image

VALENTINE HONEYMAN

BESTSELLER

Roman

Aus dem Englischen
von Miriam Neidhardt

image

Titel der britischen Originalausgabe: »Stalking Richard & Judy«

© Greg Snow 2009

1. Auflage Juni 2011

Deutsche Ausgabe:

Lektorat: Volker Surmann

Printed in the Czech Republic

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über:

ISBN 978-3-86327-010-0

1

DIE BUCHLISTE

Endlich war ich Depri-Prue am Telefon losgeworden, als es passierte. Nein, Entschuldigung, als ES passierte. Ich hatte mich gerade vier meiner allerliebsten Dinge auf der großen weiten Welt hingegeben, wie ich es jeden Nachmittag zwischen fünf und sechs Uhr tue: mit einem dreifachen Gin Tonic und einem Päckchen Bensons auf dem Sofa liegen und Richard & Judy in der Glotze gucken.

Ärgerlicherweise hatte Prue genau zu Beginn der Sendung angerufen, aber ich schaltete sie einfach auf den Lautsprecher und den Fernseher auf Untertitel, sodass ich meine volle Aufmerksamkeit R&J widmen konnte, ohne das Prue pissig wurde, weil meine volle Aufmerksamkeit nicht ihr galt. Ehrlich gesagt widmete ich Prue schon seit Jahren nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit. Wir sind wie ein verschrobenes altes Ehepaar, nur dass sie eine verfluchte alte Jungfer ist und ich eine verwunschene Fee bin. Sie ist ein wirklich netter Mensch, echt wahr, aber ihr Mundwerk steht eigentlich nie still. Diese Frau könnte Tote in den Selbstmord quatschen. Und jammern kann sie! Als Gott die Fröhlichkeit verteilte, hat Prue sich vermutlich gerade gebückt und die Schnürsenkel zugebunden.

R&J (wie ich sie nenne) waren gerade fertig mit dem Gewinnspiel Sie sagen’s – wir zahlen’s. Diesen Teil der Sendung mag ich ganz besonders – zumindest war dem so, bis ich feststellen musste, dass ich das Geld für eine komplette Flasche Gin verschwendet hatte bei dem Versuch, unter einer Telefonnummer durchzukommen, die genauso gut einem Altersheim in Halifax hätte gehören können; vermutlich wären meine Chance dort jemanden zu erreichen, auch größer gewesen als bei Sie sagen’s – wir zahlen’s. Sie zahlen’s – wir haben’s wäre ein weit passenderer Titel.

Aber bevor ich wieder anfange zu hyperventilieren wie ein Teenager beim Tokio-Hotel-Konzert, komme ich lieber zurück zur Geschichte. Sie sagen’s – wir zahlen’s war also gerade zu Ende und R&J kamen zum letzten Teil der Sendung. Sie sahen beide sehr aufgeregt aus und mir ging es nicht anders. Es war Zeit, die Shortlist ihrer Sommerbücher zu verkünden.

An dieser Stelle muss ich Ihnen etwas erklären. Ich bin Schriftsteller. In den letzten fünfzehn Jahren wurden fünf Romane von mir veröffentlicht und jeder einzelne davon hat sehr gute Kritiken erhalten – in Literaturkreisen. Und genau da liegt das Problem: Literaturkreise. Literaturkreise sind herzallerliebst, es könnten aber genauso gut Strickkreise sein, was das Geld angeht, das auf meinem Konto landet. Soll heißen: Ich bin permanent pleite. Wenn Sie im August die Stadtwerke anrufen, weil Sie die Rechnung vom letzten November noch nicht bezahlt haben, hilft es Ihnen überhaupt nicht weiter, wenn Sie die Leute dort wissen lassen, dass in Ihrer letzten Kritik in der Literaturbeilage der Times stand: »Jeremy Cantys Stil erinnert an Edith Wharton. Er ist die Wharton für dieses neue Jahrhundert mit all seinen Jahrtausendneurosen, betrachtet durch den zerbrochenen Spiegel eines sehr persönlichen Schmerzes.« Das liegt vermutlich daran, dass sich die meisten Leute, die bei den Stadtwerken am Telefon sitzen, nicht wirklich dafür interessieren, wer Edith Wharton war. Wie unsensibel.

Wenn ich »Leute« sage, meine ich natürlich richtige Leute, nicht die, die die Literaturbeilage der Times kaufen. Ich meine die breite Masse. Die, die sich täglich für einen Hungerlohn abrackert, zum Beispiel im Callcenter der Stadtwerke. Natürlich wissen die Leser der Literaturbeilage der Times, wer Edith Wharton war, aber was zum Teufel habe ich davon? Mehr als fünfzig dürften das nicht sein. Wenn die alle mein letztes Meisterwerk kaufen, hätte ich genug Geld, um meine letzte Gasrechnung zu bezahlen und mir mal etwas richtig Verschwenderisches zu gönnen: Socken, zum Beispiel. Um es kurz zu machen: Alles, was ich davon habe, seit fünfzehn Jahren Edith-heititei-Wharton zu geben, ist eine Junggesellenbude in Greenwich (ja, schon gut, es ist ein möbliertes Zimmer mit Bad. Und es liegt in Woolwich – aber Woolwich ist ein Vorort von Greenwich, okay?), ein Album mit diversen Kritiken meiner Bücher, das meine Mutter gerne ihren Freundinnen in der Kirche zeigt, sowie die olympiareife Begabung, dem Filialleiter meiner Bank den Hintern zu küssen. Und glauben Sie mir, dem würden Sie noch nicht einmal die Hand küssen wollen, geschweige denn seinen Hintern!

»Prue, ich muss auflegen!«, sagte ich.

»Oooooch«, maulte sie. »Aber ich wollte dir gerade erzählen, wie …«

»Tschüssi, bis später«, unterbrach ich sie und legte auf. Es war eine Sache, Sie sagen’s – wir zahlen’s nur mit Untertiteln zu sehen, die »Bücher des Sommers« jedoch verlangten meine volle Aufmerksamkeit. Gleich würde ich die Namen der gesegneten Miststücke – sorry, der verehrten Schriftstellerkollegen – vernehmen, die es mit ihren Büchern irgendwie auf die Richard & Judy-Liste geschafft hatten.

Für einen hochgelobten, aber bettelarmen Autor wie mich ist die Bekanntgabe dieser Bücher die reinste Folter. Lassen Sie mich das erklären: Nehmen wir an, Sie seien eine Putzfrau. Sie arbeiten das ganze Jahr durch für schlappe 5,50 Pfund die Stunde. Das ist zwar unverschämt wenig, aber sie haben keine andere Wahl und Ihre Kinder brauchen neue Schuhe – Nikes natürlich, nicht diese Billigtreter, mit denen sie sich in der Pause verschämt in der hintersten Ecke des Schulhofs verstecken müssen. Nun haben Sie eine ungefähre Vorstellung von meinem Job. Ich muss zwar weniger Zeit auf den Knien verbringen, aber die Bezahlung ist ungefähr dieselbe.

Und nun stellen Sie sich Folgendes vor: Dann und wann fliegen zwei Feen über das Land. Von Zeit zu Zeit picken sie sich einfach irgendeine Putze heraus und berühren ihre Polyesterschürze mit ihrem Zauberstab. Und püff! Diese Putzfrau wird dann Millionärin. Millionärin! Können Sie sich vorstellen, wie das wäre? Und genau das passiert mit einem vor sich hin krebsenden Autor, wenn er auf die Richard & Judy-Bücherliste kommt. Richard Madeley und seine Frau Judy Finnigan sind diese Feen und wenn sie eine Schriftstellerin mit ihrem Zauberstab berühren, wirft diese ihre Polyesterschürze ab und kauft sich eine neue. Von Versace. Sie zieht aus ihrem möblierten Zimmer in Woolwich aus und nimmt eine riesige Hypothek auf, so wie jeder normale Mensch. Sie guckt nicht mehr neidisch auf das Sheba im Katzennapf und fragt sich, wieso das so viel besser riecht als die eigene Schüssel mit der Fertiglasagne vom ALDI. Kurz: Sie wird zu einem vollwertigen Mitglied der menschlichen Rasse. Jetzt verstehen Sie vielleicht, warum die Richard & Judy-Buchliste für mich so wichtig ist. Ich bin diese arme Sau, die ständig davon träumt, von Richard berührt zu werden. Oder von Judy. Um auf die Liste zu kommen, würde ich auch zweigleisig fahren. Ich würde mich an den Brustwarzen über ein Becken voll Krokodilen hängen lassen. Ich würde mich an den Nasenhaaren über ein … Ich denke, Sie haben’s verstanden. Ich würde dafür töten. Irgendjemanden. Am helllichten Tage. Landesweit ausgestrahlt. Live.

»Und nun«, erklärte Judy, »ist es wieder an der Zeit. Zeit, unsere Buchliste für den Sommer 2007 zu verkünden.«

»Ja«, sagte Richard und rutschte auf seinem Stuhl herum wie ein Kleinkind auf Crack. »Und ich weiß, das sagen wir jedes Jahr, aber dieses Mal haben wir uns ehrlich – wirklich – selbst übertroffen. Oder nicht, meine Liebe?«

Wie so häufig wandte sich Judy der Kamera zu und demonstrierte ihren PGB; ihren Patentierten Genervtheits-Blick. Ich liebe Judys PGB, besonders, weil es ihn in mehreren Abstufungen gibt. Im Grunde liebe ich Judys Gesicht, Punkt. In ihr Gesicht zu blicken, ist wie Nach-Hause-Kommen. In ein sehr gemütliches Zuhause. In dem richtig interessante Menschen leben. Und ihre Augen! Sie sind so blau, dass es aussieht, als könnte sie damit Ihre Badezimmerwände streichen, einfach nur, indem sie sie ansieht. Ich weiß natürlich, dass manche Leute denken, sie sähe immer ein wenig angepisst aus. Ich denke das nicht. Ich finde, sie sieht aus, als wär sie gerade richtig gut durchgevögelt worden. Immer. Und, was noch wichtiger ist: Sie sieht aus wie wir. Ihr Publikum. Sie sieht aus, als versuche sie jeden einzelnen Tag, ihr Bestes zu geben, damit alles glatt läuft, jedoch immer kurz vor Schluss ins Stolpern gerät. Ich kann sie förmlich vor mir sehen, wie sie morgens vor dem Spiegel hockt und versucht, in den fünf Minuten, die ihr bleiben, nachdem sie den Kindern ihr Essen gemacht hat und bevor sie zur Arbeit muss, ihre Haare und das Make-up zu machen und dann sagt: »Ach was soll’s; das muss reichen.« Okay, im wahren Leben ist sie Squillionärin und ihre Kinder sind schon so lange erwachsen, dass sie bei einer angekauten Brust nur noch an Geflügelfilet denkt. Aber im Fernsehen ist sie nach wie vor eine von uns. Ich liebe sie auf eine sehr merkwürdige und etwas beunruhigende Art und Weise.

Was mich zu Richard bringt. Ich muss zugeben, dass ich mich manchmal frage, ob Judy mit sechzehn von irgendeinem Bubi hinter dem Fahrradschuppen geschwängert und dann gezwungen wurde, das Baby zur Adoption freizugeben. Und dann eines Tages, viele Jahre später, sucht das Kind nach seiner leiblichen Mutter und als es vor ihrer Tür steht, ist da diese sofortige und sehr falsche Anziehungskraft zwischen den beiden, also beschließen sie, so zu tun, als würden sie sich nicht kennen, kreuzen die Finger und beten, dass die Welt ihr Geheimnis niemals entdeckt. Und die wahren Richard & Judy-Fans wissen, dass die ersten Worte, die sie zu Richard sprach, waren: »Ich bin deine Mami« oder so ähnlich. Man muss nicht Sigmund Freud sein, um das zu kapieren, oder?

Richard ist jünger als Judy, aber auch nicht mehr ganz taufrisch, Sie verstehen. Er sieht aus wie ein Mitglied einer Boy-group, die sich zehn Jahre nach dem letzten Hit wiedervereinigt hat. Und das ist schlicht nicht fair. Ich bin ungefähr so alt wie er, sehe aber aus wie sein Vater. Nein, sorry: wie sein Großvater. Zunächst einmal; wo hat er nur die ganzen Haare her? Das können doch unmöglich alles seine sein? Niemals! Natürlich sind das nicht seine! Das letzte Mal, als sie lebend gesehen wurden, hingen sie noch an einem sibirischen Bauern, der sie verkauft hat, um sich von der Kohle Wodka und Kohle zu kaufen. Und seine Haut! Sie sieht aus, als hätten zwanzig Jungfrauen die letzten zehn Jahre damit verbracht, sein Gesicht mit ihrem Liebessaft zu massieren. Oder vielleicht macht das auch nur Judy. Wobei ich wette, mit ihrem Liebessaft könnte man Tapeten von der Wand lösen. Was passiert dann erst mit menschlicher Haut? Sofern Richard überhaupt menschlich ist. Mich erinnert er immer an eine besser aussehende Version von Commander Data aus Star Trek. Egal, was ich damit sagen will: Er hat verdammt noch mal kein Recht, so gut auszusehen, selbst wenn er Android wäre.

Entschuldigung, ich komme manchmal etwas vom Thema ab. Eine meiner liebenswerten Eigenschaften. Wenn Sie damit nicht zurechtkommen, dann legen Sie dieses Buch genau jetzt besser wieder zurück und schleichen sich aus der Buchhandlung und tun so, als seien Sie keiner dieser knickrigen Geizhälse, die jede Mittagspause vorbeikommen und zwei Kapitel lesen, aber nie das Buch kaufen. Oh ja, ich kenn euch Typen. Ich mach das auch immer so.

WIE AUCH IMMER. Sie verkündeten. Die Liste.

»In den nächsten Wochen werden wir uns näher mit jedem einzelnen unserer Bücher beschäftigen«, sagte Richard, »aber heute …«

»Heute«, unterbrach ihn Judy, ohne dass es so aussah, als würde sie ihn unterbrechen (und das macht sie so was von toll), »möchten wir Sie nur auf den Geschmack bringen. Wir nennen die Titel der einzelnen Bücher, erzählen Ihnen etwas darüber …«

»Immerhin«, unterbrach Richard wieder so, dass es gar nicht groß auffiel; die zwei sind echt ein eingespieltes Team. Glatt wie zwei Aale in einem Taucheranzug. »Immerhin fahren einige von Ihnen vielleicht schon früher in den Urlaub.«

Judy gab ihren PGB Stufe zwei zum Besten.

»Also wirklich«, sagte sie.

»Was? Was?«, fragte Richard ganz unschuldig mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Bei dir hört sich das so an, als würden wir Strandlektüre empfehlen.«

»Aber nein!«

»Aber ja

»Aber nein. Im Ernst. Ehrlich! Niemals würde ich die Intelligenz unserer Zuschauer dermaßen beleidigen. Ich wollte damit nur sagen, dass einige von Ihnen vielleicht schon früh in Ihren wohlverdienten Urlaub starten und – ja, okay – heutzutage hat kaum jemand ausreichend Zeit zum Lesen und im Urlaub lässt sich einiges aufholen. Das ist alles, was ich damit sagen wollte.«

Oh, ist das herrlich! Genau wegen dieser Momente sehe ich R&J so gerne. Es entstand eine Pause. Judy sah dabei so lange in die Kamera, dass es fast schon unverschämt war. Dann setzte sie ihren PGB Stufe drei auf und seufzte:

»Wie auch immer

Genial!

»Nummer eins auf unserer Liste«, fuhr Richard fort, als hätte seine Alte ihm nicht gerade mit voller Wucht eine in die Fresse gehauen, »ist Finde den Glückskeks von Bethany Twyler. Keine leichte Lektüre, oder, meine Liebste?«

»Stimmt«, flötete Judy, »damit hast du ausnahmsweise mal recht.«

Richard überging diese Bemerkung geflissentlich, lächelte in die Kamera und redete unbeirrt weiter: »Twylers Buch handelt von der tiefgreifenden, dunkelsten und ganz klar furchtbarsten Erfahrung, die ein Kind machen kann. Es ist eine schreckliche Tatsache, dass Kinder – und ich nehme an, Sie haben es aufgrund des Titels bereits erraten – immer wieder missbraucht werden – und ich meine sexuell missbraucht werden – und zwar von den eigenen Vätern.«

»Ja«, sagte sie und nahm diesen etwas schmierigen Faden auf, »und Bethany Twylers Buch nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.«

»Nun wurden, wie wir wissen«, sagte Richard, »in den letzten paar Jahren bereits Hunderte solcher Bücher veröffentlicht …«

»Autobiografische Erzählungen des eigenen Elends«, erklärte Judy und ihr Gesicht nahm dabei einen wahrhaft elenden Ausdruck an. Ich muss zugeben, sie macht das richtig gut: Sie muss nur ihre Wangen fallen lassen und schon sieht sie aus wie ein Clown-Luftballon, aus dem man die Luft gelassen hat. »Was Finde den Glückskeks jedoch so besonders macht, so einzigartig, ist die Tatsache, dass Twylers Vater Chinese war.«

»Ja«, fügte Richard eifrig hinzu, »und der Titel steht für die Aufforderung, mit der Twylers Vater sie dazu gebracht hat, in seiner Hose nach der Art von Glückskeks zu suchen, den kein Kind jemals sehen müssen sollte …«

Okay, ich geb’s zu. An dieser Stelle kullerte ich lachend vom Sofa. Ja, natürlich hatte ich Mitleid mit dem armen Mädchen und ihrer schrecklichen (wenn auch, welch ein glücklicher Umstand, profitablen) Kindheit. Aber das war ein echter Richard-Moment. Was zum Teufel machte es für einen Unterschied, ob Bethanys alter Herr nun Chinese war, oder nicht? Und warum (und ich konnte mir den Gedanken nicht verkneifen) hieß sie dann Bethany Twyler? Hörte sich für mich nicht sehr asiatisch an. Ich kriegte mich kaum noch ein.

Richard schaute nun fast fröhlich drein. »Ich glaube, wir neigen dazu zu denken – und fragen Sie mich nicht, warum –, Sachen wie Inzest und sexueller Missbrauch seien rein westliche Probleme. Finde den Glückskeks jedoch zeigt uns sehr eindrucksvoll, dass diese Dinge genauso häufig in asiatischen Familien vorkommen.«

An diesem Punkt konnte ich kaum noch an mich halten und brauchte unbedingt einen neuen Gin Tonic. Mühsam erhob ich mich vom Boden.

Wie die meisten Schriftsteller kann auch ich einen Drink schneller einschenken als mir ein Glas Wasser zu holen. Ich hatte sogar schon mal mit dem Gedanken gespielt, mir einen Gin-Tonic-Hahn über der Spüle zu installieren, aber ehrlich gesagt würde sich der gar nicht lohnen; der wär mir einfach zu langsam.

Zehn Sekunden später saß ich wieder auf dem Sofa. Und dann, um auf den Anfang zurückzukommen, passierte ES.

»Das ist also unser erstes Buch«, sagte Richard. »Schmerzhaft, aber so ehrlich und schonungslos, dass jeder es lesen sollte. Vielleicht sogar die Kinder selbst.«

»Hm«, machte Judy und rollte mit den Augen, »oder vielleicht besser nicht.«

»Nein, wirklich! Man darf Kinder nicht ewig in Zuckerwatte packen. Ernsthaft.«

Dafür bekam er PGB der Stufe vier. Das kommt nicht allzu häufig vor. Ich klatschte vor Begeisterung in die Hände.

»Nein, Richard. Du hast natürlich recht. Aber die meisten Kinder müssen diesen Albtraum glücklicherweise nicht durchleben, insofern gibt es auch keinen Grund, weshalb sie darüber lesen sollten. Oder?«

Richard blickte etwas verschämt aus der Wäsche. Wie so oft war er ein bisschen übereifrig gewesen und Mama hatte ihm dafür eins auf die Finger gegeben. Dann warf er seinen eigenen patentierten Blick in die Kamera. Er senkte leicht den Kopf, blickte unter seinem Pony hervor und fuhr sich mit den Fingern durch sein kräftiges russisches Haar. »Frauen, nee, ne? Huh! Was wissen die schon?«

»Wie auch immer«, fuhr Judy scharf fort. »Unser zweites Buch ist tatsächlich für Kinder geeignet. Es heißt Mit Zähnen und Klauen und ist eine wunderbare Geschichte über eine Familie, die genug vom hektischen Stadtleben in London hat und beschließt, ihr Haus zu verkaufen und in ein abgelegenes Dorf im hohen Norden von Schottland zu ziehen.«

»Ja«, fuhr Richard fort, »und für eine Weile sieht es auch so aus, als würde sich der Traum vom Paradies auf Erden erfüllen. Eines Tages jedoch machen die Kinder im Holzschuppen eine grausame Entdeckung.«

»Nun ja«, lachte Judy, »es war nicht wirklich der Holzschuppen. Eigentlich war es ein Gezeitentümpel. Aber diese Entdeckung führt zu einer unglaublichen Reihe von Enthüllungen, die das gesamte Bild der Bedeutung von Familie erschüttern.«

»Genau so ist es«, warf Richard ein und sah wieder ziemlich aufgeregt aus. »Es ist absolut spannend zu lesen. Eine fesselnde Lektüre, man mag sie kaum aus der Hand legen, und dennoch so einfühlsam geschrieben, dass ich wette, Sie heulen am Ende in Ihren Single Malt.«

»Ihren Single-was?«, lachte Judy und verdrehte die Augen Richtung Kamera.

»Das war eine Anspielung auf Schottland«, sagte er geknickt. »Ich habe nun mal eine Schwäche für einen guten Single Malt.«

»Womöglich«, entgegnete sie. »Mir fallen seine schlechten Eigenarten schon gar nicht mehr auf. Wie auch immer, es ist ein fantastisches Buch und noch viel bemerkenswerter ist die Tatsache, dass es sich um das Erstlingswerk eines Autors namens Andrew Goodman handelt.«

Plötzlich zerbrach meine Welt in viele Tausend Einzelstücke. Genau genommen zerbrach mein Glas Gin Tonic in viele Tausend Einzelstücke, weil es mir aus der Hand gerutscht war. Andrew Goodman?? ANDREW ARSCHLOCH GOODMAN!!!

Das war der schlimmste Moment in meinem ganzen Leben. Alles, was ich denken konnte, also außer mir noch einen Gin Tonic einzuschenken, ihn in einem Zug runterzukippen und mir noch einen einzuschenken, war, meine allerbeste Freundin anzurufen.

Und genau das tat ich dann auch.

2

DOLLY ZEIGT’S MIR

Meine allerbeste Freundin heißt Robyn und ich liebe fast alles an ihr, mit Ausnahme der Tatsache, dass sie in Swindon wohnt. Sie wohnt in Swindon, weil sie als Domina arbeitet (geben Sie’s zu, Sie wollen sie auch als beste Freundin haben). Der Grund, weshalb Dominas in Swindon wohnen sollten, ist recht einfach. Nun ja, vielleicht nicht einfach, aber logisch. Swindon ist ein unter Unternehmern sehr beliebter Ort auf dem Lande, um Konferenzen abzuhalten. Und die Art von Männern, die gerne von einer Frau wie Robyn gefesselt, ausgepeitscht und gedemütigt wird, weiß dieses besondere Extra durchaus zu schätzen. In der Regel genau dann, wenn sie drei Nächte lang von ihren Frauen getrennt, ziemlich angepisst vom Inhalt der Minibar sind und eine reelle Chance wittern, die Kosten als Spesen geltend zu machen. Man kann Robyns Geschäftssinn nur bewundern, aber ich wünschte, sie würde noch in London wohnen. Aber man muss ihr einfach lassen: Swindon ist zum Ground Zero für verheiratete Masochisten geworden und sie hat so viel Arbeit, dass sie sogar Personal einstellen musste. Die Kehrseite ihres Erfolgs ist, dass man sie nie ans Telefon bekommt. Also unterhalten wir uns über die Webcam.

»Hallo Süßer«, rief Robyn, als sie endlich bemerkt hatte, dass ihr Computer nach ihr verlangte. »Ich bin ein klein wenig beschäftigt!«

Natürlich war sie das. Wie immer. Da stand sie, ihre 1,65 Meter nicht wirklich bedeckt mit einem schwarzen, offenen Korsett-Bustier-Etwas, Netzstrümpfen und hautengen, knielangen Stiefeln; und die angsteinflößenden Krallen passten perfekt zum Outfit.

»Ist es wichtig, Süßer?«, fragte sie.

»Ja, es ist sehr wichtig. Und könntest du bitte deine Titten einpacken? Du weißt doch, dass die mir Angst machen.«

Sie musste gemerkt haben, dass es mir ernst war.

»Gib mir ’ne Sekunde, mein Honigschnäuzchen«, antwortete sie.

Robyn hatte gerade einen Freier in der Mache. Ich sollte mir das besser nicht ansehen, aber ich musste einfach hingucken. Wie immer. Über die Webcam sah ich sie in ihren Catwoman-Stiefeln durch das Zimmer schreiten. Dort befand sich ein harmlos aussehender Typ, der mit Handschellen an der Decke hing. Er hatte Brustklemmen an den Nippeln, Gewichte an den Eiern und trug immer noch seine Brille.

»Du bist ein Stück SCHEISSE!«, schrie Robin. »Was bist du??«

»Ein Stück Scheiße, Herrin«, erwiderte der arme Tropf, der vermutlich eine Stunde zuvor noch in einer Konferenz über Doppelverglasung gesessen hatte.

»JA! Und du machst mich nicht GLÜCKLICH, oder?«

»Nein, Herrin.«

»Du bist WERTLOS!!«

»Ja, Herrin.« Robin kratze ihn tief mit ihren Krallen.

»Oh, Herrin«, stöhnte er. Weiß der Teufel, wieso ich immer denke, ich sei merkwürdig.

»Und WEIL du weißt, dass du mich nicht glücklich machst, werde ich dich BESTRAFEN.«

»Oh nein, Herrin. Nein!«, flehte er. Überglücklich.

»Halt’s Maul, du jämmerliche AUSGEBURT eines Menschen!«

»Ja, Herrin. Tut mir leid, Herrin.«

Oh, um Himmels willen, dachte ich. Beeil dich, Robyn. Ich muss wirklich mit dir reden und der Gin Tonic ist fast alle. Dann eilte sie wieder vor die Webcam.

»Zwei Sekunden, Süßer. Versprochen!«

Sie zog etwas aus einer Schublade und ging zurück zu der jämmerlichen Ausgeburt. Es war eine Lederhaube.

»Jetzt BEZAHLST du dafür, du kleine Made!«, herrschte sie den kleinen Masochisten an. Plötzlich wusste ich, an wen er mich erinnerte: An den Comedian Sid Little. Robyn nahm ihm die Brille ab und zog die Lederhaube über seinen Kopf. Er stöhnte und protestierte ekstatisch. Dann nahm Robyn einen schwarzen Gummidildo und schob ihm den in die Fresse.

»Das wird ihm erst mal das Maul stopfen«, sagte sie und setzte sich an den Computer. Dabei war sie so ruhig und gefasst, als hätte sie gerade ein Glas Marmelade auf einem Kirchenbasar verkauft.

»Was hat denn meine Lieblingsfee?«

»Du hast deine Titten noch nicht weggepackt.«

»Ups, sorry«, sagte sie und stopfte ihre furchteinflößenden Brüste in das Bustier-Etwas wie ein Eisverkäufer Kugeln in die Waffel.

»Besser?«

»Viel besser.«

»Gut. Schieß los.«

»Ach, Robyn, ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll.«

»Irgendwo musst du anfangen, Schnuckel. Ich muss noch Stan Laurel da drüben fertig machen und hab um halb sieben den nächsten Termin.«

»Ich dachte da mehr an Sid Little.«

»Hm«, machte sie nachdenklich und warf einen Blick über die Schulter zu dem dürren kleinen Jämmerling, wie er da schlaff in seinen Handschellen mit dem Dildo in der Fresse hing. »Schwierige Entscheidung.«

»Bist du sicher, dass er Luft kriegt?«, fragte ich.

»Aber klar.« Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Passt schon.«

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

»Aha!«, rief Robyn. »So schlimm kann es ja nicht sein, wenn du noch lachen kannst, oder? Und dir geht’s so beschissen, dass du mich bei der Arbeit anrufen musst?«

»Ehrlich gesagt, ja. Mehr als beschissen. Ich stehe kurz vorm Selbstmord.«

»Mit einem Gin in der einen Hand und einer Kippe in der anderen?«

Oh verflixt, ich hasse diese Webcams.

»Das ist meine Henkersmahlzeit«, antwortete ich.

»Ich hab mich schon immer gefragt, was einer verurteilten Diva wohl als letzte Mahlzeit gereicht werden würde. Jetzt weiß ich’s.«

»Andrew Goodman ist auf Richards und Judys Buchliste.«

»Andrew wer?«

»Andrew Goodman. Ich war zusammen mit ihm in Cambridge.«

»Süßer, du warst mit so ziemlich jedem zusammen in Cambridge. Und?«

»Nein, Robyn, du verstehst nicht.«

»Na dann beeil dich und erklär’s mir«, sagte sie und warf wieder einem Blick über die Schulter nach hinten.

»Vergiss es. Du bist beschäftigt. Ich werd damit schon alleine fertig. Sorry, dass ich angerufen habe. Mach dich wieder an deine bescheuerte Arbeit.«

Eins von den Dingen, die ich an Robyn so sehr liebe, ist ihre Fähigkeit, einen Maulwurfshügel von einem Berg zu unterscheiden. Plötzlich erkannte sie, dass ich wirklich am Ende war und schon hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit.

»Dir geht’s echt scheiße, oder?«

»Jepp.«

»Erzähl!«

»Andrew Goodman ist ein talentloses, hinterhältiges kleines Arschloch. Der könnte nicht mal einen gescheiten Satz aufs Papier bringen, wenn sein Leben davon abhinge! Ich weiß das, weil er in Cambridge immer versucht hat, sich in die Uni-Zeitung reinzuschwafeln, aber er war schlicht zu scheiße

»Und?«

»Und? Was meinst du mit: und? Irgendwie hat es diese Dumpfbacke geschafft, einen Roman zu schreiben. Seinen ersten Roman. Und der hat es auf die verdammte Richard & Judy-LISTE geschafft! Weißt du, was er mir damit antut?«

»Gar nichts tut er dir damit an. Zumindest nicht mehr, als es bei irgendeinem anderen untalentierten und unwürdigen Arschloch der Fall wäre. Du hast dich doch auch nicht so darüber aufgeregt, als Wayne Rooney zehn Zillionen für seine Autobiografie kassiert hat, oder?«

»Nein, natürlich nicht! Das war was völlig anderes!«

»Warum? Weil du ihn scharf findest?«

»Nein!«, rief ich (obwohl ich Wayne Rooney tatsächlich ziemlich schnuckelig finde. Meine Voodoo-Puppe von seiner Frau Colleen ist dermaßen gespickt mit Nadeln, dass sie aussieht wie ein Igel nach einem Stromschlag). »Wayne hat ja wohl keinen Roman geschrieben, oder? Und er ist auch kein untalentierter WICHSER wie Andrew Goodman!«

»Hör zu, Süßer, ich bin wirklich beschäftigt. Aber ich ruf dich später an, versprochen.«

»Mir egal«, schmollte ich.

»Nicht schmollen, bitte. Das steht dir nicht.«

»Ich will aber schmollen.«

»Okay, dann schmoll doch. Aber hör mir zu. Du hast nur zwei Möglichkeiten. Abhaken oder Heimzahlen.«

»Ich mag nicht immer nur abhaken, Robyn. Jedes Mal, wenn jemand, den ich kenne, mal was richtig Gutes gebacken kriegt, hake ich es ab. Wann bin ich denn mal an der Reihe?«

»Wenn du es ihm heimzahlst.«

»Ja, klar! Und wie, schlägst du vor, soll ich das machen? Soll ich jemanden anheuern, der Andrew Arschloch um die Ecke bringt? Und womit soll ich den bezahlen? Mit handsignierten Ausgaben meiner Bücher?«

»Auf jeden! Ich bin sicher, dass Profikiller gerne lesen.«

»Oh, halt die Klappe, Robyn.«

»Nein, natürlich engagierst du keinen Killer, du Heulsuse. Du bringst dein Buch auf die Richard & Judy-Liste. So einfach ist das!«

»Oh, klar! Dass ich da nicht selbst draufgekommen bin!«

»Wart mal kurz« sagte sie und warf wieder einen Blick über ihre Schulter. »Stan sieht irgendwie blau aus.«

Sie ging rüber zu Stan/Sid, der tatsächlich eine recht eigentümliche Gesichtsfarbe angenommen hatte. Innerlich kochte ich. Robyn war ganz offensichtlich zu sehr in ihrer sadistischen Rolle verhaftet, um Mitleid mit mir zu haben. Ich brauchte keine liebevolle Strenge, ich brauchte liebevolle Liebe! Sie zog den Dildo aus Stans Mund. Er schreckte auf und holte mit weit aufgerissenen Augen tief Luft, aber es ging mir zu beschissen, als dass es mich interessiert hätte, was als Nächstes mit ihm geschah. Ich kappte die Verbindung und machte mir einen neuen Gin Tonic.

Als ich mir einen Drink einschenkte, der stark genug war, um einen kompletten Jungesellinnen-Abschied auszuschalten, rieb sich meine Katze an meinem Bein und schnurrte. Ich hatte vergessen, sie zu füttern. Aber ich tat mir selbst zu sehr leid, um deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben.

»Oh, hau ab, Dolly!«, schimpfte ich und schob sie aus dem Weg. »Geh und fang dir eine Taube, wenn du Hunger hast!«

Ich bin echt keine dieser Stumpfnasen, die denken, Tiere könnten verstehen, was der Mensch sagt; aber manchmal bin ich mir nicht so sicher. Als ich mit einer frischen Gallone Sorgentröster zurück aufs Sofa taumelte, bohrte Dolly ihre Krallen in mein Bein.

»Aaaauuutsch!«, schrie ich auf. »Du Mistvieh! Zicke!«

Dolly saß da und guckte mich an, als wollte sie sagen: »Jetzt sind wir quitt.« Und so war es auch. Plötzlich wurde es mir klar: Robyn hatte recht, was Andrew Goodman anging. Ich konnte die Sache entweder abhaken oder es ihm heimzahlen.

Ich beschloss sodann feierlich, dass ich mein neustes Buch auf die Richard & Judy-Liste für nächstes Jahr kriegen würde, und wenn es mich umbrächte! Echt jetzt – entweder ich käme auf die Liste oder ich ginge bei dem verfluchten Versuch drauf.

»Danke, Dolly«, sagte ich. Dann schüttete ich meinen Drink in die Spüle und öffnete ein Päckchen Sheba.

Ich hatte Pläne zu schmieden.

3

EINE DIESER NANCYS

Vermutlich überflüssig zu sagen, dass ich in jener Nacht keinen einzigen Plan mehr machte. Ehrlich gesagt war ich dermaßen jenseits von Gut und Böse, dass mir allein der Geruch von Dollys Katzenfutter vollständig den Rest gab und ich die nächsten Stunden mit der Kloschüssel knutschend verbrachte. Ich hasse nichts auf der Welt so sehr wie Kotzen. Ich weiß, dass Bulimie eine richtig schlimme Krankheit ist, aber ich habe größte Hochachtung vor diesen Mädchen, ernsthaft. Es ist für mich unglaublich, dass es Menschen gibt, die sich freiwillig den Finger in den Hals stecken, nur um schlank zu bleiben. Ich müsste schon aus Versehen die Unterwäsche von Yasser Arafat gegessen haben, bevor ich mich absichtlich zum Kotzen bringen würde.

Ich kann mich nicht erinnern, ins Bett gekrochen zu sein, aber ich weiß noch, wie ich aufgewacht bin, als der Türsummer wie eine Kettensäge durch mein Gehirn drang. Der Grund, weshalb ich mich nicht erinnern kann, ins Bett gekrochen zu sein, ist sehr einfach. Ich bin nicht ins Bett gekrochen. Ich hob meinen Kopf von etwas hoch, was ich für mein Kissen hielt, und schrie auf. Mein Gesicht war mit eingetrockneter Kotze auf der Klomatte festgekleistert. Das nenn ich Klasse!

Der fiese Summer hörte und hörte nicht auf mit dem Krach und während ich mich auf alle viere hocharbeitete, überlegte ich, ob ich nun endlich den Schlaganfall gehabt hätte, den ein kettenrauchender Säufer schlussendlich verdient; aber nein – beide Arme und Beine schienen zu funktionieren, auch wenn ich mich fühlte, als hätte mich jemand nur so zum Spaß in Gips gegossen. Als ich endlich aufstehen konnte, bekam ich zweimal einen Schock. Das erste Mal, als ich mich im Spiegel sah. Oh je, oh je, oh je. Und ich mach mich darüber lustig, wenn Promis auf Paparazzi-Fotos etwas derangiert aussehen. Ich sah dermaßen nach Amy Winehouse aus, dass ich mich wunderte, wieso der arme Spiegel nicht von der Wand hüpfte und sich in die Rehab einweisen ließ. Den zweiten Schock bekam ich, als ich auf die Uhr sah. Es war halb sieben Uhr morgens. Oh Himmel, Arsch und verfickt noch eins – das war Paul!!

Hach, Paul. Erwähnte ich, dass ich auf den etwas primitiveren Typ Mann stehe? Ist so. Je ungehobelter, desto besser. Die Sorte mit den blutigen Fingerknöcheln, die mit »X« unterschreiben. Paul ist mein neuster, und ein echter Kerl. Als ich ihn das erste Mal sah, buddelte er gerade ein Loch am Straßenrand. Ehrlich gesagt hab ich ihn fast umgebracht. Ich fuhr gerade durch London zu einem Mittagessen mit meinem Verleger. So ein Ereignis kommt für Schriftsteller wie mich nur einmal im Jahr vor. Wir werden dann in ein zweitklassiges Restaurant zu einem Tagesmenu und einer Flasche Hauswein ausgeführt. Sie wissen schon, einer dieser Schuppen, in dem sogar die Möbel so aussehen, als wären sie lieber woanders. Das Personal, die »Gäste« – sogar die verdammten Messer und Gabeln machen den Eindruck, als würden sie gleich weglaufen wollen. Wenn mein Verleger mich zum Mittagessen einlädt, fühlt sich das Ganze jedes Mal dermaßen bis auf den letzten Penny durchgerechnet an, dass es mich manchmal wundert, wieso er nicht gleich seinen Buchhalter mitbringt. Offen gesagt würde ich lieber das Essen ausfallen lassen und nur die Rabattpunkte sammeln.

Wie auch immer; ich fuhr also mit meinem sogenannten Auto, bei dem das Wertvollste die Steuerplakette ist, in die Stadt, als ich an einer Baustelle halten musste. Wie immer, wenn ich an einer Baustelle halten muss, sah ich mir die Bauarbeiter an, ob etwas Brauchbares darunter war. Und da stand er. Oh mein Gott. Er war perfekt. Wenn Mel Gibson und Mark Wahlberg einen gemeinsamen Sohn hätten, sähe er sicher exakt aus wie Paul. Dort stand er, mit seinem nackten, schweißglänzenden Oberkörper und dem Presslufthammer zwischen seinen muskulösen Oberschenkeln, und ich war so in seinen Anblick versunken, dass ich nicht bemerkte, wie die Ampel grün wurde. Leider stand ich ganz vorne in der Schlange und der egoistischen Kuh in dem Range Rover hinter mir kam kein Stück der Gedanke, dass ich vielleicht zu verliebt in den Bauarbeiter war, um auf so unwichtige Dinge wie Ampeln zu achten. Als es also grün wurde, fuhr sie los – und mir hinten rein. Ich bekam Panik, schlug das Lenkrad um und landete in eben dem Loch, das mein Adonis gerade grub. Gäbe es Medaillen für hyperventilierende Homos, hätte ich an diesem Tag Gold gewonnen.

Aber, wie ich immer zu sagen pflege, in jedem Loch in der Straße findet sich auch mal ein Korn. Bis ich mit der Tussi aus dem Range Rover Adressen getauscht hatte, war ich bereits Feuer und Flamme für den Bauarbeiter Paul. Es war inzwischen viel zu spät für das Essen mit meinem Verleger, aber das war mir so was von egal. Ich rief ihn an, sagte ab und fragte Paul, ob ich ihm ein Bier ausgeben könne, so quasi als Entschuldigung. Zu meiner Freude und Überraschung sagte er ja und sechs Bier später lag er bereits auf meinem Bett, ausgebreitet wie eine Tagesdecke von Planet Perfect – wenn Planet Perfect der Name eines Haushaltswarengeschäfts wäre. Und es wäre der perfekte Name, oder nicht?

Paul wohnt auf der Insel. Hört sich das nicht glamourös an? Die Insel. Denken Sie jetzt an die Karibik, Milliardäre und Jachten? Oder an einen Roman von Victoria Hislop? Hm, nicht ganz. Ich rede von der »Insel« Sheppey. All denjenigen unter Ihnen, die mit dieser entzückenden Ecke von Kent nicht so vertraut sind, sei ein Blick auf die Website namens sheppeyscum.com empfohlen. Dort erfahren Sie alles, was Sie wissen müssen.

Fairerweise muss man sagen, dass Sheppey Potenzial hat. Es liegt ziemlich nahe bei London, es hat etwas, das fast wie ein Strand aussieht, und es war früher mal ein richtiges Urlaubsziel. Und ich muss es wissen: Früher in den Sechzigern hatte mein einziger und einziger reicher Onkel dort ein »Chalet« und in meiner Kindheit habe ich viele glückliche Sommer in den gut besuchten Pubs, Clubs und Spielhallen von Leysdown verbracht. Heutzutage jedoch, wo ein Flug nach Spanien billiger ist als das Parken am Flughafen, verbringen nur noch diejenigen Leute ihren Urlaub auf Sheppey, die sich gerade eben das Busticket ab Sittingbourne zehn Meilen die Straße hoch leisten können. Die Art von Leuten, die zu Hause sitzen und ernsthaft darüber nachdenken, ob sie ihre Nieren (oder ihre Kinder; alles schon dagewesen!) verkaufen sollten, um von dem Geld Rubbellose zu erwerben und reich zu werden. Aber eines Tages, wenn der CO2-Ausgleich bei Flugreisen mehr kostet als Ihr Haus, wird Sheppey zu neuem Leben erwachen.

Wenn ich Ihnen also erzähle, dass Paul der Prächtige von »der Insel« kommt, können Sie diese Information nun einordnen. Nach diesem ersten Nachmittag voll atemberaubendem Sex erwartete ich eigentlich, er würde unter Androhung von Gewalt Geld fordern und anschließend mit meinem Handy, DVD-Player und meinen Kreditkarten zurück zu seiner Frau und den drei Kindern fahren. Doch dem war nicht so. Wir lagen im Bett und Paul rauchte seinen achten oder neunten Joint von der Größe einer Salami, während ich mich fragte, ob ich ihm DVD-Player und Handy schon mal einpacken sollte, um ihm Zeit zu sparen. Er drehte sich zu mir um und sagte: »Ey, hörma, ich glaub, ich lieb dich.«

Und ich dämliche romantische Schwuchtel, die ich nun mal bin, blickte in seine tiefblauen Augen und antwortete: »Ich liebe dich schon seit dem Moment, in dem ich dich das erste Mal sah.«

Oh, Mann. Oh, wie ich diese Worte mal bereuen würde.

Ich drückte auf den Türöffner und fünf Sekunden später stand Paul in meiner Wohnung. Wie immer ging er an mir vorbei, ohne Hallo zu sagen, geschweige denn, mir einen Kuss zu geben. Er setzte sich auf das Sofa, drehte sich einen Joint und grunzte: »Ey Alter, gibt’s Frühstück?«

Ehrlich gesagt ist es mir schleierhaft, warum die Gefängnisse nicht voll von Frauen sind, die ihren Männern den Schädel eingeschlagen haben. Sie gehen zur Arbeit, sie kochen, putzen, erziehen die Kinder – während ihre Göttergatten rein gar nichts tun außer zu poppen, stänkern und am Monatsende widerwillig ein paar Kröten rüberwachsen zu lassen. Ich mein, wenn Ihnen Guido Cantz das anbieten würde, würden Sie »Deal« sagen?

»Ja, Paul. Ich habe Würstchen, Schinken, Eier, Champignons …«

»Ey, schon gut, Mann – keine Pilze, weißte doch, von denen muss ich kotzen«, antwortete er, griff sich die Fernbedienung und schaltete das BBC-Frühstücksfernsehen ein. »Oh scheiße, die Tasha Blinski«, sagte er, steckte sich den Joint an und fasste sich an die Eier, während Natasha Kaplinsky über den Bildschirm flimmerte. »Die Schlampe hättich schon längst rausgeworfen. Ey, komm und blas mir mal einen.«

Ich weiß, dass das nichts ist, worauf man stolz sein sollte, aber Höhlenmenschen wie Paul gegenüber bin ich willenlos. Ich bin tatsächlich der Typ aus dem alten Witz, der jemandem einen bläst, während der Fußball guckt, und sich anschließend in eine Pizza verwandelt. Oder wenigstens aufsteht und Pizza macht. Und erzählen Sie mir bitte nichts von politisch unkorrekt; das weiß ich selbst. Manche Mädels stehen nun mal darauf, wenn Männer sie schlecht behandeln, dagegen kommt man nicht an. Das hat eine lange Tradition. Lesen Sie Oliver Twist. Manche Nancys brauchen ihren Bill – und ich bin einfach nur eine dieser Nancys.

Aber an jenem Morgen war mir gar nicht danach. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass ich so suizidal drauf war und die ganze Nacht mit meinem Gesicht in der Kotze klebend auf dem Badezimmerboden verbracht hatte.

»Vergiss es«, sagte ich. »Mach’s dir selber.«

»Ey, Alter«, quengelte er. »Nu mach schon. Ich lieb dich doch.«

Ob Sie’s glauben oder nicht, bei den vier Worten gehe ich sonst tatsächlich auf die Knie und komme seiner Aufforderung nach. Aber nicht an dem Tag.

»Leck mich«, sagte ich und stampfte aus dem Zimmer. »Reib deinen Schwanz doch an Natasha Kaplinsky – hoffentlich trifft dich dabei der Schlag!«

image

Aus dem Zimmer einer Einzimmerwohnung zu stampfen, macht keinen allzu imposanten Eindruck. Wenn man nur zwei Türen hat, sind die Möglichkeiten diesbezüglich arg beschränkt. Sie können nur entweder vor die Wohnungstür gehen oder sich aufs Klo hocken. Wenigstens war ich geistesgegenwärtig genug, daran zu denken, die Tür hinter mir zuzuknallen.

Männer wie Paul wissen instinktiv, wie sie jemanden wie mich behandeln müssen. Wenn ich mich beleidigt zurückziehe, egal wie sehr es seine Schuld ist (also immer), kommt er nie, nie, nie an und macht den ersten Schritt. Ich hab auf diesem Klo sitzenderweise schon ganze Romane gelesen, während ich darauf wartete, er möge kommen und sich entschuldigen, und alles, was ich davon hatte (außer dass ich nun das Buch kannte), waren blaue Füße, weil mir der Toilettensitz die Blutzufuhr abgeklemmt hatte.

An jenem Morgen jedoch klopfte er das erste Mal, seit ich ihn kenne, an die Badezimmertür.

»Ey Mann, wasn los?«

Ich gab keine Antwort. Nicht, weil ich die Situation auskosten wollte, sondern weil ich schlicht sprachlos war, dass Paul einen Hauch von Interesse an meinen Gefühlen zeigte.

»Kann ich reinkomm?«, fragte er. Was er dann natürlich tat, ohne eine Antwort abzuwarten, aber hey, er hat immerhin gefragt

Er kniete sogar nieder, um mit mir zu reden. Er strich mir über die Wange. War das alles nur ein Traum und eigentlich schlief ich noch?

»Ich sach dir was, Alter«, sagte er, »vergiss den Blowjob. Ich mach uns was zu spachteln. Und du mach dich ma sauber, ey. Siehst scheiße aus.«

Es hatte zwar nicht viel mit Frühstück zu tun, aber in Pauls Welt ist schon haute cuisine, was nicht »Pling!« macht, wenn’s fertig ist.

image

»Siehste«, sagte er und reichte mir eine verbrannte Scheibe Toast mit einem Klecks Marmelade, wobei er ausgesprochen selbstzufrieden aussah. »Ich kann kochen, wenn ich will.«

»Du solltest Jamie Oliver schreiben und ihn um einen Job bitten.«

»Hm«, machte er, und dachte ernsthaft über den Vorschlag nach. »Nee. Ich tät ihm nur eine reinhaun. So ’ne Fotze.«

An dieser Stelle muss ich Ihnen erklären, dass Paul das F-Wort in so ziemlich jedem Satz verwendet. Er benutzt es so häufig, dass es schon gar keine Bedeutung mehr hat. Es ist halt eine Art Geräusch, das er macht. Er benutzt es manchmal, wo normale Menschen so etwas rufen würden wie »Mannomann!« Wenn ich ihn zum Beispiel frage, ob er Käse oder Schinken auf sein Sandwich möchte, sagt er statt »Au ja, gerne!«: »Fotze! Klar, Käse, gerne, du Fotze!«

Ich hab mich schon so an dieses Wort gewöhnt, dass ich fast vergessen habe, wie vulgär es ist. Letzten Monat war ich sonntags mit meiner Mutter und zwei ihrer Freundinnen Mittag essen, wobei eine der beiden in der Kirche Orgel spielt und schon Kalender Girls etwas »too much« findet. Diese sehr vornehme alte Jungfer gab also ihre überaus amüsante Erzählung zum Besten über einen erschreckenden Zwischenfall an der Orgel, der sich an jenem Morgen ereignet hatte. Sie war gerade halb durch mit dem Lied Oh God, our Help in Ages Past, als sie die Seite umblätterte und feststellen musste, dass sie die Noten mit denen von The Battle Hymn of the Republic vermischt hatte. Na gut, das ist jetzt nicht wirklich eine der Anekdoten, die man sich für eine Talkshow aufsparen würde, aber für eine zweiundachtzigjährige Dame, die Brighton für ein Sodom mit musikalischer Untermalung hält, ist das schon eine große Sache. Und so unrecht hat sie ja nicht. Wie auch immer, bevor Paul in mein Leben getreten war, hätte ich gelacht und gesagt: »Oh Esme, was bist du schusselig!« Aber nein. Oh nein, nein, nein. Ich wartete, bis sich die alten Damen die Tränen getrocknet hatten, drehte mich zu Esme, der Organistin und sagte mit einem Lächeln: »Oh Esme, du schusselige Fotze.«

Er muss weg, er muss wirklich verschwinden. Aber ich bin vorübergehend verhext.

Solange dieser Zustand anhält und in der milden Hoffnung, dass dieses Buch ein Bestseller wird, werde ich mein Bestes tun, ihn zu bessern.

»Das war’s, was mein Schatz gebraucht hat«, sagte er, nachdem ich die einsame Scheibe Toast gegessen hatte. »Jemand, der sich kümmert.«

Wenn man seinen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck sah, hätte man meinen können, er hätte sechs Monate lang an meinem Fußende geschlafen, während ich mit Scharlach daniederlag.

»Danke. Ist noch was da?«

»Ey sach ma«, erwiderte er. »Ich bin doch nicht dein Diener.«

Unwillkürlich stellte ich mir Paul als Butler vor und musste lachen.

»Wasn mit dir los?«

»Nichts, nichts. Ich hab mich nur gerade gefragt, was die in der Butlerschule wohl mit dir machen würden.«

»Du bist komisch«, antwortete er. Das ist Pauls Standardantwort, wenn ich etwas sage, was ihm zu hoch ist. Du bist komisch.

»Jepp«, sagte ich, immer noch lachend. »Das bin ich wohl.«

Einen kleinen Moment lang sah er griesgrämig und gekränkt gleichzeitig aus, wohl wissend, dass ich über ihn lachte, aber nicht, warum. Dann zog er das Gespräch wieder auf sein Niveau herunter. »Egal«, sagte er und griff sich in die Hose, »jetzt, wo’s dir besser geht …«

»Oh, Herrgott noch mal.«

»Hey, das wär ja wohl fair, oda?«, maulte er. »Ich hab dir schließlich grad Frühstück gemacht, oda?«

»Du hast mir eine mickrige Scheibe Toast geschmiert, Paul.«

»Na, denn«, feixte er, »hier ist die Wurst dazu.«

Ein kleiner Rat am Rande: Blasen mit Kater ist keine gute Idee. Sie können Ihren Würgreflex dann nur bedingt kontrollieren.

Als er fertig war, haute sich Paul für sein übliches Schläfchen vor der Arbeit aufs Sofa, während ich den Badezimmerboden putzte. Es ist schon bemerkenswert, welchen Schaden die Mischung aus Magensäure und Gin auf billigem Linoleum anrichten kann. Das hatte was von einer Szene aus Alien, wo das Blut des Monsters ein Loch durch den kompletten Fußboden ätzte. Fast erwartete ich, dass mir Sigourney Weaver aus der Wohnung unter mir zuwinkte.

Dann kochte ich Paul einen Kaffee. Vier Stück Zucker, die komplette restliche Milch und drei Kekse dazu. Bevor ich ihn weckte, tat ich das, was ich immer tat: ihn einfach nur ansehen. Wenn er wach ist, geht das nicht. Dann wird er sauer, obwohl er die Aufmerksamkeit heimlich genießt. Aber wenn er schläft, kann ich ihn ansehen, so viel ich will. Ich weiß genau, wovon manche Frauen reden, wenn sie über ihre chaotischen Kinder sagen: »Ich liebe sie besonders, wenn sie schlafen«. Und so saß ich einfach einen Moment da und liebte ihn. Er macht mehr Ärger als eine Horde Zweijähriger und ist verrückter als ein Marzipandildo, aber wenn er so leise vor sich hin schnarcht und ich sehe, wie sich seine träumenden Augen unter seinen dichten Wimpern bewegen, krieg ich Pipi in den Augen.

»Nnnnh, Alter«, brummte er, als ich ihm den Kaffee reichte. »Wie spät isn das?«

»Halb acht.«

»Dann mussich los.«

Er sprang auf und widmete sich seiner Schönheitspflege. Die nicht viel mit Beverley Hills zu tun hat. Er lässt das Waschbecken voll kaltes Wasser laufen, versenkt seinen kompletten Kopf darin, gluggert und kommt wieder hoch. Dann wirft er einen Blick in den Spiegel, ruft: »Du siehst nich gut aus, Paul O’Connor, du siehst doppelt gut aus! Boah!« – und küsst den Spiegel. Echt jetzt, tut er wirklich. Und das Verrückte daran ist: Er hat ja recht! Er sieht sogar dreifach gut aus. Manchmal küsse ich den Spiegel, wenn er weg ist.

»Ey, sach ma«, sagte er, als er sich die Haare mit dem Badvorleger trocknete. »Du hattest echt ’ne heftige Nacht, oda? Der Boden ist ganz schön im Arsch.«

»Ich war ein wenig unpässlich.«

»Un-was …?«

»Schlecht drauf.«

»Wer war’n das? Der Fotze werd ich’s zei…«

»Nein, nicht so. Hat was mit meiner Arbeit zu tun.«

Er hörte auf, seine Haare mit der Badematte abzurubbeln.

»Du arbeitest doch gar nich.«

»Paul, wie oft hatten wir diese Unterhaltung schon? Nein, ich gehe nicht in ein Büro, ich grabe auch keine Löcher in die Straße, aber ich arbeite sehr wohl.«

»Ja, klar«, grunzte er. Dann reckte er seine Nase in die Luft und tippte theatralisch auf einer imaginären Tastatur.

»Hau ab, du Arschloch. Ich hab echt genug von dir heute.«

»Du hast nie genug von mir, Alter. Nie. Nich, bevor ich’s sag.«

Da war was dran. Ich fühlte mich plötzlich völlig nutzlos. Mein gesamtes Leben schien in den Händen anderer Leute zu liegen. Meine Lippen fingen bedrohlich an zu zittern.

»Fang jetzt bloß nicht mit dieser schwulen Scheiße an«, sagte er durchaus wohlwollend.

»Ich bin schwul, Paul!«

»Ey, davon will ich gar nix wissen. Das is dein Ding.«

»Ach leck mich; geh einfach zur Arbeit. Schick mir ’ne SMS, wenn du später noch vorbeikommst.«

»Nee«, sagte er, setzte sich hin und verschränkte die Arme.

»Ich geh nich zur Arbeit, bis de mir erzählst, was los is.«

»Wieso? Du willst mich doch nur verarschen.«

»Nee, mach ich nicht. Nur wenn de einen auf Arschloch machst.«

»Ich mach keinen auf Arschloch.«

»Dann sach schon.«

»Nein. Schau, es ist nett, dass du dir Sorgen machst, aber ernsthaft, du würdest es nicht verstehen.«

»Hälste mich für zu blöd?«

»Nein …«

»Dann erzähl schon. Wirst schon sehen.«

Mir wurde klar, dass er nicht gehen würde, bevor ich ihm nicht alles erzählt hatte, also tat ich es. Als ich fertig war, drehte er sich langsam einen neuen Joint, um klarer denken zu können. Ich saß und harrte seiner Weisheiten.

»Warum nimmste dir nicht jemanden, der bei diesem Andrew Wiehießernoch …«

»Goodman.«

»… Goodman einen Besuch macht? Mein Kumpel Terry macht das für ’n Tausender.«