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Peter Meyer Reiseführer: Landeskunde & Reisepraxis

LA GOMERA

BADEN UND WANDERN AUF DER
WILDESTEN KANAREN-INSEL

von Rolf Goetz

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LA GOMERA

BADEN UND WANDERN AUF DER WILDESTEN KANAREN-INSEL

Über den Autor

Wer wie Rolf Goetz die Kanaren zur zweiten Heimat erwählt hat und dort mehrere Monate jährlich verbringt, für den paart sich die Neugier für das Andere mit der Kenntnis des Vertrauten. Und dazu kommt bei ihm die Übung des kompetenten Sachbuch-Rechercheurs, der weiß worauf es ankommt: Praxisnähe, klare Gliederung, Lesefreude. Er verfasste mehrere Titel über Naturkost und gesunde Ernährung sowie Wanderführer. Als Peter Meyer Reiseführer sind u.a. seine hoch gelobten, vielseitigen Reisebegleiter zu Teneriffa und La Palma lieferbar. Auch die Fotos stammen überwiegend von Rolf Goetz.

PETER MEYER REISEFÜHRER

Unsere Leser möchten verstehen, was sie sehen. Toleranz und Herzlichkeit sind ihnen wichtig, Wanderlust und Aktivitätendrang wollen sie so umweltschonend wie möglich ausleben. Sie sind vielseitig interessiert und neugierig auf Neues. Deshalb finden Sie hier zu allen Bereichen des Lebens authentisches Hintergrundwissen über Ihr Reiseland sowie ausführliche reisepraktische Informationen, stets im Sinne eines nachhaltigen Tourismus. Aktuell und persönlich für Sie vor Ort recherchiert. Mehr unter www.PeterMeyerVerlag.de.

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INHALT

Karten & Storys

La Gomera – die etwas andere Ferieninsel

NATUR & GESCHICHTE

JENSEITS VON AFRIKA

Geologie & Geografie

Vulkane & Schluchten

Geol. Inselprofil

Geologie

Erodierte Cañons

Inselrelief

Küsten und Strände

Wind & Wetter

Klimadaten

Ent. Passatwolke

Zwischen Palmen und Nebelwald

Die Vegetationszonen

Makaronesien

Vegetationszonen

Der Drachenbaum von Agalán

Blühende Fremdlinge

Umweltfragen

La Gomeras Tiere

Vielfältige Vogelwelt

Kleingetier

Tiere der Unterwasserwelt

VON DER STEINZEIT BIS ZUR EU

Auf den Spuren der Ur-Gomeros

Die Kultur der Altkanarier

Die Ära der Konquistadoren

Die Landnahme La Gomeras

Die Schöne wird zum Biest

Ein berühmter Gast: Christoph Kolumbus

Nach der Eroberung

La Gomera im 20. Jahrhundert

Bevölkerungsdaten

WIRTSCHAFT & KULTUR

IM ÖKONOMISCHEN ABSEITS

Experimente mit Folgen

Süße Früchtchen

Landwirtschaft in der Krise

Fischerei und Industrie

Im Tourismus-Aufwind

Und zurück bleiben die Alten

LEBENSART UND TRADITION

Sprache

Wie El Silbo entstand

Religion, Alltag und Feste

Folklore

Festkalender

AUS KÜCHE & KELLER

GUT UND TYPISCH ESSEN

Einheimische Küche & Spezialitäten

Honigproduktion ohne Bienen

Spezialitäten vom spanischen Festland

Vegetarisch essen

Gofio – das Müsli aus der Steinzeit

Milchkaffee und Inselwein

Exotische Früchte: Von Ananas bis Zimtapfel

DIE SPEISEKARTE VON A BIS Z

REISEPRAXIS

DAS A & O DER REISEPLANUNG

Wann & Wie lange

Rund ums Geld

Gesundheit

Was mitnehmen?

Wichtige Info-Adressen

Literatur und Karten

Ausweise & Papiere

Anreise

Flug nach Teneriffa und weiter nach La Gomera

Verbindungen zwischen den Inseln

Anreise mit dem Schiff

Reiseveranstalter

Rund um die Uhr

Bank, Post, Telefon

INFOS FÜR DAS INSELLEBEN

Medizinische Versorgung

Presse und Medien

Unterkunft

Verkehr & Sport

Bus fahren leicht gemacht

Busfahrplan

Mietwagen und Verkehrstipps

Mit dem Fahrrad unterwegs

Geführte Radtouren

Tauchen auf La Gomera

SAN SEBASTIAN

DIE HAUPTSTADT DER INSEL

Stadtbesichtigung

Von der Plaza de Las Américas zur Calle Real

Casa de Colón

Torre del Conde

Strände

San Sebastián

Adressen & Nützliches

Unterkunft

Essen & Ausgehen

Einkaufen

Weitere Informationen

Ausflüge von San Sebastián

Kleine Ausflüge zu Fuß

Durch den Barranco de la Villa

Mirador El Santo

El Cabrito – Das alternative Ferienzentrum

Das Ende einer Utopie

Zur Playa de Avalo & zur Ermita N.S. de Guadalupe

SANTIAGO & SÜDEN

DAS SONNIGE PLAYA DE SANTIAGO

Die Ortsteile

Strände und Badebuchten

Unterkunft

Santiago

Playa de Santiago, Detailkarte

Restaurants & Treffs

Nützliche Adressen

Dörfer im Süden

Benchijigua

Alajeró

VALLE GRAN REY

DAS TAL DES GROSSEN KÖNIGS

Kultur und Gegenkultur

Von Aussteigern und Paradiesvögeln

Karten Valle Gran Rey: Übersicht

Die Ortsteile

La Calera

Das Obere Tal

La Playa

Borbalán und La Puntilla

Vueltas

Badestrände im Tal

Wohnen in Valle Gran Rey

Apartmentvermittlung

… in La Calera

La Calera

… in La Playa

… in Borbalán

… in La Puntilla

… in Vueltas

Essen & Trinken

… in La Calera

… in La Playa

… in Borbalán

La Playa

… in La Puntilla

… in Vueltas

Vueltas

Wenn der Tag beginnt im Tal: Saftbars & Cafeterías

Wenn es Nacht wird im Tal

Weitere Informationen

Einkaufen

Nützliche Adressen

Sprachferien

Die Fiesta de Los Reyes im Tal

Die Bergdörfer oberhalb Valle Gran Reys

Arure – Ausgangspunkt für Wanderer

Las Hayas – In den Wolken zuhause

Todo al natural

El Cercado, das Töpferdorf

Chipude und sein Tafelberg

La Dama und La Rajita

NATIONALPARK & NORDEN

IM NATIONALPARK GARAJONAY

Gara, Jonay & die UNESCO

Lorbeer und Baumheide

Anlaufpunkte im Nationalpark

Centro de Visitantes Juego de Bolas

Picknickplatz Laguna Grande

Alto de Contadero

Roque Agando

El Cedro

Mirador del Bailadero

DIE TÄLER IM NORDEN

Hermigua

Die Ortsteile

Hermigua

Strände & Badestellen

Praktische Informationen

Agulo, das Bilderbuchdorf

Agulo

Vallehermoso – Das schöne Tal

Vallehermoso

Der Ort und sein Strand

Kultur im alten Kastell am Meer

Praktische Informationen

Tamargada

Tazo und Arguamul

Picknickplatz Chorros de Epina

Alojera

Taguluche

WANDERFÜHRER & AUSFLÜGE

DIE 200 SCHÖNSTEN WANDERKILOMETER

Die richtige Ausrüstung und das richtige Wetter

Ausgangsorte & Wegenetz

Schwierigkeitsgrad & Wanderzeit

Geführte Wanderungen

Lage der Wanderungen

Verrückt auf Wandern

Wanderungen im Südosten

image   1 Der Küstenweg nach El Cabrito

image   2 Ins liebliche Tal nach La Laja und zum Roque Agando

image   3 Durch den wildromantischen Süden

image   4 Durch die Schlucht von Guarimiar

image   5 Zum Drachenbaum von Agalán

Durch den wilden Westen

image   6 Zum Wasserfall im Barranco de Arure

image   7 Durchs Tal des Gr. Königs ins Töpferdorf El Cercado

image   8 Aufstieg zur Hochebene La Mérica

image   9 Ins Tal von Taguluche

image 10 Nach Alojera an der Westküste

image 11 Durch die Bergdörfer des Valle Gran Rey

image 12 Die Besteigung der Fortaleza de Chipude

Touren im Nationalpark Garajonay

image 13 Auf das Dach von La Gomera

image 14 Im Nebelwald wandeln

Wanderungen im Norden

image 15 In den äußersten Nordwesten der Insel

image 16 Zu den Wunder-Quellen von Epina

AUSFLÜGE PER AUTO UND RAD

image 1 Von San Sebastián nach Valle Gran Rey

image 2 Von Valle Gran Rey nach Playa de Santiago

image 3 Die Nordroute über Vallehermoso nach Hermigua

KARTENATLAS

KARTENSCHNITTE

Vallehermoso & Nordwesten

Hermigua & Nordosten

Valle Gran Rey & Westen

Nationalpark Garajonay

San Sebastián & Osten

La Dama & Südwesten

Santiago & Südosten

IMPRESSUM & ANHANG

Impressum

Sprachhilfe

Glossar

Namensverzeichnis

REGISTER: Orte & Sehenswürdigkeiten, Personen & Sachbegriffe

ZUR EINSTIMMUNG

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Warum bist Du eigentlich hier auf diesen Inseln? Um mir die Ewigkeit über die Finger rieseln zu lassen, um Fragen zu entgehen … ich will allein sein, verstehst Du das?

JANOSCH,
»GASTMAHL AUF GOMERA«

LA GOMERA – DIE ETWAS ANDERE FERIENINSEL

Schon die Anreise ist anders. Zwar gibt es einen Flughafen, doch nähert man sich La Gomera normalerweise ganz gemächlich übers Wasser. Für eine Insel eigentlich ganz normal. Von Teneriffas Süden aus verbinden Fähren im Zwei-Stunden-Takt. Die Überfahrt dauert nicht mal eine Stunde. Kaum ist Teneriffas Betonküste außer Sicht, rückt die Bucht von San Sebastián ins Bild. Wie aus dem Tuschekasten gemalt, stapeln sich die farbenfrohen Häuser der kleinen Inselmetropole den Hang hinauf. Kolumbus, der vor gut 500 Jahren mit seiner »Santa María« den Hafen San Sebastiáns anlief, um vor seinem großen Sprung nach »Indien« noch ein paar letzte Vorräte zu bunkern, hätte sicherlich seine Freude daran, dass noch so manches beim Alten geblieben ist. Der nach ihm benannte Brunnen zum Beispiel, mit dessen Wasser er Amerika getauft haben soll. Oder der massige Grafenturm, in den sich die spanischen Eroberer vor den revoltierenden Ureinwohnern manches Mal zurückziehen mussten.

Überschaubar, maßvoll und ohne viel Trubel ist La Gomera das genaue Gegenstück zu den künstlichen Ferienwelten der großen Nachbarinseln. Und das Hinterland ist für Naturliebhaber und Wanderer schlichtweg eine Wucht. Von allen Kanareninseln ist La Gomera das wildeste Eiland. Das kreisrunde Gebilde misst zwar gerade mal 25 km im Durchmesser, doch besser überschaubar ist es dadurch nicht. Vom zentralen Hochland mit dem fast 1500 m hohen Garajonay winden sich etwa 50 Schluchten zum Meer hinab. Im fruchtbaren Schwemmland an den Ausgängen der tief eingekerbten Barrancos liegen von Palmenhainen und Bananenplantagen umzingelte kleine Ortschaften, das Inselinnere selbst ist nur dünn besiedelt.

Wer von einer Schlucht zur anderen will, muss ein ständiges Auf und Ab in Kauf nehmen, in zahllosen Serpentinen aufwärts zum Kamm und auf der andren Seite wieder runter. Ob zu Fuß, per Mountainbike oder motorisiert, jeder ist gleichermaßen gefordert. Direkte Verbindungswege gibt es nicht. Für Gomeros mag dieser Umstand beschwerlich sein, für Wanderer dagegen abenteuerlich, sind doch viele Plätze nur zu Fuß erreichbar. Die Attraktion im immergrünen Hochland sind Reste eines tertiären Lorbeerwaldes, wie es ihn ansonsten woanders kaum noch gibt. Für die UNESCO Grund genug, das sensible Ökosystem als Weltnaturerbe unter besonderen Schutz zu stellen. Als Mahnmale der vulkanischen Zeugung der Insel ragen aus dem Feuchtwald ausgebrannte Vulkanschlote empor. Kurzum die Insel ist ein Wanderparadies par excellence. Das markierte Wegenetz umfasst über 300 km, für reichlich Auslauf ist trotz der bescheidenen Inselgröße also gesorgt.

Auf Strandurlaub festgelegte Gäste werden sich auf La Gomera allerdings etwas schwer tun. Endlose Sandstrände à la Fuerteventura sucht man vergebens. Immerhin gibt es ein paar schwarze Vulkanstrände und Kieselbuchten. Doch das ist es dann schon. Das mag durchaus sein Gutes haben. Ausufernde Ferienstädte werden sich wohl kaum auf La Gomera etablieren können. Für einen massenhaften Ansturm wäre der begrenzte Platz am Fuß der Steilküsten ohnehin nicht ausreichend. So zieht La Gomera vornehmlich Individualisten an, die nicht unbedingt den Superstrand vor der Haustür haben müssen. Hoffen wir, dass es noch lange so bleibt!

ROLF GOETZ

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Peter Meyer Verlag

– La Gomera –

Schopenhauerstraße 11

D-60316 Frankfurt am Main

info@PeterMeyerVerlag.de

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Der Roque Agando ist eines der vulkanischen Wahrzeichen La Gomeras

NATUR

JENSEITS VON AFRIKA

Geologie & Geografie

Vulkane & Schluchten

Karte: Geologisches Inselprofil

Karte: Geologie

Erodierte Cañons

Karte: Inselrelief

Küsten und Strände

Wind & Wetter

Karte: Klimadaten La Gomera

Passatwinde und Kanarenstrom

Karte: Entstehung einer Passatwolke

Mittlere Niederschlagsmengen im Vergleich (pro Jahr)

Saharawetter

Atlantische Tiefausläufer

Zwischen Palmen und Nebelwald

Die Vegetationszonen

Karte: Makaronesien

Die sukkulente Küstenzone

Karte: Vegetationszonen

Die halbfeuchte Montanstufe

Der immergrüne Nebelwald

Der Drachenbaum von Agalán

Blühende Fremdlinge

Ziergewächse

Exotische Gehölze

Umweltfragen

La Gomeras Tiere

Vielfältige Vogelwelt

Kleingetier

Tiere der Unterwasserwelt

JENSEITS VON AFRIKA

Geografisch Afrika, politisch Europa zugehörig, erstreckt sich der kanarische Archipel zwischen dem 27. und 29. Breitengrad, mit nur 100 km gerade mal einen Steinwurf von der nordwestafrikanischen Küste entfernt. In der Weite des Atlantiks nimmt sich das kreisrunde La Gomera winzig wie ein Stecknadelkopf aus – von den sieben Hauptinseln ist das Eiland mit 373 km2 die zweitkleinste Kanareninsel. Die größte West-Ost-Ausdehnung beträgt 25 km, von Norden nach Süden gar nur 22 km.

GEOLOGIE & GEOGRAFIE

La Gomera ist weitaus älter als die in Sichtweite gelegenen Nachbarinseln La Palma und El Hierro. Die älteste Gesteinsprobe aus dem Basalkomplex wird auf etwa 19 Millionen Jahre datiert

Hierbei handelt es sich um submarine Gesteine, die nachträglich durch Auffaltung über den Meeresspiegel gedrückt wurden. Mit Tiefenerstarrungsgestein durchsetzte Reste dieser Gesteinsformation finden sich vor allem im Norden nahe Vallehermoso.

Vulkane & Schluchten

Landschaftsprägend für La Gomera sind freigewitterte Vulkanschlote, so genannte Roques. Die teils zuckerhutförmigen schroffen Gebilde überragen ihre Umgebung um oft mehr als 100 m und bilden so markante Fixpunkte in der Landschaft. Die bekannteste Gruppe bilden die relativ nah beieinander stehenden Roques Agando, de Ojila und Zarcita im Osten des zentralen Hochlandes. Nicht minder auffällig sind der Roque Sombrero im Süden, der Roque Cano von Vallehermoso oder die Zwillingsfelsnadeln oberhalb von Hermigua.

Diese senkrecht aufragenden, meist hellen Monolithe sind ein Ergebnis der Erosion. Es handelt sich um harte Schlotkerne, die einstmals von einem weicheren Kraterkegel umgeben waren, der im Lauf der Jahrmillionen abgetragen wurde. Die harten Schlotfüllungen resultieren aus einer abklingenden Phase, als saure zäh fließende Magma im Schlot praktisch stecken blieb und erstarrte.

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Ganz ähnlich entstanden Los Órganos an der Nordküste, die zu den faszinierendsten Naturwundern der Insel zählen. Die wegen ihren gleichförmig aufstrebenden Säulen als Orgelpfeifen bezeichneten Steinformationen sind in ihrer Art einmalig. Von der Brandung freigelegt, formen die Säulen eine 175 m breite Wand, die am höchsten Punkt fast 80 m misst. Die Orgelpfeifen selbst können einen Durchmesser von bis zu einem Meter haben.

Erodierte Cañons

Die letzte, sprich jüngste vulkanische Aktivität ereignete sich auf La Gomera vor etwa 2,8 Millionen Jahren. Praktisch der ganze Südosten der Insel ist von teils schlackigen jüngeren Basalten überzogen.

Seither gab es auf La Gomera keine Vulkanausbrüche mehr. Auf den Nachbarinseln dagegen sind die Feuer speienden Berge bis in die Neuzeit aktiv – auf Teneriffa brodelte 1909 der Chinyero und an der Südspitze La Palmas liegt der letzte Vulkanausbruch knapp 40 Jahre zurück. Die erdgeschichtliche Entstehung des Archipels scheint also keineswegs beendet.

Auf La Gomera hatte die Erosion jedoch ungestört Zeit, ihr zersetzendes Werk in Form von tief eingekerbten Schluchten fortzuführen. Keine andere Kanareninsel ist so zerklüftet und unzugänglich wie La Gomera. Vom zentralen Hochland stürzen sich an die 50 große Barrancos meerwärts. Mehrere Kilometer lang und bis zu 800 m tief entstanden so gewaltige Schluchten. Zwischen ihnen blieben breite Bergrücken, Lomos genannt, zurück, wodurch die typische Inseltopografie entstand.

Die eng gekrümmten und für Wanderer teilweise von unüberwindlichen Geländestufen unterbrochenen Schluchten verlieren zum Meer hin an Gefälle, werden sanfter und breiter, lassen an den Ausgängen jedoch oftmals nur beschränkten Raum für kleine Siedlungen und landwirtschaftliche Nutzung. Manchmal fehlt selbst eine Mündung, wenn, wie bei Taguluche, die Schlucht in einem Steilabsturz zum Meer endet und so ein imposantes Hängetal geschaffen hat.

Inseleinwärts sind die Barrancos noch weitgehend unberührte Naturreservate und ökologische Nischen, in denen sich unbehelligt die typisch kanarische Flora entfalten kann und von eingeführten und eingeschleppten Pflanzen noch nicht überfremdet ist oder verdrängt wurde.

Markant sind auch die freigewitterten Gesteinsgänge, von denen die ganze Insel durchzogen ist. Wie gemauert ziehen sie sich oftmals kilometerweit durch die felsige Landschaft, besonders beeindruckend zu beobachten im Barranco de la Villa. Die von den Einheimischen als Taparuchas bezeichneten magmatischen Erstarrungsformen sind in der Regel 50 bis 100 cm dick, können jedoch auch mehrere Meter mächtig sein.

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Playa del Medio: Steilküste mit vorgelagertem Kieselstrand

Ansonsten nimmt sich das vulkanische Erbe der Insel bescheiden aus. Lavaströme oder weit gestreute Ascheflächen sucht man vergebens, auch die Vulkankegel selbst fielen dem Zahn der Zeit zum Opfer.

Küsten und Strände

Die jahrmillionenlange Kraft des Meeres nagt beständig an den Rändern der Insel. Steilküsten und bis zu 700 m hohe Kliffs prägen die Küstenzone. Geologen vermuten, dass sich das Meer bereits die Hälfte der ursprünglichen Inselfläche einverleibt hat. Ein Indiz dafür ist ein in geringer Meerestiefe gelegener, sich um die Insel ziehender breiter Sockel.

La Gomera wird von 98 Küstenkilometern umschlossen, wovon mehr als 80 % Steilküste sind. Nicht allzu wörtlich nehmen sollte man hier das spanische Wort Playa, das sich auf fast alles bezieht, was am Meer liegt. Es sei denn, man ist nicht wählerisch und breitet das Badetuch überall aus, egal ob auf grobem Geröll, Kies oder Stein. Ausgesprochene Sandstrände sind knapp und machen nur wenige hundert Meter aus.

Manche Strände existieren zudem nur im Sommer. Im Winter kann es passieren, dass die aus dem Sommerurlaub bekannte und geschätzte Badebucht sich in eine geröllige Steinwüste verwandelt hat und das Meer sich den Sand zurückholte.

WIND & WETTER

»Allein das Klima der Inseln ist ein Luxus!« Wo César Manrique, berühmtester Architekt der Kanaren, Recht hat, hat er Recht.

Wenn im Hochsommer in Madrid, Málaga und auf Mallorca die Quecksilbersäule auf Temperaturen von 35 bis 40 °C klettert, bleibt das Wetter auf den Kanaren mit selten mehr als 28 °C relativ erträglich. Viele Spanier von der Península nutzen folglich ihre atlantischen »Niederlassungen«, um in den Sommerferien dem heißen Kontinentalklima zu entfliehen und bei mehr gemäßigten Temperaturen Erholung zu finden. Das kanarische Klima scheint umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass die Sahara mit ihrer lebensfeindlichen trockenen Hitze nur wenige hundert Kilometer entfernt auf demselben Breitengrad liegt (image Saharawetter).

Auch in den Wintermonaten kann mildes und größtenteils sonniges Wetter erwartet werden. Die durchschnittlichen Jahrestemperaturen bewegen sich zwischen 20 und 22 °C. Nicht von ungefähr wird das angenehme und gleichmäßige kanarische Inselklima vielfach als das beste der Welt gepriesen. Im Unterschied zu tropisch-schwülen Reisezielen kühlt es selbst im Hochsommer nachts auf unter 20 °C ab. Das absolute Temperaturminimum fällt dagegen selten auf unter 15 °C.

Die viel zitierte Floskel vom »ewigen Frühling« soll jedoch nicht heißen, dass das Wetter auf den Kanaren das ganze Jahr über gleich wäre. Es gibt sehr wohl Jahreszeiten, wenn auch nicht so deutlich ausgeprägt und mit geringeren Unterschieden als in Mitteleuropa. Auf La Gomera sind an der Südküste die Monate Juli bis September mit mittleren Temperaturen von 27 bis 29 °C die heißesten. In den Tälern im Norden liegen die sommerlichen Durchschnittswerte um 2 bis 3 Grad niedriger. Während der »kalten« Jahreszeit im Januar und Februar ist es mit durchschnittlich 20 °C immer noch angenehm warm.

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Die Temperaturen auf La Gomera sind von der jeweiligen Höhenlage abhängig, je höher man steigt, umso kühler wird es. Pro 100 m Höhendifferenz nimmt die Temperatur etwa um ein Grad ab. Wer beispielsweise von Valle Gran Rey nach Chipude (1050 m) aufsteigt, muss vor allem in den Wintermonaten mit erheblich kühlerem Wetter rechnen.

Die Wassertemperaturen liegen im Jahresmittel bei 20 °C, im September bei 23 °C und im Februar, dem kältesten Monat, nicht unter 17 °C.

image Tipp: Das aktuelle Wetter in Valle Gran Rey inklusive Windgeschwindigkeit, Luftfeuchtigkeit, Niederschlag, UV-Strahlung etc. liefert die Wetterstation von Timah, www.timah.net.

Passatwinde und Kanarenstrom

Die wetterbestimmende Rolle auf den Kanaren spielen der Nordostpassat und der Kanarenstrom, eine aus dem Norden kommende kühle Meeresströmung, die bei den Azoren vom Golfstrom abzweigt. Der Kanarenstrom dämpft durch seine relative Kühle (22°C) die Temperaturextreme im Sommer: Im Durchschnitt bringt er um zwei bis drei Grad kühlere Temperaturen als für den geografischen Breitengrad üblich. Im Winter hingegen sorgt er mit seinen immerhin noch 18 °C für ein angenehm mildes Klima.

Bereits von Homer als »lieblicher Säuselwind« umschrieben, ist der Passat der wichtigste Faktor, dem die Kanaren ihr gemäßigtes Klima zu verdanken haben. Im Portugiesischen bedeutet passate so viel wie Überfahrt. Im Englischen als trade winds bekannt, war der Passat in der Ära der Segelschifffahrt die treibende Kraft für den Überseehandel; Christoph Kolumbus kannte sich für seine Zeit gut mit den Windverhältnissen aus und besegelte die »Passat-Route« als Erster. Dass ihn der Passat nicht nach Indien, sondern nach Amerika treiben sollte, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

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© Josef Knoflach

Die auf den Kanaren als vientos alisios bezeichneten Winde geben den Meteorologen noch heute so manches Rätsel auf. Die Grundzüge des für den Archipel bestimmenden Wetters lassen sich jedoch erklären: Über dem Äquator erwärmt die senkrecht stehende Sonne die Luft besonders stark, wodurch sie aufsteigt und in großen Höhen nach Norden und Süden abfließt (Antipassat). Auf der Nordhalbkugel hat sie sich etwa bei den Azoren so weit abgekühlt, dass sie – ein beständiges Hoch bildend – nach unten sinkt, und nun in geringer Höhe wieder dem Tiefdruckgebiet am Äquator zuströmt. Unter dieser theoretisch südwärts gerichteten Strömung dreht sich die Erde nach Osten weg, sodass ein nach Südwesten gerichteter Luftstrom das Resultat ist – der Nordostpassat. Lediglich im Winter kann es vorkommen, dass auf den Kanaren der Passat einige Wochen ausbleibt bzw. an den Inseln vorbeiströmt.

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Wetterschauspiele: Eine Passatwolke staut sich vor Gomeras Bergen, ein Regenbogen über Playa de Santiago

Die Passatwinde verbinden sich mit dem Kanarenstrom und nehmen dabei in den unteren Schichten Feuchtigkeit auf, wobei sie sich etwas abkühlen. Nur wo die Luftmassen durch den Stau an einem Gebirge gezwungen werden, aufzusteigen, wird die Schichtung gestört, die wärmere trockene Oberströmung und die kühlere feuchte Unterströmung verwirbeln miteinander und kühlen beim Aufsteigen ab. Dabei kondensiert das Wasser aus der Luft und es kommt zu massiven Wolkenbildungen, den allen Besuchern des kanarischen Archipels hinlänglich bekannten Passatwolken. Die Wolken hängen an den windzugewandten nordöstlichen Bergen der Inseln und sorgen durch die mitgeführte Feuchtigkeit auf den Westinseln für die typische üppige Vegetation. Im Osten des Archipels, auf Lanzarote und Fuerteventura dagegen finden die Passatwolken mangels hoher Berge keinen Halt; sie ziehen über die Inseln hinweg, ohne viel von ihrem kostbaren Nass zu verlieren, weshalb sich diese fast wüstenhaft präsentieren.

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Auf La Gomera wirkt das zentrale Bergland mit bis zu knapp 1500 m Höhe als Klimascheide. Während sich über den nördlichen Tälern von Vallehermoso und Hermigua sowie in der Waldregion in der Inselmitte die Wolken zu dichten Bänken stauen und vornehmlich in den Wintermonaten nur an wenigen Tagen die Sonne durchlassen, ist der Süden der Insel meist sonnig.

imageTipp: Besonders sonnenverwöhnt ist Playa de Santiago.

Die Klimascheide drückt sich auch in den Niederschlagswerten aus. Im feuchten Hermigua-Tal können pro Jahr bis zu 580 mm fallen, im bewaldeten zentralen Bergland um den Garajonay gar bis zu 1000 mm. In Playa de Santiago dagegen regnet es kaum, in manchen Jahren nie. Die Niederschläge im Norden und dem Bergland sind durchaus mit deutschen Werten (Frankfurt a.M. 680 mm) vergleichbar.

Regen fällt größtenteils als leichter Nieselregen oder kurzer intensiver Guss. Wolkenbruchartige Regenfälle oder der in Mitteleuropa berüchtigte tagelang anhaltende Landregen sind selten. Gewitter gibt es kaum. Im Unterschied zu den weitaus höher aufgefalteten Nachbarinseln Teneriffa und La Palma, wo die höchsten Gipfel jedes Jahr mit Schnee bedeckt sind, schneit es auf La Gomera sehr selten. Eine Ausnahme waren die extrem kalten Januarmonate von 1994 und 1999, in denen erstmals seit vielen Jahrzehnten auf dem Roque Agando (1250 m) wieder etwas Schnee gefallen ist. Am Tag darauf war jedesmal zur Enttäuschung der Einheimischen die ganze weiße Pracht bereits wieder »Schnee von gestern«.

MITTLERE NIEDERSCHLAGSMENGEN IM VERGLEICH (PRO JAHR)

Fuerteventura

109 mm

Lanzarote

135 mm

Gran Canaria

172 mm

La Gomera

410 mm

Teneriffa

420 mm

El Hierro

426 mm

La Palma

586 mm

Saharawetter

Der Nordostpassat ist jedoch nicht der einzige Wind der Region. Mehrmals im Jahr wird der Archipel von aus Nordwestafrika herüberwehendem Saharawind heimgesucht. Der als Levante, Harmattan oder Schirokko bekannte, auf den Inseln meist mit Kalima oder Tiempo del Sur (Südwind) bezeichnete Wind bringt kurzzeitig eine völlig anders geartete Wetterlage mit sich. Die trockenen afrikanischen Luftmassen können zu enormen Temperatursprüngen um 10° bis 14 °C führen, Temperaturen von über 40 °C bei gleichzeitig auf unter 30 % sinkender Luftfeuchtigkeit sind dann nicht selten.

Am intensivsten wehen die Saharawinde in den Monaten Juli und August. Der Hitzeschub hält zumeist drei bis fünf Tage an. Mitgeführte Sandmassen überziehen während dieser Zeit die ganze Insel mit einer staubfeinen gelblichen Sandschicht. Von der viel gerühmten atlantischen Frische und klaren Luft ist bei dieser Wetterlage nichts mehr zu spüren. Die Luft ist schwer und diesig, die Atmosphäre von gelbem Sand verhangen, sodass bei wolkenlosem Himmel die Sonne kaum auszumachen ist und verschleiert am Firmament hängt. Die Sichtweite beträgt oft weniger als einen Kilometer, ab und an muss gar der Flugverkehr unterbrochen werden.

Atlantische Tiefausläufer

Neben Nordostpassat und Kalima können als drittes Wettersystem stürmische Westwinde das Inselklima beeinflussen. Fast jeden Winter fegen ein- bis zweimal Unwetter über die Inseln hinweg, entwurzeln Bäume, fällen Strommasten, Häuser werden abgedeckt, Gemüseplantagen verwüstet. Diese atlantischen Tiefausläufer bringen vornehmlich auf den Westinseln heftigen Regen.

ZWISCHEN PALMEN UND NEBELWALD

Dank der winterlichen Niederschläge im zentralen Hochland und im Norden ist La Gomera in weiten Teilen eine ausgesprochen grüne Insel mit einer artenreichen, ausgefallenen Flora. Nicht nur Pflanzenkundler finden auf La Gomera einen außerordentlich interessanten Naturraum vor. Auch auf Laien wirkt die auf engstem Gebiet sich konzentrierende, über verschiedene Klimazonen hinziehende Vegetation äußerst beeindruckend.

Von den etwa 1800 auf den Kanarischen Inseln wild wachsenden Pflanzen sind etwa ein Drittel endemisch, das heißt, sie kommen in ihrer bestimmten Ausprägung nur hier und nirgendwo sonst auf der Welt vor.

Durch die geografische Randlage blieb der Archipel weitgehend von Klimakatastrophen unberührt. Für die Flora öffnete sich eine ökologische Nische, die bis in unsere Zeit hinein das Überleben zahlreicher Arten sicherte. Ähnlich der ebenfalls außergewöhnlichen Flora auf Inseln wie Madagaskar, Hawaii oder Neuseeland präsentieren sich die Kanaren als eine Art botanisches Freilichtmuseum.

Die endemischen Pflanzen des Archipels werden in drei Kategorien zusammengefasst: Lokalendemiten, deren Vorkommen sich auf einzelne Inseln beschränkt; Kanarenendemiten, die sich auf mehreren Kanareninseln finden; die dritte Gruppe bilden die makaronesischen Endemiten. Makaronesien ist ein geobiologischer Begriff, der die Kanarischen Inseln mit Madeira, den Azoren und Kapverden zu einer botanischen Region zusammenfasst, weil diese Inselgruppen vulkanischen Ursprungs sind und eine ähnliche Flora beherbergen.

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Ur-Gomero: Blattlose Wolfsmilch

Mehr als ein Viertel aller auf der Insel heimischen Wildpflanzen sind in den Augen des europäischen Besuchers bislang nie gesehen, sprich fremd und exotisch, was zweifelsohne den besonderen Reiz der gomerischen Vegetation ausmacht.

Die Vegetationszonen

Die sukkulente Küstenzone

In der warmen und trockenen Küstenzone bis 400 m Höhe können vornehmlich Pflanzen überleben, die in der Lage sind, über längere Zeit hinweg ohne Wasser auszukommen. Prädestiniert hierfür sind die image Dickblattgewächse, eben jene so genannten Sukkulenten, deren gemeinsames Charakteristikum dickfleischige Stängel oder Blätter sind, die sie vor dem Austrocknen bewahren. Die von einer undurchlässigen Außenhaut umspannten Verdickungen dienen den Pflanzen als Wasserspeicher.

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Küstenbewohner: Strandflieder

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Aufrecht: Kandelaberwolfsmilch

Die Sukkulentenformation wird von Wolfsmilchgewächsen (Euphorbien) dominiert. Ein markanter Kanarenendemit ist die Kandelaberwolfsmilch (span. cardón), die oftmals für einen Kaktus gehalten wird. Die vier- bis fünfkantigen Säulen wachsen in dichten Kolonien und können eine Höhe von bis zu zwei Metern erreichen. Die Kanten sind mit warzenähnlichen Auswürfen besetzt, aus denen spitze Stacheln hervorbrechen. Praktisch die ganze Säule ist ein einziger Wasserspeicher, der den für Wolfsmilchgewächse typischen giftigen Milchsaft enthält. Säuleneuphorbien wachsen sehr langsam und können über 100 Jahre alt werden. Bevorzugte Standorte sind aride Felsen und abschüssige Hanglagen, große Bestände finden sich vor allem an den Flanken des Barranco de la Villa und im felsigen Terrain des Barranco de Santiago.

Eine andere weit verbreitete Leitpflanze der küstennahen Trockenzone nannten die Altkanarier Tabaiba, eine weitere typische Vertreterin der Wolfsmilchgewächse. Die Pflanze verträgt die salzhaltige Meeresluft gut und wächst bevorzugt auf brachliegenden Terrassenkulturen an den Südhängen der Insel. Der bis zu anderthalb Meter hohe Bäumchen bildende Euphorbienstrauch hat einen verholzten Stamm, die flache Krone wird von graugrünen Blattrosetten gebildet. Die prall gefüllten Stämme sind sehr druckempfindlich und platzen schon bei kleinsten Schlägen auf, wobei die giftige Milch herausspritzt. Augen, Lippen und Schleimhäute sollten mit dem leicht ätzenden Saft nicht in Berührung kommen.

An den steilen Hängen der Nordwestküste weit verbreitet ist die Blattlose Wolfsmilch. Im Gegensatz zu ihren mächtigen, teils Bäumchen bildenden Verwandten wachsen die kahlen Stängelchen lediglich bis auf Kniehöhe heran, können jedoch ganze Hänge abdecken. Die Spitzen sind mit winzigen gelben Blüten besetzt.

Allgegenwärtig auf den Kanaren ist der Strauch-Dornlattich, der sich durch kleine Dornen und einen abweisenden Geruch wirkungsvoll vor Ziegenfraß schützt und in dem halbariden Klima als eine Art Lebenskünstler angesehen werden kann. Die resistente, fast das ganze Jahr blattlose Wildpflanze findet vor allem an den trockenen Südhängen der Insel genügend Lebensraum. Erstaunlich sind die kleinen gelben Blüten, die dem ansonsten unscheinbaren Kraut etwas Charme verleihen.

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Die halbfeuchte Montanstufe

An die trockene Küstenzone schließt sich eine feuchtere Montanstufe an, im Norden bereits ab 200 m, im Süden ab 300 m Höhe. Eine der auffälligsten Charakterpflanzen der Montanstufe ist auch hier die Familie der Dickblattgewächse. Eine auf den ganzen Kanaren mit zahlreichen Endemiten weit verbreitete Dickblattfamilie ist das Aeonium, das auf La Gomera mit sechs Lokalendemiten vertreten ist. Die oft tellergroßen Blattrosetten, die mächtige, wie kleine Pyramiden geformte Blütenstände hervorbringen, wachsen nahezu überall, zwischen Euphorbien, unter Kiefern, an Geröllabhängen, und finden selbst noch an senkrechten Steilwänden der Barrancos genügend Halt. Als Pionierpflanze bahnt das Aeonium anderen Pflanzen den Weg; lediglich die unmittelbare Küstenregion meidet sie. Auf Mauern und besonders auf Dächern ist die Pflanze als Hausoder Dachwurz auch ein ständiger Begleiter des Menschen.

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Überlebenskünstler: Aeonium

Eine anspruchslose Konifere, die in der Montanstufe gedeiht, ist der Phönizische Wacholder, der lokal unter dem namen Sabina bekannt ist. Er kommt besonders häufig im Nordwesten vor, vornehmlich an den Hängen oberhalb von Vallehermoso, wo er früher einmal einen lichten Waldbestand bildete. Im Lauf der Jahrhunderte fiel er großenteils der Holzkohleproduktion zum Opfer.

Ein enger Verwandter des Wacholders ist der Cedro, der dem Nebelwald (Bosque del Cedro) seinen Namen gab, aber dort kaum vorkommt. Vereinzelte Exemplare des Zedern-Wacholder wachsen auf den Vulkanschloten. Die knorrigen Bäume mit ihren nadelförmigen, etwa anderthalb Zentimeter langen Blättern können bis zu 25 m hoch werden.

Weitaus bedeutender als Wacholder ist auf La Gomera die Palme. Wie kaum ein anderer Baum verkörpert sie den Traum von Sonne, Süden und Exotik. Mit der Kanarischen Dattelpalme kann der Archipel mit einer endemischen Palme aufwarten, die vielfach als die schönste Art der Gattung angesehen wird. In der Küstenzone wachsend, kann sie eine Höhe von bis zu 15 m erreichen und gedeiht selbst noch in Höhenlagen von über 1200 m. Mit ihren elegant geschwungenen, bis zu dreieinhalb Meter langen Palmwedeln ähnelt sie der nordafrikanischen Dattelpalme, hat jedoch eine größere Krone als diese. Die goldenen bis orangefarbenen Fruchtstände bringen kleine Früchte hervor, das leicht bittere Fruchtfleisch macht sie allerdings ungenießbar. Die Palmwedel liefern Rohmaterial für die Korb- und Mattenflechterei und fanden früher unter anderem als Straßenbesen Verwendung. Ein auf La Gomera noch heute wichtiger Erwerbszweig ist die aus dem Palmsaft gewonnene Palmhonigproduktion (image Aus Küche & Keller). Obwohl La Gomera die zweitkleinste Insel des Archipels ist, wachsen hier die meisten Palmen – mehr als 100.000 sollen es sein. Große Palmenhaine finden sich vor allem in Valle Gran Rey, Alojera, Taguluche und Benchijigua.

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Valle Gran Rey: Palmen im Barranco

An eingeführten Palmenarten finden sich vor allem die Fächerpalme (Washingtonia). Von der hochstämmigen Königspalme gibt es nur wenige Exemplare auf der Insel, beispielsweise in Hermigua und San Sebastián. Die Kokospalme ist erst in den letzten Jahren auf der Insel heimisch geworden und wird verstärkt als Zierpalme in öffentlichen Parks und Hotelgärten angepflanzt.

Der immergrüne Nebelwald

Die ausgedehnten Waldbestände im zentralen Hochland der Insel auf 600 – 1500 m Höhe bilden heute ihr ökologisches Rückgrat. Eine Charakterpflanze ist der Lorbeerbaum. Andernorts als Strauch zu finden, wächst Lorbeer auf den Kanaren zu baumhohen Exemplaren aus. In grauer Vorzeit waren Lorbeerwälder rund ums Mittelmeer verbreitet. Trotz des enormen Kahlschlags konnten sich auf den Kanaren als Überbleibsel aus dem Tertiär noch beachtliche Restbestände erhalten. Die größten und beeindruckendsten finden sich auf La Gomera im Nationalpark Garajonay. Die vorherrschenden Arten sind Til, Viñatigo, Loro und Barbusano. Für Laien sind die einzelnen Arten mit ihren spitz zulaufenden elliptischen, matt glänzenden Blättern nur schwer auseinander zu halten. Lediglich der Tilo ist an seinen an Eicheln erinnernden Früchten leicht erkennbar. Die bis zu 30 m hohen Bäume bilden ein geschlossenes Kronendach und sind durch ihre Dichte und botanische Vielfalt durchaus mit tropischen Bergwäldern vergleichbar. Die feuchtigkeitsliebenden Bäume wachsen im Kondensbereich der Passatwolken zwischen 600 und 1100 m Höhe. Die Stämme sind mit Moosen und Flechten bewachsen, den Unterwuchs stellen Sträucher, Kräuter, Pilze und Farne. Durch diese grüne Wildnis ranken sich Efeu- und Lianengewächse und verstärken die Assoziationen an einen subtropischen Dschungel.

Zum Verwechseln ähnlich: Lorbeer- und Gagelbaumblätter im Vergleich

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Der immergrüne Mocán wächst in Lorbeerwaldregionen

Weite Teile des Nebelwaldes werden von der Fayal-Brezal-Formation dominiert, die nach zwei nichtendemischen Leitpflanzen, dem Gagelbaum (span. faya) und der Baumheide (span. brezo) benannt ist. Beide finden sich oftmals vermischt mit Lorbeerwald. Sie sind temperaturunempfindlicher und trockenresistenter als Lorbeer, sodass sie sogar über den Passatwolken noch ausreichend Lebensraum vorfinden. Die Baumheide wächst im Lorbeerwald zu einem Baum von bis zu 12 m Höhe heran, in höheren Lagen oberhalb 1100 m als teils nur kniehohe Strauchform. Der Gagelbaum mit seinem dicken Stamm kann bis zu 20 m hoch werden. Die Fayal-Brezal-Formation ist vor allem am südlichen Rand des Nationalparks um Las Hayas anzutreffen.

Zwischen Lorbeerbäumen und Fayal-Brezal konnte sich auch der Kanarische Erdbeerbaum eine ökologische Nische bewahren. Der unter dem lokalen Namen Madroño bekannte Baum bringt kleine orangerote essbare Früchte hervor. Er wächst vornehmlich nahe der Vulkanschlote der Roques Agando, de Ojila und Zarcita.

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Erinnert an Erika: Baumheide

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Zaubert Märchenstimmung: Grübchenfarn

Zu den charakteristischen Pflanzen der Krautschicht im Nebelwald zählen die Farne. An erster Stelle sei der Wurzelnde Grübchenfarn genannt, ein Großfarn mit 2 bis 3 m langen überhängenden Wedeln. Er mag besonders feuchte Standorte. Die Wedelspitzen können auf dem Boden wieder neue Wedel bilden. Die Wurzel des Adlerfarns wurden von den Altkanariern als Nahrung genutzt. Auch er kann im Nebelwald zu einer beträchtlichen Größe auswachsen. Etwas verkümmerter findet er sich außerhalb des Waldes auf brachliegenden Feldern. Besonders feucht mag es der Frauenhaarfarn. Bevorzugte Standorte sind in der Nähe von Quellen, schattige Bachläufe und nasses Felsgestein. Der auf dünnen Stielen sitzende, wie krause Petersilie aussehende Farn wird auch Venushaar genannt.

Als Unterwuchs weit verbreitet ist die Kanaren-Stechpalme, wobei es sich nicht um eine Palmenart, sondern um buschige Sträucher handelt. Die lederharten Blätter sind mit einer kleinen Stachelspitze besetzt. Der Ilex canariensis ist leicht an den beerengroßen roten, aber giftigen Früchten zu erkennen.

Eine leicht zu bestimmende Pflanzengesellschaft sind die sägezahngezackten Sonchus-Gewächse. Auf den Kanaren sind davon etwa zwei Dutzend Unterarten bekannt. Die teils auf hohen Stielen wachsenden Pflanzen sehen ähnlich wie unser Löwenzahn aus und finden sich entlang von Wanderwegen, Forstpisten und felsigen Lichtungen. Der endemische Sonchus gomerensis zeigt seine gelben Blüten im Sommer, während der weit verbreitete Sonchus hierrensis bereits in den Wintermonaten blüht.

In den Randzonen des Lorbeerwaldes angesiedelt sind Codeso-Büsche, die mit ihren gelben Schmetterlingsblüten im Sommer ganze Hänge einfärben können. Besonders verbreitet ist der Codeso im Gebiet des Garajonay. Von den Einheimischen werden die Büsche vielfach als Ziegenfutter geschnitten.

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Die gelbe Fiederspaltige Gänsedistel gehört zu den Sonchus-Gewächsen

DER DRACHENBAUM VON AGALÁN

Von den Canarios liebevoll als Drago bezeichnet, ist der Drachenbaum die berühmteste Art der Kanarenflora. Bis zum 15. Jahrhundert soll es auf der Nachbarinsel La Palma noch ganze Drachenbaumwälder gegeben haben. Durch Kahlschlag war der Baum bis vor kurzem vom Aussterben bedroht. Der Erhalt des markanten Charakterbaums wurde in den letzten Jahren mehr und mehr zu einer Prestigefrage stilisiert, sodass er heute gar aufgeforstet wird und vielerorts junge schnell wachsende Stämme zu sehen sind.

Der botanisch zu den Liliengewächsen gehörende Baum wird als makaronesischer Endemit angesehen, der in Europa und anderen Kontinenten vor circa 20 Millionen Jahren untergegangen ist und lediglich auf den Kanaren, Madeira, den Azoren und Kapverden eine ökologische Nische gefunden hat. Entfernte Verwandte des archaischen Baumes sind in Ostafrika beheimatet. Der in den ersten Jahren zunächst normal wachsende Stamm verzweigt sich nach der ersten Blüte (nach 10 bis 12 Jahren!) und bringt flaschenförmige Äste hervor, die schließlich wie Wurzeln ein dichtes Geflecht bilden. Er kann ausgewachsen bis zu 20 m hoch werden. Am Ende der plump wirkenden Verästelungen bilden sich schmale, spitz zulaufende sternenförmig angeordnete Blätter.

Wie kein anderes Gewächs auf den Kanaren stand der Drago im Mittelpunkt mythologischer Verehrung. Den Altkanariern galt der bizarre Baum als Symbol der Fruchtbarkeit und Weisheit, weshalb er als heilig angesehen wurde. Aus den Blüten wollte man ablesen, wie die künftige Ernte ausfallen würde. Unter dem weit ausladenden Gewirr von Ästen tagten die Guanchenkönige und sprachen Recht. Das aus dem Stamm der Bäume gewonnene »Drachenblut«, ein zunächst farbloser und harziger Saft, der sich an der Luft dunkelrot färbt, benutzte man zur Mumifizierung der Toten. Die gummiartige Masse wurde auch in der Heilkunst verwendet. Nicht das relativ wertlose Nutzholz, sondern die harzige Ausscheidung war es schließlich auch, die den Baum nach der spanischen Eroberung fast von der Bildfläche verschwinden ließ. Mit Drachenblut eingefärbte Wurzeln standen im Ruf, Zähne und Zahnfleisch gesund zu erhalten. Drachenblut avancierte im 19. Jahrhundert zu einem Exportschlager und fand sich verarbeitet in Zahncremes wieder, daneben auch als Farbpigment in Firnissen und Farben. Anlass zur Legendenbildung gab immer wieder das Alter der Bäume. Von den Einheimischen wurden einzelne Bäume nicht selten auf Tausende von Jahren geschätzt (drago milenaria, Tausendjähriger Baum). Selbst noch Alexander von Humboldt bescheinigte einem auf Teneriffa stehenden, 1868 durch einen Sturm gefällten Drago ein Alter von mehreren tausend Jahren, was von anderen Forschern bis auf 6000 Jahre konkretisiert wurde. Der legendäre Riese aus der Steinzeit soll einen Stammdurchmesser von 15 m gehabt haben.

Mittlerweile werden bezüglich des Alters der Bäume bescheidenere Maßstäbe angesetzt. Die Altersbestimmung gestaltet sich deshalb so schwierig, da die Stämme nicht richtig verholzen, sondern eher ein weitmaschiges schwammiges Netzgeflecht aufweisen und, wie auch Palmen, keine Jahresringe haben. Das Alter der Bäume wird heute nach langjährigen Beobachtungen anhand der Zahl der Verästelungen datiert. Die Verästelungen erfolgen jedoch nicht nach einem exakten Turnus. Bis sich der Baum erstmals verzweigt, können 10 bis 12 Jahre vergehen. Die heute ausgewachsenen Dragos werden durchschnittlich auf etwa 150 Jahre geschätzt. Eine Ausnahme ist der Drachenbaum von Icod auf Teneriffa; dem derzeit berühmtesten Drago des Archipels wird ein Alter von etwa 370 Jahren zugesprochen. Von in die Steinzeit reichenden Methusalemen also keine Spur.

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Die Lilie unter den Bäumen: Der Drago von Agalán

Der einzige betagte Drago auf La Gomera findet sich versteckt unterhalb des Weilers Agalán. Auf einem idyllischen Pfad (image Wanderung 5) erreicht man den in einem stillen Tal thronenden Baumriesen mit einer prächtig verzweigten Krone. Ansonsten gibt es auf La Gomera nur noch jüngere Bäume, beispielsweise an der Dorfstraße in Hermigua oder vor dem Portal des Parador-Hotels in San Sebastián. Die meisten davon wurden erst vor wenigen Jahrzehnten angepflanzt und weisen bislang keine oder nur wenige Gabelungen auf. image

Eine recht bescheidene Rolle spielt auf La Gomera die endemische Kanarenkiefer, im Gegensatz zu Teneriffa und La Palma, wo es noch ausgedehnte Wälder der langnadeligen Bäume gibt. Natürliche Standorte finden sich oberhalb von Vallehermoso und am Roque Agando. Bemerkenswert ist die Feuerresistenz der Kiefern, was bei den periodisch auftretenden Waldbränden nicht unwesentlich ist. Durch das Feuer wird nur die äußere Schicht der korkähnlichen Borke angekokelt. Die dicke Borke wirkt wie ein Hitzeschild, der Stamm selbst bleibt zumeist unversehrt, sodass der Wald auch ausgesprochen starke Brände überlebt. Nach dem Feuer regeneriert sich der Baum erstaunlich schnell und treibt am ganzen Stamm neue Zweige. Auch der große Waldbrand am Roque Agando von 1984 konnte den Kiefern kaum etwas anhaben, während der Fayal-Brezal-Wald schwer geschädigt wurde.

Das geschätzte Kiefernholz wurde früher zum Schiffsbau, zur Harz- und Pechgewinnung sowie zur Herstellung von Weinfässern verwendet, oder einfach als Brennholz in den Zuckerrohrraffinerien verheizt. Aus dem harzigen und insektenresistenten Kernholz (span. tea) errichtete man Dachstühle und die noch heute zu bewundernden Mudejardecken der Kirchen.

Blühende Fremdlinge