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Geschichten aus Nian


Lindenreiter

Paul M. Belt

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Lindenreiter

 

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© Copyright 2018 Hunter Verlag

Verlagsauflage 1

 

 

 

Lektorat:       Cornelia Schrudde, Kreuztal

Grafische Innengestaltung:       Marion Marchewka

Mira Sol

Umschlaggestaltung:       Azrael ap Cwanderay

Satz & Layout:       Hunter Verlag

 

 

 

 

Verlag: Hunter Verlag, Kiel, Deliusstr.

Printed in Germany

ISBN: 978-3-947086-52-8

 

 

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de
abrufbar.

 

 

Die Reihe:

»Geschichten aus Nian«

 

Band 1:

Lindenreiter

 

Band 2:

Landwandlerin

 

Band 3:

Atalan

 

Band 4:

Erzbrenner

 

Band 5:

Der Keysor

 

Band 6:

Selinqua Baruka

 

Band 7:

Licht

 


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Kennst du das Land

Zwischen Meer und Melancholie

Inmitten von Berg und Begeisterung

Wo die Farben des Lebens und der Elemente sich vereinen

Wo alles in dir ist und du in allem

Kannst du es sehen?

 

(Kara vom Geblüt der Trogler, Areal Tokbergen)

 

 

Der Beginn



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Lindenreiter

Spät war es geworden im Lande Nian. Grau war der Himmel vielerorts, und die Stürme hatten Städte, Straßen, Dörfer und Felder fest in ihrem Griff. Der Herbst hatte bereits vor langem Einzug gehalten, die meisten Bäume hatten ihre Blätter darniedergelegt und standen nun kahl und schlummernd, den Frühling erwartend. Hünenhaft ragten ihre riesigen Körper in den Himmel. So viel größer als man es landläufig kennt wirkten sie, denn in Nian wuchsen nur Bäume und die meisten anderen Pflanzen in bekannter Größe, Menschen und Tiere jedoch waren vergleichsweise klein, um nicht winzig zu sagen. In den nianianischen Zeitungen war daher nicht selten eine Meldung zu finden, dass Autos von herabfallenden Bucheckern schwer beschädigt worden waren oder dass Straßen wegen Eichel- oder Kastanienschlags hatten gesperrt werden müssen.

Eines Tages nun begab es sich, dass ein neuer Schüler, der sich mit seinem Vater auf dem Schulwege befand, eine Entdeckung machte. Nicht, dass dies etwas Besonderes gewesen wäre; in Nian gab es viele aufgeweckte junge Entdecker, Erfinder, Strategen und Wissenschaftler. Dieser Junge aber hatte gerade erst seine Apfelweihe erhalten. Das war im Leben eines jeden Nianianers ein großes Ereignis, es markierte die körperliche Reife, die benötigt wurde, um die sportlichen Aufgaben des untersten Schulgrades zu bewältigen. Jeder Nianianer, der erstmalig offiziell die Größe eines durchschnittlichen Landapfels erreichte, erhielt damit unmittelbar das Recht, eine der vielen kleinen Schulen des Landes zu besuchen.

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Just dieser Junge aber hatte seinen Eltern seit geraumer Zeit damit in den Ohren gelegen, wann er denn endlich offiziell in Klassenräumen und mit ernannten Lehrern in Dorf und Flur Forschungen unternehmen dürfe. „Du bist noch nicht so weit“, war die teils ehrliche, teils traurige Antwort jedes Mal gewesen – bis es dann endlich vor wenigen Wochen doch so weit gewesen war: Aufgeregt hatte der Junge die Vermessung erwartet und dann nach so langer Zeit stolz mit dem eigenen Apfelaufnäher die Maßwiese verlassen dürfen.

„Vater!“, rief der Junge. „Sieh nur, dieser Baum dort hinten hat viele seiner Blätter noch bei sich! Sie mögen gelb und auch braun oder runzlig sein, aber sie hängen noch an ihm! Dort am Waldrand, die anderen, sie stehen kahl … Schau, der Wind treibt einige der Blätter davon!“

„Es ist eine Linde“, antwortete der Vater gedankenversunken. „Diese Bäume halten ihre Blätter oft länger als die anderen. Achte darauf, wenn du jemals versehentlich in ihre Nähe kommen solltest – ihre Blätter sind tückisch und haben sich schon häufig um Zäune, Hausdächer oder Spielgeräte gewickelt und diese zerstört. Auch Mensch und Tier sind nicht selten durch sie zu Schaden gekommen. Du möchtest wahrlich nicht ihre Bekanntschaft machen.“

„Nicht? Ach Papa, denk doch nur, wie man auf einem solchen Blatt über das Meer fahren oder es an einem Mast als Segel benutzen könnte! Einen Sonnenschirm könnte man daraus bauen oder … ja, man könnte sich daran festhalten, wenn es abfällt, und mit ihm wie ein Winddrachen durch die Lüfte fliegen!“

„Wir haben hier weder ein Meer, noch scheint die Sonne“, brummte der Vater. „Und Fliegen, dazu sind wir nicht geboren. Sonst hätten wir Schwingen wie die Tauben oder Flügel wie die Libellen, oder jemand hätte den Perpetuus helicopterus erfunden. Verwende deinen Geist lieber dazu, über Machbares nachzudenken. Zum Beispiel, wie du dein sprühendes Köpfchen benutzen kannst, um in der Klasse weiter nach vorn aufzurücken.“

Der Sohn hielt kurz inne. In den vorderen Reihen der Klassen- und Kursräume saßen tatsächlich nur die Bewährtesten, Fleißigsten und Verdientesten der Schülerschaft. Ganz besonders bewusst wurde einem das bei der wöchentlichen Vollversammlung. Als Neuling konnte man kaum über die Köpfe hinweggucken und bekam somit fast nicht mit, was vorn gezeigt wurde. Wie sollte man aber aufrücken, wenn nur die Vorderen dem Stoff überhaupt folgen konnten …

„Du träumst wieder, Junge. An dieser Straße musst du aufpassen! Heranfahrende Autos würdest du vielleicht hören, aber einer heranrollenden Eichel oder einem peitschenden Ast auszuweichen, dazu gehört absolute Aufmerksamkeit!“, sagte der Vater.

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Der Junge wusste, dass er recht hatte. Es gab, so lernte man als Allererstes, Zeit zu wachen und Zeit zu träumen. Wach musste man oft sein, denn überall im Lande Nian schienen Gefahren auf einen zu lauern. Nicht nur fallende Nüsse im Frühherbst, nein – auch Maschinen mit ihren stampfenden Motoren und giftigen Abgasen, oder Schulkameraden, die sich mit nicht immer lauteren Mitteln einen Platz in einer Reihe weiter vorn sichern wollten.

Zeit zum Träumen war rar. Nachts gab es sie zwar, aber nur wenige hatten gelernt, solcherlei Träume aktiv mitzugestalten. Wann hatte seine Tante das letzte Mal auf der Veranda gesessen, übers Feld in den Sonnenuntergang geschaut und sich Inspirationen geholt? Oder wann hatte er seinen Vater das letzte Mal gesehen, wie er des Abends im Spätsommer gen Himmel schaute und die Sternschnuppen erwartete, um sich etwas zu wünschen?

So in Gedanken wäre er beinahe gegen die Glastür der neu gestalteten Schule gelaufen. Er konnte schon den missbilligenden Blick seines Vaters im Rücken spüren, als er plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung vernahm. Ein rascher Blick nach links in die Ferne verschaffte ihm Gewissheit: Der starke Wind hatte mehrere Blätter der Linde von ihren Ästen getrennt. Wie gelbe Boote schwammen sie nun schaukelnd durch die kühle Herbstluft. Wieder hochgewirbelt, verfielen sie erneut in ihren fallenden Tanz, bis sie langsam zu Boden sanken.

Wie ein Leuchten durchfuhr den Jungen der Einfall. Das Bild formte sich, nahm Gestalt an … „Vater!“, rief er mit großen, strahlenden Augen und aufgeregtem Lächeln. „Denk nur, wenn ich mich auf solch ein Blatt stellen würde, der Wind würde mich mitsamt ihm emportragen! Und ich bräuchte gar keinen Perpetuus dingsbumsus!“

„An die nächste Mauer schleudern würde dich der Sturm“, entgegnete der Vater. „Oder du würdest darin eingewickelt wie eine Walze die Straße entlangrollen, bis du nicht mehr gesehen wardst.“

Natürlich war wohl auch dieses die Wahrheit, dachte der Junge bei sich, als er allein durch die verwinkelten Gänge auf seinen Klassenraum für Neuschüler zusteuerte. Der Gedanke jedoch ließ ihn nicht mehr los, das Bild, das er gesehen hatte, war zu klar vor seinem geistigen Auge. Dort stand er, eine Hand schützend vor die Augen haltend und dem Wind trotzend, die andere Hand fest den Stiel des Blattes umklammernd, an welchem er sich auf seinem Flug durch die Lüfte festhielt. Sich leicht nach rechts neigend, steuerte er sanft die Wiese mit den riesigen, weichen Halmen dort unten an …

„Jaa, dich meine ich!“, erklang die Stimme so deutlich von vorn, dass er sie nicht überhören konnte. „Nun? Fällt der Stahlnagel oder das Stück Papier schneller?“

„Beide gleich schnell“, sagte er rasch. Augen rollend drehte sich die Lehrerin zur Seite und wandte sich wieder dem Schaubild an der Tafel zu.

„Das war knapp!“, kicherte ihm das Nachbarsmädel auf der Bank zu. „Wenn du immer eine Extraeinladung brauchst, wirst du hier hinten bald ganz allein sitzen – und sei es so lange, bis dir eine Nuss auf den Kopf fällt. Ich jedenfalls sitze spätestens nächste Woche in der zweiten Reihe. Diesen Versuch da, den habe nämlich ich eingereicht.“

Grummelnd schaute der Junge zu Boden. Was das immer sollte. Mochte ja sein, dass der eine hier, der andere da besser war – aber was man daran finden konnte, andere mit dem Offensichtlichen aufzuziehen, war ihm auch nach vielen Zyklen in der Kinderbetreuung ein Rätsel geblieben. Man erreichte damit nichts, nur Stiche im Herzen und einen seltsam abstrakten Wunsch nach Rache, der einem aber bei näherer Betrachtung genauso sinnlos vorkam.

Die Glocke läutete und es ging zum Mittagessen. Ob es in allen Schulen Nians solch zusammengewürfelten Pamps als Hauptmahlzeit gab? Die Mohrrübenscheiben waren kaum halb so groß wie die Teller und oft matschig, und das Reiskorn in der Mitte wurde lieblos darauf geworfen und war meist zerlaufen. Das Fleisch hatte er zu Beginn genau einmal probiert; es hatte aber mit dem, was sein Onkel früher aus den Bergen mitgebracht und zubereitet hatte, kaum etwas zu tun. Somit hatte er sich für die naturatonische Variante des Schulmenüs entschieden.

Geschichte. Was für ein langweiliges Fach. Stundenlang konnte der Lehrer berichten, von Schwertkriegen, Königen, Eroberungen, Grenzverläufen, Machtansprüchen, erfolgreichen Aufständen und anderen vergangenen nianianischen Heldentaten. Nur einmal vor zwei, drei Tagen, da hatte er von Reiseberichten zur See fahrender Leute erzählt, die in ein fernes Wunderland aufgebrochen seien. Bei ihrer Rückkehr sei nur noch gut die Hälfte von ihnen übrig gewesen. Diese hätten von gewaltigen Gebäuden, unglaublich großen Maschinen und einem Volk von Riesen berichtet, welches Flüsse, Seen, Strände und sogar ganze Meere überbaut habe, um Raum für seine Technologie zu schaffen. Allerdings hätten sich dadurch andere Probleme ergeben, denn die Bäche und Meeresoberflächen in jenem Lande würden stinken und von Folien und leeren Gefäßen überquellen. Die Riesen selbst seien wohl wenig gastfreundlich gewesen, hätten die meisten der Mannschaft gefangen genommen und als Zwerge irgendwo ausgestellt.

Solche Geschichten, die waren es, die den Jungen faszinierten – auch wenn der Lehrer klarstellte, dass diese Berichte wahrscheinlich in den Bereich von Sagen und Mythen fielen. Allein dafür ging er jedes Mal wieder voll Spannung in die Geschichtsstunden, in der Hoffnung, von derlei Dingen erneut zu hören.

An jenem Tage jedoch sollte ihm dieser Wunsch verwehrt bleiben. Gähnend langsam plätscherte der übliche Stoff dahin. Manchmal fühlte er sich an solchen Tagen selbst wie ein Zwerg in einer Ausstellung. Diese Riesen … ob es sie wohl wirklich gab? Ob es einen dieser Perpetuusse gebraucht hätte, um sie zu sehen, ohne gefangen zu werden? Hätte man vielleicht auf einen Baum steigen können, um ihr Land zu erspähen … ihnen vielleicht irgendwie sagen können, dass man aus den Folien doch Segel bauen konnte …?

Jäh riss die Abschlussklingel den Jungen aus seinen Gedanken. Nun nichts wie raus hier, vielleicht konnte er zu Hause seine Mutter nach den Riesen fragen. Er hastete durch die Flure, durch die Glastür, auf den kleinen moosumwachsenen Weg zur Straße …

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Da erblickte er sie wieder, dort in der Ferne. Schön, prachtvoll leuchtend in sonnigem Abendgelb … eine Majestät von einem Baum, so wiegte sie sich im Abendwind, der fern in ihren Zweigen sang. Fasziniert blieb er stehen, betrachtete bewundernd die vereinzelt fallenden Blätter. Sie hätten wirklich großartige Boote oder Sonnenschirme sein können … Wie von selbst änderten seine Füße den Weg und gingen auf die Linde zu. Es war ausgesprochen weit dorthin – eine Schule in der Nähe von so etwas Gefährlichem wie einem Baum zu erbauen, wäre niemandem in Nian in den Sinn gekommen.

Nach einer Weile endete der befestigte und geräumte Weg. Über Reste geborstener Eicheln, Hülsen von Bucheckern und Blattstielen, die vom Wald hergetragen worden waren, musste er klettern, doch er verlor nicht den Kurs. Wie ein Fanal überragte die Linde alles, was sich ihm in den Weg stellte. Ein Reh knabberte scheu an einer riesigen geplatzten Eichel und wich zurück, als er sich ihm näherte. Und dann schließlich, als die Sonne sich bereits in Goldtönen dem Horizont zuneigte, erreichte er den gigantischen Baum.

Niemals hätte er hier sein dürfen. Ein Samenkorn, ein loser Zweig – alles konnte unter einem Baum das eigene Ende bedeuten. Wie in Trance schaute der Junge den nicht enden wollenden Stamm mit dem Umfang des ganzen Schulgebäudes empor. Mulmig wurde ihm, ein Teil von ihm wäre am liebsten davongelaufen, denn nun wollte er etwas noch viel Gefährlicheres tun. Er griff nach einem abstehenden Teil der Borke und begann zu klettern.

Höher und höher ging es hinauf. Sportlich wie er war, machte ihm das Klettern Freude, nur nach unten durfte er nicht sehen. Nach einer Ewigkeit erreichte er schließlich den ersten Ast, welcher im Frühling frisch zur Seite ausgetrieben war, und ruhte sich etwas darauf aus. Was würden jetzt die anderen sagen, die ihn in der Schule immer verlachten … Ein Lächeln umspielte seine Lippen, welches sich jedoch in Erschrecken verwandelte, als er den Blick Richtung Horizont wandte. Wie schnell verblasste dort der Schein der Sonne, die als orangerote Kugel kaum mehr als einen Fingerbreit über dem Horizont schwebte! Schnell wollte er aufspringen, jedoch der dünne Lindentrieb wollte ihn kaum tragen und wippte eine Weile unter ihm auf und ab.

„AAAAAoooooouuuh – wäääähhhh“

Ein knarrendes Geräusch ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Von Schrecken erfasst, klammerte er sich mit beiden Händen an die Borke des mächtigen Wesens, das zu besteigen er sich vorgenommen hatte. Nun wünschte er sich, er würde aus einem seiner Tagträume in der Schule erwachen und von seiner Nachbarin ausgelacht werden. Zitternd der Dinge harrend, welche nun folgen würden, vernahmen seine Ohren ein sausendes Rauschen, ein erneutes Knarren und Knacken wie von einem sich reckenden Ungetüm, dann folgte eine entsetzliche, einsame Stille. Bis, ja bis er sie hörte.

Eine Stimme, tief wie das Grollen eines Wasserfalls, aber auch zart wie das leise Fallen von Blütenstaub, drang an sein Ohr.

„Daaaas tuut guut … Biittee nooch eeiinmaal weeiiteer reechts kraatzeen … aaaahhhhh …“

Das konnte doch nicht sein. Solcherlei hatte er weder jemals selbst gehört noch irgendetwas davon zu Hause oder in der Schule vernommen. Wer verbarg sich da unter der Borke? „Gefahr!! Schnell herunter, nichts wie weg!“, sagten ihm seine Sinne.

„Neeiin … biittee bleeiib dooch nooch …“

Also, wirklich bedrohlich hörte sich das nicht gerade an. Der Junge hielt inne, und nach einer Weile traute er sich halblaut zu fragen: „Wer bist du?“

„Waartee … iich zeeiig ees diir …“

Da, wieder das Rauschen … Und dann kam, schnell wie der Blitz, ein Zweig auf ihn zu. Ehe er sichs versah, wurde er umfangen und emporgehoben. „Waa…“, brachte er noch heraus, als er mit großem Schwung auf einem hohen, dicken Ast landete.

„Siieehst duu miich jeetzt riichtiig? Guut … Nuun eerlaauubee miir diiee Fraagee – weer biist duu?“

Ganz eindeutig – die Linde selbst sprach zu ihm. Er spürte das Beben ihres tiefen, sonoren Stimmklangs unter seinen Füßen. Der Wind war stark hier oben, aber jedes Mal, wenn er das Gleichgewicht zu verlieren drohte, streichelte ein Zweig seine Flanke und stabilisierte ihn. Dem Jungen blieb die Stimme weg, er konnte nur schauen, und so nahm der gewaltige Baum eine Antwort vorweg: „Biist duu wiirkliich eeiineer deer Trääuumeer?“

Eine ganze Weile lang vermochte der Junge nicht zu sprechen. Dann aber platzte es aus ihm heraus: „Du bist wirklich die Linde? Kein Baum in Nian hat jemals geredet in unseren Geschichten oder Menschen aufgehoben! Ich wollte nur auf einem Blatt fliegen! Man nennt mich oft Träumer, aber was meinst du damit?“

Die Linde schien nachzudenken. Augenscheinlich redete ihr der Kleine in den Ästen zu schnell. Als sie schließlich antwortete, klangen ihre Worte rätselhaft in den Ohren des Jungen:

„Niieemaals haat eeiin Trääuumeer zuu miir geereedeet. AAls iich aauus deem Koorn eentspraang, eerzäählteen miir diiee aandeereen daavoon. Dooch nuun siind aallee foort … Riieeseen, Trääuumeer … nuur iich biin nooch geebliieebeen.“

Es dauerte erneut lange, bis der Junge seine Sprache wiederfand. Zu übermächtig war der Eindruck, dass sich hier vor seinen Augen ein uraltes Geheimnis zu entblättern schien. Etwas in ihm schwang in besonderer Weise mit dieser Stimme mit, er konnte sich dem nicht entziehen. Und so sagte er:

„Seit meiner Geburt scheine ich anders zu funktionieren als viele hier in Nian. Man bringt uns viele Dinge bei: wie man Neues erfinden, forschen, auch an anderen vorbeiziehen, sie überflügeln kann; wie man Maschinen bauen und sich das Leben angenehm machen kann. Es gibt Sagen und Märchen von vor vielen Zyklen, als wir vieles davon noch nicht konnten. Keine Sage jedoch, die ich kenne, erzählt von sprechenden Bäumen. Im Gegenteil, wir fürchten euch und viele eurer Früchte als Schadensbringer und Zerstörer – obwohl ich immer, nicht erst seit der Apfelweihe, daran gezweifelt habe. Denn das Fallen eurer Blätter bewirkt Seltsames in mir … ich sehe tanzende Wesen darin … und mich fliegend auf einem dieser Himmelsboote, nur will niemand davon hören.“

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Eine ganze Weile herrschte Stille. Dann durchbrach die Linde mit wenigen ins Herz gehenden Sätzen das Schweigen:

„UUnseeree Geeschiichteen siind waahr. Trääuumeer uund Riieeseen reedeeteen miit uuns, soo wiiee wiir miit iihneen. Diiees geeriieet jeedooch voor viieeleen Zyykleen iin Veergeessseenheeiit. Seeiitheer meeiideen uuns diiee Trääuumeer, uund diiee Riieeseen woolleen nuur uunseeree Köörpeer … Duu woollteest wiieedeer reeiiteen wiiee iin aalteen Zeeiiteen?“

Ein Prickeln erfasste den Körper des Jungen. Es war nicht ausgesprochen, aber er wusste genau, was dieser mächtige Baum meinte. Er brauchte nichts zu sagen, war bereits von allein aufgestanden und fühlte nun zarte Zweige, wie sie ihn auf einen der unteren Äste ans Ende stellten. Aus einer für Linden typischen Verwachsung waren hier viele Blätter ausgetrieben, die nun gelb und an einem dünner werdenden Stielansatz um den Ast raschelten.

„Haaltee ees feest!“

Kräftig packte der Junge den Stiel des nächsten einigermaßen ruhig hängenden Blattes. Es war das Größte von allen, dermaßen riesig, dass die ganze Schulbank darauf Platz gefunden hätte. Leicht knickte es an der Stelle in der Mitte ein, auf die der Junge seine Füße setzte. Ein Zweig nahte heran, strich kurz über den Blattansatz und übergab Blatt und Jungen dem Winde.

Was für ein unglaubliches Gefühl!

Schwerelos drehten sie sich im Wind, in einem gewaltigen Wirbel aus Luft, rotem Sonnenlicht, dunkelblauem Himmel und einem markerschütternden Schrei, der sich in den Weiten um die Linde herum verlor. Das Echo vom Lindenstamm hallte noch in seinen Ohren, als der Junge zu sich selbst flüsterte: „Ich … fliege …!“

„Reeiitee hiin uund briingee uunseeree Kuundee …“, ertönte leise noch die Stimme der Linde, die sich nun in der Ferne verlor. Denn das Blatt hatte Fahrt aufgenommen. Seine Fläche blähte sich im Winde, kraftvoll trug es Füße und festen Arm des Jungen durch die beginnende Nacht. Er musste sich nicht anstrengen, konnte sogar eine Hand schützend vor die Augen halten. Eins war er geworden mit dem Blatt, ein kleiner Gedanke und eine leichte Neigung reichten, um es zu steuern … mal hierhin, mal dorthin … es ging wie von selbst. Wie ein Schiff zu fernen Landen fuhr das Blatt durch die kühle Nachtluft … hinweg über Eichel- und Bucheckerhülsen, Nüsse und gewaltige Ahornschrauber, über Wege und Straßen … schließlich vorbei an der Schule … über Hecken, Autos und Laternen … ganz Nian hätte man am Tage von hier aus überblicken können, so kam es dem Jungen vor.

 

ImageSchließlich erschien unter ihm eine bekannte Silhouette, es deuchte ihm, als habe ihn sein eigener Traum direkt nach Hause geführt. Sanft schwenkte er das Blatt, welches langsam darniedersank, um schließlich mit einem leichten Seufzen auf den mächtigen Grashalmen des Nachbargartens seines Elternhauses zu landen.

Mit einer schier unbeschreiblichen Mischung aus Hochgefühl und namenloser Furcht vor dem, was ihm nun vermutlich blühte, trat der Junge vor die schwere Nussbaumrindentür und pochte mit dem Bikabaka dagegen. An allen vornehmen Türen in Nians Dörfern war dieser klassische Kiefernfrucht-Klopfer angebracht, um Besuch zu signalisieren. Dieses Mal jedoch erwartete den nächtlichen Heimkehrer wahrscheinlich keine warme Suppe oder leckeres Abendbrot, sondern eher … Weiter wollte er nicht denken, er wartete, bis sich schließlich die Tür öffnete und jemand mit einem offenen Licht in der Hand herausschaute.

Arme schlossen sich um ihn. Warme Haut. Feuchte, salzige Tränen. Eine erstickte Stimme. „Bist du es wirklich … niemand hat dich gesehen … es ist eine Kastanienlawine gemeldet worden hinter der Schule … wir dachten, du seist …“

„Ich bin hier, Mama“, hörte der Junge sich reden. „Du wirst nicht glauben, was ich erlebt habe.“ Jedoch verschwanden seine Worte im Kittel seiner Mutter und dem Hemd seines Vaters, der ebenfalls kein Auge zugetan hatte. Er wurde hochgehoben und unter eine warme Decke gelegt. Der Kamin brannte noch und heißer Tee stand bereit. Wie gern hätte der Junge die Botschaft der Linde erzählt, jedoch war er viel zu ergriffen – und zu müde. Noch unter der Decke schlief er ein.Image

 

Am nächsten Tag stand die Sonne bereits hoch am blauen Himmel des Landes Nian. Früh war es noch, der Tau glänzte auf den herbstlichen Graswäldern in den Gärten. Die Idylle wurde nur getrübt durch den schrillen Schrei und das ärgerlich-ängstliche Schimpfen eines Nachbarspärchens, welches dann die Örtliche Schadensabwehr alarmierte, um ein gewaltiges Lindenblatt aus dem Garten entfernen zu lassen. Gerüchte wurden laut, die Winde hätten sich gedreht und würden das Laub der Waldbäume nun vermehrt bis zur Siedlung tragen. Furcht erfasste das halbe Dorf. Einige Eltern schickten sogar ihre Kinder nicht mehr zur Schule, nachdem Schüler in einiger Entfernung einen großen Lindenbaum gesichtet hatten.

Keine Angst jedoch, sondern tiefe Dankbarkeit bestimmte das Fühlen der Eltern des Jungen an diesem Tage. Als er die Augen aufschlug und sich in seinem Bett wiederfand, sprang er erschrocken heraus: „Mama! Papa! Ich muss doch zur Schule!“ Seine Eltern hatten jedoch entschieden, dass es wichtiger sei, die Umstände des nächtlichen Heimkommens zu klären, und so ließen sie ihren Sohn im Wohnzimmer erzählen, was sich am Vortage zugetragen hatte. Als seine Geschichte endete, saßen beide Eltern da, schauten auf den Boden vor dem Kamin und waren erst einmal ihrer Sprache beraubt.

Schließlich berappelte sich der Vater und begann zu sprechen: „Das ist alles sehr interessant, mein Sohn, und es erklärt viele Dinge, wirft aber genauso viele Fragen auf. Womöglich dauert das, was du uns da mitteilen möchtest, eine sehr lange Zeit, um in die Herzen der Nianianer zu finden. Vielleicht geschieht es auch niemals und wir werden wie die Riesen sein. Was ich aber ganz sicher sagen kann – eine solche Botschaft ist nicht für jedermann, und wäre es nicht mein Sohn, der sie mir kundtut, ich würde sie nicht glauben. Darum zügele deine Zunge und bedenke wohl, wem du solcherlei Nachricht mit deinen Worten überbringen möchtest. Nicht immer ist Wahrheit willkommen oder wird als solche erkannt.“

Da nahm der Junge seine Eltern in die Arme und hielt sie fest. Es störte ihn nicht, dass er an diesem Tage Schulstoff verpasste. Und es machte ihm nichts mehr aus, wenn er in der Schule verlacht wurde oder in den Nachrichten über von Eicheln zertrümmerte Autos oder von Blättern eingewickelte Scheunen berichtet wurde. Er hatte seine Furcht vor diesen und vielen anderen Dingen verloren. Niemals geschahen solch hässliche Begebenheiten in seiner Schule oder auf dem Weg, den er ging. Und als er einige Zyklen älter geworden war, wusste er, wie es sich anfühlte, in der ersten Reihe zu sitzen oder im Sport eine ganze Buchecker stemmen zu können. Er wusste, wie man Maschinen baute, die Flüsse umlenken und ihre Energie nutzbar machen konnten. Sogar an der Gestaltung der neuen, „Taumelscheibe“ genannten Einrichtung am Rotor des Perpetuus helicopterus wirkte er mit. Nichts aber von alledem beeindruckte und prägte ihn so nachhaltig wie sein erster Ritt auf dem Lindenblatt. Oft noch besuchte er die uralte Linde dort am Horizont vor dem Wald und sprach mit ihr, und viele taten es ihm nach. Einige lernten sogar das Reiten von ihm, bis er dann von seinem alten Biologielehrer gebeten wurde, dieses neue Lehrgebiet Neuschülern, welche gerade die Apfelweihe erhalten hatten, als Assistenzlehrer zu präsentieren. Bis an die Gestaden des Meeres von Nian drang die Kunde von ihm und schließlich über wagemutige Seefahrer sogar zu den Riesen. Und wenn diese manchmal in kalten Herbstnächten in leiser Ehrfurcht in den Himmel hinaufsehen, entdecken sie vielleicht ein kleines Lindenblatt, welches wie von Geisterhand gelenkt über ihre Häuser schwebt und eine alte Geschichte erzählt.

 

 

 

 

 

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Grasfederer



 

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Zeit, sie schleicht und ist so flüchtig

Zeit, so harmlos imposant

Zeit, nicht falsch und auch nicht richtig

Zeit, so sanft und dominant

Zyklen, lernend und vergessend

Zyklen bleiben, zieh´n ins Land

Zyklen, leer und voller Leben

Alles liegt in deiner Hand

 

(trad. nianianisch, Verfasser unbekannt)

 

Die Zeit zwischen den Graden

Schön war es hier am Ufer des Meeres. Seit vielen Zyklen nun schon fuhr die Familie hierher, um Kraft zu schöpfen und die Seele atmen zu lassen. Seit frühester Kindheit war Kai es gewohnt: das Rufen der Seevögel, den Duft nach Salz und Tang und das immer vorhandene leise Rauschen der Wellen am nahen Strand. Manchmal, wenn es stürmisch war, mussten sich alle in ihre kleine bewegliche Hütte zurückziehen, die Kais Vater Phil selbst gebaut hatte. Genauer gesagt war es ein alter Ackerwagen, auf den er ein Holzhaus gezimmert und dieses in den Farben der Familie angemalt hatte; eine richtige klassische nianianische Fahrhütte, die von einem starken Lasttier, einem Landfahrzeug oder auch einem kleinen Auto wie dem der Familie gezogen werden konnte. Jeweils im späten Sommer wurde die notwendige Habe verladen, und dann fuhr die Familie über verschlungene Straßen hin zu diesem Ort, den Kai so sehr mochte.

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Am meisten jedoch liebte er genau diese Stelle auf den Klippen, windgeschützt zwischen zwei Felsen, zusätzlich von einem natürlichen Graswald abgeschirmt. Von hier aus hatte man eine tolle Aussicht sowohl über das weite Meer als auch über das ausgedehnte Land.

Karg war es am Ufer, salzig, steinig und sandig. Außer der großen Moosfläche, die als weicher Teppich für ein Camp ideal geeignet war, gab es nur Dünen, Strand, Felsen, Gras und Schilf. Letzteres befand sich aber in sicherer Entfernung; Vater hatte die Fahrhütte mehr als einmal fluchend reparieren müssen, als er sich schon fast am Ziel gewähnt hatte und dann auf den letzten Langmaßen ein umknickender Halm die Dachkonstruktion ruiniert hatte. Dieses Mal jedoch war nichts dergleichen passiert.

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