrauchen und jetzt war das möglich.

Er schnappte sich noch seine Handschuhe und wagte sich vor die Tür. Der Schneesturm war genauso schlimm, wie sie ihn angekündigt hatten. Doch er kannte die Straßen in- und auswendig und die Fahrt dauerte nur knappe vierzig Minuten. Sein Jeep war bestens ausgerüstet und er hatte auch immer Kleidung, Schuhe, Nahrung und Decken für den Notfall dabei sowie ein Funkgerät.

Kade lief geduckt zu seinem Auto, und nachdem er eingestiegen war, dankte er den Ingenieuren für die Erfindung der Sitzheizung. Ein warmer Arsch hatte einiges für sich.

Wahrscheinlich würde er auf dem Weg in die Stadt keine Menschenseele treffen, denn nur ein Narr oder ein Grinch wäre so blöd, sich freiwillig diesem Wetter auszusetzen.

 

Kapitel 2

 

Willa Bramble presste entschlossen die Lippen aufeinander und packte den letzten Cupcake mit dem weißen Topping und dem Silberstaub in den Behälter, ehe sie den Deckel befestigte. Die Engelkekse glitzerten wie Eis in der Sonne. Sie waren kleine Kunstwerke mit ihren hellblauen Flügeln und den funkelnden Details. Die Grinchs starrten sie mit grünen Augen an und sahen nicht furchterregend, sondern niedlich aus, denn sie grinsten breit über ihre flachen Gesichter. Willa hatte sich ein paar zur Seite gelegt, die sie morgen genüsslich verspeisen wollte.

Alles sieht wirklich toll und weihnachtlich aus, wenigstens etwas, das eine zuckrige und pudrige Stimmung verbreitet, auch wenn der Rest deines Lebens das nicht tut. Hättest du Cookies gebacken, die deinem Gemütszustand entsprechen, würden sie aus Kohlenstaub und Sägemehl bestehen. Garstige kleine Viecher, die einem im Hals stecken blieben.

Ihr Dasein war öde und trostlos, und sie hatte irrtümlich gehofft, dass ihr Umzug von Denver nach Helena in Montana etwas daran ändern würde. Wieso hatte sie nur geglaubt, dass sie leicht Anschluss und ein paar Freunde finden könnte? Ausgerechnet sie, die Smalltalk hasste und sich am liebsten zu Hause verkroch, die mittlerweile Fremden gegenüber misstrauisch war und lieber für sich blieb, da sie dann nicht verletzt werden konnte. So wollte sie nicht mehr sein und hatte auf einen Neuanfang gesetzt. Allerdings funktionierte das nicht. Anscheinend hielt man sie auch in Helena für unwürdig und exotisch und ihren Back-Blog für eine wunderliche Spinnerei. Dabei verdiente sie damit inzwischen ihren Lebensunterhalt. Reichtümer häufte sie auf diese Weise keine an, doch es reichte, um über die Runden zu kommen, sofern man keinen kostspieligen Wünschen hinterherjagte. Ihren Vollzeitjob als Krankenschwester hatte sie gerne dafür aufgegeben, und das war bisher die einzige Tat in ihren achtunddreißig Jahren, bei der sie etwas riskiert hatte. Außerdem war der Job schlecht bezahlt gewesen und mit unzähligen Überstunden behaftet, die ihr nach und nach die Luft abgeschnürt hatten. Natürlich war das nicht der wirkliche Grund gewesen! Das war nur eine Ausrede, die sie für sich selbst und andere benutzte. Wie ein fauliger Fisch verpestete das Wissen ihren Seelenfrieden. Sogar nachdem sie ihn entfernt hatte, ließ sich der Gestank einfach nicht vertreiben. Kälte packte Willa, und sie schüttelte sich unter dem Schauder der furchtbaren Erinnerungen, die sie ganz und gar erfassten. Ihr Leben wäre fast keins mehr gewesen. Der Nachgeschmack daran schnürte ihr die Kehle zu. Entschlossen schnitt sie die Gedankenstränge ab, die Schreckensszenarien zur Realität hinzufügten, dabei war diese schlimm genug gewesen.

Beinahe …!

Stopp! Sofort!

Sie lenkte ihr Augenmerk zurück auf Helena und horchte in sich hinein, ob der Umzug ihr Dasein verschlimmert hatte. Allerdings hatte sie in Denver sowieso nichts mehr gehalten, weil ihre Eltern kurz nacheinander verstorben waren, als hätten sich die Herzinfarkte miteinander abgesprochen. Aber es war auch besser so gewesen, denn sie hatten dreiundvierzig Jahre zusammen verbracht und ihre Mom hatte ohne ihren Dad nur noch vor sich hinvegetiert. Wahrscheinlich saßen sie jetzt gemeinsam auf einer flauschigen Wolke und waren froh, wieder beisammen zu sein, bis in die Ewigkeit, genau wie es sein sollte. Wenigstens mussten ihre Eltern nicht mit ansehen, wie schrecklich ihre einzige Tochter in die Scheiße getreten war und wie sehr man sie damit beworfen hatte.

Bist du wirklich so unschuldig, wie du es zu wissen glaubst?

Willa wusste nicht mehr, was sie denken sollte, denn zu gründlich hatte man sie verunsichert, sodass sie sich selbst infrage stellte. Sie verdrängte die traurigen Erinnerungen und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. Bald war Weihnachten und nicht der Untergang der Welt. Das Leben ging weiter, auch ihres, als wäre nichts passiert. Für das Universum spielte es keine Rolle, was man ihr angetan hatte.

Liebes Universum, kannst du mir nicht jemand schicken, der mich liebt, so wie ich bin, der mich mit all meinen Fehlern mag, der mich nicht verurteilt, nur weil andere es tun? Ein Weihnachtselb wäre nett, besser als ein Weihnachtself, denn sie sind elegant, weise und nobel.

Sie ging nach draußen und schaute nach oben. Der Wetterbericht musste sich irren. Das wäre nicht das erste Mal. Der Himmel war strahlend blau und von dem angekündigten Schneesturm war nicht das Geringste zu erkennen. Aber was wusste sie schon vom Wetter in Montana?

Fünfundsiebzig Minuten Autofahrt erwarteten Willa. Sie freute sich bereits auf die in Lincoln stattfindende Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der sie auf dem Basar ihre Backwaren verkaufen wollte. Der Erlös ging direkt an ortsansässige Familien in Not und davon gab es reichlich in der Umgebung. Vielleicht fand sie auch endlich ein wenig Kontakt zu den Einheimischen, ein triftiger Grund, um die Fahrt selbst bei schlechtem Wetter zu riskieren. Sie packte nacheinander die Kekse, Pralinen, Cupcakes und Muffins in ihren SUV der älteren Generation, den sie Snow getauft hatte. Willa hasste es, auf Pump zu leben, und versuchte, diese Unsitte auf ein Minimum zu beschränken. Sie hoffte, dass Snow ein paar weitere Winter durchhielt. Mindestens! Ihre Ersparnisse waren für den Anwalt draufgegangen, der sich nicht gerade als Zierde für seinen Berufsstand entpuppt hatte.

Wieso war ihr Leben nur dermaßen außer Kontrolle geraten? Sie war am höchsten Punkt der Achterbahn aus der Kabine geschleudert worden und irrte noch immer im All herum. Das war unfair! Sie hatte doch nur das Richtige tun wollen.

Für einen Moment holte sie erneut die dunkelste aller Erinnerungen ein und jagte eine Faust in ihren Magen. Beinahe hätte sie Menschenleben auf dem Gewissen gehabt! Oder? Willa blinzelte, weil brennende Tränen hinter ihren Lidern stachen und nicht nur ihren Hals zuschnürten, da sie sich den Luxus nicht leisten konnte, ihnen nachzugeben. Nicht jetzt! Nicht heute! Und auch nicht den Rest des Jahres! Übermorgen war der Tag der Tage, und die Tatsache, dass sie ihn ganz allein verbringen musste, war kein Grund, um in die Knie zu gehen.

Christmas is coming! Winter is already there! Ob sie nicht heißen Tee mitnehmen sollte, falls das Wetter doch umschlug? Es lag bereits haufenweise Schnee, aber die Straßen waren teilweise geräumt und Snow war mit Winterreifen ausgestattet. Ein scharfer Wind wehte und sie atmete tief die kristallklare Luft ein.

Alles wird sich zum Guten wenden, du wirst schon sehen.

Wenn sie noch irgendwelche Freunde hätte, würden sie Willa sowieso für verrückt erklären. Sie hatte eine Korkpinnwand der Vereinigten Staaten an die Wand gehängt, die Augen zugemacht und einen Dartpfeil auf die Landkarte geworfen, der mitten in Helena gelandet war. Und dann war sie einfach hierhergezogen, in der irrigen Annahme, dass man auf die durchschnittliche Willa Bramble gewartet hätte, die mit mausbraunen Haaren und einer Figur daherkam, die sie am liebsten unter Kleidungsstücken versteckte, die ihrem damaligen Ich entsprachen, das zwanzig Kilogramm mehr gewogen hatte. Das war vor drei Jahren gewesen. Seitdem hielt sie das neue Gewicht, sah sich aber noch immer so, wie sie früher gewesen war, weil es sie wie ein unsichtbarer Panzer schützte.

Nachdem sie die Haustür ihres kleinen Hauses abgeschlossen hatte, lief sie zu Snow