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François Fejtő

Reise nach Gestern

François Fejtő

Reise nach Gestern

aus dem Ungarischen übersetzt und
herausgegeben von Agnes Relle

mit einem Photo-Album

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INHALT

EIN LANGER WEG DURCH DIE WIRRNISSE DES 20. JAHRHUNDERTS (Vorwort)

REISE NACH GESTERN

PHOTO-ALBUM

NACHWEIS ZUM PHOTO-ALBUM

FRANÇOIS FEJTŐ – EIN JAHRHUNDERTREISENDER (Nachwort)

FRANÇOIS FEJTŐ: WICHTIGSTE WERKE

DANKSAGUNG

EIN LANGER WEG DURCH DIE WIRRNISSE DES 20. JAHRHUNDERTS

1934 begab sich der junge Journalist und Literat Ferenc Fejtő auf Reisen.

Seine Reiseimpressionen publizierte er unter dem Titel Zagreber Tagebuch in der damals richtungsweisenden literarischen Zeitschrift »Nyugat« (Westen), die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die zeitgenössische literarische, künstlerische und philosophische Entwicklung Westeuropas in Ungarn zu vermitteln.

Kurz darauf bat ihn László Dormándi, der Verleger von Sándor Márai, zu sich: »Er habe das Zagreber Tagebuch mit Vergnügen gelesen, doch – möglich, dass er sich irre, fügte er in seiner bescheidenen Art hinzu – er habe das Gefühl, dass dieser Artikel nur ein Kapitel eines ganzen Buches sei, das in mir darauf warte, geschrieben zu werden. Ob ich denn Lust hätte, dieses Buch zu veröffentlichen? Er würde es gerne zum nächsten ›Tag des Buches‹ herausgeben«, erinnert sich Ferenc Fejtő 1989, 53 Jahre später, im Vorwort zur Neuauflage seines ersten literarischen Werkes, das 1936 mit dem Titel Érzelmes utazás (Sentimentale Reise) pünktlich zum »Tag des Buches« erschienen war. Es war weit mehr als ein Reisetagebuch: Hier formulierte er seine Schlüsselerfahrungen, die seine weitere Laufbahn als Historiker und politischer Journalist prägen sollten.

»Sobald sich meine erste Überraschung gelegt hatte, überlegte ich kurz und sagte: Warum eigentlich nicht? Denn mir wurde klar, dass er wahrscheinlich Recht hatte. Die im Reisetagebuch angestoßenen Gedanken bedurften einer ausführlicheren Erörterung: der Reise nach Zagreb und Dalmatien, den Streifzügen durch die väterlichen und mütterlichen Erinnerungen musste eine zweite Reise folgen, auf der Suche nach meinem eigenen Ich, bei der ich meine eigenen Vorstellungen klärte, schließlich kreisten diese noch wirr, noch widersprüchlich in mir.

Dazu muss man natürlich wissen, dass ich erst kurz vor meiner Reise aus dem Gefängnis frei gekommen war, wo ich wegen meiner Teilnahme an der revolutionären Arbeiterbewegung fast ein Jahr verbracht hatte. Wenn man die üblichen Folterungen beim Polizeiverhör überstanden hatte, verlangte die Haft einem nicht mehr allzu viel ab, nur unter der Kälte litt ich, unter den Wanzen, und es war schwer, ohne Frau zu sein, sonst aber wurde ich human behandelt, ich durfte Zeitungen kommen lassen und ich hatte endlich Zeit, die Werke von Hegel und Marx zu lesen oder Englisch zu lernen. Nach dem langen Eingesperrtsein hatte ich ein unaussprechliches Bedürfnis nach Bewegung, sehnte mich nach den kleinen und großen Annehmlichkeiten des Lebens. Mir wurde auch klar, dass ich eher zum Schriftsteller, Kritiker oder Historiker geboren war, nicht zum Politiker und Helden. Die Freiheit hatte mich trunken gemacht und für einen Moment vergessen lassen, dass ich in einer Zeit, einem Land, einer Welt lebe, in der eine ganze Portion Leichtsinn, Egozentrismus, ja Frivolität nötig sind, um in Glücksgefühlen zu schwelgen. Als ich jetzt nach dreiundfünfzig Jahren mein Buch wieder las, war ich erstaunt, wie wenig in meinen Betrachtungen von der Weltlage die Rede ist, als sei ich blind gewesen für die Gefahren, dabei dräuten sie wie Gewitterwolken am Horizont, als ich an der Adria lag und die süße Sonne mich wärmte. Aber man ist nicht oft jung, und man kommt nicht jeden Tag aus dem Gefängnis frei; selbst in einem unfreien Land, einer unfreien Welt ist es möglich, in Wald und Wiesen oder am Meeresstrand Leichtigkeit, ja Glück zu empfinden.

Und in dem Maße, wie das Buch sich entwickelte, gesellte sich zu den familiengeschichtlichen Entdeckungen, zum Genuss der Landschaft an der Adria und der Erleichterung über die Befreiung aus der Haft auch die Freude über eine andere Befreiung: die Befreiung aus den ideologischen Fesseln der sektiererischen Gruppierung, der ich mich schon vor meiner Verhaftung entfremdet hatte. […]

Von nun an konnte ich mir erlauben, unabhängig zu denken, was ich denke, zu sehen, was ich sehe und sogar, mich zu irren. […]

Die Sentimentale Reise ist eine lyrische, ganz bewusst provokative Revision meiner Überzeugungen. Dass sie falsch waren, wurde mir klar, als ich den jungen Marx, Kautsky, Rosa Luxemburg, die Austro-Marxisten, Jaurès und De Man studierte. Zu diesem Umdenken hatte auch Attila József viel beigetragen, mit dem ich seit 1931 befreundet war.«

Ferenc Fejtő betont, auch die Gattung des Reisetagebuchs sehr bewusst gewählt zu haben. »Nicht umsonst nannte ich mein Buch nach einem Zitat von Sterne Empfindsame Reise. Ich hatte ein Stimmungsbuch geschrieben, Belletristik, keine wissenschaftliche Abhandlung. Von der Politik hatte ich mich für eine Weile beurlaubt, um zu mir zu finden, frische Luft zu atmen, meine Gedanken zu klären.« Trotzdem sollte die Sentimentale Reise nicht losgelöst von Fejtős anderen Schriften gesehen werden, die er vorher und nachher in »Szocializmus« (Sozialismus), »Népszava« (Stimme des Volkes) und später in »Szép Szó« (Schönes Wort) publizierte, und die kritische, oft polemische, militante antifaschistische und marxistische Texte waren.

Bald nachdem das Reisetagebuch 1936 in Ungarn erschienen war, ging dieses außergewöhnliche und heute noch brisante Zeitzeugnis im Chaos des Weltgeschehens unter. So kam es, dass es nie ins Deutsche übersetzt worden ist.

2006 begann ich dann, das nachzuholen. Während der Arbeit fragte ich François Fejtő in Paris, ob er noch ein Photo von seiner Mutter hätte. Er brachte eine ganze Schuhschachtel mit alten Familienphotos. Die Bilder ließen Erinnerungen aufkommen, das Beschriebene sichtbar werden, Gesichter und Orte erhielten Konturen. Ihm gefiel die Idee, die Aufzeichnungen aus dem Jahre 1935 mit zeitgenössischen Photos und Bildkommentaren zu ergänzen, die Fenster auf das öffnen sollten, was danach geschah.

So wurde aus dem Zagreber Tagebuch die von heute aus unternommene Reise nach Gestern. Sie trägt dazu bei, das Jetzt besser zu verstehen, dessen Wurzeln im 20. Jahrhundert liegen.

Ferenc Fejtő, Budapest 1989

Agnes Relle, München 2012

Reise nach Gestern

IM ZUG ZWISCHEN GYÉKÉNYES UND ZAGREB, 27. JUNI

Die Grenze haben wir hinter uns, ich spüre eine gewisse feierliche Erleichterung, ein Aufatmen, bin aber nicht frei von Beklommenheit. Ich hatte Angst, wie vor einer Prüfung oder einer Kontrolle, dabei waren mein Pass und mein Gepäck in Ordnung, mein Gewissen vielleicht auch. Ich hatte Angst, und Angst hatte auch die Frau aus Budapest neben mir, die zu ihren Eltern nach Ragusa fährt, selbst das Lächeln des Herrn aus Wien, dessen Sohn in New York Rundfunkingenieur ist, half da nichts, ich sah, dass er Angst hatte. Ja er hatte sogar am meisten Angst.

Alle haben Angst. Wir sind unschuldig, die Grenzpolizisten sind höflich, unsere Unterwäsche berühren sie kaum, und sie glauben, was wir ihnen antworten. Und doch: Wir fühlen, dass wir etwas Unanständiges tun, und nur aus Taktgefühl und Höflichkeit verlieren die ungarischen und jugoslawischen Herren in Uniform kein Wort darüber. Sie verschließen die Augen, aber hinter ihrer höflichen Zurückhaltung verbergen sich Missbilligung und würdevoller Vorwurf. Wir sind wie Kinder, die in der Vorratskammer heimlich ein verbotenes Einmachglas geplündert haben, und obwohl die Eltern ihnen »verzeihen«, spüren alle, Eltern wie Kinder, dass die Angelegenheit damit noch nicht in Ordnung ist. Grenzen werden mit Sicherheit nicht zum Spaß gezogen, und auch das Verbot, Einmachgläser zu plündern, entspringt tiefen Gesetzmäßigkeiten.

Wir bekamen keine Schwierigkeiten, alles wurde für völlig ordnungsgemäß befunden, Wachen kamen und salutierten, gingen und salutierten, diesseits wie jenseits der Grenze, und doch spürten wir alle, dass die Angelegenheit nicht in Ordnung war, dass wir Abenteurer waren, Sünder, bei denen die Hand des Gesetzes dieses eine Mal noch nicht zugepackt hatte.

Einmal, ich erinnere mich, da war nicht alles so in Ordnung. Während der Revolution 1919* flüchtete mein Vater mit mir auf die andere Seite, ohne Pass, im Chaos, auf der Fähre bei Légrád. Wir wollten meinen kleinen Bruder in Zombor abholen, mit einem großen Umweg. In Alsódomború verbreitete sich das Gerücht, dass wir Ungarn sind, und mitten in der Nacht mussten wir die Wohnung des Bekannten, bei dem wir übernachtet hatten, heimlich durch die Hintertür verlassen. Wir setzten uns auf den Wagen, ein Regen brach los und wir fuhren im Galopp nach Csáktornya. Frierend und voller Furcht kuschelte ich mich an meinen Vater, der mich in die Flanelldecke hüllte, und wir galoppierten durch die Wälder, ein gespenstischer Wind peitschte den strömenden Regen gegen das Wagendach, und da begann ich zu weinen, wie peinlich, wie unvernünftig, ein Junge von zehn Jahren. Das war eine Reise! Schrecklich und wunderbar, voll Abenteuer, Romantik und Gefahr!

Nahe bei Gombos setzten wir im Boot über die Donau, es gab keine Fähre, nichts war wie gewohnt, für einige Monate war die Welt aus den Angeln geraten, der Fährmann fuhr nicht, sondern demonstrierte und plünderte, die Züge verkehrten nur launisch, und wir setzten also im Kahn über, mit zwei dicken Damen und einer aufgeplatzten Wassermelone, die ich festhalten musste. Das Boot schwankte auf dem wogenden Wasser so sehr, dass die beiden dicken Damen kreischten vor Angst, sie könnten hineinfallen; wir Männer aber halfen den Wellen lachend nach, mit der Bemerkung, ein kleines Bad würde keinem von uns schaden. Und wieder regnete es.

Heute war alles in Ordnung, und doch hatte ich genauso Angst, obwohl auch ich lächelte wie der Herr aus Wien. Ein neuartiges Schuldbewusstsein ist das, seit dem Krieg. Wir waren keine Schmuggler, nach den Buchstaben des Gesetzes machten wir keine krummen Geschäfte, wohl aber nach dem Geist des Gesetzes; wir hatten das Gefühl, etwas Verbotenes auf die andere Seite mitzunehmen, Geheimnisse zu kennen und Geheimnisse in Erfahrung zu bringen.

Geheimnisse über eine andere Welt. Denn hier drüben, jenseits der Brücke, konnte man schon am ersten Bahnhof sehen, dass wir nun in einer anderen Welt waren, mit Uniformen in anderen Farben, einer Fahne in anderen Farben; die Kellnerin, die einen Gespritzten ans Fenster brachte, sprach eine andere Sprache und tat, als würde sie nicht verstehen, was ich auf Ungarisch sagte. Dieser Übergang ist unspektakulär und doch so eigenartig wie ein Tor zwischen Straße und Gefängnis. Dort war ich zu Hause, bin ich hier fremd?

Die Gegend, an der wir nun vorbeigleiten, ist vertraut, eine typische Donaulandschaft, vertraute Bäume und Hügel, mit winkenden Bauernmädchen auf den Feldern. In Koprivnica ist ein Kaufmann eingestiegen, er unterhält sich mit dem Herrn aus Wien. Die Anspannung hat offenbar nachgelassen, denn der Herr aus Wien lächelt nicht mehr so verkrampft, auch das deutsche Mädchen dort drüben kichert nicht mehr, in ihrer Aufregung fand sie es furchtbar lustig, dass man in Gyékényes lange nicht umsteigen konnte und die Wachen die ungeduldigen Reisenden in die Waggons zurücktrieben. »Wie Schafe«, sagte sie und schüttelte sich vor Lachen. Jetzt kichert auch sie nicht mehr, ist versunken in einen billigen Reiseroman. Der Herr aus Wien, der aus Koprivnica und die gesetzte Dame aus Budapest unterhalten sich freundlich, mit einem Auge schielen sie misstrauisch zu mir herüber, was ich wohl schreibe.

Dieses Land ist fremd, und doch fühle ich mich, als würde ich nach Hause fahren. Ich bin ungeduldig, und wenn ich meinen Stift ruhen lasse und die Augen schließe, bin ich auch ein bisschen glücklich. Ich reise, sehr lange schon war ich nicht mehr auf Reisen. Aber es ist gar nicht das Reisen selbst, nicht das gehorsame Eilen des Zuges, die sich verändernde Landschaft, das leicht fiebernde Gefühl beim Fahren, was mich – ein bisschen – glücklich macht; auch nicht der glatt ablaufende, straflose Grenzübertritt, das Nachlassen der Anspannung, die Nähe des Ziels. Es ist etwas anderes.

Der Herr aus Wien fragt, wohin ich fahre.

»Nach Zagreb? Schön, sehr schön«, bemerkt er auf Deutsch. »Schöne Stadt, intelligentes Volk, gute Hotels«, und er schnalzt mit der Zunge.

Die Lokomotive pfeift langgezogen, jubilierend. In der Ferne erscheint schon der blaugraue Umriss des Sljeme. An den Bahnstationen drängen Weiblein mit Körben in den Waggon, sie setzen sich gar nicht mehr. Der Herr aus Wien erhebt sich und rückt sein Gepäck zurecht. In freudiger Erwartung mache auch ich mich bereit, sie alle werden mich am Bahnhof erwarten: meine Großmutter mit dem langen, borstigen Haar auf der linken Wange, die zu küssen immer so merkwürdig ist; mein Großvater mit seiner Kappe, eine Tüte mit Zuckerln in der linken Hand; Tante Toni mit ihrer ironischen Rührung – nur Onkel Otto nicht, um diese Zeit ist er im Büro; meine Schwester im kurzen Rock; und meine Mutter, wieder gesund, mit ihrer dichten Haarpracht, auf die sie immer stolz war, und die ich geerbt habe. Auf Fiakern mit Gummirädern ziehen wir nach Hause, und während ich den Kaffee trinke, die Kaisersemmel mit Butter verspeise, sitzen sie um mich herum, und dann werde ich ihre liebevoll prüfenden Blicke auf meinem Gesicht spüren.

ZAGREB, 27. JUNI

Am Bahnhof erwartete mich mein Schwager: Ivica, ein Kroate mit weißer Haut und glatten blonden Haaren, mit seinen so vertraut-zärtlich blinzelnden blauen Augen. Wir umarmten und küssten einander, zum ersten Mal in unserem Leben. Irgendwie fühlte ich mich ein wenig verletzt, weil die Familie mich nicht erwartete, in Reih und Glied, Spalier stehend, es ernüchterte mich, dass nicht nur die Toten, sondern auch die Lebenden nicht gekommen waren; in Vertretung für die Lebenden und die Toten war dieser Fremde gekommen, den ich als kleiner Junge nie gemocht hatte.

Niemand wisse von meiner Ankunft – informierte mich Ivica –, nur meine Schwester warte zu Hause auf mich, mit ihrem Sohn. Das Auto brauste über vertraute Straßen und Plätze – am liebsten hätte ich vor Freude gejauchzt, dass ich wieder hier bin, zu Hause –, hinauf in das neue Villenviertel, das gerade auf dem Hügel gebaut wurde, der dem Berg gegenüber liegt. Ich nahm zwei Stufen auf einmal, sprang die Treppe hoch. Seit acht Jahren hatte ich meine Schwester nicht gesehen, inzwischen hat sie geheiratet, ein Kind geboren, und nur selten schreibt sie Briefe. An der Tür stieß ich mit ihr zusammen, und als ich sie überschwänglich umarmen wollte, schob sie mich sanft von sich weg. Misstrauisch löste ich mich von ihr, trat einen Schritt zurück und betrachtete sie. Unsere Familie würde bald ein neues Mitglied haben. Das war also die Überraschung, darum hatte mein Schwager ständig geblinzelt, darum war Nada nicht gekommen, um mich abzuholen!

Ich sei ein richtiger Mann geworden, bemerkte meine große Schwester, und sie verstand gar nicht, dass ich mich darüber nicht besonders freute. Unser Gespräch kam nicht recht in Gang. Wir waren etwas verlegen, hüstelten, blickten einander an, fremd waren wir uns geworden. Wir sind Kinder der gleichen Mutter, sind einander ähnlich. Ihr kleiner Sohn, Drago, kam vom Hof heraufgerannt, und mir fiel ein, dass ich ihm gar kein Geschenk mitgebracht hatte. Ein seltsamer Onkel muss ich sein. Das Gesicht des Kleinen ist nicht wie das unsere, er ist blond und hat blaue Augen wie sein Vater, aber sein Körper ist lang und dünn, typisch für unsere Familie. Mit feierlichem Handschlag begrüßte er mich. Er hat ein liebes kleines Lausbubengesicht. Zwar wehrte er sich dagegen, dass ich ihn Dragović nannte, sonst aber schien er mit mir zufrieden zu sein. In seinem hageren Körperbau und in seiner träumerischen Verspieltheit, auch in der sich verdunkelnden Abwesenheit seiner Augen entdecke ich typische Zeichen unserer Familie, unser Erbe.

Sie drängten ihn, zu essen, und jeden Bissen würgte er mit Ekel hinunter. Man sah, Essen hält er für eine völlig überflüssige Zeremonie, am liebsten würde er so leben: immer nur auf dem Hof herumrennen, und auf der Wiese vor dem Haus, wie ein Zicklein, auf alles klettern, worauf man nur klettern kann, alles zerlegen, was man nur zerlegen kann, auf allem reiten, worauf man nur reiten kann, er würde von Luft leben, von den Märchen, die ihm Barica erzählt, und von Träumen. Drago ist jetzt fünf Jahre alt, ich empfinde für ihn wie für einen Freund, gerne würde ich mit ihm hinuntergehen, mich mit ihm im Sand wälzen. Den Sand würden wir mit Wasser mischen und aus dem Matsch eine Burg bauen, mit einem Tunnel und einem Graben rings herum, in dem Wasser fließt.

Dass er kaum isst, oder nur isst, wenn man ihn vorher inständig darum bittet und ihm dies oder jenes verspricht, empfinde ich als sympathisches Auflehnen gegen die gewohnten Zwänge des Lebens, ich spüre darin ein »pessimistisch-philosophisches« Veto dagegen, dass es naturgegeben sei, zu essen und zu trinken und zu wachsen. Ich erinnere mich, selbst wenn ich es heute nicht mehr verstehe, dass man auch mich einmal zum Essen zwingen musste. Die gleiche Ablehnung dürfte auch mein Beweggrund gewesen sein. Zu irgendetwas musste ich nein sagen, ich sagte es zum Essen, wie Drago. Heute sage ich eher zu anderen Dingen nein, ich ernähre mich mit größter Überzeugung, schmatzend und glücklich.

Ivica steckte den Kopf zur Tür herein, wünschte blinzelnd eine gute Nacht und knipste das Licht aus. In zwei riesigen Eichenbetten liegen sie nebeneinander, je ein Nachtschränkchen mit einer kleinen Lampe an der Seite, und in der Schublade ist bestimmt eine ungebrauchte Porzellanschüssel, Sinnbild bürgerlicher Bequemlichkeit und der Treue zu überkommenen Sitten. Merkwürdig, dass ich diesen so friedlichen und durch und durch taktvollen Menschen einmal nicht habe ausstehen können. Warum war ich auf Ivica so böse? Vielleicht auch, weil er blond war, und ich als Junge jedem blonden Mann gegenüber von vornherein Abneigung empfand, während blonde Frauen damals wie heute meine Gefühle besonders leicht entflammen lassen.

Aber ich war auch auf jeden anderen Mann böse, der Nada den Hof machte. Mit zusammengebissenen Zähnen schlenderte ich im Tuškanac umher, während Nada hinten mit ihrem Kavalier spazieren ging. Damals entfernte ich mich innerlich von Nada und fühlte mich zu den Alten hingezogen, mein Kinderneid und meine Eifersucht trafen sich mit dem Neid und der Eifersucht der alten Leute. Mit trotziger Freude nahm ich an der Verschwörung der Machtlosen gegen die erwachende Lebenslust des jungen Mädchens teil. Ich half mit, ihr Leben durch winzige Nadelstiche und Lieblosigkeiten zu vergiften. Ihr Kavalier hieß Józsi, und soweit ich mich erinnere, war er ein kluger, rastloser Mensch aus der Generation, die heute auf die vierzig zugeht; und unter ihnen gab es sehr viele mit gebildetem, wissensdurstigem, ernsthaftem Verstand, fast ausnahmslos gingen sie in den Wirrnissen von Krieg und Revolution unter. Józsi verschwand von der Bildfläche, ich weiß bis heute nicht warum, und da erschien wieder Ivica. Ivica erschien immer, wenn jemand von der Bildfläche verschwand, mit Blumen und Schokolade, welche er auch mir anbot, die ich aber asketisch zurückwies.

Meine große Schwester liebte er mit Hingabe und Ausdauer. Lange, sehr lange unerwidert. Mir fallen die Abende in der Gundulić-Straße ein, im großen Speisezimmer, unter dem Kristalllüster. Ich saß zwischen Nada und Ivica am Tisch und vertiefte mich demonstrativ mit meiner Schwester in langhaltendes Geflüster, während der arme Ivica auf seinem Stuhl hin und her rutschte und sich höflich die endlosen Klagen der Alten über die hohen Preise und über Familienprobleme anhörte, dabei blinzelte er immer wieder verlegen in unsere Richtung, und wir lachten darüber. Dann ging Ivica, niedergeschlagen, ergeben küsste er Nada die Hand und gab mir scherzhaft einen Klaps auf den Kopf. Welch überlegenen, spöttischen Blick er sich von dem kleinen Jungen gefallen lassen musste!

Aber die langanhaltende Liebe, die ungewöhnliche Treue Ivicas, dieses beweglichen, sportlichen, blonden Geschäftsmannes, der sich für Fußball begeisterte und aufgeregt politisierte, entwaffnete meine Schwester zuletzt doch. Und entwaffnet auch mich. Ich habe mich in mir völlig mit ihm ausgesöhnt. In seinen Augen sehe ich die gleiche eifrige Bewunderung, diese unterwürfige Anhänglichkeit meiner Schwester gegenüber, die ich als Junge so gerne und so bösartig nachahmte und verspottete. Von der ersten Stunde an konnte ich mich davon überzeugen, dass er unter ihrem Pantoffel steht, doch wie viel achtenswerter Mut und welche Leidenschaft stecken in diesem Pantoffeltum! Ich sehe ihn wie einen Märchenhelden, eine Art Laufhans, der für meine Schwester losziehen, sämtlichen Drachen die Köpfe abschlagen und ihr sogar vom Eingang zur Hölle das Tausendgutkraut holen würde, ohne wenn und aber, mit selbstverständlicher Freundlichkeit. Ja wirklich, er gehört zu einer anderen Sorte, der Sorte der guten Menschen, die wir eigentlich nur aus Märchen kennen. Natürlich ist er ein bisschen lächerlich, aber alles ist lächerlich, was so sehr von der Regel abweicht. Seine Güte ist kindlich und rührend. Als Kind mit all meinem Spott war ich schon erwachsener als er. Gewiss hat Ivica bis heute nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen. Er weiß nicht, mit welch ständiger Lebensgefahr diese nackte, unverhüllte Güte einhergeht. Er weiß nicht, dass er uns schutzlos gegenübersteht, mir, meiner Schwester und der ganzen Welt. Er erinnert mich an das verträumte Kind auf dem kleinen Bild, das über meinem Bett hing: Lächelnd, mit geschlossenen Augen spaziert es auf einem schmalen Steg über den Abgrund und ahnt dabei keine Gefahr, ja ahnt nicht einmal den Schutzengel, der unsichtbar seine großen schützenden Flügel darüber breitet. Glücklich, wer so unverdorben mit solcher Sicherheit, mit solchem Vertrauen schnarchen kann – wie er. Auch ich sollte endlich zu Bett gehen.

ZAGREB, 28. JUNI

Heute Morgen ging ich mit meiner Schwester zum großen Markt neben dem Jelačić-Platz. Früher war er direkt auf dem Jelačić-Platz, mit meinem Großvater bin ich oft dort gewesen. Die Einkäufe machte immer er selbst, weil meine Großmutter nie Kroatisch gelernt hatte, und den Bediensteten vertrauten sie nicht. Morgens um sechs kam er zu mir herein, rüttelte mich wach, und sofort brachen wir auf, frisch, gut gelaunt, und ich trug den Korb, genau wie jetzt. Wie sehr ich doch Opapa – so nannte ich ihn – liebte, immer kaufte er etwas Leckeres, meine Lieblingsfrüchte: Feigen, wenn es welche gab. Immer hatte er etwas Interessantes zu erzählen, er schimpfte über die Großmutter, dass sie nicht mit den Dienstboten umgehen konnte, schimpfte über die Regierung, weil alles teuer war, und mit mir redete er wie mit einem Erwachsenen. Er hatte einen schönen, grauen Ziegenbart; langsam wuchs ich ihm über den Kopf, ich schlenkerte mit dem Korb, während er endlos feilschte und mit den Marktfrauen plauderte, die ihn alle kannten und schon von Weitem grüßten. Er kaufte immer billiger ein als jeder andere. Der Markt war farbenfroh mit den Bauern in ihren bunten Volkstrachten, ein fröhliches Gezwitscher gut gelaunter Kunden, in das Stimmengewirr hinein riefen grell die Marktschreier und die Eisverkäufer.

Danach setzten wir uns noch für einen Moment, weiter unten, am Zrinjevac-Platz. Opapa zog das Agramer Tageblatt aus der Tasche, wir politisierten ein bisschen, dann spazierten wir nach Hause, wo schon der warme, abgeseihte Kaffee mit der gebutterten Kaisersemmel wartete, wie es sie bei uns zu Hause nie gab. Wie spannend für Omama der Bericht über die Preise, die Begegnungen, den Klatsch der Marktweiber, über die Leckereien war! Es ist traurig, dass ich heute vergeblich zur Gundulić-Straße 49 gehen, vergeblich zur zweiten Etage hoch laufen würde, an der Tür steht mittlerweile ein anderer Name, und dahinter warten weder frischer Kaffee, noch Kaisersemmeln, noch die herbe Freundlichkeit der alten Leute.

Traurig, dass Großväter sterben müssen, traurig, wenn jemand stirbt, an den sich Erinnerungen knüpfen, wie es auch traurig wäre, wenn es auf dem Jelačić-Platz plötzlich kein fröhliches Stimmengewirr mehr gäbe. Gierig sog ich den vertrauten, schweren Fischgeruch in die Nase.

Für Drago kaufte ich ein Spielzeug. Ich kaufte es von einem kleinen Bauernjungen, er war kaum größer als der Sohn meiner Schwester und genauso schmächtig. Für ein paar Groschen verkaufte er selbstgemachte Segelboote, schon früh muss er für seine Familie sorgen. Ich bezahlte den Preis, blickte dann noch einmal zu ihm zurück, er zählte mit einem glücklichen Lächeln die sechs Dinar aus der einen Hand in die andere. Dann kauften wir mir zu Ehren ein Huhn. Die Frau mit den Hühnern sprach Ungarisch, sie war auch Ungarin, aus der Gegend von Slatina. Alt, welk, wie Bäuerinnen bei uns so sind. Einfältig blinzelte sie uns an. Ich wollte sie das eine oder andere fragen. Kaum zwei Tage bin ich hier, und schon ist es mir in der Fremde angenehm, ein paar Worte Ungarisch zu hören. Alles Mögliche wollte ich fragen, aber dann fragte ich nur, wie es ihr gehe. »Danke der Nachfrage«, antwortete sie, »kaufen Sie das Huhn!« Das taten wir, damit war unser Gespräch auch schon zu Ende. Ich schleppte den Korb nach Hause und verabschiedete mich, um in der Stadt herumzustreifen.

Du bist meine Heimatstadt, Zagreb, dabei bin ich nicht in dir geboren, und doch fühle ich mich nur in deinem Schoß ganz daheim. Für immer bleiben könnte ich in dir nicht, leben könnte ich hier nicht, schließlich ist dein Volk mir fremd, seine Sprache; sein Schicksal ist anders, wenn auch ähnlich. Aber wer kann schon in seiner Heimatstadt leben? Heimatstadt – das ist nicht der Ort, an dem man leben kann, und auch nicht der Ort, an dem man geboren wurde; Heimatstadt, das ist der Ort, an dem man sich seiner Mutter nahe fühlt, wo man Kind war, an den zurückzukehren wie ein Fest ist, dem man entgegenfiebert. Meine Mutter liegt hier, auf dem Mirogoj, du bewachst sie im »Garten des Friedens«. Ich war hier Kind, Heranwachsender, und es ist lediglich ein Zufall, dass ich nicht hier geboren wurde. Als wäre mein offizieller Geburtsort nur eine Vorstadt von dir. Dort war Alltag, Schule, Krankheit, Langeweile, du warst immer Belohnung, Fest, Freude, Geschenk. Dort war Fremde, Ausgestoßensein, Mutterlosigkeit, Winter, du warst Opapa, Omama, Feigen, Spiel und Sommer. Dort, in Nagy-kanizsa, war das »Hundeleben« – schon im Namen steckt das lateinische canis! –, mit grauen Häusern und mit Menschen, von denen mir nur wenige nahestehen konnten. Ach, dort war sogar die Luft eine andere, feucht, sumpfig, der Legende nach war auch der weise Kaiser Marc Aurel an ihren Bakterien zugrunde gegangen. Das dort war Sumpf, du warst Berge und Wasser! Dort war Staub, Kühe mit ihren Kuhglocken auf den Straßen, holpriges Pflaster, Dorf – du warst Eleganz, Asphalt, Stadt. Zagreb: dieses Wort klang für mich wie für Muslime Mekka und für Juden Jerusalem. Deine Romantik zog mich in deinen Bann, dein Brauchtum, deine Vornehmheit, deine Farben, deine Luft, dein Klima. Zagreb, meinem frierenden Körper, meiner frierenden Seele gabst du immer Wärme, hier bekam mein blasses Gesicht immer etwas Farbe, und immer machtest du mich um ein paar Kilo reicher.

Wenn ich jetzt durch deine verwinkelten Straßen streife, sehe, verstehe ich, warum ich dich so treu liebe. Du bist eine liebenswerte österreichische Stadt, Zagreb, deine Häuser sind schön und geschmackvoll, sogar die Harmonie ihrer Farben ist angenehm, du hast »Luft«. Ach, wie gerne ich immer durch das enge, dichte Gewirr der Geschäfte im Ilica-Viertel lief, durch das Gedränge, wie gerne ich die prächtigen, übervollen Schaufenster bestaunte. Und wie sehr mir doch der Jelačić-Platz ans Herz gewachsen ist, mit der Statue jenes Jelačić in der Mitte, dessen gezogener Säbel drohend nach Ungarn zeigt. Sag, ist es nicht schade, dass er damals seinen Säbel nicht gegen andere gerichtet, dass er ihn nicht als Verbündeter von Kossuth gezogen hat, dem Sohn meiner ungarischen Heimat, es ist, als müssten wir auch heute noch ein wenig Scham darüber empfinden. Aber dieser große Platz mit der Statue in der Mitte und den freundlichen, hellbraunen Häusern rundherum, mit den Buden der Blumenverkäufer, den Bauern, die kroatische Stickereien feilbieten, und mit all dem bunten Treiben ist so lebendig, als läge er am Meer. Wenn ich aufmerksam schnuppere, rieche ich schon das Meer, und das sind keine Hirngespinste, denn der Wind trägt den Geruch vom Fischmarkt herüber, und die Fische kommen tatsächlich aus der Adria, wenn auch nicht ganz freiwillig. Zagreb, du bist eine österreichische Stadt, weit entfernt von Österreich, eine Stadt am Meer, weit entfernt vom Ufer des Meeres, groß genug, dass man sich in dir verstecken kann, und klein genug, dass du charmant sein kannst!

Lieb ist mir auch der Zrinjevac, dieser Platz mit den symmetrisch gepflanzten Bäumen und mit dem Pavillon, wo ich so oft der Militärmusik lauschte, besonders dem Schellenbaum, die ganze Musik hörte ich mir wegen der Schellen an, denn ihren reinen Klang mochte ich sehr. Gerne denke ich auch an den Tuškanac, den Volkspark, diesen bewaldeten Hügel, wo ich Cricket spielte und mit erwachender Sehnsucht den Mädchen hinterher schaute, während ich trotzig, doch wohlerzogen vor meiner großen Schwester hertrottete. Mit einem Kopfnicken begrüßte ich heute den Dom, diese strenge alte gotische Dame, vor der mir immer ein wenig graute, aber es war gut zu wissen, dass sie ist, wo sie ist. Auch zur Oberstadt stieg ich hinauf, die mit ihrer Patrizier- und Beamtenatmosphäre an unsere Burg in Budapest erinnert. An der Strossmayer-Promenade setzte ich mich, die zahllosen Bänke füllen sich abends immer mit Liebespaaren. Hier fühlte ich mich einmal so sonderbar überrascht, als ich meinen Cousin dicht an der Seite eines Fräuleins entdeckte. Der Bischofssitz und die Oberstadt, die »freie und königliche«, leben jetzt in Frieden und vertragen sich auch mit der Unterstadt, die sich erst später dazugedrängt hat und Handel treibt, Rauchschwaden ausstößt, Lärm macht. Sie leben in Frieden, als hätten sie wieder einen provisorischen Waffenstillstand gegen irgendwelche »Türken« geschlossen, aber wer aufmerksam die Ohren spitzt, hört hinter dem scheinbaren Frieden doch noch das Duell zwischen dem Bischof und den weltlichen Mächten, wie auch die ihnen gemeinsame Verachtung gegenüber der plebejischen Unterstadt. Ihr gilt meine Solidarität, aber im Moment bin ich auch den Herren nicht böse: Ich denke an sie wie an hochnäsige entfernte Verwandte, die beleidigt grollen.

Fast hätte ich dein Theater vergessen, diese Renaissance-Nachahmung; mit seiner gelbbraunen Farbe sieht es wie die Elisabeth-Brücke in Budapest aus, genauso leicht, charmant und melodiös. Und den botanischen Garten, in dem es eine Freude war, die Goldfische in den bemoosten Becken zu beobachten und ihnen eigens gekauftes Futter zuzuwerfen. Oder die merkwürdige Maschinerie der dampfbetriebenen Drahtseilbahn und den Maksimir, deinen Volksgarten mit den großen Lichtungen. Faulenzen im Gras und reichliche Jausen mit Opapa! Lauter Erinnerungen, unwiederbringliche Freuden!

Seit ich dich zum letzten Mal gesehen habe, hat man weiter an dir gebaut, du bist eine Großstadt geworden, mit einer Viertelmillion Einwohnern, du hast neue Paläste und Villen, aber sei mir nicht böse, die interessieren mich nicht, auch wenn du stolz auf sie bist. Wichtig sind mir die alten, mit denen mich etwas verbindet. Deine Passanten beobachte ich prüfend, ich gebe zu, sie gefallen mir und ich beneide dich um sie. Deine Männer sind laut, gut gelaunt, sonnengebräunt, man sieht, dass sie gerne trinken, dass sie für Sport und Tanz etwas übrig haben. Deine Frauen und Mädchen haben eine gute Figur, fast alle haben sie schöne Beine, wohin ich auch schaue, so schöne Beine, dass mir vor Bewunderung der Atem stockt. Ihre Schritte setzen sie geschmeidig, fest und voll sind ihre Brüste, gesund; es ist, als würden sie mir etwas spöttisch in die Augen blicken. Schön sind sie nicht, aber kraftvoll; keine starken Persönlichkeiten, aber man sieht: sie sind noch unversehrt, unverdorben. Blond oder braun, mit blauen oder grünen Augen, in ihrem Wesen sind sie sich alle ähnlich; mit offenen Lippen lächeln sie, dann blitzen ihre Zähne hervor, makellos und weiß.

29. JUNI

Die ältere Schwester meiner Mutter ist noch heute eine schöne Frau, ihr Gesicht ist seit langem so gut wie unverändert, rund, mit feinen Zügen, faltenlos, nur den kleinen, bitteren Zug unter ihrem Mund, den kannte ich bisher nicht. Ihr gegenüber zu sitzen tat gut, auch meine Mutter wäre wie sie, noch schöner und jugendlicher, 58 Jahre alt, wenn sie noch lebte.

Sofort rückte Tante Toni meine Krawatte zurecht, die ich in dieser Sommerhitze einzig und allein ihr zuliebe angelegt hatte. Fehler an Krawatten entdeckt sie immer mit fachkundigem Blick. Sie wies mich darauf hin, dass es längst an der Zeit sei, mir die Haare schneiden zu lassen – welch gute Gelegenheit, mir über den Kopf zu streichen –, die Haare, die ich mir erst vor ein paar Tagen aus Rücksicht auf sie unter Qualen hatte schneiden lassen. Tante Toni plauderte gut gelaunt; ihr Mann hatte sie vor ein paar Jahren sitzen lassen, plötzlich, nach fünfundzwanzig Jahren Ehe. Nie hatte es zwischen ihnen eine Meinungsverschiedenheit gegeben, ihre beiden Söhne waren inzwischen erfolgreiche Musiker geworden, auch Tante Toni selbst ist Musikerin und hat mit wohlklingender Sopranstimme lange Zeit im Dom gesungen. Eines Abends gestand ihr Mann, dass er eine andere liebe, der alte Bock hatte Appetit auf jüngeres Fleisch bekommen; ihre beste Freundin hatte ihr den Rang abgelaufen. Und sie ließ ihn ohne Vorwürfe ziehen, eine taktvolle Frau, nur über schlecht gebundene Krawatten und eine unordentliche Haartracht ärgert sie sich.

»Habt ihr euch gestritten?«, fragte ich ganz nebenbei. »Niemals«, antwortete sie, machte eine abwehrende Handbewegung und wechselte das Thema. Da sah ich für einen Moment die Falte unter ihrem Mund, bald glättete sie sich wieder. Schweigend schlürften wir den Kaffee und rauchten den mazedonischen Tabak, zu dritt, mit ihrem Sohn. Mirko schwieg verlegen und spielte mit seinen langen, festen Fingern auf dem Tisch Klavier.

Dieser mürrische, rasierte Mensch mit dem Affengesicht ist einer meiner liebsten Freunde. Anderen gegenüber ist er immer verschlossen und unfreundlich, ich bin der einzige in der Verwandtschaft, zu dem er offen und freundlich ist. Mich hatte er in die Geheimnisse seiner großen elektrischen Eisenbahn eingeweiht, mit der wir stundenlang spielten, während wir dazu mit vereinten Kräften Musikdramen komponierten, verwickelt nach allen Regeln der Kunst. Später weihte er mich auch in das Mysterium der Sonaten Beethovens und der Musik Wagners ein, und schließlich in die Anthroposophie, die er während seines Studiums in Berlin aufgeschnappt hatte. Ich erinnere mich an unsere erregten Gespräche bei Abendspaziergängen, als wir die Köpfe zusammensteckten, die Geheimnisse der Musik und des Universums zu erahnen versuchten, und einander dabei erschaudern ließen.

Ein bisschen beneidete ich ihn immer. Ich beneidete ihn für sein Kinderzimmer mit dem engen Kinderschreibpult samt Bank, den kleinen Stühlen, dem Schaukelpferd und den Turnringen am Türstock; ich beneidete ihn für diese Vollkommenheit des Wohlstandes, in deren Genuss ich selbst dann nie gekommen war, als es möglich gewesen wäre. Nach dem Tod meiner Mutter habe ich lange Zeit seine abgelegten Kleider geerbt, und ich erinnere mich, er hatte ein schönes schwarzes Samtjackett, das ich gern gehabt hätte, doch das bekam ich nie. Dieser Neid allerdings steigerte die Anziehung zwischen uns nur. Es gibt auch ein Photo von uns, wir stehen nebeneinander in einer Reihe, vorne er, dann sein kleiner Bruder, der heute Violinenvirtuose ist und in Buenos Aires Konzerte gibt, und schließlich komme ich, der jüngste, das lockige Haar fällt mir bis auf die Schultern, mit großen Augen, ein bisschen dumm schaue ich drein, mit einer Trompete in der Hand.

Eine der frühen Weisheiten meines Lebens habe ich von Mirko gelernt, einmal, beim Abschied. Ich wollte ihm einen Kuss geben, wie unter Verwandten oder Freunden, wenn man sich verabschiedet, er jedoch schob mich zärtlich aber bestimmt von sich weg. »Nur keine Sentimentalitäten!«, sagte der Rotzbengel auf Deutsch, denn so unterhielten wir uns gewöhnlich. Heute noch ist das der Wahlspruch seines Lebens, er braucht ihn, genau wie ich. Woher, woraus er wohl so früh diese altkluge Wahrheit geschöpft hatte, die wichtigste prophylaktische Grundregel empfindsamer Menschen? Mir wurde der ganze Sinn seiner Worte erst viel später klar, und seither habe auch ich sie zu meinem Wahlspruch erhoben.

Ich betrachtete sein hässliches, markantes Gesicht mit den zusammengekniffenen Lippen, der gerunzelten Stirn und dem Blick, der meist fern von uns weilte, wenn er aber zurückkehrte, ruhte er ironisch auf uns. Jetzt wurde mir klar, wie sehr das alles eine Maske ist, aber er ist mit ihr zusammengewachsen. Eine Maske, dieser Blick, diese ironische und vorgetäuschte Gleichgültigkeit jedem gegenüber, das ist nämlich nicht nur sein Gesicht, sondern bereits das seines Vaters. Nein, nicht gelernt hatte er diese ganze Weisheit von ihm, geerbt hatte er sie, die unwillkürlichen Gesten, in Distanz zu gehen und Abstand zu wahren, was für die Gesundheit einer empfindsamen Seele unabdingbar ist. Es war ein bitterer Preis, den ich dafür zahlen musste, dass ich Mirkos Maske vergaß! Heute erwidere ich seinen Blick neckisch und herausfordernd, und er stutzt ein wenig, denn er erkennt sich wohl selbst darin. Genau wie die Selbstironie ist diese »Maske« typisch für assimilierte Menschen, es ist nicht, wie man gemeinhin glaubt, ein typisch jüdischer Zug, sondern eine Eigenschaft von Menschen, die sich über ihre eigene jüdische Identität erheben, und ebenso von allen Menschen, die sich selbst mit den Reaktionsmustern einer anderen Kultur beurteilen. Der Verstand unterdrückt gewaltsam das Gefühl, das weich, formbar, offen und hingebungsvoll ist. In einer anderen, freundlicheren und sozialeren Welt können Frauen wie Männer mit einer solchen Seele leben. Doch unter Feinden, wo jeder auf die Schwächen des anderen lauert, um ihn dort zu verletzen, wenn jeder wie Siegfried einem Hagen ausgeliefert ist: dann ist das ein Spiel, bei dem man nur verlieren kann. Manche fromme Seelen nehmen die Lebensgefahr auf sich, sie können die Distanz zwischen den Menschen nicht ertragen, die zur Schau gestellte und fast schon so empfundene Gleichgültigkeit, die immerzu alarmbereite Selbstbeherrschung gegen die Manifestationen der Liebe. Ich achte sie, aber sie gehen mich nichts an. Dienstboten soll man nicht vertraulich und allzu freundlich behandeln, sonst nutzen sie das aus, heißt es. Das gleiche trifft in etwa auf jede Beziehung zwischen Menschen zu. Die Ruhe – und der Mensch braucht Ruhe, um arbeiten zu können – erfordert Sicherheit, und was könnte mehr Sicherheit gewähren als befestigte Grenzen? Drei Schritt Abstand! Mindestens so viel selbst dem gegenüber, den wir am nächsten an uns heranlassen! Mirko saß drei Schritt von mir entfernt und blies einen dicken Rauchschleier um sich herum. Genau so werden sich im Krieg die Städte gegen feindliche Fliegerangriffe unsichtbar machen …

Die Verwandtschaft mag Mirko nicht, sie hält ihn für einen unausstehlichen Sonderling, wie seinen Vater. Und ein bisschen beneide ich ihn um diesen allgemeinen Ruf, mit dessen Hilfe er sich schon früh der Bevormundung durch die Familie entziehen konnte. Mich kennt die Verwandtschaft als netten, lieben Jungen, dem man die Krawatte zurechtrücken kann und von dem man Höflichkeit und Anstand einfordert. Er läuft mit langen, unordentlichen Haaren, in abgetragener, zerknitterter Kleidung, ohne Krawatte und mit offenem Hemd herum. »Du siehst aus wie ein Arbeiter«, tadelt ihn seine Mutter. Mirko kräuselt die Stirn: Warum? Warum sollte ich besser sein als ein Arbeiter? Und während er den Kopf einzieht, lacht er hüstelnd wie sein Vater. Nach langen Jahren waren einmal die Verwandten aus Pula* auf Durchreise durch Zagreb. Mirko schloss sich in sein Zimmer ein, arbeitete und war nicht bereit sie zu empfangen. Tante Toni klopfte bei ihm an, bat ihn inständig, doch er blieb unbeugsam und öffnete die Tür nicht. Das mag zwar die Sturheit eines Esels sein, aber mir ist es außerordentlich sympathisch, sein konsequentes Verhalten scheint mir beneidenswert. Die Familie beurteilt und würdigt er ausschließlich unter dem Aspekt der künstlerischen Neigung, und außer bei seinen Eltern ist er nicht bereit, auch andere Gesichtspunkte in Betracht zu ziehen. Wenn es darum geht, den Egoismus derart offen und ehrlich an den Tag zu legen, bin ich sein unerfahrener, doch eifriger Schüler.

Sein Bruder, Ljerko, ähnelt eher mir als ihm, aber mit Ljerko habe ich mich nie so gut verstanden wie mit Mirko. Dabei ist er ein netter Junge, hat gute Manieren, lacht hell, neckt andere und ist oft verträumt. Als er vor etwa fünf Jahren in Budapest ein Konzert gab und die Bühne betrat, verwechselten viele meiner Bekannten ihn mit mir. Und auch mich ergriff ein Fieber, als wäre ich an seiner Stelle, im Frack und mit der Stradivari in der Hand. Das Mendelssohn-Konzert spielte er gut, die melancholische, dissonante, schmerzlich ringende Musik der Slawen und Franzosen aber noch besser. Damals verstand ich Ljerko völlig und ich spürte auch, dass zwischen uns Freundschaft und Nähe nicht nötig sind, wie es auch überflüssig ist, sich selbst ein Freund zu sein. Ljerko ist Blut von meinem mütterlichen Blut, wir tragen das gleiche Schicksal in uns, und ich weiß, dass er in Buenos Aires den Kopf manchmal genauso in seine Hände senkt wie ich, und dass er sich auf der Straße genauso nach den Mädchen umdreht.

Und auch darin gleicht sich unser Schicksal, dass unser Instrument unvollkommener ist als das von Mirko. Was können die Geige und das Wort gemeinsam gegen das Klavier ausrichten, dieses Sinnbild eines ganzen Orchesters en miniature, und gegen das Orchester selbst? Wo Mirko der Herr ist? Er war es, der mir zum ersten Mal Debussy und Strawinsky vorspielte, und die sinnlichen, schwülen, süß vergiftenden Melodien der Scheherazade.

In der rauchigen Stille – Tante Toni war eingenickt, der Kopf war ihr auf die Brust gesunken – lauschte ich in die Vergangenheit zurück: Mirko improvisiert, ich höre zu, die Ellbogen auf das Klavier gestützt; sanft, kaum hörbar schlägt er die Tasten an, intelligent leitet er ein Thema ein, umspielt es, steigert es dann bis zu einem Sturm, mit Schwindel erregender Geschwindigkeit, immer schneller, zitiert das große Orchester, seine Gestalt wächst auf dem Stuhl und zerteilt sich in hundert Figuren, mit hundert Instrumenten, und über dem Ganzen, gewaltig, wie ein Zauberer, überlegen, ironisch, triumphierend treibt er die entfesselte Musik wieder in den ruhigen Rhythmus des Themas zurück: Was bin ich im Vergleich zu ihm? Ich schäme mich und es tut mir leid, dass ich mich der niederen Wortkunst hingegeben habe, dass die Musik in mir keinen Ausdruck fand, das Erbe meiner Familie, meiner Mutter.

30. JUNI

Wie nett die Begegnung mit Onkel Otto war! Sie hatten ihm nicht verraten, dass ich hier bin, es sollte eine Überraschung sein, wenn er wie jeden Freitagabend zum üblichen Familienpicknick bei meiner Schwester kommen würde. Ich ging ihm entgegen, auf der Straße, die er für gewöhnlich auf dem Heimweg aus dem Büro nimmt; Tante Toni, meine Schwester Nada und mein Schwager Ivica folgten mir in einiger Entfernung, um die ›Szene‹ nicht zu verpassen. Endlich tauchte seine große Gestalt auf, mit dem schönen, beachtlichen Bauch, schon konnte ich sein vertrauensseliges, Strenge simulierendes Kindergesicht erkennen, mit dem grauen, gezwirbelten, kroatisch-ungarischen Schnurrbart.

Als wir uns trafen, grüßte ich höflich auf Deutsch: »Guten Abend, Herr B.« Aber er war sehr damit beschäftigt, den Hügel hinaufzusteigen, er grüßte nur zerstreut zurück, wie bei einem Nachbarn: »Guten Abend.« Ich lief ihm nach, trat nahe an ihn heran, und rief ihm energisch zu: »Guten Abend, Herr!« Da schaute Onkel Otto mich an, sein Mund öffnete sich naiv, seine Kinderaugen begannen zu strahlen, er ließ seine Aktentasche zu Boden fallen, umarmte mich, drückte mich fest an sich, denn ich bin ja der Sohn seiner Lieblingsschwester. Die weiter hinten wartenden Mitglieder der Familie lachten Tränen über diese Szene und zeigten sich außerordentlich zufrieden. Und weil Freude Appetit macht, verzehrten wir alsbald den kollektiv aufgesetzten Eintopf, mit wortlosem Eifer, auf unser aller Wohl.