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„Jetzt stehst du mit ausgebreiteten Armen da,

wo man mit den Zehen, von unten gesehen,

bereits über dem Abgrund steht.“

 

aus

Meike Harms

„Leistungsorientierte Freude“

 

 

Die schönsten Abgründe des Alltags: WORUM ES GEHT

 

Stellen Sie sich einen lauen Abend vor. Sie haben sich chic gemacht. Nicht nur lässig chic, sondern richtig chic. Ihr Haar liegt gut, Sie duften, Sie tragen edles Schwarz. Die Sohlen ihrer neuen teuren Schuhe sind blitzblank. Selbstbewusst treten Sie damit den Weg zur Bühne an. Um Sie herum: Fotografen, lächelnde VIPs und begeisterte Follower. Dann stehen Sie endlich oben, hinter dem Pult. Sie fühlen, wie Ihnen Tränen der Rührung in die Augen steigen. Als der Saal sich etwas beruhigt, beugen Sie sich zum Mikrofon und sagen mit leicht brüchiger, aber feierlicher Stimme: „Es gab Zeiten, in denen wir fast nicht mehr daran geglaubt haben. Aber wir haben nicht aufgegeben. Wir sind drangeblieben. Und nach wochenlangem harten Kampf stehe ich heute hier und kann Ihnen sagen: Wir haben die Motten in unserer Küche endlich besiegt! Keine Maden mehr an der Decke! Juhu!“

Frenetischer Applaus. Alle fallen sich in die Arme. Sie danken Ihren Fans, ohne die Sie es angeblich niemals geschafft hätten, für deren Anteilnahme.

Ein Wahnsinnsmoment – aber leider nicht real. In der realen Welt wird Leuten nur für die angeblich großen Dinge applaudiert. Mottenbekämpfung gehört nicht dazu. Auch nicht das Ertragen von Spießer-Nachbarn oder das Sich-Behaupten gegen eine aggressive lokale Saunagruppe, die immer die besten Schwitzplätze für sich beansprucht. Diese Dinge bleiben ungesehen, und zwar zu Unrecht.

Der russische Autor Anton Pawlowitsch Tschechow soll einmal gesagt haben: „Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertigmacht.“

Man findet dieses Zitat gerne auf der ersten Präsentationsfolie von Managementtrainern und Selbstfindungscoaches. Leider steht niemals genau dabei, aus welchem von Tschechows Werken es entnommen bzw. in welchem Zusammenhang es geäußert wurde. Nichtsdestotrotz ist der Tschechow-Ausspruch zum Megaseller unter den Zitaten geworden. Einfach weil jeder nur zu gut weiß, was Anton Pawlowitsch meint. Vielleicht gibt es eine Handvoll große Krisen in unserem Leben, die uns eine gewisse Zeit in Atem halten. Den Alltag dagegen haben die meisten von uns siebzig Jahre und länger am Hals. Das ist eine ganz andere Hausnummer.

Wenn es nach mir ginge, dann gäbe es nicht nur ein Bundesverdienstkreuz für besondere, sondern auch eins für ganz normale Leistungen. Denn seien wir mal ehrlich: Ein normales Leben zu ertragen und durchzustehen, wird in dieser Welt immer schwieriger. Wenn man als Abiturient sein Berufsziel mit „einfacher Angestellter ohne große Verantwortung“ angibt, wird man schief angeschaut. Wenn man sich zum Mittag ein ganz normales wabbeliges Rührei macht und es dann auf Instagram postet, wird man mit Nichtbeachtung oder – schlimmer noch – mit Ironie gestraft. Wenn man sagt, dass man lieber seine Wohnung putzt, als ein veganes Erlebniswochenende auf der Ranch eines einbeinigen Whiskey-Sommeliers in Lappland zu verbringen, dann wird man sozial geächtet.

Und gerade hier möchte dieses Buch ansetzen. Es zollt den kleinen Kämpfen des Lebens Tribut, mit denen wir uns verdammt noch mal die ganze Zeit herumärgern müssen, damit aus ihnen vielleicht irgendwann kleine Siege werden.

 

Liebe mitlesende Heldinnen und Helden des Alltags! Dieses Buch mit seinen unterschiedlichen Geschichten ist Ihr Bundesverdienstkreuz für normale Leistungen. Ihr großer Jubelsaal. Ihr Blitzlichtgewitter. Erleben, beben, zittern und leiden Sie mit. Genießen und lachen Sie auch mal zwischendrin. Und dann machen Sie einfach weiter.

 

Mit ganz normalen Grüßen

Franziska Wilhelm

 

 

Die schönsten Abgründe des Alltags: MOTTEN

 

Wir haben Sitzbänke in der Küche. Das ist praktisch für mich, denn ich habe postprandiale Narkolepsie. Dieses Phänomen lässt sich auch bezeichnen als Schnitzelstarre, Döner-Dusel, Schnitten-Schlummer, Teigtaschen-Trance oder einfach Fresskoma.

Drogen sind ohnehin nicht so mein Ding, aber was ich auf keinen Fall brauche, sind Downer. Gebt mir einfach Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße, und ich penne euch innerhalb der nächsten Viertelstunde weg. Gerade bei größeren Familienfeiern macht das meist nicht besonders viel Eindruck. Das kann ich aus Erfahrung sagen. Man weiß es eigentlich schon, wenn die Rouladen reingetragen werden: Heute wird ein harter Abend. Zuerst kämpft man noch dagegen an, verfällt in ein leichtes Kopfnicken, um sich wach zu halten, macht dann möglichst unauffällig weiter mit aktivierendem Rumpfschaukeln, und schließlich lässt man einen Löffel fallen und gibt sich unterm Tisch ein paar kräftige Ohrfeigen. Leider verpufft die Wirkung dieser Schutzmaßnahmen immer sehr schnell, und am Ende penne ich doch ein.

Zu Hause ist das Gott sei Dank kein Problem, denn da haben wir, wie gesagt, die Küchenbänke. Ich kann mich einfach seitlich absinken lassen und dann gemütlich auf den Rücken drehen. Kurzum: Unsere Küche ist fresskomagrecht.

Allerdings schreckte ich letztens aus meiner gerade einsetzenden Nudel-Narkose hoch, denn ich entdeckte etwas, das mich beunruhigte. Eine gelblich grüne Made zog oben an der Wand entlang. Ich drehte den Kopf und erblickte eine weitere. Und noch eine. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte: Motten. Ich hasste diese Viecher. Sie kamen so unschuldig reingeflattert mit ihren dünnen graubraunen Flügelchen, ganz leise und verletzlich wie eine Insekt gewordene Bibliothekarin. Und dann breiteten sie sich aus. Mit atemberaubender Geschwindigkeit legten sie Millionen von Eiern arglistig in die allerhintersten Winkel. Ja, es gibt Ecken in einer WG-Küche, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat, aber glauben Sie mir, im Lonely Planet der Motten sind sie alle verzeichnet und ausführlich beschrieben.

Die Motte ist ein Tier, das es nicht zu unterschätzen gilt. Ich sage nur so viel: Sie kann Polyethylen verdauen. Das haben chinesische Wissenschaftler unlängst bewiesen. Und das bedeutet, selbst zugeschweißte Verpackungen sind vor ihrem Hunger nicht sicher.

An diesem Abend in meiner Küche war mir der Ernst der Lage sofort klar und ich machte das, was man als erwachsener, aufgeklärter Mensch und WG-Bewohner immer als Erstes macht: Ich verdächtigte meine Mitbewohnerin. Musste sie denn diese Unmengen von Maisgries-Polenta, Dinkelkleie, Bulgur und Bio-Hirse unbedingt unbetuppert im Schrank stehen lassen? Was sollte all die gesunde Ernährung, wenn man am Ende von Geschöpfen in die Knie gezwungen wurde, die Plastikfolie fraßen?

Sofort rief ich meine Mitbewohnerin herbei, um ihr die Dramatik der Situation bewusst zu machen. Aber ich musste ihr gar nichts bewusst machen, denn anscheinend verabscheute sie Motten sogar noch stärker als ich. Ohne mit der Wimper zu zucken, pfefferte sie Bioladen-Güter im Wert von mehreren Hundert Euro direkt in den Hausmüll. Beeindruckt beschloss ich, meinen Vorratsschrank ebenfalls auszumisten. Ich trennte mich gerade von alten Gewürzen und Backutensilien, da schaute sie zu mir herüber: „Du wirfst aber schon auch die Sachen in den Tupper-Schachteln weg, ne?“

Etwas in mir sträubte sich. Hatte ich mir die ganzen Dosen nicht extra zugelegt, um mein Zeug vor Motten zu schützen? Und jetzt sollte ich das einfach wegwerfen? So richtig sah ich das nicht ein.

Meine Mitbewohnerin schien das zu spüren. Deshalb hob sie zum ersten Hauptsatz der Motten-Theorie an, den alle Menschen immer gebetsmühlenartig ausrufen, wenn man sich ihnen gegenüber als Madenopfer outet: „Man muss alles wegwerfen, wirklich alles wegwerfen, alles muss weg!“

„Hm, ja, vielleicht morgen“, nuschelte ich und verschwand in meinem Schlafzimmer.

Noch bis tief in die Nacht hörte ich meine Mitbewohnerin in der Küche herumfuhrwerken. Sie räumte weiter ihre Schränke aus und schrubbte die Oberflächen sauber. Unablässig murmelte sie dabei: „Man muss alles wegwerfen, wirklich alles wegschmeißen!“ Dazwischen hustete sie vom Essigreiniger.

Am nächsten Morgen blinkte unsere Küche so schön, wie eine teilsanierte Altbauküche nur blinken kann. Eine teilsanierte Altbauküche, in der jemand über Nacht siebenhundertfünfzig Pheromonfallen verteilt hatte … „Das hast du toll gemacht“, sagte ich.

„Man muss wirklich alles wegschmeißen, wirklich alles wegschmeißen!“, entgegnete sie.

Sanft legte ich meine Hand auf ihre Schulter. „Ich glaube nicht, dass auch nur eine einzige Motte diese Nacht unbeschadet überstanden hat.“

Doch ich sollte mich irren. Nur zwei Abende später kroch eine neue Made die Wand empor.

Wortlos nahm meine Mitbewohnerin meine Tupper-Dosen aus dem Schrank und entsorgte sie im Ganzen. Dann warf sie meine Zwiebeln weg. Und meinen Entspannungstee. Und meine geliebten bunten Strohhalme. Und meine Kaffeefiltertüten von 2004. Und unsere Kork-Pinnwand. Unsere Plastikbrettchen. Unseren Besteckkasten. Unsere Sitzauflagen. Und unsere Mülleimer.

„Dörrobstmotten, so wie wir sie haben, lateinisch Plodia interpunctella, verpuppen sich ab einem bestimmten Stadium auch außerhalb von Nahrungsvorräten“, erklärte sie mir.

Ich staunte über ihre Kampfdynamik. Innerhalb von zwei Tagen hatte sie sich von einer bloßen Gefahren-Erkennerin zu einer dezidierten Motten-Expertin weitergebildet. Doch als sie daraufhin auch noch meinen gerade neu gekauften Siemens-Extrem-Silence-Power-Staubsauger wegwerfen wollte, warf ich mich panisch auf den Saugschlauch. „Ich glaube, es reicht jetzt!“, sagte ich.

„Aber man muss doch alles wegschmeißen, man muss wirklich alles, alles wegschmeißen!“, wiederholte sie noch eine halbe Stunde, bis sie vollkommen erschöpft zusammensackte und in einen langen, unruhigen Schlaf verfiel.

 

Zwei Tage später war wieder eine Made an der Decke.

„Du hast jetzt zwei Optionen“, flüsterte meine Mitbewohnerin. Sie schien am Ende ihrer Kräfte zu sein. „Entweder, wir werfen jetzt wirklich alles weg, auch deinen neuen Staubsauger, oder wir müssen hier eine Kolonie Schlupfwespen ansiedeln. Die killen Motten nämlich auch.“

Ich seufzte kurz, nahm den Staubsauger und warf ihn über die Brüstung unseres Balkons. Meine Mitbewohnerin aktivierte ihre letzten Energiereserven und schmiss die Küchenbänke, den Tisch und all unsere Küchenschränke direkt hinterher. Dieser Akt hatte durchaus etwas Spirituelles.

 

Inzwischen sehe ich es ein: Der erste Hauptsatz der Motten-Theorie ist wahr. Man muss immer alles wegschmeißen. Reichst du einer Motte den kleinen Finger, verschlingt sie drei Arme und die Appel Watch gleich mit. Wer Motten in die Knie zwingen will, muss knallharte Konsequenz an den Tag legen.

Und weil ich das verstanden habe, kann ich heute sagen: Wir haben die Motten besiegt. Unsere Küche ist zwar nun komplett leer, aber das macht nichts. Zu Hause nehmen wir ohnehin keine Lebensmittel mehr zu uns. Außer Capri-Sonne vielleicht. Das mit dem Fresskoma hat sich damit für mich erledigt. Ich vermisse meine gemütlichen Küchenbänke nicht. Ich brauche sie nicht mehr. Ebenso wenig wie die anderen Möbel. Motten sind nun mal die beste Lektion in Kompromisslosigkeit. Eine Lektion, die wir als Werktätigen-Wohngemeinschaft bestanden haben. Darauf bin ich stolz. Und dafür sage ich: „Danke, Motte!“