ROBERT CRAIG

 

Das Trauma-Dossier

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DAS TRAUMA-DOSSIER 

Prolog 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Epilog 

 

Das Buch

 

 

Alix Kendall kommt an das berühmte Lafayette-Institute, um dort an einem streng geheimen Forschungsprojekt mitzuwirken. Doch nicht einmal sie als Mitarbeiterin wird in das tatsächliche Forschungsvorhaben eingeweiht.

Da begegnet sie einem Kollegen, der zwar nicht in Gestalt und Gesichtsausdruck, wohl aber in Sprache und Verhalten ihrem verstorbenen Liebhaber gleicht. Und je profunder ihr Einblick in die Forschungsmethoden am Institut wird, umso stärker bestätigt sich ihr Verdacht, den sie beim Anblick ihres Kollegen hatte: Etwas Entsetzliches wird in dieser Klinik erschaffen, und auch ihr Leben ist bereits in höchster Gefahr...

 

Robert Craigs Medizin-Horrorthriller aus dem Jahr 1984 (das zweite Werk des Autors nach Creepers, 1982) hat bis dato nichts von seiner Intensität und Aktualität verloren – ein Schocker, der auf leisen Sohlen daherkommt und der sich tief in die Alpträume seiner Leser einschreibt.

DAS TRAUMA-DOSSIER

 

 

 

  Prolog

 

 

 

Unter den ersten Sonnenstrahlen hob sich der Nebel, als Dr. Alixandra Kendall in ihrem Wagen über die P-Street Bridge in Washington D.C. fuhr. Jenseits der Brücke lag der Stadtteil Georgetown. Die gepflegten, alten Häuser, die aus dem morgendlichen Dunst emporzuwachsen schienen, hatten etwas Magisches an sich. Alixandra musste lächeln. Ein paar Herzschläge lang vergaß sie, warum sie die Fahrt angetreten hatte. Dann wurde ihr wieder der Zwiespalt bewusst, in dem sie sich befand. Einerseits sehnte sie sich danach, die vergangene Nacht, ja die ganzen letzten Monate in ihrem Gedächtnis zu löschen, andererseits diente ihr der Hass, der tief in ihrem Inneren brodelte, als Antrieb, um jene Aufgabe zu Ende zu führen, die sie schon am Vorabend begonnen hatte: Sie würde ihre Rechnung präsentieren.

Sie verlangsamte die Fahrt ihres Wagens, um in die 24. Straße einzubiegen. Es war eine kurze Straße, von deren Ende im rechten Winkel die O-Street abzweigte. Alix fuhr nicht sehr aufmerksam, der Mangel an Schlaf machte sich bemerkbar. Sie hatte die Kurve zu weit angeschnitten, so dass sie auf die Gegenfahrbahn geriet. Aber das war nicht gefährlich, es gab keinen Verkehr an diesem Morgen. Alix war allein mit den Dunstschwaden, die um die alten Häuser und über die peinlich gehegten Vorgärten wallten. Im Stadtteil Georgetown ein Haus zu besitzen, das war die Visitenkarte für Geld und Erfolg. Leben wie Gott in Frankreich. Aber Alix dachte an diesem Morgen nicht an das Leben, sondern an den Tod.

Dr. Philip Greenspans Haus lag auf der rechten Straßenseite, gegenüber den Tennisplätzen, und es war deutlich größer als die anderen. Der Zugang führte durch ein schmiedeeisernes Tor, dann brauchte man nur noch ein paar Stufen hinaufzugehen und stand vor der Haustür. Unwillkürlich entwarf Alix eine Art Plan, wie die nächsten zehn Minuten verlaufen würden. Sie würde aus dem Wagen steigen und die taufeuchten Steine der Einfahrt überqueren. Vor dem Portal angelangt, würde sie die Glocke betätigen. Sekunden später würde sie die Frage beantworten, die jemand drinnen im Haus ihr stellte. Die Tür würde sich öffnen. Ein erstaunter Blick, weil sie so früh kam. Unweigerlich würde die Aufforderung folgen, ins Haus einzutreten.

Und dann?

Sie bog in eine Parklücke vor Dr. Greenspans Haus ein und zog den Zündschlüssel ab. Für die Dauer einiger Augenblicke starrte sie auf die Tennisplätze. Ob Philip und Nancy Greenspan dort spielten? Ob sie vielleicht vor dem Frühstück ein Match machten, um sich fit zu halten? Unsinn. Wenn Dr. Greenspan und seine Frau überhaupt Tennis spielten, dann weil es ihnen Spaß machte. Die beiden waren derart fit, dass sie keinen Sport brauchten. Und auch ich bin fit, dachte Alix. Sie spürte, wie ihre Energie zurückkehrte. Plötzlich war sie von der gleichen Entschlossenheit beseelt wie am Abend zuvor, als alles begann. Das Ehepaar Greenspan war die letzte Hürde auf dem Hindernislauf, den sie sich vorgenommen hatte.

Sie musste dreimal läuten, ehe ihr geöffnet wurde. Es war Dr. Greenspan, der im Türspalt erschien. Er wirkte verschlafen, das Haar war durcheinander. Dunkle Bartstoppeln bedeckten Kinn und Hals wie ein Schleier. In seinem Schlafanzug, dessen Hosen unter dem Morgenrock hervorschauten, sah er wie ein Junge aus, wie ein Kind. Aber Dr. Philip Greenspan, das mathematische Genie, war alles andere als ein Kind.

»Was wollen Sie?« Er sprach mit der mürrischen Direktheit eines Menschen, der aus dem Schlaf gerissen worden ist.

»Preston March schickt mich«, gab Alix zur Antwort. »Ich habe mit Ihnen zu reden.«

Er sah sie von oben bis unten an. Er musste sich zwingen, die Augen offenzuhalten. »Preston March schickt Sie, so. Das ist anscheinend Grund genug, um mich aus dem Bett zu trommeln. Wie auch immer, kommen Sie rein.« Er ließ sie ein und deutete auf die Tür des Wohnzimmers, die sich am Ende des Korridors abzeichnete.

»Würden Sie bitte Ihre Frau dazu holen.« Es war keine Bitte; es war ein Befehl.

»Aus welchem Grund soll meine Frau dabei sein?«

»Weil Preston das so will«, sagte Alix. Sie wusste, dass der

Name Preston auf einen Mann wie Dr. Greenspan seinen Eindruck nicht verfehlen würde.

Er schüttelte den Kopf, eine Geste, die zwischen Ratlosigkeit und Spott schwankte, und dann sah sie, wie er auf die Treppe zuging, die zum ersten Stock hinaufführte. Philip war fünfundzwanzig, aber er ging mit der Behutsamkeit eines Fünfzigjährigen. Ob Preston March diese Unstimmigkeit auch schon aufgefallen war?

Er war vor der ersten Stufe angekommen und blieb stehen. Er lächelte einem Menschen zu, den Alix nicht sehen konnte. »Wir haben gerade von dir gesprochen«, sagte er.

»Wie schmeichelhaft«, sagte Nancy Greenspan. Sie kam die Treppe herunter und maß Alix mit einem kühlen Blick. »Ich war mir gar nicht bewusst, dass ich ein so interessanter Gesprächsstoff bin. Überhaupt finde ich, dass man derartige Unterhaltungen nicht unbedingt zu nachtschlafender Zeit führen muss.«

Nancy Greenspan war ein Jahr jünger als ihr Mann. Ihre Haut war makellos. Fast erschien es Alix, als sei das Gewebe über den Jochbögen etwas zu straff gespannt. Jedenfalls sah diese Frau nicht aus wie jemand, der noch vor wenigen Minuten geschlafen hatte. Nancy Greenspan war so sorgfältig geschminkt und gekleidet, als hätte sie Alix Besuch seit Tagen erwartet. Sie gab ihrem Mann einen Kuss auf die Wange und ging mit Alix ins Wohnzimmer. Er folgte den beiden Frauen.

»Sie will uns etwas von Preston ausrichten«, sagte Greenspan. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er die Besucherin nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte. »Es muss ja wirklich wichtig sein, wenn sie uns dazu aus dem Bett holt.« Er nahm neben seiner Frau auf dem Sofa Platz. Alix hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht.

»Es ist in der Tat wichtig«, sagte sie und griff in ihre Handtasche, wo der Colt lag. Sie holte tief Luft, zog die Waffe hervor, zielte und drückte ab.

Der erste Schuss durchschlug Dr. Greenspans rechtes Auge, durchpflügte das Gehirn, trat am Hinterkopf wieder aus und zerschmetterte eine Vase mit Narzissen, die in der Flugbahn stand. Der Kopf wurde zurückgeschleudert, der Rumpf kippte nach vom. Alix gab zwei weitere Schüsse ab. Eine Kugel  durchbohrte den Kehlkopf und das Rückenmark, die andere traf Dr. Greenspan ins Herz. Er war tot, noch bevor er auf dem Boden aufprallte.

Nancy Greenspan hatte nicht einmal einen Schrei ausgestoßen, sie war nur etwas in die Ecke des Sofas gerückt. Sie warf einen abschätzigen Blick auf die Leiche ihres Mannes, dann wandte sie sich Alix zu. »Ich hatte damit gerechnet, dass so etwas passieren würde. Wer sind Sie?«

»Ich bin niemand«, sagte Alix.

Nancy Greenspan lachte. »Ich hätte mir denken können, dass Sie ein Niemand sind. Wer jemand ist, der ist so sehr mit der Planung seiner Zukunft beschäftigt, dass er sich um das Töten anderer Menschen nicht kümmern kann.« Sie maß Alix mit einem feindseligen Blick. »Ich werde Ihnen den zweiten Mord nicht ausreden, keine Sorge. Es ist nicht wichtig, ob ich weiterlebe. Ich hatte bereits zweimal das Vergnügen, einmal mehr als die meisten Menschen.« Sie straffte den Gürtel des Hausmantels. »Tun Sie, was Sie tun müssen, Miss Niemand.«

Alix hob die Waffe und drückte ab. Die Kugel traf Nancy Greenspan zwischen die Augen. Ihr Kopf kippte zurück, in einer zweiten Bewegung wurde er nach vorn geschleudert, und dann saß eine Leiche auf dem Sofa, so ruhig und gefasst wie das Wesen, das sie vorher gewesen war. Alix verließ das Haus, ohne sich auch nur umzusehen.

Sie fädelte sich in den Frühverkehr auf der stadtauswärts führenden M-Street ein und warf einen letzten Blick auf die Stadt, die sie liebte. Die meisten Autos fuhren stadteinwärts; am Steuer saßen Pendler, die in Virginia wohnten und in Washington arbeiteten. So war auch Alix früher zur Arbeit gefahren. Aber das war vorbei - vorbei für immer. Sie verließ die Stadt, um nie mehr zurückzukehren. Wahrscheinlich würde sie in Kalifornien leben. An der Westküste war es warm, und die Menschen dort hatten einen Lebensstil, der Alix gefiel. Es gab nur wenige Zwänge. Natürlich würde sie einen neuen Namen annehmen müssen. Beruflich würde sie sich ebenfalls neu orientieren müssen. Aber dazu war noch Zeit.

Sie war eine Stunde gefahren, als die Müdigkeit sie übermannte. Sie bog vom Highway in eine Straße zweiter Ordnung ab. Nach einer Weile fand sie einen Weg, der ins Grüne führte. Sie war jetzt im Bundesstaat Virginia, und sie hatte gute Chancen, etwaigen Verfolgern zu entkommen. Sie öffnete die Fenster einen Spaltbreit, um frische Luft hereinzulassen, verriegelte die Türen und kroch auf den Rücksitz, um zu schlafen.

Der Abschied von Boston, wo sie früher gelebt hatte, die Arbeit für Dr. March am Lafayette-Institute in Washington, D.C., das alles kam ihr jetzt wie ein Traum vor, und die Menschen, die sie in jenem Institut kennengelernt hatte, waren wie Schemen, die sich in der Erinnerung zusammenfügten, um wieder zu unsichtbarem Äther zu zerfließen. Aber diese Menschen waren jetzt nicht mehr wichtig für sie - für Alix zählte nur noch eines: überleben! Sie schloss die Augen, um zu beten. Hoffentlich habe ich alles vergessen, wenn ich wieder aufwache. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass sie das Erlebte nie vergessen würde, und wenn sie hundert Jahre alt wurde. Die Erinnerung an den Alptraum war der Preis, den sie fürs Überleben zu zahlen hatte. Ihre Gedanken glitten ins Reich des Unterbewussten hinüber. Vielleicht, so ging es ihr durch den Kopf, ist der Preis, den ich zahlen werde, zu hoch.

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

 

Sechs Monate später.

Sarah Williams hatte ihr schönstes Kleid angezogen. Sie verschloss die Brosche und trat einen Schritt zurück, um ihr Spiegelbild zu bewundern. Sie musste über sich selbst lächeln. Für gewöhnlich trug sie keinen Schmuck, aber heute war ein besonderer Tag. Sie war mit Alan Fitzroy verabredet. Genaugenommen war es keine Verabredung; sie und Alan würden bei einer Dinnerparty zusammentreffen, in Alans Haus im Stadtteil Georgetown. Ein festliches Abendessen im kleinen Kreis. Wenn schon - eine Party war als Anfang für einen Flirt genauso gut wie ein zufälliges Treffen im Fahrstuhl.

Sarah schwebte geradezu ins Bad. Nach einigem Wühlen fand sie ein Fläschchen Eau de Cologne, das noch aus ihrer Zeit auf dem College stammte. Sie roch daran, um sich zu vergewissern, dass der Duft noch gut war, dann spritzte sie sich ein paar Tropfen auf die Handgelenke, an den Hals und hinter die Ohren. Plötzlich kam sie sich richtig weiblich vor, nach einer Reihe von Monaten, die sie als geschlechtsloses Wesen dahinvegetiert war. Ihre Mutter - sie war vor zwei Jahren gestorben - wäre stolz auf sie gewesen; sie war immer dafür gewesen, dass die Tochter das Leben genoß und die ernsten Dinge des Daseins für später ließ. Aber das hübsche Mädchen interessierte sich nur für sein Medizinstudium. Wäre ihr nicht Alans aufregende Einladung ins Haus geschneit, sie hätte auch diesen Abend wieder über ihren Büchern verbracht. Die medizinische Fakultät der Universität Georgetown stand in den Vereinigten Staaten in hohem Ansehen, entsprechend hoch waren die Anforderungen, die der Lehrkörper an die Studenten stellte.

Sarah hatte Alan Fitzroy zwei Wochen zuvor im Lafayette-Institute kennengelernt, als sie mit ihrer Gruppe die Einrichtungen des Instituts besichtigte. Sie träumte davon, später einmal als Forscherin in diesem Haus zu arbeiten, und während sie über dieses wunderschöne Ziel nachdachte, war sie auf Alan getroffen, der ihr auf dem Korridor entgegenkam. Sie wusste sofort, er war ohne Frage der bestaussehende und der klügste Mann, der ihr je begegnet war. Sie fand ihn so aufregend, dass es ihr die Sprache verschlug. Wäre Alan nicht in ein wohlgelauntes, ansteckendes Gelächter ausgebrochen, sie hätte nicht den Mut gehabt, mit ihm anzubändeln. Als sie ihm dann sagte, dass sie Medizinstudentin war, entfaltete der junge Wissenschaftler seinen ganzen Charme. Er strahlte sie an und bestand darauf, sie höchstpersönlich durch die restlichen Einrichtungen des Instituts zu führen.

Die Führung sollte eine ganze Stunde dauern. Sarah fühlte sich wie im Himmel. Ein Labyrinth von Gängen und Laboratorien tat sich auf vor ihr: Sie besichtigte die Krankenzimmer, das Auditorium für den Lehrbetrieb und überhaupt alles/was den Ruf des berühmten Forschungsinstituts ausmachte. Merkwürdig, dass ihr von all den Eindrücken nur Alans Hand in Erinnerung blieb. Zweimal hatte er sie berührt, während er auf sie einredete, einmal am Arm und das zweite Mal an der Schulter. Seit diesen Berührungen war der Stromkreis geschlossen - Sarah war über beide Ohren verliebt in Alan Fitzroy. Sie wusste natürlich, dass es eine hoffnungslose Liebe war. Ein Mann wie Alan Fitzroy war zu wichtig und viel zu beschäftigt, als dass er sich privat einer kleinen Medizinstudentin annehmen würde, die mit ihren Fantasien ein paar Handbreit über dem Boden schwebte. Aber das Wunder geschah. Sarah hatte die Begegnung mit Alan gerade in die Schublade mit der Aufschrift Unerfüllte Wunschträume einsortiert, als ihr mit der Post seine Einladung zum Abendessen ins Haus flatterte.

Sarah eilte ins Schlafzimmer zurück und stellte sich vor den Ankleidespiegel. Sie sah gut aus. Aber gut war nicht genug, sie wollte perfekt aussehen. Sie hatte mittellanges, braunes Haar. Warum hatte sie keine platinblonde Mähne, die wie ein magischer Fächer um ihren Kopf schwang, wenn sie sich dem Mann ihrer Träume zuwandte? Die Stirn war zu breit, die Nase zu lang, fand Sarah. Die Augen waren grau. Schmutzig-grau. Warum bin ich nicht intelligent und hübsch, dachte sie.

Aber dann gewann ihre gute Laune die Oberhand. Sarah musste auf einmal lachen über die hohen Ansprüche, die sie an ihr Äußeres stellte. Für ihre vierundzwanzig Jahre sah sie äußerst attraktiv aus, jeder sagte das. Es war nur schwer, angesichts des Wiedersehens mit Alan Fitzroy die Selbstsicherheit zu bewahren. Ich bin richtig verknallt in ihn, dachte sie. Und dann meldete sich ihr Intellekt, sie korrigierte sich. Ich bin schicksalhaft verliebt in Alan. Es gab einen wichtigen Unterschied. Wenn sie in ihn verknallt war, würde sie erst mit ihm schlafen, nachdem er ihr die Heirat versprochen hatte. Wenn sie schicksalhaft verliebt war, gab es keine Wartefrist.

Sie holte den Mantel aus dem Schrank, zog ihn über und verließ das Haus. Die kühle Luft eines Septemberabends umfing sie.

Von Sarahs Wohnung in dem Apartmenthaus am Dupont Circle war es nur eine Viertelstunde zu Fuß zu Alan Fitzroys Villa in der R-Street. Das Haus hatte die Ausstrahlung eines herrschaftlichen Anwesens: Ziegelfassade, schwarze Blenden, Kutscherlampen und ein parkartiger Garten, der um die fünftausend Quadratmeter groß sein musste. Aus den auf dem Anwesen verteilten Büschen wehte der Duft blühender Rosen herüber. Auf der ringförmigen Auffahrt parkte ein einsamer Rolls Royce Silver Shadow.

Mit zögernden Schritten ging Sarah auf das Portal des Hauses zu. Der Reichtum beeindruckte sie nicht, wohl aber die Gewissheit, dass sie in wenigen Sekunden Alan Fitzroy, dem Mann ihrer Träume, gegenüberstehen würde. Sie kam sich wie ein Schulmädchen vor. Und wenn schon, dachte sie. Lieber ein Schulmädchen als eine kopflastige Studentin, die mit ihren Mitmenschen im Ton der zukünftigen Ärztin verkehrt. Das Gefühl, sich gehen lassen zu dürfen, war berauschend.

Sie läutete - Alan öffnete ihr. Zunächst war er nur ein Schatten, der vor dem hellerleuchteten Foyer in die Höhe wuchs. Aber Sarah ließ sich nicht täuschen. Der Schatten dort war ihre große Liebe. Sie lächelte ins Dunkel hinein. »Guten Abend, Alan.« Sie sagte es so verführerisch, dass ihr selbst ganz schwindlig davon wurde.

»Sarah Williams!« Er begrüßte sie wie eine gute Freundin, die von einer langen Reise zurückkehrte. Er griff nach ihren Händen und zog sie ins Haus. »Ich bin froh, dass Sie gekommen sind.« Er half ihr aus dem Mantel und reichte das Kleidungsstück an den Butler weiter. »Gehen wir, die anderen warten schon.«

Sarah war derart verlegen, dass sie kein Wort herausbrachte, und so probierte sie ein weiteres Mal ihr verführerisches Lächeln. Alan Fitzroy trug ein elegantes Dinner-Jackett. Ich bin entschieden zu schäbig angezogen für ihn, dachte Sarah. Aber ihre Beklommenheit verflog, als er sie in die Wohnhalle führte, wo sich zwei junge Männer und ein Mädchen aufhielten, die ebenfalls nur Straßenkleidung trugen. Die Wohnhalle war größer als Sarahs Apartment. Sieben Personen waren hier, vier alte und drei junge. Sarah schätzte die älteren auf über sechzig Jahre.

Alan hatte sie am Arm ergriffen, er übernahm die Vorstellung. »Sarah Williams, ich möchte gern, dass Sie Linda Strong, Jack Finlay und Tim Donoghue kennenlernen. Die drei studieren noch, wie Sie.«

Sarah murmelte ein flüchtiges Guten Tag. Es war offensichtlich, dass die drei jungen Leute sich in dem eleganten Rahmen des Hauses ebenso ungemütlich fühlten wie sie. Ihr Blick blieb auf Linda Strong haften, aber nachdem sie das Gesicht und die Figur des Mädchens einer näheren Prüfung unterzogen hatte, war ihr klar, dass Linda keine Konkurrenz darstellte. Diese Studentin hatte nichts, womit sie die Aufmerksamkeit Alans auf sich ziehen konnte.

»Unser später Gast«, sagte Alan. Er führte sie zu den älteren Personen, deren Sessel im Halbkreis aufgestellt waren. »Sarah Williams.« Ein gewinnendes Lächeln belebte seine Züge. »Sie studiert Medizin an der Universität Georgetown.« Er trat einen Schritt zurück.

»Guten Abend«, murmelte Sarah, die sich von vier Augenpaaren aufgespießt fühlte. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen.« Sie war den Tränen nahe.

»Ist sie nicht hübsch!« Alan hatte ihr den Arm um die Taille gelegt. »Sarah, das ist Max Pomfrett.« Er wartete, bis Mr. Pomfrett sich verneigt hatte. »Mrs. Antonia Watson und Herr General Alistair.« Er zog sie zu der Greisin, die am Rande des Halbkreises saß. »Und das ist Mrs. Gretel Heilbrunn.«

»Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte

Mrs. Heilbrunn und reichte Sarah die Rechte. Sie trug ein schwarzes Abendkleid altertümlichen Zuschnitts. Das fahlgelblich schimmernde Haar war zu einer Hochfrisur aufgetürmt. An den faltigen Fingern glitzerten Diamantenin altmodischen Fassungen. Der welke Hals war von einer doppelten Perlenkette verdeckt. Gretel Heilbrunn strahlte verblichene Eleganz und Kälte aus. Vielleicht entstammte sie einer Seitenlinie des Habsburgergeschlechts, oder sie kam aus dem österreichisch-ungarischen Adel. Sie machte kein Hehl daraus, dass sie von Sarah Williams sehr angetan war.

»Setzen Sie sich doch zu mir«, bat sie. »Helfen Sie einer alten Frau, die trüben Gedanken zu vertreiben.«

»Dazu ist später noch Zeit«, ließ sich Alan vernehmen.

»Ich möchte jetzt mit Miss Williams sprechen, Alan. Ich möchte mit ihr sprechen, solange ich noch die Chance dazu habe.« Ihr Mund verzog sich zu einem unangenehmen Lächeln.

»Warum denn nicht, Alan?«, sagte Sarah, um die Situation zu überbrücken.

»Weil ich's nicht will«, sagte er hart. Ihr war, als hätte er die Maske fallen lassen. Als er ihre Bestürzung bemerkte, änderte er seinen Ton. »Das Essen wird gleich aufgetragen, Sarah. Sie können sich beim Essen mit Mrs. Heilbrunn unterhalten, so lang Sie wollen. Jetzt hole ich Ihnen erst einmal ein Glas Champagner.«

»Ich möchte lieber ein Glas Ginger Ale«, sagte Sarah. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass ihr Alkohol rasch zu Kopf stieg. Heute Abend, bei der Begegnung mit Alan, war es wichtig, dass sie ihre fünf Sinne beisammenhielt.

»Sarah, dies ist eine Party«, sagte Alan aufgeräumt. »Ich bestehe darauf, dass Sie mit Champagner anstoßen. Wenigstens ein Schluck! Versprochen?« Er schnippte mit den Fingern. Sofort war der Butler mit einem Silbertablett gefüllter Gläser zur Stelle. »Ich möchte einen Trinkspruch ausbringen«, verkündete Alan.

Das Gespräch der Gäste verstummte, nur noch die Schuhe des Butlers waren zu hören, ein schleifendes Geräusch, das vom Teppich aufgenommen wurde, und das Klingen der Gläser, als die Gäste sich zuprosteten. Sarah beobachtete

Gretel Heilbrunn aus den Augenwinkeln und erschrak, als sie den Blick der Greisin auf sich spürte. Mrs. Heilbrunn taxierte sie wie eine Ware, deren Qualität man abwägt. Gretel Heilbrunn. Wo hatte sie den Namen schon einmal gehört?

»Hat jeder ein Glas?« Alan ließ den Blick in die Runde schweifen. »Sehr gut. Wir trinken auf die Zukunft, auf die Liebe, auf das ewige Leben.« Er hob das Glas, setzte es an die Lippen und trank. Die Gäste folgten seinem Beispiel.

Sarah verzog das Gesicht. Sie verstand nicht, was die Leute so aufregend an Champagner fanden. Vergorener Traubensaft, weiter nichts. Aber Alan schien großen Wert darauf zu legen, dass sie bei der Zeremonie mitmachte. Sie nahm einen zweiten Schluck und sah zu Alan hinüber, als erwartete sie ein Lob. Ein gutaussehender Mann. Und rätselhaft. Als er sie durch das Lafayette-Institute geführt hatte, war er die Liebenswürdigkeit selbst gewesen, und vorhin, als er ihr verbot, sich zu Mrs. Heilbrunn zu setzen, hatte er die Schattenseite seines Wesens herausgekehrt.

Gretel Heilbrunn...

Aber natürlich! Es fiel Sarah wie Schuppen von den Augen. Die Greisin dort drüben war eine der bekanntesten Wissenschaftlerinnen der Welt. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sie in Deutschland an der Entwicklung des Raketenantriebs gearbeitet. Beim Ausbruch des Krieges war Gretel Heilbrunn in die Vereinigten Staaten geflohen, wo sie ihre Forschungen fortsetzte. Es gab Gerüchte, dass die V 2, mit der die Deutschen London bombardiert hatten, Gretel Heilbrunns Entwicklung waren, und eben dieser Verdacht war der einzige Grund, warum man dieser Frau bisher den Nobelpreis vorenthalten hatte. Vierzig Jahre lang hatte sie am amerikanischen Raumfahrtprogramm mitgewirkt. Vor einigen Monaten hatte sie ihre Mitarbeit aus gesundheitlichen Gründen aufkündigen müssen.

Sarah spürte, wie ihr der Champagner in die Glieder ging. Sie riss die Augen auf. Alan war in einer Unterhaltung mit den Studenten begriffen. Von der Ecke des Raumes, wo die älteren Gäste saßen, wehten Gesprächsfetzen herüber. Sarah rief sich die Namen ins Gedächtnis. Max Pomfrett. Es handelte sich offensichtlich um den Max Pomfrett, um den genialen Mathematiker. Antonia Watson war unter fünf Präsidenten Beraterin in Dingen der Wirtschaft gewesen. General Alistair war der Mann, der einst den amerikanischen Generalstab geleitet hatte. Was war eigentlich passiert, dass sie, Sarah Williams aus Fall River, Massachusetts, zu einem festlichen Abendessen mit den klügsten Köpfen zusammengebracht wurde, die das zwanzigste Jahrhundert produziert hatte?

Sie musste laut lachen, als ihr das Widersinnige der Situation bewusst wurde. Vielleicht war es auch nur der Champagner, der ihre Hemmungen löste. Jedenfalls erstarb das Gespräch in der Wohnhalle. Alle starrten Sarah an. »Tut mir leid«, stammelte sie, »aber ich finde das fürchterlich lustig. Ich stehe da und stoße mit richtigen Berühmtheiten auf die Zukunft an.« Niemand sagte etwas, und die junge Frau hatte das Gefühl, in den Boden versinken zu müssen. »Ich bin keinen Alkohol gewöhnt«, fügte sie zögernd hinzu. »Und ich bin auch nicht gewöhnt, mit Wissenschaftlern und Generälen zu sprechen.«

Es war Gretel Heilbrunn, die für die anderen .antwortete. »Ich kann gut verstehen, dass Sie sich in unserem Kreise unsicher fühlen. Die Situation ist für beide Seiten ungewöhnlich. Meine Freunde und ich haben normalerweise nämlich auch nicht mit jungen Menschen zu tun, wie Sie einer sind.«

Linda Strong war die erste, die ihr Glas fallen ließ. Das Glas rollte über den Teppich, der Inhalt hinterließ einen großen, dunklen Fleck im Gewebe. Lindas Augenlider flatterten. Alan fing das Mädchen auf, ehe sie zu Boden gleiten konnte. Er trug sie zu einem Sessel. Jack Finlay und Tim Donoghue wollten zu Linda gehen, aber sie sackten zusammen, noch bevor sie den ersten Schritt tun konnten. Alan und der Butler eilten zu ihnen.

»Das ist ja seltsam«, sagte Sarah mit dicker Zunge. »Kommt sicher vom Champagner.«

»Aber natürlich kommt das vom Champagner.« Alan kam zu ihr und nahm ihr das Glas aus der Hand. »Setzen Sie sich doch.«

»Danke, nein. Ich möchte jetzt nach Hause gehen.« Sie war zur Tür unterwegs, als ihre Knie nachgaben. Sie sank zu Boden.

»Passen Sie um Gottes willen auf, dass sie sich nicht verletzt«, hörte sie Gretel Heilbrunn rufen.

Weiches umgab sie. Der Teppich roch wie ein Blumenmeer, und Sarah freute sich darauf, ein paar Minuten in dieser Blütenpracht zu liegen und auszuruhen. Alles war so friedlich. Wenn sie sich ausgeruht hatte, würde sie aufstehen und mit Alan und seinen Gästen zu Abend essen. Wenn sie etwas Glück hatte, würde Alan sie in seinem Rolls Royce nach Hause fahren. Aber vorher brauchte sie ein paar Minuten Schlaf. Sie schloss die Augen und spürte, wie die Dunkelheit durch ihre Füße in den Körper kroch. Zum Schluss war es ihr, als sei ihr ein Tuch aus schwarzem Samt auf die Stirn gelegt worden. Wie angenehm. Jetzt brauchte sie keine Angst mehr zu haben. Überhaupt keine Angst.

 

 

 

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

 

»Meine Damen und Herren, wir befinden uns im Landeanflug auf den Washington National Airport. Bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein, und stellen Sie die Rückenlehne Ihres Sitzes aufrecht. Die Raucher unter Ihnen bitten wir die No- smoking-Signale zu beachten. Vielen Dank.«

Alix Kendall vernahm die Geisterstimme der Stewardess, die aus dem Lautsprechersystem der 727 drang, aber die Worte drangen nicht zu ihrem Hirn vor. Ihre Gedanken verweilten in der Vergangenheit. Vor zehn Jahren hatte sie sich in der Universität Georgetown zum Medizinstudium eingeschrieben, damals war sie zweiundzwanzig gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich dem Schutz des Elternhauses entzogen. Die ganze Welt stand ihr offen, so sah es Alix im Überschwang der Jugend. Sie hatte Washington als aufregende Metropole empfunden, wie einen weißen Fleck auf der Landkarte, den es zu erschließen galt. Eine Stadt, die so etwas wie eine historische Vergangenheit aufzuweisen hatte. Washington und Chicago, das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Alix hatte sich in die Stadt am Potomac verliebt wie ein junges Mädchen, das sich den Armen eines erfahrenen Mannes anvertraut. Es war nur ein kurzes Glück gewesen. Alles war ganz anders gekommen, als sie es sich erhofft hatte.

Das Flugzeug hatte eine Linkskurve geflogen. Nachdem die Fluglage wieder ausbalanciert war, drosselte der Pilot die Triebwerke, um die Landegeschwindigkeit zu erreichen. Alix überkam ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Sie war verletzlich wie ein kleines Kind. Um die Spannung abzubauen, die sich ihrer bemächtigt hatte, begann sie ihren Nacken zu massieren. Aber das schien nicht zu helfen. Alix hatte keine Flugangst, sie hatte Angst vor dem Ankommen. Sie biss sich auf die Lippen, um das Gefühl der Furcht zu betäuben, aber auch das half nichts. Sie hatte von dem Kelch gekostet, der Vergangenheit hieß, und sie wusste, dass sie diesen Kelch bis zur Neige austrinken musste.

Zehn Jahre zuvor war ihr Leben noch von der leidenschaftlichen Liebe zu Richard erfüllt gewesen. Sie liebte Washington, weil sie Richard liebte. Wäre der fürchterliche Unfall nicht passiert, sie hätten geheiratet, hätten miteinander Kinder gehabt, und jeder von ihnen hätte seine Karriere als Arzt weiterverfolgen können. Aber der Unfall war passiert. Seitdem war Washington für Alix eine Gruft; die bloße Erinnerung an die Stadt flößte ihr Grauen ein. Sie war aus dieser Gruft geflohen mit dem Vorsatz, nie wieder zurückzukehren. Und doch war sie zurückgekehrt.

Das Flugzeug glitt über die Stadt dahin. Alix konnte die vertrauten Straßenzüge trotz der Tränen erkennen. Sie kam nach Washington, weil Dr. Preston March sie eingeladen hatte. Dr. March war der Ansicht, dass sie im Irrgarten des Massachusetts Technological Hospital ihre Zeit vergeudete.

Er war eine Berühmtheit. Sein Bild war auf der Titelseite des Nachrichtenmagazins Time gekommen. Das Fernsehen hatte ihn einige Male interviewt. Dr. March hatte eine Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern geschrieben, die internationale Bestseller geworden waren. Was war der Grund für solche Erfolge? Er war nicht nur ein brillanter Arzt, der sich auf dem Gebiet der Altersforschung hervorgetan hatte, er verstand es in unnachahmlicher Weise, komplizierte medizinische Sachverhalte allgemeinverständlich auszudrücken. Er war von bezwingender Ausstrahlung. Wer ihm zuhörte, gewann alsbald den Eindruck, der berühmte Mann hätte es sich zum Ziel gesetzt, ihm und nur ihm bestimmte Geheimnisse nahezubringen, die für den Rest der Menschheit ein Rätsel bleiben würden.

Dr. March hatte sich mit Alix in Verbindung gesetzt, nachdem er die Arbeiten gelesen hatte, die sie in The New England Journal of Medicine veröffentlicht hatte. Es waren Artikel, die sich mit dem Einfluss der Schilddrüse auf den Alterungsprozess befassten. Alix hatte in der medizinischen Fachzeitschrift von ihren eigenen Experimenten berichtet, vor allem aber hatte sie angelesenes Wissen aufbereitet, mit der Besonderheit, dass viele Schlussfolgerungen auf Hypothesen beruhten. Die Arbeiten hatten Dr. March beeindruckt, weil aus ihnen das ungewöhnliche Sachverständnis der Autorin für das Spezialgebiet der Geriatrie hervorging. Die Geriatrie, das war die feste Überzeugung des renommierten Wissenschaftlers, war der Schlüssel, mit dem sich das Tor in die Zukunft der Menschheit auftun würde.

Er hatte Alix bei einem Abendessen im Durgan Park Restaurant in Boston dargelegt, wie er sich die Rolle der Forschung bei diesem medizinischen Abenteuer vorstellte. »Es ist natürlich nicht so, dass wir jeden Menschen in einen Methusalem verwandeln wollen - aber wo wäre die Wissenschaft, wenn wir Forscher nicht immer das Unmögliche versuchten!«

Alix musste schmunzeln, wenn sie daran dachte, dass Dr. Preston eigens zu dem Treffen mit ihr nach Boston geflogen war. Er war ein Mann von verführerischem Charme, aber das täuschte sie nicht über die Motive hinweg, die sich hinter der Einladung zu einem gemeinsamen Essen verbargen. Nein, er war nicht mit der Tür ins Haus gefallen. Er vermied es, von den Arbeiten zu sprechen, die Alix veröffentlicht hatte. Aber sie war sicher, er kam nicht von Washington nach Boston, weil es im Durgan Park Restaurant so vorzügliches Roastbeef gab. Eine Woche zuvor, als er sie anrief, hatte sie ihm eine Absage erteilt. Nein, sie sei nicht interessiert daran, von ihrer derzeitigen Arbeitsstätte zum Lafayette-Institute überzuwechseln, dessen Leiter er war. Er wollte sie trotzdem treffen, hatte Dr. March gesagt. Was blieb ihr anderes übrig, als die Einladung zum Essen anzunehmen?

Dr. Preston March war Anfang Siebzig, aber er wirkte deutlich jünger. Zwar waren seine Bewegungen nicht so flink wie die eines jungen Mannes, aber sein Geist war jung geblieben. Er sprach leise, mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs. Um ihn zu verstehen, musste Alix sich ihm ganz nah zuneigen, was ihr außerordentlich widerstrebte, denn es schuf eine Intimität, die sie nicht beabsichtigt hatte. Seine blauen Augen funkelten vor Begeisterung, wenn er von seinen Plänen sprach, und wenn er beim Gestikulieren den Kopf bewegte, wirbelte das volle, weiße Haar über die Stirn wie ein kleines Schneegestöber. Er wusste, dass er überdurchschnittlich intelligent war, und er wusste, dass er überdurchschnittlich gut aussah. Er war der Mann, der keinen Augenblick zögerte, solche Vorzüge zur Verwirklichung seiner Ziele einzusetzen.

Es war schwer, bei einer persönlichen Begegnung mit Dr. March an alten Vorsätzen festzuhalten, und eben dies war der Grund, warum der Arzt die junge Wissenschaftlerin zu einem Treffen genötigt hatte.

»Und jetzt verraten Sie mir bitte, Frau Dr. Kendall, warum Sie weiterhin in den seichten Gewässern von Boston herumpaddeln wollen, wo Sie doch in meinem Institut in Washington die Möglichkeit hätten, Ihre beruflichen Ziele in einer völlig neuen Fahrrinne und mit entsprechendem Zeitgewinn zu erreichen.«

Er hatte es derart ungeschickt formuliert, dass er Alix damit zum Lachen brachte. »Mich wundert, dass Sie von den seichten Gewässern von Boston sprechen, wo doch Washington in ganz Amerika als das verschlafene Dorf in den Südstaaten gilt, wo sich nun wirklich gar nichts ereignet.« Sie spießte eine mit blutroter Cocktailsauce beschmierte Krabbe auf und biss hinein. »Aber wenn Sie wissen wollen, was mich in Boston hält: Ich fühle mich wohl hier, und mir gefällt die Arbeit, die ich tue.«

»Arbeit nennen Sie das?«, entgegnete er. »Wo Sie jetzt sind, mutet man Ihnen die Tätigkeit eines Knochenbrechers zu. Sie haben doch ein gut funktionierendes Gehirn, warum gebrauchen Sie es nicht? Wieviel Zeit bleibt Ihnen bei Ihrem jetzigen Job für die Forschung? Ist es nicht so, dass Sie sich die Zeit für Ihre wissenschaftliche Arbeit geradezu vom Munde absparen müssen? Besteht der Dienst nicht hauptsächlich in der Unterrichtung stumpfsinniger Studenten? Warum begnügt sich eine Wissenschaftlerin von Ihrem Rang mit den blutigen Schnipseleien, die von Laien im Lande als moderne Medizin verkauft werden?«

Sie war erschrocken, mit welchem Zynismus er über den Medizinbetrieb, über Lehre und Forschung sprach. Zwar hatte sie keinen gütigen, versöhnlichen Albert Schweitzer erwartet, aber was er da über ihren Arbeitgeber sagte... »Es stimmt schon«, räumte sie ein. »Ich habe für meine Forschungsprojekte nicht so viel Zeit, wie ich möchte, aber...«

»Aber was?« fiel Dr. March ihr ins Wort. »Sie schieben die Schuld für all den Leerlauf auf andere, aber ist es nicht vielmehr so, dass Sie Angst vor dem Erfolg haben, Alix? Ist es nicht so, dass Sie Ihren Radius ganz bewusst begrenzen, weil Sie Angst davor haben, medizinisches Neuland zu betreten?«

»Das ist völliger Unsinn«, verteidigte sie sich.

»Wenn Sie wirklich einen Funken Ehrgeiz haben, dann beweisen Sie's mir! Ich biete Ihnen eine Anstellung im Lafayette-Institute. Sind Sie sich über die Bedeutung eines solchen Angebots im klaren? Wissen Sie, dass sich viele Wissenschaftler ein Bein ausreißen würden, um unter dem Schutz und Schirm meiner Forschungsstätte arbeiten zu dürfen?« Er schüttelte missbilligend den Kopf, und dann war sein Zorn verraucht. Er strahlte sie an, als wäre nichts geschehen. Er griff nach ihrer Hand. »Was rede ich da? Ich habe das Glück, mit einer wunderschönen Frau zu Abend zu essen, und was tue ich? Ich führe mich auf wie ein cholerischer Professor. Können Sie mir noch einmal vergeben?«

»Schon vergessen«, sagte Alix. Sie ließ sich nicht merken, wie geschockt sie von seinen Vorwürfen war. Dr. Preston March, so schien es ihr, war ein Mann, der seinen Willen durchsetzte, notfalls auf Kosten anderer.

»Ich werde Ihnen mit meinen Angeboten nicht weiter zusetzen«, versprach er. »Wenn Sie wirklich nicht in meinem Institut arbeiten wollen, akzeptiere ich das.« Ein freundlicher, bestimmter Blick. »Auch wenn ich es nicht verstehen kann.«

Sie spürte, wie der Haken seiner Angel sich in ihren Gedankenfäden fing. Wie geschickt dieser Mann war! Er schaffte es, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie verrückt waren, wenn sie seinen Argumenten nicht folgten. Aber... hatte er nicht im Grunde Recht? Was tat sie in Boston? Und was war so schlimm daran, wenn sie sich das Lafayette-Institute einmal ansah? Schließlich handelte es sich um eines der angesehensten Forschungszentren in Amerika, wenn nicht in der Welt. Da der Leiter dieses Instituts sie unbedingt haben wollte, konnte sie die Bedingungen diktieren. Wo sonst wären ihr solche Vorteile geboten worden? Wo also lag das Hindernis?

Es war die Angst, nach Washington zurückzukehren, die Angst vor der Vergangenheit... Irgendwann aber würde sie sich den Tatsachen stellen müssen. Sie konnte nicht das ganze Leben lang um Richard und um ihre verlorene Jugend trauern. Wenn sie so weitermachte, würde sie als hysterische Romantikerin enden, wie die Frauen in den historischen Romanen, die in Tränen ausbrachen, wenn sie das Medaillon mit dem vor Jahrzehnten verblichenen Geliebten betrachteten. Ihre Trauer um Richard hatte ihr nur Nachteile eingebracht. Sie war auf dem besten Wege, eine alte Jungfer zu werden, und das trotz ihrer blühenden Schönheit, trotz der begehrlichen Blicke, die sie von den Männern einheimste. Sie hatte sich aus der schnöden Welt in den behüteten Garten der Wissenschaft geflüchtet. Bisher hatte ihr das Leben hinter den Mauern ganz gut gefallen, aber jetzt dämmerte ihr, dass sie sich auf einem Irrweg befand.

»Also gut, Preston, ich komme auf ein Wochenende nach Washington«, hörte sie sich sagen. Sie war seltsam erleichtert, als sie den Satz heraus hatte.

»Werden Sie auch Wort halten?«

Dr. March machte ein Gesicht wie ein kleiner Junge, der endlich seinen Willen bekommen hat.

»Ich werde Wort halten«, versprach sie. »In etwa einer Woche bin ich in Washington. Dort können wir dann alles weitere erörtern.«

Dr. Preston March war plötzlich ebenso guter Laune wie sie. Beide beendeten die Mahlzeit, ohne noch einmal auf die Aufgabe zu sprechen zu kommen, die er ihr in Washington zugedacht hatte.

 

Das Flugzeug schwebte über die glitzernden Fluten des Potomac hinweg, dann kamen die Landebahnen des National Airport in Sicht. Alix hielt die Armlehnen ihres Sitzes umklammert. Nach Washington zu fliegen, den Flug zu reservieren, all das war so leicht. Schwer war nur das Ankommen. Sie zwang sich, aus dem Fenster zu sehen, und plötzlich wichen die Wolken zur Seite. Washington.

»Entschuldigen Sie, Miss, aber würden Sie bitte Ihre Sitzlehne senkrecht stellen.« Die Stewardess, blond und hübsch wie ein Serviermädchen in einer Cocktailbar, begegnete ihrem fragenden Blick mit einem geduldigen Lächeln. Alix lehnte sich vor, das blonde Mädchen drückte auf den Knopf, die Lehne klappte nach vorn. »Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.«

Alix hatte dafür Verständnis. Man traf Vorsichtsmaßnahmen, wenn Gefahr im Verzug war. Wenn man sich sicher fühlte, ließ man jede Vorsicht außer Acht. So wie Alix zehn Jahre zuvor jede Vorsicht außer Acht gelassen hatte, als sie sich auf Richard eingelassen hatte. Wovor sollte sie sich fürchten? Sie erinnerte sich, wie er ihr einen Abschiedskuss auf die Wange gehaucht hatte. »Bis nachher.« Er hatte sie nicht auf den Mund geküsst, weil sie mit einer Grippe im Bett lag. Richard Hailey würde in wenigen Stunden zurück sein. Er hatte sich mit drei Studenten zu einer Besichtigungstour in dem ultramodernen Lafayette-Institute verabredet, freilich nicht in dem Hauptgebäude in Washington, sondern in einer ausgelagerten Forschungsstätte in Virginia.

Es sollte eine Fahrt in den Tod werden. Am späten Nachmittag hatte Alix den Anruf bekommen, der ihr ganzes Leben über den Haufen warf. Es hatte einen Unfall gegeben. Richards Wagen war von einem Bus gestreift und in den Abgrund geschleudert worden. Der Benzintank des Wagens war explodiert, das Auto war in Flammen aufgegangen. Richard und seine drei Freunde waren in dem Feuer ums Leben gekommen. Die verkohlten Leichen waren zur Autopsie ins Lafayette-Institute überführt worden. Aus dem Bericht des Pathologen ging hervor, dass die vier schon beim Aufprall des Fahrzeugs auf den Felsen tödliche Verletzungen erlitten hatten. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun. So war das. Richard war tot, Alix lebte. Alle Vorsichtsmaßnahmen der Welt vermochten daran nichts mehr zu ändern.

Das Flugzeug setzte mit einem leichten Zittern auf der Landebahn auf, Alix entfuhr ein Seufzer. Sie spürte, wie die Erinnerungen Besitz von ihr ergriffen, all jene Gedanken, vor denen sie sich fürchtete. Ohne den Druck, den Dr. March auf sie ausgeübt hatte, wäre sie nie nach Washington zurückgekehrt. Inzwischen war sie sicher, dass sie richtig gehandelt hatte. Der Besuch in der amerikanischen Hauptstadt war ihre letzte Chance, aus dem Käfig auszubrechen, den sie für sich selbst errichtet hatte.

Ihre Spannung löste sich, als sie im Taxi Platz genommen hatte. Die Fahrt ging am Ufer des Potomac entlang; das Lafayette-Institute lag in Georgetown. Frischer Lebensmut durchströmte Alix. Es gibt nichts, dessen ich mich zu schämen hätte, dachte sie. Sie war eine Frau, die wegen ihrer beruflichen Fähigkeiten geachtet wurde. Sie war immer noch so hübsch, dass die Männer ihr nachsahen. Und Washington war eine Stadt wie andere auch. Wie Boston. Es machte keinen großen Unterschied, ob man im Staat Massachusetts lebte oder in Washington, D. C. Eine schöne Stadt, ein Fluss - warum nicht? Es war nur gut, wenn sie den bösen Geistern der Vergangenheit die Stirn bot. Exorzismus war, wenn man Licht im Zimmer machte.

Das Lafayette-Institute bestand aus verschiedenen Gebäuden, die über ein Parkgelände am Ufer des Potomac verteilt waren. Flussaufwärts war die Key Bridge zu erkennen. Es gab auf dem Gelände einige gepflegte Waldstücke, und der Blick aus dem Fenster auf den Fluss und auf die Hügel von Georgetown wäre von zauberhafter Schönheit gewesen, hätte das graubeschichtete Glas nicht einen Schleier vor die Landschaft gelegt. Das Hauptgebäude war fünf Stockwerke hoch, ein strenges Rechteck, der Traum des Mathematikers und ein Alptraum für jeden Menschen, der künstlerisch empfand.

Vom Hauptgebäude führte ein verglaster Gang zu einem kleineren Geviert. In diesem Anbau waren die Patienten untergebracht. Aus Sicherheitsgründen war der Anbau nur über das Hauptgebäude zu erreichen. Alix sollte später erfahren, dass eine Gruppe von Demonstranten Anfang der sechziger Jahre die Flure des Hauptgebäudes besetzt hatten. Nach ihrer Meinung führte das Lafayette-Institute unmenschliche Experimente durch. Dr. March hatte die Vorwürfe, die damals erhoben wurden, nachdrücklich zurückgewiesen. Aber die Berichte, die über die Besetzung des Instituts veröffentlicht wurden, waren so negativ, dass man sich, als die Demonstranten abgezogen waren, zu strengsten Sicherheitsmaßnahmen entschloss, um eine Wiederholung zu verhindern.

Alix war aus dem Taxi ausgestiegen. Der Wind, der über den Fluss heranstrich, war kalt wie eine Klinge aus Eis. Sie erschauderte. Nachdenklich betrachtete sie den großen Komplex und den Anbau, die durch eine gläserne Nabelschnur miteinander verbunden waren. Wie Mutter und Kind, dachte sie. Sie entlohnte den Fahrer. Und dann wurde ihr klar, es war nicht der Wind, der sie erschaudern ließ, es war der Anblick der Gebäude. Was hier vor sich ging, geschah im Namen der Forschung, zum Wohl der Menschen. Aber es war Dr. March, der zu bestimmen hatte, was für die Menschen gut war.

Als Alix auf das verglaste Portal zuging, glitten die Türen zur Seite. Der Blick ging auf einen düsteren, kühlen Empfangsraum, .dessen Wände mit Platten aus rostfreiem Stahl verkleidet waren. Während sie noch nachdachte, wo sie Dr. March finden konnte, erschien aus dem Nichts ein uniformierter Privatpolizist. Sie erklärte ihm den Zweck ihres Besuches und stand dabei, während er telefonierte. Ein zweiter junger Mann tauchte auf, der ihren Koffer nahm und sie ins Innere des Gebäudes eskortierte.

»Herr Dr. March erwartet Sie, sein Büro befindet sich im fünften Stock.« Er führte sie einen Korridor entlang und blieb vor den Aufzügen stehen.

Alix lächelte ihm zu und schwieg. Sie hatte im Verlauf ihrer Tätigkeit schon viele Forschungsinstitute und Krankenhäuser von innen kennengelernt, aber in keinem war sie sich so verloren vorgekommen wie hier. Außer den beiden uniformierten Männern hatte sie bisher keinen Menschen zu Gesicht bekommen, mit Ausnahme einiger Krankenschwestern, die sie in einem Raum auf dem Gang bemerkt hatte. Sie waren von dem Gang durch eine dicke Glasscheibe getrennt gewesen. Einen Augenblick lang hatte Alix daran gezweifelt, ob das überhaupt lebendige Menschen waren. Als sie sah, wie die Krankenschwestern sich bewegten und miteinander sprachen, verflog der Zweifel.

Sie hatten den Aufzug zum fünften Stock genommen, und jetzt stand Alix auf der Schwelle zu Prestons Vorzimmer. Die Furcht nahm ihr den Atem. Sie schalt sich töricht. Sie hatte sich so sehr an ihre kleine Welt in Massachusetts gewöhnt, dass sie alles Neue als Bedrohung empfand. Es war eine schmerzhafte Erkenntnis, aber was Dr. March ihr bei jenem Essen in Boston gesagt hatte, war richtig. Sie hatte sich mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit in einen Kokon eingewoben  und vergessen, wie aufregend, wie schön das Leben und das Reisen sein konnten.

So wie alle Räume des Instituts war auch die Büroflucht des Leiters mit ultramodernen Möbeln ausgestattet. Im Kontrast zu den schwarzen Wänden gab es einen perlgrauen Spannteppich. Alles hier sah unheimlich teuer aus. Eine Forschungsstätte, wo ernsthafte Menschen einer ernstzunehmenden Tätigkeit nachgingen. Kein Ort, an dem man Kinderlachen hörte.

Prestons Sekretärin war eine Frau mittleren Alters mit harten Gesichtszügen, blond, schlank und kühl. Sie meldete Alix durch einen Druck auf den Knopf bei ihrem Chef an, dann begleitete sie ihre Besucherin bis zur Schwelle. Draußen hatte die Sonne geschienen, umso dunkler wirkte der von Lichtinseln umsäumte Raum, der als Büro diente. Dr. March sprang von seinem Schreibtischsessel auf, als Alix eintrat. Er strahlte sie an, und ihre traurige Stimmung war wie weggeblasen.

»Nun, Frau Dr. Kendall, wie gefällt es Ihnen bei uns?« Er umfasste ihre Rechte mit beiden Händen. »Ist es so, wie Sie es sich vorgestellt haben?«

»Ich bin beeindruckt«, antwortete sie. »Man spürt förmlich die Energie, mit der die Menschen hier ihren Aufgaben nachgehen.«

Er nickte. »Die gute Arbeitsatmosphäre hier ist einer der Gründe, warum das Lafayette-Institute bei vielen Menschen in so hohem Ansehen steht. Leider nicht bei allen...« Sein Lächeln schwand, als sei ihm gerade eingefallen, dass Alix nicht aus eigener Überzeugung, sondern aufgrund massiven Drucks von außen hier war. Als das Lächeln zurückkehrte, war er wieder ganz der Alte. »Ich habe Vorsorge getroffen, dass Sie ganz in der Nähe wohnen können, Alix. Zu meinem Institut gehören noch ein paar Stadthäuser in Georgetown, die wir hochrangigen Mitarbeitern und geschätzten Gästen zur Verfügung stellen. Ich denke, das Haus, das ich für Sie ausgesucht habe, wird Ihnen gefallen. Wenn Sie sich entscheiden, ganz bei uns zu bleiben, wird das Ihre Wohnung sein«.

»Danke«, sagte Alix. Und sie dachte: Du schlauer Teufel versuchst mich mit einer aufregenden Arbeit, mit einem hohen Gehalt, mit einem Stadthaus in Georgetown. Was noch?

»Bevor wir uns über Ihre mögliche Tätigkeit bei uns unterhalten, schlage ich vor, dass ich Sie mit einigen Kollegen des Bereichs Altersheilkunde bekannt mache. Kommen Sie, ich gehe voran.« Dr. March führte sie in den Flur hinaus.

Sie nahmen den Fahrstuhl zum dritten Stock. Als die Tür der Kabine zur Seite glitt, wurde Alix bewusst, wie streng die Sicherheitsvorkehrungen im Institut waren. Zwei bewaffnete Wächter beobachteten die Fahrstuhltür, beide hielten die Hand am Colt, ein unbefugter Besucher hätte keine Chance gehabt, ins Innere der Forschungsstätte vorzudringen. Als die beiden sahen, dass Alix von Dr. March begleitet wurde, tippten sie mit der Hand an die Schirmmütze.

»Wir befinden uns hier in einem geheimen Forschungsbereich«, erklärte Dr. March, als sie außer Hörweite der Wachen waren. »Wir schützen das Institut und insbesondere diesen Bereich vor Eindringlingen, weil wir schlechte Erfahrungen gemacht haben.« Er erzählte ihr von den Demonstrationen und verhehlte ihr nicht seinen Abscheu vor Menschen, die keine Ehrfurcht vor der Forschung empfanden. »Stellen Sie sich vor, man hat uns Menschenversuche vorgeworfen! Selbst wenn die Beschuldigung zuträfe, was geht das die Demonstranten an? Der Tag, an dem der Mob die Führung dieses Landes übernimmt, das ist der Tag, an dem die Lichter ausgehen.«