Reise durch die Zeit

Doris E. M. Bulenda, Jeremias Schaub, Olaf Lahayne,

Verena Jung, Uwe Rademacher

 

Mondschein Corona – Verlag

Bei uns fühlen sich alle Genres zu Hause.

 

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

 

1. Auflage

Erstauflage Juni 2018

© 2018 für die Ausgabe Mondschein Corona

Verlag, Plochingen

Alle Rechte vorbehalten

Autoren: Diverse

Lektorat/Korrektorat: Edwin Sametz

Grafikdesigner: Finisia Moschiano

Buchgestaltung: Mike Bold

Umschlaggestaltung: Finisia Moschiano

 

ISBN: 978-3-96068-101-4

 

© Die Rechte des Textes liegen bei den

Autoren und Verlag

 

Mondschein Corona Verlag

Finisia Moschiano und Michael Kruschina GbR

Teckstraße 26

73207 Plochingen

 

www.mondschein-corona.de

 

Inhaltsverzeichnis

Die neuen Herrscher von Doris E. M. Bulenda

Die rosige Zukunft von Verena Jung

Feedback to Paradise von Olaf Lahayne

Josephine von Jeremias Schaub

Emma von Uwe Rademacher

 

 

Die neuen Herrscher von Doris E. M. Bulenda

 

Ich wachte noch vor dem Klingeln des Weckers auf. Kurz musste ich überlegen, aber dann fiel mir wieder ein, welcher Tag heute war. Es war DER Tag, heute war DER Tag. Der ganz besondere, wichtige, einmalige, großartige Tag – der Tag, an dem ich auf eine Zeitreise gehen würde.

Beschwingt sprang ich aus dem Bett und machte mich sorgfältig zurecht. Ich duschte lange, zog mir strapazierfähige – aber doch sehr kleidsame – Klamotten an und schminkte mich stark. Denn natürlich würde alles filmisch und fotografisch dokumentiert werden. Unser Mentor, Professor Doktor Doktor Doktor (und was weiß ich, was für Titel er noch hatte) Hans-Heinrich Müller, genannt Zeitmülli, legte außerdem großen Wert darauf, dass »seine« Zeitreisenden repräsentativ aussahen. Und heute war ich endlich dran.

Schon lange studierte ich bei ihm, dem genialen Erfinder der Zeitreisen, dem superintelligenten Entdecker der Möglichkeit, durch die Zeiten zu wandern. Auch wenn seine großartige Erfindung keinerlei kommerzielle Verwertung bot – wir, seine Studenten, Anhänger und Bewunderer, waren alle ganz versessen darauf, diese Chance wahrzunehmen und auf Zeitreise zu gehen.

Natürlich hatte ich den üblichen Preis bezahlt, ich war mit Zeitmülli ins Bett gegangen. Das verlangte er von allen, die er auf so einen Trip gehen ließ. Nicht nur wir Mädchen, auch die Jungs mussten vorher mit ihm geschlafen haben. Er war nicht einseitig in seinen Vorlieben. Dafür war er ziemlich unkompliziert und es waren keine sonderlichen Anstrengungen nötig, um ihm gefällig zu sein. Ein bisschen Streicheln, ein bisschen »69« vorab, dann die Frage, ob ich bereit wäre, ein paar nicht allzu heftige Stöße, und schon war’s vorbei. Ich war dabei auch ganz gut befriedigt worden und nicht unglücklich darüber, mitgemacht zu haben.

Als wir danach entspannt nebeneinanderlagen und uns gegenseitig mit Cognacpralinen fütterten, fragte mich Zeitmülli, wo genau ich hinwollte. Welche Epoche ich mir denn gerne ansehen würde. Nur ansehen, mehr war nicht drin. Wie unser Professor selbst festgestellt hatte, als er seine Zeitmaschine zuerst im Geheimen getestet hatte, war es nicht möglich, in der Vergangenheit irgendetwas zu verändern. Man reiste auch nicht körperlich, jedenfalls nicht ganz. Ein Teil des Körpers blieb – durchsichtig, verschwommen und von einem leuchtenden Schein umgeben – hier in der Zelle der Zeitkammer zurück. Trotzdem war man auch in der Vergangenheit körperlich anwesend.

Das ging so weit, dass Zeitmülli einmal beinahe verdurstet wäre, als er sich vertan hatte und in einer Wüste gelandet war. Davon erzählte er uns immer wieder und bestand darauf, dass alle seine Studenten einen Rucksack mit den notwendigen Dingen mitnahmen.

Und immer wieder wies er uns darauf hin, dass wir nichts, aber schon gar nichts verändern konnten. Wir waren körperlich anwesend, doch eben nicht ganz. Die Leute in der Vergangenheit konnten wir beobachten und sie konnten uns sehen, allerdings nicht so genau. Nur in wenigen Ausnahmefällen konnten Zeitreisende mit ihnen Kontakt aufnehmen und ganz selten auch einmal mit ihnen reden. Warum es diese seltenen Ausnahmen gab, wusste Zeitmülli nicht zu erklären.

Normalerweise war es nicht möglich, Gespräche mit den Menschen der Vergangenheit zu führen. Und natürlich konnten Zeitreisende keine Gegenstände kaufen, klauen oder gar mitnehmen in unsere Zeit. Nicht einmal die einfachsten Dinge konnten von den Zeitreisenden berührt werden. Das war auch das »Aus« für die optimistischen Träume von ein paar Superschlauen, die geplant hatten, ein berühmtes Gemälde - zum Beispiel von Van Gogh - billig zu kaufen, mitzubringen und hier in der Gegenwart ein Vermögen damit zu machen …

Deshalb war Zeitmüllis Erfindung auch ein reines Spielzeug, kommerziell – oder auch militärisch und polizeilich – absolut nicht verwertbar. Erstens konnte man nicht in die unmittelbare Vergangenheit gehen. Ein paar hundert Jahre mussten immer dazwischenliegen. Und es war auch unmöglich, sich als Zeitreisender große Ereignisse, wie zum Beispiel den Mord an Cäsar, die Krönung Napoleons, die Kreuzigung von Jesus, den Tod Alexanders des Großen oder andere wichtige Vorkommnisse in der Vergangenheit anzusehen. Nicht mal banalere Fragen, wie zum Beispiel wer Jack the Ripper nun wirklich gewesen war, konnten damit geklärt werden. Es ging einfach nicht, in irgendeine interessante, bedeutsame Szene versetzt zu werden.

Nur in alltägliche, unwichtige, eigentlich ziemlich uninteressante Zeiten und Gegenden konnte die Zeitmaschine von Zeitmülli ihre Reisenden versetzen. Als das endgültig feststand, war das Interesse von Militär, Politik und Wirtschaft sofort erloschen und das Ding war als netter Gag in Zeitmüllis Universität geblieben. Trotzdem war es für unseren guten Professor ein Erfolg – die Studenten scharten sich um ihn und zahlten seine zusätzlichen Studiengebühren, weil jeder einmal auf eine Zeitreise gehen wollte. Und jeder brachte eine kleine, fast nur für uns Studenten interessante Einzelheit vom Alltagsleben aus fernen Epochen mit. Ein paar ehemalige Zeitreisende hatten Bücher über ihre Erlebnisse geschrieben und damit sogar einen halbwegs beachtlichen Erfolg gehabt. Allgemein war der Hype auf die Erfindung Zeitmüllis bei Weitem nicht so groß, wie er anfangs gedacht und wohl auch gehofft hatte.

Und sogar ich, die naive Iris vom Lande, die sich ihr Studium mit Jobs als Kellnerin in einem Striptease-Lokal mühsam und anstrengend verdiente, wollte unbedingt einmal eine Zeitreise machen. Daher war ich mit Zeitmülli ohne große Skrupel ins Bett gegangen. Wenn das die Bedingung war – gut, meinetwegen. Daran sollte es nicht scheitern.

Nur als wir »danach« unsere Pralinen futterten und Zeitmülli vorsichtig meinen Bauch streichelte, gab’s ein Problem. »Na, meine süße kleine Iris, du willst also Zeitreisende werden. Welches Jahrhundert und welche Gegend hast du dir ausgesucht, wie weit möchtest du zurück?«

Ich räusperte mich. Dass es jetzt Schwierigkeiten geben würde, war mir klar. »Also, Zeitmülli, äh, ich meine Hans-Heinrich, mein Lieber, ich würde – also, ich möchte – mich reizt – also eigentlich nur die Zukunft. 500 Jahre oder so in die Zukunft, das möchte ich gerne.«

Zeitmülli zuckte zusammen, aber nicht, weil ich versehentlich seinen Spitznamen gebraucht hatte. Den kannte er und war ihn gewöhnt – und auch nicht böse, wenn er so angeredet wurde, wie es uns Studenten öfter passierte. Wahrscheinlich sah er es sogar als Auszeichnung an, mit der Zeit in Verbindung gebracht zu werden. Aber die Zukunft … ich wusste, das hörte er nicht gern. Er selbst war zwar schon nach vorne gereist in der Zeit, jedoch schwieg er sich darüber aus, beantwortete keinerlei Fragen dazu und hatte auch noch keinem seiner Studenten dieses Privileg erteilt.

»Also, süße Iris, du weißt doch …« Ich unterbrach den Professor, indem ich meine Hand auf seinen Mund legte. Mit der anderen Hand streichelte ich seinen Unterleib, seine Männlichkeit reagierte prompt auf meine Liebkosungen. Es folgte das volle Programm, er streichelte mich auch, dann gab’s ein bisschen Lecken, schließlich fragte er mich, ob ich nochmal bereit für ihn wäre. Was ich natürlich bestätigte. Und schon hatten wir ein zweites Nümmerchen geschoben.

Danach schien Zeitmülli auch schon fast so weit zu sein, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Selbst wenn er der Form halber noch eine Weile mit mir diskutierte und versuchte, mich von der Zukunft abzubringen. Ich blieb hartnäckig, ich schmuste mit ihm, streichelte ihn wieder, war sanft und zärtlich. Siehe da, es klappte, er konnte noch mal – und nach dem dritten Mal Sex war er endlich weichgeklopft.

»Nun gut, meine Süße, meine Schöne, dreimal Liebe, das habe ich die letzten Jahre nicht mehr geschafft … Gut, du sollst in die Zukunft gehen, wenn du das wirklich und ehrlich willst. Doch ich warne dich, vielleicht ist das nicht so gut … ich meine …«

»Ach, komm schon, Sweetheart, mein toller Professor. Ach, du bist toll, so gut wie du in der Liebe, das sind nicht mal die Zwanzigjährigen. Und wenn ich zurückkomme, können wir das gerne wiederholen. Nicht wahr, dann treffen wir uns erneut und …«

Zeitmülli seufzte, dieses Angebot war sichtlich verlockend für ihn. Deshalb war er endlich gewillt, meinem Wunsch zu entsprechen. »Gut, Iris, du hast gewonnen. Wenn du zurück bist, treffen wir uns wieder hier … Du kannst in die Zukunft gehen. Aber mach mir keine Vorwürfe, wenn …« Er brach ab.

Ich sah seine Besorgnis, anscheinend hatte er große Bedenken. Aber ich war jung, neugierig und wollte nun mal in die Zukunft. Dutzende von Zeitmüllis Studenten waren in der Vergangenheit gewesen und hatten vom Alltag einfacher Bürger aus vergangenen Jahrhunderten berichten können. Deshalb wollte ich mich abheben von der Masse, ich wollte was ganz Eigenes machen. Die Zukunft sehen, erleben, was die Menschheit so erwartet, technischen Fortschritt, gesellschaftliche Veränderungen – das alles wollte ich mit eigenen Augen sehen und genießen.

Wieder wurde ich von meinem Professor mit Cognacpralinen gefüttert, er unternahm noch ein paar halbherzige Versuche, mich von dem Plan, in die Zukunft zu reisen, abzubringen, aber schließlich und endlich stimmte er zu.

Und so war heute DER Tag, mein großer Tag, meine Zeitreise – in die Zukunft. Nur ein Zugeständnis hatte ich Zeitmülli machen müssen. Ich durfte nicht 500 Jahre, sondern nur 250 Jahre in die Zukunft gehen. Nun gut, damit konnte ich leben.

Pünktlich meldete ich mich bei Zeitmülli, der seine Maschine schon für mich vorbereitet hatte. Wie immer wurde das Ritual vollzogen, ich wurde fotografiert und gefilmt, ein Rucksack mit der notwendigen Überlebensausrüstung wurde mir umgeschnallt, ich bekam ein paar Spritzen mit Vitaminen und Antibiotika, dann war’s so weit.

»Liebe Iris, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie jetzt in die Zukunft reisen. Ca. 250 Jahre in die Zukunft, Sie werden in unserer Stadt, hier in unserer Universität bleiben und sie nach zwei Stunden wieder verlassen. In genau zwei Stunden wird die Zeitmaschine sie zurückholen. Vergessen Sie ja nicht, auf die Uhr zu sehen.« Die anderen Studenten klatschten müde, anscheinend waren sie an der Zukunft nicht interessiert. Ich staunte etwas, aber das änderte nichts an meinem Enthusiasmus. Der etwas gelangweilte Pressevertreter, der bei jedem Start in eine Zeitreise anwesend war, knipste mich, den Professor und die Zeitmaschine.

Ich war ein wenig erstaunt und enttäuscht – warum bekam ich nur zwei Stunden? Die anderen Studenten hatten zwei oder drei Tage für ihre Zeitreise erhalten. Als ich protestieren oder wenigstens nachfragen und die Gründe dafür wissen wollte, unterbrach mich Zeitmülli brüsk. »Geh jetzt, Iris … ich meine, gehen Sie schon los.« Na gut, die förmliche Anrede hätte er sich sparen können. Jeder wusste, dass ein Zeitreisender auch ein Lover von Zeitmülli war. Ich zuckte mit den Achseln, dann mussten mir eben die zwei Stunden reichen. Besser als nichts …

So betrat ich ohne Zögern die enge Kabine der Müllerschen Zeitmaschine. Die war noch enger und kleiner als eine Telefonzelle, ich stand ziemlich eingezwängt und musste einen leichten klaustrophobischen Anfall unterdrücken. Doch daran würde es nicht scheitern, sicher nicht. Ich setzte den Helm auf, zwängte meine Arme in die Sicherungs-Schlaufen, zog den Bauch ein und versuchte, flach zu atmen. So wie Zeitmülli es mir beigebracht hatte.

Wie mir andere Zeitreisende beschrieben hatten, gab es ein Flirren und Sirren um mich herum, ich spürte, dass mich eine eigenartige Kraft anhob und fühlte mich, als ob mein Körper in Stücke gerissen wurde. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht vor Schmerz laut zu schreien. Es dauerte lange, sehr lange, bis ich endlich aus dem Flirren und Sirren herauskam und auch der Schmerz in meinem Körper aufhörte.

Dann war ich angekommen. Ich fühlte mich merkwürdig, als ob ich nur halb anwesend wäre. Komisch, das hatten die anderen Studenten, bei denen ich mich natürlich genauestens über ihre Abenteuer informiert hatte, nicht so beschrieben. Von Schmerzen oder Ähnlichem war nie die Rede gewesen.

Ich öffnete die Augen, die ich während der Zeitreise geschlossen hatte, und versuchte mich umzusehen. Anscheinend stand ich in einer Ruine, einem ziemlich verfallenen Gebäude – aber hatte Zeitmülli nicht gesagt, ich würde in unserer Stadt, am selben Ort, in unserer Universität bleiben? Merkwürdig … Hatte ich mich doch räumlich fortbewegt? Was normalerweise kein Problem darstellte, in der Vergangenheit konnte Zeitmülli locker jeden beliebigen Punkt auf der Erde ansteuern. So lange da nicht gerade ein wichtiges Ereignis der Geschichte stattfand.

Nun gut, ich musste mir nur merken, wo ich in zwei Stunden wieder aufzutauchen hatte, damit ich sicher zurückkommen konnte. Ich streckte mich, zuckte die Achseln und machte einen ersten Schritt nach vorne. Der Boden war uneben, die Bodenfliesen gesprungen, voller Löcher und mit Scherben, Steinen und Glassplittern bedeckt. Das konnte doch unmöglich unsere gepflegte, bestens in Schuss gehaltene Uni sein!

Vorsichtig tastete ich mich durch einen langen, breiten Gang nach draußen, ich musste erst einmal raus aus dieser Ruine. Endlich kam ich an eine halb verfallene Tür, die nur noch schräg in den Angeln hing. Ich schob sie auf und trat auf die Straße.

Dann keuchte ich entsetzt auf. Das konnte doch nicht sein, das war doch nicht unsere schöne, gepflegte, wohlhabende Stadt! Dieser Trümmerhaufen, diese Ruinen. Es sah aus wie nach einer Straßenschlacht – oder sogar wie nach einem Krieg. Alles lag in Trümmern, die Häuser waren halb zusammengefallen, Glasscheiben waren zersplittert, Löcher wie von Granaten-Einschlägen waren in den Mauern. Als hätte hier ein gnadenloser Feind gewütet, der nur auf Vernichtung aus war.

Diese Stadt sah völlig ausgestorben aus. Wo sonst Studenten, Händler, Spaziergänger und Touristen lachend und scherzend unterwegs gewesen waren, herrschte jetzt Totenstille. Ich trat einen Schritt vor das Gebäude und schaute mich genauer um.

Jetzt erkannte ich ein paar der Häuser, auch wenn sie fast zerstört waren. Und ich musste einsehen, das war die Stadt, die ich vor Kurzem noch sauber, wohlhabend und gepflegt gesehen hatte. Was war da passiert? Hatte es tatsächlich einen Krieg gegeben, der diese wahnsinnigen Zerstörungen angerichtet hatte? Auch die Straße hatte einiges abbekommen, sie war voller Schlaglöcher, Bretter und Mauerbrocken lagen darauf, dazu Metallteile, die ich nicht identifizieren konnte. Fast wie die Reste einer Straßensperre.

Ganz langsam tastete ich mich ein paar Schritte an der Hauswand weiter und zog mich dann schnell in einen tiefen Spalt in der Mauer zurück, als ich hinter mir Lärm hörte. Es klang wie das Geräusch von einem rennenden Menschen und dazu viele Trippelschritte. Da lief wohl jemand vor etwas davon. Aber wer und vor wem?

Gleich danach sah ich, dass es ein Mann war, ein ziemlich abgerissener und zerlumpter Mensch auf der Flucht. Er rannte anscheinend um sein Leben, war über und über dreckig, seine Kleidung hing ihm in Fetzen vom Leib, Haare und Bart waren lang, ungepflegt und verfilzt.

Ich streckte den Kopf ein wenig weiter aus meinem Versteck, da bog der Mann mit einem Satz von der Straße ab und flüchtete sich zu mir in den Mauerspalt. Entsetzt zuckte ich zurück, schob mich von ihm weg und ein bisschen tiefer in meinen Unterschlupf. Von Nahem sah der Mann noch schlimmer aus, er blutete aus vielen kleinen Wunden, die wie winzige Bisse aussahen.

»Hey, was ist denn mit dir passiert? Wer hat dich so zugerichtet?« Für einen Moment hatte ich vergessen, dass ich ja nicht mit den Bewohnern anderer Zeitebenen interagieren konnte. Anscheinend galt diese Regel nur für die Vergangenheit und nicht für die Zukunft, denn der Mann hatte mich gehört, drehte sich zu mir und legte den Finger auf die Lippen.

»Still jetzt, gleich kommen sie, wenn wir leise sind, laufen sie vielleicht an uns vorbei.« Ich verstummte, drängte mich wieder ein bisschen näher an die Öffnung und schaute auf die Straße.

Und dann sah ich, wovor der Mann neben mir davongerannt war. Ratten – Hunderte, Tausende von Ratten. Sie rannten auf der Straße, doch nicht etwa ungeordnet wie eine Tierherde in Panik. Auf mich machten sie eher den Eindruck einer Armee auf dem Vormarsch. Sie waren groß, verdammt groß. Viel größer als jede wohlgenährte Ratte, die ich je in der Gegenwart gesehen hatte. Und auch viel gewaltiger als die Laborratten, die Zeitmülli in riesigen Mengen für irgendwelche Versuche in seinem Labor züchtete.

Als ich die Ratten genauer betrachten konnte, stellte ich fest, dass mich meine Beobachtung nicht getrogen hatte. Das war wie ein geordnetes militärisches Kommando, das eiliges und sorgfältiges Vorgehen auf der Suche nach dem Feind ausführte. An den Seiten sicherten einzelne Späher den Trupp, und ein paar der Ratten, die besonders groß und gut genährt aussahen, trugen sogar eine Art Waffen.