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HANNA KRALL   

HERZKÖNIG

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

 

Verlag Neue Kritik

 

Die polnische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Król kier znów na wylocie« im Verlag »Swiat Kriazki« in Warschau.

 

Der Verlag dankt dem »Book Institut – 

the ©POLAND Translation Program«

für die Förderung der Publikation.

 

 

© 2006 by Hanna Krall

Alle deutschsprachigen Rechte Verlag Neue Kritik

Die Printausgabe erschien 2007 im Verlag Neue Kritik

© für die E-Book-Ausgaben Verlag Neue Kritik 2014

Umschlag Barski & Hüneke unter Verwendung

einer Fotografie von Maciej Rusinek

E-Book Erstellung: Madeleine Schmorré

ISBN 978-3-8015-0550-9 (epub)

ISBN 978-3-8015-0551-6 (mobipocket)

ISBN 978-3-8015-0552-3 (pdf)

www.neuekritik.de

 

 

Herzkönig

 

Die Schnürsenkel

Sie kauft Schnürsenkel für Herrenschuhe.

Als sie diesen banalen Kauf tätigt, glaubt sie noch, dass sie Jurek Szwarcwald liebt. Alle glauben das, am meisten Familie Szwarcwald. Jurek ist weder hässlich noch langweilig. Arm ist er auch nicht. Sie leiht sich Schuhe von ihm, weil eine Bombe das Haus in der Ogrodowa-Straße zerstört hat und man weder an den Schrank noch überhaupt in die Wohnung kommt.

In den geliehenen Schuhen geht sie bei ihrer Freundin Basia Maliniak vorbei. Für einen Moment, um die Schnürsenkel einzufädeln.

Bei Basia ist ein junger Mann. Er steht am Ofen und hält beide Hände an die warmen Kacheln. Er ist groß, schlank und hat glattes, goldenes Haar. Die Hände auf den Kacheln schimmern golden. Er setzt sich breitbeinig hin und lässt die Hände sinken – ein wenig achtlos, als sei er zerstreut. Dadurch wirken sie ratlos und sind noch schöner. Er hat, wie sich herausstellt, zwei Vornamen, Jeszajachu Wolf, Basia nennt ihn Szajek. Das Einfädeln zieht sich. Nach einer Stunde sagt Szajek: Du hast Augen wie die Tochter eines Rabbiners. Nach zwei Stunden fügt er hinzu: eines zweifelnden Rabbiners. Basia begleitet sie zur Tür und flüstert voller Hass: Umbringen sollte ich dich.

 

 

Die Verlobung

Ein paar Tage später kommt sie wieder. Bringt eine schlechte Nachricht – über Adek, den Bruder Hala Borensztajns. (Mit Hala saß sie bis zum Abitur in einer Bank.) Adek ist an Typhus gestorben. Das wundert sie sehr: an Typhus? Man stirbt an Scharlach oder an Lungenentzündung. Jetzt wird man anders sterben, sagt Szajek, daran müssen wir uns gewöhnen.

Sie gehen zu Hala. Freunde von Adek sind da. Es ist kalt. Sie trinken Tee. Basia Maliniak, auf beide sauer, sagt kein Wort. Sie strickt einen Pullover, fröhlich, bunt, aus Resten aufgezogener Wolle. Man redet über Typhus. Er kommt angeblich von Läusen. Und von Menschen? Angeblich nicht, nur von Läusen. Hala lacht über ihren Vater: Er will einen Bunker bauen und sich vor den Läusen und dem Krieg verstecken. Hala erklärt ihm, der Krieg werde nicht lange dauern, aber er sammelt schon Lebensmittel für den Bunker. Danach wird über Liebe geredet. Sie sagt: Wisst ihr was? Ich dachte, ich liebe Jurek Szwarcwald, aber ich hab mich getäuscht. Sie beginnen zu überlegen: Sollte sie ihm das sagen oder eher nicht? Sie kommen zu dem Schluss, das wäre zu grausam. Verlob dich mit einem anderen, rät man ihr, und Szajek wirft ein: Bitte sehr, ich stehe zur Verfügung. Als er gegangen ist, sagt Basia Maliniak über ihrem Strickzeug: Das hat er ernst gemeint. Und hat recht.

 

 

Pension »Zacheta«

Sie fahren mit dem Vorstadtzug. Sie öffnet das Fenster, die Luft ist frühlingshaft, warm. Der Zug fährt an Józefów vorbei. Sie zeigt ihm einen Weg entlang der Gleise. Um diese Zeit fuhr hier jedes Jahr ein Pferdefuhrwerk. Es bog ab, fuhr zwischen die Bäume dort und hielt vor dem Haus mit Veranda, das sieht man nicht vom Zug aus. Das Dienstmädchen nahm die Körbe vom Fuhrwerk herunter – mit Bettwäsche, Sommerkleidern, Töpfen, Eimern, Bürsten. Sie holte Wasser vom Brunnen und scheuerte die Fußböden. Vor dem Haus auf der rechten Seite nahm das Dienstmädchen der Szwarcwalds die Körbe herunter, auf der linken das von Frau Hauptmann Kazimiera Szubert, genannt Lilusia. Nicht weit davon war eine sandige Waldlichtung, darauf stand eine alte Eiche… Nein, woher, die Eiche sieht man nicht… Sie hatte eine Menge Eicheln. Der Sommer ging zu Ende, und wieder kamen Fuhrwerke an, immer die gleichen, man lud Körbe mit Wäsche ein, mit Töpfen, Bürsten…

Sie hört nicht auf zu reden, betäubt mit Worten die Angst, die Scham, die Neugier. In Otwock steigen sie aus, weiter fährt der Zug nicht. Aus dem Nachbarwaggon kommen Jungen gelaufen. Pfadfinder wahrscheinlich, denn sie verabreden sich mit ernstem, konspirativem Geflüster – Sammeln, Kompass, Nordost, am Ende der Kolonne ein lächelnder Junge mit Sommersprossen. Im Wald hinter den Gleisen verlieren sie sie aus den Augen.

Im Zimmer der Pension »Zacheta«, wo es nach erwärmten Kiefern riecht, weiß er genau, was man mit einer macht, die Angst hat und sich schämt, die Verlangen hat und neugierig ist. Am Nachmittag machen sie sich auf den Rückweg. Sie setzen sich unter einen Baum, sie legt ihren Kopf auf seine Knie. Leise hören sie einen Chor singen: Hej, hej, lasst uns also leben, solange Zeit ist… – die Zugnachbarn kehren ebenfalls zum Bahnhof zurück. Der Sommersprossige geht wieder am Schluss, er singt nicht, vielleicht hat er keine Stimme. Er sieht sie. Jungs, ruft er, schaut mal, die lieben sich, die Juden lieben sich. Kichernd dreht er sich um und holt seine Freunde ein. Du bist blond, flüstert sie, ohne die Augen zu öffnen, du bist so blond, und sie haben es erkannt… Er legt ihr den Pullover über die Schultern. Sie hat nicht gemerkt, dass er heruntergerutscht war und die Binde mit dem blauen Stern auf dem Ärmel der Bluse enthüllt hatte.

 

 

Das Zeichen

Sie lassen sich trauen. Sie trägt ein blaues Kleid, mit einem Ton Lila. Ihre Mutter hat den Stoff schon vor langer Zeit gekauft, sie wollte sich etwas zum Geburtstag des Sohnes nähen, zum Mittagessen mit der Familie. Es ist die Farbe Pervenche, furchtbar modern, weil Frau Simpson sie mochte. Zur Trauung mit Edward VIII., oder auch zur Hochzeitsfeier, trug sie eine lilablaue Kreation. Die Mutter nähte nichts, denn der zweijährige Sohn starb an Lungenentzündung. Die Mutter zog Schwarz an. Sie sagte, sie werde die Trauer bis zum Ende ihres Lebens nicht ablegen.

Dank Jurek Szwarcwald (er fand sich überraschend schnell mit der Trennung ab und heiratete ebenfalls; Pola Szwarcwald war sympathisch und klug, und trotz ihrer etwas langen Nase wirklich ganz hübsch), dank Jurek, dem Medizinstudenten, bekommt sie eine Arbeit im Krankenhaus. Sie kümmert sich um Typhuskranke. Gibt ihnen Wasser mit Baldrian, massiert die wunden Stellen und schüttelt die Kissen auf. Zum ersten Mal im Leben sieht sie Leichen. (Sie werden auf den Friedhof gefahren, mit hölzernen Handwagen; die haben große Räder auf beiden Seiten und vier Griffe für die Träger.) In ihrer Gegenwart ist noch niemand gestorben, und sie würde sehr gerne einmal jemanden sterben sehen. Es geht ihr nicht darum, was der Sterbende sieht – Helligkeit, Dunkel, Engel oder Gott. Sie ist neugierig, was sie selbst sehen wird, wenn ein Leben zu Ende geht. Die Seele? Ein Zeichen? Wenn es ein Zeichen gibt, wird man es deuten müssen. Sie setzt sich ans Bett eines trotz der Krankheit sehr schönen Mädchens. Sie wacht die ganze Nacht. Als es zu dämmern beginnt, hört sie ein leises Stöhnen. Der Brustkorb der Kranken hebt sich – und senkt sich nicht mehr. Sie neigt sich konzentriert über das Mädchen, sieht das ruhige, ernste Gesicht, die Seele bemerkt sie nicht. Das Mädchen wird auf einen schwarzen hölzernen Wagen gelegt. Sie nimmt die Schürze ab und geht nach Hause. Ihrem Mann erzählt sie, wie der Tod aussieht: Es gibt keine Seele, kein Zeichen. Wir leben, fügt sie als Trost hinzu. Aber ihr Mann sagt, auch das wird immer unsicherer.

 

 

Quellen des Optimismus

Sie arbeitet auch nachts, bei privaten Patienten. Das sind reiche Häuser, die Leute haben sauberes Bettzeug, ihren Arzt und ein richtiges Begräbnis. Sie haben auch ein eigenes Grab. Wenn jemand sich weder ein Grab noch ein Begräbnis leisten kann, trägt er die Leiche auf die Straße. Man muss sie mit Zeitungen zudecken und auf das Papier einen Backstein oder Stein legen. Gegen den Wind.

In den Leichentuchzeitungen gibt es eine Menge wichtiger Nachrichten.

Wer Jude ist (der, bei dem drei Großväter Juden sind).

An welchem Arm man die Binde mit dem Stern trägt (ausschließlich am rechten).

Welche Binden die Lumpen- und Abfallsammler tragen müssen (ausschließlich rote, die bisherigen – grünen – sind ungültig).

Was man für die Märzkarten bekommt (ein Pfund Sauerkraut und hundert Gramm Rote Bete), was man im April bekommt (eine Schachtel Streichhölzer mit 48 Stück), was im Dezember (ein Ei mit einem ovalen Stempel).

Was man mit Brotresten machen kann (in Wasser einweichen, kochen, durch ein Sieb streichen, der gewonnenen Suppe Süßstoff hinzufügen).

Welchen Süßstoff man am Passahfest verwenden darf (nach dem Beschluss des Rabbinats: nur den in Kristallform, der vor dem Fest aufgelöst und durchgeseiht wurde).

Wo Doktor Korczak Märchen erzählt (in der Eliska-Straße, im Waisenhaus).

Welches Verbrechen Moszek Goldfeder begangen hat (er hat einer vorbeigehenden Frau einen Laib Brot aus der Hand gerissen und ist damit geflüchtet, wobei er im Laufen gegessen hat; als er zum Ordnungsdienst gebracht wurde, bat er das Opfer des Überfalls um Verzeihung und gelobte Besserung).

Wo man Kleider stopfen lassen kann (nur im Betrieb von Keller, der alte Jungfern angestellt hat, die ungemein pedantisch sind).

Wo man einen Leichenwagen bestellen kann (nur bei der Gesellschaft »Ewigkeit«; sie hat gerade die ersten Beerdigungswagen auf Fahrrädern in Warschau eingeführt; sie sind überaus praktisch, weil sie gleichzeitig Platz für vier Särge bieten!).

Woher der jüdische Optimismus kommt (aus der Tatsache der Ähnlichkeit mit Gott – der Quelle des Urseins und des Guten).

In ihrer Familie ist bisher noch niemand gestorben. Der Vater hat die Hälfte des Hauses gegen ein ganzes Kalbsfell getauscht. Die Mutter tauscht einzelne Teile des Fells gegen Zwiebeln und Brot.

 

 

Das Vorhängeschloss

Sie muss sich ein wenig Geld leihen. Sie geht zu Hala (mit der sie bis zum Abitur in einer Bank…). Fünfzig? – wundert sich Herr Borensztajn. Wozu brauchst du fünfzig Zloty? – Für die Wache, erklärt sie. Der Gendarm schaut in eine andere Richtung, und ich verlasse das Ghetto. Das kostet fünfzig Zloty. – Du willst raus? – fragt Hala erstaunt. Mit deinen Haaren? Hala selbst ist blond und hat eine Stupsnase, aber sie hat vor, bis zum Ende des Krieges im Bunker zu bleiben. Sie zeigt auf den Wasserhahn, die Säcke mit Grütze, den Vorrat an Medikamenten. Ein wunderbarer Bunker, stimmt sie Hala zu, also – geben Sie mir das Geld? Sie bekommt zehn Zloty, verspricht, sie nach dem Krieg zurückzuzahlen. Vierzig leiht sie sich von Herrn Rygier, dem Vater Halinkas, die in der Schule direkt hinter Hala saß, und läuft zu ihrem Mann.

Ihr Mann arbeitet in einer Werkstatt, auf dem Dachboden eines mehrstöckigen Hauses. Während sie die Treppe hinaufgeht, hört sie Lastwagenmotoren. Oben steht ein Mann und macht ein Vorhängeschloss an die Tür der Werkstatt. Seine Hände zittern, der Schlüssel findet nicht gleich ins Schloss. Wo ist Szajek? – fragt sie den Mann. Dort – er zeigt auf die verschlossene Tür (die Hand, die er Richtung Tür streckt, zittert ebenfalls) und läuft die Treppe hinunter. Szajek, flüstert sie ins Schloss, ich kann nicht zu dir rein. Die Lastwagenmotoren werden immer lauter. Szajek! Sie versucht das Schloss aufzureißen, dann schlägt sie mit aller Kraft dagegen, ich kann hier nicht stehenbleiben! Im Hof ruft jemand »Juden rauskommen!« – und man hört Getrampel. Sie weiß, was gleich passieren wird: Sie werden in den Wohnungen suchen, Stockwerk für Stockwerk. Sie werden mich finden, erklärt sie dem Schloss. Sie werden mich finden und zum Platz bringen. Sie hört ein Kind weinen, einige Schüsse und eine fremde, zitternde Stimme: Rette mich! Szajek, rette mich! Als sie »Szajek« hört, wird ihr klar, dass es ihre eigene Stimme ist. Ich bin es, die schreit, ich war ein bisschen erschrocken, aber jetzt bin ich wieder ruhig, ich kann hier nicht stehen, sie werden mich erschießen, ich kann hier nicht stehen, sie erschießen mich auf der Stelle, er wird die Tür öffnen und mich hier erschossen liegen sehen, ich kann nicht… All das sagt sie laut, während sie die Treppe hinuntergeht. Vor dem Haus sammeln sich Leute. Jüdische Polizisten und SS-Männer bilden eine Kolonne. Einer der Polizisten ist Jurek Gajer, der vor kurzem Basia Maliniak geheiratet hat. Er sieht sie. Zuckt ratlos die Schultern. Das soll heißen: Ich kann nichts für dich tun, du siehst ja selbst. Und er führt sie zu der Kolonne. Sie gehen. Vorbei an ausgestorbenen Straßen. Vorbei an einem weit geöffneten Holztor und am Krankenhaus… Sie sind auf dem Platz. Sie denkt: Ich bin auf dem Platz. Das ist der Umschlagplatz, und ich bin jetzt hier. Die Waggons werden kommen, um uns zu holen… Guter Gott, die Waggons werden kommen – und wie kommt er ohne mich zurecht?

 

 

Die linke Hälfte

Jemand lässt den Film in Zeitlupe laufen und hat den Ton gedämpft, deshalb bewegen sich die Menschen langsamer und reden leiser. Oder sie reden gar nicht, sitzen auf ihren Bündeln und wiegen sich – nach vorn und nach hinten, nach vorn und nach hinten. Oder sie flüstern vor sich hin, gut möglich, dass sie beten. Sie haben sich beruhigt, laufen nicht mehr umher, versuchen nicht mehr zu fliehen. Sie warten. Gerade so viel Kraft haben sie noch: zum Warten.

Sie kann nicht warten. (Die Razzia ist sicher beendet, der Mann hat das Vorhängeschloss geöffnet, und die in der Werkstatt eingeschlossenen Leute sind herausgekommen. Bist du Szajek? – hat der Mann gefragt. Deine Frau war hier… Szajek ist auf die Straße gelaufen, Iza, hat er gerufen, Izolda, und Jurek Gajer hat ihm gesagt, Izolda ist nicht da, sie ist auf dem Umschlagplatz… Hör auf zu schreien, ich sag dir doch, Izolda ist nicht mehr da.)  

Sie schaut sich um. An der Mauer steht ein Faß. Man sieht mit bloßem Auge, dass es zu klein ist, aber sie versucht hineinzukriechen. Zusammen mit dem Fass fällt sie um. Das Krankenhaus ist geschlossen, trotzdem stellt sie sich an die Tür. Sie steht da. Stunden vergehen. Ein Arzt aus der Typhusabteilung sieht sie durchs Fenster. Das ist unsere Krankenschwester, sagt er dem Polizisten. Sie darf hereinkommen, legt sich auf ein freies Bett. Sie denkt: Die Kranken nehmen sie nicht mit. Aber jemand kommt in den Saal und sagt, man werde die Patienten abtransportieren. Sie steht auf. Putzt den Boden. Die Putzfrauen nehmen sie nicht mit, denkt sie, aber jemand kommt in den Saal… Sie zieht eine weiße Schürze an, die Krankenschwestern nehmen sie nicht mit… Der jüdische Polizist stellt alle Arbeiter in eine Reihe, tritt an jeden heran und hält die Mütze hin. Die Leute werfen Ringe, Kettchen, Uhren hinein… Sie holt eine silberne Puderdose heraus, das Verlobungsgeschenk von ihrem Mann. Sie öffnet sie, wischt den Puder vom Spiegelchen, betrachtet sich und wirft die Dose in die Mütze. Der Polizist nimmt die Dose und gibt sie ihr wortlos zurück, Silber interessiert ihn nicht. Sie verlassen das Krankenhaus. Der Platz ist schon leer, nur wenige Passanten huschen durch die Straßen. Der Wind wirbelt Papiere auf, weggeworfene Töpfe klappern, offene Fenster schlagen, irgendwo in der Nähe wiehert ein Pferd, auf der Fahrbahn liegt eine Schüssel mit dem Boden nach oben, weiß, mit schwarzen Flecken, wo die Emaille abgesprungen ist, jemand wollte sie in den Waggon mitnehmen, aber dann war sie hinderlich.

Sie teilt den Eltern mit, dass sie keinen Tag länger im Ghetto bleibt. Da hast du recht, sagt der Vater, da hast du wirklich recht, und er macht eine leichte Bewegung mit den Fingern der rechten Hand, mit Daumen und Zeigefinger. Sie kennt diese Geste, ihr Vater unterstreicht damit die Bedeutung seiner Worte. Du wirst nicht wie ein Lämmchen in den Tod gehen, sagt der Vater mit ernster, feierlicher Stimme und hebt wieder die rechte Hand. Sie denkt nicht daran, wie sie in den Tod gehen wird. Sie hat nicht vor, in den Tod zu gehen. Sie denkt an den Reflex des Vaters. Er kommt aus der linken Hirnhälfte, die für die Sprache und die Bewegungen der rechten Gliedmaßen verantwortlich ist. Das weiß sie aus den Kursen für Krankenschwestern, aber wissen das die Leute auf der arischen Seite? Unterscheiden sie die Arbeit des Gehirns von jüdischen Gestikulationen? Gut, dass du weggehst, versichert der Vater und drückt sie mit beiden Armen an sich. Dank dessen befinden sich seine Hände auf ihrem Rücken. Dank dessen muss sie nicht überlegen, was Leute denken, die sich nicht mit den Aufgaben der Hirnhälften auskennen.

Am nächsten Tag, früh morgens, begleitet ihr Mann sie auf die Wache.

Sie gibt dem Gendarmen die Geldscheine, die sie von Herrn Rygier und Herrn Borensztajn erhalten hat, und verlässt mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten das Ghetto.

 

 

Der Sessel. Rose-Marie

Einige Zeit (etwa ein Vierteljahrhundert) nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt sie sich das Alter vorzustellen.

Sie wird sich in den Sessel setzen. (Draußen vor dem Fenster werden Zitronen-, Oliven- und Mandelbäume wachsen.)

Sie wird ein Buch zur Hand nehmen, eines von vielen, die sie sich zu lesen vorgenommen hat.

Sie wird sich einen Film ansehen, einen von vielen…

Sie wird eine Platte auflegen…

Sie wird einen langen Spaziergang über den Berg Karmel machen. Vielleicht wird sie nach unten gehen, ans Meer, wird die Schuhe ausziehen und den feuchten Sand unter den Füßen spüren, wärmer als der Sand in Sopot, aber rauher…

Am Abend wird eine ihrer Enkelinnen kommen. Wird erzählen, was in der Arbeit los ist. In der Schule. Mit dem Verlobten. Ich dachte, ich liebe ihn, vertraut sie ihr im Geheimen an, aber ich habe mich wohl getäuscht.

Sie wird versuchen, der Enkelin etwas zu erzählen, eine Geschichte, die ein halbes Jahrhundert alt ist (was auch sonst), eine ungewöhnliche Geschichte, also wird die zu ihren Füßen kauernde Enkelin mit angehaltenem Atem zuhören. Zum Schluss wird sie die Augen niederschlagen und flüstern: Und dann war nichts mehr. Ganz wie in »Rose-Marie«, dem amerikanischen Vorkriegsfilm nach einer Operette von Rudolf Friml mit Jeanette MacDonald und Nelson Eddy in den Hauptrollen. Rose-Marie, alt geworden, aber immer noch schön, saß im Sessel, erzählte eine Geschichte, der Film zeigte ihr ganzes Leben. Doch die MacDonald schlug nicht die Augen nieder. Das war Vivien Leigh als Lady Hamilton in einem anderen Film, aber das macht nichts. In dem Buch, das jemand über sie schreiben wird, könnte sie im letzten Kapitel wiederholen: Und dann war nichts mehr. Mit nachdenklich niedergeschlagenen Augen.

 

 

Der Sessel. Der Fremdsprachenlehrer

In welcher Sprache wird sie erzählen? Auf polnisch? Die Enkelinnen werden kein Polnisch können. Und sie wird kein Hebräisch lernen, also vielleicht auf englisch? Sie hat drei Monate Unterricht gehabt. Sie war begabt, und der Lehrer hatte eine geniale Methode: Er las ihnen schon in der ersten Stunde Oscar Wilde im Original vor. Den Lehrer hatte Jureks Mutter engagiert, er kam drei Mal die Woche zu den Szwarcwalds nach Hause. High above the city, on a tall column, stood the statue of the Happy Prince… begann das Lieblingsmärchen des Fremdsprachenlehrers – »Der glückliche Prinz«. Der Lehrer war ein alter Junggeselle, ein bisschen schüchtern und sehr höflich. Wenn er sich zum Mittagessen setzte, verbeugte er sich vor allen und sagte »Guten Appetit«, wenn er vom Tisch aufstand, verbeugte er sich wieder und sagte »Danke sehr«. Das Mittagessen bekam er von Frau Szwarcwald für den Unterricht. Sie war also begabt und fleißig (sorgfältig linierte sie die Hefte und schrieb die unregelmäßigen Verben in die entsprechende Spalte: to be – was – been, to eat – ate – eaten), und sie hätte sicher Englisch gelernt, wenn der Lehrer sich nicht erhängt hätte. In der Zeitung stand eine Meldung über den Selbstmord eines Mannes in mittlerem Alter, aber ohne Namen, und es ist nicht sicher, ob es der Lehrer war. In der Rubrik »Unglückliche Ereignisse« wurden oft solche Informationen veröffentlicht, und in der Rubrik »Erste Hilfe« wurden medizinische Ratschläge erteilt. Im Falle von Erhängten wurde künstliche Beatmung empfohlen, sofort nach dem Abschneiden vom Strick. Leider hat man den genialen Lehrer nicht rechtzeitig abgeschnitten und keine Beatmung angewandt, Izolda R. wird sagen können high above the city, on a tall column…, und sie wird der zu ihren Füßen kauernden Enkelin nicht ihre Geschichte erzählen.

 

 

Die Handtasche

… sie gibt dem Gendarmen die Geldscheine und verlässt mit gleichmäßigen Schritten das Ghetto.

Sie hat eine Handtasche bei sich (die hat ihre Mutter kurz vor dem Abitur bei Herse gekauft) und einen kleinen Strandbeutel mit Nachthemd, Zahnbürste und ihrem gelben Lieblingsbademantel, den man als Schlafrock tragen kann.

Sie klopft an die Tür. An der Schwelle erscheint Frau Hauptmann Kazimiera Szubert, genannt Lilusia, die Nachbarin vom Sommerhaus in Józefów. Sie ist schon angezogen, der Zopf zu einem Kranz hochgesteckt, in der Hand hält sie eine Zigarette. Sie wundert sich nicht. Ist nicht erschrocken. Komm rein, sagt sie und legt schnell die Kette an die Tür. Und weine nicht, ich bitte dich, wir dürfen nicht weinen. Wir, sagt sie. Zu einer Person, die »Rette mich« in ein Vorhängeschloss brüllt. Die sich in einem zu kleinen Fass zu verstecken versucht. Die Frau eines polnischen Offiziers (ihr Mann ist im Oflag, dem Offiziersgefangenenlager, im Klapptisch liegt eine Waffe, und im Sofa sind Untergrundzeitungen) sagt: WIR.  

Sie hört auf zu weinen. Isst Frühstück. Fühlt sich immer besser. Sie fühlt sich als Teil der besseren, ästhetischen, arischen Welt.

Ein Frisör, den sie kennt, färbt ihr das Haar. Zuerst entfärbt er es mit Perhydrol, dann legt er Farbe auf, aschblond. Er betrachtet sie mit Genugtuung: so lassen, nicht wie andere Judenmädel – gelb wie Stroh.

Mit dem Stroh anderer Judenmädel hat sie nichts zu tun. Sie wird eine blonde Frau, eine große blonde Frau, denn mit ihren langen festen Beinen sieht sie groß aus. Zufrieden mit sich kehrt sie zu Lilusia Szubert zurück.

In der Küche, am Tisch, sitzen Gäste: der Hausmeister und sein Sohn. Es ist Geschichtsunterricht, der Junge erzählt von Wladyslaw Jagiello, der kämpfte, gewann und starb… Wo ist er gestorben? – fragt Lilusia, in Gródek, sehr gut, an der Wereszczyca, morgen suchen wir sie auf der Karte, und was war weiter? Der Junge weiß nicht, was weiter war, also entschuldigt sie sich, sagt »Guten Tag« und stellt ihre Handtasche hin. Auf den Tisch stellt sie sie, mit der lockeren Geste einer großen Blondine. Marynia, unterbricht Lilusia ihren Unterricht, sei so gut und nimm sie weg, du stellst sie ja hin wie eine Jüdin. Schnell nimmt sie die Tasche weg, entschuldigt sich noch einmal und lacht laut mit. Die Gäste verabschieden sich, Lilusia erklärt, das war ein raffinierter Trick – er sollte den Verdacht des Hausmeisters zerstreuen, falls der sich irgendwas dachte. Sie versteht Lilusias schlaues Vorgehen, aber sie beginnt jetzt die Tasche zu betrachten. Stellt sie auf den Boden. Und? Steht sie jetzt jüdisch da? Sie stellt sie aufs Sofa. Auf den Hocker. Auf den Stuhl. Denn wenn das jüdisch aussieht, was ist das »Jüdische« an der Tasche? Das Leder? Es ist dünn, weich, hat die Farbe von Milchkaffee. Der Lack ist zwar rissig und blättert an einigen Stellen ab, aber sie kann an dem Leder nichts Verdächtiges erkennen. Der Henkel? Leicht gebogen, mit einem seidenen Zopf umflochten, ist er etwas angeschmutzt, aber darum geht es wohl nicht. Und auch nicht um das Futter, das ja unsichtbar ist, ebenfalls aus Seide, an einigen Stellen von Maniküregeräten zerrissen. Noch einmal: auf den Boden, auf den Hocker, auf den Tisch… Steht sie jetzt jüdisch da?

 

 

Die Stimme