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Franz Sales Sklenitzka

DRACHEN

haben nichts zu lachen

Mit einer Drachen-
und Ritterkunde
in Bildern

Illustrationen
Franz Sales Sklenitzka

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Drachen haben nichts zu lachen

von Franz Sales Sklenitzka

Von Sales Sklenitzka ebenfalls im G&G Verlag als E-Book erschienen:

„Drachen kann man nicht bewachen“, ISBN 978-3-7074-1714-2

1. digitale Auflage, 2014

www.ggverlag.at

ISBN E-Book 978-3-7074-1713-5

ISBN Print 978-3-7074-0170-7

In der aktuell gültigen Rechtschreibung.

Coverillustration: Franz Sales Sklenitzka

©2003 G&G Verlagsgesellschaft mbH, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

Für Tim
Ivo
Jan
Sigrid und
Ulli

Es war an einem Märztag des Jahres 1271.

Ping! Ping! Peng! Ping! Durch den dichten Wald klang leises Klirren und Klimpern. Dann hörte man Prusten und Schnaufen und schließlich keuchte ein Ritter im silbernen Trainingsanzug um eine Kurve des Waldweges. Im Laufschritt trabte er durch das raschelnde Laub. Schon von weitem erkannte man eine große, kräftige Gestalt mit einem gewaltigen Schnauzbart, der die Regentropfen von den Zweigen der Bäume wischte, die rechts und links des schmalen Weges wuchsen. Dieser Ritter war niemand anderer als Sigmund Silberzahn-Floretto. Die Ritter legten damals Wert auf lange Namen. Sie hießen zumindest Kalksburg, Nordstern und Nebelwald oder hatten Doppelnamen wie Eichhorn-Bacardi und Parasol-Brandenburg. Manche von ihnen hatten sogar Dreifachnamen, etwa Kern-Leone-Dingelstett. Je länger der Name, desto mehr zählte der Ritter!

Sigmund Silberzahn-Floretto unternahm tagtäglich einen Waldlauf zwischen Frühstück und Gabelfrühstück. Er lenkte seine Schritte in eine ganz bestimmte Richtung zu einer ganz bestimmten Stelle des Laubwaldes, der übrigens nicht ihm gehörte, sondern seinem Nachbarn, dem Ritter Ottokar von Zipp. In diesem Wald hatte Silberzahn eine Fallgrube gegraben. Nun wollte er nachsehen, ob sich schon was gefangen hatte: ein Wildschwein, ein Bär oder vielleicht gar ein Drache.

Was von weitem wie ein silberner Trainingsanzug ausgesehen hatte und bei jedem Schritt klirrte, war Silberzahns Kettenpanzer, der aus Kettenhemd und Kettenhose bestand. Beides legte er höchstens einmal zum Schlafen ab. Man konnte ja nie wissen, ob nicht hinter dem nächsten Busch oder auf dem nächsten Baum ein anderer Ritter saß, mit dem man verfeindet war und der nur darauf wartete, einen niederzuschlagen, einzusperren und Lösegeld zu kassieren.

Zu dieser Zeit waren die Ritter schon weit schlechter als ihr Ruf. Sigmund Silberzahn-Floretto war da beileibe keine Ausnahme! Sie kauften sich stets die neuesten Rüstungen und Waffen, füllten ihre Bäuche mit dem besten Essen und dem teuersten Wein, gingen zwischendurch oft und gern auf die Jagd und reisten von Turnier zu Turnier, um ihre Körperkräfte zu messen, wobei sie sich gegenseitig ihre Rüstungen verbogen und verbeulten, um sich bald darauf wieder neue zu kaufen. Dieses Leben verschlang natürlich eine Menge Geld. Das aber kümmerte die Ritter wenig. Sie bezahlten ja nicht aus ihrer eigenen Tasche. Bezahlen mussten die Bauern mit ihren Steuern. So viel Steuern kassierten die Herren Ritter, dass den Bauern selbst kaum das Allernotwendigste zum Leben blieb. Neben der Getreidesteuer, der Rübensteuer und der Kleesteuer gab es noch eine Kuhsteuer und eine Pferdesteuer. Als auch das den Rittern noch zu wenig Geld einbrachte, erfanden sie die Schweinesteuer, die Schaf- und die Ziegensteuer. Die Bauern schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, aber was nützte das schon! Den Rittern reichte das Geld noch immer nicht. So führten sie ganz einfach eine neue Steuer ein: die Geflügelsteuer. Die Bauern rauften sich die Haare. Für jeden Hahn, jede Henne, jedes Küken, für jede Ente und jede Gans, ja sogar für jeden Wellensittich mussten sie bezahlen.

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A Zackenkamm eines Kammdrachen

Steuern zahlen war so ziemlich das Einzige, was die Bauern durften. Wenn sie Brennholz brauchten und einen Baum fällen wollten, mussten sie erst um Erlaubnis fragen, und war der Ritter schlecht gelaunt, sagte er nein. Wenn sie heiraten wollten, mussten sie erst um Erlaubnis fragen. War der Ritter schlecht gelaunt, sagte er nein. Wenn die Bauern aber jagen wollten, brauchten sie erst gar nicht um Erlaubnis zu fragen. Jagen durften sie nie und nimmer, nicht einmal die kleinste Wühlmaus, während die Ritter alles abschossen, was ihnen nur vor den Bogen, die Armbrust oder den Speer kam, ob es jetzt Dachse waren oder Füchse, Krähen oder Eichhörnchen, Fledermäuse oder Wildschweine, Laubfrösche oder Hirsche: Sie jagten einfach alles (höchstens Ameisen waren vor ihnen sicher). Am liebsten aber zogen die Ritter auf Drachenjagd aus.

Drachen waren wertvoller als alle anderen Tiere. Von Drachen konnte man alles verwenden, angefangen von den Nasenlöchern bis zu den Schwanzspitzen. Aus den Ohrmuscheln der Drachen wurden Einkaufstüten genäht, Drachenklauen und Drachenzähne waren ein beliebter Schmuck und baumelten an Halskettchen um Ritterhälse und aus der Drachenhaut entstanden Regenschirme, Handtaschen, Sommerschuhe und Kaugummi für die Ritterfräulein. Aus den Nasenlöchern der Drachen wurden Pfeifenständer, und wenn die Drachenschwanzspitzen nicht zur berühmten Drachenschwanzsuppe verkocht wurden, bog man sie als Kleiderbügel zurecht. Drachenfleisch, Drachenleber und Drachenherz waren ausgesuchte Leckerbissen. Selbst vom Herzog, dem obersten Landesherrn, sagte man, dass er an seinen Geburts-, Namens- und Hochzeitstagen gegrillte Drachenzungen aß und sich hin und wieder Drachenpastete in die Frühstückssemmel strich. An den Marktständen konnte man Fläschchen mit Drachenspeichel gegen Rheumatismus, Ischias und Hexenschuss kaufen. Viele Ritter massierten sich Drachenblut, das ein ausgezeichnetes Haarwuchsmittel war, in die Schnauzbärte, denn je dichter der Bart und je länger der Name, desto mehr zählte der Ritter!

Unter den Drachen hatte es sich längst herumgesprochen, dass man im großen Laubwald des Ritters Ottokar von Zipp noch einigermaßen sicher war. In diesem Wald konnte man noch die zarten Erddrachen finden, die flinken Zaundrachen und die scheuen Kammdrachen, ab und zu auch stachelige Bürstendrachen oder glänzende Smaragddrachen. Wenn man besonderes Glück hatte, kreuzte ein bunt schimmernder Karfunkeldrache den Weg und sah einem mit klugen Knopfaugen treuherzig ins Gesicht.

Aber was die Drachen wussten, wusste auch Sigmund Silberzahn-Floretto. Er wusste genau, warum er im Wald seines Nachbarn Fallgruben aushob und nicht in seinen eigenen Wäldern. Dort gab es nicht einen Drachen mehr! Sie waren alle in den großen Laubwald des Ritters Ottokar von Zipp übergesiedelt.

Dieser Mann mit dem kurzen Namen Zipp war ein sehr seltsamer Ritter. Sein blonder Schnurrbart war so dünn wie der eines Dorfschullehrers und seine Gesichtsfarbe so blass, wie sein Name kurz war. Zipp war nicht besonders groß und nicht besonders stark. Beim Gehen ließ er die Schultern nach vorne hängen wie einer, der viel sitzt. Er besaß zwar eine kleine – ziemlich baufällige – Burg, seltsamerweise aber gar kein Pferd. „Wozu ein Pferd?“, sagte er. „Ich gehe ohnehin nie auf die Jagd!“ Auch bei einem Turnier war er noch nie gesehen worden. Ritter Zipp saß am liebsten in seinem Rittersaal bei seinen Büchern. Er war einer der wenigen Ritter, die lesen und schreiben konnten! Besonders gern las er Naturgeschichtsbücher und am liebsten Bücher über Drachen. Vom Lesen beim schwachen Kerzenlicht war er etwas kurzsichtig geworden und hätte Brillen benötigt. Damals hatte aber noch niemand die Brille erfunden. Außerdem war er Linkshänder, was damals eine Seltenheit war.

Am sonderbarsten war jedoch, dass sich Ritter Zipp nicht um die Steuern seiner Bauern kümmerte. „Mir genügt, was sie freiwillig geben!“, sagte er. Seine Bauern waren darüber natürlich sehr glücklich und brachten genug Brennholz, Fleisch, Milch, Butter, Brot, Wolle und Leder. Davon konnte Zipp ganz gut leben.

Inzwischen war Ritter Silberzahn-Floretto bei der Fallgrube angelangt, aus der ein jämmerliches Klagen tönte. „Das nenne ich Jagdglück!“, rief Silberzahn freudig und riss dabei seinen Mund weit auf. Das hatte er sich so angewöhnt, damit jedermann seine silbernen Backenzähne sehen konnte, auf die er mindestens so stolz war wie auf seinen buschigen Schnauzbart und seinen Doppelnamen. Jetzt konnte seine silbernen Backenzähne aber nur ein junger Kammdrache sehen, der in die Fallgrube gestürzt war. Vor Angst standen ihm alle Zacken zu Berge. Entsetzt drückte sich das Tier in eine Ecke. Es war ein schöner Drache, hellbraun, mit dunkelbraunen Punkten.

Der Ritter packte einen jungen Baum und riss ihn kurzerhand samt den Wurzeln aus, um den Drachen damit zu erschlagen. Er holte aus und hielt plötzlich ein. „Augenblick, alter Junge“, sprach er zu sich selbst, „warum so voreilig? Zuerst muss ich meine Knechte holen, damit sie dieses Vieh heimbringen. Das braucht bestimmt eine Stunde. Bis dahin versickert alles Blut im Boden, wenn ich den Kerl jetzt erschlage. Ich brauche aber jedes Tröpfchen Drachenblut!“

Das Blut brauchte Silberzahn, um damit seinen Bart einzureiben. Silberzahns Bart sollte noch länger, noch dichter und noch buschiger werden. Er warf den Baum weg, machte kehrt und rannte prustend den Weg zurück, den er gekommen war. Bei jedem Schritt klimperten und klirrten die Ringe seines silbernen Kettenpanzers. Ping! Peng! Ping! Ping!

Zurück blieb der junge Drache in der Fallgrube. Sein Jammern klang wie das Weinen eines verlassenen Babys.

Zur selben Stunde desselben Märztages im selben Jahr 1271 verließ der Ritter Ottokar von Zipp seine kleine Einfamilienburg. Der pferdelose, dünnbärtige, kurzsichtige, linkshändige Ritter mit dem kurzen Namen Zipp hatte um die rechte Schulter einen Sack geworfen, voll mit Heu, Kartoffeln und Kastanien. Den wollte er in den Laubwald hinaustragen, wo er Futterkrippen aufgestellt hatte.

„Sicher haben manche Drachen den harten Winter gar nicht überlebt“, dachte Zipp. Damals gab es nämlich noch strenge Winter! „Und die anderen sind nach dem Winterschlaf bestimmt müde, schwach und hungrig.“