Die Dunkelbunten Farben des Steampunk

Die dunkelbunten Farben des Steampunk

14 Kurzgeschichten in 14 Farben

 

Mit Geschichten der Autoren

Detlef Klewer

Stefanie Bender

Corinna Schattauer

Katharina Fiona Bode

Markus Cremer

Isabelle Wallat

Andrea Bienek

Denise Mildes

Ashley Kalandur

Dennis Frey

Sabrina Železný

Daniel Schlegel

Daniel Huster

Fabian Dombrowski

Impressum

 

Alle Rechte an den abgedruckten Geschichten liegen beim

Art Skript Phantastik Verlag und den jeweiligen Autoren.

 

Copyright © 2015 Art Skript Phantastik Verlag & Design

 

Lektorat & Korrektorat » Franziska Stockerer

 

Gesamtgestaltung » Grit Richter | Art Skript Phantastik Verlag

Cover-Fotografie » © francois clappe | Fotolia.com

 

Der Verlag im Internet » www.artskriptphantastik.de

 

 

Alle Personen, die nicht historisch belegt sind, sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

Silberne Augengläser

Detlef Klewer

 

»Shakespeares König Lear hatte unrecht«, erklärte Inspektor Abberline. »Der Prinz der Dunkelheit ist kein Gentleman.« In diesem Fall musste ich ihm ausnahmsweise recht geben.

Aus: Memoiren (Band 2 - 1897) - Henriette Peabody

 

 

»Verschwunden? Was soll das heißen … verschwunden? Ich erhielt vor zwei Tagen noch ein Telegramm von ihm«, erklärte die junge Dame aufgebracht.

Inspektor Frederick Abberline bemerkte entzückt, dass ihre ausgesprochen hübsche Nase vor unterdrücktem Zorn zuckte. Trotz Empörung klang ihre Stimme angenehm, besaß aber jenen Akzent, der sie als Amerikanerin entlarvte. Ihre geschmeidigen Bewegungen verrieten ihm, dass sie sich nicht nur mit dem Archivieren von Büchern beschäftigte. Zweifellos, dachte er insgeheim, verbirgt sich unter dem eleganten Kleid ein makelloser Körper.

Nun kramte sie gelbes Telegrafenpapier aus ihrer erstaunlich großen Tasche und reichte es ihm über den Schreibtisch hinweg. Mit spitzen Fingern nahm er es entgegen, warf einen flüchtigen Blick darauf und legte es beiseite. Eine deutliche Botschaft: Er beabsichtigte nicht, dieser Angelegenheit mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als sie seiner Meinung nach verdiente. Das brachte sein Gegenüber allerdings noch mehr in Rage.

»Hören Sie, ich habe die weite Reise von New York in diesem… unkomfortablen britischen Luftschiff nicht über mich ergehen lassen, um nun zu erfahren, dass mein Freund Alferi zwar verschwunden ist, die Londoner Polizei aber nicht gedenkt, eine Suchaktion zu starten! Ich hörte, Ihre Truppe rühme sich, die besten Detektive der Welt in ihren Reihen zu haben.«

»Das … entspricht den Tatsachen«, erwiderte Inspektor Abberline indigniert. Er mochte ihr energisches Auftreten nicht und fragte sich, ob sie diesen Suffragetten angehörte, die ein widernatürliches Frauenwahlrecht einforderten. Geradezu lachhaft!

»Aber die Aufklärung der Whitechapel-Morde genießt derzeit höchste Priorität. Im Vergleich dazu ist das … vermeintliche Verschwinden eines Mannes, der vermutlich in einem … Etablissement der East Side seinen Rausch ausschläft, nicht unser Hauptproblem, Miss Peabody.«

Die Angesprochene warf ihm einen erbosten Blick zu. »Wissen Sie, Inspektor, Ihre Luftschiffe sind derart veraltet, dass Sie sich über den stetigen Londoner Nebel glücklich schätzen sollten. Er erschwert den Deutschen die Luftaufklärung enorm.« Abberline schwieg. Sie lächelte sardonisch.

»Ihrem erschrockenen Gesichtsausdruck entnehme ich völlige Unwissenheit über die Tatsache, dass sie beobachtet werden.«

»Nun, dies ist nicht Aufgabe der Metropolitan Police«, erklärte Abberline schroff, gleichzeitig eine Gedankennotiz vermerkend, diese Information an Polizeichef Warren weiterzuleiten. Ein Pluspunkt schadete derzeit nicht.

Die junge Frau wies auf das Telegramm. »Aber dies ist Ihre Aufgabe! Würden Sie sich dazu herablassen, Ihre geschätzte Aufmerksamkeit diesem Text zu widmen, Inspektor, dann wäre Ihnen klar, dass sich Alferi vor meiner Ankunft kaum in einer Lasterhöhle zu vergnügen gedachte. Seine Nachricht lautet, er habe während des Versuchs besonders haltbare Augengläser herzustellen, eine ebenso erstaunliche wie erschreckende Entdeckung gemacht, die er mir umgehend demonstrieren müsse. Ich frage Sie Inspektor: Klingt das nach jemandem, der sich anschließend zweifelhaften Vergnügungen widmet?«

Abberline seufzte. Diese hübsche junge Frau mit den sorgfältig frisierten roten Locken erwies sich als bemerkenswert hartnäckig. »Gnädige Frau, seien Sie gewiss, ich verstehe Ihre Sorge durchaus. Aber so sehr ich Ihnen behilflich sein möchte, im Augenblick sind mir die Hände gebunden.«

Sie stützte sich auf seinen Schreibtisch, beugte sich vor und sagte gefährlich leise: »Nun, ich möchte nur ungern Sir Warren intervenieren lassen. Im Notfall werde ich allerdings nicht zögern, den Polizeichef persönlich um entsprechende Anweisungen zu bitten.«

Resignierend hob Abberline die Arme. Eine Einmischung seines obersten Dienstherren durfte er zu diesem Zeitpunkt nicht riskieren. Nicht, nachdem der Prostituiertenmörder, der sich Jack the Ripper nannte, trotz umfangreicher Ermittlungen noch nicht gestellt werden konnte. Vier Morde und keine Spur! »Miss Peabody, Sie müssen mir nicht drohen, ich werde ja einen Beamten diskrete Nachforschungen anstellen lassen.« Er hob seine Stimme.

»Constable Barret?« Dienstbeflissen betrat ein junger Mann mit dem Anflug eines Oberlippenbarts das Büro. »Sir?«

»Barret, gehen Sie zum Haus des Glasmachers Julius Alferi. Finden Sie heraus, wer ihn dort zuletzt gesehen hat. Möglicherweise können wir so seinen derzeitigen Aufenthaltsort eingrenzen.«

Der Constable schloss eifrig nickend die Tür.

»Mehr kann ich wirklich nicht tun … selbst wenn Sie Ihre Majestät Königin Victoria um Intervention bitten.« Die junge Frau nickte besänftigt. »Nun, es ist zumindest ein Anfang, Inspektor.«

Abberline lächelte gequält. »Was halten Sie von einer Tasse Tee, während wir warten?«

Erneut nickte sie. Abberline erhob sich, schritt zu einem großen, kupfernen Boiler mit zahlreichen Schläuchen und bediente einen Hebel. Die Maschine erwachte gurgelnd und zischend.

Miss Peabody hob spöttisch eine Augenbraue. »Das neueste Modell?«

Abberline biss die Zähne zusammen und schwieg.

»Im Woodwards Hotel in New York gibt es einen Automaten, der zehn verschiedene Tee- und vier Kaffeesorten zubereitet. Er ist nur halb so groß«, plauderte sie munter. Abberline befürchtete eine anstrengende Wartezeit und verfluchte den Moment, als Miss Henriette Peabody sein Büro betreten hatte.

 

Der Inspektor verbrachte in Gesellschaft der spitzzüngigen Lady zwei Stunden auf glühenden Kohlen, ehe sich endlich die Bürotür öffnete und Constable Barret erschien. Der junge Polizist reichte seinem Chef einen Zettel und verharrte abwartend.

»Sehen Sie«, triumphierte Abberline und schwenkte die Notiz in der Hoffnung, Miss Peabody würde die Genugtuung in seiner Stimme nicht entgehen.

»Mister Julius Alferi pflegte Kontakt zu Mary Jane Kelly, einem Freudenmädchen, bekannt unter dem Namen Ginger. Ich schlage vor, Sie begeben sich in ihr Hotel – Westminster Palace wie ich vermute – und erwarten dort die Rückkehr Ihres Freundes. Ich bin sicher, er wird sich, mit schwerem Kopf, in den nächsten Stunden melden.«

»Dann gedenken Sie also nichts weiter zu unternehmen?«, erkundigte sie sich kühl.

»Wie ich bereits erklärte sind mir die Hände gebunden«, erwiderte Abberline gleichermaßen frostig. Constable Barret räusperte sich diskret und blickte seinen Vorgesetzten fragend an. Der Inspektor entließ ihn mit einem Wink und Barret verließ rasch den Raum.

Abberline gestand sich ein, dass ihn diese selbstbewusste Frau nervös machte. Unter der hübschen Fassade aus Spitze und Seide spürte er Stärke, gepaart mit einem unbeugsamen Willen sowie dem unangenehmen Hang zu Ironie und Sarkasmus.

»Der Ripper – ich weiß«, ergänzte Miss Peabody und erhob sich elegant. Auch Abberline erhob sich. Sie schaute suchend auf den überladenen Schreibtisch, beugte sich darüber, nahm das Telegramm und wandte sich zur Tür.

»Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag.« Ihre Stimme klang freundlicher. Als sie den Raum verlassen hatte, stieß Abberline erleichtert die Luft aus und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Endlich konnte er sich wieder ernsthafter Ermittlungsarbeit zuwenden.

 

Henriette Peabody verließ die Polizeistation. Sture Männer waren ein stetes Ärgernis, aber im Grunde mochte sie Inspektor Abberline. Etwas konservativ, dennoch ein fähiger Polizist, dem die Misserfolge der letzten Monate zu schaffen machten.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand bewegungslos ein riesiger Mann. Makellos weiß gekleidet und mit einem auffälligen Turban als Kopfbedeckung, genoss er die ungeteilte Aufmerksamkeit eines halben Dutzend schmutziger Straßenkinder. Sie starrten ihn aus respektvollem Abstand ehrfürchtig an.

Henriette überquerte eilig die Straße, wobei sie Pfützen dubioser Herkunft und verschlammtem Pferdekot geschickt auswich. Sie schenkte dem Riesen ein Lächeln.

»Also, Thoth, mein Freund: Die Polizei wird uns nicht helfen. Wir müssen die Sache selber in die Hand nehmen.«

Thoth verneigte sich zustimmend.

»Inspektor Abberline besaß die Freundlichkeit, mir einen Blick auf eine Adresse zu gestatten.« Sie zwinkerte amüsiert. »Möglicherweise erfahren wir dort Näheres über den Verbleib unseres Freundes. Wir werden die Dame noch heute Nacht befragen. Nehmen wir zunächst eine Droschke ins Hotel.«

Thoth nickte kaum merklich. Als er sich in Bewegung setzte, stoben die Kinder ängstlich auseinander, um in gebührendem Abstand wieder gaffend stehen zu bleiben. Henriette warf ihnen Pennys zu. Die Aussicht auf Reichtum würde die Schar daran hindern, sie zu verfolgen.

Thoth hob gebieterisch eine Hand, um vorbeifahrende Kutschen zum Anhalten zu bewegen. Seine imposante Gestalt bewirkte umgehend, dass ein Cabman das Kutschpferd seines zweirädrigen Hansom zum Stehen brachte. Die Achse ächzte, als der Riese sich neben Henriette auf der Sitzbank niederließ, dann fädelte das überladene Gefährt in den fließenden Verkehr ein.

 

Klamm und kalt wogte schwefeliger Nebel durch die Gassen. Durch-dringender Gestank nach Urin, verrottenden Küchenabfällen und verwesendem Fisch beleidigte Henriettes Nase.

In Hauseingängen lungerten Obdachlose auf fadenscheinigen Decken, eingehüllt in durchweichte Ausgaben der London Illustrated News und der Police Gazette, die nachts als Zudecke dienen sollten, und umgeben von leeren Flaschen, die sie mittels erbettelter Shillings zu füllen hofften.

Gesprächsfetzen, in einer verwirrenden Mischung aus Russisch, Polnisch und englischem Slang übelster Art, verwoben sich mit Hufgeklapper vorbeifahrender Droschken und rasselndem Husten lungenkranker Kriegsveteranen zu einem dichten Klangteppich. Inmitten dieser Szenerie flanierten Gentlemen auf der Suche nach galanten Abenteuern und vorzeitig gealterte Frauen, die ihnen diese Abenteuer für den Gegenwert einer Flasche Gin versprachen.

Das fahle Licht der Gaslaternen erhellte die Straßen nur unzureichend. Kunstvoll gestaltet in reichen Stadtvierteln, standen sie hier in Whitechapel so weit voneinander entfernt, dass sie zu einsamen Lichtinseln in einem Schattenmeer wurden. Zwar existierte Queen Victorias Anweisung, den verrufenen Ortsteil mit zusätzlichen Laternen zu versorgen, aber bis zur Ausführung würden noch zahlreiche Überfälle, Vergewaltigungen und Morde geschehen, die auch die inzwischen zahlreicheren Polizeipatrouillen nicht verhindern konnten.

Niemand hätte Henriette in ihrer perfekten Verkleidung von einem echten Londoner Blumenmädchen unterscheiden können, die hier ihre Arrangements feilboten und deren Sträuße – neu gebunden – ihre morbide Herkunft von Friedhöfen wie dem jenseits der Themse gelegenen Norwood Cemetery nicht verrieten.

Nur der auffällige Zweimetermann in Sichtweite hätte ein Hinweis sein können. Doch in den Schatten blieb er weitgehend unsichtbar, bis sie ihr Ziel erreicht hatten.

»Hier sind wir richtig«, erklärte Henriette. Sie passierten den Torbogen, über dem eine verwitterte Tafel die Aufschrift Millers Court trug, und gelangten durch eine schmale Passage in den verwahrlosten Vorhof.

»Du wartest hier«, entschied sie. »Sie wird mich in meiner Verkleidung als eine der ihren betrachten und möglicherweise auskunftsfreudiger sein, wenn hinter mir kein furchteinflößender Riese auftaucht.« Thoth schnaubte missbilligend.

»Natürlich bist du nett, freundlich und friedliebend«, lenkte Henriette ein. »Aber du bist eben auch groß und furchteinflößend.«

Thoth brummte und zog sich in die Dunkelheit zurück.

Henriette hob die Hand, um anzuklopfen, erstarrte jedoch in der Bewegung, als sie aus dem Inneren klatschende Geräusche vernahm. Eine Männerstimme zischte: »Sie wollen einen Metzger, also … weide ich sie aus.«

Das klang nicht nach einem liebeshungrigen Freier!

Entschlossen stieß sie die Tür auf, betrat das winzige Zimmer mit raschem Schritt und erfasste sofort den gesamten Raum. Sie keuchte. Im flackernden Schein eines Kaminfeuers erblickte sie ein Bild des Grauens.

Überall verspritztes Blut. Auf dem Bett lag etwas, das vormals ein Mensch gewesen sein musste. Mary Jane Kelly? Das Gesicht war zerhackt … keine eindeutige Identifizierung möglich. Ihr Körper verstümmelt. Fleischfetzen und Organe auf Tisch und Boden verteilt. Inmitten des grausigen Szenarios ein blutverschmierter Mann, der Henriette aus fiebrigen Augen anstarrte. In seiner Hand ein Seziermesser.

»Noch eine kleine Hure für Saucy Jack«, wisperte er drohend.

Henriette zögerte keine Sekunde, ergriff die unter ihrem geschlitzten Rock befestigte Waffe, zog sie und feuerte – eine einzige fließende Bewegung. Der blaue Blitz traf den Mörder in der Vorwärtsbewegung, umhüllte seinen Körper – der daraufhin einen zuckenden Veitstanz aufführte – und verfärbte die Haut schwarz. Sie bildete Risse und in Sekunden zerfiel der Mann zu schwarzem Staub.

»Meine Güte!«, entfuhr es Henriette. Sie starrte das bronzene Wunderwerk in ihrer Hand an, das den meistgesuchten Killer Londons pulverisiert hatte. Thoth tauchte atemlos im Türrahmen auf. Henriette drehte sich gelassen zu ihm um, während sie eine neue Patrone in die Energiekammer schob.

»Mein Lieber, jetzt haben wir eine gute und eine schlechte Nachricht für unseren reizenden Inspektor.« Thoth blickte fragend. »Die Gute: Jack the Ripper weilt nicht mehr unter den Lebenden. Die Schlechte: Wir werden seine wirkliche Identität wohl nie aufdecken ...« Sie überlegte kurz und ergänzte dann: »Vergiss nicht, mich zu erinnern, Nikola mitzuteilen, dass er seinen Skalarwellen-Strahler modifizieren soll. Liebe Zeit, er verschießt tatsächlich Todesstrahlen!«

Was aber sollten sie jetzt unternehmen? Ihre vermeintliche Zeugin tot, die einzige Spur erkaltet. Da fiel ihr eine Notiz auf, offenbar in Eile unter der Tür durchgeschoben und beim Eintreten der jungen Dame und ihres vermeintlichen Freiers durch einen Luftzug in die Zimmerecke geweht. Henriette hob sie auf und erkannte die Handschrift ihres Freundes auf Anhieb.

»Liebste, besuche mich in der Spelman-Street-Werkstatt«, las sie vor. »Sieh’ an, Julius unterhielt neben seinem offiziellen Laden in der Commercial Street noch eine geheime Arbeitsstätte. Komm, Thoth, die müssen wir uns ansehen.«

 

Henriette trug ihre Arbeitskleidung: Kniebundhosen und hohe, schwarze Stiefel. An den Oberschenkeln mit Lederriemen befestigte Wurfmesser. Ein breiter Gürtel enthielt Schusswaffen, zahlreiche Taschen mit Einbruchswerkzeug, sowie weitere nützliche Dinge. Das Mieder aus leichtem Leinenstoff erlaubte ausreichend Bewegungsfreiheit. Verhüllt wurde diese Aufmachung durch ein rasch zu lösendes Cape.

Thoth blickte deprimiert.

»Ja, schon gut, ich weiß. Für jemanden deiner Größe ist es nicht einfach, sich in der Kanalisation zu bewegen.« Sie grinste ihn an, stellte sich auf die Zehenspitzen und klopfte ihm auf die Schulter. »Mein Großer, du wirst den Kopf eben etwas einziehen müssen.« Thoth verdrehte die Augen und schnaufte ergeben. Sie entnahm einem Seitenfach ihres Schrankkoffers eine Karte und entfaltete diese auf dem Tisch.

»Dank der römischen Baukunst und der akribischen Kartografie unseres lieben Bazalgette können wir schnell und unerkannt an unser Ziel gelangen.« Sie seufzte.

»Was gäbe ich jetzt dafür, unseren Rocket Steamer hier zu haben, um das Ziel in kürzester Zeit zu erreichen. Aber ich vertraue keinem britischen Transportluftschiff mein Automobil an – erst recht nicht britischen Dampfern.« Thoth hob amüsiert eine Augenbraue. Henriette winkte ab. »Ja, ja, du hast natürlich recht. Hier in London wäre unser Vehikel auch viel zu auffällig.« Sie zeigte auf die Karte.

»Wir befinden uns hier. Und dort ist unser Zielort.« Sie prägte sich den kürzesten Weg ein, schob die Karte zur Sicherheit aber in eine ihrer vielen Taschen. Dann verließen die beiden das Hotel durch den Dienstboteneingang. Thoth hebelte den nächstgelegenen Gullydeckel auf, ließ seinen Rucksack in die Öffnung gleiten und zwängte sich hinab in die Dunkelheit. Henriette folgte ihm und befand sich alsbald in einer Duftwolke verwesender Tierkadaver, faulender Abfälle, menschlicher Ausscheidungen und Moder. Das stetige Gewirr oberirdischer Geräusche, das durch die Öffnungen der Gullydeckel drang, klang in dieser hallenden Unterwelt wie Geisterstimmen, die sich aus dem Jenseits Gehör verschaffen wollten.

Ratten stoben vor ihren Füßen quiekend davon. Henriette konzentrierte sich auf die Mundatmung und versuchte sich in diesem endlosen Labyrinth zu orientieren.

»Hoffnungslos ohne Lichtquelle«, stellte sie fest. »Wir benötigen Licht. Eine gute Gelegenheit, Nikolas Erfindung drahtloser Elektrizität zu testen.«

Thoth entnahm seinem Rucksack ein birnenförmiges Glasobjekt und schulterte ihn wieder. Henriette trat hinter ihn, schob eine Kurbel in die kleine Vertiefung am unteren Ende des Rucksacks und drehte kräftig. Das Glas in Thoths Hand begann zu leuchten.

Im Lampenschein erblickten sie marode Tunnelwände aus Ziegeln, von seltsamen Flechten und Pilzen überwuchert, deren Klassifizierung selbst Botanikern nicht leicht gefallen wäre.

Henriette rief sich den Weg in Erinnerung, den sie nun nehmen mussten. Dank der Lampe kamen sie rasch und problemlos voran.

»Spelman Street«, bemerkte sie und wies zum Ausstieg über ihr. Thoth hob den Gullydeckel an und Sekunden später standen sie auf der Straße. »Dort muss es sein.« Sie zeigte auf ein Haus. »Es ist das einzige Gebäude, dessen Erdgeschossfenster vergittert sind.« Henriette fluchte erbost, da sie erkannte, dass die rostigen Eisengitter nicht das einzige Hindernis darstellen würden.

»Verriegelt mit einem komplizierten Schließmechanismus. Lässt sich nur durch einen Lochstreifencode entriegeln. Ada Lovelace lässt grüßen«, schimpfte sie. »Ein kostspieliger Schutz für eine simple Werkstatt.«

Dann zuckte sie resigniert die Achseln. »Wir müssen also härtere Geschütze auffahren.« Sie platzierte eine Sprenggelatinekapsel am Türgriff und trat zurück.

Ein kurzer, scharfer Knall. Die Tür sprang auf. Reglos verharrten beide, bis sie sicher sein konnten, dass die Detonation keine unliebsamen Beobachter auf den Plan gerufen hatte. In London schien sich allerdings niemand für irgendein Vorkommnis zu interessieren, das nicht ihn selbst betraf.

Sie betraten den Raum und Thoth brachte die Lampe erneut zum Einsatz. Henriette sah sich um. Am backofenförmigen, aus feuerfesten Steinen gemauerten Schmelzofen und dem benachbarten Calcinierofen waren keine Hinweise eines Unfalls erkennbar. Werkzeuge wie Vorschneideeisen, Zweckeisen oder Auftreibschere lagen ordentlich auf den dafür vorgesehenen Plätzen. In dieser aufgeräumten Werkstatt deutete nichts auf Kampf, Entführung oder Schlimmeres hin.

Im Lampenschein erregte etwas Schimmerndes Henriettes Aufmerksamkeit. Ein offenes Holzkästchen, das dunkelgrauen Puder enthielt. In diesem grauen Staub befanden sich silbern schimmernde Partikel.

Was für ein Pulver mochte das sein?

Sie rekapitulierte gedanklich Zutaten, die Julius zur Glasherstellung verwendete: Sand, Quarz, Alkali, Salpeter, vegetabilische und mineralische Salze, Kieselerde, farbgebendes Bleyweiß, Mennige oder Massicot … keine dieser Substanzen war silbergrau.

Daneben lag ein Stapel beschriebenen Papiers – Henriette identifizierte eindeutig Alferis Handschrift – und eine Brille, deren runde Gläser silbern glitzerten, als wären sie mit Silberlegierung überzogen. Sollten das die widerstandsfähigen Gläser sein, von denen Alferi in seinem Telegramm berichtet hatte?

Henriette setzte die Brille vorsichtig auf. »Erstaunlich«, entfuhr es ihr. »Obwohl man von außen auf eine undurchsichtige silberne Fläche blickt, kann man hindurchsehen, sobald sich die Gläser direkt vor den Augen befinden.«

Sie blätterte hoffnungsvoll in den Notizen und suchte nach erklärenden Hinweisen.

»Hör’ dir das an, Thoth. Am 28. Oktober schreibt er: Ich habe heute in Mr. Wus Kuriositätenladen in der Lower Chapman Street ein graues Pulver entdeckt. Wu behauptet, es von einem Franzosen aus Chassigny gekauft zu haben, der es als gemahlenen Himmelsstein aus dem Weltraum bezeichnete. Zu einem gerade noch akzeptablen Preis hat mir der listige Chinese die Substanz überlassen. Ich habe die Theorie, dass dieser Staub – sollte er tatsächlich von einem außerirdischen Stein stammen – die Widerstandsfähigkeit meiner Augengläser enorm erhöhen kann.« Henriette überflog die weiteren Einträge.

»Hier … 3. November: Erfolg! Endlich habe ich die richtige Mischung entdeckt und zwei Prototypen hergestellt. Diese Augengläser widerstehen selbst Hammerschlägen! Ich muss Wu fragen, ob er mehr von diesem grauen Pulver beschaffen und Einzelheiten zu dessen Herkunft in Erfahrung bringen kann

Sie betrachtete die Augengläser und ließ sie anschließend in eine Tasche gleiten.

»Und hier …« Sie stockte, stampfte dann zornig mit dem Fuß auf. »Verdammt, ich hasse vage Andeutungen!« Ärgerlich las sie den folgenden Text.

»Julius schreibt am 6. November: Wu ist … nein, das kann nicht sein … ich muss mich irren. Eine optische Täuschung. Ich benötige ein weiteres verlässliches Augenpaar. Mary Jane? Nein, vielleicht kann mir Henriette helfen. Ich werde ihr ein Telegramm senden. Mit dem Luftschiff kann sie in einem Tag in London sein. Es ist sein letzter Eintrag.«

Sie überlegte. »Dank dieses verdammten technischen Defekts sind bis zu meiner Ankunft fast zwei Tage vergangen. Ich vermute, er wurde ungeduldig und besuchte Wus Laden noch einmal. Was immer er dort sah, … es könnte für sein Verschwinden verantwortlich sein! Thoth, wir sollten diesem Mister Wu umgehend einen Besuch abstatten.«

Sie zog die Übersichtskarte der Kanalisation aus ihrer Tasche und entfaltete sie. »Bereit für einen weiteren Spaziergang in der Londoner Unterwelt, Thoth?« Der Riese seufzte resignierend und schob die Riemen seines Rucksacks über die Schulter.

 

In einer Seitengasse der Lower Chapman Street entstiegen sie unbemerkt dem unterirdischen Labyrinth und begaben sich auf die Suche nach Mr. Wus Kuriositätenladen. Trotz vorgerückter Stunde war die Straße noch stark bevölkert. Sie passierten die beliebten mobilen Essensstände, die hungrige Passanten preisgünstig mit Fleischpasteten versorgten. Obwohl hier die nicht geringe Gefahr bestand, einem geschäftstüchtigen Unternehmer aufzusitzen, der seine Leckereien mit Katzen- und Rattenfleisch streckte …

Schließlich standen sie vor dem winzigen Geschäft des Mr. Wu.

»Ich wette, dieser chinesische Laden beherbergt eine kleine Opiumhöhle. Na ja, Julius war einem Pfeifchen dann und wann nicht abgeneigt«, sinnierte Henriette beim Betreten. Das Innere, nur spärlich durch das Licht weniger Öllampen erhellt, war ebenso düster wie das trübe Wetter draußen. Der Verkaufsraum glich, angesichts des allgegenwärtigen Staubs und der überfüllten Regale mit Unmengen unsortiertem orientalischem Tand, einem vergessenen Abstellraum im Britischen Museum. Neben Drachenfiguren aus geschnitztem Elfenbein hingen Bänder mit blauen Glaskügelchen, die einen Abwehrzauber gegen Bronchitis darstellen sollten. Darunter ein Stapel Bücher mit chinesischen Schriftzeichen auf den Einbänden. In einem windschiefen Holzregal lagerten ein Dutzend dickbauchiger Gläser, die augenscheinlich verschiedene Teesorten enthielten. Henriette hätte ihre zweifelhafte Zusammensetzung gerne einer chemischen Analyse unterzogen.

Aus dem Halbdunkel schälte sich die Gestalt eines schlanken Chinesen, gekleidet in ein knöchellanges Mandaringewand. Henriette bezweifelte, dass der junge Mann jemals einem Gelehrten der Qing-Dynastie begegnet war. »Mr. Wu?«, fragte sie. Ihr Gegenüber lächelte und schüttelte bedauernd den Kopf. »Luan Wu nicht anwesend«, erklärte er in gebrochenem Englisch und verneigte sich.

»Wann kehrt er zurück?«

»Nicht wissen.«

»Dann warten wir unten auf seine Rückkehr.« Sie wies auf eine kleine Tür im Halbschatten am anderen Ende des Ladens.

»Kein Zutritt. Privat.«

Zwischen ihren schönen Augen entstand eine Falte leichter Verärgerung. Sie trat einen Schritt auf den Chinesen zu, der wie durch Zauberei plötzlich zwei runde, bronzene und durch eine Kette verbundene Gewichte in der Hand hielt, die er aus den Weiten seines Gewandes gezogen hatte. Henriette erkannte das Objekt sofort: eine Liuxingchui, eine gefährliche Waffe in den Händen eines mit asiatischen Kampfkünsten vertrauten Mannes.

»Kein Zutritt«, wiederholte er, immer noch lächelnd.

Die Falte auf Henriettes Stirn vertiefte sich.

»Wenn ich etwas hasse, dann sind es uneinsichtige Männer.«

Ansatzlos tat sie einen Ausfallschritt, drehte ihren Körper und ließ ihr rechtes Bein in einem Bogen herumschwingen. Der gestiefelte Fuß traf den Chinesen unvorbereitet direkt in seine empfindlichste Körperstelle. Einen Augenblick verharrte er stocksteif, wie gelähmt, mit gefrierendem Lächeln und hervorquellenden Augen, dann sank er bewusstlos zu Boden. Sie stieg über ihn hinweg und öffnete die Tür. Vor ihr lag ein breiter Gang … Ausdünstungen ungewaschener Körper, gemischt mit betäubendem Opiumrauch drangen zu ihr. Sie rümpfte die Nase.

Am Ende des Korridors schob sie einen Vorhang beiseite und betrat eine mit Teppichen ausgelegte Kammer. Ihr Blick schweifte durch den Raum. Chinesische Gemälde zierten die Wände. Dunkelrote, reich bestickte Samtvorhänge teilten den Raum in verschiedene Bereiche mit niedrigen Liegen. Die meisten waren besetzt mit Opiumrauchern, die auf schweren Kissen ruhten und träumten.

Dort hatte sich in diesem Moment auch ein breitschultriger Mann mit sorgfältig gestutztem Bart niedergelassen. Henriette erkannte das Gesicht, steuerte entschlossen auf den Liegenden zu und ignorierte die nun aufgeregt wuselnden Angestellten, die angesichts ihres einschüchternden Begleiters allerdings umgehend zurückwichen.

»Entschuldigen Sie, mein Name ist Henriette Peabody. Ich habe Sie im Lyceum Theater gesehen, als mein Begleiter und ich die Aufführung von Macbeth genossen«, sprach sie den Überraschten an. »Wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie doch der Bedienstete Henry Irvings?«

»Sie täuschen sich. Ich bin Abraham Stoker und Verwalter des Theaters«, entgegnete Stoker säuerlich. Henriette winkte ab. »Nun, wie dem auch sei. Ich vermute, Sie sind regelmäßiger Besucher dieses … Entspannungstempels?« Stoker seufzte entnervt. »Ich würde sagen, dass Sie das nichts angeht, meine Dame.«

»Sie haben recht. Verzeihen Sie meine Indiskretion. Aber bitte: Kennen Sie Julius Alferi? Wir suchen ihn. Es könnte sein, dass er ebenfalls an diesem Ort Gast war.«

»Den Glasmacher aus Böhmen?«

Sie nickte.

»Wir sind uns … nun … des Öfteren … hier begegnet.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Erst gestern.« Stoker schüttelte den Kopf. »Ich fand allerdings sein Verhalten eigenartig. So etwas kommt, genau betrachtet, hier gelegentlich vor. Aber er lief in diesem Halbdunkel mit einer merkwürdigen Brille herum und flüsterte immer nur: Sie sind hier, sie sind hier. Wahrscheinlich Halluzinationen ...«

»Merkwürdige Brille?«

»Die Gläser waren silbern, fast wie Spiegel, aber man konnte sich nicht darin sehen.« Henriette holte die Augengläser hervor.

»Diese hier?«

»Ja, in der Tat.«

Nachdenklich betrachtete sie die Brille. Was, zum Teufel, hatte es mit diesem Ding auf sich?

»Danach haben Sie ihn nicht mehr gesehen?«

»Nein.«

Henriette fluchte undamenhaft.

»Warten Sie…«, sagte Stoker langsam. »Jetzt, da ich mir die Begegnung ins Gedächtnis rufe, erinnere ich mich, dass er seltsamerweise Richtung Heizraum verschwand.«

Henriettes Augen verengten sich. »Und?«

»Nun, dort gibt es keinen Ausgang, trotzdem kehrte er nicht zurück. Zumindest nicht innerhalb der folgenden drei Stunden.« Er wies entschuldigend auf die Opiumpfeife.

Henriette nickte verständnisvoll, wandte sich zum Gehen, beugte sich jedoch noch einmal zu Stoker.

»Verzeihen Sie, Mister Stoker, aber ich möchte Ihnen einen wohlgemeinten Rat geben: Da Sie zur Entspannung bereits eine derartige Lasterhöhle aufsuchen müssen, sollten Sie die Theaterszene verlassen und sich stattdessen dem Schreiben widmen. Sie sind ein talentierter Schriftsteller. Ich habe die Geschichte Ihres Hammermörders in The Primrose Path mit Vergnügen gelesen. Holen Sie sich Inspiration, möglichst fernab dieses schrecklichen Megalomanen Irving. Beginnen Sie mit einem Urlaub. Vielleicht in Brighton - oder Whitby?«

Sie stand nun aufrecht vor ihm. »Sie verzeihen meine Offenheit.« Stoker starrte sie wortlos an. Schließlich lächelte er gequält.

Henriette erwiderte sein Lächeln, dann winkte sie Thoth. »Gehen wir, mein Guter. Mal sehen, welche Überraschungen in dieser Spelunke noch auf uns warten.«

Sie durchquerten den Raum in der von Stoker gewiesenen Richtung und Thoth öffnete die knarrende Tür. Hinter ihr verbarg sich ein schmaler Flur, mit jeweils zwei geschlossenen Türen auf beiden Seiten. Als sie durch den Gang schritten und die Türen bereits passiert hatten, öffnete sich leise eine von ihnen. Henriette und Thoth blieben abrupt stehen und wandten sich um.

Ein schmächtiger Chinese mit grauem Zopf – eskortiert von zwei kahlköpfigen Schwertträgern – trat heraus. Der Grauhaarige verbeugte sich höflich. Er hielt eine Art gläsernen Würfel in den Händen.

»Ich bin Luan Wu. Darf ich fragen, was Sie und Ihren Begleiter bewogen hat, meine Räumlichkeiten unbefugt zu betreten und einen Mitarbeiter bewusstlos zu schlagen?«

»Mister Wu, wir suchen einen Freund.«

Huldvoll neigte Wu den Kopf, als gewährte er einer unwürdigen Bittstellerin eine außergewöhnliche Audienz. »Das rechtfertigt in Ihren Augen diese rüde Vorgehensweise?«

»Er ist nach dem Besuch Ihres Etablissements verschwunden. Ich bin besorgt.«

»Dürfte ich den Namen Ihres Freundes erfahren. Vielleicht kann meine bescheidene Person zur Aufklärung des Sachverhalts beitragen«, bat der Grauhaarige vorgeblich interessiert, erweckte aber gleichzeitig einen abwesenden Eindruck, als wäre er gedanklich mit wichtigeren Dingen beschäftigt.

»Sein Name ist Julius Alferi.«

»Oh. Ja, werte Dame, dieser Name … ist mir durchaus bekannt.« Wu lächelte vertrauenswürdig wie ein Pferdehändler. »Aber ich habe ihn seit Tagen nicht mehr zu meinen Gästen zählen dürfen.«

»Nun, ich erhielt andere Informationen.«

Sein Blick flackerte, wurde plötzlich wachsam und konzentriert. »Und welcher Art … sind die Informationen?«

»Julius Alferi befindet sich seit gestern in einem dieser Räume. Ich werde diese Opiumhöhle nicht verlassen, ehe ich sicher sein kann, ob diese Annahme richtig ist oder falsch.«

Wu verneigte sich entschuldigend und trat zwei Schritte zurück.

»Ich bedauere sehr, aber einer Durchsuchung kann ich nicht zustimmen.«

Auf seinen Wink hin setzten sich die bewaffneten Schergen in Bewegung. Mit erhobenen Klingen stürzten sie vor, entschlossen zu töten. Der Korridor war zu schmal, um die Klingen zu schwingen. Der Angriff der Schwertkämpfer zielte daher auf einen direkten Stich ins Herz. Henriette erwog im Bruchteil einer Sekunde ihre Kampftaktik, warf sich im letzten Augenblick nach rechts und hob gleichzeitig ihren linken Arm. Der mörderische Stoß des Angreifers ging ins Leere, sie klemmte den Arm des Gegners unter ihre Achsel und trieb ihm mit der anderen Hand ihren Dolch in die Seite. Dann drehte sie sich um ihre eigene Achse und ließ den Sterbenden zu Boden fallen. Thoth nutzte seine enorme Reichweite und rammte seinem Gegner die Faust auf die Nase, worauf diese mit bösem Knirschen brach. Sein Kopf fiel zurück und mit einem gurgelnden Stöhnen ging auch der zweite Schwertträger zu Boden.

Sofort galt Henriettes Aufmerksamkeit wieder Luan Wu, der die Szene abwartend beobachtet hatte. Er schien nicht im Mindesten beunruhigt über den Ausgang des Kampfes.

»Gut. Wo waren wir stehengeblieben?«, erkundigte er sich in munterem Plauderton. »Richtig, wir sprachen über Ihren Freund.«

Eine weitere Tür öffnete sich. Heraus trat ein hochgewachsener Mann, der sie aus leblosen Augen anstarrte.

»Julius!«, ächzte Henriette ebenso erleichtert wie bestürzt. Er schien sie nicht zu erkennen, wirkte benommen und war offensichtlich nicht Herr seiner Sinne. Sein Gang wirkte seltsam staksend – wie der einer dirigierten Marionette.

Einer intuitiven Eingebung folgend setzte Henriette die silbernen Augengläser auf … und fuhr schockiert zurück. In diesem Moment offenbarte sich deren Funktion …

Alferi hatte sich nicht verändert, aber der grauhaarige Chinese war verschwunden. Statt seiner erblickte Henriette nun ein grausiges Mischwesen aus Wurm, Insekt und Reptil. Ein Gewirr feiner Tasthaare bedeckte die fingerlosen Hände – sofern man sie als solche bezeichnen konnte. Der halslose Schädel ähnelte einem Leichenwurm, bedeckt von schleimigen Schuppen, die ein graues Sekret absonderten. Ein Dutzend glitzernder Augen öffnete und schloss sich in unregelmäßigem Rhythmus.

Das also war es, was Alferi gesehen und für eine schreckliche Halluzination gehalten hatte! Doch nun erblickte sie es ebenfalls durch die silbernen Gläser, die offenbar eine verborgene kosmische Realität enthüllten. Dies war ganz eindeutig ein Wesen nicht-irdischen Ursprungs: ein außerirdischer Dämon!

»Thoth!«

Doch ihr Schrei blieb ungehört. Der Riese antwortete nicht, sondern starrte regungslos ins Leere. Henriette fixierte ihn und erblickte Furcht in seinen Augen. Sie hatte schon viele Gefühlsregungen in seinen Augen gelesen – Verwirrung, Zorn, Mitleid – niemals jedoch … Furcht. Aber was außer Furcht konnte er empfinden? Etwas Fremdartiges wollte in diesem Moment das zerstören, was ihn als Menschen ausmachte. Es versuchte sich seines Verstandes zu bemächtigen und ihn für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Henriette spürte voller Entsetzen den verzweifelten Kampf, den sein Bewusstsein ausfocht, um dem Eindringling Widerstand zu leisten. Sie konnte nichts weiter tun, als zu hoffen, dass Thoth diesen stummen Kampf gewinnen würde. Es lag nun in ihren Händen dieses … Ding aufzuhalten. Nun, da es sich entdeckt wusste, ging es zum Angriff über. Mit wild klopfendem Herzen unterdrückte sie aufkeimende Panik.

Henriette spürte diese Kreatur ebenfalls nach ihrem Verstand tasten, doch sie war gewarnt und ergriff mentale Gegenmaßnahmen. Dennoch teilte sie für die Dauer eines Wimpernschlags ihr Bewusstsein mit dem Angreifer.

Dieses Wesen kannte keine moralischen Kategorien wie Gut und Böse. Sein fremdartiger Intellekt war ausschließlich auf Expansion der eigenen Rasse fixiert. Sein einziges Bestreben bestand darin, ein Portal zu schaffen, durch das weitere Seelenfänger seines Heimatplaneten auf die Erde gelangen konnten. Henriette erblickte in der sengenden Hitze einer riesigen roten Sonne öde Wüstenlandschaften, die von zahllosen dieser Kreaturen bevölkert wurden. Sie sandten ihre Vorboten – die Seelenfänger – in würfelartigen Transportern auf galaktische Reisen zu fernen Planeten, um dort die Bevölkerung zu versklaven und eine Invasion vorzubereiten.

Teslas Skalarstrahler war derart schnell in Henriettes Hand, dass der fremden Intelligenz im menschlichen Wirtskörper keine Zeit zu reagieren oder auszuweichen blieb. Sie zielte. Blaue Blitze umhüllten den Dämon, vermochten aber nicht, die harte Schuppenhaut zu durchdringen. Dennoch wand sich die Kreatur schmerzerfüllt unter den Strahlen. Henriette fühlte die zunehmende Furcht des Wesens und hoffte inständig, dass die Energie der Waffe ausreichte, um den Feind in die Knie zu zwingen. Dann endlich zog sich der außerirdische Schmarotzer panikerfüllt aus Wus Körper zurück in den Glaswürfel.

Durch die silbernen Augengläser sah sie, wie die Kreatur sich auflöste und die menschlichen Gesichtszüge des Chinesen zurückkehrten. Wu taumelte. Der Würfel entglitt seinen kraftlosen Händen und ein schrilles Kreischen entrang sich seiner Kehle, als er seitlich niederstürzte. Sein Kopf schlug hässlich knirschend auf den Kellerboden. Der Würfel schlitterte davon und prallte gegen die Steinwand. Die letzte Botschaft des Seelenfängers bestand aus einer Welle verzehrenden, nichtmenschlichen Hasses – dann war es vorüber. Erschöpft keuchend ließ Henriette den Strahler sinken.

Alferi hob langsam beide Hände, griff sich an den Kopf und begann mit weit aufgerissenen Augen vor Verwirrung, Entsetzen und Grauen zu schreien. Schließlich versagte seine Stimme und er sank bewusstlos nieder.

Thoth atmete röchelnd und zitterte. Henriette beobachtete erleichtert, dass er zurückgekehrt war und offenbar keinen dauerhaften Schaden davongetragen hatte. Sie lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und kniff ihn liebevoll in die Wange. »Thoth, ich bin so froh, Dich wieder neben mir zu wissen, mein Großer«, flüsterte sie. Thoth hob die breiten Schultern und es zuckte in einem seiner Mundwinkel – was einem Lächeln gleichkam.

Die niedrige Eingangstür des Korridors öffnete sich knarrend. Inspektor Abberline erschien im Türrahmen, einen Webley.45 im Anschlag. Sein Gesichtsausdruck verriet Verwirrung, als er die Szenerie erblickte. Hinter ihm passierten sieben schwer bewaffnete Detektive vorsichtig um sich blickend den niedrigen Eingang.

»Oh, willkommen Inspektor, leider haben Sie das Grande Finale verpasst.«

Abberline musterte sie streng. »Sie sind mir einige Erklärungen schuldig, Miss Peabody.«

»Nun, die Erklärungen klingen sicher ein wenig fantastisch. Wir sollten die Einzelheiten vielleicht lieber bei einer Tasse Tee besprechen.« Sie lächelte unergründlich.

 

Auf dem Schreibtisch ruhte ein bleierner, mittels Schloss gesicherter Kasten. Inspektor Abberline berührte ihn unbehaglich mit den Fingerspitzen.

»Nun, Miss Peabody, Sie halten diesen Glaswürfel für gefährlich. Also habe ich Ihren Rat befolgt und ihn durch Männer mit Bleihelmen sicher einschließen lassen. Gut. Aber … warum habe ich das getan?«

Miss Peabody nippte an ihrer Teetasse. »Werfen Sie einen Blick hinein, wenn Sie unbedingt müssen, Inspektor. Aber seien Sie im eigenen Interesse äußerst vorsichtig.« Abberline drehte den Schlüssel, hob den Deckel einen Spaltbreit und spähte hinein. Der Glaskasten im Inneren begann sanft zu leuchten. Etwas darin schien sich zu bewegen. Seine Gedanken konzentrierten sich auf den Würfel und ihn überkam zunehmend der dringende Wunsch ihn zu öffnen. Henriette erhob sich und klappte energisch den Deckel zu. Abberline zuckte zusammen und schien aus einem Tagtraum zu erwachen.

»Was …?«

»Wir müssen dringend Mittel und Wege finden, dieses Behältnis absolut sicher zu verwahren. Dieser Seelenfänger hat sich in seinen Würfel zurückgezogen. Wer den Mechanismus nicht kennt, vermag ihn nicht zu öffnen, daher fühlt er sich sicher. Durch seine hypnotische Fähigkeit kann er aber einen arglosen Finder beeinflussen. Ich vermute, Sie haben es gerade am eigenen Leib erfahren.«

»Und wie konnten Sie ihm widerstehen, Miss Peabody?«

»Vermutlich nahm dieser Dämon Thoth als die größere Gefahr wahr und versuchte dessen Bewusstsein als erstes zu zerstören oder zu übernehmen. Doch mein Freund besitzt eine bemerkenswerte Widerstandkraft. Er leistete ausreichend Gegenwehr, um Zeit für mich zu gewinnen. Nun ja, dieses … Ding erwartete niemanden mit meinen Fähigkeiten. Du meine Güte, es gibt auch niemanden mit meinen Fähigkeiten.« Sie lächelte selbstsicher, aber nicht überheblich.

Abberline verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Wie dem auch sei, wir fanden in Luan Wus Katakomben ein Buch: Die Sieben kryptischen Bücher des Hsan. Unsere Spezialisten haben es übersetzt. Einige Ihrer Angaben werden durch diesen Text bestätigt. Es heißt, 2500 v.Chr. habe Kaiser Huang-Di ein unheimliches Wesen besiegt, das einem Würfel entstieg. Ein Kriegerwurm. Und dieser Kaiser habe das Monster in den Würfel zurück gezwungen. Wu muss sich aufgrund dieser Sage auf die Suche nach dem Würfel begeben haben. Wer weiß, was er sich davon erhoffte: Reichtum Weisheit, Macht?«

»Jedenfalls hat er die besitzergreifende Macht des Seelenfängers unterschätzt. Mein Gott, hätte Julius die silbernen Augengläser nicht entwickelt, stünde die Welt jetzt vor dem Untergang!«

Abberline betrachtete den Bleikasten misstrauisch. »Nun, Zufall oder Kismet – ob Wu Ihrem Freund das Pulver zufällig verkauft hat, oder ob ein Rest seines menschlichen Bewusstseins dafür sorgte, dass Mister Alferi es bekam, wir werden es nie erfahren.« Er hob den Kopf.

»Was geschieht nun mit Ihrem Freund Alferi, Miss Peabody?«

»Ich habe ihn in ein Sanatorium außerhalb Londons bringen lassen, wo er – wie ich hoffe – sein Gedächtnis wiederfinden wird. Professor Hill äußerte sich zuversichtlich im Hinblick auf eine vollständige Genesung.«

Inspektor Abberline seufzte.

»Luan Wu hatte leider nicht so viel Glück. Er ist nur noch eine leere Hülle. Wir mussten ihn nach Bedlam bringen.«

Henriette zuckte die Achseln. »Wie schon die Bibel sagt: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um«, erklärte sie philosophisch. Der Inspektor räusperte sich unbehaglich.

»Als Brite widerstrebt es mir einzugestehen, dass eine Amerikanerin Schaden von unserem Empire abgewendet hat. Eine Amerikanerin … und ihr seltsamer indischer Begleiter.«

Sie warf ihm einen tadelnden Blick zu. »Es ist nichts Seltsames an Thoth. Etwas Seltenes vielleicht … und er ist kein Inder.«

Abberline öffnete schon den Mund, um eine Frage zu stellen, aber im Grunde war es nutzlos. Es fielen ihm viele weitere Fragen ein, doch er ahnte, deren Beantwortung würde nur weitere Fragen nach sich ziehen. Und am Ende bliebe seine Neugier doch unbefriedigt. Also winkte er resigniert ab. »Schon gut, ein weiteres Geheimnis, das ich wohl nicht lüften werde«, sagte er stattdessen.

»Also gut, wir werden den Glaswürfel im Jewel House des Towers sicher verwahren. Im Übrigen war Sir Warren außer sich, als er von Ihrem Alleingang erfuhr«, erklärte Abberline mit einer Spur Unmut. »Ich kann Ihre Vorgehensweise ebenfalls nicht billigen.«

»Heißt das, Sie wollen auch mich in den Tower sperren, bei Wasser und Brot?«, fragte sie belustigt.

»Nein, das werde ich nicht«, erwiderte er ernsthaft. »Aber ich wäre durchaus erfreut, falls Sie das nächste Luftschiff nach New York in Anspruch nehmen würden.«

Sie erhob sich und lächelte nachsichtig. »Dann darf ich mich also mit Ihrem Segen und ganz in Ihrem Sinne verabschieden, Inspektor. Die Passage ist bereits gebucht und wir müssen noch packen.« Henriette Peabody schüttelte ihm die Hand und schritt zur Tür.

Abberline blickte noch lange auf die Tür durch die sie entschwunden war. Er lächelte. Zwar hatte er das Gegenteil behauptet, aber … nun ja, insgeheim hoffte er doch, diese äußerst bemerkenswerte junge Dame eines Tages wiederzusehen.

 

 

Rosaroter Dampf

Stefanie Bender

 

1862 Main-Ebene

 

Der erste Stein verfehlte sein Ziel, prallte am Bootsrand ab und verschwand im dunklen Wasser des Flusses. Dutzende Geschosse folgten. Schützend hoben wir die Arme über unsere Köpfe und gingen in die Hocke. Immer und immer wieder schlugen Steine gegen das wankende Boot, landeten zu unseren Füßen, trafen oder streiften unsere Körper. Nicht einmal annähernd hatten wir das Ufer erreicht, dessen Stadt wir mit einer neuen Maschine zu beliefern gedachten. Das Vorhaben war zum Scheitern verurteilt gewesen, noch bevor wir überhaupt losgefahren waren. Adam hatte gewusst, dass ich nur widerwillig in den kleinen Kahn gestiegen war. Er dankte es mir, in dem er geschwiegen und nicht weiter von der großen Revolution gesprochen hatte, die er mit der Überführung der Nähmaschine hatte erreichen wollen.

»Du willst uns brotlos machen!«, hörten wir die Schneider vom fremden Ufer aus rufen. Dann explodierte ein Schmerz in meiner Schulter. Ich fluchte laut, zerrte an Adams Jackett und schrie ihn an: »Wir machen sofort kehrt! Hier, nimm das Paddel.« Ich drückte meinem Freund, der sichtlich schockiert über die Reaktion der Menschen war, das Ruder in die Hand. »Nun mach schon, Adam. Oder willst du gesteinigt werden?«

»Warum tun die das?«, fragte er mich.

»Warum die das tun? Adam, diese Menschen dort drüben sind Schneiderfamilien. Ihr Beruf hat sich im Laufe der Zeit verändert. Die meisten von ihnen sind noch selbständige Kleidermacher, die um ihre Unabhängigkeit bangen. Keiner von ihnen möchte in einer Fabrik für weniger als einen Hungerlohn arbeiten. Das arme Schneiderlein ... Verstehst du Adam, sie haben Angst um ihre Existenz.«

»Das lag doch gar nicht in meiner Absicht, ich wollte nur helfen.«

»Vorsicht!«, schrie ich, als ich einen Schatten im Augenwinkel erkannte. Der Stein landete zwischen unseren Füßen. Ein seltsamer Stein. Eckig, als wäre er geschliffen worden und größer als die anderen Geschosse, die bisher im Boot gelandet waren. Unerwartet fing der Stein an zu vibrieren.

»Was in Teufelsnamen geht hier vor?«, rief Adam.

»Wirf den Stein fort!«, forderte ich meinen Gefährten auf, der sich bereits nach dem Ding zu seinen Füßen bückte, es jedoch sogleich wieder fallen ließ.

»Aua! Der ist heiß, wie frisch geschürtes Feuer!«

Obwohl das Boot gefährlich wackelte, trat ich zwei Schritte näher an Adam heran und ging in die Hocke. Aus dem merkwürdigen Stein kamen ruckartig winzige Metallarme herausgeschossen, an deren Enden ich ebenso kleine Scheren und Sägen erkannte. Fühlerartige Röhren wuchsen aus der oberen Seite des Steins heraus und pusteten nach Eisen riechenden, rosafarbenen Dampf in die Luft. Der Hauch war heiß und versengte mir einige Barthaare.

»Verflucht!«, schrie ich, während ich gleichzeitig nach der kleinen, ratternden Maschine trat. Doch sie kullerte lediglich an den Bug des Bootes, wo sie sich kurz sammelte und dann mit erhobenen Scheren und einem klickenden Geräusch ihren Angriff erneut startete. Bevor wir uns kampfbereit mit unseren Paddeln auf den zum Leben erweckten Stein stürzen konnten, kamen zwei weitere dieser Geschosse ins Boot geflogen.

»Arme Schneider, sagst du? Die sollen Angst vor mir haben, aber werfen mit manipulierten Zahnradmaschinchen? Was dazu wohl das Amt für magische Delikte sagt?«

Ich verdrehte genervt die Augen. Was kümmerte uns gerade das AMD? Wir mussten hier fort, so schnell wie möglich. Da fühlte ich etwas Feuchtkaltes an meinem Fuß, der in teuren französischen Lederstiefeln steckte. Als ich nach unten sah, verfiel ich kurzzeitig in Panik. Diese Biester hatten angefangen, das Boot anzuknabbern. Einer der aufziehbaren Käfer hatte bereits ein kleines Loch in den Kahn gebissen, durch das das Flusswasser ins Boot strömte.

 

Es war bereits dämmrig geworden, als wir entkräftet am Ufer unserer Heimatstadt ankamen. Deprimiert blickten wir auf das dreckige Flusswasser hinab, in dem unser Boot verschwunden war.

»Ich versuche es in den späten Abendstunden noch einmal. Alleine.«

»Wie bitte? Was hat diese Frankreichreise eigentlich aus dir gemacht? Hat diese Zauberin dir eine Gehirnwäsche verpasst?«

Adam sah mich erst nur finster an.

»Alex ist Wissenschaftlerin und keine Zauberin. Und wir haben den gleichen Zukunftstraum!«

»Und wir? Was ist mit uns? Hatten wir nicht auch gemeinsame Träume?«

»Hör auf über uns zu reden, als wären wir ein unglückliches Ehepaar!«

Mit diesen Worten drehte Adam mir den Rücken zu und ging. Seine nassen Stiefel quietschten zum Abschied.

 

Ein Jahr später

Still war es um unsere Freundschaft geworden. Wir trafen uns nur noch selten im Mainzer Hof, um über Zukunftsvisionen zu philosophieren oder mit Gastwirt Philipp Sittmann über seine Stelle als Postexpeditor zu plaudern.

Adam hatte der Werkstatt seines Vaters den Rücken gekehrt und arbeitete in einem kleinen ehemaligen Kuhstall im Zentrum des Ortes. Nachdem ich von dem jungen Mechanikus wochenlang nichts gehört und gesehen hatte, machte ich mich an einem Nachmittag auf den Weg zu ihm.

 

Das Tor der alten Scheune knarrte laut, als ich es ein Stück aufschob, um mich hindurchzuquetschen. Meine Befürchtung, Adam bei der Arbeit gestört zu haben, war unnötig gewesen, denn er hatte mich noch immer nicht bemerkt. Ich wollte ihn überraschen, ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfen, doch das Bild, das sich mir bot, ließ mich erstarren. Etwas derart Konfuses hatte ich bisher noch nie gesehen. Ich blieb staunend stehen.