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Inhaltsverzeichnis
 
Titel
Impressum
Abkürzungsverzeichnis
»Berufsausbildung 2015« - ein partizipativer Ansatz
 
Teil A: Die Ergebnisse
Leitbild »Berufsausbildung 2015«
1 Warum ein Leitbild?
2 Kompetenzorientierung in der Berufsausbildung konsequent umsetzen
3 Übergänge in die Berufsausbildung durchlässig gestalten
4 Reformen mit neuer Tatkraft strategisch gestalten
Zur Begründung des Leitbilds »Berufsausbildung 2015«
1 Präambel
2 Übergreifende Ziele der Berufsausbildung
3 Gestaltungsfelder
4 Schritte zur Umsetzung
 
Teil B: Die Workshops
Paper Workshop I: »Leitbild einer Berufsausbildung 2015«
1 Ausgangsfragen
2 Befunde: Ergebnisse aus der Befragung von Berufsausbildungsexperten
3 Blick zurück nach vorne? - Bestehende Zielausrichtungen in der Berufsausbildung
4 Der unscharfe Konsens: Beruflichkeit als Leitprinzip der deutschen Berufsausbildung
5 Begründungen für die Notwendigkeit einer Leitbilddiskussion in der Berufsausbildung
6 Abschluss
Paper Workshop II: »Durchlässigkeit im (Berufs-)Bildungssystem«
1 Herausforderung: Ein durchlässiges (Berufs-)Bildungssystem
2 Ausgewählte Ergebnisse aus der Befragung von Berufsausbildungsexperten
3 Bildungspolitische Ausgangspunkte
4 Durchlässigkeit am unteren Rand: »Übergangssystem«
5 Durchlässigkeit zur akademischen Bildung
6 Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in der Berufsausbildung
7 Übergreifende Ansätze zur Verbesserung der Durchlässigkeit
Paper Workshop III: »Qualitätsentwicklung in der Berufsausbildung«
1 Ausgangspunkte
2 Ergebnisse aus der Befragung von Berufsausbildungsexperten
3 Leitprinzipien der Qualitätsentwicklung
4 Gegenstände der Qualitätsdiskussion
5 Abschluss
Paper Workshop IV: »Berufliche Kompetenzen in der globalen Wirtschaft«
1 Herausforderungen der Globalisierung an die Berufsausbildung
2 Ergebnisse aus der Befragung von Berufsausbildungsexperten
3 Bildungspolitische Aspekte
4 Internationalisierung der Qualifikationsanforderungen
5 Kompetenzorientierung der Berufsausbildung als Bedingung ihrer Internationalisierung
6 Resümee
 
Teil C: Die Umfrage »Berufsausbildung 2015«
1 Zusammenfassung
2 Ziele der Untersuchung
3 Methodische Grundlagen
4 Zentrale Ergebnisse
5 Zusammenfassung der Ergebnisse
 
Literatur
Endnoten
Anhang: Der Fragebogen
Danksagung

001

Abkürzungsverzeichnis
AEAusbildungseinheit
AEVOAusbilder-Eignungsverordnung
AkAAufgabenstelle für kaufmännische Abschluss- und Zwischenprüfungen
BABundesagentur für Arbeit
BBiGBerufsbildungsgesetz
BerBiRefGBerufsausbildungsreformgesetz
BGBlBundesgesetzblatt
BIBBBundesinstitut für Berufsbildung
BLKBund-Länder-Kommission
BMBFBundesministerium für Bildung und Forschung
BRPBerufsreifeprüfung
DQRDeutscher Qualifikationsrahmen
ECTSEuropean Credit Transfer System
ECVETEuropäisches Leistungspunktesystem für die Berufs ausbildung (European Credit System for Vocational Education and Training)
EGVVertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft (Kurzform: EG-Vertrag)
EQFEuropäischer Qualifikationsrahmen
ERFAErfahrungsnote
HWKHandwerkskammer
HwOHandwerksordnung
IABInstitut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
IATInstitut für Arbeit und Technik
IHKIndustrie- und Handelskammer
IKAInformation, Kommunikation, Administration
KMKKultusministerkonferenz
KMUKleine und mittlere Unternehmen
LAPLehrabschlussprüfung
LSA-VETVocational Education and Training - Large Scale Assessment
MINT-FächerMathematik, Informatik, Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik) und Technik
NQRNationaler Qualifikationsrahmen
OECDOrganisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development)
OESOperativ eigenständige Schule
PALPrüfungsaufgaben- und Lehrmittelentwicklungsstelle
QmbSQualitätsmanagementsystem für berufliche Schulen in Bayern
SEISSelbstevaluation in Schulen
W&GWirtschaft und Gesellschaft
ZPAZentralstelle für Prüfungsaufgaben

»Berufsausbildung 2015« - ein partizipativer Ansatz
Als die Bertelsmann Stiftung 1999 den international ausgerichteten Carl Bertelsmann-Preis für exzellente gesellschaftliche Innovationen im Bereich »Berufliche Bildung der Zukunft« verlieh, war die Diskussion um die Qualität der Berufsausbildung auch im eigenen Land in vollem Gange. Zahlreiche Experten wiesen bereits damals auf deutliche Mängel im System der deutschen Berufsausbildung hin. Auch an Reformvorschlägen, Studien oder Positionspapieren mangelte es ehemals nicht.
Dass heute, genau zehn Jahre später, die Diskussion um Zustand und Zukunft der beruflichen Bildung in Deutschland immer noch - und nun sogar dringlicher denn je - geführt werden muss, hat seine Gründe. Zwar ist vieles in den letzten Jahren für die berufliche Bildung in Deutschland getan worden: Der »Innovationskreis berufliche Bildung« hat seine Ergebnisse vorgelegt, innovative Ansätze wurden erprobt, und der Ausbildungspakt hat wichtige Erfolge bewirkt. Doch eine nachhaltige Verbesserung des dualen Berufsausbildungssystems oder der allgemeinen Situation auf dem Ausbildungsmarkt konnte trotz des großen Engagements aller Beteiligten bislang leider nicht erreicht werden.
Die Ursachen hierfür sind vielschichtig, doch offenkundig mangelt es dem dualen System trotz vieler Maßnahmen und Initiativen der vergangenen Jahre an der notwendigen strukturellen Wandlungsfähigkeit, um auf die sich stetig verändernden Arbeitsprozesse und Arbeitsmarktanforderungen, auf den sich öffnenden europäischen Arbeits- und Bildungsraum und auch auf die Auswirkungen des demographischen Wandels rasch und angemessen reagieren zu können. Die Diskussionen über mangelnde Ausbildungsreife, über ein diffuses und unkoordiniertes Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung, in das jährlich fast ebenso viele junge Menschen eintreten wie in die betriebliche Berufsausbildung selbst, oder auch über die mangelnde Durchlässigkeit von einer Bildungsstufe zur nächsten sind nur einige der deutlichen Signale dafür, dass die duale Berufsausbildung neue Impulse benötigt. Veränderungen sind nötig - und zwar solche Veränderungen, durch die nicht nur lokale Brände gelöscht bzw. kurzfristig Symptome kuriert werden, sondern die an den Strukturen des Berufsbildungssystems ansetzen und eine mittelfristige Perspektive in den Blick nehmen.
Aus diesem Grund hat die Bertelsmann Stiftung die Initiative »Berufsausbildung 2015« auf den Weg gebracht. Mit diesem auf einen überblickbaren Zeitraum angelegten Vorhaben sollen wirksame Reformimpulse für eine stärkere und nachhaltige Zukunftsorientierung der beruflichen Bildung in Deutschland gesetzt werden. Ganz in der Tradition ihrer bisherigen Arbeit folgt die Bertelsmann Stiftung dabei dem Ansatz, keine abstrakte, wissenschaftstheoretische Debatte zu initiieren, sondern eine sachbezogene Diskussion anzuregen, die in jedem Punkt durch eine ganzheitliche Problemsicht geprägt ist.
Eine besondere Herausforderung bei der Konzeption und Umsetzung von Reformen im beruflichen Bildungsbereich liegt in der stark heterogenen Gruppe der beteiligten Akteure. Sie stammen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Ministerien, Verbänden, Unternehmen, Gewerkschaften, berufsbildenden Schulen und Bildungseinrichtungen, aus der Wissenschaft und aus Behörden. Mit dem Ziel einer möglichst breit getragenen Reformagenda hat die Bertelsmann Stiftung daher ihren grundlegenden Ansatz, Vertreter der unterschiedlichen Lager zusammenzuführen und den entstehenden Austausch und Dialog zu moderieren, im Rahmen der Initiative »Berufsausbildung 2015« zu einem umfassenden partizipativen Gestaltungsprozess weiterentwickelt.
Den Ausgangspunkt dafür bildete eine breit angelegte empirische Untersuchung, mit der führende Vertreter aller beteiligten Institutionen und renommierte Experten nicht nur zur Bedeutsamkeit einzelner Reformthemen in der Berufsausbildung befragt wurden. Als ergänzendes - aber für wirksame Reformen überaus relevantes - Kriterium wurde zusätzlich auch nach der Aufmerksamkeit gefragt, die jedem Thema in der politischen Wahrnehmung nach Auffassung der Experten zukommt.
Insgesamt wurden fast 1.200 Vertreter aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, Unternehmen, Lehrer- und Ausbilderverbänden, Ministerien mit nachgeordneten Behörden, politischen Parteien, Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern, Schulen und Bildungseinrichtungen sowie Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit der Online-Befragung angesprochen. Eine ungewöhnlich hohe Rücklaufquote von über 23 Prozent hat die Akzeptanz des Vorgehens unterstrichen.
Aus den Ergebnissen der Befragung ließen sich vier Themenkomplexe ableiten, auf deren Basis eine weitere Vertiefung erfolgen sollte. Diese waren:
• Leitbild einer Berufsausbildung 2015
• Berufliche Kompetenzen in der globalen Wirtschaft
• Qualitätsentwicklung in der Berufsausbildung
• Durchlässigkeit im (Berufs-)Bildungssystem
Diese vier Themenfelder bildeten die Grundlage für eine Reihe von vier Experten-Workshops, in denen die einzelnen Inhalte zum gemeinsamen Leitbild »Berufsausbildung 2015« ausgearbeitet wurden. Zu jedem dieser Workshops wurden etwa 20 Experten geladen, die in einem ausgewogenen Mischungsverhältnis aus den verschiedenen Lagern und institutionellen Gruppen ausgewählt wurden. Begleitet wurde die Workshop-Reihe durch ein für die beteiligten Akteure offenes Online-Forum, auf dem die jeweiligen Zwischenergebnisse zur Diskussion gestellt wurden.
In diesem innovativen Format eines breit angelegten Beteiligungsprozesses sieht die Bertelsmann Stiftung nicht nur die Möglichkeit, deutlich ziel- und umsetzungsorientierter zu den Kernfragen notwendiger Reformbemühungen vorzustoßen. Die Einbeziehung aller relevanten Akteure vermeidet darüber hinaus auch eine von den Anforderungen aus der Praxis losgelöste theoretische Diskussion sowie regional- bzw. branchenfokussierte Insellösungen, denen der Blick für die übergeordneten systemischen und strukturellen Entwicklungsbedürfnisse fehlt.
Vor diesem Hintergrund stellen das Leitbild »Berufsausbildung 2015« und die daraus abgeleiteten Reformempfehlungen einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung des dualen Berufsbildungssystems in Deutschland dar. Alle auf diesem Weg notwendigen Schritte müssen dabei - sowohl auf individueller als auch institutioneller Ebene - vor allem durch einen Bewusstseinswandel in Richtung einer größeren Flexibilität und Veränderungsbereitschaft geprägt sein. Nur so sind Reformen möglich und nur so wird das duale System auch zukünftig wieder ein Garant für Teilhabegerechtigkeit, qualifizierte Fachkräfte und einen zuverlässigen Weg in Ausbildung und Beruf sein.
Der vorliegende Band dokumentiert die einzelnen Phasen des Prozesses: Im ersten Teil - gewissermaßen in umgekehrter Chronologie - finden sich die Kurz- und die Langfassung des eigentlichen Leitbilds, in welchem die Ergebnisse der einzelnen Prozessschritte kondensiert sind. Bei der Zusammenstellung dieser Ausführungen waren wir darauf bedacht, in möglichst ausgewogener Form die zahllosen Diskussionsbeiträge und Kommentierungen der Online-Phase zu erfassen. Inwieweit dies gelungen ist, mag die Fachwelt entscheiden.
Im zweiten Teil folgen die Ergebnisberichte aus den vier Workshops. Diese Berichte dienen zum einen dem Zweck, den Leser in allgemeiner Form in die jeweilige Thematik einzuführen. Zum anderen enthalten sie zentrale Argumentationsstränge, so wie sie im Rahmen der Workshops diskutiert wurden.
Die Ergebnisse der Umfrage, die zum Auftakt des Prozesses im Winter 2007 durchgeführt wurde, finden sich schließlich im dritten Teil des Bandes. Dieser Teil gibt einen Überblick über die wesentlichen Einzelergebnisse der Befragung und enthält auch den zugrunde liegenden Fragebogen, der an die Teilnehmer versandt wurde.
Der Band schließt mit einer Danksagung an all diejenigen, die uns ihre Expertise während des Prozesses zur Verfügung gestellt haben.
Bereits an dieser Stelle danken wir den Professoren Dr. Dieter Euler vom Institut für Wirtschaftspädagogik (IWP) der Universität St. Gallen und Dr. Eckart Severing vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) in Nürnberg. Beide waren als Experten maßgeblich an der Entwicklung und Durchführung des Vorhabens »Berufsausbildung 2015« beteiligt.
 
Dr. Jens U. Prager
Director
Programm Zukunft der Beschäftigung
Bertelsmann Stiftung
 
Clemens Wieland
Project Manager
Programm Zukunft der Beschäftigung
Bertelsmann Stiftung

Teil A: Die Ergebnisse

Leitbild »Berufsausbildung 2015«

1 Warum ein Leitbild?

Seit einigen Jahren wird in Deutschland eine intensive Diskussion über die Modernisierung der beruflichen Bildung in Deutschland geführt. Dabei besteht eine breite Übereinstimmung darin, dass nachhaltiger Modernisierungsbedarf in der Berufsausbildung besteht. Zugleich werden viele Vorschläge und Initiativen von den beteiligten Akteuren aus Wissenschaft und Berufsausbildungspraxis kontrovers diskutiert. Im Gesamtbild zeigt sich allerdings die Gefahr einer Berufsausbildungspolitik aus dem Stegreif und einer Patchwork-Gestaltung, bei der das Handeln durch kurzfristige Problemwahrnehmungen, die Partikularinteressen einzelner Anspruchsgruppen oder Formen der symbolischen Politik bestimmt wird und bei der zwar viel Bewegung, jedoch keine kohärente Zielausrichtung und Langfristperspektive erkennbar ist. Hier setzt das vorgelegte Leitbild an.
Das Leitbild soll dazu beitragen, die vielfältigen Stränge konzentriert und transparent auf die erstrebenswerten Ziele und Fundamente einer Berufsausbildung auszurichten. Es soll den Schwerpunkt der Kontroversen von der Maßnahmen- auf die Zielebene verlagern. Es bietet Visionen und Missionen für eine mittelfristige Reformperspektive, die den aktuellen Agenden neue Ankerpunkte verleihen.
Ein Leitbild erfindet die Berufsausbildung nicht gänzlich neu, sondern erfasst auch bekannte Fragen. Das Spezifische des Leitbilds besteht jedoch darin, dass es aktuelle und neue Themen aus der Zielperspektive aufnimmt.
Als Ausgangspunkt werden drei Zieldimensionen gewählt, über die zwischen den bildungspolitisch Verantwortlichen Konsens besteht. Das Leitbild »Berufsausbildung 2015« geht von einem Bildungsverständnis aus, dessen Ziele sich in den drei Dimensionen individuelle Regulationsfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit sowie Humanressourcen niederschlagen. Auf einer konkreteren Ebene geht es um die Entwicklung von »beruflicher Handlungskompetenz«.
An der Berufsausbildung in Deutschland ist vieles bewährt und anderes optimierbar. Um die oben genannten Ziele konsequent erreichen zu können, müssen aber insbesondere zwei Bereiche bis 2015 mit großer Entschiedenheit angegangen werden: Kompetenzorientierung in der Berufsausbildung muss den Übergang von der bloßen Maxime zur allseitigen Praxis machen, und die Zugänge zur Berufsausbildung müssen geebnet werden. Diese Punkte stehen daher im Zentrum des Leitbilds »Berufsausbildung 2015«.

2 Kompetenzorientierung in der Berufsausbildung konsequent umsetzen

Die deutsche Berufsausbildung beansprucht, über die Entwicklung von beruflichen Handlungskompetenzen individuelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ziele miteinander zu verbinden. Eine umfassende und konsequente Kompetenzorientierung ist erreicht, wenn die Berufsausbildung
• sich auf die typischen Anforderungen in einem breit definierten Berufsfeld ausrichtet;
• ganzheitlich nicht nur die notwendigen Sach-, sondern auch Sozial- und Selbstkompetenzen vermittelt;
• neben Wissen und Fertigkeiten auch die für qualifiziertes Handeln im Beruf erforderlichen Einstellungen fördert;
• auf die Entwicklung selbstständigen Handelns in der Bewältigung der Anforderungen eines Berufsfelds zielt;
• Theorie und Praxis, Denken und Tun, Systematik und Kasuistik im Sinne eines dualen Prinzips wirkungsvoll miteinander verzahnt;
die Ergebnisse der Kompetenzentwicklung in den Mittelpunkt stellt und offen ist für unterschiedliche Wege zur Erreichung dieser Ergebnisse.
Die Umsetzung einer solchen Kompetenzorientierung in der Berufsausbildung erfordert bis 2015 die Realisierung der folgenden Maximen:
1. Berufsbilder werden über ein Kompetenzprofil beschrieben, das der Ausbildung in den Lernorten zugrunde liegt. Das Profil orientiert sich an einem für die Berufsausbildung allgemeingültigen Kompetenzmodell und repräsentiert die Merkmale einer umfassenden Kompetenzorientierung. Es enthält auch solche Kompetenzen, die der Internationalität und globalen Vernetzung der Wirtschaft gerecht werden. Es berücksichtigt relevante Forschungsbefunde und wird regelmäßig hinsichtlich seiner Relevanz und Aktualität überprüft. Berufsbilder sind breitbandig auf größere Zusammenhänge (»Berufsfamilien«) hin ausgerichtet und erlauben eine flexible Anpassung auf heterogene Voraussetzungen von Ausbildungsbetrieben und Jugendlichen.
2. Lern- und Ausbildungsprozesse in der Berufsausbildung sind - unabhängig von der praktizierten Lernortkombination - im Sinne des dualen Prinzips strukturiert und vermitteln die Ganzheit der für das Berufsbild konstitutiven Handlungskompetenzen. Das Lehrund Ausbildungspersonal besitzt didaktische Professionalität zur Förderung anspruchsvoller Handlungskompetenzen.
3. Prüfungen in der Berufsausbildung sind geeignet, berufliche Handlungskompetenzen - auch im Rahmen der Durchführung von Teilprüfungen - aussagekräftig nach den einschlägigen Gütekriterien festzustellen. Das Prüfungs- und Aufgabenerstellungspersonal besitzt die fachliche und prüfungsdidaktische Professionalität zur Unterstützung kompetenzorientierter Prüfungen. Die Lernorte werden in die Durchführung und Bewertung verantwortlich einbezogen, wenn dies die Aussagekraft der Prüfungen verbessert. Eine öffentlich-rechtliche Prüfung vor den zuständigen Stellen schließt die Ausbildung ab.
4. Offene Verfahren der Anerkennung von informell oder non-formal erworbenen Kompetenzen ermöglichen Menschen den Erwerb eines Berufsabschlusses. Der Zugang zur Externenprüfung für formal Qualifizierte ist vereinheitlicht und vollzieht sich ohne die Pflicht zum Nachweis einer einschlägigen Berufstätigkeit. Die Anerkennung der von Migranten in ihren Heimatländern erworbenen Berufsabschlüsse und die Anrechnung von entsprechenden Vorkenntnissen in der deutschen Berufsausbildung werden dadurch ebenfalls verbessert.
5. Übergänge zwischen Berufsausbildung und Hochschule können auf der Grundlage transparenter Kompetenzprofile geregelt werden. Damit werden Entscheidungen über die Zulassung beruflich Qualifizierter für eine akademische Hochschulbildung sowie mögliche Anrechnungen und notwendige Brückenangebote auf eine fundierte Grundlage gestellt.

3 Übergänge in die Berufsausbildung durchlässig gestalten

Die Leistungsfähigkeit der Berufsausbildung erweist sich auch an der Gestaltung ihrer Zugänge: Eine scharfe Selektion am unteren Rand trägt weder zur Ausschöpfung des Potenzials an qualifizierten Fachkräften noch zu gesellschaftlicher Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit bei. Obwohl ein Mangel an Fachkräften eine Bremse zukünftigen Wirtschaftswachstums sein wird, gelingt es nicht, viele ausbildungsreife und erst recht benachteiligte Jugendliche mit Ausbildungsplätzen zu versorgen. Ein großer Teil der Schulabgänger muss ausbildungsvorbereitende Maßnahmen absolvieren, um seine Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu verbessern. Diese Übergangsmaßnahmen führen in der Regel nicht zu verwertbaren Qualifikationen. All dies hat nachhaltige Wirkungen auf das Qualifikationsniveau. Bereits die heute 20- bis 30-Jährigen sind schlechter qualifiziert als ihre Vorgängerkohorte der heute 30- bis 40-Jährigen.
Damit der Übergang aus den allgemeinbildenden Schulen in eine Berufsausbildung besser gelingt, wird die Berufsausbildung bis 2015 in drei Punkten reformiert: der Berufsorientierung früh in der Schulphase, der Neustrukturierung des Übergangssystems zwischen Schule und Ausbildung und der Differenzierung der Ausbildungsangebote selbst.
1. Bereits einige Jahren vor dem Schulabschluss bieten Lehrer, Berufsberater und Übergangsbegleiter in den allgemeinbildenden Schulen eine auf besondere Bedürfnisse abgestimmte Berufsorientierung an, die den Schülern die Vielfalt der Berufswelt erfahrungsbezogen nahebringt. Teil der Berufsorientierung sind Formen der Berufseinstiegs- und Berufswegebegleitung sowie betriebliche Praktika.
2. Übergangsmaßnahmen führen systematisch und ohne Zeitverlust zu einer qualifizierten Berufsausbildung hin. Daher gibt es bis 2015 nur noch zwei Typen von Maßnahmen:
Für nicht ausbildungsreife Jugendliche werden zielgruppenadäquate und kreative Ansätze genutzt, um Ausbildungsreife herzustellen. Die Erreichung der Ausbildungsreife ist verbindlich mit dem Angebot verbunden, eine abschlussorientierte Berufsausbildung anzutreten.
Für ausbildungsreife Jugendliche ohne Ausbildungsplatz werden keine Übergangsmaßnahmen vorgesehen, sondern sie werden in einem der drei Segmente (1) duale Ausbildung, (2) Ausbildung durch Schulen und (3) Ausbildung bei Bildungsträgern ausgebildet. Diese Ausbildungsformen sind so zu synchronisieren, dass Wechsel zwischen ihnen möglich sind. Auch bei der Ausbildung in Schulen und bei Bildungsträgern sollen Betriebe mitwirken. In diesem Rahmen sorgt das Ausbildungssystem dafür, Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders zu fördern, ohne sie in Sonderwege der Ausbildung auszugliedern.
3. Es bestehen im Anspruchsniveau differenzierte Einstiege in eine Berufsausbildung, die den unterschiedlichen Voraussetzungen der Jugendlichen und den vielfältigen Anforderungen der Arbeitswelt gerecht werden. Für besonders leistungsfähige Schulabsolventen werden herausfordernde Wege zu qualifizierten Abschlüssen angeboten, für schulschwächere Jugendliche existieren gestufte Wege und niedrigschwellige Einstiege in eine qualifizierte, abschlussorientierte Berufsausbildung.

4 Reformen mit neuer Tatkraft strategisch gestalten

Neue Entschiedenheit und Tatkraft sind notwendig, wenn Reformen in Richtung auf eine umfassende und konsequente Kompetenzorientierung der Berufsausbildung und eine verbesserte Gestaltung der Übergänge in die Berufsausbildung gelingen sollen:
• Die Berufsausbildungspolitik in Bund und Ländern muss sich verstärkt auf die strategische Entwicklung des Gesamtsystems der Berufsausbildung fokussieren und ihr Regelungsmandat ausfüllen. Sie muss die Voraussetzungen schaffen, dass die strategische Steuerung in Bund und Ländern kohärent möglich ist und nicht durch fragmentierte Verantwortlichkeiten blockiert wird. Eine strategisch ausgerichtete Berufsausbildungspolitik »aus einem Guss« kann die Vertretungsmacht der Berufsausbildung gegenüber anderen bildungspolitischen Bereichen stärken und die öffentliche Aufmerksamkeit für dieses zentrale Politikfeld erhöhen.
• Die Akteure in der Berufsausbildungspraxis müssen ihre Gestaltungsspielräume nutzen, um die Erreichung der Leitziele einer zukunftsfähigen Berufsausbildung kontinuierlich zu verfolgen. Die Herausforderungen und Ziele des Leitbilds erfordern konzertierte und konzentrierte Aktivitäten sowie Mut und Kreativität in der Gestaltung der notwendigen Innovationen.
• Den Akteuren in der Berufsausbildungsforschung kommt die Aufgabe zu, den Wandel der Berufsausbildung wissenschaftlich zu begleiten und abzusichern. Dazu ist nicht nur eine stärker empirische Ausrichtung und eine Reaktivierung von Modellversuchen notwendig, sondern auch eine verstärkte Berücksichtigung von strategischen Fragen der Berufsausbildung.
Eine verstärkte strategische Steuerung kann die bestehenden Innovationskräfte auf die Herausforderungen der nächsten Jahre fokussieren und so die Zukunftsfähigkeit des Berufsausbildungssystems insgesamt stärken.
Auch in einem föderalen politischen System und bei einer heterogenen Struktur von Anspruchsgruppen in der Berufsausbildung muss die strategische Rahmenkompetenz für den Gesamtbereich der Berufsausbildung beim Bund verankert sein und dort ausgefüllt werden. Unterhalb davon sind die Bereiche auszubauen, die einerseits auf die Koordination der pluralen Umsetzungsformen, andererseits auf die Stärkung der Innovationskraft zielen. Mögliche Ansatzpunkte wären beispielsweise die Etablierung eines Berufsausbildungsrats nach dem Modell der »Wirtschaftsweisen« oder mehr Raum für die ergebnisoffene Entwicklung neuer Ansätze in der Berufsausbildungsforschung und für deren Erprobung in der Berufsausbildungspraxis.

Zur Begründung des Leitbilds »Berufsausbildung 2015«

1 Präambel

1.1 Ausgangspunkte und Anspruch

An der Schnittstelle von Bildungs- und Beschäftigungssystem ist die Berufsausbildung ein wesentlicher Kristallisationspunkt für die Anpassung an gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Veränderungen. Ihre Leistungsfähigkeit entscheidet über die Lebenschancen der Mehrzahl der Jugendlichen und über die Produktivität einer wissensbasierten Wirtschaft.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass als Reaktion auf die nachhaltigen Umbrüche in Wirtschaft und Gesellschaft seit einigen Jahren eine intensive Diskussion über die Modernisierung der beruflichen Bildung in Deutschland geführt wird. Mittlerweile liegt eine kaum noch überschaubare Fülle von Publikationen, Positionspapieren und Dokumenten vor. Parallel dazu werden auf unterschiedlichen politischen Ebenen Programme, Maßnahmen und Projekte entwickelt und erprobt, von denen viele auf die nachsorgende Beseitigung von Notlagen und wenige andere auf die Einleitung von strukturellen Reformen zielen. Viele dieser Initiativen werden von den beteiligten Akteuren aus Wissenschaft und Berufsausbildungspraxis entsprechend ihrer unterschiedlichen Interessenlage kontrovers diskutiert. Gleichwohl besteht eine weitreichende Übereinstimmung darin, dass ein nachhaltiger Modernisierungsbedarf in der Berufsausbildung besteht. Im Gesamtbild zeigt sich allerdings die Gefahr einer Berufsausbildungspolitik aus dem Stegreif und einer Patchwork-Gestaltung, bei der das Handeln durch kurzfristige Problemwahrnehmungen, die Partikularinteressen einzelner Anspruchsgruppen oder Formen der symbolischen Politik bestimmt wird und bei dem zwar viel Bewegung, jedoch keine kohärente Zielausrichtung und Langfristperspektive erkennbar ist.
Was kann in einer solchen »Gemengelage« ein Leitbild der »Berufsausbildung 2015« leisten? Welche Ansprüche werden mit dem vorgelegten Leitbild verbunden?
Ein breit abgestütztes Leitbild kann dazu beitragen, dass die vielfältigen Diskussionen und Initiativen konzentrierter und transparenter auf die erstrebenswerten Ziele und Fundamente einer Berufsausbildung ausgerichtet werden. Es kann Visionen und Missionen für eine mittelfristige Reformperspektive bieten, die den aktuellen Reformagenden neue Ankerpunkte verleihen. Es öffnet den Blick für solche Themen, die zwar als bedeutsam, zugleich aber als vernachlässigt erkannt werden. Es stellt Einzelmaßnahmen in einen kohärenten Zusammenhang und fördert die Einsicht in systemische Verknüpfungen. Es kann den Schwerpunkt der manchmal in Detailfragen festgefahrenen Kontroversen von der Maßnahmenebene auf die Zielebene verlagern. Ein Leitbild erhöht die Chance, dass Einzelinitiativen eine normative Anbindung erhalten und Diskussionen wieder aus einer Ziel- statt nur aus einer Maßnahmenperspektive geführt werden.

1.2 Ziele und Gestaltungsfelder des Leitbilds

In einem zentralen Strang stellt das Leitbild »Berufsausbildung 2015« die gegenwärtigen und zukünftigen Ziele der Berufsausbildung zur Diskussion. Was soll die Berufsausbildung künftig leisten, was ist wesentlich, was bleibt nachgeordnet? Damit eine solche Zieldiskussion sich nicht in abstrakten und daher unverbindlichen Postulaten erschöpft, sondern Anbindungen an konkrete Gestaltungsfelder findet, wird das Leitbild in zwei Stufen aufgebaut.
1. Zunächst sollen übergreifende Ziele der Berufsausbildung ausgewiesen und erläutert werden, wobei auf dieser Abstraktionsebene an bestehenden Konsenspunkten angeknüpft wird (Kapitel 2).
2. Die übergreifenden Ziele werden schließlich auf zentrale Gestaltungsfelder der Berufsausbildung ausgelegt und präzisiert, bzw. umgekehrt: Aktuelle Gestaltungsvorschläge werden auf die zugrunde liegenden Ziele reflektiert und befragt (Kapitel 3). Innerhalb der Gestaltungsfelder werden die Herausforderungen benannt und darauf bezogene Ziele definiert.
Auch für die Entwicklung eines zukunftsorientierten Leitbilds gilt das Prinzip, dass das Alte nicht verschwindet, sondern in seinen erhaltenswerten Teilen im Neuen aufgehen wird. Soll ein Leitbild nicht zur unverbindlichen und wirkungslosen Wunschprosa werden, so muss die Verankerung im Bewährten, aber auch die Berücksichtigung erkennbarer Veränderungen gewährleistet werden. Ein Leitbild erfindet die Berufsausbildung nicht gänzlich neu, sondern erfasst auch Fragen, die bereits mehr oder weniger intensiv diskutiert werden. Im Unterschied zur landläufigen Diskussion nimmt es aber aktuelle und neue Themen aus der Zielperspektive auf.
Dabei ist bewusst zu halten, dass aus den im Leitbild dargestellten Zielen keine eindeutigen Maßnahmen abgeleitet werden können. Vielmehr stehen verschiedene Maßnahmen im Hinblick auf die Erreichung konkreter Ziele immer auch in Konkurrenz zueinander. Umgekehrt können Maßnahmen verschiedene Ziele ansprechen. Diese Zusammenhänge können über die Entwicklung und Formulierung eines Leitbilds nicht außer Kraft gesetzt werden. Es kann daher nicht darum gehen, einen Königsweg der Berufsausbildungsreform zu finden. Im Vordergrund steht vielmehr die Förderung einer sachbezogenen Diskussion über die Ziele der Berufsausbildung und die Suche nach Maßnahmen zu ihrer Erreichung.
»Verfolgen wir die richtigen Ziele?« und »Verfolgen wir die Ziele richtig?« sind die Leitfragen einer solchen Diskussion.

1.3 Verfahren zur Entwicklung des Leitbilds

In einem konfliktären Politikfeld wie der Berufsausbildung unterliegt jede Stellungnahme der Gefahr, als Interessenstandpunkt einer Anspruchsgruppe abgetan zu werden. Die Entwicklung des Leitbilds stützt sich daher auf die Expertise einer hohen Zahl von Berufsausbildungsexperten und nimmt Perspektiven aus den unterschiedlichen Interessengruppen der Berufsausbildung auf. Auf der Grundlage umfangreicher Literaturanalysen wurde zunächst eine standardisierte Online-Befragung von mehr als 1.100 Experten aus zehn verschiedenen Anspruchsgruppen der Berufsausbildung durchgeführt. Das Ziel der Untersuchung bestand darin, von den Experten aus ihren je spezifischen Perspektiven ein Urteil darüber zu erhalten, inwieweit wesentliche Rahmenbedingungen, Zielbezüge und aktuelle Gestaltungsbereiche der Berufsausbildung als bedeutsam eingeschätzt werden und welchen Grad an politischer Aufmerksamkeit sie im Hinblick auf die jeweiligen Themen erkennen. Es wurde eine Rücklaufquote von ca. 23 Prozent erzielt - für eine Online-Befragung ein sehr guter Wert.
Auf der Grundlage der Ergebnisse der Befragung wurden vier themenspezifische Workshops mit jeweils 15 bis 20 eingeladenen Experten, wiederum aus unterschiedlichen Institutionen, durchgeführt. Die Ergebnisse wurden dokumentiert und standen den Teilnehmenden im Anschluss an die Workshops im Rahmen eines Online-Forums für kommentierende und validierende Beiträge offen. Die Beiträge aus der Online-Befragung, den intensiven Workshop-Diskussionen sowie den nachgängigen Diskussionsforen bildeten schließlich die Basis für die Entwicklung des hier vorgelegten Leitbilds.
Trotz unserer Bemühung, den zahlreichen Beiträgen der einbezogenen Experten gerecht zu werden, kann nicht davon ausgegangen werden, dass jeder Einzelaspekt von allen Beteiligten in der bestehenden Formulierung getragen wird. Gleichwohl begründet das gewählte Verfahren ein solides Fundament und verleiht dem Ergebnis eine breite Legitimation.

1.4 »Berufsausbildung in der Vernetzung zum Bildungs- und Beschäftigungssystem« als Gegenstandsbereich

Das Leitbild fokussiert die Berufsausbildung, sieht diese jedoch in ihrer systemischen Vernetzung zum Bildungs- und Beschäftigungssystem. Daraus ergibt sich, dass die Berufsausbildung zum einen nicht auf die duale Ausbildung an den Lernorten Betrieb und Berufsschule begrenzt wird, zum anderen in ihrer vertikalen Verzahnung insbesondere zu den Entwicklungen des sogenannten »Übergangssystems« sowie der beruflichen Weiterbildung und Hochschulbildung betrachtet wird. Diese Perspektive folgt der Beobachtung, dass Reformdiskussionen gelegentlich auf isolierte Bereiche des Berufsausbildungssystems verengt werden und die Verantwortung für bereichsübergreifend zu lösende Probleme dann auf Akteure aus anderen Bereichen geschoben wird. Dies führt beispielsweise dazu, dass schulische und duale Berufsausbildung bzw. Ausbildungsvorbereitung, Berufsausbildung und berufliche Weiterbildung unverbunden nebeneinander diskutiert werden und so die gegenseitigen Abhängigkeiten und Synergiepotenziale ausgeblendet bleiben. Das Leitbild »Berufsausbildung 2015« erfasst daher die gesamte Lebensphase von Jugendlichen nach dem Verlassen der allgemeinbildenden Schule bis zum Eintritt in eine beruflich qualifizierte Beschäftigung.
Als zeitlicher Horizont wird das Bezugsjahr 2015 gewählt, um die Aussagen sowohl perspektivisch als auch gegenwartsverbunden formulieren zu können.

2 Übergreifende Ziele der Berufsausbildung

2.1 Gesellschaftliche, wirtschaftliche und individuelle Zieldimensionen

Es gilt als ein Spezifikum der deutschen Berufsausbildung, dass auf der Zielebene drei Dimensionen miteinander verbunden werden. Die Beschreibung dieser drei Dimensionen ist als Konsens zwischen den bildungspolitisch Verantwortlichen in Bund und Ländern im Nationalen Bildungsbericht dokumentiert: Dort wird übergreifend ein Bildungsverständnis ausgewiesen, dessen »Ziele sich in den drei Dimensionen individuelle Regulationsfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit sowie Humanressourcen niederschlagen. Individuelle Regulationsfähigkeit beinhaltet die Fähigkeit des Individuums, sein Verhalten und sein Verhältnis zur Umwelt, die eigene Biografie und das Leben in der Gemeinschaft selbstständig zu planen und zu gestalten. Der Beitrag des Bildungswesens zu den Humanressourcen richtet sich sowohl auf die Sicherstellung und Weiterentwicklung des quantitativen und qualitativen Arbeitskräftevolumens als auch auf die Vermittlung von Kompetenzen, die den Menschen eine ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechende Erwerbsarbeit ermöglichen. Indem die Bildungseinrichtungen gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit fördern, wirken sie systematischer Benachteiligung aufgrund von sozialer Herkunft, des Geschlechts und der nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit entgegen« (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008: 2).
Die drei Dimensionen werden als eine Ziel-Trias verstanden, die die Interessen von Gesellschaft, Wirtschaft und Individuen miteinander verzahnt. Bezogen auf die Berufsausbildung lassen sich die Zieldimensionen wie folgt konkretisieren:
• Die individuelle Dimension zielt auf den Beitrag der Berufsausbildung zur Entwicklung von Kompetenzen, mit deren Hilfe der Einzelne berufliche, aber auch außerberufliche Herausforderungen bewältigen kann. Die Individuen sollen in der Berufsausbildung die Möglichkeit erhalten, ihre Biografie selbst zu gestalten, dabei ihre Potenziale zu entfalten und ihre Selbstwirksamkeit sowie ihre Lernmotivation weiterzuentwickeln.
• Die gesellschaftliche Dimension adressiert den Beitrag der Berufsausbildung zur sozialen Integration der nachwachsenden Generation in Arbeit und Gesellschaft. Das System der Berufsausbildung ist so zu gestalten, dass soziale Ausgrenzungen vermieden werden und die Eingliederung in Ausbildung und Beschäftigung möglichst reibungslos gelingt.
• Die wirtschaftliche Dimension zielt auf den Beitrag der Berufsausbildung zur Sicherung der volks- und betriebswirtschaftlichen sowie individuellen Leistungsfähigkeit. Volkswirtschaftlich steht das Ziel der Entwicklung von Humanressourcen im Sinne einer Sicherstellung und Weiterentwicklung des quantitativen und qualitativen Arbeitskräftevolumens im Vordergrund. Betriebswirtschaftlich konkretisiert sich dieses Ziel als die Versorgung der Unternehmen mit qualifizierten Fachkräften. Individualwirtschaftlich akzentuiert sich das Ziel in Form einer Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit und der materiellen Existenzgrundlage. Die wirtschaftliche Dimension erfasst zudem die Effizienz des Systems der Berufsausbildung selbst. Dies betrifft beispielsweise den effizienten Umgang mit der Lebenszeit von Jugendlichen, aber auch den Einsatz von privaten und öffentlichen Ressourcen, etwa im Rahmen der Abstimmung von unterschiedlichen Ausbildungsangeboten und -trägern sowie bei der Vermeidung von Warteschleifen und Verdoppelungen.
Zwischen den Dimensionen können Konflikte auftreten, die je nach Interessenstandpunkt und Vertretungsmacht der interessierten Anspruchsgruppen unterschiedlich geregelt werden können. Es liegt in der staatlichen Verantwortung, die drei Dimensionen in einer Balance zu halten und sie insbesondere bei auftretenden Konflikten gleichwertig zu behandeln.

2.2 Berufliche Handlungskompetenz

Insbesondere die individuelle und wirtschaftliche Dimension lassen sich für die Berufsausbildung in dem Ziel der Entwicklung einer »beruflichen Handlungskompetenz« weiter konkretisieren. Dieses Ziel leitet sowohl die Aktivitäten des Bundes als auch der Länder in der Berufsausbildung. So bietet das Berufsausbildungsgesetz (2005) in § 1 Abs. 3 eine Zielbeschreibung für den Teilbereich der außerschulischen Berufsausbildung: »Die Berufsausbildung hat die für die Ausübung einer qualifizierten beruflichen Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt notwendigen beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten (berufliche Handlungsfähigkeit) in einem geordneten Ausbildungsgang zu vermitteln. Sie hat ferner den Erwerb der erforderlichen Berufserfahrungen zu ermöglichen.« Für die Berufsschule hat die Kultusministerkonferenz in dem bis heute gültigen Beschluss vom 15.3.1991 für die schulische Berufsausbildung das Ziel formuliert, »eine Berufsfähigkeit zu vermitteln, die Fachkompetenz mit allgemeinen Fähigkeiten humaner und sozialer Art verbindet«, woraus die verbreitete Unterscheidung der beruflichen Handlungskompetenz in Fachkompetenz (bzw. Sachkompetenz), Humankompetenz (bzw. Personal- oder Selbstkompetenz) und Sozialkompetenz entstand:
Fachkompetenz (bzw. Sachkompetenz) bezeichnet die Bereitschaft und Fähigkeit, auf der Grundlage fachlichen Wissens und Könnens Aufgaben und Probleme zielorientiert, sachgerecht, methodengeleitet und selbstständig zu lösen und das Ergebnis zu beurteilen.
Humankompetenz (bzw. Personal- oder Selbstkompetenz) bezeichnet die Bereitschaft und Fähigkeit, als individuelle Persönlichkeit die Entwicklungschancen, Anforderungen und Einschränkungen in Familie, Beruf und öffentlichem Leben zu klären, zu durchdenken und zu beurteilen, eigene Begabungen zu entfalten sowie Lebenspläne zu fassen und fortzuentwickeln. Sie umfasst personale Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstvertrauen, Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Zur ihr gehören insbesondere auch die Entwicklung durchdachter Wertvorstellungen und die selbstbestimmte Bindung an Werte.
Sozialkompetenz bezeichnet die Bereitschaft und Fähigkeit, soziale Beziehungen zu leben und zu gestalten, Zuwendungen und Spannungen zu erfassen, zu verstehen sowie sich mit anderen rational und verantwortungsbewusst auseinanderzusetzen und zu verständigen. Hierzu gehört insbesondere auch die Entwicklung sozialer Verantwortung und Solidarität.