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Impressum:

Blutkuss der Begierde | Erotischer Roman

von Carol Stroke

 

Carol Stroke entführt in ihren Geschichten in die unterschiedlichsten Welten und möchte mit ihren lebensnahen Charakteren und deren Erlebnissen Emotionen hervorrufen – ob es ein Lächeln auf den Lippen ist oder ein wohliges Kribbeln im Körper. Sie liebt es, ihre Leser anfangs auf das vermeintlich Vorhersehbare zusteuern zu lassen, um sie dann mit dem Unerwarteten zu überraschen. Ihr Ziel ist erreicht, wenn die Lust ihrer Charaktere die Lust der Leser zum Höhepunkt treibt.

 

Lektorat: Marie Gerlich

 

 

Originalausgabe

© 2020 by blue panther books, Hamburg

 

All rights reserved

 

Cover: © Urszula Lysionek @ shutterstock.com © mrjo @ shutterstock.com

Umschlaggestaltung: MT Design

 

ISBN 9783964777751

www.blue-panther-books.de

Kapitel 1

»Herrin«, fragte der kleine bucklige Mann und trat noch einen Schritt weiter durch die große Eichentür in den Saal. Er streckte seinen Hals, um den Raum zu überblicken. Er rang mit sich selbst. Sollte er es nochmals wagen, sie zu rufen, oder sollte er lieber flüstern? Er räusperte sich und wollte gerade Luft holen, als er bei seinem nächsten Schritt über einen bewegungslosen nackten Körper stolperte. Er fiel nach vorn und versuchte sich auf den Handflächen abzufangen. Es gelang ihm mehr schlecht als recht, da beide Hände nun auf den Brüsten einer Frau lagen. Diese rekelte sich kurz und bat um eine Pause.

»Gewiss, meine Dame, ich bin schon entschwunden.«

Der Diener erhob sich mühsam und darauf bedacht, niemanden mehr zu berühren oder gar anzurempeln. Es war das typische Bild, das hier seit Jahrhunderten nach der Vollmondnacht herrschte. Überall lagen nackte Körper, die zu erschöpft waren, um sich vor der nächsten Dämmerung zu erheben. Er durchquerte den großen Raum und hielt vor dem Thron inne. »Herrin?«

Diana hatte ihn schon vorn an der Tür gehört und seinen Sturz mitbekommen. Sie hatte die Stirn auf ihre Hände gestützt. Ihre Augen blieben geschlossen, sie versuchte, ihre schlechte Laune nicht nach außen weiterzugeben. »Georg, wie kann ich dir behilflich sein?«

»Herrin, ich sollte Euch doch mitteilen, wenn sie eingetroffen ist.« Eine kurze Pause. »Sie ist da.«

Diana war plötzlich hellwach und Freude durchflutete sie. Sie sprang auf, beugte sich nach vorn, durchwühlte ihr kurzes schwarzes Haar. »Kann ich so vor sie treten?«

»Ähem, findet Ihr, dass Euer Erscheinungsbild dem Anlass entspricht?«, fragte der Diener etwas zögerlich.

Diana hob eine Braue und dachte kurz nach. Dann nahm sie etwas Spucke auf ihren Finger und fuhr ihre lilafarbene Strähne im Pony nach, sodass diese elegant an ihrer Stirn entlanglief. »Jetzt ist es perfekt. Ach, und Georg, kümmere dich bitte um diese Masse von Nackten, dass sie heute auch tatsächlich unser Heim verlassen. Danke.«

Er grummelte: »Mache ich das nicht immer?«

Diana sprang leichtfüßig über die dargebotenen Körper und verließ den Thronsaal Richtung Eingangshalle. Als sie dort ankam und ihre rothaarige Freundin erblickte, rannte sie sofort auf sie zu und wollte sie umarmen. Doch sie wurde in ihrer Bewegung gestoppt. »Clare, was soll das?«

»Diana, das sollte ich dich fragen. Du kommst hier splitterfasernackt auf mich zugerannt. Weiß Beelzebub, was noch alles an dir hängt. Sorry, den Schmodder kannst du bei dir behalten.«

Diana wurde wieder aus ihrer Starre befreit. »Setz dich einfach schon mal ins Wohnzimmer. Das mit den grünen Samtvorhängen und dem großen Fernseher. Ich geh geschwind duschen und bin gleich wieder bei dir.« Diana eilte durch ihr Schlafzimmer ins angrenzende Badezimmer. Sie drehte das Wasser auf und stieg unter die Dusche. Mit geschlossenen Augen genoss sie das warme Nass auf ihrer geschundenen Haut. Dieser Lykaner Kilian war nicht zimperlich mit ihr gewesen. Auf ihrem Porzellanteint zeichneten sich noch Schatten der Blutergüsse ab. Bei der Erinnerung daran, wie er seine Krallen in ihr Fleisch geschlagen hatte, während er sein Gemächt in sie stieß, ließ sie die Hand zu ihrer empfindlichen Scham gleiten. Gerade als sie ihre Finger zwischen ihren nassen, geschwollenen Lippen verschwinden lassen wollte, flog die Badezimmertür auf und der Lykaner stand nackt in Menschengestalt vor ihr. Nur in seinen Augen war das Tier von heute Nacht noch gegenwärtig.

»Hast du schon mal was von Anklopfen gehört?«

»Ich habe deine Gier gerochen.«

Mehr brauchte es nicht für diesen animalischen Mann, um einfach in ihren Privaträumen zu erscheinen.

»Was hast du jetzt vor?«

»Ich werde dich hier und jetzt nehmen.« Er trat auf sie zu und plötzlich war da kein Monster mehr, sondern ein charmanter Bilderbuchmann.

Er lächelte sie an. »Natürlich werde ich dich hier und jetzt nur nehmen, wenn du es mir erlaubst.«

Sie konnte ein freches Grinsen nicht unterdrücken, stellte sich direkt vor ihn und blickte auf in die bernsteinfarbenen Augen. »Aber nur, wenn du für mich knurrst.«

Ein bösartiges Knurren entrang sich seiner Kehle, während er sie umdrehte, ihre Beine weiter spreizte und seinen steifen Schaft in ihr versinken ließ. Er nahm sie hart und ihr gefiel, wie ihre Brüste bei jedem seiner Stöße wippten.

»Härter, Kilian, ich will alles. Du bringst mich schon nicht um.«

Wieder ein Knurren. Ihr schwanden die Sinne unter der Wucht seines Schwanzes und unter ihrem Höhepunkt. Nun war es an ihr zu schnurren. Mister Sexy ließ sich noch etwas von ihrer Scheidenmuskulatur melken, um dann auf ihren Hintern zu spritzen.

Sie drehte sich wieder zu ihm, streckte sich etwas und küsste ihn auf seine verboten wohlgeformten Lippen – wobei sie ihn mit einem ihrer Reißzähne ritzte.

Daraufhin schaute er sie erstaunt und hochachtungsvoll an. »Es wird mir eine Ehre sein.«

»Und mir eine Freude.«

Diana markierte ihre Sexpartner nicht oft. In den vergangenen Jahrhunderten waren es so viele, die sie unter sich, hinter sich, über sich gehabt hatte, dass es von Vorteil war, die guten zu ritzen, damit diese bei der nächsten Orgie ihre Gunst einfordern konnten. Es machte ihr nur Sorge, ob sie mit der Zeit zu oberflächlich geworden war. Sie wusch sich die Spuren des Aktes ab, zog sich an und ging zu Clare.

»Das hat aber doch etwas länger gedauert!«

Diana zuckte entschuldigend mit den Schultern und setzte sich auf ihre grüne Samtcouch. Ihre Freundin hatte es sich im Ohrensessel gegenüber bequem gemacht.

»Erzähl schon, was hat der Hexenzirkel herausbekommen?«

»Ich muss dich leider enttäuschen, die Prophezeiung steht.«

Diana sprang auf, ihre grüne Iris wich einem gefährlichen Rot, das das gesamte Auge einnahm, und ihre Fänge fuhren zur Gänze aus, als sie vor Zorn fauchte.

»War’s das jetzt, Di? Oder fährst du auch noch die Krallen aus, um an den Tapeten zu kratzen?«

»Wie wagst du es, mit mir zu sprechen! Vergiss nicht, wen du vor dir hast.«

»Werde ich nicht. Ich habe die Frau vor mir, die mit mir als Kind auf dem Friedhof in den Gräbern gebuddelt hat und unbedingt wissen wollte, wie das Blut eines Regenwurms schmeckt. Was hattest du davon? Sand zwischen den Zähnen!«

Diana prustete los. »Weißt du eigentlich, wie unmöglich du bist?« Sie setzte sich im Schneidersitz wieder auf ihre Couch. »Clare, was soll ich denn nur tun? Ich bin eine Nachkommin von Lillith. Ich muss nur noch wenige Jahre hier auf dem Thron sitzen, bis mich der nächste meiner überlebenden Geschwister ablöst. Ich wäre dann endlich frei und könnte machen, was ich will.«

»Di, bitte nimm mir das jetzt nicht krumm, aber machst du nicht schon alles, was du willst? Ich glaube, ich habe dich auch noch nicht ›über‹, sondern nur ›bei‹ den Orgien zu Ehren des Mondes stöhnen hören.«

Diana lächelte schelmisch und nickte leicht. »Ja, die Gruppentreffen sind schon nicht schlecht.«

»Gruppentreffen?«

»Ja, ich hab mir das von den Menschen abgeschaut. Wir sind die Monsterbanger

Clare rollte ihre hübschen Hexenäugchen und rümpfte die mit Sommersprossen überzogene Nase. »Diana, es ist echt wichtig.«

»Ich werde mich nicht beugen. Ich werde mich nie in einen Menschen verlieben. Von mir aus suche ich irgendein ekeliges Individuum von Menschenmann, der es verdient hat, und werde diesen wo auch immer abschlachten. Aber ich werde mich ganz sicher nicht herablassen und mich mit meinem Futter paaren. Ich glaube, bei den Menschen gibt es sogar die Benimmregel ›Spiel nicht mit deinem Essen‹.«

»Du übertreibst maßlos. Die Karten haben dein Schicksal bestätigt. Du wirst einem Menschen begegnen, du wirst dich verlieben und du wirst ihn töten.«

Diana lief auf das große Fenster zu und schaute auf die helle Scheibe, die langsam hinter einem Berg verschwand. Dann schloss sie die Augen. Sie kämpfte diesen innerlichen Kampf schon lange. Warum sollte sie sich ihrem Schicksal ergeben? Warum sollte dafür ein Mensch sterben? Schließlich drehte sie sich wieder zu der mächtigen Hexe, die jetzt still am anderen Ende des Zimmers stand.

»So sei es dann.«

Kapitel 2

Ihr getreuer Diener hatte die Anweisungen befolgt und sämtliche Gäste nach Hause geschickt. Diana lief durch den Thronsaal und war dankbar dafür, dass wieder alles an seinem Platz stand und der Boden gereinigt war. Für das Waschen der Decken und Kissen hatte Georg genug Zeit, wobei sie vermutete, dass er mittlerweile selbst die Dienste einer chemischen Reinigung in Anspruch nahm.

»Herrin?«

Sie drehte sich zu dem Fragenden.

»Herrin, werdet Ihr heute noch zum Essen ausgehen? Wenn ja, benötigt Ihr dafür meine Dienste?«

»Nein, Georg, es ist schon spät, du kannst dich zurückziehen. Ich werde ausgehen und mich um meinen Appetit kümmern.«

Er ließ sie allein zurück und sie ließ ihren Körper verschwinden und in der Garage neben ihrer schwarzen Viper wieder auftauchen. Sie könnte sich heute einen Jüngling in einer Diskothek anlachen. Dann schaute sie zur Seite, sah ihre Kawasaki einsam in der Ecke stehen und ihr Entschluss war gefasst. Sie zog sich bis auf die Unterwäsche aus und schlüpfte in den schwarzen Lederkombi. Der mattschwarze Helm war schnell über ihr kurzes Haar gezogen und sie genoss das Gefühl, als sie sich auf ihre Sportmaschine setzte. Ja heute könnte es auch etwas gefährlicher werden. Adrenalin im Blut war für sie wie ein Energydrink. Mal sehen, welches leckere Menschlein sich ein Rennen mit ihr bot, um danach mit ihr auf einen Drink in die Gasse zu gehen.

Sie fuhr los in Richtung Stadt, genau wissend, wo sich die jungen Männer mit ihren aufgemotzten Maschinen für illegale Rennen trafen. Galant nahm sie die Serpentinen, legte sich mit ihrem Körper geschmeidig in die Kurven und erhöhte die Geschwindigkeit auf den Geraden. Den Luftwiderstand empfand sie wie eine Umarmung und hätte am liebsten die Augen geschlossen.

An ihrem Ziel angekommen, sah sie bereits die Menschengruppe an diversen Autos und Motorrädern stehen. Halb nackte Frauen und muskulöse, teils tätowierte Männer mit übergroßen Hosen, in denen sie einen Rennassistenten hätten verstecken können.

Diana ließ ihre Maschine langsam auf sie zurollen und öffnete das Visier ihres Helms. »Wer von den Herren hätte Lust, gegen ein harmloses Mädchen von auswärts ein Rennen zu wagen?«

Ein junger Latino mit Goldzahn kam auf sie zu. »Ey, Chica, was wär es dir denn wert?«

»Einen Drink.«

»En serio, da muss mehr rausspringen.«

»Mein Motorrad, wenn ich verliere. Eine Einladung auf einen Drink, wenn ich gewinne.«

»Chica, ich hoffe für dich, dass deine Fahrkünste besser sind als deine Verhandlungskünste.«

Der junge Mann lief kopfschüttelnd zu einem orangefarbenen Ford Mustang 18 GT Fastback.

Diana schaute ihm interessiert nach, denn dieses Auto war ein Traum und es würde schwierig werden, es zu schlagen. Aber da nicht das Auto fuhr, sondern der Fahrer, ergaben sich doch noch Chancen auf ein Häppchen. Der Latino gestikulierte in ihre Richtung und schien dem Kerl hinter dem Lenkrad den Deal zu erklären. Kurz darauf rief er zu ihr hinüber.

»Chica, der Einsatz steht. Carlos wird gegen dich antreten. Ihr fahrt bis zur Brücke. Wer als Erstes unter der Laterne steht, hat gewonnen. Alonso, fahr ihnen mit Pepe nach, damit einer von euch ihre Maschine zu uns zurückfahren kann.« Er drehte sich zu Diana und zuckte mit den Schultern. »Nix für ungut, ich plane immer alles durch.«

Ich auch, dachte Diana bei sich.

Wenig später standen die Fahrzeuge nebeneinander an einer Behelfsstartlinie. Eine hübsche junge Latina schwang ein rotes Tuch und zählte von drei herunter. Als das Tuch zu Boden fiel, gaben sie Gas und waren in Sekundenschnelle in einer Rauch- und Staubwolke verschwunden.

Dieser Carlos war gar nicht so schlecht. Er holte auf und sie fuhren kurz auf gleicher Höhe – aber nur, weil Diana ihn mental unter Kontrolle bringen wollte. Statt geradeaus zur Brücke zu fahren, bogen sie in eine schlecht beleuchtete Gasse ab.

Diana stieg von ihrer Maschine, zog den Helm ab und ging zur Fahrertür des Mustangs. »Süßer, möchtest du nicht deinen engen Gurt lösen und zu mir herauskommen?«

»Si.« Der leckere Jüngling mit seiner honigfarbenen Haut stieg aus.

Sie packte ihn sacht am Kragen seines Hemdes und zog ihn vorsichtig mit sich in die Schatten. »Habe ich gewonnen?«, fragte sie ihn leise.

»Si.«

»Bekomm ich jetzt meinen Drink?«

»Si.«

Sie beugte sich etwas weiter vor, genoss die Macht, die sie über ihn hatte, und diese männliche Note, die er in die Luft abgab. Sie lockerte ihren mentalen Griff etwas, denn unter Gewalteinfluss wollte sie sich nicht nehmen, was er ihr zu bieten hatte. Er blinzelte kurz etwas überrascht und schaute Diana fragend an.

»Ich habe gewonnen und hole mir jetzt meinen Preis ab. Vielleicht hättest du ja Lust, vorher noch etwas mit mir zu spielen?« Sie öffnete ihren Lederkombi und zog ihren Büstenhalter unter ihre vollen Brüste.

Carlos brauchte keine weitere Einladung. Er umfasste die Brüste und saugte an ihren steifen Brustwarzen.

Diana ließ es für einen Moment zu, bis sie ihm ihre Hand in die weite Hose schob. Ihre Finger umschlossen sein hartes Glied und streichelten an diesem auf und ab. Sein Kopf war noch immer etwas gesenkt, seine rasierten Haare gaben ihr den Blick auf seine Halsschlagader frei.

»Carlos, darf ich dich küssen?«

Er hob seinen Kopf und schaute sie aus vor Lust verschleierten Augen an. »Si.«

Diana küsste ihn zärtlich auf seine vollen Lippen, sein Kinn, seine Wange, sein Ohrläppchen und dann auf seine pochende Ader. Sie beherrschte es, ihre Fänge gekonnt in diesen pulsierenden dünnen Strang dicht unter der Haut zu schlagen, ohne dass ihr »Essen« es merkte. Carlos ergab sich voll und ganz ihren flinken Fingern, die Jahrhunderte Zeit gehabt hatten, um dieses »Handwerk« zu lernen. Sie massierte seinen Schaft und labte sich an seinem Blut. Bevor sie ihre Fänge aus seinem Hals zog, verstärkte sie ihren Griff und der Latino spritzte seinen Samen über ihre Finger – in dem Moment, als sie die Bisswunden mit ihrem Speichel verschloss.

Sie drang erneut in seinen Verstand ein. »Carlos, sorry, Süßer, aber du wirst das hier und mich wohl vergessen müssen. Ich weiß, die Erfahrung mit mir war phänomenal, aber weißt du, wenn sich jedes Abendessen an mich erinnern würde, dann hätte ich bald einen gigantischen Fanclub und ich habe nicht die Zeit, allen gerecht zu werden.«

Im nächsten Moment brach Carlos schlafend in sich zusammen. Diana setzte sich auf ihre Maschine und fuhr langsam aus der Gasse. Plötzlich tauchte ein groß gewachsener, schlanker Mann vor ihr auf und sie musste abrupt bremsen. Der Mann sprang zur Seite, als er das Quietschen ihrer Bremsen vernahm. Sie hob einen Arm, um ihm zu signalisieren, dass er doch besser aufpassen solle. Er drehte sich zu ihr und ihr untotes Herz fing an zu holpern.

Er war einfach nur heiß. Seine blauen Augen schauten sie direkt an und versuchten, etwas durch ihr schwarzes Visier zu erkennen. Die geschwungenen Augenbrauen hoben sich und seine Lippen formten Worte. »Küss mich, jetzt, hier, sofort«, lasen ihre Augen, aber ihre Ohren hörten die wahren Worte. »Pass besser auf, du Idiot.«

Er lief weiter und sie begutachtete seine langen Beine und seinen äußerst wohlgeformten Hintern in dieser verruchten Jeans. Weiter ging es mit seinem breiten Rücken, hinauf zu den blonden kurzen Haaren. Diana seufzte. Stopp! Was geht hier vor? Sie gab Gas und fuhr zutiefst verunsichert nach Hause.

Kapitel 3

Diana lief unruhig im Thronsaal auf und ab. Die Wandteppiche mit ihren gestickten Erzählungen engten sie mehr und mehr ein. Die Last der Vergangenheit lag in ihnen und auf ihr. Sie ging ins Nebenzimmer und nahm auf dem großen Sessel Platz. Dann griff sie nach ihrem Handy und rief ihre Freundin Clare an.

»Hallo Di, wie kann ich dir behilflich sein?«

»Woher willst du wissen, dass ich Hilfe benötige?«

»Süße, du hast uns selbst damit beauftragt, dein Schicksal im Auge zu behalten. Und heute scheint irgendetwas passiert zu sein, da mein Rabe von seiner Wurzel fiel.«

»Der ausgestopfte?«

»Mensch, Diana, jetzt mal im Ernst. Wenn du um diese Uhrzeit anrufst und keine Diskothek im Hintergrund zu hören ist, dann ist da wohl etwas Ernsteres im Gange.«

»Ich hab deine Ironie schon kapiert«, grummelte Diana in den Hörer. »Ich hatte vorhin ein seltsames Erlebnis: Ich habe einen Mann gesehen, der mich absolut aus dem Konzept gebracht hat.«

»Ich glaube, so was passiert dir relativ oft. Bis du mit ihm geschlafen hast.«

»Ja, schon. Aber es war keiner unserer Männer, es war ein Mensch!«

Es dauerte eine Weile, bis Clare wieder sprach. »Di, du entspannst dich jetzt einfach mal wieder. Ich muss hier im Hexencoven noch helfen, da sich Halloween nähert und wir noch einiges vorbereiten müssen.« Die Hexe unterdrückte ein erwartungsvolles Kichern. »Aber wenn ich hier weg kann, dann komme ich im Laufe des Tages bei dir vorbei. Beiß mich nur nicht, falls ich dich zu früh wecke.«

»Den letzten Satz hättest du dir sparen können. Das ist nur ein einziges Mal passiert. Und so sehr habe ich dich nicht erwischt.«

»Ja, dank der Tinktur der Ältesten ist die Haut an meinem Unterarm auch sehr gut nachgewachsen. Mich würde heute noch interessieren, was du da geträumt hast. Aber jetzt Bye, bis später.«

»Bye.« Diana blickte hinaus in das Dunkel der Nacht. Sie wusste noch ganz genau, was sie damals geträumt hatte, als dieses Missgeschick passierte. Und wieder holte sie diese Erinnerung ein.

Sie war gerade knapp über ein Jahrhundert alt, vergleichbar mit dem menschlichen Teenageralter. Ihr Körper erblühte und ihr Geist rebellierte. Ihre Mutter war zu beschäftigt, ihren Mythos aufzubauen, sodass ihre verbliebenen Kinder ab der Reifung von »Erwählten« erzogen wurden. Da Diana nicht gerade wenige Geschwister hatte, gab es reichlich »Erwählte«. Sie fragte sich heute noch, welche Kriterien diese erfüllen mussten. Denn ihr »Erwählter« war ein sadistisches Arschloch von Vampir. Varro der Gerechte.

Sie war damals häufiger in Seilen an die Wand gebunden gewesen, als sie sich frei in seiner Burg bewegt hatte. Er machte sich ein Spiel daraus, seine Leibeigenen vor ihren Augen zu vögeln und zu quälen. Er nannte es Erziehungsmaßnahmen für beide Seiten. Seine Untertanen wüssten so, wie sie zu funktionieren hätten, und Diana solle lernen, wie sie sich zukünftig ihren Untergebenen gegenüber zu verhalten habe. Aber das Einzige, was sie daraus lernte, war der Hass auf diesen Mann. Als nach Jahren der Abend kam, an dem sie zu seiner Lagerstatt gebracht wurde und einer seiner Leibeigenen ihr einen Strick um den Hals legen wollte, um sie am Bett zu fixieren, erwachte in ihr zum ersten Mal die »Wut«. Ihre Augen färbten sich rot und ihr Denken wurde von Hass überdeckt. Der Untergebene hatte keine Chance. Diana biss tödlich zu und konnte fliehen.

Nach vielen Jahren kehrte sie zu ihrem »Erwählten« zurück. Jahre, in denen ihre Persönlichkeit, ihr Willen und ihre Kraft gewachsen waren … und ihre Wut. Der von sich so überzeugte Vampir hatte keine Chance gegen sie. Varro war nur noch eine schlechte Erinnerung.

Diana schloss für einen Moment die Augen und holte sich wieder ins Hier und Jetzt zurück. Sie sah, wie hinter den Hügeln die Morgenröte erwachte, und zog die Vorhänge vor die Fenster. Sie ging in ihr Schlafzimmer und fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie viel zu früh unter Fingerstupsen erwachte. Sie schlug nach diesem Etwas wie nach einer lästigen Fliege, konnte aber nichts fassen. Als sie die Augen öffnete, sah sie niemanden an ihrem Bett, aber von der Zimmertür her hörte sie ein Kichern.

»Ihr Hexen seid gemeine Biester«, lachte Diana.

Clare hob ihren Zeigefinger, stupste ihn durch die Luft nach vorn, sodass Diana erneut einen Fingerstups abbekam, bevor ihre Freundin sich zu ihr ins Bett legte. Die Hexe nahm Dianas Kopf auf ihre Brust und streichelte über das in Strähnen abstehende Haar. »Glaubst du, dass dieser Mensch der aus der Prophezeiung war?«, fragte Clare.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte Diana leise. »Wenn es so wäre, dann ist der arme Kerl gestern seinem Tod begegnet.«

»Ach, Kleines.« Ihre Freundin gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn. Dann hob sich ihre Stimmung. »Wen bringst du denn zur Zeremonie mit? Einen Vampir oder deinen heißen Lykaner?«

»Hm, darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Sollten wir uns nicht zuerst etwas Passendes zum Anziehen holen?«

»Di, der Scherz war gut. Aber wenn du unbedingt möchtest, können wir eine Tour durch die City machen. Vielleicht tut dir die Ablenkung gut.«

Da es bereits dämmerte, machten sie sich auf den Weg. Sie fuhren mit der Viper in die Stadt, hielten etwas abseits und liefen die Einkaufsstraße entlang. Beim Betrachten der Schaufenster verglichen sie kichernd die verschiedensten Modeepochen mit der gegenwärtigen. Und dann zog es Clare in ein Antiquariat. Drinnen war das Licht gedämpft und es lag ein leicht modriger Geruch in der Luft. Es schien, als würde die Hexe von irgendeiner Macht an den Regalen vorbeigezogen.

»Warte. Wo willst du hin?«, zischte Diana der Hexe hinterher.

»Es ruft mich.«

»Wer? Oder Was?«

Beim Versuch, Clare zu folgen, stieß Diana mit einer Mauer zusammen. Diese Mauer entpuppte sich als blauäugiger, blonder Leckerbissen. – Da war er wieder, dieser Mann, der sie schon einmal aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

»Oh, Verzeihung. Ich war zu sehr in meine Karteikarte vertieft. Ich hoffe, Sie haben sich nicht verletzt.«

Auf Dianas Körper bildete sich eine Gänsehaut, so sehr ging ihr seine tiefe Stimme unter die Haut.

»Miss? Ist alles in Ordnung?«

»Oh«, fing sie sich wieder. »Ja, alles okay. So schnell gehe ich nicht kaputt.«

Er schaute sie etwas skeptisch an, aber im nächsten Augenblick bildete sich ein Lächeln auf seinen perfekten Lippen. »Soll ich Ihnen auf den Schreck einen Kaffee besorgen?«

Er könnte ihr so einiges besorgen. »Ähem, nein danke, ich bin lediglich hier, um meiner Freundin hinterherzurennen. Leider habe ich sie jetzt verloren.«

Der gut aussehende Mann drehte seinen Kopf zur Seite und schaute die Regale entlang. »Also wenn sie in diese Richtung verschwunden ist, dann kann sie nicht weit gekommen sein. Dort hinten ist unsere ›Giftecke‹.«

»Was bedeutet?«

»Dort bewahren wir die Bücher über Zauberkunde, Dämonologie und Mythen auf.«

»Können Sie mir eines dieser Bücher empfehlen?«

Er begutachtete sie von Kopf bis Fuß. »Also wenn ich Klischees bedienen müsste, würde ich Ihnen das Buch ›Vampire und andere Wiedergänger‹ empfehlen. Schwarze Kleidung, helle Haut und bildhübsch. Klischee bedient.«

»Sie finden mich bildhübsch?« Sie lächelte leicht.

»Oh, äh, rein sachlich gesehen.«

Sie trat auf ihn zu und stellte sich vor ihn. Er überragte sie nur knapp und ihre Augen verfolgten für einen Moment das schnelle Flattern seiner Halsschlagader. Dann schaute sie auf und ihre Blicke trafen sich. »Ich bin mir gerade nicht sicher, ob Sie mir ein Kompliment gemacht oder mich beleidigt haben.«

Im nächsten Augenblick veränderte sich sein Geruch um eine dezente Nuance. Sie schloss die Augen und sog den Duft in sich ein. Testosteron.

Er beugte sich so weit hinunter, dass seine Lippen auf einer Höhe mit ihrem Ohr waren. »Dann korrigiere ich meine Aussage. Schwarze Kleidung, helle Haut entsprechen dem Klischee. Bildhübsch entspricht den Tatsachen …«

»Diana, schnell, komm her!«, rief es von einem der hinteren Regale.

Die beiden brachten wieder Abstand zwischen sich.

»Ich komme.« Diana lief zu ihrer Freundin, die ein dickes, in Leder gebundenes Buch in Händen hielt.

»Das muss ich haben. Es heißt ›Zauber der Nacht‹. Es ist echt, Di, es ist bestimmt eines der verschollenen Bücher.«

Diana erinnerte sich daran, wie ihre Freundin diese Bücher einmal erwähnt hatte. Magische Bücher, die aus Versehen in Menschenhände geraten waren. Meist passierte das, wenn eine Hexe verstarb und ihr Coven nicht schnell genug vor Ort war.

Sie gingen zur Kasse und ihr Anrempler zog das Buch ab.

»Ich bekomme 750 Dollar von Ihnen. Es ist ein sehr interessantes Buch, ich habe es aus dem Nachlass einer älteren Dame. Sie soll wohl unter sehr merkwürdigen Umständen zu Tode gekommen sein. Aber das tut hier ja nichts zur Sache. Leider scheiterte ich beim Versuch, es zu lesen. Vielleicht haben Sie mehr Erfolg.« Er bückte sich hinter der Theke. »Hier haben Sie noch eine Tasche und meine Visitenkarte, falls ich Ihnen nochmals behilflich sein kann.«

Die Frauen verabschiedeten sich. Clare steckte das Buch in die Tragetasche, Diana die Visitenkarte in ihre Hosentasche.

Draußen wandte sich Clare an Diana. »Er weiß gar nicht, welch ein Glück er hatte, dass er es nicht lesen konnte. Stell dir nur vor, wenn er als Sterblicher laut daraus vorgelesen hätte. Ich will mir gar nicht vorstellen, was mit ihm passiert wäre.«

»Könnte es schlimmer sein als sein Tod?«

»Denke nicht.«