Inhalt

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Mirko Moritz Kraetsch

Prag abseits der Pfade

MIRKO MORITZ KRAETSCH

Prag

ABSEITS DER PFADE

Eine etwas andere Reise durch
die Goldene Stadt

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

1. Auflage 2014

© 2014 by Braumüller GmbH

Zitat auf Seite 8:

Coverfoto: flickr | Stefan Munder (CC BY 2.0)

ISBN E-Book: 978-3-99100-132-4

Inhalt

Einleitung

Schlendern, trödeln und flanieren

1. Spaziergang

Ein Nobelpreisträger, ein Kunstprovokateur und eine Heilige

2. Spaziergang

Beethoven, Genscher und Karl IV.

3. Spaziergang

Jericho, Amerika und Bethlehem

4. Spaziergang

Totengräber, Gotteskrieger und Schaufenstergeiger

5. Spaziergang

Villen, Schlösschen und Paläste

6. Spaziergang

Maulbeerplantagen, Weinberge und Barrikaden

7. Spaziergang

Ein Tiger, ein Pferd und ein Aquarium

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Diese sieben Spaziergänge führen abseits der Pfade durch Prag.

„Prag läßt nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen oder –. An zwei Seiten müßten wir es anzünden, am Vyšehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, daß wir loskommen. Vielleicht überlegst Du es Dir bis zum Karneval.“

Franz Kafka an Oskar Pollak

Einleitung

Schlendern, trödeln
und flanieren

Metro fahren und Pistazieneis schlecken. Das waren für mich als Kind die größten Sehnsüchte und Freuden, die ich mit Prag verband. Mit meiner Familie war ich als gebürtiger Dresdner etwa einmal pro Jahr in der Tschechoslowakei, und besonders die „Goldene Stadt“ hat mich bei jedem Besuch schwer begeistert. Vor allem der Wenzelsplatz war ein Muss, denn hier gab es gleich zwei Metro-Stationen und außerdem zwei, drei über den Platz verteilte Softeisstände, die Pistazieneis verkauften – giftgrün, sahnig-süß und total exotisch für ein Kind der DDR.

Damals hätte ich nicht im Traum gedacht, dass ich einmal für fast ein Jahr in Prag leben und studieren würde. Während meiner zwei Semester an der Prager Karlsuniversität 1994 / 95 nahm ich mir viel Zeit, mir meine vorübergehende Heimat sehr genau anzuschauen, was meine Liebe zu Prag nur verstärkt hat. Ich bin danach immer und immer wieder ausgiebig durch die Stadt gestromert, die ich inzwischen sogar zu meinem Zweitwohnsitz erklärt habe. Auf den Spaziergängen in diesem Buch war ich entweder allein unterwegs oder habe mir von Pragerinnen und Pragern die unterschiedlichsten Gegenden aus ihrem persönlichen Blickwinkel zeigen lassen und dabei wieder einmal atemberaubende Ecken dieser herrlichen Stadt entdeckt.

Was gibt es zu sehen?

Mich fasziniert jedes Mal wieder die Urbanität, die Dichte, das Kompakte. Aber mit den überraschend zahlreichen Parks und Grünflächen hat Prag auch etwas Großzügiges. An der Topografie der Stadt lässt sich viel über ihre Geschichte ablesen, was ich in diesem Buch immer wieder zeigen möchte.

Über weite Strecken ist die Stadtstruktur des frühen 20. Jahrhunderts erhalten geblieben. Alle Architekturstile finden sich hier, angefangen bei den romanischen Rotunden über Gotik, Renaissance und Barock im Stadtkern und Historismus, Jugendstil und Art déco (mit der tschechischen Spielart des Rondokubismus) in den ehemaligen Vorstädten bis hin zu allen Stilen des 20. und 21. Jahrhunderts. Typisch für Prag sind die vielen Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit (die in Deutschland beispielsweise ihren Ausdruck in der Bauhaus-Architektur fand). Nach dem 1. Weltkrieg herrschte ein enormer Bauboom und sowohl das Zentrum als auch die Vorstädte wurden zum Spielplatz für Architekten von Weltrang, zum Beispiel Adolf Loos mit der Villa Müller in Střešovice, Jan Kotěra und seine Villa Trmal in Strašnice oder Josef Gočár, der für den Baumeister František Strnad ein Haus in Bubeneč entworfen hat (das ist heute Sitz der mongolischen Botschaft und wurde leider stark verändert); die beiden erstgenannten Villen sind in hervorragendem Zustand und können besichtigt werden. Bemerkenswert ist auch die Mustersiedlung Baba im Norden von Prag, deren Häuser ab 1932 von Architekten wie Pavel Janák, Mart Stam oder Ladislav Machoň für ihre Besitzer regelrecht maßgeschneidert wurden.

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Eine der schönsten Aussichten auf
Prag bietet der Park von Letná;
hier der Blick Richtung
Petrská čtvrť und Žižkov
mit dem Fernsehturm.

Allerdings ist in allen Epochen der Geschichte auch genauso viel an alter Bausubstanz vernichtet worden. So manches gotische oder barocke Anwesen mag sicher den Ansprüchen der neuen Zeit nicht mehr genügt haben, aber es gab auch immer schon Spekulanten, die vor allem Geld verdienen wollten und dann schnell mit der Abrissbirne zur Hand waren und Tatsachen schufen. Der 2. Weltkrieg hingegen hat sich nur marginal auf die Prager Bausubstanz ausgewirkt, und das hat in Mitteleuropa Seltenheitswert. (Nicht umsonst werden hier dauernd Filme gedreht, die in einer deutschen oder österreichischen Stadt der Vorkriegszeit spielen sollen.) Es gab drei Luftangriffe, die sich überwiegend gegen Industrie- und Verkehrsanlagen richteten. Am 14. Februar 1945 jedoch flogen kurz nach 12 Uhr über 60 amerikanische Bomber einen Angriff gegen dicht besiedelte Bereiche südlich der Innenstadt (Radlice, Vyšehrad, Vinohrady, Nusle, Pankrác). In nur fünf Minuten kamen 700 Menschen ums Leben, 1 200 wurden verletzt und zahlreiche Gebäude zerstört oder schwer beschädigt, etwa das Emmauskloster und das Faust-Haus beim Karlsplatz oder die riesige Synagoge von Vinohrady. Es gibt Vermutungen, dass die Piloten dieser Staffel durch einen Navigationsfehler Prag mit Dresden verwechselt haben, das ja zwischen dem 13. und 15. Februar intensiv bombardiert worden ist. Ich sage mir an dieser Stelle: Wer weiß, vielleicht wäre eine der Bomben, die auf Prag gefallen ist, sonst kurze Zeit später über dem Haus in Dresden ausgeklinkt worden, in dessen Keller meine damals fünfjährige Mutter mit ihrer Familie das Ende der Angriffe herbeigesehnt hat …

Auch die letzten Jahrzehnte sind nicht spurlos an den Fassaden vorübergegangen: Sei es die vernachlässigte Sanierung historischer Gebäude zugunsten von Neubauten, vor allem in den großen Plattenbauvierteln, aber auch direkt in der Innenstadt, etwa in Žižkov, seien es brachiale Eingriffe in die Stadtstruktur wie die Magistrála, die Stadtautobahn aus den 1970ern und 1980ern, sei es die massive Renovierungswelle seit den Neunzigerjahren, die ganze Viertel in Bonbonfarben getaucht und viele Wohnungen in Büros, viele Läden des alltäglichen Bedarfs in Souvenir-, Glas- und Modegeschäfte verwandelt hat. Die Einwohnerzahl im Zentrum, etwa die der Altstadt, geht auch deswegen kontinuierlich zurück – Anfang der 1960er-Jahre wohnten hier gut 24 000 Menschen, Anfang der Neunziger waren es rund 13 000, aktuell sind es noch etwa 9 000.

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Das Palais Clam-Gallas
in der Husova, mein
Lieblings-Barockprachtbau.

Wie gelange ich von A nach B?

Im innerstädtischen Bereich kommt man am besten zu Fuß voran. Das ist die angemessene Geschwindigkeit, um alles wahrnehmen zu können. Nur so erschließen sich die Reize der Stadt, nur so versteht man, wie sie tickt. Man braucht viel Zeit, denn jede Möglichkeit zu einem Umweg, einem Abzweigen, einem Eintauchen in eine Passage, einen Innenhof oder ein kleines Seitengässchen sollte unbedingt genutzt werden, auch wenn man dann nicht dort ankommt, wo man hinwollte. Und ohne es zu merken, legt man enorme Entfernungen zurück – mit Pflastermüdigkeit ist unbedingt zu rechnen.

Da im Zentrum Fußgänger ein Massenphänomen sind, fahren viele Autos eher defensiv. Die in den letzten Jahren in großer Zahl angelegten Zebrastreifen sind inzwischen wirklich sichere Orte, um die Straßen zu überqueren. Nur Obacht auf die Straßenbahn! Die hat immer Vorfahrt, auch an Zebrastreifen.

Apropos: Die Straßenbahn, deren Gleise als dichtes Netz über der Stadt liegen, ist eine angenehme Alternative zum Gehen. Man kommt dank günstig geschalteter Ampeln und beherzten Fahrstils flott voran und kann bequem die Gegend betrachten.

Die Metro bietet sich für längere Strecken an. Die Bahnhöfe liegen teilweise tief unter der Erde, sodass man durchaus eine Minute auf der Rolltreppe verbringen kann. Wenn man nur ein, zwei Haltestellen weit will, dauern der Weg vom und zum Bahnsteig und das Warten auf den Zug wahrscheinlich länger als die eigentliche Fahrt. Die Stationen sind allerdings sehenswert.

Das Fahrrad fängt gerade an, als Fortbewegungsmittel eine größere Rolle zu spielen, allerdings lässt die Infrastruktur noch sehr zu wünschen übrig. Zudem reagieren Prager Autofahrer eher verstört bis aggressiv auf die zweirädrigen Eindringlinge in den heiligen Straßenraum. Hinzu kommt, dass die Stadt einiges an Steigungen aufzuweisen hat, was das Radeln zu einer sportiven Fortbewegungsart macht.

Sehr angesagt bei Prag-Besuchern sind momentan Segways, die es an vielen Orten auszuleihen gibt. Sie bewegen sich jedoch überwiegend durch sowieso schon völlig verstopfte Gässchen, was zu nicht immer begeisterten Reaktionen seitens der Passanten führt. (Auch ich zeige solchen Grüppchen immer mein grimmiges Gesicht.)

Aufs Schifffahren kann man in Prag getrost verzichten. Zwar bietet es eine etwas andere Perspektive auf die Stadt, allerdings können Blicke von den Ufern und den zahlreichen Brücken da auf jeden Fall mithalten.

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Typisches Siebzigerjahre-Design in der Metrostation Náměstí Míru (Linie A).

Vom Auto ist – zumindest im Innenstadtbereich – abzuraten, obwohl die in den Blechlawinen feststeckenden Einheimischen das genaue Gegenteil zu behaupten scheinen. Die Straßen sind meist schmal und oft nur in eine Richtung zu befahren, vor allem sind sie aber in der Regel verstopft. Außerdem ist es nahezu unmöglich, einen Parkplatz zu finden, da die ganze Stadt ausschließlich aus Anwohnerparkzonen zu bestehen scheint (gekennzeichnet durch einen blauen Strich). Parkverbote werden intensiv überwacht und Verstöße mit saftigen Strafen geahndet, im schlimmsten Fall mit Abschleppen oder einer Wegfahrsperre.

Adressen werden übrigens meist mit zwei Hausnummern angegeben: Zuerst steht (in aller Regel) die Konskriptionsnummer (am Objekt selbst eine weiße Zahl auf rotem Untergrund); die haben die Häuser eines Stadtteils in der Reihenfolge ihrer Entstehung erhalten. Es folgt die Ordnungsnummer (weiß auf blauem Untergrund), mit der alle Häuser einer Straße durchgezählt werden, in Prag immer im Zickzackprinzip (eine Straßenseite bekommt die geraden, die andere die ungeraden Nummern). Im Rahmen der Internationalisierung kommen allerdings die Konskriptionsnummern bei Adressangaben merklich aus der Mode.

Was gibt es zu essen?

Kulinarische Traditionen gibt es natürlich – allerdings kaum traditionelle Institutionen in Form von alteingesessenen Restaurants. Das hat vor allem mit den Turbulenzen des 20. Jahrhunderts zu tun, in dessen Verlauf Prag zu sechs Staaten und staatsähnlichen Gebilden unter den verschiedensten politischen Vorzeichen gehört hat. 1900 war die Stadt regionale Metropole Böhmens innerhalb der Habsburgermonarchie, sprich: tiefe Provinz. Nach dem 1. Weltkrieg war sie Hauptstadt der Tschechoslowakei, der sogenannten Ersten Republik. Nach der Besetzung der sudetendeutschen Gebiete Anfang Oktober 1938 durch Nazi-Deutschland als Ergebnis des Münchner Abkommens folgte die kurze Epoche der Zweiten Republik unter Präsident Edvard Beneš. Im März 1939 kam es mit dem Einmarsch der Wehrmacht zur Proklamation des „Protektorats Böhmen und Mähren“ und damit zur „Zerschlagung der Rest-Tschechei“. (Dieser Begriff der deutschen Propaganda ist die Ursache für die große Abneigung der Tschechen gegen den Ausdruck „Tschechei“, weswegen das Land heute korrekt „Tschechien“ heißt.) Nach einem kurzen Aufleben der Vorkriegsdemokratie nach Kriegsende gelangte dann im Februar 1948 die Kommunistische Partei an die Macht, die das Land ins sozialistische Lager führte. Dieses brach 1989 zusammen, und es entstand die Tschechoslowakische Föderative Republik, die jedoch nur kurz Bestand hatte und sich bereits zum 1. Januar 1993 in die Slowakische und die Tschechische Republik teilte.

Die einschneidendsten Brüche stellten der 2. Weltkrieg und der Fall des Eisernen Vorhangs dar. Denn an diesen beiden Punkten rissen viele Traditionen ab. Im ersten Fall wurde der weltoffenen, multikulturellen Atmosphäre der Stadt ein Ende bereitet, zum einen durch die Vertreibung und Ermordung eines Großteils erst der jüdischen und dann der deutschen Einwohner in den Vierzigerjahren, zum anderen später durch die Isolation von einem Großteil der restlichen Welt dank der Zugehörigkeit zum Ostblock. Nach 1989 wiederum wurde viel Althergebrachtes infrage gestellt, die Leute hatten Hunger nach allem Fremden, Exotischen, Unbekannten, das nun verfügbar war.

Das spiegelt sich auch in Prags gastronomischer Infrastruktur wider. Von Schweinebraten, Gulasch und Knödeln hatten viele insbesondere junge Tschechen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs offenbar die Nase voll. Jetzt wollten sie die Welt schmecken, und so hielten die italienische und die französische Küche sowie alle möglichen Arten asiatischer Speisenzubereitung ihren Einzug. Es wurden Hamburger gegrillt (und das nicht nur in den bekannten Schnellbratereien) und Meeresfrüchte frittiert. Und innerhalb dieser bunten Mischung aus Stilen haben sich mit der Zeit Institutionen herausgebildet, die heute für das kulinarische Prag stehen.

Im Rahmen einer Art Retro-Welle wächst allerdings überall in der Stadt die Zahl der Lokale, die tschechische Klassiker anbieten, oft nicht allzu raffiniert zubereitet, dafür zu günstigen Preisen. (Übrigens wird bei der böhmischen Hausmannskost generell nicht besonders stark gewürzt.) Bei der Wahl des Wirtshauses darf man sich in Prag durchaus auf seine Instinkte verlassen. Ein Blick auf die Speisekarte und eine kurze Beobachtung von Personal und Gästen bieten eine gute Entscheidungsgrundlage. Wenn das Angebot überwiegend in Deutsch und Englisch hinausposaunt wird und der Aufsteller mit „TOURIST MENU – 250 Kč“ wirbt, dann ist doch klar, was man hier erwarten kann.

Sehr typisch für den Prager Speisezettel jenseits der Gasthäuser sind die Chlebíčky, kleine, üppig belegte Weißbrotscheiben mit Schinken, Salami oder Schnittkäse, mit Mayonnaise, Fleischsalat oder Krebsfleisch, mit Ei, Tomate, Gewürzgurke und allem, was sich zum Dekorieren eignet. Erfunden wurden diese gehaltvollen Leckerbissen angeblich nach dem 1. Weltkrieg von Jan Paukert, Inhaber des gleichnamigen, bis heute existierenden und nach Verstaatlichung und Restitution auch wieder in Paukert’schem Familienbesitz befindlichen Delikatessengeschäfts in der Národní třída (Nationalstraße). Bis vor etwa zwanzig Jahren gehörten Chlebíčky noch zum Standardsortiment in Feinkostläden und Konditoreien, doch mittlerweile haben sie durch die internationaleren Sandwiches, Panini oder Wraps ordentlich Konkurrenz bekommen.

Auch die Vorliebe der Einheimischen für Süßes darf nicht unerwähnt bleiben. Konditoreien (cukrárna) und Bäckereien (pekařství) bieten ein umfangreiches Sortiment an Kuchen und Torten. Klassiker sind der kleine runde Koláček mit Mohn-, Quark- oder Apfelfüllung, Laskonka, zwei Baiser-Scheiben gefüllt mit Buttercreme, Věneček, ein mit Vanillecreme gefüllter Spritzring, Indiánek (ähnlich politisch inkorrekt wie der verwandte Negerkuss) und Kremrole, die allerdings statt mit Schlagsahne meist mit quietschsüßem Zuckerschaum gefüllt ist.

Was gibt es zu trinken?

Bier. Logisch. Dieses Klischee stimmt einfach. Böhmen ist das Land des Gerstensafts. Man denke nur an die zu Bier gewordenen Städte Pilsen und Budweis. Mit Staropramen in Smíchov gibt es auch in Prag noch eine richtige Großbrauerei. Daneben existieren in und um Prag zahlreiche Klein- und Mikrobrauereien, teilweise auch in Verbindung mit Braugasthöfen. Die verzeichnen gerade einen regelrechten Boom und es gibt immer mehr Kneipen und Lokale, die ein sehr großes Sortiment an Fassbieren anbieten. Probieren lohnt sich auf jeden Fall, es muss ja nicht immer Plzeň sein.

Im Unterschied zu Restaurants gibt es bei den klassischen Bierschwemmen mehr Kontinuität. Einige von ihnen bestehen tatsächlich seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Die heutige Qualität ist dabei unterschiedlich. Der Grundton im Service kann schon etwas rau sein, was auf Gäste, die des Tschechischen nicht mächtig sind, abschreckend wirken mag (und dies vielleicht auch soll). Doch egal, in welchem Wirtshaus man in Prag landet: Was eigentlich immer stimmt, ist die Qualität des Biers, das können die Böhmen einfach, sowohl herstellen als auch richtig zapfen. Nur bei der Menge darf man ruhig genau hinschauen: Zu wenig einzuschenken ist leider eine Unsitte, die auch Kontrollen durch die Ämter nicht völlig ausmerzen konnten. Also aufpassen! Maximal ein Zentimeter unterm Eichstrich ist noch okay, je nach Dichte des Schaums. Und im Zweifelsfall auf Nachschenken beharren.

Abgesehen von den Brauereien unterscheidet man Biere nach Stärke. Die Zahlen beziehen sich dabei auf den Stammwürzegehalt, der in Grad angegeben wird. Die Klassiker im Ausschank sind Desítka, Zehner, und Dvanáctka, Zwölfer. (Pilsner Urquell ist ein Zwölfer.) Wenn man nur „Pivo“ bestellt, kriegt man im Zweifelsfall eher ein Zwölfer vorgesetzt, immer aber einen halben Liter. Kleinere Gebinde gibt es auf Anfrage zwar auch, sie gelten aber als suspekt. Und reinweg bizarr ist für Tschechen die Angewohnheit ihrer deutschsprachigen Nachbarn, Limonade oder gar Sirup in ihr Bier zu kippen. „Fujtajbl!“, sagt da der Kenner.

Sehr verbreitet ist mittlerweile das Tankbier (tankové pivo), das nur durch Luftdruck aus einer Zisterne im Keller durch den Zapfhahn ins Glas gedrückt wird. Es ist meist nicht pasteurisiert und dadurch voller im Geschmack, und es enthält weniger Kohlensäure.

Eine der typischen tschechischen Spezialitäten, die zum Bier gereicht werden, ist sicher Geschmackssache: Utopenci, Wasserleichen, heißen die sauer eingelegten Speckwürstchen, die kalt mit Zwiebel und Mischbrot serviert werden. Ebenso traditionell wie speziell sind Tlačenka (Sülzwurst) und Pivní sýr (Bierkäse), der am Tisch zubereitet wird. Ein warmer Snack sind Topinky, in Butterschmalz gebratene und mit Knoblauch eingeriebene Mischbrotscheiben.

Außer Bier wird auch gerne Wein getrunken, Weinstuben (vinárna) sind bei den Pragern zudem ein beliebter Treffpunkt für einen Plausch oder einen kleinen Imbiss. Mährische Weine lohnen immer einen Versuch, sie ähneln denen aus dem Weinviertel und anderen Regionen Niederösterreichs. Es gibt auch Weinbau in Mittelböhmen, zum Beispiel in Mělník am Zusammenfluss von Moldau und Elbe und sogar auf dem Stadtgebiet von Prag. (Nicht umsonst heißt das Stadtviertel östlich des Zentrums Vinohrady, Weinberge.) Diese Weine sollte man auf jeden Fall mal probieren, denn außerhalb Tschechiens sind sie nicht aufzutreiben.

Nicht alkoholische Getränke werden in einer international üblichen Auswahl angeboten. Bei Mineralwässern kommen auch einheimische Firmen zum Zug, insbesondere Mattoni aus Karlsbad. Und seit etwa zehn Jahren feiert die noch aus sozialistischen Zeiten stammende Kofola ein erfolgreiches Comeback im Retro-Stil. Allgegenwärtig sind hausgemachte Limonaden in zum Teil recht experimentellen Geschmacksrichtungen, von der klassischen Citronáda über Ingwer und Gurke (sehr lecker!) bis hin zu Kirsch-Rosmarin. Eine herrliche Erfrischung!

Kaffee gibt es in den weltweit üblichen Darreichungsformen. Tschechische old school allerdings ist der Turek (Türke): Dabei wird das Kaffeepulver in ein Trinkglas gegeben und mit kochendem Wasser aufgegossen. Dann wird nach Belieben gesüßt (seltener auch Milch dazugegeben, wohl aus optischen Gründen) und so lange getrunken, bis die ersten Kaffeekrümel an der Zunge kleben bleiben.

Tee zu trinken ist in tschechischen Lokalen nicht die reinste Freude, in der Regel gibt es mittelmäßigen Beuteltee (im besten Fall wird man noch gefragt: „Schwarz oder grün?“) und eine Scheibe Zitrone dazu. In großem Kontrast dazu stehen die seit den Neunzigerjahren recht verbreiteten Teehäuser (čajovna), in denen loser Tee gekauft, aber auch konsumiert werden kann. Hier wird Teekultur zelebriert, wie es sich gehört, und ein angenehmer Ort zum Pausieren geboten.

Und wie verständigt man sich?

Einheimische tun das in aller Regel auf Tschechisch. Allerdings war Prag bereits seit dem Beginn seiner Geschichtsschreibung mehrsprachig, da schon immer das Deutsche eine wichtige Rolle gespielt hat und dann über Jahrhunderte auch Amtssprache war. Mit dem Ende des 2. Weltkriegs hat sich das jedoch geändert. Das deutsche Besatzungsregime und die Kriegsgräuel haben bei den Einheimischen so viel Widerwillen erzeugt, in dem sie von den offiziellen Stellen auch noch bestärkt wurden, dass es ab 1945 zur berüchtigten Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung kam. Nur wenige von ihnen blieben im Land, wobei sie eher versuchten, ihren Hintergrund zu verheimlichen, da die deutsche Sprache anfangs verboten, später dann zumindest verpönt war.

In den Neunzigerjahren schwappte eine große Einwanderungswelle aus den USA nach Prag, es entstand eine komplett englischsprachige parallele Infrastruktur, die auch ich während meines Studiums hier miterlebt und genutzt habe und die sich in Teilen bis heute erhalten hat. Die Community ist mittlerweile deutlich kleiner, da Teile schon nach wenigen Jahren weiter gen Osten gezogen sind, zum Beispiel nach Krakau, aber einige der damaligen Neuankömmlinge sind in Prag sesshaft geworden.

Seit einigen Jahren hört man auf der Straße immer öfter auch Russisch, was vor allem von älteren Tschechen mit gemischten Gefühlen aufgenommen wird, denn nach dem Niederwalzen des Prager Frühlings durch sowjetische Panzer im August 1968 gibt es bei den meisten eine tief verwurzelte Abneigung gegen alles Russische. Allerdings sind diese Wunden in der jüngeren Generation bereits verheilt und Russland und die Russen werden eher im Kontext der aktuellen Politik wahrgenommen.

Es ist also keineswegs nötig, Tschechisch zu können, um als Besucher der Stadt hier voranzukommen. Doch wenn man ein paar Worte parat hat, wenn man die Kellnerin mit „Dobrý den!“ begrüßt, sich für das servierte Essen mit einem „Děkuji!“ bedankt und beim Abräumen des Geschirrs ein „Výborně! Ausgezeichnet!“ hinterherschickt, dann sammelt man einen Haufen Sympathiepunkte; manchmal ergibt sich daraus sogar ein kleiner Plausch und man fühlt sich plötzlich irgendwie dazugehörig.

Los geht’s!

In diesem Buch geht es um das Gesamtkunstwerk Prag, das Genießen der Stadt mit allen Sinnen, also nicht nur das Sehen, sondern auch das Hören (das vielsprachige Stimmengewirr, das Rumpeln von Reifen auf Kopfsteinpflaster, das Kreischen der Möwen, das Scheppern der Tatra-Straßenbahnen, das Jaulen der Rettungswagensirenen), das Riechen (Moldauwasser, der „Atem der Metro“, der noch vor ihr bei den Wartenden auf dem Bahnsteig ankommt, blühende Obstbäume an den Hängen des Petřín), das Fühlen (tagsüber aufgeheizte Häuserwände, die nachts ihre Wärme wieder abstrahlen) und das Schmecken (herbstliches Fallobst oder ein frisch gepflückter Apfel; das gibt es ab dem Spätsommer in fast allen öffentlichen Parks und wird vor allem von älteren Pragerinnen gern eingesammelt und gegessen oder verkocht). Die vorgeschlagenen Routen dienen als Anregung, doch sollte man sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit ablenken lassen, Gründe dafür finden sich so viele in dieser grandiosen Stadt. In jedem Fall gilt: Der Weg ist das Ziel.

An dieser Stelle erlaube ich mir ein paar ganz persönliche Tipps, wie man sich auf eine Reise nach Prag vorbereiten (oder diese nachbereiten) kann. Diese Liste erhebt dabei keinerlei Anspruch auf Ausgewogenheit oder Vollständigkeit.