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Cedric Balmore

Die Plüschbestien

Unheimlicher Thriller





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Plüschbestien

Unheimlicher Roman von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

Der geliebte Teddy Plum der kleinen Tochter des Barons de Croiselle ist verschwunden. In derselben Nacht sieht der Baron mit ungläubigem Entsetzen den Teddy, der sich in ein blutrünstiges, zähnefletschendes Ungeheuer verwandelt hat, auf seiner schlafenden Frau Amy hocken. Seine Vampirzähne stecken in ihrem Hals, und er trinkt ihr Blut. Der Baron versteht nicht, was hier vorgeht. Er weiß nur, dass er seine Tochter und Clarissa, die Nurse seiner Tochter, beschützen muss.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© Cover by pixabay und Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Baron de Croiselle - Er kämpft gegen dunkle Mächte.

Amy de Croiselle - Seine schöne Frau, die dem Baron auf eine Art und Weise verbunden ist, von der nicht einmal ihre Angehörigen etwas wissen.

Leoni de Croiselle - Ihre zarte, verträumte Tochter, die den Teddybären Plum abgöttisch liebt.

Clarissa Blake - Leonis englische Erzieherin.

Max Bloch - Kriminalinspektor, für den es wichtiger ist, einen Schuldigen zu finden, als eine Tat aufzuklären.




1

Der Sendbote des Grauens war süß, klein, plüschig und leicht abgegriffen. Es war Leonis Teddybär.

Leoni de Croiselle war sieben, ein blondes zartes, zur Verträumtheit neigendes Kind, das ohne seinen Teddy nicht schlafen konnte. Er war stets in ihrer Nähe. Sie sprach mit ihm, sie streichelte und drückte ihn, er war ihr Freund, ihr Vertrauter, ihr Lieblingsspielzeug.

Aber in dieser Nacht sollte er sich in ein blutrünstiges, zähnefletschendes Ungeheuer verwandeln, das offenbar nur einen Wunsch kannte: Es wollte Leonis Blut trinken und töten, wovon es so innig geliebt wurde.

Die Nacht vom siebten zum achten September, in der diese ungeheuerlichen, phantastischen Dinge geschahen, war ungewöhnlich schwül und stickig. Die Einwohner von Saint Andreaux hatten mit einem Gewitter gerechnet, und die de Croiselles, deren burgähnlicher Besitz auf einem Felsen am Fluss lag, hatten deutlicher als die Dorfbewohner das ferne Zucken und Leuchten der Blitze gesehen. Sie hatten auch das drohende Grollen und Murren des Donners gehört. Aber das Ganze war gleichsam Kulissenmusik geblieben. Blitz, Donner und kühlender Regen hatten sich vorerst von Saint Andreaux ferngehalten.

Leoni fürchtete sich vor Gewittern. Überhaupt war sie ein sensibles, zur Ängstlichkeit neigendes Kind, das an alte Märchen glaubte und Mühe hatte, den Anforderungen zu genügen, die in und außerhalb der Schule gestellt wurden.

Infolge eines sporadisch ausbrechenden Bronchialasthmas, das sie besonders schwach und anfällig machte, war ihr erlaubt worden, der Schule fernzubleiben und sich von einer englischen Nurse unterrichten zu lassen. Miss Baker, eine attraktive Mittzwanzigerin, gehörte seit einem Jahr zu den festen Angestellten der Familie.

Der Baron hatte Miss Baker an diesem Abend gebeten, Leoni ein schlafförderndes Zäpfchen einzugeben. Es hatte zum Glück rasch gewirkt: Leoni war, Seite an Seite mit ihrem geliebten Teddy, prompt eingeschlafen.

Der Baron de Croiselle träumte in dieser Nacht, dass Leonis Teddy sich in eine reißende, mordgierige Bestie verwandelt habe und sich mit dem kleinen, durch scharfe Vampirzähne verunstalteten Maul dem weißen zarten Hals seiner kleinen Tochter näherte und ihr Blut zu saugen versuchte. Der Baron fuhr entsetzt aus dem Schlaf hoch. Schweißbedeckt und mit hämmerndem Herzen starrte er in die Dunkelheit. Der Traum war so intensiv und plastisch gewesen, dass der Baron Mühe hatte, ihn abzuschütteln. Er neigte nicht zu Alpträumen und fragte sich, wie diese scheußlichen Bilder in seinem Unterbewusstsein hatten entstehen können.

Fraglos war diese schwüle Nacht daran schuld, diese lastende Stickigkeit, die sich auf Atemwege und Gemüt legte und Depressionen und Angstgefühle erzeugte.

Der Baron hörte die regelmäßigen Atemzüge seiner Frau Amy und spürte, dass er nicht wieder einschlafen konnte. Die Kirchturmuhr des kleinen Ortes schlug Mitternacht. Der Baron runzelte die Stirn. Er war weder abergläubisch noch leicht beeinflussbar, aber der Traum und die Glockenschläge gingen ihm auf seltsame Weise unter die Haut. Drohte Leoni Gefahr? Hatte ihm das Schicksal mit dem Alptraum ein Signal, eine Warnung zukommen lassen wollen?

Er erhob sich leise, schlüpfte in Hausschuhe und Morgenmantel und trat ans Fenster. Hin und wieder wurde der Nachthimmel von einem gespenstischen Wetterleuchten erhellt. Donner war nicht zu hören. Trotz der fernen Gewitter hatte die Nacht sich nicht abgekühlt. Die schwüle Luft wurde von keinem Lufthauch bewegt. Sie lastete wie ein erstickendes Gewicht über dem Land.

Sein hämmerndes Herz wollte sich nicht beruhigen. Er beschloss, nach Leoni zu sehen, obwohl er zu wissen glaubte, dass er am nächsten Morgen über sich selbst lächeln würde. Aber er musste die Gewissheit haben, dass Leoni schlief, dass sie keinen ihrer Anfälle bekommen hatte und auch sonst nicht bedroht war.

Der Baron verließ auf leisen Sohlen den Schlafraum. Leonis Zimmer befand sich am Ende des langen Korridors, der zum oberen Stockwerk des Westflügels gehörte. Die anderen, in vielen Jahrhunderten gewachsenen Anbauten des Schlosskomplexes waren zur Zeit unbewohnt und nur teilweise möbliert. Der Baron hatte aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus beschlossen, mit seiner Familie nur noch im Westflügel, dem Haupttrakt, zu wohnen. Der mit dem Schloss verbundene Gutsbetrieb war verpachtet worden, und die Zahl der von de Croiselle beschäftigen Angestellten hatte sich auf ein halbes Dutzend reduziert.

Das anhaltende Wetterleuchten erhellte die Räume, so dass der Baron kein Licht machen musste. Er betrat leise Leonis Schlafzimmer, beugte sich über ihr Bett und lächelte erleichtert, als er sah, dass seine Tochter friedlich schlief. Sie lag auf der Seite und hatte einen Daumen wie zum Lutschen an die Lippen gelegt. Der Baron fühlte sich versucht, ihr einen Kuss auf die Stirn zu drücken, hatte jedoch Angst, sie zu wecken. Er machte kehrt und schlich sich auf Zehenspitzen zur Tür.

Auf dem Rückweg zu seinem Schlafzimmer blieb er abrupt stehen. Er hatte ein dumpfes Geräusch gehört, das er nicht zu deuten wusste. Und dann etwas, das sich wie ein ferner unterdrückter Schrei anhörte. Stirnrunzelnd wartete er darauf, dass die Geräusche sich wiederholen würden. Aber nichts dergleichen geschah. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er schob verblüfft die Unterlippe vor. Ihm wurde bewusst, dass er Leonis Teddy nicht gesehen hatte. Leoni pflegte ihn doch mit sich ins Bett zu nehmen!

Unter normalen Umständen hätte er dem keine weitere Beachtung geschenkt. Schließlich konnte der Teddy zu Boden gefallen oder unter die Decke gerutscht sein. Aber der Alptraum wirkte noch, und so machte der Baron kehrt, um nochmals das Zimmer seiner kleinen Tochter zu betreten.

Diesmal knipste er das Licht an. Der Baron trat an Leonis Bettchen, hielt aber vergeblich nach dem Teddy Ausschau. Ihm fiel ein, dass der Teddy einen Namen hatte.

Plum.

Plum war nirgendwo zu sehen. Er war verschwunden.

Leoni wälzte sich im Schlaf herum. Sie seufzte leise, wurde aber nicht wach. Der Baron hob behutsam die Bettdecke an, blickte dann, sich bückend, unter das Bett und fragte sich verwirrt, was aus dem Teddy geworden sein mochte. Es drängte ihn danach, Leoni zu fragen, aber er wollte sie nicht wecken. Also verließ er das Zimmer, nachdem er sich nochmals gründlich umgesehen und das Licht ausgeknipst hatte. Er war nervös und besorgt, weil es ihm schien, als habe sein Traum irgendeine Beziehung zur Wirklichkeit. Andererseits war es natürlich absurd, an einen verwandelten blutsaugenden Plum zu denken. Einfach lächerlich!

Er kehrte in sein Schlafzimmer zurück und stellte sich ans Fenster, um ein paar Minuten das faszinierende, unheimliche Wetterleuchten zu beobachten. Dann legte er sich ins Bett, starrte an die Decke und wünschte den Morgen herbei.

Plötzlich ergriff ihn ein seltsames Frösteln. Ihm wurde die totale Stille im Raum bewusst. Vorher war wenigstens das Atmen seiner Frau zu hören gewesen, jetzt fehlten selbst diese Geräusche.

Er wollte den Kopf wenden, um festzustellen, ob Amy noch im Bett lag, als er plötzlich ein leises Schmatzen und Schlürfen wahrnahm, das ihn buchstäblich erstarren ließ.Woher kam das Geräusch?

Es war dicht neben ihm. Es kam aus Amys Bett, aber es war einfach unvorstellbar, dass seine Frau imstande sein könnte, diese widerlichen Geräusche zu erzeugen.

Der Baron richtete sich auf und meinte zu träumen. Auf der Brust seiner starr und reglos im Bett liegenden Frau hockte eine kleine dunkle Gestalt, ein affenartiges Geschöpf, das damit beschäftigt war, das Blut aus Amys Hals zu saugen.

Du träumst noch immer oder schon wieder!, schoss es dem Baron durch den Kopf. Aber zugleich wusste er, dass dies Wirklichkeit war, unfassbar grauenerregend und durch nichts erklärbar.

Er griff hinter sich. Seine Hand erfasste den Lichtschalter und betätigte ihn. Aber im Zimmer blieb es dunkel. Irgendetwas war mit der Leitung nicht in Ordnung. Möglicherweise hatte ein ferner Blitz die Überlandleitung getroffen und lahmgelegt.

All das geschah in Sekundenbruchteilen. Der Baron sprang keuchend aus dem Bett. Er stürmte um das Bett herum und griff wutbebend mit beiden Händen nach dem affenartigen Geschöpf. Doch dann stieß er einen Schmerzensschrei aus, denn kleine messerscharfe Krallen verletzten ihn.

Das Wetterleuchten erhellte den Raum bis in die äußerste Ecke. Der Baron fürchtete, einem Herzschlag zu erliegen, als er in dem zuckenden Licht jene Gestalt erkannte, die ihn im Traum verfolgt hatte: Plum, den blutsaugenden Teddy!

Er fletschte ihn an, mit bluttriefenden Vampirzähnen. In den schwarzen Knopfaugen war nicht länger der sanfte, gläserne Glanz, sondern ein lebendiges höllisches Flackern, eine schillernde Reflektion des Bösen.

Der Baron wirbelte herum, riss die oberste Schublade der Kommode auf und ergriff den Armeerevolver, den er darin aufbewahrte. Aber als er sich umdrehte, um zu zielen, wurde ihm klar, dass er nicht abdrücken konnte, denn Plum saß immer noch auf der Brust seiner Frau.

Der Baron kehrte schwer atmend zum Bett zurück und versuchte, nicht zu denken, weil er fürchtete, bei diesem wahnwitzigen Anblick den Verstand zu verlieren. Es genügte zu handeln. Es genügte, diese Bestie zu vernichten.

Natürlich konnte es sich bei dem blutsaugenden fremden Wesen nicht um Plum handeln. In diesem einsamen Landstrich machten Zoologen immer wieder merkwürdige, sogar sensationelle Entdeckungen. Sie stießen auf Tierarten, die als ausgestorben galten, aber auch auf solche, die erst einer Neubestimmung bedurften. Das affenartige Geschöpf, das Plum so ähnlich sah, konnte nur eine Raubkatze sein, schlimmstenfalls ein von der Tollwut befallenes Tier, das auf rätselhafte Weise ins Schloss geraten war.

Die Schwüle der Nacht, die Nachwirkungen des Traumes und das Aufzucken der Blitze hatten aus diesem, zweifelsohne gefährlichen Tier in seiner Phantasie Plum werden lassen. Eine andere Erklärung gab es nicht. Aber wie auch immer, er musste die Bestie entweder einfangen oder vernichten. Er musste sie von Amys Brust vertreiben.

Amy war offenbar ohnmächtig geworden. Vielleicht hatte sie noch gar nicht bemerkt, was ihr widerfuhr.

Der Baron hob die Waffe und sein Finger erreichte den Druckpunkt des Abzugs. In diesem Moment machte das kleine blutrünstige Wesen einen Sprung zum Fenster. Es riss dessen Flügel auf, schwang sich ins Freie und war im nächsten Moment aus de Croiselles Sicht verschwunden.

Der Baron gab sich einen Ruck, stürmte zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Er sah, dass der Blutsauger ebenso schnell wie behende am Regenrohr in die Tiefe kletterte und in das tiefe Dunkel des Schlosshofs tauchte, das von keinem Wetterleuchten aufgehellt werden konnte.

Der Baron zog seinen Kopf zurück und schloss das Fenster. Er begann zu zittern, ohne zu wissen, ob ihn Angst, Erleichterung oder Erregung schüttelte. Vermutlich war es eine Mischung dieser Gefühle, aber wenn er wirklich Angst empfand, dann war es nur die Angst um das Leben und die Sicherheit seiner Familie.

Sollte er Amy wecken oder sich damit begnügen, ihre Ohnmacht zur Versorgung ihrer Wunden zu nutzen? Amy war so sensibel wie Leoni. Sie hatte bereits zwei Monate in Nervenheilanstalten verbracht. Sie war ihm schon zweimal davongelaufen und erst Wochen später wieder aufgetaucht, reumütig, zerknirscht und ratlos, völlig unfähig, ihr eigenes Handeln zu verstehen.

Sie liebte ihn, das glaubte er zu wissen. Aber zuweilen wurde sie zum Spielball ihrer zerebralen Störungen. und dann konnte man nur hoffen, dass sie rasch wieder zu sich fand und zu der guten Mutter und treuen Ehefrau wurde, der seine ganze Zuneigung galt.

Er probierte nochmals den Lichtschalter, und er schloss die Augen, als unerwartet die Deckenleuchte aufflammte und ihn blendete. Er wandte sich Amys Bett zu. Sein Herz machte einen jähen, schmerzhaften Sprung. Amys Augen waren weit geöffnet. Sie spiegelten nicht nur das Grauen wider, das diese Nacht ihr gebracht hatte. Sie zeigten vor allem die harte, gläserne Starre des Todes.