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Gleich, Liebes, gleich ist das Essen fertig image Reihe: Q

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

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Jannis Plastargias (Hrsg.)

Gleich, Liebes,
gleich ist das Essen fertig

18 erotische Rezepte

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Gleich, Liebes, gleich ist das Essen fertig

I N H A L T

VORWORT

Jannis Plastargias

FLEISCH-LUST

Silke Porath

USE SOMEBODY – SÜSSE FRÜCHTE

Ines Schmidt

UNINTENDED – UNGEWOLLT

Andrea Bienek

NO MILK TODAY

Brigitte Münch

DAS OMELETTE

Ines Schmidt

FRÜCHTE DER ERKENNTNIS

Börje Schweizer

SALIM VOR LEIF

Jannis Plastargias

VON PORRIDGE AND ROAST

Levi Frost

DIE VERKOSTUNG

Justin C. Skylark

DER ENGEL AUF DER FENSTERBANK

Jana Walther

DER NACHTISCH,
DER NICHT AUF DER KARTE STAND

Claudia Schuster

DINNER & SHOW

Devin Sumarno

DER ZWIEBACK-TRICK

Thomas Pregel

DIE KÜSTENSTRASSE

Raik Thorstad

WINTERMANDELN, MÄDCHENKÖRPER

Nino Delia

FALLOBST AM TRESEN

Gabriel Wolkenfeld

SPARGELCREMESUPPE DE LUXE

S. A. Urban

MÖRDERISCHES DESSERT

Christina Stöger

BIOGRAPHISCHES

 

 

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Diese Anthologie ist all jenen gewidmet, die lieben –
egal welche Hindernisse sich ihnen in den Weg stellen,
unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Phänotyp
.

Liebe ist Liebe – überall auf der Welt.
Sie ist das wichtigste in unserem Leben
.

 

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VORWORT

Meine queere Erkenntnis –
oder wie ich erneut versuche,
eine geeignete Einleitung für eine Anthologie zu schreiben

Im Juli 2013 wurde die erste queere Anthologie »Liebe und andere Schmerzen« veröffentlicht und sowohl auf dem CSD in Frankfurt auf der kleinen politischen Bühne als auch auf der Buchmesse in Frankfurt auf der Leseinsel der unabhängigen Verlage vorgestellt. In Lesungen wie auf der Lite-Rad-Tour (Fahrradfahren entlang des Mains und Lesungen an verschiedenen Orten in Offenbach und Frankfurt) oder auf dem Fechenheimer Literaturfestival wurde daraus rezitiert und diskutiert. Es waren spannende und aufschlussreiche Gespräche. Und sie haben mich verändert. Mittlerweile engagiere ich mich bei einer kleinen Freundes-Initiative in Frankfurt, die sich »Mein wunderbarer Waschsalon« nennt und »queere« Barabende an verschiedenen »alternativen« Orten organisiert. Dabei ist einerseits das Ziel, Orte (wie eben einen SB-Wachsalon oder Pop-Up Galerien) anders zu nutzen, aber auch vor allem Begegnung und Austausch in einem halbwegs »geschützten« Raum zu schaffen. Wir möchten vielfältige Menschen zusammenbringen, die sich in ihrer Andersartigkeit frei bewegen und äußern dürfen, gemeinsam reden, diskutieren, neue Ideen sammeln, sich verbinden, singen und tanzen können –, es liegt an den Gästen, was sie daraus machen. Dieses Konzept wird sehr gut angenommen, und jede unserer Veranstaltungen zeichnet sich dadurch aus, dass es voll ist, und vor allem, dass eine magische Atmosphäre vorherrscht. Es fühlt sich immer ein bisschen so an, als wären wir in einer Art »Zaubergarten«, in der die Welt so ist, wie wir sie uns wünschen.

Und in dieser Zeit begann auch meine Arbeit an der zweiten Anthologie – in einem neuen Bewusstsein, in einem neuen Selbstverständnis. Es zeigte sich, dass der Arbeitstitel »Genuss und Lust« gerade richtig gewählt war, um noch mehr über diesen Begriff »queer« zu erfahren, aber auch um einen weitere Konfusion zu thematisieren: Was ist eigentlich mit »Erotik« gemeint? Diesen Begriff hatte ich nicht trennscharf genug gefasst in meiner Ausschreibung. Was passierte? Ich erhielt sehr viele gute Texte, aber auch eben sehr viele gute Texte, die ich nicht verwenden wollte, weil sie mir zu »pornografisch« waren – oder zu wenig »queer« oder eben beides. Dabei wusste ich noch immer nicht so genau, was »queer« überhaupt bedeutet. Hatte ich in der Einleitung der ersten Anthologie einen sehr freien queeren Begriff, schwankte dieser im Rahmen meines Engagements im Team »Mein wunderbarer Waschsalon«. Ich mache es konkreter: Mir ging es um Sinnlichkeit, wenn ich an erotische Situationen mit Essen und Trinken, Genussmitteln dachte. Eine eingeschobene Gurke in den After meinte das nicht. Mir ging es auch nicht um die explizite Darstellung des Aktes. Ich fand und finde es nach wie vor sehr viel erotischer, wenn man Dinge andeutet, wenn man einen Rest des leckeren Erdbeerschaums von den Lippen der begehrten Person ableckt, dieses Kribbeln dabei darstellen kann. Nach meinem Empfinden war es auch nicht queer, wenn ein männlicher Erzähler auf seine heteronormative Art und Weise eine Beziehung von zwei Lesben beschreibt und dabei Vorurteile manifestiert, die meinem Verständnis von einem offenen Umgang mit Menschen und deren sexuellen Neigungen konterkarierten.

Trotzdem bin ich noch immer nicht sehr viel weiter, was meinen eigenen »queeren Begriff« angeht. Ich akzeptiere erst einmal, dass alle Geschlechter einbezogen sind: Frauen, Männer, Transsexuelle, Intersexuelle, Genderqueere …, dass alle sexuellen Spielarten einbezogen sind: Homo-, Bi-, Hetero-, A-, Pansexuell, Polyamourös, objekto- oder zoophil, S/M, …, alle Menschen, egal welcher Herkunft, Nationalität, Hautfarbe, Religion, politischer Gesinnung, Schichtung, wie viel Geld sie besitzen (oder eben auch nicht) … in unserer Gesellschaft akzeptiert sind. Wir sind alle EINS. Eine Gesellschaft. Inklusion sozusagen. Ohne Bewertung. Queer ist erst einmal dies alles. Das ist meines Wissens die Definition, die man auch unter »queer umbrella« kennt. Für mich persönlich geht es in einem zugespitzteren »queer«-Begriff aber darum, dass queer keine Herrschaftsverhältnisse abbilden sollte. Es gibt dies alles auf der Welt, ich möchte aber nichts tolerieren und akzeptieren, das die Würde anderer Menschen verletzt oder sie sogar psychisch oder physisch bedroht.

Für »Liebe und andere Schmerzen« organisierten Jana Walther (die auch bei dieser Sammlung dabei ist) eine Leserunde, die sehr spannend wurde. Viele der Leser*innen hatten sich unter einer Anthologie von »Liebesgeschichten« etwas anderes vorgestellt, mehr Liebe, weniger Leid, mehr Hetero-Lieben, weniger »ungewöhnliche« Konstellationen. »Liebe und andere Schmerzen« erhielt aber deswegen erstrecht gutes Feedback, weil es anders war, für Toleranz warb, andere Standpunkte erklärte und vor allem sehr viel »tiefer« war als so mancher Liebesgeschichten-Band.

Das gleiche wird meiner Ansicht nach auch bei dieser Sammlung passieren: Nein, hier reiht sich nicht Erotik-Szene an Erotik-Szene, hier wird es selten wirklich schwülstig. Nein, es ist sicherlich keine schwere Kost, obgleich manche Autor*innen leidvolle, traurige Geschichten erzählen. Doch die sinnlichen, manchmal durchaus frivolen, häufig überraschenden, manchmal sehr humorvollen Momente überwiegen in diesem Band.

Liebe ist sehr viel mehr als Verliebtheit, Liebe ist vor allem mehr als Begehren. Aber im Begehren ist es auch sehr viel mehr als das attraktive Äußere, das Genuss bereitet, verliebte Blicke, elektrisierende Berührungen, kribbelnde Lippen – jedoch ebenso kulinarische Genüsse, leckere Speisen, Getränke und die Verwendung dergleichen in intimen Situationen …

In diesem Sinne wünsche ich allen Leser*innen sehr viel Spaß, Input und neue (queere) Erkenntnisse!

Jannis Plastargias im Juli 2014

Silke Porath

FLEISCH-LUST

Krack.

Geschickt löste Leni den Schlegel vom Rumpf. Der winzige Knorpel baumelte am Knochen des Stubenkükens. Leni kniff Daumen und Zeigefinger zusammen und knipste das Knöchelchen ab, ehe sie das Hühnerbein unter den Wasserstrahl hielt. Langsam, fast liebevoll, wusch sie die Haut und legte den Schlegel zum Trocknen auf ein weiches Bett aus Küchenkrepp.

Leni zog die Nase kraus und schloss die Augen. Aus dem brodelnden Topf, dessen Deckel leise klapperte, zogen duftende Schwaden durch die Küche. Karotten und Rosmarin köchelten mit Zwiebeln und Sellerie in der Brühe. Leni schien es, als könne sie sich an den warmen und würzigen Duft lehnen, der aus dem Topf stieg, als würde er sie streicheln wollen.

Leni sah auf die Uhr. Kurz nach sechs. Die Stunde, in der sich zu Lebzeiten der Eltern das ganze Dasein auf die zwölf Quadratmeter Küche verdichtet hatte: Die Mutter, die am Herd stand, die rührte, Eier aufschlug, Gewürze zwischen den Fingerspitzen zermahlte. Leni auf dem harten Küchenstuhl, die Beine zu kurz, als dass sie den Boden hätten berühren können. Rasche Befehle der Mutter: »Bring Salz, stell den Teller bereit.« Und dann, zwischen dem Klappern der Topfdeckel und dem Knistern des Fettes in der Pfanne, tauchte der Vater auf. Die Aktentasche noch in der Hand stand er im Raum und schnupperte, bis ein breites Lächeln über sein müdes Gesicht zog und die dunklen Ringe unter den Augen verblassten.

 

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Ratsch.

Die samtroten Blätter des Radicchio verwandelten sich unter Lenis Händen zu winzigen Schnipseln, die als loses Blattwerk in das Sieb schwebten. Dort schmiegten sie sich an die kleinen Halbmonde des Chicoree, welche bereits auf die Dusche aus dem Wasserhahn warteten. Leni tunkte den kleinen Finger in das Dressing und lutschte daran. Auf ihrer Zunge tanzten Essig und Olivenöl einen leisen Tango, Salz und Pfeffer stimmten in die Melodie mit ein. Noch fehlte das Crescendo.

Leni lächelte und gab die Birnenstückchen in die Salatsoße. Mit zitternden Fingern strich sie über die Walnusshälften, ehe sie sie Stück für Stück in die Schüssel gleiten ließ. Der Vater hatte Walnüsse geliebt.

»Sie sehen aus wie winzige Gehirne, ein ganzer Kosmos in einer einzigen Nussschale«, hatte er einmal gesagt. »Und darum machen Nüsse glücklich«.

Leni zupfte sich eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel, die sich zwischen ihren schmalen Lippen verfangen hatte.

Das Glück in einer Nussschale. Die Mutter hatte geschafft, was sie selbst nicht zu geben bereit war: Der Vater fand das Glück im Essen. Und sie, die stolze, unnahbare Schönheit, die eine so viel bessere Partie hätte machen können, bekam ihre Ruhe. Keine Annäherungen mehr, wenn er seinem Begehren für seine schöne Frau nachgehen wollte. Statt Sex servierte sie Roastbeef. Statt Küsschen gab es Panna Cotta und statt leidenschaftlicher Blicke das zufriedene Schmatzen, wenn der Vater sich über seinen immer runder werdenden Bauch strich.

Der Vater stillte seine Fleischeslust mit Forelle und Felchen, ordnete seine Hormone Hummer und Huhn unter. Eines Tages, als Leni alt genug für weibliche Weisheiten schien, hatte die Mutter sie beiseite genommen und ihr mit aufgesetztem Bühnenlächeln zugeflüstert: »Ein satter Mann braucht keinen Sex.«

Leni schüttelte sich, als säße ein lästiges Insekt auf ihrer nackten Schulter. Der Träger ihres Tops rutschte herunter.

 

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Fumpp.

Die Seezunge klatschte auf das Holzbrett. Leni beugte sich über den Fisch, den sie am Morgen frisch gekauft hatte. Sie kaufte Fisch immer donnerstags. »Nur am Donnerstag bekommst du frischen Fisch«, hatte die Mutter ihr beigebracht. »Am Freitag, wenn alle Fisch essen, ist er schon zu alt«. Deshalb war der Donnerstag ein Fischtag.

Heute war Donnerstag.

Leni wischte sich die Hände an der blauen Schürze ab. Dann fingerte sie in der Schublade nach der Pinzette und strich über das schimmernde und dank der Frische völlig geruchlose Fleisch. Wann immer sie eine Gräte ertastete, hielt sie inne, nahm die Pinzette, entfernte den störenden Fischknochen und dachte an den Vater.

Er war ein einziges Mal im Krankenhaus gewesen, wenn man von seiner Obduktion nach dem Autounfall absah. In der Schwangerschaft entwickelte die Mutter eine unbändige Vorliebe für Meeresfrüchte, die sie ihr Leben lang nicht wieder ablegen sollte. Miesmuscheln kamen auf den Tisch. Sie kochte Hummer, briet Jakobsmuscheln, angelte sich durch das komplette Angebot des Fischladens um die Ecke. Dann und wann fragte der Vater sich, wie er die Küchen-Eskapaden auf Dauer bezahlen sollte, doch sobald seine Frau ihm die kunstvoll angerichteten Fische vorsetzte, verstummten seine Bedenken und machten dem puren Genuss Platz.

Es war eine Seezunge, die den Vater in die Notaufnahme brachte. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis der Assistenzarzt die Gräte aus seinem Hals entfernt hatte. Fortan mochte er keinen Fisch mehr und war Woche um Woche froh, wenn er den Donnerstag lebend überstand.

Leni wischte das Häufchen aus weißen Gräten von der Arbeitsfläche in den Mülleimer.

 

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Plopp.

Die gefrorenen Würfel purzelten wie Miniatur-Eisberge in die mit kaltem Wasser gefüllte Edelstahlschüssel. Wasser stob auf, sobald ein Eisklötzchen eintauchte. Leni lachte laut, als ein kalter Tropfen ihr mitten auf die Nase spritzte. Einen Moment lang verharrte sie und sah den Eiswürfeln zu, wie sie kleine Kreise in der Schüssel zogen. Dann wandte sie sich rasch um, griff nach der Schaumkelle und hob Portion für Portion den Spinat aus dem kochenden Wasser.

Feine Schweißperlen traten ihr auf die Stirn, als sie hoch konzentriert und so schnell sie konnte Spinat ins Eiswasser tauchte, sofort wieder heraus hob, kurz abtropfen ließ und ihn dann auf das Bett aus gestampften Frühkartoffeln legte.

»Koch doch mal was Einfaches«, hatte der Vater gesagt. Einmal nur. Und das war ganz am Anfang seiner Ehe mit der stolzen, schönen Mutter gewesen, der trotz des dicken Babybauches noch immer der federleichte Gang einer Tänzerin anhaftete.

Diese hielt bei seinen Worten mitten in der Bewegung inne. Die Gabel, auf die sie eben ein Stück argentinische Rinderlende gespießt hatte, schwebte wie ein Fanal vor ihrem Gesicht. Über das dampfende Fleisch hin sah sie ihren Mann aus runden Augen an. Das Moosgrün ihrer Iris verfärbte sich binnen Sekunden in ein dunkles, brodelndes Giftgrün.

»Schmeckt es dir nicht?« presste sie über den Küchentisch hervor. Noch ehe der Vater antworten konnte, hob sie das Filet, auf dessen Oberseite sie sorgsam ein paar Zwiebeln gehäuft hatte, näher an ihre Augen. Der alte Schauspieltrick wirkt auch mit gebratenen Zwiebeln, stellte sie innerlich grinsend fest und ließ dabei aus jedem Auge eine kleine, perfekte Träne kullern.

»Doch, natürlich, es ist köstlich«, stotterte der Vater und riss nun seinerseits die Augen weit auf. »Ich wollte nur sagen, du musst dir meinetwegen doch nicht jeden Tag solche…«

Weiter kam er nicht. Die Mutter ließ die Gabel sinken und sich selbst gleich mit. Ihr gelenkiger Ballettkörper rutschte vom Stuhl, und so lag sie da, den schwangeren Bauch einem gestrauchelten Käfer gleich in die Luft gereckt.

Er verlangte nie wieder nach Hausmannskost.

 

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Zisch.

Der Wassertropfen verdampfte, als Leni ihn vom Finger auf die Herdplatte schüttelte. Zufrieden nickte sie und schob den gusseisernen Topf darauf. Die Sahne schwappte träge im Kochgefäß, leichtem Wellengang gleich. Leni griff ins Gewürzregal und holte das Glas mit den Vanilleschoten hervor.

»Nur indische Vanille ist gut«, hatte die Mutter ihr beigebracht. »Nur sie riecht ein bisschen so, wie eine Frau für einen Mann riechen soll. Du kannst dich selbst auf den Teller zaubern«. In Mutters Augen hatte Leni Abscheu und Triumph zugleich erkannt.

Das leise Kratzen der Klinge, mit der Leni das schwarze Mark aus der Schote schälte, vermischte sich mit dem trägen Blubbern der Sahne. Rasch ging sie zum Herd. Die Sahne kochte im Topf hoch, und zuckersüßer Dampf legte sich in die Küche wie eine kuschelige Decke. Leni zog den Topf vom Herd und gab die Vanille hinein. Dann schüttete sie, nach Augenmaß, Orangenlikör dazu. Ein Tropfen landete auf der Arbeitsplatte. Leni wischte darüber und leckte sich die Fingerspitzen ab.

Orangenblüten. Einmal reisten die Eltern in den Süden. Berauschten sich an den Farben und Düften Spaniens, ließen sich in der Arena treiben, sogen den Angstschweiß der Stiere in sich auf, betranken sich am Siegestaumel des Toreros. Dunkler Rioja machte die Zungen schwer und brachte die Leiber zum Vibrieren. In der kleinen Altstadtpension, nur ein paar Gassen vom Meer entfernt, drangen die Stimmen der Feiernden von der Straße her in die kleine Kammer.

Die Mutter hatte die beiden Betten auseinander geschoben. Sie wolle unter dem Fenster schlafen, das Meer in der Nacht riechen, wenn sie es schon nicht sehen könne. Ohne die schwache Lampe anzumachen, die ohne Schirm in der losen Fassung von der Decke baumelte, streifte sie sich das Kleid von den Schultern. Im schwachen Schein, der durch die halb geöffneten Läden fiel, sah der Vater den geschwungenen Rücken seiner Frau. Die Rundung ihres Hinterns. Er stand auf und schlang von hinten die Arme um sie. Seine Hände tasteten nach ihren Brüsten.

Schnell wie ein Pfeil umklammerte sie seine Hände. Mit eisigen Fingern schob sie ihn zurück. »Nicht, ich bin müde«, sagte sie und griff nach dem leinenen Nachtkleid.

Der Vater, in dessen Kopf es leise im Takt einer Zarzuela wummerte, griff ihr Handgelenk.

»Du riechst so gut«, keuchte er und zog sie an sich.

»Du tust mir weh«, presste sie hervor und entwand sich seinem Griff. »Du bist betrunken«. Mit der flachen Hand hieb sie gegen seine Brust. Er taumelte rückwärts, krachte gegen sein Bett, plumpste unbeholfen auf die viel zu weiche Matratze.

»Riechst du nicht die Orangen?« fragte er und schluckte gegen den Kloß an, der sich in seinem Hals festkrallte. Aber sein Weib, das kalt sein konnte wie ein Fisch und schön war wie ein blühender Orangenbaum, verdrehte nur die Augen und schlüpfte unter die leichte Decke.

Am nächsten Morgen, als der Vater noch schlief, stahl die Mutter sich aus dem Zimmer. Sie folgte der Spur, die die Gerüche durch die schmalen Gassen gelegt hatten. Als sie den Markt erreichte, auf dem zu dieser frühen Stunde bereits reges Treiben herrschte, blieb sie einen Moment stehen. Schnupperte. Legte die Nasenflügel kraus. Dann steuerte sie zielgenau auf einen Stand zu. Das kleine braune Tütchen, in das der Verkäufer Gramm um Gramm der kostbaren Orangenblüten abgewogen hatte, verstaute sie ganz unten in ihrer Handtasche. Ihr Gatte mochte sich gelabt haben an dem Aroma, das seine Frau die ganze Reise über begleitete. Zu Hause aber verblassten die Orangenbäume, und nur dann, wenn sie ihm zum Dessert Creme Catalàn servierte, spürte er ein leises Ziehen in seinen Lenden. Ganz sanft nur und auch nur so lange, bis er satt und träge vor der leeren Schüssel saß.

Leni langte in die Schüssel mit eiskaltem Wasser. Die Gelatineblätter glibberten in ihren Händen, als sie das Wasser herauspresste. Dann ließ sie den Klumpen in der heißen Sahne versinken. Der hölzerne Löffel pflügte durch den Topf, und die Vanillesplitter kamen nach oben, tauchten unter.

»Ja, Mutter, der Duft von Orangen«, flüsterte Leni, und ihre Augen blitzten. Dann füllte sie die Panna Cotta in knapp Daumen hohe Gläschen. Zwei Stunden im Kühlschrank – zwei Stunden, die Leni nicht allein mit Warten verbringen würde –, und dann war die Süßspeise bereit, um frische Erdbeeren und Minze-Blätter in die Gläschen aufzunehmen.

 

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Zack.

Leni fuhr herum. Die Küchentür schwang im Windstoß auf, doch für einen Moment meinte sie, der Schatten ihrer Mutter stünde neben ihr am Herd und erzählte ihr von jenem Zauber aus Piment und Dill, aus Zimt, Kardamom und Muskat, mit dem sie sich über drei Jahrzehnte lang den ungeliebten Gatten vom Leib gehalten hatte.

»Ach, Mutter«, flüsterte Leni und wischte sich über die Augen. »Wenn du wüsstest …«

Leni trat ans Fenster. Die Dämmerung war einer so dünnen und flirrenden Schwärze gewichen, wie es sie nur in Mainächten gab. Leni schloss die Augen, und die Düfte von samtiger Sahne, prickelndem Safran und erregendem Ingwer umarmten sie.

Als es klingelte, band sie sich die Schürze ab. Hastig strich sie sich das Haar aus der Stirn. Ehe sie die Türe öffnete, atmete sie tief durch. Hinter ihr stellten sich Düfte von frischen Frühlingswiesen, endlosen Nächten und leise gewisperten Versprechen wie helfende Waldwesen auf. Leni drückte die Klinke herunter, und noch ehe er ihr die roten Rosen mit einer kleinen Verbeugung überreichen konnte, umfing sie ihn mit einer Umarmung, die nach Kakao und Mandeln duftete.

Dann zog sie ihn durch den dämmrigen Flur in die Küche. Sie sah, wie seine Nasenflügel bebten, als die Komposition der Düfte ihn wie eine einzige köstliche Verheißung umgarnte. Er zitterte leicht und leckte sich mit der Zunge über die Lippen.

»Ich habe Hunger«, sagte er, und in diesen drei kurzen Worten lag eine Welt aus Lust, Liebe und animalischer Begierde.

»Gleich, Lieber, gleich ist das Essen fertig«, flüsterte Leni und schloss das Fenster. Dann griff sie nach dem aufgequollenen, alten Holzlöffel und ließ ihn langsam über ihren Bauch, ihre Schenkel gleiten.

Die Rosen fielen ihm wie rote Flammen aus der Hand. Die Seezunge zischelte im Buttersud. Ein Kissen aus Ingwer und Kardamom, aus geriebenen Zitronenschalen und karamellisiertem Zucker legte sich wie ein Laken über ihre bald nackten Körper.

 

 

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Salat d’amour

Zutaten:

1 Radicchio, Blätter in feingeschnittene Streifen, 2 Chicorée, Blätter in feingeschnittene Streifen, 1/2 Tasse feingehackte Petersilie, ½ Tasse feingehackte Minze, 2 reife Williamsbirnen, geschält und in Scheiben geschnitten, ca. 20 Walnusskerne, ca. 100 g gehobelter Parmesan;

Dressing: 4 EL Walnussöl, 4 EL Olivenöl, 2 EL Himbeeressig, 1 EL Limettensaft, 1 EL asiatischer Reisessig, 2 EL Kirschlikör, ½ TL Honig, 1 TL Senf, Salz, frischgemahlener Pfeffer, 1 Prise Muskatnuss.

 

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Zubereitung:

Dressing: In einer Schüssel Walnussöl, Olivenöl, Himbeeressig, Limettensaft, Reisessig, Kirschlikör, Honig und Senf mit dem Schneebesen kräftig schlagen und mit Senf, Salz, Pfeffer und Muskatnuss würzen. Die Birnenscheiben hineingeben und ca. 10 Minuten marinieren lassen. Dann die Birnenscheiben herausnehmen und auf einen Teller legen.

In einer anderen Schüssel Radicchio, Chicorée, Minze und Petersilie mischen. Mit dem Dressing übergießen und alles gut mischen. Salat auf Teller servieren, mit den Birnenscheiben, Parmesan und Walnüssen garnieren und mit Walnussbrot servieren. Dazu passt ein fruchtiger Rosé oder Perlwein.

Ines Schmidt

USE SOMEBODY – SÜSSE FRÜCHTE

Ein Apfelbaum unter Waldbäumen ist mein Geliebter unter den Burschen.
In seinem Schatten begehre ich zu sitzen.
Wie süß schmeckt seine Frucht meinem Gaumen!
Das Hohe Lied Salomos 2,3

»Wenn´s nicht schmeckt, tu´ Curry dran!« Ich starre in zwei glänzende Augen, braun wie Kaffeebohnen, die mich durch eine schwarze Hornbrille anstrahlen. »Ist nicht von mir. Ist ein Lehrsatz aus der indischen Küche. Mit ein wenig Curry bekommste in jedes Essen Geschmack!« Er stellt seine Schale mit Obst neben meinen Salat und schnappt sich dabei gleichzeitig mit zwei Fingern eine Tomatenscheibe aus meiner Schüssel. »Lecker!« Er lächelt mich herausfordernd an und nickt selbstbestätigend, dabei wippen die schwarzen Locken vor seiner Stirn wie Metallfedern sanft auf und ab. Außer einem dümmlich gepressten »Ach ja?« kann ich nichts Vernünftiges antworten, sondern kippe das restliche Dressing auf den Salat und mische ihn mit dem Salatbesteck durch. Idiot!

»Nette Feier, gutes Essen…« Seine Stimme verliert ihre Lautstärke, fast verschwörerisch tuschelt er: »Nette Leute, tolle Aussicht…« Kurze Pause »…auf hübsche Mädel…« Dabei zwinkert er einem blonden Püppchen zu, das uns gegenüber auf der Bierbank sitzt und ihn andächtig beäugt. Hätte er das eben von den Mädchen nicht gesagt, ich hätte geglaubt, er flirtet mit mir. Hätte, hätte! Mit einem Mal dreht sich dieser schwarze Lockenschopf um und schwingt mir seine nackte Schulter vor das Gesicht. Im Nu ist er im Menschengewimmel verschwunden. Aber das winzige Schlüsselbein-Tattoo bleibt mir dennoch nicht verborgen. Irgendwie uncool für meinen Geschmack. War es ein Schriftzug oder waren es Zahlen? Ein Datum vielleicht?

Was war das überhaupt für ein vorlauter Vogel? Den habe ich hier noch nie gesehen. Er muss zum ersten Mal auf dem Platz sein. Ich versuche ihn zwischen den Leuten auszumachen, kann ihn aber nicht finden. »Ludig, domm!« Greta zupft an meiner Hose. »Ach, Greta, ich habe doch vorhin schon die ganze Zeit mit dir gespielt. Schau mal, da vorne ist Ela…« – »Nein, du! Ludig, fangen pielen!« Diese kleine Klette lässt einfach nicht locker! Irgendwie schaffe ich es, sie dennoch an die anderen spielenden Kinder loszuwerden, nachdem ich sie einige Male im Kreis gejagt und immer wieder unter lautem Gebrüll gefangen und durch die Luft gewirbelt habe. So gern ich mit Greta spiele, aber jetzt knurrt mein Magen, und ich bemerke eine ungewohnte Unruhe in meinem Bauch – ein leerer Magen verursacht bei mir immer eine latente Aggressivität. Außerdem möchte ich so schnell wie möglich in Erfahrung bringen, wer der unbekannte Typ ist.

Während ich meinen Teller mit leckeren Salaten fülle, blicke ich mich verstohlen um: nichts. Vielleicht sehe ich ihn ja, wenn ich mich nachher ruhig an einen Tisch setze und esse. Ich stelle mich also in die Reihe, um mir bei Olaf und seinen Helfern Grillfleisch zu holen.

»Was kann ich dir geben?« fragt Olaf und wischt sich mit dem Handrücken die von Schweiß verklebte Stirn ab. »Ein großes Stück Fleisch und eine Bratwurst.« Während er meinen Teller belädt, erteilt er mir gleich meinen ersten Arbeitsauftrag: »Ach ja und morgen… Am liebsten wäre mir, du fängst damit an, das Bootshaus zu streichen. Das schiebe ich schon seit Wochen vor mir her.« – »Geht klar!« Auf meinem ohnehin schon vollen Teller türmt sich nun ein Fleischberg. Meine Augen schweifen wieder über unsere Campingnachbarn, und ich überlege mir, zu wem ich mich setzen könnte, ohne sinnlos vollgequatscht zu werden. Das ewige Campergetratsche geht mir von den meisten voll auf die Nerven, und Christoph kommt leider erst in zwei Tagen. Aber mit ihm macht der Ferienjob bei Olaf echt Spaß, und diesmal spare ich mir die Kohle für ein neues Brett.

»Lust, zusammen am Steg zu essen?«

Der dunkle Lockenkopf reist mich aus meinen Gedanken und überrascht mich zum zweiten Mal. Der hat sicher Jedi-Macht! Olaf sieht mich mit dem unbekannten Jungen sprechen und schaltet sich gleich dazwischen: »Prima! Ihr beiden könntet gleich gemeinsam Holz für das Lagerfeuer unten am See holen.« Kennt Olaf den? Direkt an mich gerichtet fügt er noch hinzu: »Wo das Holz ist, weißt du ja.« Ich nicke nur und stehe etwas unschlüssig neben diesem haselnussbraunen Zauberjungen. Im Gegensatz zu mir hat er nur eine kleine Schale mit Erdbeeren in der Hand.

Ohne ein Wort zu sagen, gehen wir nebeneinander die hundert Meter zum See hinunter. Bis dorthin habe ich einem Dutzend Leuten freundlich zugenickt oder ein mageres »Hallo« zugeworfen. Schweigsam sitzen wir jetzt als einzige am Steg. Ein paar Büsche hinter uns verdecken die Sicht auf das Festgeschehen. Lediglich Stimmengewirr aus dem Hintergrund begleitet unsere leisen Kaugeräusche.

Ich muss mich konzentrieren, um meinen Teller sorgfältig auf den Oberschenkeln zu balancieren. Ich nehme die Wurst in die Hand und beiße, peinlich berührt, hinein. Ich komme mir total lächerlich vor. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass sich die schokobraunen Augen des Jungen auf mich gerichtet haben. »Wo isn das Holz?« – »Hinter´m Haus.« Ich deute mit meinem Kinn die Richtung an, in der sich der Schuppen befindet. »Haste auch ´nen Namen?« will er danach wissen.

Eigentlich ist es an mir, ihn zu fragen, was er mit Olaf am Hut hat. Seine Augen hinter der markanten Brille machen mich aber so nervös, dass ich nicht vernünftig denken kann. Sein Blick sticht durchs Glas wie zwei Scheinwerfer bei voller Beleuchtung. Ich kann ihn nicht ansehen, sondern starre an ihm vorbei, weit auf den See hinaus.

Mir war mein Name bisher noch nie peinlich, aber der Kerl schafft es, dass ich mich so unsicher fühle, dass ich mich zum ersten Mal sogar für meinen Vornamen schäme. Klar, er ist eher traditionell, aber nun habe ich Skrupel, dass mich jemand dafür auslachen könnte. Namen rufen zumindest bei mir immer einen ersten positiven oder negativen Eindruck einer Person hervor. Und ich fühle mich vor diesem Jungen restlos unbeholfen! Ich möchte ihm gefallen, und mein antiquierter Name unterstützt mich wohl kaum dabei. Meine Antwort fällt daher knapp aus, ich nenne ihm nur meinen Spitznamen: »Lu«.

»Okay, Lu…« Er wartet. »Du bist anscheinend verdammt hungrig«, er nickt in Richtung meines überladenen Tellers, »aber vielleicht schaffen wir es ja, uns zwischen zwei Bissen ein wenig zu unterhalten.« Die Stichelei in seinem Satz ist nicht zu überhören. Na toll! Depp! Nur weil er an so mickrigen Erdbeeren knabbert, darf ich keinen Hunger haben, oder wie?

Er verwirrt mich total, aber das kann ich ihm ja wohl kaum sagen! Mein langgezogenes »Hm« klingt wenig zustimmend. Ich schmatze ihm einfach was vor. Er könnte sich mir doch auch vorstellen! Ich werde ihn jetzt aber sicher nicht nach seinem Namen fragen.

»War nett anzusehen, wie du mit dem kleinen Mädchen gespielt hast.«

Der hat mich beobachtet! Ich bin so geschockt, dass ich zu keiner angemessenen Reaktion fähig bin, sondern einfach weiter esse. »Na, dann… Ich glaube… Iss mal lieber fertig!« Mit einem Satz erhebt er sich und geht mit seiner leeren Schüssel zurück zum Fest. »Hey! Aber… das Feuer!« rufe ich ihm überrascht nach. »Mach du mal«, antwortet er ernst und marschiert einfach weiter, aber nicht ohne sich nochmal umzublicken und mir seine durchtrainierte Figur zu präsentieren, indem er seine Arme in die Luft streckt als würde er Hanteln stemmen.

Ich fühle mich total abserviert. So ein Arsch, markiert den tollen Hecht, und ich versuche ihm noch zu gefallen! Der kann mich kreuzweise! Demonstrativ drehe ich mich weg, auch wenn keiner mehr da ist, der das sieht.

Die Dämmerung hat längst eingesetzt, ein letzter Sonnenstreifen erhellt den angehenden Nachthimmel und färbt die Wolken rosalilaorange. Ich starre so lange auf den See, bis der Wald die Sonne vollständig geschluckt hat und mir der Himmel darüber wie ein gemaltes Aquarell erscheint. Mir ist der Appetit vergangen, ich fühle mich urplötzlich völlig allein an diesem, mir vertrauten Ort, und meine Gefühle machen die Sache nicht leichter, sondern irritieren mich gründlich. Am liebsten würde ich meinen Rucksack packen und zurück in die Stadt fahren. Anonym und unsichtbar sein, das wäre mir gerade das Liebste.

Angenehmer Gesang reißt mich aus meinem Selbstmitleid. Irgendjemand hat zur Gitarre gegriffen und spielt gerade One von U2. Die Stimme gefällt mir. Ich fühle mich spontan von ihr angezogen, als hätte ich sie schon einmal gehört. Sie legt sich wie eine samtene Decke über meinen Körper. Ich bekomme eine Gänsehaut, obwohl die Abendluft sehr warm ist. Meine Neugier siegt über meinen Frust. Ich stehe auf und gehe zum Fest zurück. Ich möchte wissen, wem diese dunkelwarme Stimme gehört, für ein Lagerfeuer interessiert sich bei der Wärme eh keiner.

Ich schlendere über den Platz, der quasi mein zweites zu Hause ist. In den Ferien waren ich und meine Schwester immer bei Onkel Olaf, vor allem, wenn unsere Mutter arbeiten musste. Und seit Franziska Greta hat, wächst auf diesem Platz bereits die nächste Generation der Kringes auf. Ich bin gerne hier. Zu Hause habe ich nur einen Blick auf andere Wohnbunker. Seit der Trennung meiner Eltern hat sich mein städtischer Wohnradius enorm verkleinert. Der Campingplatz hingegen war schon immer mein grünes Wohnzimmer und der See mein ganz persönlicher Raum. Seit ich denken kann, ist der Platz eine verlässliche Konstante in meinem Leben. Ich liebe das Wasser, brauche viel Sauerstoff und surfe für mein Leben gern. Das läge an meiner pubertären Energie, meint meine Mutter. Ich widerspreche ihr nicht, denn ich habe ihre vielen Belehrungen und Psychologisierungen satt. Soll sie mal den Rest der Menschheit therapieren und mich mit ihrem Kram in Ruhe lassen. Hätte sie sich nicht so viel um andere gekümmert, wäre mein Vater vielleicht noch hier. Ihre Ehe konnte sie zumindest nicht retten. Aber dafür rettet mein Vater jetzt anderen Kindern, irgendwo in Afrika, das Leben. Uns ginge es ja gut, da gäbe es nichts zu tun. Und dann war er weg. Klar, danke auch!

Ich schiebe mich zwischen den Biertischen und Bänken hindurch, in die Richtung aus der der Gesang kommt. Mein Handy vibriert in meiner Hosentasche. Nachricht von meiner Mutter – ich sollte wirklich nicht so viel an sie denken. Sie möchte morgen, wenn sie kommt, mit Franzi und mir frühstücken, es gäbe Neuigkeiten. Constanze verpackt ihre Nachrichten immer gern geheimnisvoll. Sie meint bei mir auf diese Art mehr Interesse zu wecken. Aber was sie für wichtig erachtet, entspricht nicht unbedingt meiner Prioritätenliste.

Ich schlängele mich zwischen den Campinggästen hindurch und erhasche einen ersten Blick auf den Sänger. Da steht er. Er! Ich fasse es nicht. Der Pralinenaugenjunge ist der Sänger! Ich stehe in der dritten Reihe, und sein Blick trifft mich so unverhofft wie die drei in meinem letzten Englischtest. Wie ein Magnet hat mich seine Stimme angezogen.

Ich schätze den Kerl nicht viel älter als mich. So wie er da steht, erinnert er mich an eine Mischung aus Bruno Mars und Tim Bendzko. Der Huckleberry-Finn-Strohhut auf seinem Kopf unterstreicht seine coole, aber sympathische Art. Ich fühle, wie sich meine Herzfrequenz schnell erhöht, und ärgere mich fast darüber, dass er diese körperliche Reaktion bei mir auslöst.

Sein Brustkorb hebt und senkt sich, und der kleine Anhänger an seiner Kette tanzt im Takt. Ich finde seinen Hals und wie sich die Sehnen daran bewegen verführerisch. Er zwinkert ins Publikum, spielt mit seinen Zuhörern. Sein Blick streift mich nur ganz kurz, aber hinterlässt ein deutliches Prickeln in meiner Magengrube, und ich fühle mich ertappt, als könnte jeder auf meiner Stirn ablesen, dass ich ihn zum Anbeißen finde. Hoffentlich laufe ich jetzt nicht rot an. Ich will fliehen, stehe aber wie angewurzelt zwischen den anderen Zuhörern. Hier schlägt sicher nicht nur mein Herz höher. Jung und Alt, Männlein und Weiblein sind von seiner Erscheinung entzückt. Frau Bösch hätte ihn sicher gern als talentierten Schwiegersohn, und ich sehe die freudige Wonne im Gesicht der alten Frau Reinbeck. Magdalena und ihre Freundin, das blonde Püppchen, tuscheln hinter vorgehaltener Hand und das sicher nicht über mich, auch wenn ich Magda erst vor ein paar Wochen hab abblitzen lassen.

Ich könnte ihn für diese Show hassen, aber er hat auch mich gefangen. Wie ein dummer kleiner Lemming bin ich hinter ihm hergelaufen.

Er hat seine Gitarre fest im Griff, sitzt lässig wie ein Altstar auf einem Barhocker und spielt die Songs runter, als würde er den ganzen Tag nichts anderes machen. Wie kann dieser Kerl, allein mit seinem Gesang, eine so himmlische Aura um sich erschaffen? Und dann kommt dieses Lied von Weiß-Nicht-Wem. Ich höre ihn nur singen, und in dem Moment wir mir klar: Ich habe mich voll in ihn verknallt. Einfach so, ohne Vorwarnung. Für alle anderen, um mich herum hat sich gar nichts verändert, aber für mich öffnet sich gerade eine neue Tür. Er singt diese Zeilen »You know that I could use somebody. Someone like you…«, und ich weiß, er meint mich. »I hope it's gonna make you notice. Someone like me…«

Die Kette mit dem silbernen Anhänger baumelt unablässig an seinem Hals, und ich möchte mit meinem Finger daran entlang fahren. Wie gut, dass niemand der umstehenden Personen meine Gedanken lesen kann. Er singt diese Zeilen und sucht dabei immer wieder meinen Blick. Lächelt mich, kaum merklich, aber durchdringend an. Beschämt blicke ich zu Boden. Ich fühle mich, als würde meine Vorprogrammierung zum ersten Mal richtig gestartet werde. Meine Muskeln zucken am gesamten Körper, ich bekomme rote Flecken am Hals und im Brustbereich, wie immer in Situationen, in denen ich überfordert und aufgeregt bin.

Ich wäre eh immer sehr leicht zu durchschauen und zu beeindrucken, meint Magda, aber dieses Geheimnis kennt sie nicht! Niemand kennt es, nicht mal Christoph. Ich war ein paar Mal kurz davor es ihm zu sagen, aber dann habe ich doch einen Rückzieher gemacht. Ich war noch nicht bereit dafür. Aber eins weiß ich trotzdem schon ganz genau: Ich steh´ auf Männer und will mich outen!

Nach dem letzten Gitarrenklang klatscht das Campingplatzpublikum voller Begeisterung. Es wird gejubelt und es gibt Begeisterungspfiffe. Solch einen Sänger kennt Olafs Camperoase nicht. Die Leute sind wirklich angetan von diesem spontanen Event, und mein Herzensbrecher dort vorne hat den Applaus auch wirklich verdient.

In der aufkommenden Dunkelheit kehre ich an den See zurück. Ich setze mich wieder an den Steg. Ich weiß, ich warte hier auf ihn. Ich habe in meinem Leben noch nie etwas vorahnen können, aber diesmal spüre ich es ganz deutlich. Unser versteckter Augenkontakt fungierte wie eine nonverbale Verabredung, und das Lied war seine persönliche Einladung an mich! Zumindest hoffe ich es ganz stark. Ein leichtes Zittern durchzieht meinen Körper. Er muss einfach kommen! Ich habe mich doch nicht so täuschen können…

»Hi…«

Leise hat er sich von hinten angeschlichen. Seine Hand ruht für einen kurzen Moment auf meiner Schulter. Ich zucke zusammen. Er setzt sich neben mich und lässt seine Beine ins Wasser baumeln. Ich bin nervös, schlimmer als vor jeder Prüfung.

»Die Frucht der Sünde …«

Mit diesen Worten reicht er mir einen Apfel und beißt gleichzeitig in seinen eigenen. Der Biss wird von einem saftigen Knacken begleitet.

Wusst´ ich´s doch! Ich stehe zwar tierisch unter Spannung, bin aber gleichzeitig auch unendlich erleichtert. Ich bin sogar zur Schlagfertigkeit fähig: »Der ist doch hoffentlich nicht vergiftet.«

Er reagiert nicht auf meine Antwort, sondern sagt: »Ich heiße übrigens Carlos. Kannst mich aber Carl nennen… Alles andere klingt so schwul.«

Damit ist das Eis endgültig gebrochen, und wir fangen beide schallend zu lachen an. Allein die Tatsache, dass er wirklich gekommen ist, hat mich total geflashed und in höhere Sphären gehoben, das gemeinsame befreite Lachen pusht mich nur noch mehr. Ich tanze auf Wolken! In unserer Ausgelassenheit berühren sich unsere Schultern. Ich werde dabei wie durch die feinen Akupunkturnadeln meines Vaters zärtlich gepiesackt.

»Seid wann weißt du´s?« Diese Frage kommt ganz direkt und erzeugt wieder dieses Ziehen in der Magengegend. Ich zucke mit den Schultern: Ich weiß nicht. »Du?«

Es vergeht ein Augenblick, bevor er antwortet, und eine andächtige Stille, wie vor einem Gebet, legt sich über uns. Dann nuschelt er fast, als er zu sprechen beginnt: »Seid ich vom Baum der Erkenntnis genascht habe und runtergefallen bin.«

Ich warte. Ich weiß nicht, was ich entgegnen soll. Dann sage ich: »Sprichst du eigentlich immer in Phrasen?“

»Nein im Ernst, ich bin vom Apfelbaum gefallen. Ich wollte jemandem imponieren, und der Schuss ging nach hinten los.«

»Du wolltest jemandem gefallen und bist dafür auf einen Baum geklettert?« Ungläubig hake ich nach.

»Hm, ungefähr so…«

Ich habe das Gefühl, er will nicht darüber reden, darum erkundige ich mich nicht weiter. Wir essen nur unsere Äpfel auf.

»Du ernährst dich wohl nur von Obst?« frage ich ihn schließlich.

»Fast. Und Gemüse.« Er grinst schelmisch. Oh Mann, auch noch ein Vegetarier! Dann wird Carl wieder ernst und erzählt: »Der Tag… Das war mein zweiter Geburtstag…« Es dauert, aber dann scheint er sich zu öffnen. »Ich bin runtergeknallt… genau auf einen Rechen drauf, der neben dem Stamm lag… Leider mit den Zacken nach oben. Und ich genau rein… Zacken kamen am Schlüsselbein wieder raus… Knapp an der Halsschlagader vorbei. Millimeterarbeit. Das wär´s dann wohl gewesen…« Schlüsselbein? Er zeigt mir die Stelle.

»Das Tattoo da…« Ich drehe mich zu ihm und verschränke meine Beine im Schneidersitz. Sein Shirt ist am Hals weit ausgeschnitten, und ich streife mit meinem Finger vorsichtig über die Stelle. Unterhalb des Tattoos ist eine deutliche Narbe zu ertasten.

»29.09. 2012«.

»Das war der Tag?«

»Ja. Hat wohl eine doppelte Bedeutung für mich.« Plötzlich hält er mich am Handgelenk fest. Ich bekomme sekundenschnell ein heißes Gesicht. Wie gut, das es schon fast ganz dunkel ist und ich im Gegenlicht sitze, sonst würde er meine roten Ohren sehen.

»Und… ist was aus euch geworden?« presse ich unter starkem Herzklopfen hervor.

Carl schüttelt den Kopf. »Nada. Aber das war der Tag, an dem mir schmerzlich klar wurde, dass ich auf Jungs stehe.« Er schaut mir direkt ins Gesicht.

Ich nehme all meinen Mut zusammen und sage: »Du bist mein erstes Mal… Ich mein´, dass ich darüber rede… meine ich…« Ein Hauch von Verschämtheit ziert mein Gesicht. »Warum bist du vorhin einfach weggegangen?«

Carl beugt sich zu mir und seine Lippen berühren mein Ohr, er flüstert tonlos und ein wenig hastig: »Weil ich das Gefühl hatte, dich nicht erreichen zu können. Aber jetzt habe ich vielleicht Glück… «

Ich nicke kaum merkbar und erstarre innerlich zu einer Salzsäule. Ich schließe die Augen in Erwartung des Momentes, den ich mir schon hundert Mal vorgestellt habe. Carl lässt mein Handgelenk los und ich ziehe meine Hand schnell an meinen Körper zurück. Wenige Sekunden später, ein fast unbemerkbares Kitzeln an meiner Lippe. Weich und zart umschmeichelt etwas meinen Mund, wie ein feiner, lieblicher Kuss. Ich warte darauf, was geschehen wird. Vermeide dem Drang, die Augen zu öffnen, nachzugeben. Mein Kopf surrt wie ein Bienenstock.