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CLARA NIELSEN, NORA GOMRINGER (HRSG.)

LAUTSTÄRKE IST
WEIBLICH

TEXTE VON 50 POETRY-SLAMMERINNEN

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DIE HERAUSGEBERINNEN:

Clara Nielsen (geboren 1987 in Eckernförde) lebt in Regensburg und ist seit 2007 in der Poetry-Slam-Szene aktiv. Sie tritt im gesamten deutschsprachigen Raum auf, war anlässlich der Frauenfußball-WM im Team der Slam-Nationalmannschaft und trat auf Einladung des Goethe-Instituts in Rom und Lissabon auf. 2012 erschien ihr erstes Buch »Windschattengewächs« (Periplaneta Verlag).

Nora Gomringer (Jahrgang 1980) ist Schweizerin und Deutsche und lebt in Bamberg. 2005 war sie deutsche Poetry-Slam-Meisterin im Team und avancierte zu einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen. Sie war Poetikdozentin an Universitäten im In- und Ausland und erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen sowie 2015 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Von ihr erschienen bislang sieben Lyrikbände (Verlag Voland & Quist).

VORBEMERKUNG DES VERLAGS ZUR E-BOOK-AUSGABE

Lieber Leserin, lieber Leser,

gerne stellen wir diese Textsammlung auch als E-Book zur Verfügung. Vor allem die Struktur mit den Verlinkungen zu Audiofiles im Netz macht den Reiz dieses digitalen Formats aus. Es birgt jedoch auch Nachteile:

Poesie lebt mithin auch von der Anordnung der Sprache auf dem Blatt. Zeilenumbrüche und -sprünge sind ein beliebtes Stilmittel. In der Printausgabe dieses Buches konnten wir solche setzerischen Details (im Wortsinne) umsetzen.

Die fluide Form des E-Books bricht die Zeilen um, wie sie will – abhängig vom jeweiligen Reader, von der Bildschirmgröße, der von Ihnen gewählten Schriftart und/oder -größe. Das müssen Sie bedenken, wenn Sie dieses Buch lesen und sich, womöglich über manch seltsamen lyrischen Zeilensprung wundern. Ändern Sie dann ruhig mal die Darstellung auf Ihrem E-Book-Reader, womöglich öffnen sich damit neue sprachliche und interpretative Horizonte …

Wir wünschen eine angenehme digitale Lektüre!

INHALT

Nora Gomringer: »Laute Frauen« (Vorwort)

1. VORSTELLEN

Carmen Wegge: »Mädelsabend«

Anna-Lena Obermoser: »Vom Aufhören, vom Anfangen«

Ninia LaGrande: »Das Tattoo«

Marie Sanders: »Nachtschwärmer«

Franziska Wilhelm: »Pumpkin Pie Penny Peckers«

Pauline Füg: »Die Welt ist ein Nachtfalter«

Dominique Macri: »Wer braucht schon Eier«

Kaddi Cutz: »Was ich nicht bin«

Anke Fuchs: »Älter werden andere«

Lisa Christ: »Hollywood vs. Reality«

Franziska Wilhelm: »Lila Bänke, lila Zehen«

Mieze Medusa: »Cäsium 137. Oder: Wie die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert. «

Sira Busch: »Mathematik«

Mona Harry: »Rauschen«

2. RUFEN

Sarah Bosetti: »Feminismus«

Yasmin Hafedh: »Textbeispiel«

Fee: »Wahre Bildung kommt von außen. Oder: Wer schlau sein will, muss lesen.«

Victoria Helene Bergemann: »Ich hasse Frauen und Männer und Kinder«

Meral Ziegler: »Ich habe heute vor, für Sie Striptease zu machen«

Svenja Gräfen: »Feminismus«

Leonie Warnke: »Schubladen«

Dominique Macri: »Bienen und Rehe«

Theresa Hahl: »Von Innenmobiliar und Mobiles«

Zoe Hagen: »An meinen Bruder«

Fatima Moumouni: »Hautfarben«

Josefine Berkholz: »Für die anderen sind wir immer die anderen«

Leonie Warnke: »Schönheit und andere Selbstverständlichkeiten«

Meike Harms: »Schmutzabweisende Angst«

Meral Ziegler: »Irgendwas zwischen High-Five und Hitlergruß«

Nhi Le: »Denk doch mal einer an die Kinder!«

3. KÜMMERN

Ninia LaGrande: »Babys für die Gesellschaft, Teil II«

Annette Flemig: »Nein!«

Marie-Theres Schwinn: »Oma«

Bonny Lycen: »Lido«

Svenja Gräfen: »Franz«

Marie Sanders: »Luis Ángel«

Katinka Buddenkotte: »Maria voll der Checkung. Oder: Das Krippenspiel, das nie aufgeführt wurde«

Annika Blanke: »Von Felsblöcken und Schulbänken«

Jule Weber: »Andromeda. Oder: Ich bin (manchmal) eine Heldin (für Dich) oder wär’ es zumindest gerne«

Marie-Theres Schwinn: »Zu Hause ist ein Gefühl«

Clara Nielsen: »Karussell«

4. BEKENNEN

Theresa Hahl: »Das Herzmaere«

Franziska Holzheimer: »Befragung«

Jana Heinicke: »Schweiz im Nacken«

Sabrina Schauer: »Im Nebel der Dinge«

Käthl: »Liebesbiologie«

Sylvie le Bonheur: »Freie Liebe«

Leticia Wahl: »Ein Widerspruch in sich«

Kaddi Cutz: »Hinter den Spiegeln«

Bonny Lycen: »Gebt euch hin, oder gebt euch auf«

Pauline Füg: »Balance«

Felicitas Friedrich: »Durch Gardinen«

Adina Wilcke: »Wortverlust«

Xóchil A. Schütz: »Tausend Arten«

Katja Hofmann: »Crazy Eyes«

5. ABSTRAHIEREN

Sandra da Vina: »Bescheid sagen«

Kirsten Fuchs: »Charakterlos«

Kathi Mock: »Das Leben der Katja M.«

Clara Nielsen: »Schnee«

Rita Apel: »Wischen Impossible«

Franziska Holzheimer: »Bismarckallee«

Sandra da Vina: »Kannst du?«

Kirsten Fuchs: »Sehnsucht«

Monika Mertens: »Hanta Yo«

Josephine von Blueten Staub: »Nur eine Variable«

Meike Harms: »Leistungsorientierte Freude«

Die Autorinnen & bibliografische Notizen

Dank & Hinweise zu den Audiolinks

VORWORT

LAUTE FRAUEN

Laute Frauen. Da denken viele an Xanthippe, die berühmte Frau des Philosophen Sokrates, der man die Streitsucht nachsagt. Mancher denkt an die Furien und allerhand Shakespear’sches Damendebakel à la »Viel Lärm um Nichts«, oder es wird sich gar der Mordkomplizin Lady Macbeth erinnert. Lautstärke ist in Verbindung mit Weiblichkeit negativ konnotiert. Frauen, noch dazu »schöne Frauen«, sind still, lächeln viel, haben und zeigen genau so viel Humor, dass sich das männliche Gegenüber in seiner Lustigkeit bestätigt sieht.

Bestes Beispiel für ein genau nach diesen Maßstäben konzipiertes Frauenzimmer ist die Nebenfigur in E.T.A. Hoffmanns Erzählung »Der Sandmann«: die Mensch-Automatin Olympia, die »ach, ach« sagen kann, viel nickt und lächelt, was dem Protagonisten Nathanael allein Gewissheit genug ist: Die ist toll, die passt zu mir. Er verliebt sich in eine so schöne, stille Frau, ohne wirklich zu begreifen, dass sie kein Mensch ist.

Ich denke beim »Topos der lauten Frau« an die italienische Schauspiellegende Anna Magniani, von deren Filmproduktion Die Tätowierte Rose ich ein Foto in meinen Wohnungseingang gehängt habe. Das ganze DIN-A4-große Foto zeigt das Gesicht dieser schönen Frau, die offensichtlich laut lacht. Es ist in seinem Einfrieren und Bewahren des Moments eines kehligen, expressiven Lachens ein köstliches, mächtiges Zeugnis einer selbstsicheren, selbstbestimmten, »ich«-sagenden Frau. Gerade so eine ist ein Monster und Schreckensbild für viele. Nicht nur für Männer, nein, auch das Lager der Frauen ist gespalten darin, was Frauen dürfen, sollen, müssen und was nicht.

Das Recht auf Lautstärke scheint Frauen von anderen zugemessen zu werden. Männer nehmen es sich wesentlich selbstverständlicher, besitzen sie es doch einfach, da ihnen gespiegelt wird, dass allein ihr »Hoppla, jetzt ich«-Verhalten reicht, alle Aufmerksamkeit auf sie zu binden. Was nach der Introduktion kommt, ist da fast schon egal.

Ich beschäftige mich mit Frauenrechten ziemlich genau seit ich sechs Jahre alt war. Da bekam ich zum Nikolaustag Mary Poppins auf VHS-Kassette geschenkt und war seitdem fasziniert, nicht nur von der seltsamen, dabei liebreizenden und fliegenden Nanny mit Riesentasche, sondern in gleichem Maße von der Mutter, die ständig streitend für das Recht der Frau auf Wahl außer Haus war ,mit reizender Schärpe über dem engen Mantel. Eine singende Suffragette in London. So fing das an. Ein Lied dann mitten im Film zeigt besagte Mrs Banks mit leuchtenden Augen die Welt herbeirufen, die ihre Tochter und ihr Sohn erhalten sollen, nachdem das Engagement der lauten Frauen Früchte getragen hat. Der Schwenk von Mrs Banks auf meine Mutter war nicht weit.

Mit der Zeit habe ich verstanden, dass die Erwartungen anderer an Frauen in wesentlicher Diskrepanz zu dem stehen, was Frauen eigentlich vermögen, wofür sie gepriesen und hochgehalten sein sollten. Eine laute Frau ruft in deutschen Kinosälen zur Werbung vor dem Film derzeit ihren »Kevin Pascal« durch die ganze Nachbarschaft aus, um ihn nach Hause zu beordern. Der Gerufene allerdings sitzt Chips essend samt Freundin auf einer Schaukel.

So oder so ähnlich geht es zu, wenn man nur dem Rauschen an der Oberfläche weiblicher Volume-Pegel lauscht, hört man tiefer, können einem die Stimmen der Frauen in diesem Buch begegnen. Fünfzig an der Zahl hat Clara Nielsen versammelt.

Als ich mit dem Slam – sowohl veranstaltend als ausführend = auftretend als Slammerin – begann im Jahr 2001, gab es genau sechs weibliche, in deutschsprachigen Ländern bekannte Aktive der Szene: Tracy Splinter, Nina Sonnenberg alias FIVA, Xóchil A. Schütz, Etta Streicher, Lydia Daher und in Wien Mieze Medusa. Diesen tollen, viel-beraunten Frauen, mittlerweile näher oder ferner der Slamszene positioniert, aber fast alle noch künstlerisch tätig (!), trat ich bei und ohne es ahnen zu können, noch viel mehr Männern in erster Riege am Mic. Die Slamszenen aller Länder waren und sind hauptsächlich männlich besetzt, zunehmend jedoch sind es einzelne Stimmen und größere kollektive Chöre von Frauen, die sich durchsetzen, hörbar werden.

Lautstärke – und das sollten die dem Feminismus als Krawallnudeltum abschwörenden Damen und Herren langsam begreifen – ist relativ. Dass sie auch strategische Stille, beschwörerisches Braggadocio, flüsterndes Verführen wie auch prahlendes Parolen-Dreschen einschließt, muss vielen erst aufgehen. Laute Frauen sind bereichernd, denn faktisch betrachtet, ist die eine, sind die zwei, drei weiblichen Stimmen an einem Slamabend mit hauptsächlich männlicher Besetzung eine Wohltat. Ein anderes Timbre, ein anderes Tempo, nicht zu vergessen: andere Themen! In diesem Buch sind sie versammelt: die Sprecherinnen, Dichterinnen, die Personalunionen der aktiven Slamszenen der deutschsprachigen Länder im Jahr 2017.

Das Vorwort lassen sie eine schreiben, die von 2001 bis 2006 leidenschaftliche, doch nicht unkritische Lautsprecherin auf Slambühnen im In- und Ausland war und heute fast nur noch beobachtet und über das Slammen in all seinen Facetten sinniert, hin und wieder veranstaltet oder moderiert und sich manchmal aus der Saurierecke locken lässt, um einen Auftritt unter den amtierenden Charismatinnen und Charismaten zu wagen.

Im Poetry Slam ist Raum für Ausdruck und Aussprache, Themen werden künstlerisch-akustisch behandelt, und Literatur kann auch am Ausschlag des Lautstärkepegels sichtbar werden. Am Mikrofon, in exponierter Situation, steht eine Frau und macht den Mund auf, der gefüllt ist mit Worten zu Gedanken und Themen, die ihr über die Lippen drängen. Oft politisch, sozial orientiert, nah am Sprechen und damit der gesprochenen Sprache sind die Texte sehr »im Leben«.

Im Ganzen will mir die Auswahl der Slam Pieces der Kolleginnen poetisch, weitläufig, welthaltig scheinen. Darin liegt ihre Kraft: im Überblick, im Übergefühl, im Detailblick bei gleichzeitiger weiter Blende.

In meinen aktiven Slamjahren gaben mir die Praxis des Slams und der Slamily, der sich lose zum Verbund rund um den Slam formierten »Family«, viele Rätsel auf. Diese hielt ich fest in einem Text, der aus dem Sprechen kommt und selbstironische Slam-Poetologie à la »Kasperl-Theater« ist.

Seid ihr alle da

Wir sind alle da, sitzen oder stehen

Wir sind alle am Hoffen

Wir sind alle wartend

Wir sind alle hier, weil in der Glotze nichts läuft und

Dichter nun mal nicht Anatomie pauken müssen

Wir sind alle so wach

Wir sind alle dabei

Wir sind alle ganz gespannt

Wir sind alle so ungeduldig

Wir sind alle in diesem einen Boot

Wir sind alle so Spione

Wir sind alle spitze

Wir sind alle schadenfroh und elitär

Wir sind alle was wert

Wir sind alle ganz hellhörig

Wir sind alle vernetzt

Wir sind alle nachtragend

Wir sind alle Vegetarier und Volvic-Trinker

Wir sind alle bahn.comfort-Kunden

Wir sind alle underpayed, overworked, underfucked

Wir sind alle unterschätzt

Wir sind alle Superhelden

Baby, wir sind alle mal entdeckt worden

Wir sind alle selbstgerecht

Wir sind alle schön

Wir sind alle stolz

Wir sind alle Erfinder, Zigeuner, Meuterer und Blender

Wir sind alle so schön

Wir sind alle hier wegen: Geld, Männern und Frauen

und drei Buchstaben

Wir sind alle hier wegen des Datums, der Datumsgrenze,

des Zeitenwandels, der Uhrenumstellung

Wir sind alle gläubig

Wir sind alle ganz schön schäumig

Wir sind alle schon mal da gewesen

Wir sind alle mordsmäßig gut drauf, seit Jahren

Wir sind alle älter als wir aussehen, aber sehr schön

Wir sind alle Phobiker und Bluter, haben Glasknochen

und TB

Wir sind alle unheilbar

Wir sind alle geduscht

Wir sind alle trainiert

Wir sind alle recht wortreich

Wir sind alle begnadet und veröffentlicht

Wir sind alle Gourmets und Clochards, Croissants,

Closeaus und Gitanes

Wir sind alle zeitgemäß

Wir sind alle süß und haben Superkräfte

Bas kann fliegen

Toby durch Wände sehen

Etta sich blind rasieren

Und Seyfarth kann Sächsisch

Wir sind alle sammelbar

Wir sind alle – wie gesagt – was wert

Wir sind alle auf Karten, Fotos, im Internet … du solltest

uns googlen

Wir sind alle echt voll ok

Wir sind alle dabei, um uns dreht sich die Welt, wir

ordern Frühling, dafür reicht unser Geld

Wir sind alle fesch

Wir sind alle fresh

Wir sind alle einfach noch nicht ganz durch

Wir sind alle davor

Wir sind alle ganz knapp …

Wir sind alle, wir sind Richter

Wir sind alle, wir sind alle

Dichter

Man merkt dem Text seine gewollt männliche Breitbeinigkeit an, er sollte bestehen können vor seinen unentspannten Kritikern. Die Sprache ist bewusst nicht gegendert. Dass das nie wieder so sein muss, dafür sorgen die starken, expressiven Jetzt-Frauen mit ihren Themen zwischen Ohnmacht und Weltumarmung, Trauer und Transit, Stolz und Vorurteil. Künstlerinnen, die sich Bündnisse schaffen, nach anderen Frauen und Männern suchen, die ihre Ziele verstehen und befördern wollen.

Dieses Buch ist ein feministisches Manifest vieler Stimmen. Von Alpha bis Omega, Sirenensang und Musenschmuserei ist alles drin. Löwinnengebrüll, Hyäninnenlachen, große Geste – alles versammelt. Clara Nielsen hat’s mit Raffinesse gebändigt und ins Megafon gebündelt, der Herr Verleger hat sich’s gerne gefallen lassen, und ich hab hier und da angestupst, wenn ein paar der Lautsprecherinnen allzu verhalten waren.

Für die Lektüre dieses Buches rate ich zum genussvollen Lauschen und genauen Hinlesen. Es lohnt sich.

Nora Gomringer, Lautsprecherin
(Bamberg, Juli 2017)

1.

VORSTELLEN

CARMEN WEGGE

MÄDELSABEND

Der Korken klirrt, die Gläser knallen, und uns geht es gut. Das Lachen flattert, die Wimpern perlen, und Täuschung ist eine irreführende Einwirkung auf das Vorstellungsbild eines anderen.

Sie sagt:

»Mein Gesicht ist ein Schlachtfeld. Meine Augen haben Krater, mein Nasenrücken hat zwei nach oben stehende Wutschlünde, bald muss ich mich rasieren wie meine Oma, und über meine vier Hüften will ich erst gar nicht reden!

Und überhaupt.

Ich habe Angst davor, mein Examen nicht zu bestehen. ›Und? Was hast du so nach sechs Jahren Studium?‹ ›Ich habe Abitur!‹ Notfallplan 1: Sterben. Notfallplan 2: Sterben.

Ich habe Angst davor, mein Examen zu bestehen. ›Und? Was willst du nach dem Studium mal machen?‹ ›Ich werde Bundeskanzlerin!‹ Das ist der Moment, in dem man mit dem Abschlusszeugnis vor der Arbeitswelt steht und merkt, dass man über die Träume, die man als Zwölfjährige so hatte, nicht hinausgekommen ist. Aber damals fanden das alle süß! Menno!«

Wir trinken das erste Glas Sekt, nicken verständnisvoll und stoßen »auf die Träume« an.

Sie sagt:

»Mein Oberkörper ist ein Schlachtfeld. Meine Brüste … hängen oder baumeln zwar noch nicht …, aber ich rechne jeden Moment damit, dass sie den Stifttest nicht mehr bestehen werden (Wer nicht weiß, was der Stifttest ist: Da hält man sich einen Stift unter die Brust, und wenn er runterfällt, dann baumeln die Brüste noch nicht). Mein Bauch ist momentan ein Urlaubs-Weihnachten-bald-sollte-ich-mal-wieder-Sport-machen-Bäuchlein, und über meine vier Hüften will ich ganz sicher nicht reden.

Und überhaupt.

Ich habe Angst davor, ein Kind zu bekommen. Nicht, weil ich es als unrealistisch ansehe, einen im Durchmesser 35 Zentimeter großen Kopf durch meinen zehn Zentimeter geweiteten Muttermund und die untenrum entstandene Geburtshöhle zu pressen und danach noch guten Sex zu haben. Nein. Sondern weil sich die Welt momentan eher rechts- als linksrum dreht. Ich habe Angst davor, Demografiefutter in eine Welt zu gebären, in der Donald Trump und Björn Höcke Präsident und Kanzler sind und es jeder normal findet, Grenzen zu setzen. Ich habe Angst davor, kein Land mehr zu finden, in das ich dann flüchten kann!«

Wir trinken das erste Glas Weißwein, nicken verständnisvoll, und eine sagt: »Ich verstehe total, wie du das meinst!«

Sie sagt:

»Mein Unterkörper ist ein Schlachtfeld. Mein Popo war immer schon mehr Ananas als Mango, und über meine vier Hüften will ich definitiv nicht reden.

Und überhaupt.

Ich habe Angst davor, alles planen zu müssen. Erst zwei Jahre arbeiten, dann das Kind kriegen. Im Vorstellungsgespräch dann aber auf keinen Fall sagen, dass man in zwei Jahren ein Kind kriegen will, weil man sonst den Job nicht bekommt. Am besten hätte man das Kind während des Studiums geworfen, dann würde es in die Schule kommen, wenn man anfängt zu arbeiten. Wobei die sich dann auch fragen, ob man zu blöd zum Verhüten war, und dann bekommt man den Job auch nicht. Wenn man gar kein Kind will, ist man eine kalte Karrierefrau, und keine Kinder kriegen ist auch keine Option; irgendwie sind die ja auch ganz süß. Verdammt, ich weiß wirklich nicht, wie ich das alles planen soll!«

Ich stelle die Flasche Tequila auf den Tisch und brülle:

»BERUHIGT EUCH!

Beruhigt euch und atmet alle mal tief durch.

Ich weiß, die Lage ist ernst. Unsere Hormone haben uns angetickt. Und ich, ich bin wütend. Wütend darüber, dass wir uns als Frauen heute noch solche Gedanken machen müssen. Dass dort Menschen sitzen, die mir einen Job nicht geben oder mir weniger zahlen, weil ich eine potenzielle Mutter bin.

Wütend darüber, dass wir unsere Körper wirklich zu Schlachtfeldern machen, während sich gleichzeitig Personaler genüsslich die Eier kraulen.

Aber hey, ich will nicht nur meckern und dann nichts ändern. Also Ladys, es ist an der Zeit, den Aufstand zu planen!«

Ich recke die Flasche Tequila in die Luft.

»Wir lecken jetzt das Salz aus den Wunden unserer Großmütter, beißen in die Zitronen unserer Urgroßväter, erheben unsere herausragenden Abschlüsse und bekommen ungeplant Kinder!

Und wenn uns dabei irgendwer blöd kommt, dann wirst du Bundeskanzlerin und änderst das!

Denn Bundeskanzlerin wird man sowieso erst ab 40.«

Alle johlen, eine ruft »Mach kaputt, was dich kaputtmacht«, und darauf stoßen wir an.

Die Spülmaschine lüftet, das Fenster läuft, und uns geht es sehr gut. Der Bus passt, der Schlüssel fährt, ich habe mich beruhigt. Und Mut ist die Bereitschaft, angesichts erwarteter Nachteile etwas zu tun, weil man es für richtig hält.

Diesen Text anhören (Liveversion):
http://satyr-verlag.de/audio/lautstaerke_maedelsabend.mp3

ANNA-LENA OBERMOSER

VOM AUFHÖREN, VOM ANFANGEN

Der Morgen liegt noch tief im Schlaf

und die Vögel reiben sich ihn schon aus ihren Schnäbeln

Kalter Tabakgeruch beißt sich an meine Fingerkuppen

Der November beißt noch an meinem Knochenmark

während alle anderen schon vom Frühling reden

und gen Sommer laufen

und ich komm nicht hinterher

denn ich, … denn

Seit Wochen warte ich auf ein Morgen, das anders wird

auf einen Neuanfang

darauf, endlich Haltung zu bewahren

Endlich zeigen, dass ich was kann

Endlich Gewicht verlieren

Endlich mit dem Kiffen aufhören

Endlich etwas Sinnvolles machen

Mit dem Kratzen aufhören

Endlich Routine finden

Endlich Trott durchbrechen

Endlich

Endlich sagen, dass ich gern habe

Endlich das Schweigen aufhören

Endlich –

Aufhören! Aufhören! AUFHÖREN!

Neu anfangen

Neu

anfangen

Als Kind hatte ich immer Angst

mit meinen Fingern

einen noch glimmernden Kerzendocht

auszulöschen

Es tut nicht weh, hat man mir gesagt

Mach einfach Spucke drauf

Aber ich glaubte nicht

Immerhin: Schmerz fühlt doch jeder selbst

Also misstraute ich

Denke ich an meine Kindheit

erinnere ich mich ans Alleinsein

und ans Baumhausbauen mit meinen Brüdern

Denke ich an meine Volksschulzeit

dann denke ich ans Alleinsein und an Mamas gesunde Jause1

Paprikasticks und Vollkornbrot

Kinder sind gemein

Denke ich an meine Hauptschulzeit

erinnere ich mich ans Alleinsein

daran, wie Mama weint, die anderen spuckten auf mich

sie schubsten mich

Denn Jugendliche sind gemein

Denke ich an die Schule, an der ich meine Matura holte

dann erinnere ich mich an Einsamkeit

Ich erinnere mich an alles geben

um irgendetwas zurückzubekommen

Wenigstens war so niemand gemein

zu mir

Also misstraute ich

Mein Atemzug erlosch die Flamme

und ich wartete bloß, bis der Docht von selbst aufhörte

der Qualm in sich brach

Manchmal möchte ich meinen Kopf gegen ein Fenster schlagen

und dabei sehen, wie jemand anderes blutet

Gib mir ein Feuerzeug

und ich zünde damit all die Kerzen

und auch meinen Mut an

Ich empfinde keine Wehmut

Es war, wie es war

es war doch alles gut

Aufhören! Aufhören!

Neu anfangen

Ehrlich sein

Diese Dinge taten weh

Wachsen auch Gräser drüber

Wenn man immer nur an mir reißt und zerrt

bleibt nicht viel Ganzes

Eingestehen

Seit Wochen laufe ich weg

vor meinen Träumen davon

und die Zeit gleitet aus meiner Hand

Ich habe Sehnsucht und weiß nicht, wonach

Ich rege mich über Arschlöcher auf und merke dabei nicht

wie ich selbst zu einem werde

Funktionierend, aber emotionslos, hoffnungslos

Los! Los, sag mir, was du denkst, du sagst nur, ich

soll nicht so viel nach Großem streben, dafür sei ich doch zu klein

Du sagst mir, ich soll mich mehr zufrieden geben

Oh ja, Zufriedenheit!

Normal, bei anderen klappt’s doch auch

Aber du hörst nicht, wie meine Stimme noch zittert

Du siehst nicht, wie sich meine Füße nach innen drehen

wenn ich geh

Du spürst nicht meinen krummen Rücken

Gebücktheit war viel zu lange da

Aber ich mag nicht länger in Deckung gehen

Warum scheinst du nicht zu verstehen

dass ich viel zu lange allein war, viel zu lange stumm, viel zu leise

viel zu müde, viel zu unruhig, unmutig, unentschlossen und unnütz

Ich muss los, hier hält mich nichts

Spar dir die Fesseln, Ketten halten mich nicht zurück!

Ich habe keine Angst mehr vor glühenden Kerzendochten

Ich habe bloß Angst, den Schmerz nicht mehr zu spüren

Ich habe Angst

zu enttäuschen

zu versagen

und fehlzuentscheiden

Ich hab auch Angst vor der Dunkelheit

Ich habe Angst vor Menschen mit Hass

Ich habe Angst vor meinem eigenen Hass

Ich habe Angst, Mietzinsrechnungen nicht zu verstehen

Ich habe Angst, Bankangestellte nicht zu verstehen

Ich habe Angst, die unglaublich tiefsinnige Bedeutung

hinter deinem Lieblingssong nicht zu verstehen

Ich habe Angst, die Art deines Humors nicht zu verstehen

Ich habe Angst

zu enttäuschen

zu versagen

fehlzuentscheiden

If only my mother would know of all the horrors I have in my head

If only you would know that I adore you

I just struggle to let someone in

I just struggle to get out of my bed

Seit Wochen warte ich auf ein Morgen, das anders wird

Seit Wochen ignoriere ich, dass das Morgen ein neues Morgen birgt

und ich mich zu sehr an Gestern gewöhnen möchte

halte ich das ganze Warten nicht aus

Ich warte und warte und warte

aber ich weiß nicht, worauf

Ich sollte endlich Gewicht verlieren

Endlich mit dem Kiffen aufhören

Endlich mit dem Kratzen aufhören

Endlich mit dem Schweigen aufhören

Denn der Morgen wird zum Tag

Der Tag legt sich wieder zu Schlaf

und die Vögel schließen ihre Schnäbel

Ich sollte endlich aufhören zu warten

und anfangen

vom Frühling zu reden

Diesen Text anhören:
http://satyr-verlag.de/audio/lautstaerke_aufhoeren.mp3

1 Österreichisch: Zwischenmahlzeit

NINIA LAGRANDE

DAS TATTOO

Ich habe jetzt ein Tattoo. Das ist natürlich nicht einfach so passiert. Eine Tattookünstlerin hat es mir gestochen. Im bösen Berlin. Dort, wo alle bösen Verrohungen herkommen. Ich hab Tattoourlaub gemacht. Über Ostern bin ich mit dem Mann und meinem Arm nach Berlin gefahren. Das Tattoo sollte auf den Arm, deshalb musste er mit.

Das Tattoostudio lag an einer Hauptstraße. In Berlin liegen eigentlich alle Geschäfte an einer Hauptstraße, ich weiß gar nicht, ob es dort überhaupt Nebenstraßen gibt, ich war zumindest noch nie in einer. Selbstverständlich war das Tattoostudio im Keller. Da sind die ja immer. Der Mann und ich waren vorher noch einen Kaffee trinken, und ich habe die ganze Zeit überlegt, wie sehr es wohl weh tun wird. So ein bisschen oder doch dolle oder ganz arg doll. Ich bin im Kopf Situationen durchgegangen, die sehr weh getan haben, körperlich. Wachstumsschmerzen. Davon hatte ich nicht wirklich viel. Einmal bin ich im Spanien-Urlaub die Treppe am Pool hochgefallen. Davon habe ich heute noch eine Narbe. Und ein anderes Mal ist nach zwölf Jahren Ballettunterricht meine Kniescheibe rausgesprungen. Ich habe eine Übung an der Stange gemacht, wie ich sie schon hunderte Male gemacht hatte, und genau in diesem Moment hat die Kniescheibe sich gedacht »Nee, danke«, und das war’s. Das war schon sehr schmerzhaft. So, dass mir auch ein bisschen düselig wurde und ich erst mal sitzen bleiben musste.

Ein Mädchen hat mir dann einen Schokoriegel gebracht, für den Zucker. Es war das Mädchen, das immer dreißig Kilometer mit dem Rad zum Training fuhr, um schlank zu bleiben. Komisch, dass ausgerechnet die einen Schokoriegel dabei hat, dachte ich. Außerdem war es ein Lion, und ich mochte eigentlich nur Twix. Ich hab ihn trotzdem gegessen.

Danach sprang meine Kniescheibe immer wieder raus, einmal angefangen, konnte sie nicht mehr damit aufhören. Bis ich zur Kniesprechstunde im Uniklinikum lief. Ja, so ist das heutzutage. Ich war letztens wegen des anderen Knies (lange Geschichte) beim Orthopäden und sagte, dass ich auch etwas an der Schulter hätte. Da schaute mich die Sprechstundenhilfe sehr böse an. So ginge das aber nicht, sagte sie, heute sei Donnerstag und donnerstags ist Kniesprechstunde. So. Und deshalb dürfe ich heute nur über das Knie sprechen.

Damals wurde dann also das eine Knie operiert. Das schlimmere von beiden. Und das war wirklich schlimm. Danach durfte ich fünf Tage nicht aufstehen, und alles war noch schlimmer. Erzählen Sie es keinem, aber einmal musste ich so viel Pipi, dass die Schüssel überschwappte und die Krankenschwester alles neu beziehen musste. In dem Moment war meine Würde endgültig im Urlaub. Ganz weit weg auf so einer einsamen Insel.

Meine Mutter holte mich aus dem Krankenhaus ab. Besonders praktisch war, dass ich direkt gegenüber vom Krankenhaus wohnte. Im dritten Stock, ohne Aufzug. Meine Mutter packte mich in einen Rollstuhl und überquerte mit mir die Straße. Dann schob sie mich sehr schwungvoll gegen den Bordstein, sodass ich fast rauskippte und direkt wieder hätte umkehren können. Wir schrien uns ein bisschen an, und dann war gut. Ich robbte die Treppen zu meiner Wohnung hoch. Auf dem Hintern, alle Stufen bis in den dritten Stock. Am Ende zog die Ärztin meine Fäden, und das gehört auch zu den schlimmsten Schmerzen, die ich bis jetzt hatte.

Also, vielleicht so wie Fädenziehen, vielleicht so, als würden mir ganz viele Fäden am Unterarm gezogen werden, dachte ich und sagte zum Mann: »Ich glaube, es wird so schlimm wie Fädenziehen.« »Das wirst du ja dann sehen«, sagte der Mann und hatte, wie immer, recht.

Neben uns im Café saß ein junges Pärchen mit einem anderen jungen Pärchen. Das eine sah aus wie Geschwister, und das andere hatte ein Kind. Das Geschwisterpärchen hatte rote Haare und sehr runde Gesichter, mit ganz roten Wangen, so Bayerisch-roten-ich-bin-arg-fit-Wangen. Den Liebkosungen nach zu urteilen, war es auf jeden Fall ein Pärchen. Bei dem Teil mit den Geschwistern bin ich mir nicht so sicher. Das Baby war noch sehr jung, ein Baby eben, und es hatte großen Durst. Die Mutter packte alles aus und hielt sich das Kind an die Brust. Dit is Balin, wa? dachte ich.

Die Eltern erzählten von ihrem Urlaub. Wobei das nicht ganz richtig ist. Sie erzählten eigentlich nur von dem, was das Kind im Urlaub gemacht hatte. Und welche Leute das Kind mochten. Alle. Alle auf Mallorca mochten das Kind. Und dann folgte eine Aufzählung, welche Kuscheltiere das Kind von welchen Mallorquinern geschenkt bekommen hatte und welche Namen diese Kuscheltiere erhalten haben. Das andere Pärchen lachte, streichelte sich über die geschwisterlichen Beine und war immer noch rot im Gesicht und auf dem Kopf.

Und dann lag ich bei der Tätowiererin auf der Liege und kam mir ein bisschen vor wie beim Arzt. Und ja, es war ungefähr so wie beim Fädenziehen. Nur mit tausend kleinen Fädchen. Es war okay. Im Gegensatz zu Dingen, die mit Käse überbacken sind, möchte ich das aber nicht jeden Tag haben. Am besten war es, als die Tätowiererin sagte: »So.« Und ich wusste, das war’s. Da waren der Mann und ich und der Arm ganz beschwingt.

Meine Mama findet es doof. Das muss sie, weil sie schon immer gegen Tattoos war und ja jetzt nicht einfach zugeben kann, dass es vielleicht doch ganz schön ist. Mein Vater hat zu meiner Mama gesagt, dass das klar gewesen sei, dass sowas passiere, und ich wollte gern dazwischen gehen und auf mein Alter hinweisen, weil sich die ganze Situation so entwickelte, als wäre ich noch in der Grundschule und jemand hätte mich aus Versehen auf dem Pausenhof tätowiert. Ein bisschen später schrieb mein Vater mir heimlich per WhatsApp, dass er das total gut finde, aber selbst keines habe, weil er nie Lust gehabt hätte, sich mit der Familie darüber auseinanderzusetzen. Das beschreibt meine Familie insgesamt sehr gut.

Ich möchte die Chance nutzen und erklären, dass diese Püppchen, eins ist nun auf meinem Arm, Matroschka heißen, manchmal auch Piroschka – je nachdem, wo man sich aufhält. Falsch sind die Bezeichnungen Babuschka und Mamuschka – Oma und Mama. Und jetzt haben Sie durch diese Geschichte sogar etwas gelernt.

Nein, mein Arm klappert nicht, weil da noch mehr Püppchen drin sind.

Und ja, das bleibt so. Ja, für immer. Ja, auch wenn ich mal hundertsieben bin.

Der Mann will jetzt natürlich auch. Er hat schon einen Termin. Und auch er hat seiner Mama davon am Telefon erzählt. Und nach einer kurzen Pause seufzte er und sprach: »Nein, Mama, man muss heutzutage nicht mehr im Gefängnis gewesen sein, um ein Tattoo zu haben.«

Und vielleicht lasse ich mir diesen Satz auf den anderen Arm schreiben. Ich weiß ja jetzt, dass es nicht so doll weh tut.

MARIE SANDERS

NACHTSCHWÄRMER

ich bin Nacht

breite meinen Mantel aus

glätte Unebenes, wo eben noch Leben war

viel zu oft ist das Schönste am Ausgeh’n das Heimgeh’n

schlimmer wird es mit jedem Jahr

es ist eine Lüge zu sagen, die Nacht wäre schwarz

sie wandet sich in Königsblau

breitet ihren Mantel aus

glättet Unebenes, wo eben noch Leben war

du bist immer noch derselbe nur dunkler

Hände vor Augen nicht

aber Leuchtreklame

stehst du hilflos, hungrig, haltlos am Büfett des Lebens

weil dir jeder vom Gewicht des Gebens erzählt hat

doch keiner vom richtigen Nehmen

die mit den vollen Tellern und zu viel Parfüm

die Lachspaste immer zu dick auftragen

die in der Ecke, die keiner sieht

die sich für jeden Schritt zu entschuldigen suchen

anderswo hängt ein königsblauer Mantel

an der dunklen Garderobe

die Stadt schwimmt in Nacht

nur ein Licht über einem Schreibtisch

mein Block ist kariert

deiner voll Streifen…wagen

mein Block ist gelocht

dein Block wird eingelocht

mein Block hat achtzig Blatt, mit Ausreißhilfe

für die einzelnen Seiten

dein Block hat achtzig Bloods, mit Ausreißerhilfe

für die Zartbesaiteten

dein Block erstickt unter Graffiti

meiner trägt Narben von Graphit

die Nacht breitet ihre Robe aus

glättet Unrecht zu Pathos

und du bist stolz auf deinen Block, nur du vergisst

dass das ganze Herz Europas noch Komfortzone ist

der Schichtwechsel schickt bleiche Seelen mit

den Bahnen durch die Stadt

die Schlaflosen stehen am Fenster Spalier

ein Mädchen spielt leise Violine

auf den Nerven ihrer Nachbarn

viel zu oft ist das Schönste am Ausgeh’n das Heimgeh’n

Blaulicht pulsiert durch die Milchglasscheiben der Bar

in blauem Licht sucht ein Verlorener seine Adern

das blaue Licht des Morgens

ist noch ein paar Länder weit weg

als das Büfett des Lebens die Tore schließt

und wir unseren Mantel holen

wir werden ihn zu Hause ausbreiten

nichts, was wir zu glätten imstande wären

nur, er riecht nach fremden Kippen

der Schlaf nimmt sich zurück, was ihm gehört

ausgesperrt hinter dicken, staubigen Vorhängen

lauert der Morgen

kitzelt mit einsamen Lichtstrahlen bleiche Gesichter

wirft die Welt wieder in Falten

über uns, unter uns eifrige Schritte der anderen

das Aspirin reibt sich die Hände

wir liegen noch wie Perlen geborgen

wir sind Schuldner der Nacht

wir sind Nachtschwärmer

breiten unsere Flügel aus

stehen an Haltestellen

nur um des Wartens willen

mit dem Glas zu viel in der Hand

Nachtschwärmer

schwirren eng um

Leuchtreklame zieht uns an

irren hilflos wie geblendet

wenn wirklich jemand kommt

der uns mitnehmen will

wechseln wir die Straßenseite

FRANZISKA WILHELM

PUMPKIN PIE PENNY PECKERS

Im Prinzip waren wir sechs, aber meistens nur vier. Indie-Torsten, Checke Vara, Petra Schranzer und ich. Manchmal kamen noch die Koffler-Zwillinge dazu, aber nur, wenn sie kein Training hatten, und Training hatten sie ziemlich oft. Zusammen waren wir die»Pumpkin Pie Penny Peckers, die erste Nachwuchsband, die es geschafft hatte, beim Stadtteilfest weder ausgebuht, noch mit Bierflaschen beworfen zu werden. Das lag vor allem daran, dass an diesem Tag die Koffler-Zwillinge mit auf der Bühne waren, die besten Boxer des Viertels. »Aber vielleicht hat denen die Musik ja auch wirklich gefallen«, sagte Indie-Torsten, unser Leadsänger, nach dem Auftritt. Indie-Torsten hatte von Natur aus wasserstoffblondes Haar und von Geburt an einen stark ausgeprägten Hang zu ausgeleierten Wollpullovern, vor allem mit Ringeln. An seinem zwölften Geburtstag hatte er beschlossen, der einzig legitime Nachfolger von Kurt Cobain zu werden. Die alte Wandergitarre seiner Mutter, die aus unerfindlichen Gründen einen Aufkleber des VEB Traktorenkombinats Thomas Müntzer