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Dragan Aleksić
Zwischen Nera und Karasch

Dragan Aleksić

ZWISCHEN NERA UND KARASCH

Aus dem Serbischen
von Mirjana und Klaus Wittmann

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INHALT

I. Kapitel

II. Kapitel

III. Kapitel

Epilog

Anmerkungen

I

 

Und die toten Nächte sinken herab
Ohne Geruch, ohne Farbe
Warum bellen die Hunde so traurig?
Was wissen sie?
Was fürchten sie?

Oskar Davičo

 

Dicke, pralle, schwarze Maulbeeren fallen in den warmen, knöcheltiefen Staub. Der Mond ist groß wie ein schwerer, runder Strohballen, die drei Flecken auf ihm sehen aus wie der Mund und die Augen im Gesicht eines traurigen Menschen. Die Sterne sind eingeschlafene Entchen. Alles sieht man wie am Tag: Von den Hügeln auf der einen und den flachen Äckern auf der anderen Seite der Straße bis hin zu dem hohen Damm des Donau-Theiß-Donau-Kanals, in den bei Pitonjs Mühle der leise, grüne Karasch mündet, ist alles hell, silbrig, tiefgolden. Der blassschwarze Schatten unter den Maulbeerbäumen auf beiden Seiten der weißen, langen und breiten Straße erinnert an ein verwaschenes Witwenkopftuch. Der Wind ist nicht stark genug, um Bewegung in den Schatten zu bringen, der sich wie ein Hirtenmantel um die dicken, knorrigen, gesunden oder auch morschen Baumstämme gelegt hat; er vermag gerade noch, die Blätter der Pappeln entlang des Kanals hin und her zu wenden, wie es Kinder tun, die ihre nassen Hände trocknen.

Im Gras unter den Maulbeerbäumen leuchten Glühwürmchen wie goldene Knöpfe; vom Kanal her hört man die Frösche quaken und die Grillen scharf und rau an der Luft kratzen, ab und zu raschelt es im Maisfeld, für einen Augenblick sieht man die schwarzgrünen Blätter golden schimmern, die seidigen Bärte an den Kolben sich bewegen; man riecht die faulen Maulbeeren, die schwarzen und die weißen (die wie Sternschnuppen herunterfallen), den Staub und die Asche auf den Feldern, auf denen die Getreidestoppeln abgebrannt wurden.

Auf den Hügeln die reglosen Weinstöcke, himmelblau vom Blaustein, die Weinbergpfirsiche und die um den Petrustag reifenden Äpfel. Dort dösen kleine Hütten: weißgekalkte Fensterrahmen, in der niedrigen Türöffnung anstelle einer Tür ein aufgeschlitzter Sack oder eine alte Wolldecke. Neben den Hütten kleine Becken, in denen der Blaustein zubereitet wird, daneben größere und tiefere, mit Mörtel glatt verputzte Becken, in denen sich auf der ruhigen Oberfläche des aufgefangenen Regenwassers schwarzgolden die Sterne spiegeln.

Nur unter der dichten Krone eines mächtigen Walnussbaums, der von weitem, von jeder Gemarkung, von überall zu sehen ist, herrscht tiefe Nacht, schwarz wie ein Keller, wie Rabenflügel, wie Schuhcreme, wie Gummiopanken, wie verkohlte Brotrinde. In dieser Dunkelheit versteckte sich nach langer Flucht meine irre gewordene Seele: so ist es, wirklich …

Ein schwarzer Vorhang schob sich zwischen mich und den Rest der Welt, ich überquerte leicht und behände den blutigen Acker: Der warme Staub wusch meine Füße wie laues Wasser, aber das Blut an meinen Händen blieb und befleckte mein Gesicht und mein Hirn.

Unter dem Nussbaum ist die Erde nackt, unter dem Nussbaum wächst nie etwas, gedeiht nichts, dort ist ein runder, unfruchtbarer Pferch: Ich liege tot unter dem Nussbaum auf der nackten Erde, ohne einen einzigen Grashalm, hart und festgestampft von den Schafen und Hütehunden in der Mittagsruhe: Mir ist, als spürte ich im Nacken das Hecheln eines Hundes in der Hitze. Ich bin tot und atme dennoch, mache die Augen auf und zu, warte, dass der Schmerz mich durchbohrt, dass er durch meinen Mund zu mir kommt und mich verschlingt, und dass auch ich ihn verschlinge, ohne dass mein Adamsapfel sich bewegt, ohne dass ich etwas herunterschlucke: ein kurzes Aufblitzen der Sünde, und ich bin nicht mehr, der ich war …

Mir, dem Sonderbaren, mir, dem Einfältigen, mir, dem Trinker, mir, der keinen bestimmten Weg kennt, der den Kopf senkt und vor sich hin pfeift, mir, dem Hoffnungslosen, mir, dem ständig der Vergangenheit Zugewandten, mir, dem einsamen Jäger, der selten etwas aufs Korn nimmt, mir, der nie weiß, woher er kommt und wohin er geht und ob das Brot, das er aß, dasselbe war, das andere aßen, mir stehen jetzt nur Jahre der Reue bevor, nur die, nur die: Hundertzwanzig Jahre für die Buße und in jedem feurigen und eisigen Jahr Monate, Tage, Stunden, Minuten: in diesen Minuten mein Ein- und Ausatmen, mein Wehklagen und Bereuen, mein Jammern und Weinen im Suff, die Niederlage und der Fall, die Berührung der Ohnmacht. Ich bin eine brennende Kerze in nieselndem Herbstregen.

– Komm, wir gehen uns ein Fenster anschauen – sagte ich zu dem Nachbarjungen Joca, er war dreizehn und ich vierzehn; er hörte immer auf mich und begleitete mich überall hin, ich war einen Kopf größer als er, auf meiner Oberlippe lag ein dunkler Schatten – der Vorbote eines jugendlichen Schnurrbartes.

– Am Pfarrhaus?

– Ja, dort hatte das Mädchen gewohnt, das ich liebte. Der Pope Nikola war ihr Vater.

– Sie hatte ein etwas kürzeres Bein.

– Sie hatte ein bleiches Gesicht und zwei schwarze Zöpfe, sie hatte grüne Augen und weiße Zähne. Im Winter wurde ihr Gesicht rosig, fast durchsichtig; ihre Hände waren rot vor Kälte. Ich sehe auch jetzt noch ihre gerötete kleine Nase vor mir, ihre Oberlippe, etwas hochgezogen, als trotze sie jemandem, ich sehe ihre Augen, die mich betrachten: sie konnte mir ohne mit der Wimper zu zucken länger in die Augen schauen, als ich ihr: Ich begann nach einer Weile zu zwinkern und wandte meinen Blick ab, obwohl ich ein Jahr älter war als sie. Sie starb an einem Wintertag, in den Ferien, sie war nicht zum Kaiserinnenhügel gekommen, um mit ihren Freundinnen Schlitten zu fahren. Als ich zu ihrem Grab kam, war es schon von weichem Neuschnee bedeckt wie von Engelsflügeln: Eine Stunde zuvor hatte ihr Vater sie beerdigt. Ich roch den Schnee, den Rauch, der vom Haus des Totengräbers schräg in den grauen Himmel aufstieg, ganz schwach spürte ich auch den Duft der frisch ausgehobenen Erde und des Weihrauchs. Während einige unsichtbare Krähen im nahegelegenen schwarzen, starren Akazienhain krächzten, summte ich leise vor mich hin: Kalter Wind weht über das Feld, Dunkelheit senkt sich auf die Erde, meine Augen füllen sich mit Tränen … ach, geh nicht, geh nicht fort …

– Und ich wette, du hast dich am Ende des Lieds auf das Grab geworfen und geheult?

– Nein. Ich küsste das Kreuz, nahm eine Handvoll Schnee vom Grab, ballte ihn zusammen und zielte damit, als ich am Kruzifix vorbeikam, auf den blechernen Christus (der nackt mitten auf dem Friedhof fror). Ich traf ihn am Kopf, am Dornenkranz. Man hörte das Blech scheppern und die Eiszapfen zerbrechen: der Schnee zerstob in alle Richtungen und bildete einen weißen Schein um den heiligen Kopf wie auf unserem Bild in der guten Stube an der Straßenseite. Auf der Stirn, neben einem Dorn klebte ein weißes Hügelchen wie eine Beule, wie ein Zeichen, dass ich da war.

Wenn ich jetzt zu ihrem Fenster gehe, bin ich wieder der von vor zwei Jahren, der immer nachts kam, das gelbe Viereck mit dem schwarzen Kreuz in der Mitte fixierte und darauf wartete, dass sie am Fenster vorbeiging oder ans Fenster kam und in die Nacht schaute, ohne mich unter dem Lindenbaum zu bemerken. Dann raste mein Herz, ich vergaß beinahe zu atmen. Ich achtete darauf, dass niemand mich sah, versteckte mich hinter einem Baumstamm oder einem Akaziengebüsch, kein zufälliger Passant sollte mich bemerken: Es wäre mir peinlich gewesen, hätte jemand gesehen, wie ich die Fenster des Popen anstarrte. Niemand durfte von meinem Geheimnis wissen, vor niemandem habe ich je ihren Namen erwähnt. Er gefiel mir, ich denke immer noch, dass er der schönste Mädchenname ist. Ich sprach ihn aus für mich, für meine Seele, berührte ihn mit den Lippen und der Zunge.

Nachts träumte ich oft von ihr, sah sie im Traum ganz deutlich: Einige Male gingen wir über das Feld hinter Boboronis Ziegelwerk zur Mühle am Karasch. Wir schwiegen immer und waren ernst. In einem dieser Träume setzte sie sich auf die abgewetzte, glänzende Steinplatte in der Nähe des Wehrs, tauchte die Füße in den grünen, schnellen Karasch und sagte: Sieh mal, im Wasser merkt man nicht, dass ein Bein etwas kürzer ist.

Einmal träumte ich, wir sind am Bahnhof: Sie ist im Zug, steht am Fenster, schaut mich an, winkt aber nicht; der Zug fährt langsam an, es klirren die Kupplung und die Puffer, ich winke ihr, laufe unter ihrem Fenster mit, beginne schon zu rennen, sie winkt immer noch nicht, schaut mich nur an. Bevor ich ganz außer Atem stehen bleibe, sehe ich ihre Lippen sich bewegen: Ich höre nicht, was sie sagt, begreife aber, dass sie meint: Ich hab meine Uhr verloren, ich hab meine Uhr verloren. Auf meinem Gesicht und auf den Händen spüre ich einen kühlen Wind, eine eisige Liebkosung …

Wenn ich jetzt zu ihrem Fenster komme, bin ich derselbe, der wartet und wartet, der liebt und liebt … Ach, geh nicht, geh nicht fort, bleib bei mir …

Während ich mit dem Fahrrad in Schlangenlinien in Richtung »Triglav« fuhr, mal schneller, mal langsamer, die Schlaglöcher umkurvend, vor den Wolken kleiner Insekten in der Nähe der Straßenlaternen die Augen verschließend, barfuß fest in die Pedale tretend, mit der Pistole in der hinteren Hosentasche, schwer atmend, weil ich den ganzen Tag getrunken hatte, dachte ich: Wäre jetzt Winter mit tiefem Schnee und grauem Himmel, fielen dichte Flocken geräuschlos herunter, würde ich zum Friedhof gehen, mich neben das Kreuz mit dem jungen, kleinen, metallenen Gott setzen und mir eine Kugel in den Kopf schießen (bei Anbruch der Nacht würden mich der Frost und der frühe, weiche Mondschein liebkosen), oder aber besser in die Brust, um denjenigen, die von mir am Totenbett Abschied nehmen, den hässlichen Anblick zu ersparen. Jetzt ist aber Sommer, ich schwitze, mir ist übel, ich werde mich über den Lenker in den warmen Staub übergeben. Jetzt ist Sommer, die Zeit, die die Huren und die Hurenböcke lieben – auf die werde ich schießen, verflucht sollen sie sein …

Ich gab ihr den Namen Gina: so hieß meine Mutter – Georgina. Ljubica war einverstanden (Muss es denn sein? Nein, es muss nicht sein, aber ich hätte es gern, es wäre schön, wenn du auch dafür wärst. Sie soll wie meine verstorbene Mutter heißen; wäre uns ein Junge geboren, würde er den Namen meines Vaters tragen. Der Name soll neben mir leben und nicht nur in meiner Erinnerung. Deine Eltern leben noch, und du weißt, dass man Kinder nicht nach Lebenden nennen soll), obwohl sie während der Schwangerschaft verschiedene Namen, am häufigsten Sonja und Andjela erwähnt hatte.

Ein Laib Brot trieb im Fluss, und ein armer Mann sprang ins Wasser, um ihn zu herauszufischen. Es war ein schöner Tag zu Beginn des Frühlings; auf den Karpaten, die in der Ferne wie hellblaue, flache Wolken zu sehen waren, schmolz der Schnee. Da er nicht gut schwimmen konnte und der Fluss schnell und eiskalt war, ertrank der Mann in dem gestiegenen Karasch. Am Ufer, auf dem glatten Stein blieb sein dreijähriger Sohn zurück. Mein Vater fand ihn und nahm ihn mit nach Hause. Da er seinen Namen nicht wusste, nannte er ihn einfach Sohn. Zwei Jahre später kam eines Tages Mutter ganz bleich nach Hause und sagte:

– Man hat Sohn weggeholt.

– Wer? – fragte Vater.

Zwei Häuser weiter stand auf der Straße ein schwarzes Polizeiauto; zwei Polizisten und eine einfach gekleidete Frau unterhielten sich mit unserem Nachbarn. Sohn glich der jungen Frau, er war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.

Vater fiel der Abschied von Sohn schwer: Ohnehin von düsterem Aussehen, sah er jetzt noch düsterer aus. Fortan mied er die Menschen und jedes Gespräch, aß nicht mehr mit Mutter zusammen, aß fast überhaupt nichts, er sagte: etwas steckt mir im Hals und rutscht weder rauf noch runter. Mutter ließ ihn gewähren, ließ ihn tagelang über die Felder, auf Ackerpfaden und durch die Wälder streifen. Eines Tages, am Vorabend des Festes der Kreuzerhöhung, sagte sie zu ihm:

– Jetzt ist es genug, morgen feiern wir Slava, du musst zurück nach Hause und in unser Bett: Ich werde dir einen Sohn, einen leiblichen Sohn, deinen Stammhalter gebären. Wir sind nicht unfruchtbar.

– Und so war es auch, mein Sohn, wir bekamen, Gott sei es gedankt, dich – sagte Vater in einer lauen Nacht am Ende des Sommers, als er mich zum ersten Mal mit auf die Jagd nahm. Wir jagten Wildschweine: Vom Rand eines Akazienhains aus beobachteten wir die Felder, auf denen sich der Mais mit seinen schweren Kolben im Wind bog. Der Himmel hing voller Sterne (viele von ihnen waren durch dünne gelbe Spinnweben miteinander verbunden), der Mond war noch nicht zu sehen, nur ein schmaler rötlicher Streifen am Horizont. Wir warteten mehrere Stunden, schauten in die Richtung, aus der die Wildschweine kommen sollten, schauten zum Himmel (der Vollmond war inzwischen aufgegangen, zwei Sterne fielen herab), ich pinkelte auf einen großen weißen Pilz, der am Fuße der Akazie wuchs, gegen die ich mich mit der Schulter lehnte, lauschte dem warmen Wind im Mais und in den Akazien und dem schweren Atmen des Waldes, und als ich schließlich den Flug eines Uhus vernahm, der irgendwo in der Dunkelheit eine Maus entdeckt hatte, wurde ich vom Schlaf überwältigt. Ich schlief bis zum Morgengrauen auf Vaters altem, mottenzerfressenem Fellmantel (er hatte ihn von seinem Vater, dem Brunnenbauer, der mit seinen Arbeitern den größten Brunnen der Stadt, den im Hof von Boboronis Ziegelei, gebaut hatte.)

Vielleicht war in jener Nacht sogar ein Schwein gekommen, und Vater hatte nicht geschossen, um mich nicht zu wecken; Vater war ein merkwürdiger Jäger: Er schoss nicht auf Säue, nur auf Eber. Die anderen Jäger wussten das, deshalb forderten sie ihn nie auf, gemeinsam mit ihnen zu jagen. Jahrelang ging Vater allein auf die Jagd. Das fiel ihm nicht schwer, und er war den Jägern auch nicht böse, er pflegte zu sagen: Wehe dem, der auf andere Menschen baut.

Ich war zehn, als Vater und ich uns am frühen Morgen unter grauen, schnell dahinziehenden Wolken, aus denen hin und wieder Regentropfen fielen, auf den mehrere Kilometer langen Heimweg machten. An dem verträumt rauschenden Kiefernwald angekommen, versuchte ich mich zu erinnern, was ich in der Nacht und ob ich überhaupt etwas geträumt, oder ob Vater mir nur eine Geschichte über einen kleinen Jungen am Karaschufer erzählt hatte.

Barfuß, verschwitzt, mit offenem Hemd und der Pistole in der Hand schlich ich mich zu Ljubicas Haus. Leise öffnete ich das kleine Tor und trat in den Hof, von dort ging ich in den Hausflur und tastete mich weiter zu Ljubicas leerem, dunklem Zimmer. Ich kroch unter ihr Bett und zündete mir, entschlossen, dort auf sie zu warten, eine Zigarette an.

Jahrelang fuhr Vater jeden Donnerstag in die Nachbarstadt, um in der Nervenheilanstalt seine Schwester zu besuchen. Sie war krank geworden, nachdem ihr zweijähriger Sohn in ihrem Beisein vom Balkon gestürzt war. Der Junge starb (sie sagte immer wieder: Keinen einzigen Ton gab er von sich, mein Engel, seine Augen waren offen, er blickte zum Himmel, wohin seine Seele gegangen war, er schaute, sah mich aber nicht). Bald darauf verließ ihr Mann sie (er begriff, dass im Haus kein Platz mehr für ihn war, denn er hatte nicht nur seinen einzigen Sohn, der tragisch verunglückt war, verloren, sondern auch seine Frau, die verrückt geworden war), und auch sie war nicht mehr die von früher, sie wurde zu einer Pflanze: Ihre Seele war für immer erkrankt.

An jedem Donnerstag nach dem Mittagessen, das einem Totenschmaus glich, zog Vater den grauen Anzug, ein weißes Hemd und den gelben Pullover an (im Sommer trug er nur das weiße Hemd, die Ärmel hochgekrempelt), schlüpfte in die schwarzen, auf Hochglanz polierten Halbschuhe, und Mutter machte ihm die Ledertasche fertig. In dieser kleinen, braunen Tasche mit einer Unterteilung in der Mitte steckten Kuchen in eine weiße bestickte Serviette eingewickelt und Obst für die Kranke. Um halb drei war Vater schon am Bahnhof und nahm Platz auf der gelbglänzenden Bank im Zug zur Nachbarstadt, zu der er vierzig Minuten lang über Felder, Äcker und eine kleine Brücke über den Karasch fuhr.

Oft sagte Vater zu Mutter: Mir ist schwer ums Herz, wenn ich hinfahre, und mir ist schwer ums Herz, wenn ich zurückfahre. Am Anfang fragte Mutter: Geht es ihr besser?, später: Ist es immer noch so?, und noch später, in den folgenden Jahren fragte sie nichts mehr: Sie wartete darauf, dass Vater, wenn er Lust dazu hatte, von sich aus etwas sagte.

Mutter und ich begleiteten Vater nie zum Bahnhof, er wollte das nicht, holten ihn aber immer ab: Darüber freute er sich sehr.

Anfangs besuchte Mutter gelegentlich ihre Schwägerin, aber die sagte jedes Mal, sie solle lieber zu Hause bleiben und auf mich aufpassen. Jedes Mal regte sie sich auf, es war schlimm, sie zu sehen und flehen zu hören: Geh nach Hause, hüte deinen Sohn, pack ihn an der Hand, pack ihn fest, lass seine Hand nie los! Mutter hörte auf die kranke Frau und besuchte sie nie mehr.

Wegen Vaters Fahrten gab es bei uns auch donnerstags Kuchen und nicht nur am Sonntag wie in anderen Familien.

Im Krankenhaus blieb Vater ungefähr eine Stunde: er berichtete seiner Schwester über das Wetter, über unser Haus, meine Mutter, die Arbeit, die Jagd, darüber, was sich seit dem letzten Donnerstag in der Stadt ereignet hatte. Von mir erzählte er nie etwas, er fürchtete, das würde sie an ihren Sohn erinnern und traurig stimmen. Sie sprach kaum, sie war wie ein leeres Blatt. Oft wenn Vater neben ihr saß, auf ihrem Bett, auf einer Bank im Garten der Anstalt, am Tisch in einem großen Raum, schwieg er, er hatte nicht immer Lust zu reden, weil er nicht wusste, zu wem er sprach: zu ihr (erreichten seine Worte sie?) oder doch nur zu sich selbst. Manchmal, wenn er zurückkam, sagte er zu Mutter: Die ganze Zeit haben wir nur geschwiegen.

Vaters Schwester war eigentlich nicht seine leibliche Schwester. Vater war noch klein, als er seine Mutter verlor, und sein Vater brachte, da er sich nicht allein um seinen Sohn kümmern konnte, eine neue Frau ins Haus, die ihrerseits eine kleine Tochter mitbrachte. Beide Kinder freundeten sich sofort an und hatten einander gern, als wären sie Bruder und Schwester. Die Stiefmutter war eine gute Mutter sowohl zu ihrer Tochter als auch zum Stiefsohn. Die Eltern machten keinen Unterschied zwischen dem eigenen und dem angenommenen Kind.

Ihren Sohn nannte Vaters Schwester nach ihrem Stiefbruder.

Ich war sieben, als mein Vater aufhörte, donnerstags in die Nachbarstadt zur Heilanstalt zu fahren. Es war Sommer, die frisch ausgehobene Erde duftete in der Sonne, die Beerdigung war schnell vorbei. Mutter sagte: Ihre Seele hat Frieden gefunden. Jetzt ist sie oben bei ihrem Sohn. Jetzt ist sie glücklich.

Im September wurde ich eingeschult. Die Schulbücher trug ich in der kleinen, braunen Tasche meines Vaters (nun war es meine) mit zwei glänzenden Schnallen, durch die schmale Riemen mit vielen Löchern gezogen waren.

Den Namen Georgina sah ich vor langer Zeit auf dem hölzernen Kreuz. Das war an einem Nachmittag im Winter, kurz vor der frühen Abenddämmerung: Die Krähen krächzten im Akaziengehölz, der Friedhof lag unter Schnee, ich presste mit der Hand einen Schneeball. Einige Monate später lehnte das hölzerne Kreuz an einem neuen marmornen Grabstein, an dem ein kleines ovales Keramikschild mit ihrem Foto angebracht war: Wieder sah mich das Mädchen, das ich liebte, an, ohne mit der Wimper zu zucken.

Jahre vergingen, auf das Kindergesicht, auf seine traurigen Augen fielen kalte Schneeflocken und trübe Regentropfen, die Sonne trocknete den Tau.

Heute war Ginas fünfter Geburtstag: Ich zog ihr nagelneue weiße Sandalen und ein dünnes rosafarbenes Kleid an, das ihre Oma, meine kranke Mutter, ihr genäht hatte, als Gina noch im Mutterleib war. (Ich werde nicht mehr da sein an ihrem vierten, fünften, sechsten Geburtstag …) Am Mittag war ich schon stockbetrunken. Joca war um eins nach Hause gegangen, ich trank allein weiter unter dem Aprikosenbaum im Hof. Ich brauchte den Alkohol, um an nichts zu denken, um zu flüchten, wieder das Glück zu empfinden, handelte mir jedoch nichts als einen Rausch ein. Alles war noch da in meinem Kopf: der Alkohol hatte nichts verdunkelt und nichts erhellt oder ausradiert, ich sah nichts außer mein Unglück.

Der Überlistungsversuch war fehlgeschlagen, ich hatte verloren, jetzt musste ich sehen, dass ich nüchtern wurde: An dem vor Hitze flimmernden Frühnachmittag begab ich mich zum Karasch, um in seinen Fluten zu baden, mich zu erfrischen, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich dachte, es wäre gut, im kühlen, grünen Wasser zu versinken bis auf den Sandboden, zu den sich wogenden Gräsern und den kleinen Fischen. Vielleicht würde mein Blut davon rein werden, würde die Strömung meine Trunkenheit und das ganze Elend fortschwemmen, das mich in der letzten Zeit bedrückte und aus meinem Leben einen endlosen Albtraum machte, ein Unglück, das es in unserer Familie nie gegeben hatte, auf das mich meine Eltern mit ihrer ruhigen, geradlinigen Lebensführung nicht vorbereitet hatten, und mit dem ich jetzt nicht zu Rande kam.

Um zum Karasch zu gelangen, bog ich in die Šiler-Štrase ein (so wird sie allgemein genannt, obwohl auf den Schildern Boris-Kidrič-Straße steht), die Sonne brannte auf meinem Kopf, weswegen ich mal strauchelte, mal in Zickzacklinien lief, mal schnell ging, mal mich mit Mühe dahinschleppte. Auf einmal sah ich den Tierarzt Bora, der wahrscheinlich vom Karasch her auf dem Motorrad langsam auf mich zu fuhr. Mir wurde schwarz vor den Augen, mein rechter Arm hob sich von allein, als gehörte er nicht mir, als lenkte ihn jemand anderes: Ich gab ihm Zeichen anzuhalten, und er hielt an, einen Meter vor mir stellte er den Motor ab. Sein Haar war nass, sein Hemd stand offen, seine Brust war unbehaart. Ich dachte, ich sollte mit der Faust auf diese Brust einschlagen, oder auf sein Gesicht, damit er in den Staub falle, damit ich ihn nicht mehr sähe, damit ich ihm nichts sagen müsse, aber ich schlug nicht zu, fragte ihn stattdessen, mit vom Alkohol schwerer Zunge lallend, ob er mich kenne, ob er wisse, wer ich sei.

Mein Mund war verklebt, zweimal versuchte ich zu spucken, aber es blieb nur bei spärlichen Tropfen, sie blieben an meinem Kinn kleben: Ich wischte sie mit der Hand weg.

Erschrocken – deutlich sah ich Angst und Verwirrung in seinem Gesicht (auch deswegen hätte ich auf ihn einschlagen sollen, denn Worte sind nur etwas für Schwächlinge) – nickte der Tierarzt Bora, ja, er habe von mir gehört, mich aber noch nie gesehen. Er ließ die Griffe seines Lenkers los und wischte die Hände an der Hose ab. Ich dachte daran, wie er mit diesen Händen Ljubica angefasst hatte, sie auf das Sofa im Hause seines Freundes, Doktor Jovanović, geworfen, sie bedrängt und versucht hatte, ihre Bluse aufzuknöpfen, ihren Rock hochzuschieben.

Statt auf ihn, dieses verschwitzte Schwein, einzuschlagen, statt ihm die Arme zu brechen, ihn zu verstümmeln, spürte ich, wie sich mein Gesicht zu einer besoffenen weinerlichen Grimasse verkrampfte, als klebte eine hässliche Maske an meinen Wangen, den Augen und der Stirn. Plötzlich erfasste mich eine Niedergeschlagenheit über das, was geschehen war, was mir geschehen war, und blitzartig wurde ich von einem Überlegenen zu einem Schwächeren, Erniedrigten und Besiegten.

Der Tierarzt Bora registrierte diese Veränderung an mir (er begriff, dass ich keine Gefahr mehr für ihn darstellte). Voller Mut sah er mich jetzt verächtlich an, als hätte er meine Gedanken gelesen, lächelte ironisch von oben herab und düste überheblich, ja geradezu gemein auf seiner blauen »Tomos« davon.

Getroffen blieb ich in der Sonne zurück, das Brummen des Motorrads verlor sich langsam in der sommerlichen Stille, auf den leeren Straßen. Ich dachte an die Hände und das Gesicht des Tierarztes Bora; ich sah die Brüste, den Bauch, die Schenkel meiner Frau, das braune Pelzchen über ihrem Spalt, in den ich oft meine Finger, mein Glied gesteckt hatte und aus dem meine Tochter herausgekommen war: Ich fasste mich an den Kopf und ging langsam nach Hause. Dort trank ich weiter.

Ich lag unter dem Bett, als der Schein der Petroleumlampe auf mich fiel und mein Schwiegervater rief: Was machst du denn hier?! Ich feuerte eine Kugel in die Richtung, aus der die Stimme erklang, aus der das gelbliche Licht kam: Man hörte das Zerbrechen von Glas, es wurde dunkel.

Ich stand zwischen dem Vorhang und dem breiten Fenster in der großen und kalten guten Stube, die schwach beleuchtet war von der Straßenlaterne (eine Glühbirne unter einem Blechteller an einem schiefen, gestützten Akazienmast), und sah, wie der Schnee fiel. Jemand da oben rupfte unermüdlich in herrschaftlicher Gelassenheit stumme Gänse, deren trauriges Gefieder schaukelnd schwebte und dann leicht und leise herabsank (geräuschlos die Fensterscheibe berührend) und die Nacht, die Straße, das nackte Geäst, die dunklen Hausdächer bedeckte: Die Stille fiel in das ruhige, reine nächtliche Bild, auf das Gesicht dieses blinden Mädchens.

Stumm wie ein zitternder Fisch, wie eine Tanne im Wald, wie ein Kreuz auf dem Friedhof ließ ich die Stille auf mich, auf meine offenen Augen herunterrieseln und in mich eindringen: Ich ließ sie meine Niederlage langsam zudecken, die jetzt kleiner und unbedeutender wurde, als sie mir in meiner Wut erschienen war. Mit leiser Erleichterung, mit der Spur eines Lächelns in den Mundwinkeln bewunderte ich das Weiß der Straße und genoss die absolute, schwere Stille der Nacht; ich war glücklich, weil es keine nächtlichen Stimmen gab, weil ich kein Gebell hungriger Hunde, keine Schritte, kein Stampfen von Besoffenen, kein langes Urinieren am nächsten Baum, kein röchelndes Aushusten hörte, weil ich mein Atmen nicht hörte.

Die Stille war in mir, bei mir im Zimmer, auf der Straße, auf dem Friedhof, im Wald, sie steckte in dem großen Bett hinter mir, in dem unter einer riesigen Zudecke lautlos das nackte Mädchen schlief, mit dem mich zu vereinigen mir eine Stunde zuvor nicht gelungen war. Ich war hastig, ich wollte mich beweisen, doch es gelang nicht: Ich fand den Weg nicht, ich konnte nicht, ich war keinen Augenblick in ihr, es klappte nicht das erste, nicht das zweite, nicht das dritte Mal, und die Festigkeit ließ nach, meine Kraft flaute ab, während ich blindlings immer wieder gegen den pelzigen Damm stieß, der weder dem Wunsch der Besitzerin noch dem Willen des Angreifers nachgab; die Panik stellte sich der Begierde entgegen und obsiegte im Handumdrehen: Ich war geschlagen, ich war außer mir, lag auf dem Rücken beschämt, verwirrt, jämmerlich (bereit, vor Kummer loszuheulen), statt Liebhaber ein Versager. Dabei wünschte ich ihren Körper so sehr, begehrte ihn, knetete ihn, ich drückte, saugte und aß diese warmen, wie Kieselsteine glatten Brüste, ich schnupperte, küsste, knabberte, ich lauschte ihrem kurzen, verschämten Seufzen und Schluchzen.

Allmählich und widerwillig verklang die unbefriedigte Begierde in meinem Blut. In meiner Niederlage vernahm ich Worte des Trostes, spürte die Liebkosung des warmen Atems: Ich wusste, es war die große Liebe, die zu mir sprach. Ich fühlte ihren warmen, schlanken Körper an meinem, an meinen jungenhaften Rippen. Sie bedeckte mich fast vollständig, ich fühlte mich sicher unter ihrem Arm, unter ihrer Schulter und der einen Brust, unter ihren Haarsträhnen und ihrem Bein, das sie über das meine geschlagen hatte, ich war gegen alles geschützt, nur nicht gegen meine fiebrigen, galligen, unglückseligen Gedanken, die Gedanken eines tollpatschigen Liebhabers. Ich wünschte, sie würde bald einschlafen, damit ich aufstehen und ans Fenster gehen könnte: Ich dachte, dass es dort irgendwo hinter der Scheibe vielleicht einen Trost gäbe, dass von dort eine Erlösung, ein Gedanke käme, der meinen ganzen Kummer, die Angst in meiner Kehle aufsaugte und dass ich wieder zu jemandem würde, der noch Hoffnung hat, der gewöhnlich und normal ist.

Während ich mich langsam vom Körper der Eingeschlafenen und von ihrem Duft löste, darauf bedacht, sie nicht zu wecken, dachte ich, dass ich mich eigentlich gar nicht (oder zumindest nicht so sehr) vor ihr, sondern vor mir selbst schämte. Ich hatte die erste Schlacht verloren, es gab keinen Triumph zu Beginn unserer Liebe. Dem so wichtigen Beginn. Ich hatte nicht mit Eleganz und Leichtigkeit den ersten süßen Sieg davongetragen. Ich war kein strahlender Sieger, hinterließ keinen Glanz.

Ich brauchte Trost, ich stand auf und stellte mich nackt zwischen den Vorhang und das Fenster.

Alles war weiß, der Schnee so rein. Ein Seufzer stieg aus der Tiefe meiner Seele. Ich drückte die Stirn an die kalte Glasscheibe, ich war verwundet: Für einen Augenblick sah ich alles durch einen Tränenschleier.

Ich hörte Schritte und das Schließen der Tür, kroch aus dem Dunkel unter dem Bett hervor, stand auf, torkelte und fiel auf Ljubicas Bett, stand schnell wieder auf und schoss zwei Mal in Richtung der Tür: Zwei Mal leuchtete es aus meiner Hand und krachte, wie wenn der Blitz einen nahen Baum spaltet. Nach dem zweiten Leuchten hörte ich: Hilfe, er bringt mich um!

Mit dem Geld in der Hand lief ich schnell zu dem aus Holz gezimmerten Kiosk des buckeligen Onkel Mita an der Ecke neben dem grünen Transformator, auf den ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen und ein gezackter Pfeil gemalt war, um drei Schachteln Morava-Zigaretten zu kaufen. Vater hatte mich geschickt: Junge, lauf mal schnell zu Mita Grgurov. Er nahm einen neuen grünen Schein aus seinem Portemonnaie: Die Zigaretten waren für unseren Nachbarn (sein Haus stand gegenüber dem unseren, etwas versetzt in Richtung auf die orthodoxe Kirche), Onkel Slobodan, Tante Vilmas Mann, der seit drei Tagen im Gefängnis saß, weil er in besoffenem Zustand im Gasthaus und später auch auf der Straße Tito verflucht hatte.

Onkel Slobodan Kanački, genannt Lala, weil er langgezogen redete, ganz so wie in seinem heimatlichen Kikinda (dort habe er im Gasthaus »Zum grünen Baum« gesehen, wie der Primspieler Laslo Imredi einen Schlaganfall bekam, als er das Selbstmörderlied »Das Lied vom traurigen Sonntag« spielte, erzählte er einmal meinem Vater), kam nach dem Krieg hierher: dick, mit Stirnglatze und einem zigeunerhaft schwarzen Schnurrbart, ein lustiger Geselle mit roten Backen, ein Metzger mit schnellen, geschickten Griffen, zunächst Mieter bei Tante Vilma, einige Monate später ihr Ehemann und Herr im Haus.