Vorwort

Wohin treiben die beständig nach rechts abdriftenden Gesellschaften in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems? Mit jeder neuen Wahl scheint der Durchmarsch der Neuen Rechten unaufhaltsam voranzuschreiten. Die Verrohung des öffentlichen Diskurses, die zunehmende rechte Gewalt, die rasch voranschreitende Aushebelung bürgerlicher Grundrechte - sie lassen Erinnerungen an den Vorfaschismus der 30er Jahre aufkommen.

Für Tomasz Konicz ist dies kein Zufall. In den hier versammelten Beiträgen werden Parallelen zwischen dem Aufstieg des Faschismus im Europa der Zwischenkriegszeit und dem gegenwärtigen Durchmarsch der Neuen Rechten gezogen. Zentral ist hierbei der ökonomische Krisenprozess, der in Wechselwirkung mit dem politischen Aufstieg der extremen Rechten steht: von der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis zur gegenwärtigen, 2008 manifest gewordenen Systemkrise.

Faschismus soll hierbei als eine Extremform von Krisenideologie demaskiert werden, die in Krisenzeiten mittels Gewalt und Terror eine im Zerfall begriffene kapitalistische Gesellschaftsformation aufrechtzuerhalten versucht – und diese in die Barbarei treibt. Die barbarische Gefahr komme hierbei aus der Mitte der Gesellschaft, weshalb den Begriffen des Extremismus der Mitte und der konformistischen Rebellion breiter Raum bei der Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten eingeräumt wird. Der Prozess des Ins-Extrem-Treibens der Mitte wird nicht nur anhand der AfD nachgezeichnet, sondern auch beim neoliberalen "Mainstream", der als Brutstätte der Neuen Rechten fungiert.

Tomasz Konicz, geb. 1973, arbeitet als Publizist und freier Journalist mit den Schwerpunktthemen Krisenanalyse und Ideologiekritik.

Impressum

Tomasz Konicz
Faschismus im 21. Jahrhundert
Skizzen der drohenden Barbarei

Herausgeber der Reihe: Florian Rötzer

Umschlaggestaltung & Herstellung: Michael Schuberthan

ISBN 978-3-95788-174-8 (V3)

Copyright © 2018 Heise Medien GmbH & Co. KG, Hannover

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Heise Medien GmbH & Co. KG
Karl-Wiechert-Allee 10
30625 Hannover

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

1. Einleitung

2. Systemkrise und Neue Rechte

2.1 Der Terror der Ökonomie

2.2 Die Nation in der Krise

2.3 Politische Ökonomie des Krisennationalismus

2.4 Zur Wiederkehr der nationalistischen Ideologie

2.5 Willkommen in der Postdemokratie

2.6 Freihandel und Flüchtlinge

2.7 Neo: Aus liberal wird national

2.8 Kapital als Klimakiller

3. Die Mitte und ihr Extremismus

3.1 Spielend in die Apokalypse

3.2 Das Terrorspiel der Clowns

3.3 Sprache der Verdinglichung

3.4 Vom Aberglauben zum Wissenschaftsglauben

3.5 Schwarz-Braun macht mobil

3.6 Die Gunst der rechten Stunde

3.7 Die "Lügenpresse" und ihre Lügenfressen

3.8 "Absaufen!" - Pro und Contra

4. Querfront als rechte Einstiegsdroge

4.1 Putin unser, der du bist im Kreml

4.2 Die Sarrazin der Linkspartei

4.3 Querfront als Symptom

5. Das Geld im Hintergrund

5.1 Das Establishment hinter den Rechtspopulisten

5.2 AfD: Die Masken fallen

5.3 Goldene Geschäfte mit der Panik

6. Antisemitismus im 21. Jahrhundert

6.1 Der letzte Dammbruch

6.2 Der ewige Soros

6.3 Der "ewige Jude" hat Konjunktur

7. Islamismus und Faschismus

7.1 Von grünen und braunen Faschisten

7.2 Fluchtpunkt Amok

8. Neue Alte Rechte

8.1 Die Bewegung als Bewegung

8.2 Donald Trump und die Zeit des Borderliners

8.3 Abschied vom Menschenrechtsimperialismus?

8.4 "Ukraine über Alles!"

8.5 Polen: reaktionäre Politisierung

8.6 Österreich: Mit permanenten Tabubrüchen wird eine neue Normalität geschaffen

8.7 Vom Rechtspopulismus zum Rechtsterrorismus

8.8 AfD: Keiner kann mehr sagen, von alldem nichts gewusst zu haben

8.9 Eine ganz normale (Nazi-) Partei?

8.10 AfD: Die Partei für die weniger Intelligenten?

8.11 AfD: Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

9. Barbarei im 21. Jahrhundert

9.1 Outsourcing der Barbarei

9.2 Klima für Extremismus

10. Maschinenkult und Menschenhass

10.1 KI und Kapital

11. Was tun gegen Faschismus im 21. Jahrhundert?

Epilog: So nah und doch so fern

Impressum

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1. Einleitung

»Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber, und radikal ist immer nur das Gute.«

Hannah Arendt

Der Spätsommer 2018 dürfte als die Zeitperiode in die bundesdeutsche Zeitgeschichte eingehen, in der die Neue Deutsche Rechte ihre demokratische Fassade endgültig fallen ließ. Unter Instrumentalisierung eines durch Flüchtlinge begangenen Totschlags tobte Ende August ein brauner Mob durch die Straßen der sächsischen Stadt Chemnitz, der - weitgehend unbehelligt vor der überforderten Polizei - Jagd auf Migranten und all jene Menschen machte, die nicht ins faschistische Weltbild passen.

Der offene Straßenterror, an dem sich bis zu 8000 Faschisten und deren Sympathisanten aus der "Mitte" der Gesellschaft beteiligten, machte schlagartig die wachsende Akzeptanz rechtsextremistischer Ideologie und Praxis in breiten Teilen der deutschen Bevölkerung offensichtlich. Die massenmediale Fassade von den irregeleiteten "besorgten Bürgern", die jahrelang um die Neue Deutsche Rechte vom Medienbetrieb und Politik aufgebaut wurde, ist nach dem Exzess von Chemnitz nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Diese faschistische Wende wurde von der AfD bewusst forciert, die den rechten Straßenterror von Chemnitz umgehend rechtfertigte. Der AfD-Führer Alexander Gauland erklärte, bei den pogromartigen Ausschreitungen handelte es sich um "Selbstverteidigung". Es sei normal, dass nach einer solchen Tötungstat die Menschen "ausrasten". Dabei war der Vorsitzende der AfD mit dieser Einschätzung beileibe nicht allein. Umfragen, die kurz nach den Ausschreitungen durchgeführt wurden, legten eine wachsende Akzeptanz faschistischer Gewalt in der Bundesrepublik offen: Nur 62 Prozent der befragten Ostdeutschen konnten sich dazu durchringen, die Ausschreitungen zu verurteilen, im Westen waren es 72 Prozent.

Das Pogrom, der militante Rechtsextremismus - sie drohen, nach Chemnitz im Rahmen der Rechtsdrift der bundesrepublikanischen Gesellschaft zur neuen deutschen Normalität zu gerinnen. Gerade die bürgerliche "Mitte" scheint besonders anfällig zu sein für den rechtsextremen Exzess. Ganz "normale Bürger" spendeten den durch Chemnitz marodierenden Nazis Applaus, während die Polizei den Rechten de facto die Stadt überließ, wie Spiegel-Online titelte. Eine der Bürgerinnen in Chemnitz, die mit den Nazis marschierte und dabei beteuerte, kein Nazi zu sein, machte gegenüber Spiegel-Online in entwaffnender Offenheit klar, was die Anziehungskraft faschistischer Bewegungen ausmacht. Auf die Nachfrage des Reporters, wieso ihre Klage über die soziale Spaltung des Landes nicht zu einem Engagement für "Umverteilung" führe, sondern sich im Hass auf Ausländer und Flüchtlinge entlade, antwortete die kurz vor ihrer (mageren) Verrentung stehende Bestatterin: "Weil man ja gegen irgendwen sein muss, und mit denen ist es einfach." Es ist einfach, Faschist zu sein.

Es ist der alte Untertanencharakter, der auch im 21. Jahrhundert dem Faschismus Auftrieb verschafft. Unzufriedenheit und Ängste, die angesichts zunehmender Krisentendenzen gerade in der Mitte der kapitalistischen Gesellschaften aufkommen, führen nicht zur Opposition oder zur kritischen Reflexion, sondern zu einer manischen Suche nach sozial schwachen Sündenböcken. Es ist so einfach, sich dem Wahn zu ergeben. Und es ist oftmals auch dem Faschisten klar, dass keine kausale Beziehung besteht zwischen den beklagten sozialen Verwerfungen - wie der obszönen Schere zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik - und den hierfür verantwortlich gemachten, zumeist ohnehin marginalisierten Bevölkerungsgruppen, wie den Flüchtlingen.

Der Begriff der konformistischen Rebellion ist somit unabdingbar, um den Aufstieg des Faschismus in Krisenzeiten zu erhellen. Der zunehmende Druck, die zunehmenden Abstiegsängste, denen nahezu alle Gesellschaftsschichten ausgesetzt sind (Siehe Kapitel 2.1), sie erhalten in dem Hass auf Krisenopfer ihr irrationales Ventil. Ohne die Gefahren einer echten Revolte einzugehen, die sich immer gegen mächtige soziale Gruppen und bestehende Machtstrukturen richtet, kann der Faschist sich in die absurde Pose des konformistischen Rebellen werfen, in der er sich einerseits im Kampf gegen mächtige Verschwörungen wähnt, doch eigentlich nur das tut oder sagt, was alle, die von ihm imaginierte große schweigende Mehrheit, heimlich wollten. Die Hetze und das Pogrom gegen sozial schwache Minderheiten wandelt sich in der faschistischen Ideologie folglich zum Kampf gegen mächtige, im Verborgenen agierende Gegner.

Ein Schwerpunkt der vorliegenden Textsammlung liegt gerade auf der umfassenden Darstellung der Genese und der Verlaufsform des Ins-Extrem-Treibens dieser konformistischen Rebellion des Faschismus im 21. Jahrhundert. Dabei reifte die totalitäre Gefahr nicht an den "Rändern", sondern gerade in der Mitte der spätkapitalistischen Gesellschaften heran. Die im 3. Kapitel zusammengestellten Texte ("Die Mitte und ihr Extremismus") fassen diese Tendenzen unter dem Begriff des Extremismus der Mitte zusammen.

Die Kernthese, an der sich dieses Kapitel orientiert, interpretiert den Faschismus als die politische Kraft, die das latent gegebene, barbarische Potenzial kapitalistischer Vergesellschaftung in Krisenzeiten manifest werden lässt. Die Wechselwirkung zwischen autoritären Tendenzen im Vorfaschismus und der Kulturindustrie, der instrumentellen Rationalität, den Massenmedien und der "bürgerlichen" Politik soll in diesem Kapitel beleuchtet werden. Hierdurch soll eine zentrale Fragestellung erhellt werden: Wieso befindet sich in nahezu allen Industriegesellschaften in Krisenzeiten gerade die extreme Rechte im Aufschwung?

Die Ursachen des Aufstiegs der Neuen Rechten müssen somit in dem systemischen Krisenprozess verortet werden, in dem das spätkapitalistische Weltsystem sich befindet. Dieser wird in Kapitel 2 diskutiert ("Systemkrise und Neue Rechte"), wobei der Schwerpunkt der Textsammlung auf dem Spannungsverhältnis zwischen Neoliberaler Globalisierung und den zunehmenden neonationalistischen Bestrebungen, wie dem Trumpschen Protektionismus, liegen wird. Die Krisenschübe, die maßgeblich zu Formierung der Neuen Rechten in Europa und Deutschland beitrugen, sind auch im öffentlichen Bewusstsein noch präsent: Es waren Eurokrise und die kurz darauf einsetzenden Flüchtlingskrise, die rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Bewegungen in vielen Ländern Europas zum Auftrieb verhalfen. Es gilt, in diesem 2. Kapitel den inneren, systemischen Zusammenhang zwischen diesen disparat scheinenden Krisenphänomenen herauszuarbeiten. Angesichts der sich entfaltenden Klimakrise und der damit einhergehenden Flüchtlingsströme soll im Kapitel 2.8 überdies der Zusammenhang zwischen kapitalistischem Wachstumszwang und der daraus folgenden irrationalen Ressourcenverbrennung dargelegt werden. Die Kernthese lauter hierbei: Die Wirtschafts- und die Klimakrise bilden nur zwei Seiten desselben Krisenprozesses.

Diese ökonomische wie ökologische Krisenentfaltung soll dabei als ein historischer Prozess dargelegt werden, angetrieben durch die inneren Widersprüche, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnen. Der aufkommende Faschismus und Neo-Nationalismus sind dabei politischer Ausfluss eines drohenden Umbruchs zwischen zwei historischen Krisenphasen: von der krisenhaften neoliberalen Globalisierung zum Protektionismus und Neonationalismus. Die Neue Rechte betreibt somit eine Ideologisierung der reell drohenden Krisenverschärfung. Die Parallelen zu der Krisenperiode der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, als die Weltwirtschaftskrise von 1929 dem deutschen Nationalsozialismus den Weg ebnete, sollen so erkennbar werden.

Das Geraune vom "Untergang" Deutschlands oder gleich des Abendlandes, das abermals in der deutschen Rechten aufkommt, muss somit als Ideologie begriffen werden: als eine verzerrte, der Legitimierung faschistischer Bewegungen dienende Wahrnehmung der krisenhaften Realität. Die Rechte hat dem neoliberalen Mainstream diese dumpfe, quasi unbewusste Wahrnehmung des Krisenprozesses voraus. Die Angst, die angesichts des unverstandenen Krisenprozesses aufkommt und die bekannten Abschottungstendenzen befördert ("Grenzen dicht!"), wird von der Rechten in Hass transformiert. Es ist notwendig, diesen unbewusst erahnten Krisenprozess der bewussten, kritischen Reflexion zuzuführen - dies gerade in scharfer Abgrenzung zum irrationalen Wahn und Hass der Neuen Rechten.

Der Hass richtet sich immer gegen Personengruppen oder Bevölkerungssichten. Die Rechte betreibt somit eine Personifizierung der Krisenursachen, die als Folge des bösartigen oder schädlichen Treibens einer Personengruppe imaginiert werden. Somit geht die rechte Jagd nach "Sündenböcken" mit einer impliziten Naturalisierung des Kapitalismus einher, dessen innere, den historischen Krisenprozess antreibende Widersprüchen nicht wahrgenommen werden. Neben den bekannten Sündenböcken wie Südländern, Türken, Griechen, Sozialschmarotzern, Russen, Amerikanern oder Arabern, die als Personifizierungen der Krisenfolgen fungierten, spielt der latente Antisemitismus als Personifizierung der Krisenursachen eine zentrale Rolle in der rechten Ideologie aller Schattierungen. Dies wird etwa am Soros-Wahn offensichtlich, dem weite Teile der neuen Rechten verfallen sind. Bei der ideologischen Verarbeitung des Krisenprozesses greifen folglich nicht nur ungarische oder polnische Rechtsextremisten zunehmend auf Elemente des Antisemitismus zurück, wie sie in Kapitel 6 in ihren Wandlungen im 21. Jahrhundert dargelegt werden.

Eine Definition des Faschismus scheint nun - unter Verwendung der Begriffe des Extremismus der Mitte und des der opportunistischen Rebellion bzw. konformistischen Rebellion - möglich. Der historische Faschismus samt des deutschen Nationalsozialismus fungiert, ebenso wie die gegenwärtigen Bewegungen der "Neuen Rechten", als extremistische Krisenideologie, die auf eine terroristische und letztendlich eliminatorische Praxis zutreibt. Faschismus - ob nun der deutsche Nationalsozialismus, Francos katholischer Faschismus in Spanien oder die faschistische Diktatur Pinochets in Chile - ist eine offen terroristische Krisenform kapitalistischer Herrschaft. Rechtsextreme und faschistische Tendenzen gewinnen immer dann an Dynamik, wenn die bürgerlich-liberale kapitalistische Gesellschaft in eine ökonomische oder politische Krise gerät, die das Fortbestehen des Gesamtsystems gefährdet oder auch nur zu gefährden scheint (Weltwirtschaftskrise 1929, Sieg der Volksfront 1936 in Spanien oder Allendes Wahlerfolg 1970 in Chile, manifeste Systemkrise des Weltsystems ab 2008).

Bei dieser Krisenideologie in all ihren Schattierungen - von der deutschen AfD oder der Schweizer SVP über den französischen FN bis zum ungarischen Jobbik und zur Goldenen Morgenröte Griechenlands - handelt es sich somit die besagte "konformistische Rebellion", in denen nicht etwa die Überwindung des bestehenden Systems propagiert wird, sondern dessen extremistische Zuspitzung und Verhärtung. Die Krise des Kapitalismus soll mittels einer terroristischen Entgrenzung des Kapitalismus - der für diese Gesellschaftsformation konstitutiven destruktiven Vergesellschaftungsformen - überwunden werden.

Die rechte "opportunistische Rebellion" bringt somit den besagten "Extremismus der Mitte" hervor. Ganz "normale Bürger" - wie am eingangs erläuterten Beispiel aus Chemnitz dargelegt - verfallen dem irrationalen faschistischen Wahn. Nicht das emanzipatorische Bemühen, das Bestehende zu überwinden, führt in die Barbarei, sondern der krampfhafte, ins Extrem treibende Versuch, am kollabierenden Bestehenden festzuhalten. Im 8. Kapitel, "Neue Alte Rechte", wird gerade dieser Prozess des "Ins-Extrem-Treibes" rechter Bewegungen am Beispiel der ehemaligen "Professorenpartei" AfD, des Rechtspopulisten Trump, der Österreichischen Rechtspopulisten und polnischer und ukrainischer Rechtsbewegungen skizziert.

Der Begriff des Extremismus kann die Grundlagen dieser Krisenideologie - die im Bestehenden und scheinbar "Alltäglichen" wurzelt - aber nur dann erhellen, wenn er ernst genommen und nicht nur als eine rein formale Begriffshülse verwendet wird, mit der in totalitarismustheoretischer Diktion Kräfte an den Rändern des politischen Spektrums belegt werden. Stattdessen gilt es, die Grundzüge der weltanschaulichen Wahnsysteme des europäischen Rechtspopulismus nachzuzeichnen, um so die Kontinuität zwischen neoliberaler und rechtspopulistischer sowie rechtsextremistischer Ideologie aufzuzeigen. Was konkret wird von der Rechten ins Extrem getrieben? Erst bei dieser Auseinandersetzung mit dem konkreten Inhalt der neurechten Ideologie - sowie deren Verwurzelung im Mainstream der spätbürgerlichen Gesellschaften - wird der besagte Begriff des "Extremismus der Mitte" voll verständlich.

Die Neue Rechte greift auf Anschauungen, Wertvorstellungen und ideologische Versatzstücke zurück, die im Mainstream der betroffenen Gesellschaften herrschen. Dies war auch bei der "alten Rechten" während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre der Fall, als der damals dominante völkische Nationalismus ins eliminatorische Extrem getrieben wurde. Dieser Prozess des "Ins-Extrem-Treibens" der Mitte wirkt auch in den verwüsteten, islamisch geprägten Gesellschaften der Peripherie, die den militanten Islamismus als dominante postmoderne Form der Krisenideologie hervorbringen. Im 7. Kapitel, "Islamismus und Faschismus", sollen folglich europäischer Faschismus und Islamismus als wesensverwandte, potenziell eliminatorische Ideologien dargelegt werden - die sich oft genug bei Auseinandersetzungen wechselseitig hochschaukeln.

Der Faschismus weist eine Eigendynamik auf, er ist nicht einfach nur ein "Betrugsprojekt", das von reichen Eilten, von Kapitalisten, Bankiers oder Ölscheichs, wie im Fall des "Islamischen Staates", finanziert wird. Eine Zielsetzung dieser Textsammlung besteht gerade darin, die Genese des Faschismus als eine genuine Massenbewegung nachzuzeichnen, die quasi "naturwüchsig" in Reaktion auf Krisenschübe an Breite gewinnt - und erst dann, in zunehmendem Ausmaß, das Interesse der Funktionseliten im Kapitalismus weckt. An die Macht gelangen die konformistischen Rebellionen aber nur dann, wenn sie auf die Unterstützung zumindest eines Teils der Funktionseliten der betreffenden Gesellschaft zählen können. Diese widersprüchliche Beziehung zwischen reaktionären Milliardären, den alten neoliberalen Eliten und den neuen neonationalistischen Populisten und Bewegungen wird in Kapitel 5, "Das Geld im Hintergrund", sowie im Text 2.7, "Neo: Aus liberal wird national" thematisiert. Faschismus ist eine Krisenform der letztendlich subjektlosen kapitalistischen Herrschaft, er ist nicht deren Optimum - in der Regel sind es folglich die reaktionärsten Teile der Funktionseliten aus Wirtschaft, Politik und Staat, die faschistische Bewegungen zuerst fördern.

Den spezifisch deutschen Tendenzen zur Ausbildung einer Querfront zwischen rechten und linken Kräften ist wiederum Kapitel 4 gewidmet. Diese Überlegungen und Strategien, die formell darauf abzielen, der Neuen Rechten die Anhängerschaft dadurch streitig zu machen, dass die Linke die Rhetorik und die Forderungen der Rechten teilweise übernimmt und/oder sich daran anpasst, werden einer eingehenden Kritik unterzogen - gerade weil sie eine effektive Bekämpfung faschistischer Tendenzen in der Bundesrepublik hintertreiben.

Nicht nur der Faschismus, auch der Kapitalismus soll hier als eine historische Formation, als ein dynamisches Weltsystem vermittelt werden, das von seinen eigenen, inneren Widersprüchen in eine destruktive, weltverheerende Expansionsbewegung getrieben wird. Der Kapitalismus hat einen historischen Anfang, eine Durchsetzungsphase in der ursprünglichen Akkumulation vor rund 300 Jahren - und er wird zwangsläufig ein historisches Ende finden. Entgegen den Tendenzen zur Verdinglichung gesellschaftlicher Prozesse und der korrespondierenden Identitäten, soll somit die Wahrnehmung von sozialen Prozessen und Widersprüchen gefördert werden, anstatt die Gesellschaft und den Menschen als einen verdinglichten Ist-Zustand zu imaginieren.

Wohin bewegt sich das Ganze des Weltsystems, angetrieben von der blindwütigen Dynamik der eskalierenden innerkapitalistischen Widersprüche? Dieser Frage wird in den Kapiteln 9 und 10 nachgegangen, die den Blick werfen auf die sich bereits jetzt in Gestalt des globalen Abschottungssystems andeutende Barbarei, sowie dessen drohende genozidale Verhärtung im Gefolge der sich entfaltenden Klimakrise (Kapitel 9). Die in Kapitel 10 forcierte Auseinandersetzung mit dem KI-Kult des Transhumanismus soll wiederum Bestrebungen innerhalb der IT-Eliten kritisieren, mittels einer Maschinenreligion die Menschheit zu einem veralteten "Auslaufmodell" zu deklarieren.

Die Darstellung des Kapitalismus als einen offenen historischen Prozess zunehmender Widerspruchsentfaltung soll wiederum in der Zusammenfassung (Kapitel 11) Eingang finden werden, um - ausgehend von diesem Befund - konkrete Strategien antifaschistischer Praxis zur Diskussion zu stellen. In Frontstellung zum aufschäumenden Extremismus der Mitte der Neuen Rechten ist dieses abschließende Kapitel von der Intention getragen, einen radikale strategische Orientierung bei diesem ergebnisoffenen zivilisatorischen Überlebenskampf zu formulieren. Radikal im besten Sinne des Wortes: als das Bemühen, die Problemstellung an ihrer Wurzel zufassen und eine entsprechende transformatorische Praxis zu entwickeln, die der Tiefe der sich entfaltenden Krisendynamik gerecht wird. Kernthese: Der Faschismus bezieht seine Dynamik aus dem Krisenprozess. Eine breite Bündnisbildung muss - allen Widersprüchen und Widerständen zum Trotz - mit der offensiven Thematisierung des Krisenprozesses einhergehen, der den Faschismus des 21. Jahrhunderts letztendlich Auftrieb verschafft.

Die vorliegende Textsammlung kann selbstverständlich nicht den Anspruch erheben, eine Gesamtdarstellung des Faschismus im 21. Jahrhundert oder gar des Krisenprozesses zu leisten. Es handelt sich bei den hier zusammengefassten Texten eher um Skizzen einzelner Elemente und Momente der faschistischen Dynamik, die in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems um sich greifen - die aber in ihrer Gesamtschau dem Leser durchaus ein skizzenhaftes Gesamtbild der drohenden faschistischen Barbarei im 21. Jahrhundert vermitteln dürften.

Die einzelnen Texte mussten - mitunter recht umfangreich - modifiziert werden, um etliche Redundanzen zu beseitigen und die tagesaktuellen Bezüge so umzuformulieren, dass die Texte auch im größeren zeitlichen Abstand noch korrekt zeitgeschichtlich vom Leser eingeordnet werden können. Hierbei wurde durchaus ein Balanceakt unternommen, bei dem die intendierte Wirkung von Wiederholungen, die bestimmte Kernelemente der Argumentation beim Leser verfestigen, gegen die negative Wirkung von Redundanzen abgewogen werden musste. Selektives Lesen soll durch knappe thematische Verweise anstelle jener gestrichenen Passagen ermöglicht werden, bei denen es für das Gesamtverständnis des Textes erforderlich schien.

Das theoretische Fundament dieser Textsammlung bildet die Weiterentwicklung Marxscher Theorie durch die Wertkritik, wie sie maßgeblich vom Philosophen und Krisentheoretiker Robert Kurz und der Theoriegruppe Exit auf der Höhe des 21. Jahrhunderts geleistet wurde.

Ich danke Thomas Meyer vom Exit-Zusammenhang für die Unterstützung bei der Anfertigung dieser Textsammlung.

Hannover, im August 2018

2. Systemkrise und Neue Rechte

2.1 Der Terror der Ökonomie

Es ist einer der folgenschwersten Fehler der orthodoxen linken bzw. marxistischen Faschismusanalyse, diesen als Folge einer bloßen Verschwörung der reaktionärsten Teile der herrschenden kapitalistischen Klasse darzustellen, die das "Volk" verführt habe. Faschismus ist eine genuine Massenbewegung, die tatsächlich in Krisenzeiten an breiter Attraktivität in der Bevölkerung gewinnt und eine echte Eigendynamik entwickelt.

Der Faschismus scheint einen Ausweg zu bieten für die bedrängten Massen, die ihm quasi naturwüchsig zuneigen. Die sich zuspitzenden inneren Widersprüche kapitalistischer Vergesellschaftung, der zunehmende Druck, der auf den Marktsubjekten lastet - er findet in faschistischer Ideologie und Praxis ein systemimmanentes, barbarisches Ventil. Der sich in Hass wandelnde Druck, der dem Faschismus Auftrieb und Legitimation verschafft, kommt aus der Mitte der kapitalistischen Gesellschaft, nicht aus deren "Rändern". Charakteristisch für den Vorfaschismus ist gerade die faschistische Transformation der Mitte, die plötzlich empfänglich wird für Ansichten und Obsessionen, die zuvor noch als extremistisch galten.

Was befindet sich nun in der "Mitte" der spätkapitalistischen Arbeitsgesellschaften? Die zentrale Triebkraft des Aufstiegs der Neuen Rechten soll im Folgenden in der Gesellschaftssphäre verorten werden, die wie keine andere im Spätkapitalismus ideologisch überhöht wird: in der Sphäre der Ökonomie mit ihren inneren, sich zuspitzenden Widersprüchen. Um den Faschismus eben als echtes Massenphänomen erklären zu können, muss der Fokus der Betrachtung auf die Tätigkeitsform der Massen innerhalb der Ökonomie gelegt werden, auf die individuelle wie gesamtgesellschaftliche Reproduktion mittels Lohnarbeit.

Dass der herrschenden Ideologie die Lohnarbeit immer noch - trotz der zunehmenden Diskussion um die Krise der Arbeitsgesellschaft - als eine unantastbare Konstante menschlicher Existenz gilt, machte gerade die Debatte um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens deutlich, die in den vergangenen Jahren auch in der Bundesrepublik geführt wurde. Zahlreiche gesellschaftliche Akteure sprachen sich vehement gegen die Idee der Entkopplung von Arbeit und Reproduktion aus, die angesichts rasch voranschreitender Automatisierungs- und Rationalisierungstendenzen in der Ökonomie an Anziehungskraft gewinnt.

Der DGB stellte sich beispielsweise im April 2018 gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen, als öffentlich Alternativen zu den Hartz-IV-Arbeitsgesetzen diskutiert wurden. Er halte von solcherlei Ideen "gar nichts", erklärte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann gegenüber Medienvertretern: "Arbeit strukturiert Alltag, Arbeit bringt Identifikation, Kommunikation der Menschen." Der Chef der IG-Metall, Jörg Hofmann, erklärte in einem Zeitungsinterview, die Menschen in Deutschland würden "nicht glücklich, wenn sie daheim sitzen und alimentiert werden", sie wollten arbeiten, "und zwar möglichst qualifiziert". Ende 2017 hatte Münchens Erzbischof Kardinal Reinhard Marx ein flammendes Plädoyer für die Lohnarbeit gehalten, die nach Ansicht des katholischen Würdenträgers nicht bloß "irgendwas" sei: "Es gehört zur Grundkonstitution des Menschseins, dass ich für mich und meine Familie etwas schaffe, das von Wert ist." Die Einführung eines Grundeinkommens, das dazu führen würde, dass Menschen sich "nicht gebraucht" fühlten, sei "demokratiegefährdend", so Kardinal Marx.

Die innige Liebe zur harten, "ehrlichen" Lohnarbeit, die insbesondere unter den hoch bezahlten Funktionseliten der Bundesrepublik grassiert, bringen aber immer wieder Vertreter der "Arbeitgeber" am besten auf den Punkt. "Arbeit hält gesund" - auf diesen Nenner brachte die Bild-Zeitung im September 2012 die Ausführungen des damaligen Präsidenten der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), Dieter Hundt. Dieser hat in einem Gespräch mit dem Boulevardblatt behauptet, dass Lohnarbeit unter keinen Umständen psychisch krank machen könne. "Im Gegenteil: Berufstätigkeit schafft Selbstbestätigung und Anerkennung. Sie ist damit eine wichtige Basis für die psychische Gesundheit", so Hundt. Wenn Lohnabhängige dennoch psychisch erkrankten, dann seien sie selbst daran schuld, führte der BDA-Chef weiter aus: "Die wesentlichen Ursachen liegen dabei in genetischen (!) und entwicklungsbedingten Faktoren, im familiären Umfeld, im Lebensstil und im Freizeitverhalten."

Kranke Arbeitsgesellschaft

Dabei wandte sich Hundt mit dieser Intervention gegen eine Fülle von Studien und Berichten, die genau das bestätigen, was der Arbeitgeberpräsident so vehement verneint: Arbeit macht krank. Um 120 Prozent sei die Zahl der psychischen Erkrankungen unter Deutschlands "Arbeitnehmern" seit 1994 angestiegen, meldete etwa das Wissenschaftliche Institut der AOK (WidO) im August 2012.

Aufgrund dieser Zunahme seelischen Leidens an den spätkapitalistischen Zuständen sind der AOK allein 2011 Kosten in Höhe von 9,5 Milliarden Euro entstanden sein. Diese Behandlungskosten seien binnen eines Jahres um eine Milliarde Euro angestiegen, lamentierte AOK-Vorstand Uwe Deh. Im Jahr 2011 befanden sich 130.000 Menschen allein wegen des Burnout-Syndroms in Behandlung, wobei hier die größten Steigerungsraten zu verbuchen waren: Zwischen 2004 und 2011 sind die auf Burnout zurückgeführten Krankheitstage um das Elffache auf 2,7 Millionen angestiegen.

Dennoch sollten laut der Bundespsychotherapeutenkammer (BptK) 2011 die Depressionen zu der mit Abstand häufigsten psychischen Erkrankung gehört haben, die 73 Fehltage pro 100 Versicherten verursachte. Der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) zufolge sind die psychischen Erkrankungen 2011 in etlichen Regionen sogar erstmals auf den "dritten Rang bei den Fehlzeiten" vorgerückt. Knapp 14 Prozent aller Ausfalltage der Versicherten der DAK sind auf Depressionen oder Angstzustände zurückgeführt worden, die allein 2011 um zehn Prozent zugenommen hätten. "Die psychischen Erkrankungen arbeiten sich nach vorne", kommentierte 2012 Bärbel Löhnert von der klientenzentrierten Problemberatung in Dachau gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Vor wenigen Jahren seien diese Krankheitsbilder in den Statistiken noch "weit hinten" anzutreffen gewesen.

Neuere Zahlen zeigen eindeutig, dass der Trend zu Burnout und Depression in Deutschland - der nicht zufällig mit der Durchsetzung der Hartz-IV-Arbeitsgesetze so richtig in Schwung kam - weiterhin ungebrochen ist. Die DAK-Gesundheit meldete etwa für 2016 einen neuen Höchststand bei den Fehltagen ihrer Versicherten, die durch psychische Erkrankungen ausgelöst wurden. Die Krankenkasse zählte 246 Ausfalltage je 100 Versicherte, wobei Frauen weitaus häufiger betroffen waren als Männer. Damit habe sich die Zahl der Fehltage binnen der letzten zwei Dekaden "mehr als verdreifacht". Auch die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) meldete für das Jahr 2016 einen "drastischen Anstieg" des Burnout-Syndroms unter ihren Versicherten, von denen 26.000 betroffen waren. Innerhalb eines Jahrzehnts sei die Zahl der Burnout-Fälle um 134 Prozent angestiegen, wobei die Altersgruppe der 45- bis 59-Jährigen überdurchschnittlich stark betroffen sei: Hier wurde ein Anstieg von 150 Prozent konstatiert. Insgesamt habe die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Leiden in Deutschland binnen zwei Dekaden mehr als verdreifacht, meldete 2017 der Tagesspiegel unter Berufung auf Analysen der Krankenkasse DAK-Gesundheit.

Nicht nur die Burnout-Republik Deutschland ist hiervon betroffen. Auch in der "Wohlstandsinsel" Schweiz brennen Lohnabhängige aufgrund des ansteigenden Leistungsdrucks immer öfter aus, wie es aus Zahlen der Krankenversicherung Swica im April 2918 ersichtlich wurde. Demnach haben die Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen innerhalb der Swica-Versicherten innerhalb von fünf Jahren um 35 Prozent zugenommen. Viele Lohnabhängige kämen "mit dem steigenden Arbeitsdruck nicht mehr klar", kommentierte Adrian Wüthrich, Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travailsuisse, den Anstieg. Pierre Vallon, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, pflichtete dem bei: "Die Angestellten sind immer stärker unter Druck, müssen permanent Top-Leistungen erbringen und Überstunden leisten."

Für viele Lohnabhängige wird dieser Druck immer öfter schlicht unerträglich. Nicht nur in ökonomisch verheerenden Krisenländern wie Griechenland, die durch das deutsche Krisendiktat in den sozioökonomischen Kollaps getrieben wurden, klettert die Selbstmordrate auf immer neue Höchststände. Auch in den USA, die sich - nach der Wirtschaftskrise von 2008/09 - eigentlich in einem langjährigen Wirtschaftsaufschwung befinden, steigt die Suizidrate immer weiter an. 2016 haben sich 45.000 US-Bürger das Leben genommen, was einen Anstieg von 28 Prozent gegenüber dem Jahr 1999 gleichkommt. Ein Faktor, der zu diesem steilen Anstieg beigetragen habe, seien die Folgen der "großen Rezession", die vor zehn Jahren die USA heimsuchte, erklärten Soziologen gegenüber der Washington Post.

Der mitunter letale Druck nimmt immer weiter zu - in der gesamten kapitalistischen "Arbeitsgesellschaft". Folglich sind nicht nur die klassischen Arbeiter und Angestellten, sondern auch die Funktionsträger im mittleren Management von dieser Zunahme psychischer Erkrankungen betroffen, so das Ergebnis Studie des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) der Ruhr-Universität-Bochum. Jeder vierte deutsche Manager sei burnoutgefährdet, auch das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, sei in dieser Gruppe deutlich höher. Thomas Kley, einer der Studienautoren, erklärte gegenüber Medienvertretern: "Vor allem Führungskräfte aus dem mittleren Management haben ein deutlich höheres Risiko, einer vitalen Erschöpfung zu erliegen. Sie sind die sogenannten Umsetzer in den Unternehmen, sie müssen Zusatzarbeit stemmen und Schwierigkeiten beseitigen. Aber auch die nächsttiefere Hierarchieebene - die passiv Betroffenen - kämpfen am Limit." Auch eine ähnliche Studie der SRH Hochschule Heidelberg kam 2015 zum gleichen Ergebnis: "Deutschlands Chefs haben ein größeres Risiko, psychisch krank zu werden als Otto-Normal-Bürger."

Und es herrscht mittlerweile weitgehende Einigkeit darüber, dass es die - krisenbedingte - Verschärfung und Entgrenzung des Arbeitslebens ist, die zu dieser Konjunktur psychischer Deformationen bei immer mehr Lohnabhängigen wie Funktionsträgern der Kapitalverwertung führt. Die "Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben" würden für Millionen von Lohnabhängigen immer stärker verschwimmen, beklagte beispielsweise die AOK schon 2012, sodass die Betroffenen in einem Zustand ständiger Arbeitsbereitschaft verharren und kaum noch abschalten könnten.

Der DGB berichtete wiederum, dass nahezu 70 Prozent seiner Mitglieder mit Wochenendarbeit konfrontiert seien: "35 Prozent arbeiten demnach regelmäßig, 33 Prozent ab und zu an Samstagen und Sonntagen." Hierbei handele es sich um eine "Zunahme um rund zwei Drittel innerhalb von zwei Jahrzehnten". Hinzu kommt die Intensivierung der Ausbeutung der "Ware Arbeitskraft", die durch eine Prekarisierung des Arbeitslebens und durch eine Verinnerlichung der Kapitalimperative erreicht wird. Frecherweise gilt ausgerechnet das als "gelebte Freiheit". Rund ein Drittel aller Lohnabhängigen kann inzwischen die Arbeitszeit "selbst bestimmen", meldete die AOK. Da diese "Selbstbestimmung" in der Krisenkonkurrenz zu anderen Lohnabhängigen geschieht, wächst das Arbeitspensum aller Betroffenen bis ins Unerträgliche an.

Die "Arbeitnehmer" arbeiteten deswegen "aus sich selbst heraus deutlich über ihre Leistungsgrenzen hinaus", konstatierte Antje Ducki, eine Mitherausgeberin des AOK-Reports. Es fände eine enorme Identifikation der Betroffenen "mit ihrer Arbeit und ihren jeweiligen Projekten" statt. Zudem habe sich längst der "Selbstständige Freelancer" als ein "Prototyp" des Berufslebens durchgesetzt. Somit erweist sich die "Marktfreiheit" mal wieder als der sicherste Weg, die lohnabhängigen Monaden bis weit über die Grenzen ihrer psychischen Belastungsfähigkeit gegeneinander zu hetzen.

Diese beständige Intensivierung der Krisenkonkurrenz äußert sich wiederum in einer Zunahme des Mobbings, der Schikanen und des Psychoterrors am Arbeitsplatz. Bei einer 2008 durchgeführten Umfrage gaben zwölf Prozent der befragten Angestellten an, schon mal selbst Opfer einer Mobbing-Attacke gewesen zu sein. Zeuge eines Mobbings an Kollegen war rund ein Drittel der Umfrageteilnehmer. Rund zehn Jahre Später, im März 2018, berichteten rund 30 Prozent der Teilnehmer österreichischen einer Mobbingstudie von entsprechenden Erfahrungen, rund zwei Drittel der Befragten gab an, Zeuge von Mobbingattacken geworden zu sein. Diejenige Gruppe, die überdurchschnittlich oft gemobbt wurde, bestand aus älteren Lohnabhängigen. Hierbei handelt es sich somit zumeist um Leistungsterror, der sich gegen vermeintlich oder tatsächlich Schwächere richtet. Ein großer Teil der Depressionen, die in den genannten Studien konstatiert wurde, ist gerade auf diese Zunahme der Krisenkonkurrenz zurückzuführen.

Zwischenfazit: Offensichtlich ist das herrschende kapitalistische Wirtschaftssystem dermaßen "widernatürlich", dass die Menschen in wachsendem Ausmaß an dessen eskalierenden Widersprüchen mental und physisch zerbrechen. Es macht übrigens nur dann Sinn, von einer menschlichen "Natur" zu sprechen, wenn von den menschlichen Bedürfnissen die Rede ist - und genau diese Bedürfnisse kann der Kapitalismus nicht einmal ansatzweise mehr befriedigen. Immer mehr Lohnabhängige gehen an der eskalierenden Krisenkonkurrenz zugrunde, anstatt in ihr aufzuleben, wie es die offizielle neoliberale Ideologie predigt, die den Menschen als des Menschen Wolf imaginiert. Diese krisenbedingte Epidemie des Irrsinns, die immer schneller um sich greift, blamiert folglich auch die herrschende Ideologie, in der das kapitalistische System zu einem Naturzustand verklärt wird, der gerade aus den natürlichen Veranlagungen, aus einer unabänderlichen "Natur" des Menschen resultieren soll.

Hass als Ventil

All dieser ansteigende Druck, der auf den Lohnabhängigen lastet, er verlangt nach einem Ventil. Und dieses Ventil liefert der in den Burnout gehetzten Mitte der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft gerade die Neue Rechte. Der krisenbedingt zunehmende Druck auf Lohnabhängige führt zur Etablierung eines "autoritären Kreislaufs" in all jenen Gesellschaftsmitgliedern, die sich eine Alternative zur kapitalistischen Dauerkrise nicht vorstellen können. Der Sozialpsychologe Oliver Decker hat diesen irrationalen Konstitutionsprozess autoritärer und rechter Ideologien in der gegenwärtigen Krise präzise auf den Punkt gebracht:

»Die ständige Orientierung auf wirtschaftliche Ziele - präziser: die Forderung nach Unterwerfung unter ihre Prämissen - verstärkt einen autoritären Kreislauf. Sie führt zu einer Identifikation mit der Ökonomie, wobei die Verzichtsforderungen zu ihren Gunsten in jene autoritäre Aggression münden, die sich gegen Schwächere Bahn bricht.«

Dieses "Ins-Extrem-Treiben" des krisenbedingt zunehmenden Terrors der Ökonomie, den sich die Lohnabhängigen verstärkt ausgesetzt sehen, ging dem Aufstieg des politischen Extremismus voraus. Decker spricht ausdrücklich von einer "Landnahme der Ökonomie in allen gesellschaftlichen Bereichen", die "handfeste, entdemokratisierende Wirkungen" zeitige. Alle rechte Ideologie baut auf eben dieser autoritären Aggression gegenüber Schwächeren oder Sündenböcken, zumeist Krisenopfern, auf.

Somit waren es gerade die Arbeitsmarktreformen um die Jahrtausendwende, oftmals durchgesetzt von neoliberalen Sozialdemokratien wie der SPD Gerhard Schröders (Agenda 2010) oder den US-Demokraten Clintons ("Workfare"), die das sozioökonomische Fundament für den Aufstieg der Neuen Rechten legten - in Form der Entrechtung der Lohnabhängigen und der Verrohung des Arbeitslebens vermittels eskalierender Krisenkonkurrenz. Dieser neoliberale Politik war Flankiert durch den Aufbau eines autoritären, strafenden Staates, der die zunehmenden sozialen Widersprüche durch stärkere staatliche Repression zu bekämpfen sucht - und etwa den USA die höchste Gefängnispopulation aller entwickelten kapitalistischen Länder verschaffte. Gerade diese Tendenzen zum härteren staatlichen "Durchgreifen" haben ebenfalls zur Ausbildung der opportunistischen Rebellion der Neuen Rechten beigetragen.

Die von "Rot-Grün" durchgesetzte Agenda 2010 samt den Hartz-IV-Arbeitsgesetzen kann im Fall Deutschlands als die eigentliche Geburtsstunde der neuen deutschen Rechten bezeichnet werden. Die Neue Rechte ist ein Produkt des Neoliberalismus. Die neoliberale Verzichtspolitik, die nach Ausbruch der Eurokrise von Schäuble europaweit exportiert wurde, förderte somit die autoritäre Aggression gegen die Krisenopfer, auf der rechtspopulistische wie rechtsextremistische Ideologien gleichermaßen beruhen. Der Rechte treibt nur die staatlich forcierte autoritäre Politik der Exklusion ins rassistische Extrem.

Fazit: Je größer der Druck von "oben", etwa am Arbeitsplatz oder auf dem Amt, desto größer der Hass auf die Krisenopfer unter all den Gesellschaftsmitgliedern, die die entsprechenden autoritären Dispositionen aufweisen. Die absurd scheinende, sich gegen Migranten richtende "Opferrhetorik" der extremen Rechten, etwa in Gefolge der pogromartigen Ausschreitungen von Chemnitz im Sommer 2018, hat ihre Ursache gerade in diesem uneingestandenen Leiden an den wachsenden Zumutungen der spätkapitalistischen Arbeitsgesellschaft. Der Unwille, sich gegen den Druck der verhärtenden Machtstrukturen zu wehren, führt somit zur autoritären Aggression gegen diejenigen, die machtlos sind. Der Masochismus des Untertanen, der sich gegen die zunehmenden Zumutungen nicht wehren will, verlangt nach sadistischer Satisfaktion. Dies wurde vor allem während der Eurokrise evident. Deswegen avancierte etwa der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble just dann zum beliebtesten Politiker Deutschlands, als er 2015 Griechenland leidenschaftlich demütigte und drangsalierte.

Es ist somit die auf allen Ebenen der spätkapitalistischen Gesellschaften zunehmende Krisenkonkurrenz, die dem Faschismus seinen Massenanhang verschafft - mittels der unbewussten Identifikation der "Mitte" mit der amoklaufenden und widerspruchszerfressenen "Ökonomie", die zur Ausbildung autoritärer Aggressionen gegen Krisenverlierer oder "Sündenböcke" führt. Auf dieser ideologischen Kontinuität baut alle rechtspopulistische und letztendlich faschistische Ideologie auf. Es findet bei diesem Extremismus der Mitte kein ideologischer Bruch statt, sondern ein beständiges, graduelles Abdriften ins Barbarische. Es ist bequem, es ist einfach, es verschafft die Illusion der Rebellion.

Der im Zeitalter der neoliberalen Globalisierung beständig zunehmende Konkurrenzdruck, der marktvermittelte Terror der Ökonomie durchdringt die spätkapitalistischen Gesellschaften. Nicht nur die Lohnabhängigen, auch Unternehmen, Volkswirtschaften, Städte, Regionen mussten in Form der Markt- und Standortkonkurrenz auf den zunehmenden ökonomischen Druck reagieren. Dieser Krisendruck wurde praktisch durch alle Hierarchien des Systems hindurch auf Lohnabhängigen als die untersten Glieder der kapitalistischen Nahrungskette abgewälzt.

Die Krise kurz erklärt

Die zentrale Frage lautet folglich: Wer oder was ist es, das diesen Druck beständig ansteigen lässt? Wieso zieht sich die Schlinge immer fester zu um den Nacken der Lohnabhängigen, wieso wird in der Wirtschaft, insbesondere im "Arbeitsleben", mit immer härteren Bandagen gekämpft?

Die Antwort darauf fällt zuerst scheinbar unbefriedigend aus, da tatsächlich Niemand die "Schuld" am Krisenausbruch trägt. Es sind die zunehmenden inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise, die das globale kapitalistische System in die Krise treiben - und den barbarischen Kern kapitalistischer Vergesellschaftung in Gestalt der "Neuen Rechten" offen zutage treten lassen. In den folgenden Abschnitten und Texten soll somit diese tiefgreifende kapitalistische Krise, die den Faschismus als Krisenideologie Auftrieb verschafft, knapp als ein Prozess dargestellt werden, als ein globaler, historischer Prozess zunehmender Widerspruchsentfaltung. (Eine umfassende Darstellung des historischen, globalen Krisenprozesses findet sich in dem Buch: "Tomasz Konicz, Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft.", Konkret-Verlag, 2015.)

Im Kern ist der Kapitalismus schlicht zu produktiv für sich selbst geworden. Die Produktivkräfte sprengen somit die Fesseln der Produktionsverhältnisse, wie es Marx formulierte. Dieses System stößt somit in einem langfristigen, dekadenlangen Prozess an eine innere Schranke seiner Entwicklungsfähigkeit. Es scheitert im Kern an sich selbst, an seiner betriebswirtschaftlichen Effizienz: Die immer schneller um sich greifende Rationalisierung und Automatisierung führt dazu, dass immer mehr Waren in immer kürzerer Zeit durch immer weniger Arbeitskräfte hergestellt werden können. Neue Industriezweige wie die Mikroelektronik und die Informationstechnik beschleunigten diese Tendenz noch weiter. Diese neuen Technologien schufen weitaus weniger Arbeitsplätze, als durch deren gesamtwirtschaftliche Anwendung wegrationalisiert wurden. In der globalen Tendenz entsteht so eine ökonomisch überflüssige Menschheit, die gerade die Fluchtbewegungen in die Zentren des Weltsystems verstärkt.

Je größer das Automatisierungspotenzial ist, je weniger Menschen global gebraucht werden, um in immer kürzerer Zeit immer größere Warenmassen zu produzieren, desto stärker bildet sich - vermittelt durch den Weltmarkt - der Druck aus auf all diejenigen Menschen, die in der Arbeitsgesellschaft noch eine Verwendung finden, desto brutaler werden auch die Schikanen gegen die Masse derjenigen, die vom kriselnden Prozess der Kapitalverwertung bereits ausgespien worden sind. Der dem kapitalistischen System innewohnende Wahnwitz entfaltet sich in der Krise zur vollen Kenntlichkeit: Der potenzielle materielle Überfluss, der den durch den Kapitalismus hervorgebrachten Produktivkräften innewohnt, verwandelt die Arbeitswelt in ein wahres Irrenhaus - für den depressiven Angestellten genauso wie für den vom Herzkasper bedrohten Manager.

Diese Entwicklung kennzeichnet einen fundamentalen Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise. Die Lohnarbeit bildet die Substanz des Kapitals - doch zugleich ist das Kapital bemüht, durch Rationalisierungsmaßnahmen die Lohnarbeit aus dem Produktionsprozess zu verdrängen. Marx hat für diesen selbstwidersprüchlichen Prozess die geniale Bezeichnung des "prozessierenden Widerspruchs" eingeführt. Dieser Widerspruch kapitalistischer Warenproduktion, bei dem das Kapital mit der Lohnarbeit seine eigene Substanz durch Rationalisierungsschübe minimiert, ist nur im "Prozessieren", in fortlaufender Expansion und Weiterentwicklung neuer Verwertungsfelder der Warenproduktion aufrechtzuerhalten. Derselbe wissenschaftlich-technische Fortschritt, der zum Abschmelzen der Masse verausgabter Lohnarbeit in etablierten Industriezweigen führt, ließ auch neue Industriezweige oder Fertigungsmethoden entstehen.