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Max Monroe

The Doctor Is In! 1: Dr. Charming

Copyright © 2017 by Max Monroe

Published by Arrangement with Max Monroe LLC

c/o Jane Rotrosen Agency LLC, 318 East 51st Street, New York, NY 10022 USA

Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

info@plaisirdamourbooks.com

Übersetzung: © Joy Fraser

Covergestaltung: © Mia Schulte

Coverfoto : © Istockphoto.com

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-356-9

ISBN eBook: 978-3-86495-357-6

 

Dieses Werk wurde im Auftrag der Jane Rotrosen Agency LLC vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

 

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses Buch darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorinnen weitergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Danksagung

Autorinnen

 

 

Kapitel 1

 

Will

 

Als ich in die leere Einfahrt vor dem Vorstadthaus meiner Eltern in New Jersey bog, wurde ich von Nostalgie übermannt. Zwar war ich erst vor ein paar Wochen zu Besuch, aber es fühlte sich länger an. Und stets war da dieses willkommen heißende Gefühl des Gewohnten. Ich parkte den Wagen unmittelbar hinter dem Geländewagen meiner Schwester und meines Schwagers. Erinnerungen spielten sich vor meinem geistigen Auge wie Filmtrailer ab, als ich die zwei Dachgauben betrachtete, von denen eine direkt in mein Kinderzimmer führte. Meine kleine Schwester Georgia war noch ein Kleinkind, als sie nackt über den Vorgartenrasen entkommen wollte, während ich hinter ihr herjagte und meine viel zu freizügigen Eltern auf einer Gartenliege vor der Garage miteinander rummachten.

Oder wie mein Dad lachend in der Tür stand, als ich meine erste Verabredung zum Auto begleitete, die Tür öffnete und sich das Mädchen direkt auf ein Päckchen Kondome setzte, das mein Vater dort hingelegt hatte.

Oder wie Georgia vom Masturbations-Camp nach Hause kam – ja, das ist eine lange Geschichte – und mich vollheulte, dass sie unsere Mutter ermorden wolle, während ich neben ihr auf dem Bett saß. Am Ende hatte sie das mit dem Muttermord nicht durchgezogen, und ich konnte ihre Tränen nicht stoppen, doch an diesem Tag verbündeten wir uns. Irgendwie führten die merkwürdigen, aber gut gemeinten Aktionen unserer Eltern dazu, dass der normale Geschwisterkrieg zwischen uns abklang und sich unsere Beziehung in etwas Erwachseneres verwandelte. Zwar neckten und ärgerten wir uns noch immer, aber im Großen und Ganzen auf der Grundlage von gegenseitigem Verständnis und Liebe.

Gedankenverloren zuckte ich zusammen, als die Haustür aufgestoßen wurde, ein nacktes Kleinkind herausgeschossen kam und auf den Rasen rannte.

Ich sprang sofort auf, schwang mich aus dem Auto, ließ die Tür offen, und in dem Moment hechtete mein Schwager Kline von der Treppe auf den Rasen, landete in der Hocke und war bereit, ihr den Weg zu versperren. Ich übernahm die andere Seite, und zusammen hüteten wir meine Nichte Julia, als wäre sie ein verirrtes Kälbchen und wir die Cowboys.

Schweiß lief mir den Rücken hinunter, und mir wurde klar, dass Kleinkinder im Grunde kleine Versionen von betrunkenen Erwachsenen waren, nur niedlicher. Ich fragte mich, wo der Übergang war, an dem niedlich nicht mehr wirklich niedlich war.

In welchem Alter erwarten wir, dass sie trocken werden, eine Entziehungskur machen und solche Sachen?

Ich scherze natürlich bloß. Aber man kann die Gemeinsamkeiten zwischen einem Kleinkind und einem betrunkenen einundzwanzig Jahre alten Kerl auf einer Studentenparty nur als verblüffend ähnlich bezeichnen.

Als Kline sie fest in den Armen hielt, wo sie sich bog und schlängelte, kamen mir weitere Erinnerungen hoch.

„Wie die Mutter, so die Tochter“, merkte ich in dem Moment an, als Kline genau dasselbe sagte.

Wir hielten beide inne.

„Wie meinst du das?“, fragten wir erneut gleichzeitig.

Sein Ausdruck nahm sinnliche Züge an. Ich zuckte zusammen.

Oh, wie widerlich. Und peinlich.

„Ach, nichts“, murmelte ich und blinzelte hektisch, um das innere Bild loszuwerden.

Meine Schwester und ihr Mann waren eins dieser Paare, die einander besser machten. Er war ein toller Geschäftsmann, hatte mehr Geld, als ich mir vorstellen konnte, und war dabei einer der bescheidensten Menschen, die ich je getroffen habe. Und sie war genauso brillant – als Marketingleiterin beim New-York-Mavericks-Basketballteam – und sein ganzes Glück. Allerdings sollte man außerdem erwähnen, dass sie eine Verrückte war, und er viel zu nett, um sie zu maßregeln.

„Wo ist Gigi?“, fragte ich und sein Gesicht erhellte sich.

„Drinnen. Hat die Füße hochgelegt.“

Meine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Geht es ihr gut?“ Sie war mit ihrem zweiten Kind schwanger, und soweit ich wusste, hatte die Erschöpfung sie nicht so sehr getroffen.

„Oh ja“, sagte Kline lasziv, und wieder wünschte ich, ich hätte das nicht gesagt.

„Ekelhaft. Ich sprach von Morgenübelkeit und nicht von Orgasmen, verflucht noch mal. Meine Mutter färbt auf dich ab.“

Meine Mutter, Dr. Savannah Cummings, war Sextherapeutin, und meine Narben, eine Mutter wie sie zu haben, waren tief. Ich konnte zwar immer Positives darin finden, das Geschenk zu nutzen, das der Beruf meiner Mutter mir bescherte, indem ich es als Munition gegen meine Schwester einsetzte. Doch Kline war ein Außenstehender und kannte nicht dieselben persönlichen Traumata, die seine Lebensfreude schmälerten. Die meisten Leute liefen vor ihren verrückten Schwiegereltern fort, während er mit ihnen lief.

„Ach, komm schon. Würde ich dich wirklich foltern wollen, hätte ich dich nicht davor beschützt, zu erfahren, dass Savannah versucht hat, Georgia davon zu überzeugen, dass - ich zitiere - Es das Natürlichste auf der Welt wäre, wenn du ihr Geburtshelfer sein würdest.“

Innerlich erschauderte ich. Äußerlich erschauderte ich. Es fühlte sich so an, als hätte mir Kline einen Finger in den Hals gesteckt, und mein Würgereflex tat nichts anderes, als entsprechend zu reagieren: mit abgehacktem Husten, einem würgenden Gefühl und leichter Übelkeit. Ich liebte meinen Beruf als Frauenarzt und Geburtshelfer, aber ich würde lieber im nächsten Fast-Food-Restaurant Hamburger wenden, wenn ich dafür keine Vaginaluntersuchungen bei meiner Schwester durchführen müsste. Allein der Gedanke war schlimmer als der furchtbare Horrorfilm Der menschliche Tausendfüßler.

Echt jetzt, wenn man diesen Film noch nicht gesehen hat, sollte man es auch lassen. Er ist traumatisierender als Ausschlag und diese „Two Girls One Cup“-Webseite zusammen. Jesus, bitte das ebenfalls nicht googeln.

Sofort wollte ich mein Hirn mit Bleiche schrubben und zuckte wieder zusammen.

„Genau.“ Kline grinste triumphierend.

Ehrlich, eine Vagina in professioneller Umgebung hat auf mich kaum mehr eine Wirkung. In privater Umgebung, sagen wir nach drei Bier an einem Samstagabend in Manhattan, war ich voll dafür, dass sie eine Wirkung auf mich hatte, aber das war eine ganz andere Sache. So gut ich mit den wahnsinnig intimen Aspekten meines Berufes umgehen konnte, so wenig konnte ich mir jedoch vorstellen, Georgias Geburtshelfer zu sein. Im Notfall? Da wäre ich augenblicklich mit vollem Einsatz zur Stelle. Ansonsten stehe ich meiner Schwester ohnehin schon nahe genug, herzlichen Dank auch.

Das Gerede über das Vergnügen meiner Schwester, sich zu vermehren, über ihre Tauglichkeit und ihrer Organe müde, streckte ich die Arme aus und wackelte mit den Händen. Sofort reichte mir Kline meine sich windende Nichte.

„Komm schon“, rief Kline über seine Schulter, während er zur Tür ging und ich auf dem kleinen Bauch meiner Nichte Trompete blies. „Gehen wir lieber rein, bevor wir sonst noch dein großes Fernsehdebüt verpassen.“

Ich hatte Schmetterlinge im Bauch an diesem Punkt in meinem Leben. Vor ein paar Monaten war eine Fernsehproduktionsfirma auf mich und zwei andere Ärzte im St. Luke’s Hospital zugekommen und hatte versucht, uns zu einer Dokuserie über jeden von uns zu überreden. Die Serie sollte heißen: The Doctor Is In. Ehrlich gesagt fand ich, sie hätten bei der Titelfindung kreativer sein können, aber ich dachte mir, professionell zu reagieren wäre auch kein schlechter Ansatzpunkt. Für mich klang die Sache von Anfang an nach einem Mordsspaß. Eine Möglichkeit, den Arbeitsalltag zu würzen, ein bisschen Unternehmungsgeist zeigen und etwas zu schaffen, das ich eines Tages meinen Kindern vorführen könnte. In der Zwischenzeit war es ein gutes Mittel, um Frauen zu beeindrucken.

Dr. Scott Shepard, Chef der Notaufnahme, hatte dieselbe Einstellung, aber Nick Raines, der Neue im St. Luke’s und Chef der Neurologie, war da nicht so sicher gewesen. Anscheinend war er dabei, sich seiner Tochter wieder anzunähern, von der er den größten Teil ihres Lebens getrennt gewesen war, doch nach ein bisschen Drängen von uns und dem Vorstand hatte er nachgegeben. Es wäre eine gute Werbung für das gesamte Krankenhaus.

Um ehrlich zu sein, war ich begeisterter wegen der Publicity, die es mir persönlich bringen würde. Grey’s Anatomy hatte mich gelehrt, dass der heiße Doktor der Shit überhaupt ist.

Allerdings ist es wahrscheinlich keine heiße Doktor-Sache, den Leuten zu erzählen, dass man Grey’s Anatomy schaut, riet mir mein Verstand.

Sobald wir – nach einem kurzen Umweg, um meine Autotür zu schließen – durch die Tür meines Kindheitszuhauses traten, begann Julia zu strampeln und ich setzte sie ohne Protest ab. Manchmal brauchten Kleinkinder den Freiraum, um, mangels eines treffenderen Wortes, durchzudrehen.

„Willy!“, rief mein Vater zur Begrüßung, hechtete auf die Tür und mich zu, wobei er Kline praktisch aus dem Weg boxte. Er umfasste mein Gesicht mit den Händen und küsste die Luft neben meinem Kopf. Dieses Verhalten war neu, aber nicht völlig unerwartet. Meine Mutter las immer Artikel über Liebe, Zuneigung und die Wirkungen dieser Ausdrücke auf Kinder. Wahrscheinlich hatte sie ihm gesagt, dass es gut für mein gesundes Sexleben sei.

„Ich bin hier, Dad“, murmelte ich. „Du musst nicht brüllen.“

Er ignorierte das und sprach nicht leiser. „Du siehst ganz schön steif aus heute, mein Sohn.“

Na klar. Noch eine seltsame Verhaltensweise, aber nichts Neues. An dem Tag, an dem mein Vater keinen Peniswitz mehr machte, wäre ich auf seiner Beerdigung. Er hatte mich bestimmt mit Absicht ebenfalls William genannt, sodass wir für immer als Vater und Sohn verbunden waren, die sich Penis-bezogene Bemerkungen anhören mussten. William wurde mit Dick abgekürzt, und Dick war ein Synonym für Penis.

Was? Haben dich deine Eltern nicht auf diese Weise benannt?

Dennoch, auch gut vorbereitet zu sein, dämpfte nie meine Reaktion. Man kann niemals darauf vorbereitet sein, dass dein Vater ein Gespräch mit dem Zustand deiner Genitalien beginnt. „Oh Jesus.“

Georgia versteckte ihr Gesicht an Klines Brust hinter Dicks Rücken, um ihr Lachen zu verbergen. Das war ebenfalls nichts Neues. Wenn jemand verstand, was in mir vorging, dann war sie es.

Als sie sich wieder im Griff hatte und sich umdrehte, bedachte ich sie mit dem Blick. Er sagte: Hey, das sind auch deine Eltern. Sie blickte zurück, aber ihrer transportierte, wie froh sie war, ein bisschen von meiner Demütigung mitzukriegen.

In der Vergangenheit hatte sie das meiste davon abbekommen. Zuerst, als ich Medizin studierte und meine Facharztausbildung machte, was beides fast alle Stunden meiner Tage in Anspruch genommen hatte, und dann, als sie einen Mann heiratete, den meine Eltern anbeteten, sich nur dreißig Minuten von unserem Elternhaus entfernt niederließ und das Kind gekommen war.

Wenn man mich fragt, ist sie selbst dran schuld. Jeder weiß doch, dass Enkel ein todsicherer Weg sind, den Eltern einen Generalschlüssel zu gewähren.

Allerdings bekam sie auch mehr als ein Paket Sexutensilien, sogar während der Hochzeitsreise, von unserer Mutter in deren Amt als Beschämungs-Puffer, also schätzte ich, dass jetzt ich an der Reihe war.

„Kommt schon, kommt schon“, sagte meine Mutter und schob uns alle Richtung Wohnzimmer. „Deine Sendung fängt gleich an. Ich habe Snacks hingestellt.“

„Snacks?“, fragte ich hoffnungsvoll. Ich hatte seit heute Morgen vor der Arbeit nichts mehr gegessen und war am Verhungern. Klines Lachen und das Tätscheln meiner Schulter dämpfte meine Hoffnungen ziemlich schnell. „Was denn, keine Snacks?“, fragte ich.

„Doch“, korrigierte Kline. „Aber wart’s nur ab.“

„Kommt endlich rein, ihr drei!“, rief Savannah.

Die Augen meiner Schwester glühten mit dem Wissen, was da kommen würde.

Ich schielte zur Tür und hatte plötzlich lebhafte innere Bilder der Flucht, aber Georgias Schlag auf meinen Arm holte mich da raus.

„Komm, dein Fernsehdebüt wartet.“

Wie seltsam. Ich im Fernsehen. Das konnte man eine komplette Lebenswendung nennen, wenn man bedachte, dass ich ein Arzt war.

Offiziell geködert, folgte ich meiner Schwester und Kline durch den Flur. Julia kam aus einer Tür und stolperte gegen mich, aber ich konnte mich noch fangen und verhindern, dass ich auf dem Boden landete oder auf sie trat.

„Oha, JuJu. Fast hättest du Onkel Will umgelegt“, sagte Kline neckend, lächelte und nahm das Kind auf den Arm.

„Bumbum, Daddy“, antwortete sie und lachte.

Bumbum, echt jetzt.

Als wir ins Wohnzimmer kamen, warteten Mom und Dad bereits. Aber das hielt nicht lange an.

„Mist, Dick, kannst du mir bitte helfen? Ich habe den Champagner in der Garage vergessen.“

„Champagner?“, protestierte ich. „Das ist nur eine blöde Serie, Mom.“

Sie ignorierte mich, genau wie Dad. Er zögerte nicht, sprang auf und folgte ihr durch den Flur.

Georgia hatte nun das ununterbrochen zappelnde Kind auf dem Schoß, hielt ihm die Ohren zu und sagte etwas, das wir alle wussten, aber nicht aussprechen wollten: „Die werden jetzt garantiert S-e-x haben.“

Ich zuckte bestätigend mit den Schultern. Ich konnte mich kaum erinnern, dass sich Dick und Savannah mal nicht rausgeschlichen hätten, um Sex zu haben. Schön für die beiden, schätzte ich. Ich hätte mir nur gewünscht, nicht so viel darüber zu wissen.

Der Duft von Essen erreichte meine Nase, und ich brauchte nicht lange, um die Quelle zu erfassen. Auf dem Couchtisch.

Ah, Jesus.

„Sind das Hörnchen in Vagina-Form?“, fragte ich, aber ich kannte die Antwort bereits. Verdammt noch mal, meine Eltern sind seltsam.

Kline nickte enthusiastisch. „Ich hab geholfen, sie zu formen.“

„Und das hier? Was ist das?“

„Gefüllte Eier mit ihren Deckeln und aufgespießter Dillgurkengarnitur“, sagte Georgia mit großen, unschuldigen Augen.

„Und?“

Sie prustete und kicherte leicht. „Offenbar ein befruchtetes Ei.“

„Und die Spiralen?“

„Eileiter.“

„Siehst du?“, sagte Kline mit einem Lachen. „Ich hab doch gesagt, es gibt Snacks.“

„Jesus.“ Ich hatte wirklich großen Hunger. Und ich verschlinge schließlich gern Pussys. Also nahm ich mir drei Brot-Vaginen, steckte mir die erste in den Mund und hielt Ausschau nach Hot Dogs in Penisform. Ich brauchte definitiv etwas Protein, auch wenn es aus fragwürdiger Herkunft und in Phallusform war.

„Oh, es fängt an! Seht nur, seht!“, quietschte Georgia aufgeregt. „Mach lauter, Kline.“

Er sprang sofort und tat, worum sie gebeten hatte. Ich setzte mich derweil auf die Couch neben Georgia und Julia. Die Musik begann, begleitet von Aufnahmen vom Krankenhaus, dessen Fluren und den vollen Straßen Manhattans. Der Eindruck war so intensiv, dass er mein Herz schneller schlagen ließ. Die Kamera schwenkte zum Haupteingang der Klinik zur 59. Straße hin, zoomte superschnell durch die Eingangstür, durch Flure, das Treppenhaus und um die Ecke zum Eingang der Gynäkologie, als hätten sie die Kamera an eine Rakete gebunden.

Als sich die Tür zu meinem Büro öffnete, verblasste das Bild, der Titel der Sendung formte sich und mein Name erschien zusammen mit einem Bild von mir: Dr. OB. Wobei das OB eine Abkürzung für die Gynäkologie war.

Gigi quietschte auf, drückte mein Knie, und Kline lächelte mich aufmunternd vom Sessel neben uns an.

Die Kamera fuhr jetzt den Flur entlang, wo sich rechts und links Untersuchungsräume befanden, bis sie am Ende an meinem Büro ankam. Sobald mein Gesicht den Bildschirm ausfüllte, bekam ich einen Knoten im Bauch. Ich hatte keine Ahnung, warum, denn bisher hatte ich nur Aufregung verspürt, doch in diesem Moment packte mich ein seltsames Gefühl der Vorahnung. Ich wusste nicht, ob es an meinem Gesichtsausdruck lag oder einfach an der allgemeinen Unsicherheit bezüglich dieser Sache. Aber es dauerte nicht lange, und dann wusste ich, warum.

Auf dem Bildschirm stellte ich mich und meine Praxis vor und erklärte, dass ich es nicht abwarten konnte, den Zuschauern meine Welt zu zeigen. Es wirkte alles völlig harmlos.

Doch plötzlich fror das Bild meines Gesichtes ein und ein flirtendes Lächeln erschien auf meinen Zügen. Megaschnell, sodass man kaum die Worte lesen konnte, die aufblitzten, ratterte eine Liste meines Lebens herunter – oder des Lebens, das sie darstellen wollten.

Ein Punkt war zu erwarten gewesen – das Medizinische.

Einen hatte ich angeregt – Innovation.

Und dann erschien eine ganze Litanei von Substantiven, die mich mein ganzes Leben verfolgen würden.

Sex.

Skandale.

Intrigen.

Geheimnisse.

Lügen.

Ich erstarrte.

Das Logo der Sendung erschien erneut, und der Hinweis auf meinen Part darin: Dr. OB.

Dr. OBszön. Dr. Obszön.

Damit meinten sie mich. Mich!

Eine ganze Weile folgte mir die Kamera durch das Krankenhaus, aber ich nahm es nicht richtig wahr. Zu mir drang nur durch, dass Kline vom Sessel aufsprang und Georgia mit meiner Nichte den Raum verließ. Dick und Savannah waren irgendwann wieder reingekommen, doch sie hätten auch brüllen können, für mich herrschte Totenstille.

Mein komplettes Leben lief vor meinen Augen ab.

Die Kamera folgte mir in den Umkleideraum. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass sie dafür überhaupt eine Genehmigung hatten. Dem wackeligen Bild und der nur halb offenen Tür nach zu urteilen, ignorierten sie das einfach und filmten weiter, wie ich mein Hemd auszog und die weiße Arzthose. Im Laufe dieser Szene wurde eine meiner Arschbacken fast vollständig entblößt gezeigt.

Das Grey’s-Anatomy-Szenario, in dem sie filmen, wie man sich auszieht und Sex im Bereitschaftsdienstraum hat, war im wahren Leben bei Weitem nicht so ansprechend. Ich hatte gedacht, sie folgten mir in der Klinik, um den Zuschauern meine Kompetenz zu zeigen und wie ich meinen Patienten mit einer anderen Herangehensweise helfen konnte. Aber nicht, dass sie mich demütigten, indem sie das Filmmaterial kreativ zusammenschnitten und zeigten, wie ich mich nackt auszog, anstatt den Not-Kaiserschnitt, den ich keine Stunde vorher gemacht hatte. Es bestand ein Unterschied zwischen heiß und kompetent aussehen und unanständig. Und dieser beschissene Film stellte mich definitiv als Letzteres dar.

Jesus, meine Karriere stand auf dem Spiel.

Noch ehe ich wusste, was ich tat, hatte ich mein Handy hervorgeholt und suchte nach der Nummer einer Person, die mir Rede und Antwort stehen konnte, und ich hatte nur eine einzige Frage.

Was zum Geier sollte das?

Ich entschied mich für Tammy Schuler, ein Vorstandsmitglied der Klinik und eine der größten Verteidigerinnen all des Positiven, das die Sendung uns bringen sollte. Ich drückte auf Anrufen und presste das Handy an mein rotes, heißes Ohr.

Sie antwortete beim zweiten Klingeln mit vorsichtiger, gedämpfter Stimme. „Will, beruhige dich.“

Ich hatte noch nicht einmal etwas gesagt, aber wahrscheinlich drang allein schon die Kraft meiner Wut durch das Telefon. „Beruhigen?“, fragte ich tödlich leise. „Du willst, dass ich mich beruhige?“

„Hör zu …“

„Sie haben mich beim Ausziehen gefilmt, Tammy!“, explodierte ich. „Wieso zum Henker durften die überhaupt in den Umkleideraum? Wo ist die Erlaubnis?“

„Im Vertrag stand nicht direkt, dass sie vorhaben, dich beim Ausziehen zu filmen, Will.“

„Dann zeigen wir sie an! Das ist ein Angriff auf meine Privatsphäre und der Film ist eine komplette Falschdarstellung.“

„Will.“ Sie machte eine Pause. „Gott, Will.“

„Was?“

„Sie hatten nicht festgelegt, dass sie das vorhatten, aber wir haben auch nicht festgelegt, dass sie es nicht dürfen. Es tut mir leid.“

„Und jetzt? Soll ich einfach nur dasitzen und mir das die nächsten zwölf Wochen ansehen? Ich dachte, das wäre eine gottverdammte Dokuserie, und nicht eine Arschbacke entfernt von einem Porno!“

„Uns sind die nächsten sechsunddreißig Tage die Hände gebunden, Will. Wir haben mit den Anwälten gesprochen, das kann ich dir versichern, aber es gibt keinen rechtlichen Weg. Jede einzelne geplante Folge, deine, Scotts und Nicks, wird gesendet werden.“

„Verfickte Scheiße!“

„Will.“

„Ja, ja, ich weiß. Das ist nicht gerade ein professioneller Ausdruck.“

Sie lachte tatsächlich ein bisschen, und ich überlegte, welche Art Technik vonnöten wäre, um durch das Telefon zu greifen und sie zu erwürgen.

Wurde das schon erfunden? Kann mein Schwager es sich leisten? Er ist verdammt reich, also bin ich sicher, dass er das kann.

„Nein, aber es ist schon gut. Ich wollte dir gerade etwas Positives berichten.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie du das ins Positive drehen könntest, Tammy.“

„Wie wäre es mit 500.000 Klicks in einer Stunde?“

„Was?“

„So oft wurde die Webseite der Klinik in der letzten Stunde angeklickt.“

Ich rollte mit den Augen. „Na und? Ich dachte immer, Krankenhäuser verkaufen sich von allein. Leute werden krank oder verletzen sich und gehen hin. Es ist ja keine Wellnessklinik.“

„Das glaubst du, aber du irrst dich. Die Leute suchen sich ihre Krankenhäuser aus, Will, und auch wenn es dir nicht gefällt, die Leute wählen unsere Klinik wegen dieser Sendung.“

„Und melden sich gleich in der Psychiatrischen an?“ Tief in mir wusste ich, dass sie recht hatte. Die Leute suchten sich wirklich ihr Krankenhaus aus. Das hatte ich als Arzt oft genug erlebt, und dennoch … jetzt ging es um mich, und ich war sauer. Emotionen verhindern manchmal rationales Denken.

„Will.“

Ich seufzte. Gottverdammt! „Na gut. Es ist nun mal, wie es ist.“

„Genau.“

„Hoffentlich bezahlt ihr mich dann wenigstens bis zu meinem Tod oder bis ich für irgendein Verbrechen verurteilt werde.“

Nun war es an ihr, zu seufzen. „Das Krankenhaus kann dir keine ewige Anstellung versprechen, aber ich kann dir garantieren, dass man sich die Umstände notiert hat.“

„Mein Opfer wurde notiert.“

„Jetzt wirst du ziemlich dramatisch.“

Vielleicht hatte sie recht. Möglicherweise war das zu dramatisch. Oder aber es war das Ende meines Lebens, wie ich es bisher kannte.

Ich beendete das Gespräch und zwang mich dazu, ins Wohnzimmer zurückzugehen und mir den Rest der Sendung anzutun.

So sauer ich auch auf Tammy und den Vorstand und so wütend ich auf die Produktionsfirma war, in Wahrheit war nichts so schlimm wie meine Selbstverachtung. Ich war so aufgeregt gewesen, hatte so naiv gedacht, die Serie würde mein Privatleben verbessern, verdammt noch mal. Ich dachte, Frauen würden zu mir sagen: Oh, Sie sind so beeindruckend, Doktor.

Doch die Sendung ging in eine völlig andere Richtung von dem, was ursprünglich vereinbart war. Es war ein furchtbarer Bericht über St. Luke’s Eliteärzte, eine leichtherzige Darstellung von allem Ethischen und Professionellen. Dummerweise hatte ich meine Vorsicht abgelegt und ihnen das Material geliefert. Ich war der Mann vor der Kamera und konnte niemand anderem als mir selbst die Schuld dafür geben.

Gottverdammt!

Von meinem Platz aus sah ich angewidert zu, wie der Mann auf dem Bildschirm – augenscheinlich ich – während einer Herztonüberwachung bei einer harmlosen Schwangeren etwas sagte, das an Beleidigung grenzte, und dabei zwinkerte. Dann wurde die Sendung von einer Werbepause unterbrochen.

Gut. Oh Gott.

Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, in die Kamera gezwinkert zu haben, und schon gar nicht mit der Hand in einer Frau. Die Kamera befand sich hinter ihrem Kopf und ein Tuch bedeckte ihre Beine, aber um Himmels willen, es war unter keinen Umständen angebracht, einer Frau während einer so intimen Untersuchung zuzuzwinkern. Ich fragte mich, ob sie sich dabei sehr unwohl gefühlt hatte. Ob sie dachte, ich zwinkerte ihr zu.

Obwohl ich wusste, dass ich mich ohne eine pseudo-begründete Erklärung niemals so benehmen würde, kreisten Panik und Hysterie in mir, bis der Unglaube nachließ und alles in mir explodierte. „Ich komme wie ein Sextäter rüber!“

Keine Frau würde sich mir je wieder nähern. Nicht in medizinischen und ganz sicher nicht in sexuellen Angelegenheiten. Ich würde aufs Land ziehen müssen. Ohne Fernseher. In einer Hütte leben oder so. Oh mein Gott. Nie mehr würde mir jemand einen blasen. Ich würde die männliche Version einer alten Jungfer werden, und anstatt jeder Menge Katzen hätte ich eine Sammlung von Taschen-Vaginen.

Lieber Gott, gleich werde ich kotzen.

Mein Dad merkte an: „Mach dir keine Sorgen, Willy. Im Gegenteil, wahrscheinlich wird es dein Liebesleben aufpeppen. Frauen sind dafür bekannt, sich Dingen zuzuwenden, die schlecht für sie sind.“

Kline pfiff leise, und Georgia, die inzwischen ohne ihre Tochter wiedergekommen war, stand beleidigt auf.

„Wie bitte?“

„Dick“, sagte Mom. Aber da sie meine Mutter war, sagte sie es mit einem verdammten Glucksen.

Da ich der Grund für diese Unstimmigkeit war, dachte ich, es wäre meine Familienpflicht, einzuspringen. Außerdem musste ich etwas sagen, bevor ich mich in etwas aus Men in Black verwandelte. „Nein, Dad. Verrückte Frauen suchen nach dem, was schlecht für sie ist. Intelligente Frauen rennen in die entgegengesetzte Richtung.“ Meine Stimme wurde zu einem deprimierten Murmeln. „Was genau das ist, was sie nun machen werden. Jesus.“

„Ich wette, das sieht sich eh kaum jemand an“, sagte Georgia hoffnungsvoll und versuchte, mir durch die versteckte Beleidigung ein besseres Gefühl zu geben.

In diesem Moment wünschte ich mir nichts mehr, als dass meine Schwester recht hatte.

Mein Handy, dieses opportunistische Ding, klingelte spöttisch in meiner Tasche. Ich überlegte, die Textnachricht nicht zu lesen, aber auf lange Sicht würde Ignorieren das Problem nicht aus der Welt schaffen. Wahrscheinlich würde es mich nur noch blöder aussehen lassen.

Meine Familie diskutierte im Hintergrund weiter über meinen jetzt fragwürdigen Begehrter-Junggeselle-Status, als ich das Handy herausholte und die Nachricht las, ohne genau hinzuschauen, von wem sie kam. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mir die Zeit wohl nehmen sollen.

 

Thatch: Verdammt, Alter! Du warst echt gut im Verbergen deiner merkwürdigen Seite all die Jahre. Cassie hat rund um die Uhr die Beine in der Luft, um wieder schwanger zu werden, aber falls das nicht klappt, bist du offiziell unser neuer Arzt. Ach was, auch wenn es klappt. Ihre Pussy lässt alle anderen, die du regelmäßig siehst, wie Amateure aussehen.

 

Da fing es schon an. Eine Bestätigung von Thatcher Kelly, Klines bestem Freund und einem der albernsten menschlichen Wesen, die je geboren wurden. Ein ewig Jugendlicher im Körper eines Riesen. Er mochte nichts, was keine großen Titten hatte, die nur darauf warteten, gesaugt zu werden. Er war der schlechteste Beurteiler von allem Normalen und das genaue Gegenteil von den Zuschauern, die ich ansprechen wollte, und er mochte die Sendung.

Ich war erledigt. Wahrlich und ehrlich gefickt.

Ich neigte den Kopf nach hinten, als mich meine innere Stimme mit der Wahrheit ärgerte. Du bist nicht gefickt, Will Cummings. Sondern du wirst nie wieder gefickt werden.

 

 

Kapitel 2

 

Melody

 

Eins war im Moment sicher: Scott Eastwood sah nackt perfekt aus. Und in meinem Bett sah er nackt sogar noch besser aus.

„Morgen, Melody“, sagte er mit seinem unverkennbaren Grinsen und zog mich auf seinen unfassbar schönen Körper. Straff, fest und wie gemeißelt. Die Art Figur, nach der die griechischen Götter gestrebt hatten.

„Morgen, Scott Eastwood“, erwiderte ich und sein Lächeln wurde breiter.

„Ich glaube, die Formalitäten kannst du jetzt lassen“, sagte er neckend. Ich errötete. „Wir sind verheiratet, Honey. Es wird Zeit, dass du mich einfach Scott nennst.“

Auch wenn das hier höchstwahrscheinlich nur ein Traum ist, Mel, werden wir niemals aufhören, ihn Scott Eastwood zu nennen … Scheiße. Träume ich wirklich?

Ich sah in Scott Eastwoods himmlische blaue Augen, und er blickte mich an, als ob in mir die Sonne auf- und unterging.

„Du bist so schön morgens, Melody.“ Er strich eine Haarlocke aus meinem Gesicht bei diesem Kompliment.

Äh … doch, das klingt etwas zu gut, um wahr zu sein.

„Ich könnte den Rest meines Lebens einfach bloß in deine Augen sehen“, wisperte er und drückte mir einen sanften Kuss, in den nur ein kleines bisschen Zunge involviert war, auf meinen eben erst erwachten Mund.

„Du schmeckst perfekt“, sagte er.

Ich war stolz auf meine Mundhygiene, aber auch der sauberste Mund konnte nicht dem Morgenatem entkommen.

Gottverdammt. Wohl wirklich bloß ein Traum.

„Wir sind verheiratet, Scott Eastwood?“, fragte ich.

„Ja, Mrs. Eastwood“, antwortete er, lachte leise in sich hinein und presste erneut seine Lippen auf meine. „Wir sind verheiratet.“

„Habe ich einen Ehevertrag unterschrieben?“

Er schüttelte den Kopf. „Niemals würde ich die Liebe meines Lebens, meine Seelenpartnerin, einen Ehevertrag unterschreiben lassen.“

Verfluchte Scheiße, definitiv nur ein Traum.

Rosa und gelbe Schatten fielen auf Scott Eastwoods Gesicht, und mir wurde klar, dass es bloß eine Frage der Zeit war, bis er sich auflösen würde. „Küss mich noch mal“, kommandierte ich und er tat es.

Ein Mann, der gehorcht, anstatt zu streiten? Das kann nur ein verfluchter Traum sein.

„Fick mich, Scott Eastwood“, befahl ich, aber es war zu spät. Das Gesicht meines Traumehemannes und unser luxuriöses weißes Bett lösten sich in Nichts auf und die Morgensonne arbeitete sich schließlich unter meine Lider.

Ich öffnete die Augen und musste bei dem Anblick sofort stöhnen. Pinke Wände, Umzugskartons und Fitnessgeräte. Innerhalb von dreißig Sekunden wurde ich vom verträumten Schweben auf Wolke sieben – Scott Eastwoods nackten Körper an meinen gepresst – in einen der sieben Kreise der Hölle befördert, der momentan meine Realität war.

Der Dreizimmerwohnungsalbtraum meiner Eltern. Bill und Janet dachten allerdings, es wäre ein Traum. Das kam von der Anmut der zwei Worte: Miete sparen.

Doch ich sah das nicht so. Nicht im Moment. Mein Leben reduzierte sich auf sechs Umzugskartons in meinem alten Schlafzimmer, und jeder Versuch der letzten sechs oder mehr Jahre, eigenständig zu sein, hatte sich in Luft aufgelöst. Ich war wieder zu Hause. Bei meinen Eltern. Wo ich aufgewachsen war. Allerdings sah es nicht mehr wie in meiner Teenagerzeit aus. Damals waren die beigen Wände mit Postern von Achtzigerjahre-Bands wie Modern Talking und Rick Springfield übersät.

Hey, verurteilt nicht meinen damaligen Musikgeschmack. In den 2000ern war ich eine Außenseiterin, weil ich mich weigerte, auf den Boy-Band-Zug aufzuspringen, aber niemand konnte Liedern wie Modern Talkings „Brother Louie“ widerstehen. Und lasst uns ehrlich sein, noch heute will doch jeder „Jessie’s Girl“ sein.

Inzwischen hatte sich das Zimmer in ein Ding aus einem kaugummipinken Aerobic-und-Tanz-Albtraum verwandelt – den Fitnessraum meiner Mutter. Anscheinend war Pink eine Farbe, die Leute motivierte, nach einem Hintern aus Stahl zu streben.

Kurz gesagt, meine Zukunftsperspektive sah düster aus. Neunundzwanzig Jahre alt und offiziell wieder in die Wohnung der Eltern eingezogen. Ich war erst kürzlich Single geworden, hatte keinen Job und schlief nachts zwischen einem Laufband und einem Schenkelstraffer.

Komm zurück, Scott Eastwood!

Die Dinge hatten sich soeben verschlimmert. Traurig. Und frustrierend. Und verdammt pink.

„Steh auf, Melody!“

Meine Mutter kündigte ihr Hereinkommen durch zweimaliges Anklopfen an die halb offene Tür an. Die Türangeln quietschten, und ehe ich mich versah, erschien Janet Marcos lächelndes Gesicht vor meinem Platz auf dem Bett. Welches eine Luftmatratze von 1982 war. Alt genug, um Vintage zu sein, aber nicht auf schöne Weise. Man konnte sie nicht einmal mit einer Luftpumpe befüllen. Für das Ding brauchte man so viel Lungenkapazität, dass man am Ende ohnmächtig wurde.

Jesus. Wie viel Uhr war es? Es fühlte sich zu früh dafür an, dass Workout-Barbie jetzt hier ins Schwitzen kommen wollte. Ich schnappte mir das Handy vom Karton neben der Matratze, der als Nachttisch diente. Ich wischte es zum Leben und das grelle Display brachte meine müden Augen fast zum Erblinden. Ich ignorierte die blöde Nachricht Wie ist das Wetter bei dir? von Eli, meinem neuesten Exfreund, und sah auf die Zeitangabe. Die Zahlen 9:30 schienen mir ins Gesicht. Mental zeigte ich meiner plappernden Mutter den Mittelfinger.

„Wie geht’s meinem Lieblingsmädchen?“, singsangte Janet, als sie mit ihrem elastanbezogenen Hintern in mein Zimmer trat.

Sie ließ mir keine Zeit für eine Antwort, sondern sprang auf das Laufband und begann, langsam zu joggen.

„Es ist zu früh“, antwortete ich.

Sofort legte sie eine Hand hinter ihr Ohr und gab mir damit das universelle Signal für Ich habe dich nicht verstanden. „Was hast du gesagt, meine Süße?“

„Ich sagte, es ist zu früh“, wiederholte ich, doch sie reagierte nicht darauf, weil sie mich wohl immer noch nicht hörte. Ich war kein Raketenwissenschaftler, aber ich ging davon aus, dass das stetige Stampfen ihrer Füße auf dem Laufband nicht gerade hilfreich für unser Gespräch war.

„Sprich etwas lauter, Mel“, sagte sie und erhöhte die Geschwindigkeit des Laufbandes.

Tolle Idee, Mom. Das Tempo zu erhöhen wird ganz sicher helfen, uns wie normale Menschen zu unterhalten.

Ein nur wenig bekannter Fakt über Janet: Sie war ein bisschen schwerhörig. Sie gab dem Altern und den Genen die Schuld, aber da sie schon immer Probleme damit hatte, glaubte ich eher, dass es etwas mit den Rockkonzerten zu tun hatte, zu denen sie mit meinem Vater gegangen ist, als sie noch jung und wild waren. Damals waren Bill und Janet hardcore Black-Sabbath-Fans und besuchten nicht weniger als zwanzig Konzerte innerhalb von fünf Jahren. Ganz abgesehen davon, dass sie KISS-Groupies waren. Ich war ja kein Experte, aber es erschien mir logisch, dass die Jahre, in denen Ozzy Osbourne und Gene Simmons in ihre Ohren gebrüllt hatten, das Gehör meiner Mutter nicht unbedingt verbessert haben konnten.

„Ich sagte, alles in Ordnung“, versuchte ich es erneut.

Sie sah auf ihre Uhr. „Es ist erst kurz nach neun, Liebes, aber du hast immer noch nicht meine Frage beantwortet“, sagte sie lächelnd. „Wie geht es dir heute Morgen?“

Jemand möge mir helfen. Normalerweise hatte ich mehr Geduld mit meiner Mutter, doch in Anbetracht der Uhrzeit und der Tatsache, dass ich noch keinen Tropfen Kaffee in mir hatte, gab ich es einfach auf, ein sinnvolles Gespräch mit ihr führen zu wollen, und konzentrierte mich darauf, mich selbst zu amüsieren. „Ich bin ein Pantomime“, antwortete ich, und sie nickte, sah mich allerdings kurz skeptisch an.

„Geht es dir auch wirklich gut?“, fragte sie schließlich. „Du hast ein paar schwere Wochen hinter dir.“

Interessant, notierte ich mir innerlich. Irgendetwas Sinnloses zu ihr zu sagen, hatte mehr Erfolg als ein ehrliches Gespräch. Vielleicht hatte ich soeben das Geheimnis entdeckt, wie man mit Janet Marco eine produktive Unterhaltung führen konnte. „Ja, ich bin ein Pantomime.“

„Okay, Mel.“ Sie nickte und lächelte entschuldigend. „Ich glaube, es ist ein bisschen zu früh, um so aufdringlich zu sein, oder?“

Ich hob meinen Zeigefinger und Daumen und signalisierte damit: ein bisschen.

Ihr Lächeln wurde breiter und sie nickte erneut.

Hm, vielleicht ist das mit dem Pantomimen gar nicht so weit hergeholt …

„Okay, nur noch eine Frage, dann lasse ich dich in Ruhe …“

„Mom“, stöhnte ich.

Entschlossen hielt sie eine Hand hoch. „Hör zu, ich bin deine Mutter, Mel. Es ist meine Aufgabe, mir um dich Sorgen zu machen“, sagte sie zwischen schweren Atemzügen. „Du hast praktisch innerhalb von ein paar Wochen dein Leben entwurzelt. Ich meine, vor einem Monat hast du noch in Portland gewohnt, mit einem Mann, den du heiraten wolltest – dachte ich zumindest. Und jetzt bist du wieder zu Hause und Single. Du hast die Beziehung beendet, deine Arzthelferinnenstelle gekündigt und die Stadt verlassen, in der du fünf Jahre gewohnt hast. Das kommt mir einfach sehr abrupt vor.“ Sie blickte in meine Richtung. „Ich will nur, dass mit dir alles in Ordnung ist.“

Die Luftmatratze knirschte und quietschte, als ich die Zudecke von mir schob und auf die Füße kam. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und ging vier Schritte, bis ich direkt vor meiner Mutter stand, die noch immer wie eine Irre auf dem Laufband rannte.

„Es geht mir gut, Mom“, versicherte ich ihr mit übertrieben betonten Worten.

Sie hob eine Augenbraue und nickte.

„Wirklich. Es geht mir gut“, sagte ich, und das war keine Lüge. Obwohl sich mein Leben in den letzten paar Wochen dramatisch verändert hatte, war das alles aufgrund meiner eigenen Entscheidungen geschehen.

Ich wollte wieder nach Hause kommen.

Ich wollte die Beziehung mit Eli beenden.

Ich wollte einen Neuanfang.

Und ja, natürlich würde ich lieber nicht auf einer Luftmatratze in der Wohnung meiner Eltern schlafen müssen, aber ich konnte das überwältigende Gefühl der Erleichterung nicht verleugnen, das sich eingestellt hatte, als ich die ersten Schritte zur Veränderung unternommen hatte. Meine Beziehung mit Eli war bestimmt gewesen von Geben und Nehmen. Ich gab und er nahm.

Wegen Eli war ich in Portland geblieben. Ich hatte die Arzthelferinnenstelle, die mir nicht gefallen hatte, wegen Eli behalten. Ich hatte eine Menge Dinge nur wegen dieser Beziehung getan, und es wurde Zeit, dass ich meinen eigenen Weg ging und so lebte, wie ich es wollte. Ich liebte Eli, aber nicht genug, um mich selbst zu verlieren, und ich war nicht einmal sicher, dass er sich voll auf die Beziehung eingelassen hatte.

„Tust du mir einen Gefallen, Mel?“

Skeptisch sah ich sie von der Seite an. „Was für eine Art Gefallen?“

„Erinnerst du dich an Savannah Cummings?“

„Deine komische Sextherapie-Freundin?“

Sie nickte. „Genau die.“

Mir fielen fast die Augen aus den Höhlen. „Du willst mich in eine Sextherapie schicken?“

„Sei nicht albern.“ Meine Mutter lachte und schüttelte den Kopf. „Ihr Sohn Will ist Gynäkologe und Geburtshelfer, und seine Praxis sucht jemanden für das Büro. Das ist nur ein paar Blocks von hier entfernt, und da du die letzten Jahre als Hebamme gearbeitet hast, glaube ich, dass das der perfekte Job für dich ist.“

„Ich weiß nicht so recht, Mom.“ Ich seufzte. „Ich meine, im Büro arbeiten? Ich würde mich lieber als Hebamme in einem der Krankenhäuser hier bewerben.“

„Du würdest Will auch bei Geburten im St. Luke’s assistieren. In der Position bekommst du das Beste aus beiden Bereichen.“

„Du scheinst eine Menge darüber zu wissen.“

Sie tat es mit einem Schulterzucken ab. „Ich war am Donnerstag mit Savannah Mittagessen, und da hat sie es mir erzählt.“

Ich überprüfte ihren Gesichtsausdruck und fand ein paar Anhaltspunkte. Vor allem zwischen ihren Augenbrauen. Verräterisch bei Janet Marco. „Was genau hältst du gerade vor mir zurück?“

„Nichts.“

„Mom.“

„Na gut“, murmelte sie. „Ich habe Savannah gesagt, Wills Sekretärin soll dir für Montag einen Vorstellungstermin eintragen.“

„Montag?“, fragte ich genervt nach. „Also diesen Montag? Morgen?“

„Das musste ich tun, Mel“, verteidigte sie sich. „Ich hatte Angst, der Job wäre weg, wenn du noch länger wartest.“

„Was, wenn ich den Job gar nicht will? Hast du mal daran gedacht?“

„Aber du liebst die Geburtshilfe, Mel.“

Ich kämpfte gegen den Drang an, mit den Augen zu rollen. „Um wie viel Uhr ist das Gespräch?“

„Acht Uhr dreißig.“

„Am verfluchten Morgen?“

„Achte auf deine Ausdrucksweise, Melody.“

Ich weigerte mich, mich für meine Ausdrucksweise zu schämen. Ich meine, meine Mutter hatte mir einen Vorstellungstermin vereinbart, obwohl ich nicht mal wusste, ob ich überhaupt dort arbeiten wollte. Ganz abgesehen davon, dass sie ihn auf 8:30 Uhr morgens gelegt hatte. In den letzten fünf Jahren hatte ich in der Nachtschicht gearbeitet, und ich war weit davon entfernt, ein Morgenmensch zu sein. Meine innere Uhr war daran gewöhnt, um acht zu schlafen, und nicht aufzustehen, interviewbereit zu sein und mich durch den morgendlichen Verkehr New Yorks zu kämpfen.

Hallo, Gott, ich bin’s, Mel. Darf ich bitte zurück zu meinem Traumleben mit Scott Eastwood? Er wäre sicherlich bereit, den ganzen Tag mit mir im Bett zu bleiben.

„Das war der einzige freie Termin, den sie noch für ein Interview hatten“, erklärte sie. „Ich wollte nicht, dass du die Gelegenheit verpasst.“

Verfluchte Scheiße. Kurz zog ich in Betracht, mit einer sehr deutlichen Handgeste zu antworten. Aber keine Anzahl an Stinkefingern konnte mich jetzt noch aus der Sache rausholen.

 

Klick, klack, klick, klack. Der schnelle Klang meiner Absätze auf dem Gehweg schimpfte mein verspätetes Erscheinen aus, als ich um die Ecke der 10. Avenue bog.

Der Montag hatte so angefangen, wie es nur ein echter Montag konnte. Ich hatte den Wecker verschlafen und war durch die schrille Stimme meiner Mutter aufgewacht, die rief, dass ich zu spät zum Vorstellungsgespräch kommen würde. Dann sprang sie auf das Laufband und begann zu joggen, begleitet von Stayin’ Alive von den Bee Gees.

Da ich bloß fünfzehn Minuten hatte, um mich fertig zu machen, musste ich mich in der U-Bahn schminken und mir die Haare richten. Es war ein Akt von ziemlicher Sinnlosigkeit, Mascara aufzutragen, während man in einem Metallvehikel über Schienen schießt, die so viele Hubbel und Schleifstellen aufweisen, dass R. Kelly stolz wäre, aber ich tat es trotzdem. Und dann war da noch der alte Mann hinter mir, der völlig fasziniert von mir schien und auf gruselige Art Blickkontakt in meinem kleinen Handspiegel suchte.

Habe ich erwähnt, dass Montage meine Lieblingstage sind? Und die besten Montage sind solche, an denen du zu einer gottlosen Zeit aufstehen musst, um zu einem Termin zu gehen, den deine Mutter für dich gemacht hat. Ein Gespräch, das du gar nicht wirklich willst. Ein Vorstellungsgespräch, das dich in einem Berufsfeld festhalten wird, das du gar nicht unbedingt magst. Oh glücklicher, verfickter Montag.

Als meine Lungen nach Sauerstoff schrien und meine Füße nach einer Pause, merkte ich, dass ich vergessen hatte, was drei Blocks in New York City an Entfernung bedeuteten. Klar, drei Blocks im gemütlichen Spaziergang in bequemen Chucks waren keine große Sache, aber diese Distanz in Pumps praktisch zu sprinten, war eine verdammte Qual.

Fast am Ziel, nämlich Dr. Cummings Büro, legte ich noch einen Zahn zu. Ich war jetzt schon fünfzehn Minuten zu spät und hatte so das Gefühl, dass die meisten medizinischen Praxen Bewerber vorzogen, die in der Lage waren, rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen.

Bewerbungsgespräch Paragraf eins: Sei verdammt noch mal pünktlich, Melody.

Es war gut möglich, dass ich diese Gelegenheit bereits versaut hatte, bevor ich überhaupt meine Bewerbungsunterlagen übergeben konnte. Allerdings war ich eine Kämpferin, also rannte ich weiter.

Ich gab meine beste Performance aus Matrix, als ich mich durch den Wochentags-Fußgängerverkehr schlängelte, der den Gehweg verstopfte. Aber das half auch nicht viel, ich schaffte es trotzdem irgendwie, einen Mann im Anzug, der einen Becher Kaffee in der Hand hatte, mit dem Ellbogen anzurempeln. Die Flüssigkeit spritzte über seine Hose.

„Hey, passen Sie doch auf, wo Sie hintreten“, brüllte er mich an.

„Scheiße, es tut mir echt leid“, sagte ich, doch meine Beine trugen mich weiter. Ich weiß, nicht anzuhalten machte mich zu einem rücksichtslosen Arschloch, aber erstens war ich schon spät genug dran, und zweitens sah dieser Kerl aus, als hätte er bereits einen Job. Und drittens war der Schaden ohnehin angerichtet. Was hätte ich tun sollen? Mitten auf dem Gehweg anhalten und den Kaffee aus seinem Schritt lecken?

Man konnte nur eine begrenzte Menge Mist an einem Montagmorgen ertragen.

Das Schild St. Luke’s Hospital strahlte wie ein Signalfeuer, als ich vor dem Eingang anhielt, der Dr. Cummings Praxis am nächsten war. Ich eilte durch die Eingangstür, einen Flur entlang, die Treppe hoch und durch die Tür des Büros. Janet war anscheinend so aufgeregt über diese Gelegenheit gewesen, dass sie gestern nach dem Abendessen Zeit in etwas Recherche gesteckt und mir einen Plan der Klinik mit dem kürzesten Weg zum Büro ausgedruckt hatte.

Als meine Absätze auf das Parkett des Wartezimmers trafen, sahen alle, inklusive der Rezeptionistin, in meine Richtung. Ich vermutete, dass mein Erscheinen alles andere als elegant war. Das könnte daran liegen, dass ich nach vorn gebeugt, mit den Händen auf den Knien, nach Luft rang. Oder an meinen windzerzausten Haaren und dem zerknitterten Kostümrock, den ich seit der Highschool nicht mehr getragen hatte. Was auch immer es war, alles deutete darauf hin, dass ich nicht sehr ordentlich rüberkam.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Rezeptionistin mit kaugummilastiger Aussprache.

„Äh, ja“, murmelte ich und stellte mich vor den Tresen. „Ich bin wegen eines Bewerbungsgespräches hier. Mein Name ist Melody Marco.“

Mindestens dreißig Sekunden starrte sie mich nur an und machte ploppende Geräusche mit dem Kaugummi. Schließlich seufzte sie, blies eine gigantische rosa Blase von ihren Lippen, saugte diese wieder in ihren Mund, legte die Finger auf die Computertastatur und tippte mit langen Acrylnägeln etwas ein.

„Ihr Gespräch war um 8:30 Uhr“, verkündete sie.

„Ich weiß, ich habe mich leider verspätet“, entschuldigte ich mich. „Ich bin gerade erst von Portland hergezogen und hatte vergessen, wie voll New York montagmorgens ist.“

„Es ist jetzt 08:50 Uhr.“

„Es tut mir wirklich leid.“

„Sie hätten vor zwanzig Minuten hier sein sollen.“

Guter Gott, diese Rezeptionistin war ziemlich unverschämt. Und wiederholte sich ständig. „Ich weiß. Und wie ich schon sagte, tut es mir wirklich leid.“

Melissa, wie ihr Namensschild angab, seufzte und griff nach dem Telefon. „Melody Marco ist hier für ihr Bewerbungsgespräch. Sie ist zwanzig Minuten zu spät.“

Na vielen Dank auch, Melissa.

„Okay, ich schicke sie nach hinten“, sagte sie, bevor sie auflegte. Sie drückte auf den Knopf für die Türen zu den Büros und diese öffneten sich auf das Kommando. „Obwohl Sie zu spät sind, wird Betty Sie empfangen. Sie können durchgehen.“

„Äh, danke“, erwiderte ich und blickte zu den Türen. „Welches ist ihr Büro?“

„Sie werden es leicht finden.“

„Okay.“ Super, ich werde also einfach durch den Flur schlendern und hoffentlich zufällig Bettys Büro finden. Und ich muss mir keine Sorgen machen, aus Versehen in ein Behandlungszimmer zu geraten, in dem eine Frau gerade einen Abstrich gemacht bekommt oder so etwas.

Glücklicherweise stand auf Bettys Bürotür tatsächlich Betty. Na ja, ihr voller Name, Betty Matthews, mit dem Titel Abteilungsleiterin darunter. Und man konnte es leicht von der Rezeption aus sehen. Die Tür war zu, also klopfte ich dreimal an.

„Kommen Sie rein“, rief sie.

Ich öffnete die Tür, ging hinein und schloss sie leise hinter mir. Betty saß hinter ihrem Schreibtisch und tippte im Schnellfeuertempo auf ihren Laptop ein. Was schaffte sie wohl? Hundertzwanzig Worte in der Minute? Sie machte sich nicht die Mühe, mich anzusehen, sondern starrte auf den Bildschirm.

„Äh, hi, ich bin Melody Marco“, verkündete ich. „Ich bin hier wegen der freien Stelle.“

„Sie sind spät dran“, stellte sie fest, aber immerhin sah sie in meine Richtung.

Ich wiederholte die Entschuldigung von vorhin, in der Hoffnung, dass das etwas bringen würde, und fuhr mit verschwitzten Händen über meinen verknitterten Rock. „Es tut mir schrecklich leid. Ich bin gerade erst von Portland hergezogen und habe den Montagsverkehr in New York unterschätzt.“ Diese ganze Bewerbungsgesprächssache fing ja echt gut an. Niemand in diesem Büro schien mich leiden zu können. Ohne eine Wahrsagerin zu sein, hatte ich das Gefühl, dass es gar nicht so unwahrscheinlich war, diesen Job nicht zu bekommen,.

„Nehmen Sie bitte Platz“, sagte Betty, sah erneut vom Laptop auf und deutete auf den Lederstuhl vor ihrem Schreibtisch.

Ich übergab ihr meine Mappe und setzte mich.

„Haben Sie ein Problem mit Unpünktlichkeit, Melody?“, begann sie und blickte auf meinen Lebenslauf in der Mappe.

„Nein“, antwortete ich selbstsicher. „Ich hatte noch nie Probleme mit Unpünktlichkeit oder Fehlstunden in meinen früheren Stellen.“

„Sie waren ein paar Jahre als Hebamme mit befristeten Verträgen tätig, wie ich sehe“, stellte sie fest und las weiter. „Und es sieht so aus, als hätten Sie sich in den letzten Jahren auf Geburtshilfe spezialisiert.“

„Ja. Ich habe fünf Jahre Erfahrung in Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung.“

„Und was hat Sie dazu veranlasst, wieder in die Stadt zu kommen?“

Weil ich mit dem Arschloch von Exfreund Schluss gemacht habe und auf einer Luftmatratze neben einem Laufband in der Wohnung meiner Eltern schlafe.

„Meine Familie lebt hier. Ich wollte einfach zurück nach Hause.“

„Und warum haben Sie sich ausgerechnet auf diese Stelle beworben?“

Weil sich meine Mutter gern in mein Leben einmischt und den Termin ohne mein Wissen gemacht hat. Ich glaube nicht mal, dass ich diesen verdammten Job überhaupt will.

„Geburtshilfe ist meine Leidenschaft und ich wollte gern geregeltere Arbeitszeiten haben. In Portland hatte ich Zwölfstundenschichten. Ab und zu Nachtschicht ist okay, aber nach ein paar Jahren wird das ganz schön anstrengend.“

„Gut, Melody“, sagte Betty. „“