Für meine Mutter, für das Leben.

Für meinen Vater, für den Tod.

Für Kim, für alles dazwischen.

 

 

 

 

 

 

Und für dich und für alle, die immer Bücher gelesen haben, von denen noch nie jemand gehört hat. Für alle, die etwas anders waren und in der Klasse immer ganz hinten saßen. Für alle, die in einem dunklen Keller aufgewachsen sind, wo die Würfel über euer Schicksal entschieden. Für alle, die sich immer noch verkleiden. Für alle, die nie richtig dazugehörten und oft das Gefühl hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Das hier ist euer Buch.

Prolog

Thorrald schlüpfte gerade noch zur Tür herein, konnte sie aber nicht mehr hinter sich schließen. Der Schnee drängte sich schneller über die Schwelle, als er sich mit dem Fuß wieder nach draußen schieben ließ. Er drückte das Bündel in seinen Armen an sich und warf sich wie ein Stier gegen die Tür. Es funktionierte und er konnte den Riegel vorschieben. Er war zu Hause. Endlich in Sicherheit.

Er trat an die Fensteröffnung und schaute hinaus. Von draußen würde niemand etwas sehen. Schon gar nicht bei so einem Wetter. Und dennoch … Er legte das Bündel auf den Tisch und schloss die Fensterläden.

Die Schwarzröcke. Niemand kann die Schwarzröcke aufhalten.

Altweibergedanken! Was konnten die Schwarzröcke ihm schon anhaben? Er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen! Bei dem Gedanken war ihm, als zöge sein ganzes Leben vor seinem inneren Auge vorbei. Die Drogen, die er vor der Zunftversammlung verkaufte. Opia fürs Volk, das sich damit zu Tode rauchte.

Dummes Zeug! Wenn die Schwarzen kamen, dann nicht, weil er vor einer Hütte am Ende der Welt harmlose Kräuter verhökerte. Wenn sie kamen, dann ihretwegen …

Thorrald starrte das Bündel auf dem Tisch an. Die Missgeburt. Sie schrie nicht. Vielleicht war sie schon tot. Das wäre das Einfachste gewesen. Es überlief ihn kalt. Der Bärenpelz, den er trug, war so dick, dass er fast den gesamten Raum ausfüllte, doch das half nichts gegen die innere Kälte. Er nestelte an der Verschnürung. Seine Finger waren von der Eiseskälte steif, wollten nicht gehorchen. Er blies in die Glut der Feuerstelle und hielt die Hände über die Wärme. Das Eis im Pelz schmolz und tropfte fauchend ins Feuer.

Der verfluchte Olve hatte im Bierrausch mit dem Schwert herumgefuchtelt. Wonach hatte er gesucht? Nach der Missgeburt? Nach was sonst? Aber egal. Olve hatte das Kind nicht gesehen. Die Kleine war in Sicherheit.

In Sicherheit?! Bist du von Sinnen? Du hast dein eigenes Leben zu leben!

Zwar kein Leben, das ein Heldenlied wert war, aber immerhin war es eines. Aber er konnte sich nicht mit einem Kind belasten! Schon gar nicht mit einem wie diesem. Er wusste, dass er handeln musste.

Thorrald zog sein Messer und starrte hinunter auf die Missgeburt. Sie schlief. Seine Faust war größer als ihr Kopf. Er hob die Klinge. Das Mädchen schlug die Augen auf. Sie waren grün und ohne Angst. Thorrald brüllte auf und rammte das Messer neben ihr in den Tisch. »Blindwerk! Das bist du! Eine Totgeburt!«

Er griff nach dem Krug und stürzte einen Rest lauwarmes Bier hinunter. Dann wickelte er die Kleine aus der Decke, als sei sie ein Geschenk. Sie lag da und ruderte mit den Ärmchen.

Die Erinnerung an alte Hausmittel stieg in ihm auf. An Lügenmärchen, für die er sich zu schade sein sollte. Und dennoch … Er presste den Daumen auf die Klinge, bis ein Blutstropfen hervorquoll, und ließ ihn in den Mund des Kindes tropfen. Nichts passierte. Er verfluchte seine eigene Dummheit. Was hatte er erwartet? Reißzähne?

Es gibt keine Blinden.

Thorrald stützte die Arme auf den Tisch und murmelte: »Was zum Draumheim bist du? Du bist kein Geist. Und du bist keine Blinde. Bist du nur missgestaltet?« Er drehte sie auf den Bauch und strich mit der Hand das Rückgrat entlang, wo der Schwanz hätte sein sollen. Weiß der Seher, er gehörte nicht zu denen, die etwas auf Altweibergewäsch gaben, aber das Kind sprach für sich. Sie war kein Ymling.

Du bist Fäulnis.

Er starrte auf seine Hände, als hätten sie schon angefangen zu verfaulen. »Ich kann dich nicht hierbehalten. Niemand könnte das!« Er hob sie hoch und hielt sie ein Stück von sich. Sie war nur ein paar Tage alt. Den Kopf bedeckte weicher Flaum, kupferrot im Schein des Feuers.

»Ich kann dich töten. Das sollte ich tun. Meine eigene Haut retten.« Aber er wusste, dass er es nicht fertigbrachte. Er hatte es schon gewusst, als er sie beim Steinkreis aus dem Schnee grub. »Du wirst es mir nicht danken, Mädchen. Das Leben draußen auf den Straßen ist kein Vergnügen. Und du findest unter den Tischen der Bierstuben bessere Gesellschaft als mich.«

Die Kleine lächelte ihn zahnlos an. Er legte sie wieder hin. Er wusste, was er zu tun hatte. Das war schwieriger, als sie zu töten, aber er hatte keine Wahl. Er konnte nicht mit einem schwanzlosen Mädchen umherziehen. Er starrte auf den Rest Bier, der im Krug noch übrig war. Dann nahm er die Schachtel mit Traumkappe aus dem Regal. Stark genug, ein so kleines Wesen umzubringen. Er musste vorsichtig sein. Thorrald ließ eine Prise des Pulvers in den Bierkrug rieseln und rührte alles um, bis es nicht mehr schäumte.

»Ist dir klar, was das hier kostet, Mädchen?« Er tunkte einen Stoffzipfel ins Bier und legte ihn auf ihren Mund. Sie saugte daran wie an einer Frauenbrust. Er wartete, bis ihre Augen langsam zufielen, und zog das Messer aus der Tischplatte. Es hinterließ eine helle Wunde im Holz.

Thorrald grub die Klinge in den Rücken des Mädchens. Es schrie. Er legte der Kleinen die Hand auf den Mund. Ihr Schluchzen schnitt sich in ihn hinein, so wie er in sie hineinschnitt. Blut rann auf den Teppich und er war erleichtert, dass sie bluten konnte. Was hatte er erwartet? War er dabei, hysterisch zu werden?

Thorrald ließ nicht eher von ihr ab, bis sie über den Pobacken eine tiefe Wunde hatte; Kratzspuren am Rücken wie von Krallen. Das Mädchen hörte schneller auf zu weinen, als er gedacht hatte. »Wenn jemand fragt, dann hat der Wolf sich deinen Schwanz geholt. Hörst du das? Der Wolf!«

Sie schloss die Augen. Plötzlich bekam er Angst, dass er ihr zu viel Traumkappe verabreicht haben könnte. Er legte sein Ohr an ihre Brust und horchte, ob sie richtig atmete. Nicht dass er gewusst hätte, was richtig atmen bei einer Missgeburt bedeutete.

Schicksalskind. Du wirst noch mein Tod sein.

Thorrald ließ sie auf dem Tisch liegen. Er zog den Pelz enger um sich und ging hinaus in den Sturm. Wie ein verängstigtes altes Weib glaubte er, Schatten zwischen den froststarren Tannen zu erkennen. Aber dort war niemand. Keine Schwarzröcke. Kein jäher Tod, der hinter den Büschen auf ihn lauerte. Noch nicht.

Das Einzige, was er sah, war Ulvheim. Zum allerletzten Mal. Er zog den Spaten aus dem Schnee und begann, sich einen Weg zum Wagenschuppen zu schaufeln.

Rime ist zurück

Die umgestürzte Tanne lag wie eine halb verrottete Brücke über der Alldjup-Schlucht. Die Rinde war aufgesprungen und blätterte in großen Stücken ab, sodass der Stamm mit jedem Jahr nackter wurde. Etwa zwanzig Schritte waren es hinüber auf die andere Seite. Eine Abkürzung für mutige Eichhörnchen. Aber nichts, woran sich Leute versuchen sollten.

Hirka widersetzte sich ihrem Bauchgefühl und machte einen weiteren Schritt. Der Stamm ächzte unter ihren Füßen. Er hatte wohl kaum je zuvor das Gewicht von Leuten gespürt und er roch verdächtig morsch. Sie ertappte sich dabei, dass sie etwas Nettes über ihn dachte, als könnte ihn das daran hindern, sie hinunter in die klaffende Wunde des Abgrunds zu werfen. Sie würde auf den Steinen im Streitwasserfluss zerschellen, der ungerührt tief unter ihr dahinfloss.

Ich habe keine Angst.

Sie hob den Blick. Vor ihr, mitten auf dem Stamm, saß Vetle und winselte wie ein Hund. Er war fünfzehn Winter alt, so wie Hirka, aber im Kopf war er wie ein kleines Kind. Ein blauäugiger Junge, der nie älter wurde, obwohl sein Körper wuchs. Vetle vertraute den Leuten zu sehr, aber vor allem anderen hatte er Angst. Also wie zum Draumheim hatten sie es geschafft, ihn so weit hinaus auf den Stamm zu locken?

Schlangenbrut! Mochten die Blinden sie fressen!

Die Schwachköpfe, die dafür verantwortlich waren, saßen auf sicherem Grund am Waldrand. Sie spürte ihre Blicke im Rücken brennen. Die Bande konnte es kaum abwarten zu sehen, wie sie abstürzte. Hirka hatte nicht vor, ihnen diesen Gefallen zu tun. Aber sie hatte vor, sich an den Fingerknöcheln die Abdrücke von Zähnen zu holen, wenn das hier zu Ende war. Kolgrim würde bis zum Herbst nur noch Suppe essen können. Sie ballte die Fäuste. Ihre Handflächen waren verschwitzt.

Vetle schaukelte zwischen den Schluchzern beunruhigend hin und her. Hirka machte ein paar entschlossene Schritte vorwärts. Ein Aststumpf brach unter ihrem Fuß und sie zuckte zusammen. Die Arme ruderten, als führten sie ein Eigenleben und verstünden, dass sie Hilfe brauchte, bevor es ihr selbst klar wurde. Sie fand ihr Gleichgewicht wieder. Der Puls schlug ihr wie ein Hammer im Hals. Die Knie zitterten.

»Kriegst du Schiss, Schwanzlos?«

Kolgrims Ruf folgte ein vorhersehbarer Chor aus schallendem Gelächter. Das Echo hallte von den Felswänden der Alldjup-Schlucht wider. Schwanzlos! Schwanzlos! Schwanzlos!

Hirka drückte den Rücken durch. Sie durfte sich nicht provozieren lassen. Noch nicht.

Vetle stand Todesängste aus. Er weinte laut, wie er da in einem Gewirr aus nackten Ästen saß, die schon lange alle Nadeln verloren hatten. Sein Gesicht hatte er hinter seinem Arm versteckt, als ob das half, nichts zu sehen. Seine Hand umklammerte ein kleines Holzpferd.

»Vetle, ich bin’s, Hirka. Schau mich an!«

Das Weinen verstummte. Er lugte hinter dem Arm hervor. Ein Lächeln breitete sich auf dem rotfleckigen Gesicht aus. Hirka war sofort klar, dass sie einen großen Fehler begangen hatte. Vetle sprang auf und stürmte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu.

»Vetle! Warte!«

Aber es war zu spät. Er warf sich ihr entgegen und sie verlor den Halt. Hirka drehte sich im Fallen und schlang die Arme um den Stamm. Vetle landete schwer auf ihrem Rücken und presste ihr sämtliche Luft aus der Lunge. Das Holzpferd in seiner Hand scheuerte an ihrer Wange. Der Baumstamm gab mehrmals ein schreckliches Knacken von sich.

Ein Schwarm Krähen flog aus den Tannenwipfeln auf und verzog sich krächzend in den Wald. Vereinzelte Rufe verrieten, dass Kolgrim und die anderen Bengel es eilig hatten, wegzukommen. Alles und alle verließen den Ort des Geschehens, als sei ihnen klar geworden, dass das hier direkt ins Draumheim führen würde. Hirka schrie vor Zorn.

»Du bist ein Schwächling, Kolgrim! Hörst du?!«

Ihr kam der Gedanke, dass niemand erzählen würde, was geschehen war. Sie und Vetle würden einfach spurlos aus dem Dorf verschwinden.

»Ein toter Schwächling!«, fügte sie hinzu und hoffte, dass sie Gelegenheit haben würde, ihre Drohung in die Tat umzusetzen.

Hirka spürte, wie sich ihr der Magen zusammenzog. Der Stamm gab langsam nach. Die Krone war abgebrochen und die Tanne schrammte die gegenüberliegende Felswand entlang abwärts. Die Neigung wurde immer steiler.

Willst du leben oder sterben?

»Lauf, Vetle! Jetzt!«

Wie durch ein Wunder erkannte Vetle den Ernst der Lage und zog sich an ihr hoch. Schonungslos drückte er sein Knie zwischen ihre Schulterblätter, aber es gelang ihm, über sie zu klettern und auf den Stamm zu springen. Hirka klammerte sich fest. Sie kniff die Augen zusammen und wartete auf den Knall, der kommen musste. Wurzeln wurden aus der Erde gerissen und zersprangen wie Bogensehnen. Erde und Gestein prasselten auf sie nieder. Dann wurde es wieder still, genauso plötzlich, wie es begonnen hatte.

Sie öffnete die Augen. Erst das eine, um nachzusehen, ob es sich lohnte, auch das andere aufzumachen. Die Wurzeln hatten gehalten. Sie baumelte vor der Felswand. Vetle rief von oben.

»Jomar!«

Sein Holzpferd segelte an ihr vorbei in die Tiefe. Es beendete seine Tage mit einem traurigen Platschen im Streitwasser. Aber Vetle hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Er hatte es auf den Rand der Schlucht geschafft. Das Wunder des Sehers, dachte Hirka in einem seltenen Anflug von Frömmigkeit.

Sie guckte vorsichtig nach oben. Die Wurzel hing wie das klaffende Maul eines Trolls ein Stück über ihr. Unmöglich, daran vorbeizukommen. Blut lief ihr von der einen Hand den Arm hinab. Sie musste schnell handeln – bevor sie die Schmerzen spürte.

Sie griff zum Taschenmesser, rammte es in den Baum und zog sich hoch, bis sie die Wurzel erreichte. Trockene Erde rieselte ihr ins Gesicht. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sie fortzublinzeln. Sie hörte sich selbst lachen.

Schlimmer kann es wenigstens nicht mehr werden.

Sie schlang die Schenkel um den Baumstamm und steckte das Messer wieder weg. Dann streckte sie sich und tastete die Oberseite der Wurzel ab. Sie musste irgendetwas finden, woran sie sich festhalten konnte.

Eine starke Hand packte ihren Arm.

»Eine Kerbe für mich, wenn ich dich hochziehe?«

Hirka hätte fast den Halt verloren. Träumte sie? Diese Stimme … Diese Stimme kannte sie! Oder hatte sie sich so sehr den Kopf gestoßen, dass sie sich das nur einbildete?

Eine Kerbe für mich? Es konnte niemand anderes sein.

Rime ist zurück!

Zwar hatte sie seine Stimme drei Sommer lang nicht gehört und sie war tiefer, als sie sie in Erinnerung hatte, aber er war es. Daran gab es keinen Zweifel. Hirka antwortete nicht sofort. Es konnte ja gut sein, dass sie fantasierte. Das geschah gar nicht so selten, sagten die Leute. Aber die Leute sagten viel Seltsames über sie.

Was zum Draumheim machte er hier?

Rimes Griff war warm und fest um ihre Hand. Widerwillig merkte sie, dass sie schon viel ihres Gewichts an ihn abgegeben hatte.

»Hast du dich entschieden?«, kam es kühl vom oberen Rand.

»Ich brauche keine Hilfe!«, antwortete sie.

»Du glaubst also immer noch, du kannst fliegen? Oder hast du eine andere Strategie, wie du daran vorbeikommst?«

Sie hörte, wie er gegen die Wurzel trat, und mehr Erde rieselte ihr ins Gesicht. Sie wandte sich ab und spuckte schwarze Bröckchen aus. Er glaubte wohl, er habe gewonnen. Der verwöhnte Verräter! Da hatte sie ihr Leben riskiert, um Vetle zu retten, und dann kam er angerauscht, um Kerben einzuheimsen, und das auch noch in einer Notlage. Das war unglaublich kindisch. Widerlich! Aber er erinnerte sich …

Hirka biss sich auf die Unterlippe, um ein Lächeln zu unterdrücken, obwohl niemand sie sehen konnte, wie sie dort hing. Die Schultern brannten. Ihr ging es gegen den Strich, es zuzugeben, aber ohne Hilfe würde sie auf keinen Fall hinaufkommen.

»Ich hätte das problemlos geschafft, wenn du nicht meine Zeit verschwendet hättest. Du kannst eine halbe kriegen.«

Er lachte ein tiefes und heiseres Lachen, das eine Flut an Erinnerungen an eine Zeit auslöste, als alles einfacher gewesen war. Ihr schnürte sich unwillkürlich die Kehle zu.

»Du versuchst immer die Regeln zu ändern, während du spielst. Eine Kerbe oder nichts«, sagte Rime.

»Also gut.« Sie musste die Worte hervorpressen. »Eine Kerbe für dich, wenn du mich hochziehst.«

Kaum hatte sie das gesagt, wurde sie auch schon vom Baumstamm weggerissen. Einen Augenblick lang hing sie hilflos über dem Rand des Abgrunds, dann wurde sie hochgehoben und auf festem Boden abgesetzt. Rime ließ sie los und sie machte ein paar prüfende Schritte, als wolle sie sich vergewissern, dass sie immer noch auf beiden Beinen stehen konnte. Das ging besser, als sie befürchtet hatte.

Vetle saß wie ein leerer Sack auf dem Boden und zupfte abwesend an einem Riss in seinem Hemdsärmel. Rime stand vor ihr, als sei er nie fort gewesen.

»Wo tut dir was weh?«, fragte er.

Er war derselbe wie früher. Stürzte sich immer ohne Umschweife auf den wundesten Punkt. Wie ein Raubtier, das beweisen musste, wer der Stärkste war, wer am meisten aushielt.

»Mir tut nichts weh«, antwortete sie und versteckte ihre Hand hinter dem Rücken. Sie sah vermutlich zerfleischt aus.

Rime stellte Vetle wieder auf die Füße. Der Junge schniefte. Sein Schwanz hing schlaff auf den Boden. Hirka beobachtete Rime verstohlen, während seine Hände auf der Suche nach Verletzungen über Vetles Nacken und Gelenke glitten.

Sein Haar war länger, als sie es in Erinnerung hatte, aber noch genauso schneeweiß. Es reichte über die Schulterblätter und war mit einem Lederband zusammengefasst. Ein paar kürzere Strähnen hatten sich gelöst und hingen ihm links und rechts ins Gesicht, das schmaler war als früher, markanter. Aber da war auch noch etwas anderes … Etwas, das sie nicht richtig benennen konnte. Er bewegte sich anders.

Und er trug Waffen.

Ihr Blick fiel auf zwei Schwerter in schwarzen Scheiden. Sie waren schmal und an einem breiten Gürtel um seine Taille befestigt. Er war wie ein Krieger gekleidet, helles Hemd mit Schlitzen an den Seiten und Stehkragen. Seine Brust kreuzten breite Lederriemen. Er leuchtete vor dem dunklen Wald wie eine Schneekatze.

Hirka wandte den Blick ab. So ein Dummkopf. Warum kam er in diesem Aufzug hierher? Der Kaufpreis hätte bestimmt halb Elveroa einen Winter lang ernährt.

Er drehte sich zu ihr und sie sah die Stickerei auf seiner linken Hemdbrust: den Raben, die wohlbekannten Flügel ausgebreitet. Das war das Zeichen des Rates, das Zeichen des Sehers.

Panik bohrte sich in ihr Herz, unerwartet und tief wie eine Kralle.

Der Seher … das Ritual!

Ihr wurde kalt, als sie begriff, warum er gekommen war.

Nein! Es ist zu früh! Es ist noch Sommer!

Seine hellgrauen Augen begegneten den ihren. Sie hob das Kinn und wich seinem Blick nicht aus, nicht um eine Daumenbreite. Er legte den Kopf schräg und musterte sie mit amüsierter Neugier, als sei sie ein Tier, das er noch nie zuvor gesehen hatte.

»Warst du nicht sonst immer rothaarig?«, fragte er.

Hirka fasste sich an den Kopf und jede Menge Sand rieselte ihr aus dem Haar. Sie versuchte, ihn herauszubürsten, blieb aber mit den Fingern in dem roten Gewirr hängen. Rimes Augen funkelten wie Eis. Ein Ausdruck, den sie so gut kannte, dass es wehtat. Eine kindische Herausforderung. Das passte schlecht zu der Uniform, die er trug, aber es hielt nur einen Moment an, bis sein Gesicht wieder erstarrte. Er schaute in eine andere Richtung. Ihm war wieder eingefallen, wer er war.

Rimes Erscheinen bedeutete Gefahr, das spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers. Sie hatte geglaubt, sie erkenne ihn wieder, aber was sie vor sich sah, war nur eine Erinnerung. Der Mann vor ihr war kein Kindheitsrivale, kein Freund. Er war der Sohn seiner mächtigen Familie. Er war Rime An-Elderin. Er gehörte zu einer Ratssippe.

Nur hatte das früher keine Bedeutung gehabt.

»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben. Ich werde Ilume nach Mannfalla begleiten«, erklärte er. Das bestätigte den Abstand zwischen ihnen.

Hirka verschränkte die Arme vor der Brust. »Normale Leute nennen ihre Großmutter Großmutter. Ich würde das tun, wenn ich eine hätte.« Das war eine dürftige Stichelei, aber ihr fiel nichts Besseres ein. Die Gedanken in ihrem Kopf waren zu Brei geronnen.

»Nicht, wenn sie Ilume wäre«, widersprach er.

Hirka senkte den Blick.

Rime kam zwei Schritte näher. Seine Kleider dufteten sauber nach Salbei. Hinter ihm sah sie, wie Vetle den Hals reckte und in den Abgrund starrte, der sein Holzpferd verschluckt hatte.

»Sie haben vor dem Ritual viel zu tun. Es ist diesmal auch dein Jahr, oder?«, fragte Rime.

Hirka nickte schwach. Die Zeit hatte sie eingeholt und sie merkte, dass ihr schlecht wurde. Mehrere in Elveroa waren in diesem Sommer in ihrem fünfzehnten Jahr. Die anderen hatten seit dem vorigen Jahr die Tage gezählt, neue Kleider genäht und sich Schwanzringe aus Gold und Silber schmieden lassen. Sie hatten die Reise geplant, die alle einmal im Leben machen mussten. Auch Hirka. Der Unterschied war nur, dass sie gern all ihren Besitz dafür gegeben hätte, um das Ritual nicht mitmachen zu müssen.

Rime streckte den Arm nach ihrer Hüfte aus. Sie sprang zurück und griff nach dem Messer, aber es war nicht mehr da. Es glänzte in Rimes Hand. Hirka schluckte und wich vor dem Stahl zurück. Einen Moment lang glaubte sie, er habe sie durchschaut und wolle sie töten, um dem Rat diese Mühe abzunehmen, aber er ging nur zur Baumwurzel.

»Ich bringe Vetle nach Hause«, sagte er und schnitt die wenigen Wurzeln durch, die sich noch gehalten hatten. Die Tanne donnerte in die Alldjup-Schlucht. Allein eine Narbe in der Erde blieb noch von ihr übrig und eine Staubwolke, die im Nebel des Streitwassers funkelte. Die Alldjup-Schlucht sah auf einmal viel breiter aus als vorher. Die Felswände zu beiden Seiten standen nackt da.

»Bitte deinen Vater, nach deiner Hand zu sehen«, sagte Rime.

Sie schnaubte bloß. »Ich habe schon mit sieben Jahren erwachsene Kerle zusammengeflickt!«

Er kam näher und sie musste einen Impuls unterdrücken, zurückzuweichen. Er war fast einen Kopf größer als sie. Seine Lederbrünne knarrte, als er sich zu ihr beugte und ihr Messer zurück ins Futteral steckte.

»Jomar …«, war Vetles traurige Stimme zu hören und sie konnte ihn gut verstehen. Er würde vielleicht ein neues Spielzeugpferd bekommen, aber das wäre nicht dasselbe, auch wenn es aus reinem Gold wäre. Jomar gab es nicht mehr.

Hirka drehte sich um und ging davon. Sie hatte das Gefühl, etwas Wichtiges zu verlassen, sah sich aber nicht um.

Der rote Wagen

Hirka begann zu rennen, sobald sie sicher war, dass Rime sie nicht mehr sehen konnte. Sie ließ den Wald hinter sich und folgte dem Hügelkamm bis zum Meer. Dort war das Risiko am geringsten, jemandem zu begegnen. Als der Wind nach Tang zu riechen begann, konnte sie die Hütte erkennen. Sie stand hoch oben, an die Felswand geduckt, als sei sie aus dem Dorf gejagt worden und habe sich hier verkrochen, um ihre Wunden zu lecken.

Kohlehütte nannten die Leute sie. Die Söldner des Rates hatten dort vor vielen Jahren einmal einen Geächteten herausgeholt und die Kate angezündet. Aber sie wollte nicht recht brennen. Nun stand sie noch immer an Ort und Stelle, beharrlich dem Meer zugewandt, mit schwarz verkohlten Ecken an der Ostseite. Ein Pachtbauer auf Glimmeråsen hatte sich dort hingewagt, um sich am Holz zu bedienen, da ihm jedoch die Angst im Nacken saß, war ihm ein Balken auf den Fuß gefallen und hatte ihm zwei Zehen gebrochen. Das reichte den Leuten. Seitdem hatte sich niemand mehr dorthin getraut, bis sie und ihr Vater sich dort ihr Zuhause eingerichtet hatten. Vater gab nichts auf Altweibergewäsch. Dennoch spürte Hirka beim Anblick der Hütte eine Unruhe. Nicht dass sie Angst bekam, nein, sie fühlte sich dort wohl, hatte aber immer das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn die Hütte in Sicht kam. Etwas, das sie schleunigst abwenden musste.

Es knackte unter den Schuhen. Der Pfad war mit Steinchen bedeckt, die die Klippen bei jedem Unwetter abschüttelten.

Rime war zurückgekommen. Rime An-Elderin.

Der Name sollte ihr leicht über die Lippen kommen, doch er lag ihr schwer wie ein Stein im Mund. Wie Seiks Gewichte, von denen alle wussten, dass sie zu schwer waren, aber wenn die Kontrolleure sie überprüften, waren sie es doch nicht. Der Kaufmann hatte zwei Sätze, erzählte man sich.

Genauso war es mit Rime. Er hatte zwei Namen. Er hatte Elveroa mit dem kurzen, leichten Namen verlassen, mit dem sie ihn angesprochen hatte, seit sie neun Winter alt war; und nun kam er mit dem langen, schweren Namen zurück, der ihn fort von hier und zum Gut seiner Familie hinter den weißen Mauern des Sehers in Mannfalla geführt hatte. Das war eine ganze Welt von hier entfernt.

Sylja auf Glimmeråsen konnte vom goldbesetzten Mannfalla fantasieren, bis die Sonne unterging, aber da Hirka die meiste Zeit ihres Lebens in einem rot gestrichenen Wagen auf den Straßen verbracht hatte, war sie zufrieden mit der Hütte, die sie ihr Zuhause nennen konnte. Ein Ort, von dem sie sagen konnte, sie komme von dort. Was brauchte man mehr?

Sie blieb abrupt vor der Tür stehen. Der Korb! Sie hatte den Korb vergessen. In ihm waren alle Kräuter, die sie den ganzen Tag über gesammelt hatte. Sie lagen noch an der Alldjup-Schlucht, aber sie konnte sie dort nicht zurücklassen. Morgen war Mittsommer. Im Wald würde es dann vor abergläubischen Dörflerinnen wimmeln, die Kräuter pflückten, um von ihrem zukünftigen Liebsten zu träumen. Das waren Kräuter, die sie auf dem Markt verkaufen konnte.

Hirka wandte sich zum Gehen, doch da hörte sie ein Geräusch. Etwas schabte und kratzte innen an den Wänden. Dann war es wieder still. Sie stand wie versteinert auf der Treppe. Sie waren hier! Der Rat war gekommen, um sie zu holen!

Reiß dich zusammen! Du bist für den Rat ohne Bedeutung.

Hirka öffnete die Tür. Sie hatte erwartet, dort drinnen Vater zu sehen, doch das Zimmer war leer. Leerer als sonst. Rachdorn und Sonnentränen hingen von der Decke, aber alle fertig getrockneten Kräuter waren fort. Zwei Wände bedeckten Regale, auf denen Schachteln und Kruken in allen Größen und Formen standen, doch die untersten Regalböden waren leer. Nur schwache Umrisse der Gefäße zeichneten sich in einer dünnen Schicht Ruß von der Feuerstelle ab. Eine der Truhen, die auch als Bank dienten, stand offen. Darin herrschte eine einzige Unordnung, als habe Vater die Sachen aus den Regalen einfach hinunter in die Truhe gefegt. Tee, Fliederbeeren, Rotwurzel, Salben und Tinkturen, Amulette und Seherschmuck.

Hirka holte eine vertraute, zerkratzte Spandose heraus und drehte sie in ihrer Hand hin und her. Das war Immerkraut. Eingelagerter Tee von Himlifall. Die Gabe dort war stark und man musste Draumheim schon nahe sein, wenn man sich nach einer Tasse davon nicht besser fühlte. Das waren die Dinge, die sie jeden Tag verkauften. Die Unruhe in ihr wuchs und zerriss ihr fast die Brust.

Da war das Kratzen wieder. Hirka stellte die Spandose zurück an ihren Platz auf dem Regal und ging nach draußen. Sie folgte dem Geräusch um die Hausecke zur Meerseite und achtete darauf, die Füße dort hinzusetzen, wo Gras wuchs. Sie bewegte sich leise, ohne zu wissen, warum. Sie spähte um die Ecke. Die Unruhe wurde zur Gewissheit, so schwer, dass sie sich um ihre Füße legte.

Vater saß im Rollstuhl und schabte mit einem rostigen Spaten die rote Farbe vom alten Wagen ab, den sie vorher noch nie gesehen hatte. Er musste ihn ausgeliehen haben. Das einzig Blanke daran war die kürzlich geschärfte Kante. Sie schrammte winselnd übers Holz, wenn Vater den Spaten nach oben schob. Vom Wagen fielen ausgeblichene Farbfetzen ab, die wie Herbstlaub um seine Füße herum liegen blieben.

Schweiß färbte den Rücken von Vaters Hemd dunkel. Blutadern liefen über seine Arme und versuchten, sich um die Muskeln zu legen, aber das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Vater war stark und das war für alle deutlich zu erkennen, weil er die Ärmel all seiner Hemden abgeschnitten hatte. Hirka konnte sich an eine Zeit erinnern, als er sie wie alle anderen Leute getragen hatte, aber das war lange her.

»Willst du weg?«, fragte sie und merkte, dass sie die Arme vor der Brust verschränkt hatte. Sie hoffte, dadurch stärker auszusehen.

Vater unterbrach seine Arbeit und schaute sie schuldbewusst an. Doch er hatte sich gleich wieder unter Kontrolle. Er war ein Mann aus Ulvheim. Er stieß den Spaten in den Boden, doch er kippte ins kurze Gras. Denn noch nicht einmal Vater konnte einen Spaten dazu bringen, in Stein stecken zu bleiben. Er fuhr sich mit der Hand über das raspelkurze Haar, dass es sich anhörte wie Schmirgelleder.

»Der Rabe ist gekommen«, sagte er.

Hirka wusste es. Sie hatte es gewusst, als sie Rime sah. Der Rabe war gekommen. Eisvaldr hatte die Tage des Rituals festgelegt.

Wie viel Zeit habe ich noch?

Vater beugte sich vor und hob den Spaten wieder auf. Er schabte weiter Farbe ab.

»Hast du Fortschritte gemacht?«, fragte er. Hirka spannte die Kiefermuskeln an. Warum konnte er es nicht freiheraus sagen? Sie war schuld, dass sie sich wieder auf den Weg machen mussten.

»Willst du weg?«, fragte sie noch einmal.

Vater griff in die Räder und drehte den Rollstuhl herum, sodass er ihr gegenübersaß. Er hievte sich hoch, bis er fast über dem Sitz schwebte, mit dem ganzen Körpergewicht auf den Armen.

Hirka wich einen Schritt zurück. Das war nicht gerecht. Ihr war klar, was er sich von ihr wünschte, es stand nur nicht in ihrer Macht, es ihm zu geben. Und warum sollte sie auch? Sie konnte eine Menge anderer Dinge. Würde man sie verurteilen wegen der einen Sache, die sie nicht konnte?

»Nein. Ich kann nicht umarmen. Und wenn schon? Das ist doch bestimmt früher schon mal vorgekommen. Ich kann doch nicht die Einzige sein?«

Ihre Frage blieb unbeantwortet. Er wusste, dass sie nicht umarmen konnte. Er hatte es immer gewusst. Warum war es ausgerechnet heute wichtig?

Das Ritual. Alles drehte sich um das verfluchte Ritual.

Das kalte, lähmende Gefühl stellte sich wieder ein. Ihr Herz schlug schneller.

»Das ist doch bestimmt früher schon mal vorgekommen?!«, wiederholte sie. »Ich kann unmöglich die Einzige auf der Welt sein? In allen elf Reichen?«

Vater schaute sie an. Seine Augen saßen tief und waren nicht ganz gesund, wie die Beine auch. So war das also. Sie war eine Missgeburt, die nicht umarmen konnte. Sie war blind für die Gabe. Betrogen um das, was alle anderen hatten. Sie besaß keine Gabe. Und keinen Schwanz. Wie ein Echo schossen ihr Kolgrims Rufe durch den Kopf.

Schwanzlos …

Hirka drehte sich trotzig um und ging weg. Sie hörte, dass Vater nach ihr rief, aber sie blieb nicht stehen. Am Ende des Felsvorsprungs kletterte sie auf die höchste der drei Birken, die dort standen. So hoch, wie sie konnte, bis die Zweige zu dünn wurden. Sie setzte sich dicht an den Stamm und schlang die Arme darum, um nicht hinunterzufallen. Ihre Hand brannte, die Wunde blutete wieder. Sie hatte sie vergessen.

Rime ist zurück.

Hirka schämte sich plötzlich. Sie benahm sich wie ein kleines Kind. Nichts wurde anders, nur weil sie auf einen Baum kletterte. So etwas machten Erwachsene nicht, so verhielten sich normale Leute nicht. War es da merkwürdig, dass sie draußen auf den Straßen gelebt hatten? War es da ein Wunder, dass sie nichts mit anderen Leuten zu tun hatten, außer um ihnen zu helfen, wenn sie krank waren? Das war kein bisschen merkwürdig. Das war ihre Schuld. Sie war nicht so, wie sie sein sollte.

Hirka umklammerte den Baumstamm fester.

Sie hatte Vetle gerettet. Zählte das nicht?

Nein, Vetle wäre allein zurechtgekommen. Sie war es nicht. Rime hatte sie gerettet. Aber sie hatte sich getraut, es zu versuchen! Sie hatte sich vieles getraut. Sie hatte im frühen Helfmond im Streitwasser gebadet, noch ehe das Eis getaut war. Sie war von der Schwarzklippe gesprungen, während das ganze Pack dabeistand und glotzte. Hirka hatte vor nichts Angst. Warum dann vor dem Ritual?

Weil Vater Angst hatte.

Vater hatte Angst. So viel Angst, dass er Elveroa verlassen wollte. Den alten Wagen herrichten und das Leben auf den Straßen wieder aufnehmen. Wunderkuren an Leute verkaufen, die ihnen zufällig über den Weg liefen, und aus immer denselben Knochen Tag für Tag Suppe kochen. Ein Leben, das jetzt unmöglich war, weil er nicht mehr gehen konnte. Aber er wollte es trotzdem. Abhauen. Warum? Was war die schlimmste Strafe, die der Rat für ein Mädchen vorsah, das nicht umarmen konnte?

Hirka wollte nicht daran denken. Sie zählte stattdessen die Blätter an der Birke. Nach sechshundertzweiundfünfzig Blättern war ihr, als höre sie Vater erneut rufen. Sie reagierte nicht. Und er rief auch nicht noch einmal.

Die Rabnerin

Rime hatte ein Auge auf Vetle, der ihm auf dem Weg zur Rabnerei vorausging. Der Junge redete pausenlos und schmückte das Geschehen in der Alldjup-Schlucht in den schillerndsten Farben aus. Manchmal war er so in seinem Element, dass ihm die Worte im Hals stecken blieben und er wieder von vorn anfangen musste. Jedes Mal, wenn er fast über ein paar Wurzeln gestolpert wäre, musste Rime ihn am Kragen packen und wieder auf den Weg zurückholen.

Die Heide war tiefgrün und badete in der Sonne. Der Überfluss des Sommers hatte die Vögel still und schläfrig werden lassen. Heute war kein guter Tag für unangenehme Gespräche. Und dennoch war es genau das, was ihm bevorstand. Rime merkte, dass er seine Schritte verlangsamte.

Es war befreiend, hier mit jemandem zu gehen, der sich nie verstellte. Vetle war Vetle, ganz gleich, mit wem er sprach. Er hegte keine verborgenen Absichten. In seinen Augen war nie Gier. Er ließ Rime für eine Weile vergessen, wer er war, ein seltenes Vergnügen.

Die Leute in Elveroa behandelten Vetle ein bisschen so wie eine Hofkatze. Er durfte kommen und gehen, wie er wollte. Er bekam Honigbrote von entzückten Hausmüttern, die ihm die weizenblonden Locken zerzausten. Aber niemand erwartete, dass er still saß wie alle anderen, während die Schriftgelehrten im Sehersaal die Messe lasen. Der Junge war hübsch und das war ein Segen, der ihn oft vor der Angst der Leute schützte, vor ihrem Misstrauen gegenüber allem, was anders war. In Vetles Welt verging die Zeit anders als für andere. Für ihn ging es immer um das Unmittelbare, das Naheliegendste. Heute war es verständlicherweise Hirka.

Sie hatte in den vergangenen drei Jahren nicht weniger Rückgrat entwickelt, dass musste er zugeben. Sie folgte nach wie vor ihren eigenen Vorstellungen, ob sie nun klug waren oder nicht. Vetle malte sie in den schönsten Farben, als sei sie eine Göttin aus Brinnlanda. Instinktiv formte Rime mit den Handflächen das Zeichen des Sehers. In Mannfalla hatten die alten Götter und Göttinnen schon längst das Zeitliche gesegnet.

Sie durchquerten eine mit Moos bewachsene Lichtung im Schatten mächtiger Eichenkronen. Vetle lief auf das Haus zu, das auf der anderen Seite der Lichtung mit dem Wald verschmolz. Es glich einem kleinen Turm aus aufrechten Balken, die sich zur Mitte hin an die kräftigen Baumstämme lehnten. Doch diese Bäume hatten noch eine andere Aufgabe. Sie waren Pfeiler in einem Flechtwerk aus Zweigen, die sich großflächig über die Lichtung streckten. Auf den ersten Blick war daran nichts Ungewöhnliches, vor allem nicht jetzt im Spätsommer, wenn das Laub dicht und grün war. Aber dann hörte man das Krächzen der Raben und entdeckte, dass sie eine große, kreisförmige Einfriedung bildeten. Die Rabnerei.

Zu Hause in Eisvaldr gab es mehrere davon und der Rat schickte Briefe nie anders als mit Raben. Ramoja hatte die alleinige Verantwortung für die wichtigste Korrespondenz nach und von Elveroa. Normale Briefe wurden hier wie in Mannfalla mit Wagen befördert, aber wenn sie über Nacht und unbemerkt zugestellt werden sollten, dann waren die Raben nicht zu schlagen. Sie waren die schwarzen Boten, die Flügel des Rates, heilige Träger von Nachrichten und von Befehlen über Leben und Tod. Ein Großteil von Mannfallas unübertroffener Macht basierte auf dem Netzwerk der Raben, die nie ruhten.

Rime hörte, dass sie von einem Fremden flüsterten, der sich näherte. Er wurde beobachtet. Mit Blicken gemessen. Er wurde als ein Sohn des Sehers erkannt und die Raben beruhigten sich. Rime blieb stehen. In der Stille schwang Erwartung, Hunger mit. Wie der Blutdurst eines Tigers, unschuldig, notwendig, aber stark und unvorhersehbar. Schwarze Schatten strichen ungeduldig zwischen den Tannen umher. Er setzte seinen Weg fort und das Krächzen hob aufs Neue an. Ein anschwellender Chor von Ansprüchen, die nach Erfüllung verlangten.

Eine tiefe Frauenstimme vermischte sich mit dem Lärm.

»Sie haben gesagt, es seien bekannte Leute, aber ich weiß nicht, ob ich glauben kann, was ich sehe.«

Ramoja trat aus der Einfriedung. Ihre Hüften tanzten hin und her, wie es nur Hüften aus Bokesj konnten. Das pechschwarze Haar war in einem dicken Pferdeschwanz gebändigt, der ihr steif vom Hinterkopf abstand wie das Schwanzgefieder einer Krähe. Sie war schlanker geworden, wie er durch die weite, hauchdünne Hose erkennen konnte. Die Hosenbeine waren unten um die Knöchel mit einem Band aus goldenen Perlen festgebunden, die bei jedem ihrer Schritte klirrten. Solche Hosen trugen auch die Tänzerinnen in Mannfalla. Nach einigen Jahren in Elveroa hielt Ramoja noch immer an ihrem Status als Fremde fest.

Vetle lief auf sie zu.

»Mama! Wir sind in die Alldjup-Schlucht gefallen!«, verkündete er stolz. Ramoja stellte ungerührt einen blutverschmierten Eiseneimer im Moos ab und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Sie hielt ihn eine Armeslänge von sich, während ihr Blick schnell über seinen Körper wanderte, um festzustellen, ob er unversehrt war. Dann wandte sie sich wieder an Rime. Er suchte nach Spuren von Besorgnis in ihren Augen, fand aber keine.

Sie waren ein merkwürdiger Anblick, die Rabnerin und ihr Sohn, ein fast erwachsener Mann, der wie ein Kind dachte und handelte. Und er war so blond wie sie dunkel. Vetle begann zu erklären und Rime mischte sich ein, um der Schreckensgeschichte zuvorzukommen, die er unterwegs schon so oft gehört hatte. Er erzählte Ramoja, was geschehen war. Sie nahm es, wie es war, und schimpfte den Jungen auch nicht aus. Vetle hatte sich immer frei bewegen dürfen, ungeachtet der offensichtlichen Gefahren.

»Niemand ist gefallen. Das ist das Wichtigste«, sagte Rime, obwohl Ramoja nicht den Anschein machte, als müsse sie beruhigt werden.

»Wir werden alle fallen, früher oder später. Nichts währt ewig«, antwortete sie nur.

Dann nahm sie den Eimer und kam auf ihn zu, eine Hand erhoben, als wollte sie ihm die Wange tätscheln. Doch das tat sie nicht. Sie ließ die Hand wieder sinken. Solange er zurückdenken konnte, war sie wie eine Mutter für ihn gewesen. Jetzt sah sie etwas in ihm, was sie nicht berühren wollte. Dasselbe, was Hirka dazu bewegt hatte, ihm den Rücken zuzukehren und zu gehen. Es war, als wüssten sie es. Als habe sich alles, was er in den zurückliegenden drei Jahren gesehen und getan hatte, auf seiner Haut, in seinen Augen abgelagert. Rime verspürte einen Anflug von Trauer, die er sofort erstickte. Ramoja nahm den Eimer in die andere Hand und der Griff knarrte. Er roch nach rohem Wild.

»Ich habe dich nicht mehr gesehen seit …«

Rime half ihr. »Seit dem Ritual.«

Sie schaute ihn an. Ihre Augen waren braun und mandelförmig in einem olivfarbenen Gesicht. Sie changierten zwischen Kälte und Wärme, randvoll mit dem, was sie sagen wollte. Trotzdem kam nichts anderes als eine leise Bestätigung.

»Ja, seit dem Ritual …«

Ramoja schüttelte die alten Erinnerungen ab und schob Rime und Vetle ins Haus. Sie stellte den eisernen Eimer auf dem Boden ab und setzte den Wasserkessel auf die glimmende Feuerstelle. Rime sah sich um. Der Raum war noch genauso eng, wie er ihn in Erinnerung hatte, mit einer kleinen Kammer ganz hinten, abgeteilt durch einen Vorhang aus einem unbenutzten Fischernetz. Das Sonnenlicht fiel dort durch eine Luke, die für die Raben immer offen stand. Eine Leiter führte nach oben in den ersten Stock, wo, wie Rime wusste, große Mengen Papier in kleinen Regalfächern gestapelt lagen, sortiert nach Größe und Gewicht. Hier unten war die nächste Ecke bedeckt mit Ablagefächern, in denen Ramoja jede Menge schmale Hülsen aus so unterschiedlichem Material wie Leder, Holz und Bein aufbewahrte. Einige lagen verteilt auf einem schmalen Arbeitstisch aus grünem Glas. Ein Rabe war dabei, sie mit dem Schnabel – eine nach der anderen – in das richtige Fach einzusortieren. Die Klauen des Vogels klapperten auf dem Glas, wie er da langsam hin- und herlief.

Als Rime sich an den Fenstertisch setzte, drehte der Vogel sich nach ihm um. Er hatte Rime gespürt, noch ehe er ihn gesehen hatte. Dann sprang er mit einem Satz auf Rimes Tisch und kam ganz nah zu ihm. Er blieb an seinem Arm stehen, der auf dem Tisch ruhte, und legte den Kopf schräg. Der Rabe war groß, hatte aber ein schmales Gesicht. Im Sonnenlicht schimmerte sein Federkleid lila und blau. Kleine schwarze Daunen umgaben die Schnabelwurzel. Rime konnte kleine Kratzer auf dem Schnabel erkennen, die vom lebenslangen Gebrauch herrührten. Der Vogel blinzelte.

Rime hätte ihm gern gegeben, was er haben wollte, doch er konnte hier nicht umarmen. Als verstünde er, dass das Spiel verloren war, begann der Rabe, mit dem Schnabel an seinem Hemdsärmel zu zupfen.

»Arnaka!«

Ramoja hob das stolze Tier mit beiden Händen hoch, als sei es ein gewöhnliches Huhn, und warf es hinauf zur Dachluke. Der Vogel flog ohne Protest in die obere Etage, stieß aber einige beleidigte Krächzer aus.

»Sie ist sonst nicht so ungezogen.«

Ramoja reichte ihm eine einfache Tonschale mit Tee und setzte sich ihm gegenüber.

»Das war wohl keine Überraschung.«

Er brauchte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass sie immer noch von dem Ritual sprach und von der Bestätigung, die er dabei erhalten hatte, dass die Gabe ihn stark durchfloss. So war es schon bei seiner Mutter gewesen und so war es immer noch bei Ilume. Wie bei allen zwölf Ratsfamilien, die seit Generationen die Worte des Sehers auslegten.

Ramoja wandte den Blick nicht von ihm ab. In dem Punkt erinnerte sie ihn sehr an seine Großmutter. Doch diese Augen waren das genaue Gegenteil von Ilumes. Diese hier strahlten. Sie waren die Augen einer Mutter.

Ramoja hatte eine ehrenvolle Stellung als Rabnerin in Mannfalla aufgegeben, um Rimes Großmutter zu ihrem Dienst im Rat von Elveroa zu folgen. Rime kannte auch den Grund dafür. Es war schwierig, Ramoja anzusehen, ohne daran zu denken, obwohl er davon eigentlich keine Kenntnis haben sollte. Doch der Berg an Dingen, von denen er eigentlich nicht hätte wissen dürfen, war höher als der Glockenturm in Mannfalla gewesen, noch ehe er zehn Winter alt war.

Rime trank. Die Wärme breitete sich in seinem Mund aus.

»Jedes Mal, wenn ich dich sehe, entdecke ich in deinen Gesichtszügen mehr von ihr«, stellte sie fest.

»Man wird älter«, antwortete er, weil ihm nichts Besseres einfiel. Er wusste nicht, wie seine Mutter ausgesehen hatte, kannte sie nur von dem gewebten Bild, das im Wintergarten zu Hause in Eisvaldr hing. Es zeigte eine Frau mit schmalen Händen, die nach den Zapfen in einer knorrigen Föhre griffen, die immer noch in dem Garten stand, der ihren Namen trug. Rime war erst sechs gewesen, als seine Eltern im Schnee umkamen.

»Älter? Du bist achtzehn«, lachte Ramoja und schlug ein Bein übers andere. Die goldenen Tropfenperlen, die ihre Hosenbeine zierten, klackerten aneinander.

Ihr Gesicht wurde schnell wieder ernst. Wohl wissend machte sich Rime auf das gefasst, was kommen musste.

»Was machst du gerade, Rime?«

»Was meinst du?« Er verschaffte sich etwas Zeit. Er wusste nur zu gut, was sie meinte.

»Sie sagen, dass du in der Garde anfängst. In der Leibgarde?«

Rime nickte und suchte nach etwas, worauf er den Blick ruhen lassen konnte. Zwei tote Kaninchen lagen auf einer Bank neben der Feuerstelle. Wahrscheinlich für die Raben, die oft besser aßen als die Leute. In der Kammer hinter dem Fischernetz trieb sich Vetle unruhig herum, als suche er nach etwas, ohne sicher zu wissen, was es war. Ramoja lenkte Rimes Blick wieder auf sich.

»Hast du mit ihr gesprochen, seit du zurück bist?«

»Sie ist bis heute Abend auf Ravnhov.«

Ramoja sagte nichts, deshalb fügte er hinzu: »Dann werde ich mit ihr sprechen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Rime An-Elderin, Ilumes einziges Enkelkind, geboren und aufgewachsen in Eisvaldr, und du verleugnest deinen Platz im Rat?«

»Ich verleugne nichts.« Er wusste, dass das hohl klang. Eine solche Entscheidung konnte unmöglich anders als mit einer Verleugnung erklärt werden. Aber die Wahrheit war noch viel schlimmer.

»Ist es wirklich das, was du willst?« Berechtigter Zweifel lag in Ramojas Stimme. Sie beugte sich zu ihm, die Hände vor sich auf dem Tisch. Die Armreife klirrten.

»Ich will ihnen dienen«, hörte er sich antworten.

Ramoja lehnte sich wieder zurück. »Ja, zweifellos hat auch die Leibgarde viele wichtige Aufgaben zu erfüllen.«

Das stimmte, aber Rime hörte an ihrer Stimme, welch schwacher Trost das war. Er spürte den schalen Beigeschmack seiner eigenen Lüge. Das war neu. Eine neue Maske, die er tragen musste. Für Ramoja war er der schwächliche Sohn einer starken Familie. Für seine Großmutter war er ein Verräter. Allein der Rat kannte den wahren Grund für diese Entscheidung und den konnte er mit niemandem teilen.

»Die Schriftgelehrten in Mannfalla protestieren schon; das weißt du?«, fragte sie.

»Die Augen des Sehers protestieren immer. Das geht vorbei. Nächsten Monat ist das vergessen.«

»Vergessen? Die einzige Unterbrechung in der Ratszeit derer von An-Elderin seit den ersten Stühlen? Rime An-Elderin, das Kind, von dem der Seher sagte, dass es leben sollte? Der Junge, der eigene Sehersäle hatte, noch ehe er überhaupt geboren war?«

Bei ihren Worten zuckten seine Mundwinkel. Er unterdrückte einen primitiven Impuls, die Zähne zu blecken. Es war schwieriger als sonst. Vielleicht, weil es bald vorüber war. Er würde nie mehr gezwungen sein, den eigenen Mythos zu leben. Nur die Auseinandersetzung mit Ilume stand noch aus.

Ramoja suchte in seinen Augen immer noch nach einer Antwort. Er ließ sie suchen. Sie würde sie nie finden.

»Hast du den Eid abgelegt, Rime?«

Er nickte und sah, wie ein Ausdruck von Schmerz über ihr Gesicht huschte. Also hatte auch sie geglaubt, er würde seine Meinung ändern.

»Du findest, ich verrate das Andenken meiner Mutter«, sagte er.

»Nein, nein!«

Ramojas Augen weiteten sich und der Schleier, der ihre Gefühle verbarg, hob sich für einen Moment. Ein Zeichen, das kaum ein anderer als er hätte deuten können. Er war mit dem Verdeckten aufgewachsen und hatte gelernt, den Unterschied zu sehen. Sie sagte die Wahrheit.

»Du entscheidest nach deinem Herzen, Rime. Nicht nach denen der Toten. Das kann dir niemand nehmen, nicht einmal …«

»Nein, nicht einmal sie.«

Er lächelte. Das war das Erste, woran alle dachten: Was würde Ilume dazu sagen? Wie würde die Matriarchin der Familie An-Elderin die Nachricht aufnehmen, dass sich ihr Enkel für den Weg des Kriegers entschieden hatte, nicht für den vorherbestimmten Weg auf einen der zwölf Stühle, die die Welt regierten und schon immer regiert hatten?

Ramoja schüttelte den Kopf. Nicht einmal sie konnte sich vorstellen, was Rime bevorstand.

»Ich hatte immer gehofft … geglaubt …«

Die letzten Worte kamen schnell, um die Enthüllung zu tarnen, aber es war schon zu spät. Ramoja hatte gehofft, er werde Ilume folgen. Rime war überrascht. Er hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet sie an Traditionen festhalten würde. Sie hatte viele Gründe, es nicht zu tun. In diesem Licht betrachtet war Ramojas Loyalität gegenüber Ilume und dem Rat umso rührender.

Ramoja erhob sich und gleich darauf hörte Rime, wie einer der Raben durch die Luke hinter dem Vorhang hereinflog. Ramoja zog das Fischernetz zurück und scheuchte Vetle aus der Kammer. Der Rabe setzte sich auf ihre Hand, ohne dass sie ein Wort sagen musste. Er kannte die Abläufe. Sie löste eine Hülse, die ganz oben zwischen den Beinen befestigt war.

Rime sah, dass die Knochenhülse das eingebrannte Zeichen des Rates trug. Er war mit dem Zeichen aufgewachsen. Das Zeichen des Sehers. Der schwarze Rabe, von dem alle geglaubt hatten, dass auch er ihn auf der Stirn tragen würde. Ramoja zog die Briefrolle aus der Hülse und überprüfte das Siegel. Der Brief war allein für Ilumes Augen bestimmt. Ramoja schob ihn zurück in die Hülse und steckte sie in die Tasche.

»Gestern ist auch ein Rabe gekommen. Wegen des Rituals. Sie haben es in diesem Jahr wohl früh festgelegt?« Sie schaute ihn an, als glaube sie, er wisse eine Erklärung.

»Ja«, sagte er nur. Es war ein unwirkliches Gefühl, über die Tätigkeit des Rates zu sprechen, als ginge ihn das nichts an. Er würde keiner von ihnen mehr werden.

»Die Leute werden die Gerüchte für wahr halten«, sagte Ramoja. Rime gab keine Antwort. »Aber über das Ritual haben sie sich schon immer das Maul zerrissen«, fuhr sie fort. »Jedes Jahr kurz vor dem Ritual gibt es doch immer jemanden, der sie wieder gesehen haben will.« Sie lachte auf, schaute Rime aber freudlos an, als wolle sie sehen, wie er auf ihre Worte reagierte. Sie nahm wie alle anderen an, er wisse mehr darüber, was der Rat vorhatte. Und in der Regel lagen sie richtig.

»Der Rat kann froh sein, dass die Leute so viel Fantasie haben«, meinte er. »Was hätte das Ritual sonst für einen Sinn, wenn nicht wegen der Blinden?«

Ramoja lachte schief.

»Ist dieses Jahr nicht auch Vetle dran?« Rime schaute den Jungen an, der auf der Bank zur Ruhe gekommen war, den Kopf an die Wand gelehnt. Er öffnete die Augen, als er seinen Namen hörte, schloss sie aber gleich wieder.

Ramoja stand auf, nahm die leeren Teeschalen und kehrte ihm den Rücken zu. »Ja«, antwortete sie.