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HERZ IN SICHT

Wolfgang Hegewald

HERZ IN SICHT

Roman

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Inhalt

ANKUNFT DER PATIENTEN

TEIL I ARCHIPEL MALIMO

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

LARS KUHLMANN

NEUN

ZEHN

KURZER ABSCHIED, MIT MUSIK

TEIL II SCHATTENACHSEN

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sich brüstet, nie krank gewesen zu sein, und nicht irgendwo ein bisschen dumm war; genau wie jene, die sich rühmen, nie gereist zu sein.
André Gide

Das Herz ist ein komisches Organ; erst wenn es gebrochen wird, schlägt es seinen eigenen Ton; wenn es nicht bricht, versteinert es. Der Stein, der einem vom Herzen fällt, ist fast immer der, in welchen sich das Herz fast verwandelt hätte.
Hannah Arendt

ANKUNFT DER PATIENTEN

Am Morgen des 25. Juli 2001 begaben sich vier Männer in das Barbara-Spital an der nördlichen Grenze Hamburgs, um sich dort in den nächsten Tagen am Herzen operieren zu lassen.

Dieser Mittwoch versprach ein freundlicher, nicht übermäßig warmer Sommertag zu werden; versprengte Cumuluswolken patrouillierten nachlässig im seichten Blau.

Das Klinikum, und namentlich seine kardiochirurgische Abteilung, genoss einen guten Ruf. Das Barbara-Spital entlohne sein Personal über Tarif, hieß es, und seine Trägerschaft liege in den Händen der Quäker. Neu eintreffende Patienten vernahmen diese vage kolportierten Angaben gern; sie zu überprüfen, lag ihnen jedoch derzeit fern. Aber Quäker klang fabelhaft beruhigend.

Zur Vorbereitung auf ihren jeweiligen Eingriff wurden die vier Männer in Zimmer 209 eingewiesen: Wilhelm Hausladen, 51, Mitralklappenrekonstruktion nach Endokarditis.1

Gerhard Landstorfer, 69, Aortenklappe, Rentner.2

Kurt Röper, 49, sieben Bypässe.3 Spätestens im November werde er wieder rauchen, sagte er trotzig, kaum dass er Zimmer 209 betreten hatte.

Paul Urbanski, 54, drei Bypässe, freier Literaturkritiker.4 Zwischen einer kleinen Stadtwohnung in Dulsberg und einem Arbeitsdomizil in der Südheide pendelnd; er sei mit dem Hubschrauber eingeliefert worden, nicht der medizinisch begründeten Dringlichkeit seines Falls wegen, sondern weil er sich auf einer Insel befunden habe, deren Namen keiner der Zimmergenossen je gehört hatte. Dass Urbanski den durch einen spektakulären Fall von politisch motivierter Freiheitsberaubung unversehens zu Medienprominenz gekommenen Antiquar Arno Heinrich persönlich kannte, überraschte, außer Gerhard Landstorfer, keinen. Die Welt war klein. Der Osten nahm zu.

Wer beobachtete, wie geschmeidig sich die vier Männer von Zimmer 209 trotz ihrer gravierenden Diagnosen während des 25. Juli 2001 zwischen ihren Pflichtterminen bewegten, wer ihr Kommen und Gehen registrierte, scheinbar vom Zufall inszeniert, Auftritte und Abtritte in einem vertrackten Rhythmus, hätte vielleicht von einem behutsam choreografierten Reigen sprechen mögen; Labor, EKG, Atemtraining, Gespräche mit dem Anästhesisten.

Und er wäre ins Staunen geraten, wie viel Zeit den Patienten zwischen all ihren obligatorischen Verrichtungen zum Erzählen blieb. Und wie lebhaft die Männer davon Gebrauch machten. Als ließe sich ohnehin nicht mehr lange verbergen, was ihnen am Herzen lag. Es käme an einem der nächsten Tage ans Licht.

1Wilhelm Hausladen, geb. am 8. Juli 1950 in Jena. Beim illegalen Grenzübertritt, in Berlin, als Kind, hat er eine gutmütige Frau in die Hand gebissen. Mathematiker, häufig wechselnde Tätigkeiten und Wohnsitze, darunter Friedhofsgärtner, Kulturmanager, Braunschweig und Dortmund. Ein Mann mit literarischen Ambitionen. Flüchtig mit Uwe, dem Dichter des geteilten Deutschlands, bekannt. Er ist mit der namhaften Mezzosopranistin Caroline Hausladen verheiratet. Wegen eines nicht in Erfüllung gehenden Kinderwunsches wird H. einst bei dem Andrologen Dr. Joachim Oehlmann in Braunschweig vorstellig. Zwischen dem Arzt und dem Patienten entwickelte sich eine merkwürdig gegenstandslose Freundschaft, oder träge Anhänglichkeit; mit Logik ist dieser Beziehung nicht beizukommen.

2Gerhard Landstorfer, verwitwet, stammt aus Wedel, kaufmännischer Angestellter im Ruhestand. Erfährt kurz vor der Operation, dass der in einen spektakulären Kriminalfall verwickelte Antiquar Arno Heinrich ein Freund seines Patientenkollegen und Zimmergenossen Paul Urbanski ist. L. wohnt in der Bachstraße in Barmbek-Süd, über dem Antiquariat Heinrich, und er hat die Zeitungen mit den Schlagzeilen aufgehoben.

3Kurt Röper, Gebrauchtwagenhändler. Reparaturoptimist. Wird im Barbara-Spital aufmerksamer behandelt als im Roman.

4Paul Urbanski, geb. am 30. Juni 1947 in Radebeul bei Dresden. In Zimmer 209 wechselt der Literaturkritiker spielerisch die Seite und erprobt seine Fähigkeiten als Erzähler, indem er die Leidensgenossen mit Geschichten von der Insel, auf die ihn der Zufall verschlug, unterhält. Später werden Zweifel an seiner erzählerischen Begabung laut; vor allem seine Frauenfiguren seien wegen ihrer schematischen Ähnlichkeiten schwer zu unterscheiden (Quelle: Wilhelm Hausladen).
Schlank, hochgewachsen; athletischer Typ. Passionierter Radwanderer. Freier Publizist in Hamburg und Varenstedt/Südheide. Einst waghalsig übers Meer geflohen. Gelegentlich profitiert er bei Frauen von seiner knabenhaften Unbehaartheit auf Brust und Rücken. U. lässt sich als Kritiker manchmal von dem computergestützten Expertensystem EPHRAIM beraten. Von Gabriela, einer studierten Ägyptologin, nach kurzer Ehe nach Armenrecht geschieden. Keine Kinder. Derzeit mit Nina in Varenstedt prekär liiert. Trotz der Fülle seiner Lektüre war U. existentiell fassungslos, als er sich plötzlich in dieser Lage vorfand, vom Wasser eingeschlossen. U. erlitt einen Infarkt: am Strand, mit Seeblick, im Abendlicht.

TEIL I
ARCHIPEL MALIMO

Urbanskis Erzählungen

 

Abstract

Ein Literaturkritiker begegnet einem goldenen Himmelsfisch. Ein bisschen Sex und andere antiquierte Affären, zwischen Landadel und Kommunismus, beispielsweise, in Varenstedt, Südheide. Ein zartfingriger Pflaumenbaum klopft an ein Schuppendach. Mutmaßungen über eine Geliebte. Flucht, als schöne Kunst betrachtet. Ein Turm, am Rande des Hartmannschen Hofes. Ansichten eines unvorhersehbaren Wassereinbruchs. Eine Landpartie, mit Strandabschnitten. Licht und Wellen spielen, und keiner soll sie stören.

Wer starke Meinungen nicht scheut, mag von der Geburt einer Insel sprechen. Oder von weitflächig abgesoffenen Rübenäckern. Manchmal tauchen Geschichten und Figuren auf, die als versunken galten. Ein evangelischer Pastor will kapitulieren. Patienten geht, kurz bevor sie fachmännisch aufgeschlitzt werden, der Mund über. Was auch vorkommt: Ein Fall von politisch motivierter Freiheitsberaubung und sein Ende. Biermann, flüchtig. In Barmbek-Süd. Rezensionsautomat EPHRAIM, und wie er die Literatur sieht. Malimo – der Stoff, den man sich möglichst vom Leibe hält. Ein romantischer Herzinfarkt, gewissermaßen, mit Blick aufs Meer. Was untergeht, ist die Sonne.

EINS

Unruhig schwamm der Fisch mit dem goldenen Schwanz unter dem Kreuz der Turmbekrönung im Wind.

Paul Urbanski stützte sich auf einen Zementpfeiler am Rande der Koppel jenseits des Friedhofs und dachte nach, wie er glaubte; er ließ, was sich zeigte, gewähren. Schemen vermischten sich und entfernten sich wieder voneinander, wirbelnde Flecken in Ocker und Teak, Nuancen von Mahagonibraun gingen ihm durch den Kopf, junge spielende Pferde.

Ein Hund passierte den Obsthof und bog, ohne zu zögern, in die Straße zum Dorfteich ein. Paul Urbanski schaute dem mageren Mischling nach, und er bewunderte ihn einen Moment lang für seine Zielstrebigkeit. Urbanski sah diesen Hund, scheinbar herrenlos und unbeirrbar wie einen Boten, der seinen Auftrag liebt, fast täglich durchs Dorf laufen.

Entschuldigen Sie, wo, bitte, geht’s zum Strand?

Die heisere Frauenstimme, leicht blasiert, traf Paul Urbanski von hinten. Er wandte sich um und blickte in ein ausgemergeltes Gesicht. Pagenschnitt; gerupfte, zu scharfen schwarzen Bögen stilisierte Brauen; schmale Lippen. Die ruckartigen Kopfbewegungen und die scharrende Unrast eines Perlhuhns. Fasanenvögel, rief sich Urbanski ins Bewusstsein, hielten sich gerne zwischen Dünen auf.

Ohne dass er es bemerkt hatte, war die Frau dicht an ihn herangetreten. Ihr Begleiter, ein Mann in einem Blazer in Beige, einen rotweiß gestreiften Bademantel über die Schulter geworfen, wartete auf der Straße.

Urbanskis Grinsen verrutschte zur Grimasse.

Er winkte dem abseits Stehenden freundlich zu und erklärte der Frau, dass sie sich irren müsse. Hier, in Varenstedt bei Abstorf im Landkreis Uelzen, befinde sich weit und breit keine Küste.

Die Frau sog geräuschvoll Luft durch die Nase ein, als könne sie die See bereits riechen. Sie sagte kein Wort, aber ihr Blick bezichtigte Paul Urbanski der plumpen Täuschung.

In die Schadenfreude, die Paul Urbanski für die grob Desorientierten empfand, sickerte bald Mitleid ein. Er schaute dem Paar eine Zeitlang nach. Der Mann, beobachtete er, machte der Frau gestikulierend Vorhaltungen. Doch die Frau, ihm immer einen Schritt voraus, ließ sich nicht beirren. Als seien nun alle Zweifel ausgeräumt, schlug sie den Weg nach Tätensen ein. Vorwurfsvoll fuchtelnd folgte ihr der Mann.

Rätselhaft blieb, wie das Paar Varenstedt erreicht hatte. Ein fremdes Auto, das im Dorf geparkt war, konnte Paul Urbanski nirgends entdecken.

Cool oder schwul, schrie Jette über die Feldsteinmauer des Hartmannschen Hofes und deutete mit dem ausgestreckten Arm auf die Fremden.1

Cool, antwortete Paul Urbanski belustigt.

Woher willst du das wissen, Scheißangeber, kreischte Jette und schnitt eine Fratze.

Paul Urbanski lachte, und er beschloss, sich die Laune nicht verderben zu lassen.

Heute war Dienstag, Ende September, in dem Jahr, das sich mit seinen Nullen aufspielte. Wie an jedem Dienstag erwartete Paul Urbanski am späten Nachmittag Nina zu Besuch. Es war ihnen zur Gewohnheit geworden. Für einen geschiedenen dreiundfünfzigjährigen Literaturkritiker, der zurückgezogen südlich der Lüneburger Heide lebte, konnte er mit seinem Sexleben zufrieden sein.2

Seit fast fünf Jahren hatte Paul Urbanski den Turm am Rande des Hartmannschen Hofes gemietet, Domizil und Arbeitsplatz zugleich. Bevor er dorthin zurückkehrte, unternahm er, wie beinah täglich, einen Spaziergang zur alten Scheune. Für den Weg durch die Feldmark brauchte Urbanski, wenn er gemächlich ging, etwa dreißig Minuten.

Bei der alten Scheune kreuzten sich zwei befestigte Bauernwege. Die geräumige Holzscheune selbst stand seit langem leer; niemand benötigte sie mehr. Da dem Besitzer ein Abriss zu teuer war, blieb der gedrungene Bau sich selbst überlassen. Witterung und Zeit würden ihn schon schleifen.

An der Ostflanke klaffte ein mannsgroßes Loch; es sah nach Vandalismus aus. Gegen seine Gewohnheit schlüpfte Paul Urbanski ins Innere der Scheune. Seine Blicke ertasteten als erstes einen zum Skelett abgemagerten Kutschwagen. Dann schaute Paul Urbanski auf. Das Dach der Scheune wirkte robust und bislang wenig beschädigt. Nach einer Weile entdeckte Paul Urbanski in einer Nische zwischen zwei Balken am Südgiebel die Eule. Er hatte nichts gegen die Eule, aber er klatschte zwei-, dreimal in die Hände, und die Eule flog davon. Allein in der alten Scheune, fing Paul Urbanski plötzlich am ganzen Leib zu zittern an.

Auf dem Rückweg kam Paul Urbanski Dohle3, das Faktotum vom Hartmannschen Hof, im roten Pick-up entgegen. Dohle, der gern übertrieb, grüßte zuerst mit der Lichthupe. Dann hielt er neben Urbanski an, ließ aber den Motor laufen. Er sei unterwegs zu den Forellenteichen, um nach dem Nachwuchs zu sehen, brüllte Dohle aus dem vibrierenden Fahrerhaus. Er legte den Gang ein, schnalzte mit der Zunge, hieb die zur Faust geballte Rechte rasch ein paar Mal gegen den Handteller der Linken und fuhr davon.

Bis zu der mit Nina verabredeten Zeit blieben Paul Urbanski noch zwei Stunden. Er belegte sich ein Sandwich mit Tomatenscheiben, Mozzarella und Basilikum, würzte es und träufelte Olivenöl und Balsamicoessig darüber. Während er zu essen begann, nahm er einen Roman zur Hand, den ihm eine Literaturredaktion zur Besprechung geschickt hatte. Zerstreut blätterte er in dem Buch und biss hin und wieder von dem Sandwich ab. Im dritten Kapitel las er sich fest. Der Protagonist, ein gewisser Robert, muss geschäftlich nach Lissabon reisen. Am Vorabend seines Fluges liest Robert in einem Roman von einem Flugzeugabsturz. Ein defekter Höhenmesser verursacht, dass die Maschine am Montblancmassiv zerschellt. Geschildert werden die letzten Bewusstseinssekunden einzelner Passagiere. Robert, ein wenig abergläubisch, beschließt, dieses Buch nicht an Bord des Airbus weiterzulesen. Da ihn die Lektüre aber nicht kalt läßt, verbannt er den Roman nur aus seinem Handgepäck und verstaut ihn im Koffer. Roberts Maschine landet sanft in Lissabon, aber der Koffer mit dem Roman ist verschwunden.4

Paul Urbanski, ein Routinier in Sachen literarischer Motivermittlung, schlug traumwandlerisch die richtige Stelle in Kapitel acht auf: Roberts Koffer ist nicht wirklich verloren, sondern versehentlich nach Madrid geraten.

Als er etwa zwanzig Seiten gelesen hatte, schlief Paul Urbanski im Sitzen ein. Beim Aufwachen, wenige Minuten später, stand ihm die Rezension, die er zu schreiben hatte, vor Augen; die Figuren und Schlüsse seiner Argumentation erschienen ihm wie natürlich. Nur ganz und gar Ahnungslose mochten das für Scharlatanerie oder Faulheit halten.

Paul Urbanski gähnte, reckte sich und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen.

Nina läutete an der Tür, pünktlich. Als Urbanski ihr öffnete, sah er Dohle im Hof herumlungern. Dohle machte hinter Ninas Rücken eine obszöne Geste. Nina nickte knapp und trat ein, ohne Urbanski zu berühren. Paul Urbanski schlug die Tür eine Spur zu heftig zu.

Quälen sie dich wieder mit einem üblen Roman?, erkundigte sich Nina mitfühlend. Bevor Urbanski antworten konnte, war Nina im Bad verschwunden.

Bald darauf kehrte sie in einem flamingofarbenen Satinmorgenmantel ins Zimmer zurück und schaute Paul Urbanski beim Auskleiden aufmerksam zu. Dass er zur Pedanterie neigte, störte sie nicht.

Paul Urbanski hatte Nina – falls das ihr richtiger Name war – während einer Nacht des Frauenkriminalromans kennengelernt, vor mehr als zwei Jahren, in einem jener parafeudalistischen Anwesen, die der Volksmund Rübenburgen nannte. Es las eine mit Bestsellern gesegnete Autorin, die unverhohlen mit dem Kommunismus kokettierte. Der in der Gruseldiele zahlreich versammelte Landadel goutierte dieses Bekenntnis als wunderbar nekrophil; Gespenster unter sich, im Landkreis Uelzen.

Nina war hochgewachsen und von aufreizender Sachlichkeit. Zufällig hatten sie, Nina und Paul, zur selben Zeit das Horrorspektakel verlassen – und dann einfach versäumt, sich voneinander zu verabschieden.

Sie habe keine finanziellen Interessen, gegen Geld aber im Prinzip auch nichts einzuwenden, hatte Nina bei ihrem ersten Treffen erklärt. Und gelacht.

Dass Paul Urbanski glaubte, Nina sähe der jungen Geraldine Chaplin ähnlich, behielt er für sich.

Manchmal stellte sich Paul Urbanski vor, Nina sei mit einem Augenarzt verheiratet, oder mit einem Manager der Zuckerfabrik.

Obwohl Nina nichts von ihm forderte, hatte Paul Urbanski ihr in den ersten Monaten ihres Verhältnisses gelegentlich Bargeld gegeben. Nina nahm es gleichmütig entgegen, ohne Anzeichen von Scham, Zorn oder Verlegenheit. Ließ er es bleiben, war Nina nichts anzumerken. Sie mokierte sich nie über seine Launen, was die finanzielle Aufmerksamkeit betraf, und es schien sie überhaupt kaum zu beeindrucken.

Mit der Zeit begann Paul Urbanski darunter diffus zu leiden.

Diese beiläufige Bargeldpraxis kommentiertete Nina in seiner Gegenwart niemals auch nur mit einem einzigen Wort. Aber als Paul Urbanski sie eines Tages mit einem Ring überraschte – Facettenschliff! –, erschrak er über die Schärfe der Empörung, mit der Nina sein Geschenk ablehnte.

Während Nina noch auf ihm saß und sich mit ausgestreckten Armen auf seiner Brust abstützte, spürte Paul Urbanski, wie mit einem Mal seine Nase zuschwoll. Nach der Liebe war vom Hof her Jettes Stimme zu hören, ein monotoner Singsang. Urbanski erinnerte sich, dass ihm das Mädchen erzählt hatte, es wolle bald als Rapperin auftreten.

Einen Moment lang konzentrierte er sich aufs Zuhören. So sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht, den Wortlaut des Sprechgesangs zu verstehen. Es ärgerte ihn, und er bemerkte, dass die Schatten einer heraufziehenden Verstimmung seine Gedanken zu verdunkeln begannen. Auf keinen Fall wollte er Nina seinen flüchtigen Unmut spüren lassen.

Paul Urbanski fing an, Nina von dem Paar zu erzählen, das ihn nach dem Weg zum Strand gefragt hatte.

Das Mädchen ist begabt, sagte Nina und deutete mit einer Kopfbewegung nach draußen, auf den Hof, wo Jette übte.

Paul Urbanskis Schilderung der verrückten Badegäste fiel hämischer aus, als er es beabsichtigt hatte.

Nina antwortete, sie sei überrascht, wie wenig Verständnis er für die aus Versehen in Varenstedt gestrandeten Fremden aufbringe, er, der sonst bei jeder Gelegenheit mit seinem Sinn für das Außergewöhnliche prahle.

Paul Urbanski wechselte das Thema und kam auf Robert zu sprechen, der am Vorabend seiner Geschäftsreise nach Lissabon in einem Buch von einem Flugzeugunglück las. Dicht wie ein Hologramm erscheine die Summe des Augenblicks, in dem die Maschine auf das Montblancmassiv treffe, im Kopf des Lesers Robert.

Nina sagte, seit sie ihn, Paul Urbanski, kenne, spare sie viel Geld, weil sie sich kaum noch Bücher zeitgenössischer Autoren kaufe. Durch seine Nacherzählungen sorge er schon dafür, dass sie auf dem Gebiet der Belletristik nichts verpasse, und manchmal nenne sie ihn deshalb bei sich: mein Romanliebhaber.

Obwohl das Kompliment einen Stich ins Spöttische hatte und die Möglichkeit andeutete, Nina halte sich neben ihm noch einen Musikliebhaber, fühlte sich Paul Urbanski geschmeichelt. Dann hörte er Nina fragen, ob er sich sicher sei, dass er die Szene mit dem Paar, das sich in der Nähe eines Meeres wähnte, auch wirklich erlebt habe.

Traust du mir etwa nicht? Möchtest du Kaffee?

Die Säure des Verdachts machte Paul Urbanskis Stimme stumpf.

Lieber ein Glas Wein, sagte Nina, als schulde sie Urbanski ihres Argwohns wegen noch einen Gefallen.

Nina, nun abermals im Morgenmantel, schaute zu, wie er zwei bauchige Rotweingläser aus einem Schrank holte und prüfend gegen das Licht hielt. Scheinbar wieder gut gelaunt, verschwand Paul Urbanski für einen Moment in der Küche und kehrte mit einem Geschirrtuch zurück, das er triumphierend schwenkte. Motive von Zwiebeln und Knoblauch in Blau und Weiß; doppeltgezwirnte Baumwolle aus dem Hause Garnier-Thiebaut.

Wie im Ritz in Paris, meinte Nina.

Oder im President in Moskau, ergänzte Paul Urbanski und polierte sorgfältig die Kelche. Dann schenkte er Nina und sich ein und sagte leichthin: Prost!

Auf diese Tischwäsche könne man schwören.

Lenk nicht ab, sagte Nina, wie war das nun mit dem Paar, das du vor meinem Besuch getroffen haben willst.

Vertrau mir, sagte Urbanski, und seine gespielte Verzweiflung brachte Nina zum Lachen.

Falsch reisen ist keine Kunst, das kann heute jeder. Da erkundigt sich einer bei dir vermeintlich nur nach dem Weg, und nach wenigen Worten fährt dir der Schreck in die Glieder: Der da harmlos eine Auskunft begehrt, ist in Wahrheit ein Tourist. Drei vier Sätze weiter, und eine ganze Weltgegend ist verwüstet. Sie zu betreten wird dir für immer verleidet bleiben.

Nina hielt den Kopf schief und lauschte.

Jette war inzwischen verstummt, oder sie imitierte jetzt täuschend echt die melodischen Phrasen einer Amsel. Für ein paar Sekunden deckte die Lärmschleppe eines Flugzeuges alle anderen Geräusche zu. Vom nahegelegenen Truppenübungsplatz drang belferndes Gewehrfeuer herüber, mit langgezogenen Pausen zwischen den Angriffswellen. Ein Hund jaulte, als habe es ihn erwischt.

Ob Nina ihm zuhörte und verstand, was er sagte, wusste Paul Urbanski nicht.

Ich würde sie gern kennenlernen, sagte Nina unvermittelt und nippte vom Rotwein.

Das Paar, das dich nach dem Meer gefragt hat, ergänzte Nina, weil Paul Urbanski seine Begriffsstutzigkeit im Gesicht geschrieben stand.

Lass uns einen kleinen Spaziergang machen, zum Dorfteich und zurück. Vielleicht begegnen wir den Versprengten noch, wenn wir uns beeilen. Es wäre doch immerhin möglich.

Nina drängelte auf einmal wie ein Kind und zog sich rasch an.

Du glaubst mir nicht und vermutest immer noch, ich habe die Episode mit den Fremden erfunden, sagte Paul Urbanski, während er in seine schwarze Jeans schlüpfte. Aber nun schien ihn Ninas Misstrauen zu belustigen, und er willigte ohne Umschweife in ihren Vorschlag ein.

Es war windig geworden.

Dohle besserte den mannshohen Palisadenzaun aus, der den Hartmannschen Hof an seiner Ostflanke, zum Gaugerschen Anwesen hin, begrenzte.

Jette vertrieb sich die Langeweile mit Fahrradfahren. Stur und wie ferngesteuert wiederholte sie auf dem Hof eine Acht, eine strenge Übung. Mit konstanter Geschwindigkeit fuhr sie auf der verschlungenen Bahn des unsichtbaren Zeichens dahin, Runde um Runde. Von Nina und Paul Urbanski nahm Jette, während sie ihre Acht vertiefte, gar keine Notiz, und den Zuruf der Beiden schien sie überhaupt nicht zu hören.

Sie spielt Unendlich!, meinte Nina.

Jette fährt Fahrrad, und basta, sagte Paul Urbanski schroff.

Kaum im Freien, begriff Paul Urbanski, dass er soeben einen großen Fehler machte. Nina war keine Frau für draußen; er hätte der Idee zu diesem Ausflug nie zustimmen dürfen. Schon begann das Gift einer absurden Eifersucht durch seine Adern zu zirkulieren: Nina würde in wenigen Augenblicken seine Wege teilen.

Hat das Gaugersche Anwesen etwas mit dem Optiker Gauger zu tun, dessen Filialen inzwischen ganz Norddeutschland überziehen?, wollte Nina wissen und hakte sich bei Paul Urbanski unter.

Er nickte und bewunderte Jette, die sich in ihrem Dahinfahren nicht stören ließ.

Paul Urbanski war ungeduldig, aber Nina hatte es nicht eilig. Lange sah sie den spielenden Pferden auf der Koppel hinter der Kirche zu. Dann blieb sie bei der alten Schmiede, nur wenige Schritte weiter, abermals stehen. Spatzen hielten lärmend eine Ligusterhecke besetzt und flickten mit ihrem Gezeter die Löcher im Geäst.

Nina amüsierte sich.

Schließlich erreichten sie den Dorfteich. Wenn der böig gewordene Wind ins Schilf griff, klang es, als berühre jemand Seide.

Von dem Paar, das sich nach dem Meer erkundigt hatte, fehlte jede Spur.

Nina betrachtete eine Zeitlang das frisch renovierte Entenhaus auf dem Teich, Fachwerk en miniature. Ein Witzbold hatte KURVERWALTUNG unter den Giebel geschrieben.

Dann wandten sich Paul Urbanski und Nina wieder zum Gehen.

Sie werde nun nicht mehr zu ihm kommen, sagte Nina so beiläufig, als teile sie ihm eine triviale Beobachtung mit, dies sei ihr letztes Treffen gewesen.

Als sei, was sie eben gesagt hatte, ein Grund zur Ausgelassenheit, ergriff Nina Paul Urbanskis rechte Hand und begann, übermütig zu hüpfen.

Ein Tierarzt im Ruhestand, der sich an seiner Garage zu schaffen machte, warf Nina und Paul Urbanski einen neidischen Seitenblick zu.

Während er sich von Nina mitreißen ließ, versuchte sich Paul Urbanski einzureden, er habe sich verhört. Doch schon im nächsten Moment gewann die Bestürzung die Oberhand.

Sie steht ja immer noch, sagte Nina und deutete auf die Telefonzelle neben dem Briefkasten.

Nina spielte damit auf eine Bemerkung an, die Paul Urbanski einmal gemacht hatte: Seit er hier wohne, habe noch niemand vor seinen Augen von dieser Zelle aus telefoniert. Deshalb rechne er damit, dass dieses Relikt bald abgerissen werde.

Ja, sagte Urbanski, und auf einmal fing der Apparat in der Zelle zu läuten an. Drei oder vier Klingelzeichen lang starrten Nina und Paul Urbanski auf das periodisch schrillende Gehäuse, als handle es sich um ein Naturereignis.

Dann betrat Paul Urbanski die Telefonzelle und nahm den Hörer ab.

Hallo, sagte eine vertraute Stimme.

Es war Linnecke, der leitende Redakteur, der bei Paul Urbanski die Rezension über den Roman, in dem Robert am Vorabend seiner Reise nach Lissabon von dem Flugzeugunglück liest, in Auftrag gegeben hatte.

Zu Hause nimmt niemand ab, das Handy ist wie meist abgeschaltet, also habe ich es mit dieser Notrufnummer probiert und prompt Erfolg gehabt, feixte Linnecke ins Telefon. Wie kommst du voran?

Ich liefere pünktlich, sagte Paul Urbanski und hängte ein.

Nina war verschwunden.

1Jette, dreizehnjährige Göre in Varenstedt. Spindeldürr und warmherzig. Gewitztes Großmaul. Spielt gern Mühle, rappt, hält die Augen offen. Verteilt vom Himmel gefallene Präservative im Dorf. Zögert nicht, sich die Schnauze an fremden, sauren Äpfeln zu verbrennen, wenn ihr Gerechtigkeitsgefühl es ihr gebietet.

2Nina, Nachname und detaillierte Lebensumstände unbekannt. Anfang vierzig. Kunsthistorisch gebildet. Gewissen Gerüchten nach einst Model in der Kaffeewerbung (Morgenaroma), heute mit einem Zahnarzt aus Uelzen verheiratet. Eine Zeitlang Urbanskis kapriziöse Geliebte in Varenstedt, nicht unempfänglich für Geldzuwendungen. Hätte den eigenbrötlerischen Literaturkritiker womöglich verlassen, wäre ihr nicht die Ankunft des Meeres dazwischengekommen. Wie das Leben eben so spielt, sagt man in Varenstedt oft und gern.

3Dohle, schwer zu beschreibender Handlanger auf dem Hartmannschen Hof zu Varenstedt. Mann für alles. Früher als Veranstaltungstechniker der Punkband Zyklon B in ganz Europa unterwegs. Taucht meist plötzlich in einem Jeep auf. Nennt sich manchmal Freitag. Immer mürrisch, oft exzessiv übellaunig. Schwärmt für Häuser mit Roof-Pool.
Bekennender Inselhasser. Weigert sich, das Wasser, das unversehens Varenstedt und ein paar Nachbardörfer eingeschlossen hat, Meer zu nennen. Glaubt an die Gesamtvertuschung einer gigantischen Katastrophe durch ein Kartell aus Tourismuspropaganda und Eventmanagement.

4Robert, Romanfigur. Wartet darauf, von Paul Urbanski rezensiert zu werden.

ZWEI

Wieder auf dem Hartmannschen Hof angelangt, gestand sich Paul Urbanski ein, dass er nicht begriff, was er soeben erlebt hatte. Linneckes Anruf in der Telefonzelle. Ninas schnippischer Bescheid, sie werde sich nicht mehr mit ihm treffen. Was sollte diese Auskunft bedeuten? War ihre Trennung schon wirklich, nur weil Nina sie ausgesprochen hatte? Welche Rolle spielte das verrückte Paar, das sich bei ihm nach dem Strand erkundigt hatte?

Paul Urbanski lachte plötzlich laut auf, so komisch kam er sich vor. Vielleicht lag alles daran, dass er den falschen Beruf gewählt hatte. Zu behaupten, man sei ein Kritiker – was für eine lächerliche Anmaßung. Längst ließ sich nichts mehr unterscheiden. Für ihn so wenig wie für jeden anderen auch.

Ein niedriger Himmel, aschgrau und an einigen Stellen schmutziggelb entzündet, leistete der Dämmerung Vorschub. Der Wind hatte sich fast gelegt.

Vor dem Eingang zum Turm passte Dohle Paul Urbanski ab. Dohle bot Urbanski eine Zigarette an, obwohl er wusste, dass der Bewohner des Turmes seit Jahren nicht mehr rauchte. Paul Urbanski hob abwehrend beide Hände und wartete höflich ab, was Dohle ihm sagen wollte.

Dohle zündete sich eine filterlose Camel an. Seine Bronchien begrüßten den gierig inhalierten Rauch mit einem feinen Fiepen.

Ob er Streit mit seiner Freundin gehabt hätte, wollte Dohle auf einmal wissen, er habe ihn zufällig beobachtet, wie er in die Telefonzelle gestürmt sei. So wütend oder erregt habe er ihn, seinen vertrauten Nachbarn, noch nie zuvor erlebt.

Urbanski starrte Dohle verblüfft an. Sollte er seine Hellsicht bewundern oder ihn wegen der unverschämten Einmischung in seine, Urbanskis, Angelegenheiten zur Rede stellen?

Übrigens habe er keinen Augenblick daran gezweifelt, dass er die Telefonzelle nur zum Zwecke des Türenschlagens betreten habe, um seine Wut und Enttäuschung abzureagieren, so Dohle weiter, Weiber, wer könne nicht ein Lied davon singen.

Dohle trat seufzend seine Kippe aus.

Er sei, so unwahrscheinlich es auch klinge, im Vorübergehen angerufen worden, hörte sich Paul Urbanski sagen und biss sich auf die Lippe. Er verzieh sich nicht, dass er sich zu so einer plumpen Erklärung hatte hinreißen lassen. Je stärker er jetzt beteuerte, dies sei die Wahrheit, desto dürftiger nähme sich das vermeintliche Alibi in Dohles Ohren aus, dachte Paul Urbanski, und seine Stimmung changierte von Verlegenheit zu Grimm.

Urbanski!, das war Jettes Stimme, die aus einem Fenster im ersten Stock des Hartmannschen Haupthauses krähte, Urbanski!, meine Eltern sind nach Berlin gefahren. Ich habe mir beim Italiener in Abstorf eine Pizza capricciosa zum Abendessen bestellt. Spielst du später eine Partie Mühle mit mir?

Jette mochte Paul Urbanskis undeutliche Kopfbewegung für ein zustimmendes Nicken halten, denn sie klatschte in die Hände und schrie, Bis dann!

Jetzt erinnerte sich Paul Urbanski daran, dass Dohle, bevor er auf dem Hartmannschen Hof sein Auskommen fand, lange als Veranstaltungtechniker gearbeitet hatte. Zwei Jahre war er, das galt ihm als der Gipfel seiner Karriere, mit der einst legendären deutsch-irisch-russischen Punkband Zyklon B auf Europatournee unterwegs gewesen, hatte, in Rom, Odessa und Barcelona, in Wien, Krakau und Dublin, für den Ton gesorgt und sich um das Licht gekümmert. Aus dieser Zeit stammte womöglich Dohles Sinn für Bühneneffekte und Auftritte, sein dramaturgischer Instinkt.

Plötzlich ungeduldig, schüttelte Paul Urbanski den Aufdringlichen ab, ohne ein weiteres Wort über die Szene an der Telefonzelle zu verlieren.

Im Turm atmete Paul Urbanski auf.

Er beschloss, sich einen grünen Tee zuzubereiten, bevor er an die Arbeit ging. Das anschwellende Summen des Wasserkessels besänftigte ihn, und er vertrieb sich die Zeit, bis das Wasser kochte, indem er zerstreut in einem Kalender blätterte. Nicht weil er den Stand der Gegenwart anzeigte, durch seine Aktualität, machte sich dieser Kalender unentbehrlich; er diente Paul Urbanski seit Jahren als Gedächtnisstütze. In die Tagesspalten hatte er die Namen ihm nahestehender Menschen eingetragen, deren Geburtstag sich an dem jeweiligen Datum jährte. Hatte einst eine freundliche Bekanntschaft genügt, um in diesen Kalender aufgenommen zu werden, so verfuhr Urbanski im Laufe der Jahre immer strenger. Genau genommen gestattete Paul Urbanski in letzter Zeit niemandem mehr den Zutritt in das Territorium erinnerungswürdiger Geburtstage; seitdem er im Turm wohnte.

Der Kalender war ein Geschenk gewesen, von Arno Heinrich, dem Inhaber eines modernen Antiquariats in Hamburg-Barmbek und passioniertem Fotografen. Von ihm selbst gestaltet; vor fünfzehn Jahren.

Für die dreizehn Seiten aus feingetöntem Karton – zwölf Monate und ein Titelblatt – hatte Arno Heinrich großformatige Schwarzweißaufnahmen ausgewählt, mit Motiven eines bekannten römischen Friedhofs, jeweils über dem vorgedruckten Wochenschema eines Monats eingeklebt.

Solche Kalenderrohlinge führte inzwischen jedes Papierwarengeschäft.

Oben perforiert, mit einer Metallspirale gebunden und einem Bügel versehen, war der Kalender zum Aufhängen bestimmt. Doch von dieser – für seine Begriffe zu großspurigen – Möglichkeit Gebrauch zu machen, hatte sich Paul Urbanski gescheut. Er verwahrte den Kalender in einer Schublade seines Küchenschrankes und nahm ihn von Zeit zu Zeit zur Hand, um ihn zu betrachten.

Vorn, über dem Schriftzug Ein Kalender für 1985, eine Ansicht der Cestiuspyramide, rechts angeschnitten; davor eine Grabplatte, horizontal in ein Rasenstück eingesenkt; zur Linken zwei gedrungene Türme mit Zinnen, durch massives Mauerwerk verbunden; darüber, mit der Schräge der Pyramidenflanke korrespondierend, ein Teil einer Pinienkrone, in dichter Schraffur.

Paul Urbanski schlug ohne Eile ein Kalenderblatt nach dem anderen um, bis er beim September war. Übermorgen, sah er erstaunt, würde Gabriela fünfundvierzig Jahre alt werden. Sie lebte in Utrecht. Glückwünsche auszutauschen, war zwischen ihnen schon lange nicht mehr üblich.1

Vor zehn Tagen hatte, wie der Kalender unbarmherzig verriet, sein Freund Lars Kuhlmann Geburtstag gehabt; Paul Urbanski spürte Gewissensbisse, denn bereits im Vorjahr hatte er es versäumt, ihm zu gratulieren.

Noch heute abend wollte er Lars anrufen.2

Unter dem 9. September war eine Tante Martha eingetragen. So sehr Paul Urbanski sein Gedächtnis auch anstrengte, ihm fiel nicht ein, um wen es sich handeln könnte.

Das Bild auf dem Septemberblatt, ein Querformat, zeigte mehrere Grabsteine im Gegenlicht, die ihre Schatten auf die davorliegenden Rabatten warfen, in Richtung des Zuschauers. Im Hintergrund Rasen, eine von der Geschichte gestutzte Säule, Sträucher und niedrige Bäume; Mimosen vor einer Mauer aus großkalibrigen Quadern, mit gefiederten Schatten gesprenkelt.

Vorne rechts, symmetrisch versetzt zu einem orthodoxen Kreuz auf der Linken: JOHN KEATS. Daneben, unter einer stilisierten Harfe in Stein: This Grave / contains all that was mortal / of a / YOUNG ENGLISH POET/

Here lies One/ Whose name was writ in Water

Um das Kleingeschriebene zwischen den Zeilen auf dem Grabstein entziffern zu können, hätte Paul Urbanski seine Lesebrille holen müssen, aber seine Trägheit flüsterte ihm ein, dass dies nicht nötig sei.

Mit dem frisch gebrühten Tee wechselte er hinüber ins Arbeitszimmer, schenkte sich ein Glas ein und schaltete den Computer an.

Paul Urbanski kniff die Augen zusammen, schlürfte von dem heißen Tee und tippte ohne zu zögern den ersten Satz seiner Rezension in die Maschine.

Robert, die Hauptfigur des zu besprechenden Romans – von der Geschäftsreise, die ihn nach Lissabon geführt und an deren Vorabend er in einem Buch von dem Flugzeugunglück am Montblancmassiv gelesen hat, zurückgekehrt – ändert sein Leben. Er zieht nach Italien, lässt sich in Lubriano, einem Dorf im Latium, nieder und tut sich mit einem Schäfer zusammen. Nie geht Robert ohne seine beiden Hirtenhunde aus. Von dem Geld, das er einst als Geschäftsmann verdient und gespart hat, erwirbt Robert Weideland, eine Schafherde und zwei Häuser. Da Robert, einem gewieften Händler, der Preis, den man damals mit Schafwolle erzielen konnte, zu niedrig vorkommt, wartet er, statt sofort zu verkaufen, die Entwicklung auf dem Markt ab und lagert seine Wolle vorläufig in einem seiner Häuser. Das wird ihm schließlich zur Gewohnheit. Mit jeder Schur wächst der Wollberg. Eines Tages ist das erste Haus bis zur Decke gefüllt, ganz und gar ausgestopft, ein präpariertes Riesentier, für das im Moment niemand eine Verwendung hat. Robert lässt sich nicht beirren und fängt an, auch in seinem Wohnhaus ein Zimmer nach dem anderen mit Wolle zu füllen. Am Ende des Romans hat Robert gerade noch eine Kammer zum Leben, und der Leser, dem der Romanheld inzwischen ans Herz gewachsen ist, fragt sich bange, was denn aus Robert nur werden soll.

Von dem Alphabet auf der Tastatur seines iMac über die Fingerspitzen breitete sich eine wunderbare Müdigkeit in Paul Urbanski aus, gegen die jeder Widerstand zwecklos war. Er schlief ein, für wenige Minuten nur. Als er wieder erwachte, fragte er sich, ob er etwas geträumt hatte. Aber er fand es nicht heraus.

Hellwach und konzentriert schrieb er seine Rezension nieder; wie sein Urteil über ein Buch ausfiel, verriet Paul Urbanski niemandem, auch seinen engsten Freunden nicht, bevor nicht die Kritik gedruckt war. Aber wen kümmerte es noch.

Im Sommer des Jahres Neunzehnhundertfünfundachtzig – selten blieb ein Blick in den Kalender folgenlos – war Paul Urbanski mit seiner Frau Gabriela in Kalifornien unterwegs gewesen; an der Westküste, entlang des legendären Highway One. In Oakland hatten sie eine Freundin von Gabriela besucht, und von dort waren sie nach San Diego aufgebrochen.

Gabriela hatte im Vorjahr ihr Studium der Ägyptologie mit einer Arbeit zur koptischen Dialektkunde abgeschlossen und sich, übergangslos, mit chinesischer Medizin zu beschäftigen begonnen; brotlos das eine wie das andere. Paul Urbanski hatte sich, seit fünf Jahren schon, in Dulsberg niedergelassen und in einem engen Atelier, über einer Toyota-Werkstatt, eine Praxis für Lebensart, Kulturphilosophie und Literaturkritik eröffnet, mit geregelten Sprechzeiten; auch kein besonders lukratives Geschäft.

Ihre Reisekasse für den kalifornischen Trip war sehr mäßig gefüllt.

An eine Begründung erinnerte sich Paul Urbanski nicht, nur daran, dass sie gerade Carmel passiert hatten, als ihm Gabriela, kurz angebunden, mitteilte, sie werde ihn verlassen. Sie fuhr den Mietwagen, einen weißen Chevy, und er, auf dem Beifahrerplatz, wusste nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte.

Dass Clint Eastwood das Städtchen Carmel als Bürgermeister regiere, war das Letzte gewesen, was er Gabriela vor ihrer ebenso lapidaren wie unumstößlichen Auskunft erzählt hatte. Vergebens bemühte er sich, einen Zusammenhang zwischen seiner launigen Bemerkung und Gabrielas Reaktion herzustellen.

Gabrielas Freundin in Oakland – hieß sie Renate? oder Franziska? – hatte ihnen den Tipp gegeben, dass eine über ganz Kalifornien verbreitete Motelkette einem Rabatt gewährte, wenn man am Abend der Ankunft gleich die nächste Übernachtung buchte, in einer Filiale, die man am folgenden Tag erreichen würde. Dankbar willigten sie in diese Möglichkeit zu sparen ein; das schmale Reisebudget ließ ihnen keine Wahl.

77 Motel – so lautete der Name der Kette.

Flachbauten im Karree, über denen in der Dämmerung eine riesige orangefarbene 77 rhythmisch aufglomm; ein ungepflegter Pool im Innenhof; Appartements gleichen Zuschnitts; sie imitierten einander in Ausstattung und Einrichtung so perfekt, dass die naheliegende Redensart zum Verwechseln ähnlich angesichts dieser Reproduktionsarchitektur viel zu gemütlich wirkte. Es waren Klone eines Motels, übers Land verstreut.

Ganz gleich, welches Zimmer welcher Niederlassung von 77 Motel man auch betrat – Tisch und Stuhl und Bett standen an ihrem Platz, wie eingeboren, ein genetisches Verhängnis. Orangegeflammte Tapeten, der Faltenwurf der Tagesdecke und die Drapierung der Kissen, der halb zugezogene Duschvorhang und der Neigungswinkel des Bildschirms – der Apparat war auf einer Konsole befestigt –, nirgendwo war ein Unterschied zu entdecken. Man fuhr am Morgen los und kam, nach einer Tagesreise von zweihundert oder dreihundert Meilen, wieder am selben Ort an; bald nahm man kaum noch Notiz von dieser gespentischen Gewohnheit.

Es klopfte an der Tür, und bevor Paul Urbanski Herein! zu rufen vermochte, stand Jette schon im Raum, einen Karton mit Brettspielen unter dem Arm.

Wenn du es dir aussuchen dürftest, welche Rolle würdest du dann am liebsten spielen, den Meister, den Magier, den Samurai oder den Leibwächter?, erkundigte sich Jette und teilte Paul Urbanski ungefragt die schwarzen Steine für eine Partie Mühle zu.

Ich wäre gern der Kritiker, sagte Paul Urbanski, und er ärgerte sich, noch während er sich reden hörte, über die schäbige Feierlichkeit seiner Antwort.

Gibt’s in dem Rollenspiel gar nicht, du Komiker, sagte Jette und setzte den ersten Stein.

Eine kurze Weile befassten sie sich schweigend mit ihren Spielzügen, und dann fragte Jette, ohne hochzuschauen, deine Freundin Nina und du, habt ihr guten Sex?

Paul Urbanski starrte die Göre überrascht an und massierte sich mit den Kuppen von Mittel- und Zeigefinger die Schläfen.

Jette wiederholte ihre Frage nicht.

Paul Urbanski verlor, verlangte eine Revanche, durfte diesmal mit den weißen Steinen spielen und verlor abermals.

Jette warf den Kopf in den Nacken und ahmte das Beutegeheul einer Hyäne nach. Dann packte sie zufrieden das Brett und die Steine ein und ging, mit einem knappen Gruß.

Draußen dunkelte es rasch. Eine pfeifend vorgetragene Melodie, kurz und einfältig, vagabundierte über den Hof; so vertrieb sich Dohle die Langeweile.

Auf einer Kommode stand, das eitle Etikett dem schmalen hohen Spiegel zugewandt, die angebrochene Rotweinflasche, die Urbanski geöffnet hatte, um Nina ein Glas anzubieten, vor dem Spaziergang. Jetzt schenkte er sich nach.

Das Glas in der Hand, schlenderte er zum Fenster und setzte sich zögernd in den mit rotbraunem Leder bezogenen und einer beweglichen, in verschiedenen Ebenen arretierbaren Lehne ausgestatteten Sessel; es gefiel ihm, einfach so dazusitzen und den Luxus des Alleinseins auszukosten, ohne Vorsatz oder Absicht. Seine Blicke passierten die Scheiben des Kastenfensters, zwischen denen ein winziger Ölbaum, eingetopft, sein Dasein fristete, und vertieften sich in die Konturen der Dunkelheit.

Vorbeihastende Wolken, von unsichtbarer Hand geführte ausgefranste Putzschwämme aus versteifter Stahlwolle, seiften den grünlichen Mond ein. Das Geäst des Walnussbaumes, dessen Ausdünstungen im Sommer die Insekten fernhielten, verwandelte sich ins Fachwerk der Finsternis. Im Haupthaus begann Jette, auf ihrer Blockflöte zu üben.

Auch wenn Gabriela keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass es ihr Ernst damit war, sich von ihm zu trennen, waren sie für die Dauer ihrer kalifornischen Reise zusammengeblieben. Urbanskis Gedächtnis hatte die Erinnerungen an den Rest ihrer gemeinsamen Zeit in ein gewittriges Zwielicht gerückt, das weder dem Tag noch der Nacht zugehörte. Trennungssepia – so hatte Paul Urbanski diesen Erinnerungsfarbton später genannt. Er ging mit einem Zustand der Einsilbigkeit einher. Gabriela und er wechselten nur noch wenige notwendige Worte, die dem anderen sofort einleuchteten wie dem Tiefseefisch die Sepiawolke, und wer sie damals in Kalifornien zufällig beobachtete, hätte sie leicht für ein glückliches Paar halten mögen.

Sie stritten sich nie.

Sie badeten im Pazifik, und sie rieben einander fürsorglich mit Sonnenmilch ein.

Einmal lauschten sie dem Gesang der Wale.

An einer Westküste hatten die Sonnenuntergänge ohnehin ein leichtes Spiel. Es genügte, dass sie sich ereigneten.

Zwei- oder dreimal hatten sie sich sogar noch geliebt, Paul und Gabriela, in einem Appartement eines 77 Motel, aus Versehen. An Gabrielas Entschlossenheit änderte es nichts.

In San Diego waren sie bei einem deutschen Schriftsteller zu Gast, der sich selbst hierher verbannt hatte; so drückte er sich jedenfalls aus. Es klang nach Strafe und Gerichtstag.

Eine weitläufige Bekanntschaft; Paul Urbanski hatte, in seiner Eigenschaft als Kuratoriumssprecher des Tschechow-Forums e. V., mit dem Schriftsteller ein paar Briefe gewechselt.

Der Schriftsteller empfing sie in seinem mit schweren Jalousien ganz und gar gegen das Tageslicht abgeschirmten Haus; nur wenige Halogenspots erlaubten, dass man sich in den Räumen orientieren konnte. Kaum waren Gabriela und Paul Urbanski eingetroffen, nötigte der Schriftsteller die Beiden, mit ihm Whiskey zu trinken und begann, atemlos auf sie einzureden. Alles was er sagte und tat, wirkte gehetzt oder fahrig.

Sie seien vermutlich überrascht, wie er wohne, im schönen Kalifornien.

Das Summen der Klimaanlage verschliff sein heiseres Flüstern.

Aber er habe etwas herausgefunden, das für die Welt ein Todesurteil sei. Nur weigere sich die begriffststutzige Menschheit noch, davon Notiz zu nehmen: Die größte Faschistin überhaupt sei nämlich die Sonne, und ihr Trachten ziele darauf, uns alle zu vernichten und durch die Schlote ihres kosmischen Krematoriums zu jagen.

Später legte der Schriftsteller Paul Urbanski in gespielter Vertraulichkeit den rechten Arm um die Schulter und ermahnte ihn mit schwerer Zunge, er möge gut auf Gabriela achtgeben; sie sei ein Schatz.

Paul Urbanski hatte feige genickt.

Noch war es nicht zu spät, um Lars Kuhlmann anzurufen und ihm nachträglich zum Geburtstag zu gratulieren; Paul Urbanski erinnerte sich an seinen Vorsatz, und er griff zum Telefon.

Linda meldete sich und Paul Urbanski wunderte sich, dass sie mit verstellter Stimme telefonierte.3 Aber vielleicht hatte sie sich das von Berufs wegen angewöhnt; Linda arbeitete als Eventmanagerin für einen namhaften Rückversicherungskonzern und verdiente viel Geld. Seit Jahren schon hielt sie Lars Kuhlmann aus, zu seinem Glück; wer das allerdings in Lindas Gegenwart zu äußern oder auch nur ironisch anzudeuten wagte, riskierte, dass ihn Linda heftig attackierte: Wie einer so blöd sein könne, nicht zu begreifen, dass Lars Kuhlmanns Stunde noch komme, werde sie nie fassen, und als Lover sei Lars, selbst wenn er käuflich wäre, unbezahlbar.

Lars Kuhlmann – Urbanski und er kannten sich seit ihren Leipziger Studententagen, Ende der Sechziger – gehörte zu den Leuten, die gerne mit dem Finger ein Labyrinth in die Luft zeichnen. Wer sich da wieder herausfand, hatte gewonnen.

Paul Urbanski hatte Lars Kuhlmann schon damals in Leipzig wegen dieser Vorliebe häufig aufgezogen. Aber Lars Kuhlmann war es ernst damit, bis heute.

Im Spätsommer Achtundsechzig trafen Lars Kuhlmann und Paul Urbanski im Café Corso am Leipziger Neumarkt eine Verabredung zum Abendessen: für den ersten Weihnachtsfeiertag, im Restaurant De Ultieme Hallucinatie in Brüssel. Zufällig hatte ihnen einmal ein Messegast von diesem Lokal erzählt, und sie folgten diesem Wink gern.

Wie, genau, ihre Fluchtpläne lauteten, verrieten sich Paul Urbanski und Lars Kuhlmann nicht, um einander, im Falle des Misslingens, nicht zu gefährden.

Paul Urbanski wählte einen Weg zu Wasser, im Faltboot nachts über das Schwarze Meer. Der Name und die Nacht verbanden sich in seinem Kopf zu einem Inbegriff der Verborgenheit, auf den er sich verließ. Im bulgarischen Ahtopol stieg er in sein zerbrechliches Boot, beschrieb eine elegante Spitzkehre nach Westen und landete sicher an einem türkischen Gestade.