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Viktoras PivonasESEL

IM DRITTEN

FRÜHLINGSMONDRoman

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Inhalt

1. Die schwarze Grille klebt am Baum

2. Der Zopf in der Achsel

3. Der Drache friert im Feuer

4. Taumelnde Falter

5. Die hinkende Ente

6. Erträumtes Delta mit Flamingo

7. Die Ziege im Gehölz

8. Der Vogel im Regenwald

9. Die Milch der Eselinnen

1. Die schwarze Grille klebt am Baum

Von neun Betten, die in dieser Romanze eine Rolle spielen, stolperte ich in fünf. In eines musste mir geholfen werden. Die Erinnerung an die beiden anderen meine ich meinen Bemühungen zu verdanken. Eines blieb erträumt. Also: Zweihundert Seiten Beschreibungen fremder Häute und Laute. Ein leichter Ton. Wie wenig bedarf es, über den Druckpunkt hinweg zu gelangen. So dachte ich, wenn ich an Bob erinnert wurde. Als Lebender war er stumm. Über die Lippe wäre ihm keine Klage gekommen. Er schob mir nur Zettel zu. So, über den Schreibtisch. Da stand dann in seiner disziplinierten Schrift:

Natürlich kann ich verstehen, dass manche Ärzte den Leiden ihrer Patienten nicht gewachsen sind. Anstatt über Jahre hinweg die Disziplin aufrechtzuerhalten, mit der sie ihre Laufbahn begonnen hatten, versuchen sie nun, dem Druck zu entfliehen. Im Gewande der Wissenschaft zitieren sie den Ruhiggestellten. Und dann spielt ihnen die Phantasie einen Streich. Während sich noch das Vorwort um Erklärungen bemüht, wie man die Anonymität des Betroffenen zu wahren versucht, hämmert der folgende Text, Zeile um Zeile, ein Bild in das Gedächtnis des Lesers, ähnlich den Fahndungsfotos, die zusammengesetzt werden aus Erinnerungsfetzen von Augenzeugen.

Kennen Sie Doktor Trockeneisz? notierte er einmal.

Ich schüttelte den Kopf: Nicht persönlich.

Trockeneisz hatte Bob zum Fall gemacht; bei lebendigem Leib. Natürlich mit dem Einverständnis seines Patienten, wie Bob zu betonen nicht müde wurde. Alle Kanäle geöffnet, die Gedächtnisgärten umbrochen, alle Träume notiert und die Wucherungen der Phantasie sauber zurückgeschnitten, hatte Bobs zergliederte Seele, nach Wiederherstellung lechzend, »Ja« gemurmelt. Ein Bund fürs Leben. Der neue Bob wurde broschiert. Als die zweite Auflage seiner Person erschien, war er längst verstummt.

Als ich das erste Mal eine seiner Notizen vorgelegt bekam, wusste ich damit nicht mehr anzufangen als mit einem beliebigen Geschenk, das Sympathie voraussetzt, um nicht zurückgewiesen zu werden. So hatte er sich auch beworben. Aber erst, als er vor meinem Schreibtisch stand, verstand ich, dass er nicht sprechen konnte. Ein seltsamer Vogel. So muss er auch Trockeneisz erschienen sein.

Bob hatte notiert: Wie wollen Sie lesen? Von vorn oder von hinten? Oder durcheinandergewürfelt, Zeiten und Orte? Den Anfang vom Ende?

Jetzt war ich meiner Sache nicht sicher. Ich beobachtete mich dabei, wie ich Bobs Geschichte zu meiner machte. Gelegentlich auch, wie ich versuchte, Verwandtes zu meiden. Schon nach der ersten Veröffentlichung seines Falls galt er als geheilt. Er war fast berühmt. Manchmal warb er sogar mit Trockeneisz’ Werk für seine Person, signierte die Widmungen mit seinem wirklichen Namen. Später ließ er auch das.

Dachte ich an Bob, dann auch an Ines Puder, seine Frau, die ihm die Treue hielt, die soziale. Die Asoziale. Theoretisch hatten sein Arzt und er sich immer darüber verstanden: neue Frau, neues Buch. War’s dies Urteil, das Trockeneisz über Bobs Produktion abgab, das die Katastrophe voraussagte, das Formtief, falls die nächste Frau ausfiele? Und sie fiel aus.

Später, viel später, als ich schon die Zusammenhänge zu verstehen meinte, wusste ich, dass es Ines war, die Bob in die erste Liebschaft trieb. Indirekt natürlich. Aber sobald er zu wissen meinte, dass sie ein lebhaftes eigenes erotisches Leben führte, hatte er sich den nächsten, ihm offenstehenden Möglichkeiten zugewandt. Weiblichen. Woher wusste ich das? Natürlich nicht nur aus Bobs Notizen. Auch Ines versprach sich gelegentlich, redete länger oder lauter als nötig. Dennoch wunderte ich mich, wie lange ich brauchte, bis ich begriff, in welche Situation ich geraten war. Jetzt, wo es nur darum geht, den zeitlichen Ablauf der Geschichte darzustellen, brauche ich lediglich zu fragen, was mich – der sich so viel auf seine soziale Intelligenz zugutehielt – vor sofortigem Verstehen schützte?

Bob war ein guter Gesprächspartner. Nicht übermäßig gebildet, verstand er zuzuhören und das Aufgenommene schnell niederzuschreiben. Ein zuverlässiger Berichterstatter, dazu virtuos im Umgang mit Schreibmaschinen. Als er eines Tages merkte, dass mir die Zettelwirtschaft unseres Frage- und Antwortspiels auf die Nerven ging, zog er das Schreibpult meines Computers auf seine Seite. Während er mit der Linken eine Zigarette zum Mund führte, schien seine Rechte das Tastenfeld nur zu streifen. So besser? erschien auf dem Bildschirm. Ich nickte, wir kamen schnell ins Gespräch.

Nach dem Essen fand ich eine Nachricht Bobs vor. Zwar stand die Schrift ruhig auf dem Monitor, und die Mitteilung war eher beiläufig, dennoch spürte ich eine Beunruhigung, die ich nicht zu lokalisieren verstand:

Zunächst erscheint alles so selbstverständlich. Haben Sie jemanden kennengelernt, vor und nach einem kosmetischen Eingriff? Mir geht es weniger um das Detail, Nase oder Lippe, egal. Mir ist auch klar, dass der Arzt einem am Bild vorführt, wie er etwas zu verändern gedenkt, um dem Wunsch seines Patienten zu entsprechen. Soll ja Leute geben, die sich eine gebrochene Nase wünschen. Schließlich unterstelle ich, dass der Operateur sein Handwerk versteht und gegen die Versuchung ankämpft, übermäßig an der Schöpfung herumzudoktern. Was versteht er von Schönheit? Was findet er schön? Der eine mag Rubens, der andere Giacometti. Dann endlich liegt der Patient in Narkose. Der Arzt findet unter der Haut nicht Plastilin sondern natürliches, vielleicht unerwartet gealtertes Gewebe. Es gibt keine Möglichkeit, den Fall zu erörtern. Außerdem muss das zukünftige Wachstum berücksichtigt werden, all die Fälle, in denen er weniger erfolgreich war. Ich unterstelle ihm auch Loyalität. Derzeit zumindest. Aber darauf, was schließlich aus seinen Bemühungen wird, wie viel Einfluss hat er darauf? Sie merken, ich bin nervös. Habe mal einem Maler beim Aquarellieren zugeschaut. Einem Meister. Das Papier vor ihm, eingenässt. Saugfähiges, schweres Papier. Er geht mit dem Pinsel dran, tupft. Die Farbe breitet sich aus, fließt, vor allem nach unten. Man kann Einiges unternehmen, steuern nur wenig. Schließlich war es eine duftige Landschaft und nicht der Brei, den ich erwartete. Aber der Mann hätte mir an keinem Bildpunkt nachweisen können, dass er mehr als vage einzugreifen wusste. Das Ergebnis sprach freilich für ihn. Entsprach es aber auch der Landschaft, die ihm vorgeschwebt hatte?

Ich löschte den Text. Gleich darauf erschienen neue Zeilen. Sollte ich mich ärgern? Bob schien dem zuvorkommen zu wollen:

Geduld, bat er. Ganz kurz nur, wirklich. Ich fragte Sie schon einmal: Kennen Sie Trockeneisz? Damals antworteten Sie: Nicht persönlich. Ich habe lange genug auf seiner Couch gelegen, um das mit Sicherheit feststellen zu können: Ich auch nicht. Ich weiß, technisch, was er getan hat, aber ich weiß nicht, wer er ist, also auch nicht, weshalb er es tat. Aber nun ist der Prozess nicht aufzuhalten. Ich stehe zwar nicht unter Evipan, bin aber auch nicht frei, aufzustehen und zu wandeln. Mein lieber Mann, müsste ich nicht zu meiner Sitzung, hätte ich Sie gebeten, mich zum Lunch einzuladen. Muss nüchtern bleiben. Danke für Ihre Geduld.

Nun war wirklich Schluss. Ich löschte auch das und fragte mich, ob ich gegen eine seiner Regeln verstoßen hätte, hätte ich den Text ausgedruckt? Schließlich stand mein Büro, so wie ihm, auch jedem anderen offen.

Am späteren Nachmittag rief mich Bobs Frau an. Es sei dringend. Ob ich mich nicht mit ihr treffen könne? Es handelte sich um Bob. Unmöglich, dass sie mir am Telefon Näheres mitteilte. Ob ich dennoch ...? Ich nannte sie beim Vornamen, weil das beruflich zwischen Bob und mir üblich war, angesichts der angelsächsischen Wurzeln des Hauses, das unsere Talente ausbeutete. Ines. Ich war erleichtert, sie nicht mit dem Familiennamen ansprechen zu müssen, weil es mir unmöglich schien, Bob Mr. Puder zu nennen.

Ich schlug vor, am nächsten Tag gemeinsam zu Mittag zu essen. Sie bat um ein abgelegenes Restaurant. Wenn irgend möglich, wollte sie vermeiden, dass Bob etwas von unserem Treffen erführe. Ausgeschlossen, dass sie ihm dann verschweigen dürfte, worum es ging.

Wir trafen uns in einem kleinen Hotelrestaurant, eine Mischung aus Coffeeshop und Pizzeria. Winzige Tische. Wir saßen uns so dicht gegenüber, dass sich gelegentlich unsere Knie berührten.

Bob fühlt sich verfolgt, begann sie.

Davon hat er mir nichts gesagt; ich meine, ergänzte ich, Sie wissen ja, wie wir uns unterhalten. Er schreibt ...

Natürlich. Ich meine, dass ich das weiß; ich meine aber vor allem, dass mir klar ist, weshalb er es Ihnen nicht mitteilt. Er fürchtet um seine Karriere ...

Aber das ist doch nicht meine Sache.

Wie lange ist er denn hier? fragte sie und fuhr fort: vier Monate. Er wäre erledigt, ginge er zum Chef. Nein, nein. Sie kennen ihn nicht. Aber er scheint Ihnen zu vertrauen. Deshalb rief ich Sie an.

Hat er denn einen konkreten Grund?

Ich durchschaue es nicht. Einmal, sagte er, sei ihm jemand gefolgt. Von unserer Wohnung bis ins Büro.

Kein Zufall? fragte ich.

Verzeihung.

Ich meine, ob es kein Zufall war?

Nein, nein. Ich habe Sie verstanden. Ich entschuldige mich nur ...

Ihr Knie war sanft an meins gestoßen.

Bitte, sagte ich.

Ich weiß nicht. Sie hob die Schultern. Er meint, es passierte nicht zum ersten Mal. Aber ob es nun stimmt oder ob er es sich nur einbildet – in beiden Fällen ... Mein Gott. Erst die jahrelange Analyse, dann die Veröffentlichung. Jeder würde glauben, er sei nicht mehr ganz zurechnungsfähig.

Und wie benimmt er sich?

Jetzt wäre es an mir gewesen, mich zu entschuldigen. Ich schwieg. Ines stockte, ehe sie antwortete:

Normal. Was immer man darunter versteht. Selbstverständlich spricht er auch mit mir nicht. Aber er fasst mich wenigstens an. Gelegentlich. Das ist schon so intim. Entschuldigen Sie bitte. Ich meine, weil ich das direkt anspreche. Wir kennen uns ja kaum.

Ihre Augen waren nass. Ich stocherte in meiner Vorspeise.

Er könnte sich nur mir anvertrauen, fuhr sie fort, er führt ein offenes Tagebuch, das auch ich mitlesen darf, damit ich auf dem Laufenden bleibe. Also dieser Verfolgungswahn. Verzeihung ..., es ist so eng. Sie versuchte zu lächeln, fuhr fort:

Ich habe selbst das Restaurant vorgeschlagen. Ich hatte es deshalb in Erinnerung, weil man sich hier unterhalten kann, ohne die Stimme heben zu müssen, weil man nicht anderthalb Meter auseinandersitzt. Dafür ist es ein bisschen kompliziert.

Sie schaute unter den Tisch und stellte ihre Beine zwischen meine.

Wird es so gehen?

Ich werde aufpassen, antwortete ich.

Ines gefiel mir, doch ich suchte kein Abenteuer. Sie hatte mich vorher nie gesehen. Und jetzt, da sie mich kennenlernte, müsste sie feststellen, um mit dem Leiblichen zu beginnen, dass sie gut einen Kopf größer war als ich; und dies im Sitzen. Auch sie suchte keinen Flirt, dessen war ich sicher. Dennoch meinte ich eine erotische Gereiztheit wahrzunehmen, die sich bis in das Gespräch hinein auswirkte, Spannungen betonte und Tränen trieb, wo zum Weinen längst kein Anlass bestand. Sie war blond. Ich suchte keine Blondinen, d.h. mein Körper hatte bislang nicht viel mit ihnen anzufangen gewusst, außer der gemeinen Umklammerung. Sie war groß. Ich meinte für kleine Frauen zu schwärmen. Sie trug wenig Schmuck, war kaum geschminkt und schien eine eigene Atmosphäre zu besitzen, als käme sie nie mit unserer in Berührung. So hatte auch ihr Atem, der mich gelegentlich streifte, eine Frische, als stiege er nicht aus den tropischen Netzen einer menschlichen Lunge. Doch dass sie ein Warmblütler war, wusste mein Knie. So achtete ich nicht auf ihre Stimme, während ich auszumachen suchte, was mich für sie einnahm. Die Unbefangenheit der Bewegung vielleicht, die ich mit einer Herausforderung verwechselte, weil ich nicht gelernt hatte, mir vorzustellen, dass Unbefangenheit auch mit Unschuld einhergehen konnte? Vielleicht. Doch wo hätte ich das lernen müssen? Als Kind unter Kindern? Zweifellos hatte sie etwas Kindliches. Die Haut etwa ... Erprobte ich schon ihren seelischen Haushalt? Als ich aufschaute, wirkte sie gelassen, fragte:

Sie haben nachgedacht?

Am wenigsten über Bob. Hauptsächlich über Sie. Verzeihen Sie, wenn ich mich missverständlich ausdrücke. In keinem Moment darf es so klingen, als hielte ich Sie für den Anlass von Bobs Behinderung. Dagegen spräche ja auch die Fallgeschichte, wie sie Trockeneisz veröffentlichte. Aber ich suche nach einer Entsprechung, die ihn mit Ihnen verbindet – als müsste es eine geben.

Müsste es eine geben? wiederholte Ines.

Ich antwortete nicht direkt:

Über Bob weiß man sehr viel. So viel, dass man meint, alles zu wissen. Sie haben sich aber erst nach dem Abschluss seiner Behandlung kennengelernt ...

Sie unterbrach:

Er hat noch immer zwei Termine pro Woche. Wussten Sie das nicht?

Das war mir neu. Ich wiegte den Kopf.

Es braucht Sie nicht zu wundern, fuhr sie fort, eine Sitzung liegt innerhalb einer Mittagspause, eine zweite am Sonnabend. Trockeneisz fühlt sich ihm verpflichtet oder hat Schuldgefühle, oder beides. Jedenfalls hat er in eine solche Regelung eingewilligt.

Ich weiß gar nicht, ob ich das alles erfahren sollte, meinte ich.

Ich kann Sie verstehen, antwortete Ines. Aber einer sollte wenigstens im Büro Bescheid wissen. Und zu Ihnen hat er Vertrauen gefasst, wiederholte sie.

Ich sehe Ihre Besorgnis, sagte ich, und doch sprechen Sie, als läge das alles, wie soll ich sagen, außerhalb von Ihnen. Als hätte es keinen direkten Bezug zu Ihnen. Wenn Sie mich schon verständigen, brauche ich Ihre Hilfe. Aber im Moment wüsste ich nicht einmal wofür.

Wir schwiegen. Ich goss ihr nach. Ich weiß nicht was. Plötzlich wurde es laut: Vor den Fenstern des Restaurants rollte ein Polizeiwagen vorbei. Blaulicht. Es folgte ein Demonstrationszug.

Erstaunlich ruhig, sagte ich.

Ines wandte den Kopf zum Fenster.

Iraner, antwortete sie, oder Türken? So ruhig finde ich die gar nicht. Aber interessiert uns das? Ich habe eher den Eindruck, dass Sie mir Gelegenheit geben wollten, Ihrer Frage auszuweichen. Nachdem ich sie nicht umgehend beantwortete: Nach der Entsprechung.

Ich schwieg.

Wahrscheinlich würde ich die Frage beantworten, wenn ich sie beantworten könnte. Und wenn man mir vorwerfen würde, ich wüsste über mich nicht genügend Bescheid, so könnte ich auch nicht widersprechen. Während Bob für alle Welt als geheilt galt, kaum dass Trockeneisz’ Buch erschienen war, wurde es schlimmer denn je. Nach dieser Behandlung hörte er auf zu schreiben. Es erschöpfte sich in Rezepten, Telefonnotizen, gelegentlichen Eintragungen ins Tagebuch.

Ines sprach und sprach. Sie nahm den Demonstrationszug zum Anlass, von Bobs politischen Interessen zu erzählen. Hätte ich hinhören sollen? Ich erlag meinen erotischen Rastern. Wenn ich von meinem Teller aufsah, in das Gesicht dieser Frau, das wie ein blasser Lampion über mir hing, löste sich der Anblick in ein nicht minder blasses obszönes Moment, ein Kalkül von Stufen, die sich zum Besteigen der Riesin anboten. Eine neue Ikone. Propheten knien vor der Pornographie. Die Vernunft hat längst ausgeträumt. Ein laszives Monster führte das Wort.

Wieder traten ihr Tränen in die Augen. Sie weinte. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie gesprochen hatte. Ich zog ein Tuch aus der Brusttasche. Sie begann zu schluchzen. Ich presste vorsichtig ihre Beine zwischen meinen Knien. Ein bisschen schien das zu helfen. Sie schluchzte nicht mehr, benutzte diskret das Taschentuch, versuchte, unter Tränen zu lächeln.

Wenn sie ehrlich sei, ginge es nicht mehr um Bob. Sie hätte Angst, meinte sie. Einerseits die ständige Öffentlichkeit, die nicht anders als Bedrohung verstanden werden könnte, dazu das wirtschaftliche Risiko, das mit Bobs Verhalten einherging. Beide stünden sie erst am Anfang. Sie verdiene so gut wie nichts.

Ich fragte nach ihrem Beruf und bereute meine Frage augenblicklich. Gleich schien es, als wollte sie wieder weinen. Doch sie fing sich. Schon während des Studiums habe sie sich eine Zukunft als Journalistin ausgemalt. Sie hatte Glück, naja. Ein Volontariat bei einem Provinzblatt. Sie durfte das Buch des seinerzeit unbekannten Trockeneisz besprechen. So lernte sie Bob kennen. Er hatte die Rezension von seinem Arzt erhalten und ihr prompt geantwortet. Bob wollte nicht anonym bleiben. Damals nicht – und Trockeneisz sei zu eitel gewesen und weder schlau noch stark genug, Bob aufzuhalten.

Das ist noch heute eine Symbiose, sagte Ines, nun völlig ernüchtert, in keinem Moment weiß man, wer bei wem schmarotzt.

Ich öffnete meine Knie. Sie bat um ein Dessert. Ich bestellte etwas Käse.

Ines Puder, sagte ich eher zu mir. Sie reagierte sofort:

Bitte?

Ich war ganz in Gedanken, entschuldigte ich mich. Natürlich lässt mich das alles nicht unberührt, aber Sie überschätzen meine Position. Was sollte ich im Ernstfall tun?

Was wäre denn der Ernstfall?

Ich hob die Schultern. Während wir das Restaurant verließen, sagte sie:

Vielleicht brauche ich mehr Hilfe als er.

Ich schaute zu ihr auf. Sanft lächelnd schien der Lampion über mir zu schaukeln.

Einmal fragte ich Bob, ob seine Frau einen Auftrag übernehmen würde? Als er nickte, gab ich ihm die Rohschrift eines Berichtes, den sie überarbeiten sollte. Sie schrieb schnell. Ein nüchterner Stil, nicht flach, aber schmucklos. Wir konnten die Arbeit verwenden. Gelegentlich bestellte ich sie ins Büro, manchmal nahm Bob die Sachen nach Hause. Ich glaubte dem Ernstfall, was immer Ines Puder darunter verstanden haben mochte, entgegenzuarbeiten. Gemächlich führte mich mein Instinkt. Einmal hatte sie sich verspätet. Sie rief an. Kaum war sie mit mir verbunden, begann sie zu schluchzen.

Ausgeschlossen, dass sie mir den Text persönlich bringen könnte. Ihr Zustand ließe das nicht zu. Ich würde verstehen, wenn ich sie sähe. Ob ich nicht ausnahmsweise vorbeikommen könnte? Mittags sei sie allein.

Sie trug ein langes, glänzendes Kleid. Nichts für die Straße. Sie schien mir noch größer als sonst, weil sie Nase und Mund hinter einer Kompresse verbarg. Die Augen waren gerötet. Sie sprach gedämpft, schnell und manchmal fast unverständlich. Als ich sagte, sie brauche sich doch nicht zu verstecken, legte sie die Kompresse beiseite. Ihre Lippen waren gesprungen, eine Wange geschwollen.

Nachts sei sie hysterisch geworden. Es sei ihre Schuld. Aber sie habe es nicht mehr ausgehalten, dass er mit ihr nur noch schriftlich verkehre. Kein einziges Mal erwähnte sie seinen Namen, aber während sie berichtete, liefen ihr die Tränen über Wangen und Mund. Ich nahm die Kompresse und folgte ihr ins Bad. Sie setzte sich auf den Rand der Wanne. Ich stand vor ihr und tupfte nach den Tränen. Sie hielt die Augen geschlossen, den Kopf nach hinten geneigt. Ihre Haare erschienen mir nass und schwer. Ich strich ihr die Strähnen aus der Stirn, ging dann zum Waschbecken und spülte das Tuch. Als ich zu ihr zurückkehrte, hielt sie die Augen noch immer geschlossen.

Sie wüsste nicht, wie lange es schon so ginge. Trockeneisz’ Hochmut sei unerträglich. Sie habe ihn angerufen und natürlich Bob von dem Anruf berichtet. Vielleicht hätte das den Wutanfall ihres Mannes ausgelöst. Sicher nicht das allein. Sie weigere sich, weiter sein Tagebuch mitzulesen! Natürlich sei ihr von Beginn an deutlich gewesen, dass dies keine normale Ehe würde, aber hätte sie nicht ein Recht auf eine Spur Normalität? Sie redete sich in Zorn, wurde dabei gleichzeitig nüchterner. Sie habe die Arbeit längst fertig, aber am Morgen vergessen, sie ihrem Mann ins Büro mitzugeben. Als er dann zur Tür hinaus sei, wollte sie ihn nicht mehr zurückrufen.

Sie schüttelte den Kopf. Langsam glitt ihr Kleid auseinander. Für eine so große Frau hatte sie erstaunlich zierliche Brüste, blass wie Gesicht und Schultern. Ich weiß nicht, was ich erwartet hätte, wäre mir nach Liebe gewesen. Augenblicke blieb sie noch sitzen, dann stand sie auf; ohne das Kleid zusammenzuraffen, ging sie zum Spiegel. Während sie sich betrachtete, begann sie wieder zu weinen.

Ob ich nicht im Wohnzimmer warten wollte, bat sie schließlich. Sie käme gleich nach.

Ich ließ die Kompresse auf dem Wannenrand, blieb kurz hinter ihr stehen. Im Spiegel sah sie mich an, versuchte ein Lächeln: Sie wolle sich schminken. Im Kühlschrank sei Wein. Sie würde gerne etwas Kühles trinken.

Ich stellte die gefüllten Gläser auf den Couchtisch und wartete in einem der kleinen Sessel. Sollte ich den Schatten berühren? Halb fühlte ich mich eingeladen.

Mit dem Mund ist nicht viel zu machen, sagte Ines, als sie das Zimmer betrat. Sie trug noch immer das lange Kleid, das sie jetzt über der Brust gerafft hielt. Dann sah sie die Gläser, nahm beide, reichte mir eins und kniete vor meinem Sessel.

Ich habe einen leicht getönten Fettstift genommen. So, wie sie eben sind, wirken die Lippen geschminkt nur vulgär. Ich habe stattdessen die Augen betont. Meinen Sie, man könnte sich draußen so sehen lassen?

Sie wartete eine Antwort nicht ab, hob mir das Gesicht entgegen, das Glas vor dem aufgeschlagenen, glänzenden Mund. Auch ich hob mein Glas.

Wären wir unter Leuten, fuhr sie fort, würde ich schneller vernünftig. Hier erzwinge ich eine unnatürliche Vertrautheit, weil ... Sie wissen ja alles oder können sich den Rest denken.

Vielleicht sollten wir etwas essen? schlug ich vor. Ich kam darauf, weil Sie eine andere Umgebung erwähnten. Vielleicht würde es Ihnen guttun, nicht nur zu sprechen, sondern auch auf irgendetwas zu beißen.

Beißen, antwortete sie, gerne.

Nach einer Pause fragte sie: In unserem Restaurant?

Als ich nickte, trank sie ihr Glas leer, stand auf.

Wenn es Ihnen recht ist, bestelle ich ein Taxi.

Sie deutete auf das Telefon, ging aus dem Zimmer. Noch während ich sprach, rief Ines: Was soll ich anziehen?

Und als ich auflegte, wiederholte sie: Ernsthaft, was soll ich tragen?

Sie stand vor einem geöffneten Schrank. Ihr Kleid hatte sie übers Bett geworfen. Ich stellte mich neben sie. Viel Auswahl hatte sie nicht.

Die Jeans, meinte ich. Sie zog sie über die Strümpfe. Wählte dazu einen weichen Pullover.

Nur noch die Haare, dann bin ich fertig.

Als es klingelte, standen wir schon an der Tür.

Vergiss, was du warst und bist; es gibt nicht viel zu vergessen.

Ines hatte mir den Zettel über den Tisch geschoben. Reagierte sie schon wie ihr Mann? Ich fragte danach.

Nein, nein, fügte sie hinzu, das hätte nicht sie geschrieben, sondern Bob. Er hätte ihr den Zettel hinter den Spiegel geklemmt. Sollte sie das auf sich beziehen?

Ich zuckte mit den Schultern:

Wann haben Sie den Zettel gefunden?

Heute. Nachdem er ins Büro gegangen war.

Dann könnte es ebenso für ihn gelten. Vielleicht will er sich auf seine Weise entschuldigen.

Vielleicht, räumte sie ein, schob dabei ihre Knie zwischen meine.

Ich blickte von meinem Teller auf.

Ob ich das verstünde? wollte sie wissen.

Ich nickte, ohne recht zu wissen, wozu.

Sie sind mit meiner Arbeit zufrieden? fragte Ines und gleich danach: Ich meine, unabhängig von meiner Person?

Ich blickte wieder auf.

Sie antworten nicht, sagte sie, natürlich nicht. Sie könnten ganz selbstverständliche Dinge sagen. Aber Sie ziehen es vor, nicht zu antworten. Vermutlich würde ich es auch nicht tun, in einer vergleichbaren Situation. Weil ich mich elend fühle, erzwinge ich eine Intimität, die sonst nicht zu rechtfertigen wäre. Wenn ich genauer nachdenke, hätte ich wohl gerne etwas mehr als nur Mitleid.

Sie zog ihre Knie zurück.

Wenn Sie gerecht wären, antwortete ich, würden Sie zugeben, dass es nicht nur Mitleid ist, wenn überhaupt von Mitleid gesprochen werden darf. Was Ihre Arbeit betrifft, so könnte ich es weder vor mir, noch vor meinem Auftraggeber rechtfertigen, Sie zu beschäftigen, wenn das Ergebnis nicht unseren Erwartungen entspräche. Und was Ihre Person anbelangt, mein Gott, Ines, ich brauche nicht nach Komplimenten zu suchen.

Ausgerechnet heute! sagte sie.

Ja, heute besonders. Sie haben sich ja nicht ganz unbewusst betrachten lassen, und ich habe es gerne getan.

Das sagen Sie mir jetzt, beim Essen.

Ich glaube nicht, dass Sie eine entsprechende Bemerkung in Ihrem Schlafzimmer zugelassen hätten.

So oder so, antwortete sie, ich hatte mich zu sehr von der Konvention entfernt, als dass ich dann konventionell reagiert hätte. Ich glaube nicht, dass ich kokett bin.

Ich stimmte zu: Aber ich weiß es erst jetzt. Ich war nicht übertrieben misstrauisch in Ihrer Wohnung, aber woher hätte ich wissen sollen, was Ihnen normal erscheint und was lediglich mit Ihrer Verzweiflung zu erklären wäre. Oder ist Verzweiflung schon zu viel?

Vermutlich. Doch es könnte so weit kommen. Ich sehne mich nach Wärme, nach etwas Bewunderung, stattdessen gibt er mir seine Notizen. Anfangs, als wir noch nicht zusammenlebten, war es sehr schön. Er schrieb mir täglich Briefe. Manchmal gleich mehrere. Aber dann, nach den ersten heftigen Monaten, weiterhin nur Briefchen, die zudem immer kürzer wurden ...

Sie spießte mit ihrer Gabel nach Bobs Zettel.

Vergiss, was du warst und bist; es gibt nicht viel zu vergessen. Laut sagte sie:

Das ist niemals eine Entschuldigung. Das ist so aggressiv: Er schlägt mich noch immer. Entschuldigen Sie, ich sollte nicht ständig darauf zurückkommen. Gefalle ich Ihnen wirklich?

Das klingt schon besser. Sie sind sehr schön. Ich würde ...

Sie unterbrach: Sagen Sie nichts mehr.

Sie wissen nicht, was ich sagen wollte.

Ich fürchtete, Sie würden irgendwelche hypothetischen Bedingungen stellen ...

Eigentlich, antwortete ich, hatte ich vor, konkret zu werden.

Und das hieße?

Würden Sie mir erlauben, Ihnen ein Geschenk zu machen?

Ines legte ihr Besteck hin und griff nach meiner Hand.

Ich würde, antwortete sie – und nach einer Pause: Wenn es nicht zu teuer ist.

Das wiederum ist relativ, meinte ich.

Natürlich. Wenn ich mich schon beschenken lasse. Aber wir sitzen hier wie ein Liebespaar und sind es nicht.

Das sind wir allerdings nicht.

Weshalb tun Sie denn so viel für mich?

Sie waren es, die mich erstmals anrief. Sie hatten mir etwas mitzuteilen. Inzwischen hat sich gezeigt, dass Sie bereit sind, auch etwas von mir anzunehmen.

Und das genügt Ihnen? fragte sie.

Nein.

Was also dann?

Ich weiß es nicht, will es auch nicht wissen. Es ist ein noch undefinierter Zustand.

Tatsächlich sagte ich, was ich dachte. Wäre es um Verführung gegangen, lägen wir längst beieinander. Und alles wäre ihre Initiative. Inzwischen hatte auch ich mich bewegt, wenn es auch schien, dass ich sie mir auf zuvorkommende Weise vom Leibe hielt. Befragte ich mich genauer, gab es dafür einen triftigen Grund. Ich sehnte mich nicht nach Komplikationen. Ich fühlte mich Bob gegenüber nicht verpflichtet. Er war ein Kollege, dessen Vertrauen ich nicht gesucht hatte. Was Kollegialität betraf, so hatte ich ihre Grenzen im Laufe der Jahre zu häufig zu spüren bekommen, um nicht daraus auch etwas zu lernen. Eher gab es eine gewisse Loyalität gegenüber der Firma. Aber auch hier wäre es mir weniger um Rücksicht gegangen, als darum, Turbulenzen zu vermeiden, die die Arbeitsabläufe gestört und – im schlimmsten Fall – zu Umsatzeinbußen hätten führen können. Die Argumentation war wiederum zynischer, als ich zu handeln fähig schien. Bis heute jedenfalls. Wie auch immer, ich suchte keine Probleme. Aber Ines hatte mich ihren Reiz spüren lassen. Vielleicht war ihr nach Vergeltung. Mit einem Geschenk bewegte ich mich, so lange man mir glaubte, noch gerade im Rahmen. Würde sie Bob davon erzählen, würde er reagieren, dessen war ich sicher – und ich wäre gewarnt. Ein Test also?

Ihre Knie. Ich sah sie fragend an.

Offensichtlich haben Sie meine Frage nicht gehört, sagte sie.

Das tut mir leid, aber Ihr Knie habe ich gespürt.

Meine letzte Chance, Sie auf mich aufmerksam zu machen. Darf ich fragen, woran Sie dachten?

Wir kennen uns nicht so gut, dass ich Ihnen direkt antworten könnte. Ich beschreibe Ihnen lieber meinen Zustand: Ich bin misstrauisch; ein gesundes Misstrauen, meine ich. Mir scheint, dass mit der Art von Nähe, die wir in so kurzer Zeit erreichten, das mögliche Maß an Vertrauen ausgeschöpft ist.

Ihr Vertrauen in mich oder meins in Sie? wollte Ines wissen.

Weder noch. Ich denke vor allem an das, das man uns entgegenbringt.

Sie denken an meinen Mann, stellte sie fest.

Ich fühle mich ihm nicht verpflichtet, aber ich denke auch an ihn. Wundert Sie das? fragte ich.

Ja.

Und wieso?

Vergessen Sie nicht, Ihr erster Anruf war ganz davon bestimmt, Bob zu helfen: Er fühle sich verfolgt.

Und vergessen Sie nicht, sagte sie, das ist erst unser zweites Treffen – und Sie fragen, ob Sie mir ein Geschenk machen dürfen.

Ist das ein Streit? fragte ich. Natürlich, auch Sie haben Recht. Und natürlich ist mir klar, dass wir uns nicht streiten. Das wäre der Fall, wenn wir eine Liebschaft hätten.

Heimliche Treffen, Streit, Vertrauensfragen, spottete Ines, äußerlich sind die Bedingungen einer Liebschaft längst erfüllt.

Oder einer Verschwörung. Jedenfalls nicht die einer Liebschaft. Müssten wir auch über diesen Punkt verhandeln, würde ich sagen, dass wir bereits bei der Reue sind …

Sie waren es ja wohl, der auf einen möglichen Genuss verzichtete, warf Ines ein.

Dazu gleich zwei Bemerkungen, erwiderte ich: Zunächst habe ich schon versucht zu erklären, weshalb – und dann, wäre es wirklich Genuss gewesen?

Sie schwieg.

Mögen Sie noch ein Glas? fragte ich.

Ines nickte. Ich winkte dem Ober.

Vermutlich habe ich Sie doch verletzt, sagte ich. Falls es zutrifft, dann tut es mir leid.

Sie sah mich durch das Glas an, fragte:

Wollen Sie mir noch immer ein Geschenk machen?

Ich nickte.

Und ich habe darauf einen Einfluss?

Gewiss.

Was könnte es dann sein?

Wie wäre es mit einem Kleid? fragte ich dagegen.

In den ernstesten Situationen denken Sie an die trivialsten Dinge: Essen und Kleidung. Sie halten mich für ziemlich oberflächlich.

Falls das eine Frage war, antwortete ich, so will ich mich gern wiederholen. Sie sind sehr schön.

Ach, sagte Ines und legte ihre Hand auf meine.

Ich will nicht behaupten, dass Trockeneisz den Autor Bob Puder absichtlich ruiniert hatte. Faktisch lief es aber auf die Zerstörung des Schriftstellers hinaus. Vor der Behandlung war Bob ein nicht gerade unbekannter Verfasser kürzerer dramatischer Arbeiten, die vor allem bei den Rundfunkanstalten Förderer fanden. Das, was man einen Durchbruch nannte, hatte er noch nicht gehabt. Mag sein, dass es ihm an der nötigen Beredsamkeit fehlte, die einschlägigen Instanzen für seine Karriere zu gewinnen. Jedenfalls hatte er etwa zu dem Zeitpunkt, als er mit der Arbeit an seinem ersten Buch begann, auch die Therapie bei Trockeneisz aufgenommen.

Was Bob als Behinderung empfunden hatte, das, was ihn auf die Couch des Psychiaters trieb, war jene Schweigsamkeit gewesen, die nur gelegentlich von einem Murmeln oder Räuspern, also von vorsprachlichen Geräuschen unterbrochen worden war. Aber er hatte seine Hörspiele und Lautbilder produzieren können, sozusagen als Ausgleich für seine Beschwerden. Schon nach zweijähriger Therapie hatte Trockeneisz den Fall publik gemacht; auch das, was er seinen Behandlungserfolg nannte. Bob konnte, ohne die Lippen zu öffnen, ein zustimmendes »Mhm, mhm« von sich geben, auch einen ablehnenden Ton, so wie etwas, was interrogativ klang.

Fragend, übersetzte Trockeneisz, als ein Reporter nachhakte. Im Verlauf des gleichen Interviews hatte Bob, unmissverständlich an die Adresse Trockeneisz’, »Mama« produziert.

Trockeneisz wurde berühmt, auch wohlhabend. Bob war erledigt. Nicht nur als Schriftsteller, wie sich erwies. Dabei war es keineswegs so, dass seine bisherigen Auftraggeber sich von ihm abwandten. Im Gegenteil, die Beachtung, die Trockeneisz’ Werk fand, färbte auch auf den bisherigen Autor ab, nur dass der, irritiert von dem Interesse, das seinem Fall galt, als Autor aufgab. Er hörte auf zu schreiben. Schon kurz nach Beginn der Behandlung hatte er sich, nicht zuletzt um Trockeneisz’ Honorare begleichen zu können, nach einer bürgerlichen Tätigkeit umgesehen. Und während es ihm leicht fiel, für eine Firma zu arbeiten, fiel ihm zunehmend schwerer, was er das freie Schreiben nannte.

Nun war das Gespann Puder – Trockeneisz nicht das einzige seiner Art, und dieser Therapeut war ebenso sicher nicht der typische Vertreter seines Standes. Doch immer wieder tauchten jene Behandlungszwitter auf, die sich dadurch auszeichneten, dass ein leerer, doch analytisch geschulter Kopf, mit einer überreich mit Schmerzen aufgefüllten Seele konfrontiert wurde, die auszuweiden dann zwanghaft vorgeschrieben schien.

Übrigens war Trockeneisz, nach einigen unerfreulichen Interviews, auf dergleichen Fragen bestens vorbereitet. Er verwies dann auf die allgemeine Gültigkeit der in Bobs Fall gewonnenen Einsichten und darauf, wie segensreich sie sich nicht nur auf die Arbeit jener Kollegen auswirken müssten, die bereit seien, von ihm zu lernen, sondern auch auf all die anonymen Leser seines »kleinen Bestsellers«, wie er scherzhaft bemerkte, die ein eigenes Interesse an seinen Beobachtungen fanden. Außerdem, und mit dieser Ansicht stünde er keineswegs allein, könnte man auch die Werke des großen Freud als Werke der Weltliteratur, gar als Romane, lesen.

Damit war Bob nicht geholfen und so saß er häufig genug vor meinem Schreibtisch und ließ Fragen und Antworten über den Bildschirm flimmern. Er gewöhnte sich an, länger als erforderlich im Büro zu bleiben, so dass ich es mir wiederum zur Gewohnheit machte, jeden Morgen den Speicher meines Laptops auf mögliche Einträge hin zu prüfen, ehe ich mit der eigentlichen Arbeit begann. Von den aufgezeichneten Vermerken des Sekretariats oder anderer Mitarbeiter abgesehen, waren es fast ausschließlich Bobs Berichte, die die ausgedruckten Seiten füllten. Ich legte einen Ordner an, den ich in eine Reihe tausender längst abgelegter und vermutlich vergessener Akten schob. Da Bob nicht auf hörte, mir seine Texte zuzuleiten – neuerdings bemühte er sogar die Post, um mir während seiner Dienstreisen schreiben zu können – wurde, bis zu seinem endgültigen Verschwinden, ein weiterer Ordner fällig.

Ich hatte kein ganz reines Gewissen, wenn sich seine Notizen auf dem Papier materialisierten. Sie waren zwar für mich bestimmt, aber weil sie sein Ersatz für das gesprochene Wort darstellten, nicht für eine endgültige Aufzeichnung vorgesehen. Ohne mir weiter darüber Rechenschaft abzulegen, löste ich mein Problem dadurch, dass ich die Papiere ablegte, ohne sie zu lesen. Nur das eine oder andere Mal, wenn sich seine Texte mit Aktenvermerken und Glossen mischten, überflog ich den Inhalt; dabei konnte es vorkommen, dass ich mich festlas. Sein Stil erinnerte mich an etwas, was ich schon kannte.

Wahrscheinlich vermutete ich, bereits durch die, mit ihm halb schriftlich halb mündlich geführten Diskussionen, auf seine Ausdrucksweise so weit vorbereitet zu sein, dass sich das Déjà-vu-Erlebnis gleichsam unvermeidlich einstellen musste. Vielleicht hatte ich auch, ohne es zu wissen, eines seiner Hörspiele gehört.

Es kam noch etwas hinzu, was mir das Lesen erschwerte. Was er mir nämlich während meiner Abwesenheit schrieb, schien so viel an Bekenntnissen zu enthalten, mir so viel an Vertrauen entgegenzubringen, dass ich mich diesen Inhalten zu entziehen trachtete. Er vermittelte den Eindruck, als wollte er mich in ein Geflecht einbinden, das mir undurchsichtig, gar gefährlich erschien.

Hin und her; die Ambivalenz, die ich Bob gegenüber empfand, schien sich auf mein Verhältnis zu Ines zu übertragen. Dieses Vor und Zurück meiner Überlegungen, mal auf Attacke gerichtet, mal darauf, Distanz zu wahren, schien das Spiel vorwegzunehmen, den Tanz der Derwische, den ich gelegentlich in einem ausschließlich ihr und mir vorbehaltenen Tagtraum inszenierte.