Impressum

eBook, Dezember 2014

Erstausgabe

Copyright © 2014 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Ruedi Lüscher

Lektorat: Theodor Boder und Ulrike Mutter

ISBN 978-3-905802-51-1

www.boderverlag.ch

Widmung

Für meinen Fels in der Brandung

und Petra und Judith

Dunkel

Es war der Geruch.

Wie ein kleines Tier aus der Tiefe eines Moores kämpfte sich das Kind aus seiner Bewusstlosigkeit.

Es stieß einen wimmernden Schrei aus und die Luft geriet in Bewegung. Der Gestank von Urin und Erbrochenem war beißend. Hektisch schluckte es den säuerlichen Speichel in seinem Mund hinunter und öffnete die Augen. Das war schwer. Seine Wimpern waren verklebt von einer zähen Substanz, die nach getrocknetem Blut roch. Das Kind blinzelte.

Obwohl es die Augen weit geöffnet hatte, konnte es nichts sehen. Es war vollkommen dunkel. Das Kind war von einer Schwärze umfangen, die es nicht kannte. Selbst in seinen finstersten Nächten hatte es immer einen Hauch von Licht gegeben.

Aber jetzt, nichts.

Das Kind wagte nicht, sich zu bewegen. Eine völlige Orientierungslosigkeit ließ es in Panik erstarren. Es riss die Augen noch weiter auf und lauschte.

Vollkommene Dunkelheit und Stille.

Da war nur dieser Geruch.

Schnee

Julia stand am Panoramafenster des Salons und beobachtete die Ankunft des Helikopters. Die Berge waren hinter grauen Wolkenmassen verschwunden. Es hatte seit Tagen geschneit und vor dem nächsten Sturm blieb dem Pilot nur ein kleines Zeitfenster, um die letzten Gäste herzubringen. Die einzige schmale Zufahrtsstraße zum Hotel war längst nicht mehr passierbar.

Wie ein nervöses Insekt kreiste die Maschine über dem kleinen Plateau hoch über dem Dorf und wirbelte weiße Schleier durch die Luft. Die vom Hausmeister Pedro Mas mühevoll freigeschaufelte Landefläche war kaum zu erkennen.

Julia blinzelte. Die Kontaktlinsen waren immer noch ein Fremdkörper, ihre auffallend grünen Augen wieder einmal gerötet. Sie zwirbelte nervös eine Strähne ihrer roten Haare zwischen den Fingern. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren war Julia eine aparte Schönheit, aber sie legte keinerlei Wert auf Äußerlichkeiten, ganz im Gegenteil. Sie wollte auf keinen Fall auffallen. Nicht in diesem Haus bei diesen Leuten. Sie verzog angewidert ihre Mundwinkel.

Die junge Frau brauchte diese Arbeit. Sie hatte alles versucht, alles getan, und dann endlich diesen Job bekommen. Sehr kurzfristig und nur auf Probe, war Julia hier nun Mädchen für alles.

Das kleine Hotel, das lange Jahre leergestanden und wie eine verrunzelte Diva auf das mondäne Treiben unten im Tal geblickt hatte, war schließlich von Boris Windolf aufgekauft und umgebaut worden. Und nun hatte es sich in ein wahres Juwel verwandelt.

Das war der Verdienst eines außergewöhnlichen Architekten, der Windolfs Wünsche zum größten Teil ignorierte und Bestehendes mit Neuem kombinierte, wie es noch niemand zuvor gewagt hatte. Er durfte mit den teuersten Materialien arbeiten, Geld spielte keine Rolle. Julia hatte es bis jetzt noch nicht geschafft, alle Räume zu bewundern.

Das Hotel war Windolfs kleines Königreich, in das nur geladene Gäste Zutritt hatten. Zehn Doppelzimmer und eine kleine Suite standen zur Verfügung, dann der Salon mit der einzigartigen Aussicht, ein kleiner Speisesaal und der Keller mit dem Wellnessbereich. Dann gab es noch die Räume, für die nur Boris Windolf einen Schlüssel besaß. Besondere Räume.

„Für meine ganz speziellen Gäste“, hatte er grinsend erklärt und dabei leicht Julias Kinn umfasst.

Am liebsten hätte sie ihn geschlagen. Windolf war groß und mager, seine weißblonden Haare und die wasserhellen Augen erinnerten an einen Albino und sein zweideutiger Blick ekelte sie an. Julia biss die Zähne zusammen. Sie musste diesen Job behalten!

„Vielleicht dürfen Sie uns dort einmal besuchen“, hatte Windolf gesagt und sie losgelassen. Er hatte bereits das Interesse verloren.

Wie ein großer Käfer setzte sich der Helikopter endlich auf den vereisten Platz. Leon, der junge Spanier, der neben Pedro und seiner Frau Catalina der Vierte im Bunde des spärlichen Personalbestandes war, lief eilig hin, um den Gästen behilflich zu sein.

Leon Torres war groß und schlank. Unter seinem schwarzen Haarschopf blitzten blaue Augen, und ohne sein verkrüppeltes Bein wäre er der Schwarm aller Mädchen geworden. Leon bewegte sich schon unter normalen Umständen ruckartig wie ein Roboter, aber nun kämpfte er auf dem Schnee gegen den Wind der Rotorblätter und ruderte heftig mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Es wirkte geradezu grotesk. Julia spürte ein tiefes Mitgefühl für diesen jungen Mann.

Sie sah, wie er zwei Reisetaschen packte und einer Frau die Hand reichte, die aus der Kabine kletterte, ein kleines Bündel fest an sich gedrückt. Ein Mann folgte ihr mit einer großen Tasche.

Etwas viel Gepäck für drei Tage, dachte Julia, und runzelte die Stirn.

Das Hotel sollte erst in zwei Wochen offiziell und mit viel Getöse eröffnet werden, deshalb war auch noch nicht mehr Personal im Haus. Nun hatte Windolf „alte Freunde aus der guten alten Zeit“ eingeladen, um ihnen „mal was Gutes zu tun!“, wie er es genannt hatte.

Unten führte Leon die Ankömmlinge zum Eingang. Das Bündel in den Armen der Frau verrutschte und ein winzig kleines Gesicht blickte zu Julia. Sie hielt den Atem an. Alles hatte sie erwartet, aber das nicht. Ein Baby!

Der Helikopter startete und drehte in steilem Bogen ab, und wie er im beginnenden Schneetreiben verschwand, schien er zu flüchten.

Windolf stand mit einem Champagnerglas in der Hand in der Eingangshalle. Seine Gesichtszüge entgleisten, als er das Baby sah.

Verflucht, dachte er, so ein schreiender Hosenscheißer hat mir gerade noch gefehlt!

Er hatte nicht gewusst, dass Dieter und Kirstin ein Kind hatten. Das war nicht weiter erstaunlich. Von den wenigsten seiner alten Freunde, die er eingeladen hatte, wusste er etwas. Windolf fragte sich, welcher Teufel ihn wohl geritten hatte, das überhaupt zu tun. In seine Pläne passte ein Baby ganz und gar nicht.

Schöne Scheiße, dachte er, und versuchte sein Lächeln wieder aufzusetzen. Zu spät.

„Ich dachte mir schon, dass dir das nicht passt“, sagte Kirstin. Sie schob ihre Kapuze zurück und presste das Kind noch fester an sich.

„Ach was, so was bringt doch Leben in die Bude! Hey ihr zwei, willkommen in meinem Adlerhorst!“

Windolf breitete die Arme aus und versuchte, alle drei gleichzeitig zu umarmen. Der Champagner tropfte zu Boden.

„Hallo Boris“, sagte Dieter. „Das ist Sarah.“ Er befreite sich und seine kleine Familie aus der ungeschickten Umklammerung.

Windolf lachte laut. Dann musterte er seine ehemaligen Gefährten und seine gute Stimmung sank.

Himmel nochmal, die beiden sahen aus wie Herr und Frau Biedermann, wie sie da so in ihren wattierten Mänteln vor ihm standen. Wahrscheinlich wohnten sie in einem miefigen Reihenhaus und hockten, seit sie das Kind produziert hatten, nur noch vor der Glotze. Das war früher anders gewesen, aber wer weiß? Vielleicht konnte er diese Schlafwandler wieder aufwecken, er hatte ja genügend Mittel. Das könnte sogar richtig amüsant werden! Wieder lachte er laut.

„Kannst du uns bitte unser Zimmer zeigen? Ich muss Sarah umziehen.“

Kirstin wollte nur noch weg. Sein Lachen ängstigte sie.

In Boris Windolfs Augen hatte sie erkannt, dass er sich kein bisschen verändert hatte. Boris!

Kirstin wäre am liebsten durch die Türe gestürmt und mit Sarah wieder in den Helikopter gestiegen. Was für ein Wahnsinn hierher zu kommen! Wieso nur hatte sie sich von Dieter dazu überreden lassen? Hatten sie überhaupt eine Wahl gehabt?

Und nun gab es kein Zurück. Der Pilot hatte ihnen erzählt, dass es seit Jahren nicht mehr so viel Schnee gegeben hatte und dass weitere schwere Stürme erwartet wurden, die diesen Ort zur Falle machten.

Gott steh uns bei!

„Macht euch frisch und dann treffen wir uns alle im Salon und trinken einen anständigen Schluck auf unser Wiedersehen.“ Windolf schwenkte sein Glas, ganz der joviale Gastgeber.

„Julia! Bringen Sie meine lieben Freunde in ihr Zimmer und dann will ich Sie an der Bar sehen!“

Julia tauchte mit einem Lächeln hinter Kirstin auf.

„Darf ich Ihnen helfen?“ Sie streckte die Hände nach dem Baby aus, das die junge Frau mit großen Augen aufmerksam musterte.

Kirstin drehte sich mit Sarah weg. „Bitte, nehmen Sie doch die Tasche!“

„Selbstverständlich.“ Julia ging mit Leon an ihrer Seite voraus in den ersten Stock.

Krüppel!, dachte Windolf, der beobachtete, wie Leon die Stufen hinauf wankte. Das erste was ich mache, wenn in zwei Wochen endlich richtiges Personal hier einfliegt, ist DICH fliegen zu lassen! So was ruiniert ja die ganze Stimmung!

Natalia war die ganze Zeit am Fenster der Suite gestanden und hatte ebenfalls die Ankunft der letzten Gäste verfolgt.

Auch sie war über die Ankunft eines Babys erstaunt, aber eigentlich wunderte sie sich über gar nichts mehr. Die Leute, die bisher hier eingetroffen waren, erschienen ihr seltsam genug und passten überhaupt nicht zu den Menschen, mit denen sich Windolf sonst umgab.

Normalerweise waren das Männer mit Geld, Ansehen und meistens ohne Moral. Was die Frauen betraf, zählte nur Schönheit und dass sie sich verhielten wie Sklavinnen. Boris Windolf hielt sich für Gott, das wollte er ständig bestätigt haben, und er langweilte sich schnell.

Natalia war seine neuste Errungenschaft, eine weitere Perle auf einer langen Kette von kurzfristigen Beziehungen.

Natalia war sich dessen bewusst und keinesfalls unglücklich darüber. Im Gegenteil. Sie wäre am liebsten davon gelaufen. Es war ein schlimmer Fehler gewesen, diesen Mann hierher zu begleiten. Vor dem dunkler werdenden Hintergrund sah sie ihr Spiegelbild in der Scheibe.

Ein blasser Engel. Um ihr herzförmiges Gesicht lockten sich lange blonde Haare, – gesegnet sei das Wasserstoffsuperoxid! – ihre Lippen waren von Natur aus voll und sie hatte eine Figur, wie Männer es sich wünschen. Diese verdankte Natalia zum einen Teil den Genen ihrer Großmutter. Der Rest war das Resultat einer strengen Diät mit gelegentlichen Kotzeinlagen. Sie hatte Hunger! Seit Natalia zwölf war und sich die ersten zarten Rundungen unter ihrem abgewetzten Pullover gezeigt hatten, hungerte sie.

„Kind“, hatte ihre Mutter immer gepredigt. „Kind, du musst auf deine Figur achten! Für Frauen wie uns gibt es nicht viele Möglichkeiten für ein besseres Leben. Du musst einen reichen Mann finden! Reiche Männer haben Auswahl! Sie können aussehen wie Affen, aber sie können jede Frau haben! Also musst du schön sein! Du willst doch raus aus diesem Dreck?“

Natalia erinnerte sich gut an die schäbige Küche, in der es ständig nach gekochtem Gemüse roch. Gemüse, weil selten Geld für etwas anderes blieb.

Ihre Mutter, eine kleine, rundliche Frau, rackerte sich als Putzfrau ab, um die Miete für die winzige Wohnung zu bezahlen, in der sie mit ihrer einzigen Tochter lebte.

Wie so viele junge Frauen hatte Natalias Mutter auf ein besseres Leben gehofft und war einem Mann nach Deutschland gefolgt. Er hatte als Ingenieur in jener trostlosen Stadt in Russland gearbeitet, in der sie gelebt hatte. Jung und naiv, hatte sie ihm nur zu gern alles geglaubt. Wie hätte sie in ihrer Verliebtheit ahnen können, dass er bereits verheiratet war und ein Kind hatte, und weder Zeit noch Lust, sie für den Rest ihres Lebens auf Händen zu tragen.

Er mietete ihr ein Zimmer in einer Pension am Rande der Stadt, und als sie mit Natalia schwanger wurde, ließ er sie fallen. Einzig dem Glauben an einen rachsüchtigen Gott verdankte Natalia ihr Leben. Ihre Mutter hatte es nicht gewagt, das Kind abzutreiben. Und nun setzte sie alle Hoffnungen auf ihre Tochter, die außergewöhnlich hübsch war und mit den richtigen Kniffen und strenger Disziplin einen besseren Weg beschreiten würde.

Natalia verbrachte ihre Kindheit in einer Art Strafgefangenenlager, das ihr die Luft zum Atmen raubte. Sie war keine besonders gute Schülerin, aber die Zeit, die sie in der Schule verbringen konnte, bedeutete ein kleines Stück Freiheit von ihrer unerbittlichen Mutter. Doch sie liebte sie, es gab sonst niemanden. Natalia litt darunter, keinen Vater zu haben. Gleichzeitig dachte sie, dass es ohne ihn doch besser war. Ihre Mutter redete voller Hass und Verachtung über die Männer.

„Alles Lügner und Betrüger, die dein Leben zerstören!“

Die erste, unschuldige Verabredung mit einem älteren Mitschüler brachte Natalia Schläge ein, die sie nie mehr vergass.

Jeder Knochen in ihrem Leib schmerzte und auf ihrer Haut bildeten sich Flecken, die später in sämtlichen Farben des Regenbogens erblühten.

„Du dummes Miststück!“, kreischte ihre Mutter und schlug mit einem Verlängerungskabel auf sie ein. „Willst du alles kaputt machen? JA?! JA? WILLST DU DAS?!“

Während sie schrie und tobte, konnte Natalia die Verzweiflung in ihren Augen sehen.

„Willst du schwanger werden? Einen verdammten Bastard gebären und den Rest deines Lebens hier verkommen?!“

Natalia versuchte, die Schläge mit den Händen abzufangen. Rote Striemen brannten auf ihren Handflächen wie Feuer.

„Nein Mama!“, schrie sie. „Bitte! Ich hab doch nichts getan! Hör auf! Bitte! MAMA!“ Natalia flüchtete schluchzend in eine Ecke.

„Oh Gott!“ Ihre Mutter ließ sich laut stöhnend auf den Küchenschemel fallen. „Oh Gott, verzeih mir!“

Das Kabel glitt ihr aus der Hand, Tränen rollten über ihre Wangen. Natalia kroch zu ihr und umschlang ihre Knie.

„Mama!“ Sie klammerten sich aneinander und weinten. Jede aus einem anderen Grund.

Und nun stand Natalia hier und sah nichts anderes als ihr eigenes, ängstliches Gesicht in der Scheibe. Sie hatte einen großen Fehler gemacht. Sie hätte Windolf sofort verlassen sollen, als er seine Maske fallen ließ. Er war ein Tier.

Nein, kein Tier war wie er! Er war etwas, wofür Natalia keinen Namen fand.

Vor dem Haus wirbelte der Sturm schwere, dicke Flocken wie Schmetterlingsschwärme durch die Luft. Sie sanken zu Boden und wuchsen Schicht um Schicht zu einer Mauer aus Eis.

„NATALIA! Beweg deinen Arsch und komm endlich runter!“

Malte Kern kicherte laut, als er Windolf durch das Treppenhaus brüllen hörte.

Malte lag mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem übergroßen Doppelbett in seinem Zimmer. Alles in dem Raum war in Rot und Gold gehalten. Seide auf dem Bett und an den Wänden schimmerte um die Wette mit den goldenen Spiegelrahmen und Leuchten.

In dieser Umgebung wirkte Malte noch farbloser. Er war fünfundvierzig Jahre alt, aber er sah aus wie ein Greis.

Ein hässlicher Greis. Die Drogen und Tabletten, die er, seit er fünfzehn war, wie Bonbons verschlang, hatten tiefe Spuren hinterlassen. Sein Gesicht war von Furchen durchzogen, seine Haut fleckig, und alles an ihm, selbst seine Haare und Kleider, undefinierbar graubraun. Er sah aus wie ein Apfel, der lange im Gras gelegen hatte und nun von Schimmel überwuchert wurde. Malte war sich dessen nicht bewusst. Er sorgte seit Jahren gewissenhaft dafür, dass er nicht plötzlich mit dem Schock eines klaren Moments konfrontiert wurde.

Und Birgit, die, befangen von dem Prunk um sie herum, neben ihm auf der Bettkante saß, war sein Aussehen längst egal. Sie selbst hatte ja auch einmal besser ausgesehen. Ihre schwarzen Haare hatte sie frisch gewaschen, nun kringelten sich die Locken um ihr rundes Gesicht. Birgit hatte ihre besten Sachen angezogen, aber hier wirkten sie schäbig und armselig. Seufzend trank sie einen großen Schluck aus dem schweren Kristallglas.

Portwein? Egal, sie begann sich schon besser zu fühlen. Wem ihre Kleider nicht passten, konnte gefälligst woandershin schauen! Wie sollte sie sich mit ihrer gelegentlichen Arbeit als Kassiererin auch was anderes leisten können! Als alleinstehende Frau. Malte zählte nicht! Birgit schnaubte und nahm noch einen großen Schluck.

Malte war nach Jahren plötzlich wieder aufgetaucht, gerade als es ihr wirklich schlecht ging. Birgit hatte gewusst, dass er ihr nicht helfen konnte, aber sie hatte sich an ihn geklammert, um nicht im Grauen zu ertrinken. Malte kam und ging, Birgit wollte gar nicht wissen, was er trieb. Hauptsache, er vergaß sie in seinem Nebel aus Drogen und Alkohol nicht völlig. Es gab sonst niemanden.

Niemand, der auch ohne Worte verstand, was mit ihr los war. Seine Pillen wollte Birgit nicht. Diese Dinger machten alles nur noch schlimmer und sie hatte wieder versucht, sich umzubringen.

Malte hatte sie gerettet. Er hatte ihre Handgelenke verbunden und das Blut weggewischt.

Natürlich hatte er dabei die ganze Zeit gekichert; ein schreckliches, gackerndes Kichern, das die meisten Leute sofort in den Wahnsinn trieb. Birgit war daran gewöhnt, und sie wusste, dass es eigentlich nichts zu bedeuten hatte. Malte kicherte immer. Er würde noch kichern, während man ihm in den Kopf schoss. Waren sie ein Paar? Nein, ja, vielleicht, nein, sowieso egal.

„NATALIA!!!! VERDAMMT NOCHMAL!“

„Iiiaaaaahhh“, Malte krümmte sich mit einem Lachanfall auf der Decke.

„Ganz der Alte, unser Boris!“, rief er und rang nach Luft. „Immer noch der Herr über alles Leben, und wehe den Ungehorsamen!“

Birgit fand, dass das kein Grund zur Heiterkeit war, ganz im Gegenteil. Hastig leerte sie ihr Glas und machte sich auf den Weg zum bestens bestückten Kühlschrank. Noch ein Gläschen konnte sicher nicht schaden.

Sie studierte die Namen auf den Etiketten der Flaschen. Birgit kannte keinen einzigen. In ihrem Supermarkt standen solche Tröpfchen jedenfalls nicht im Regal.

„Dasselbe nochmal“, murmelte sie schließlich und griff nach der angebrochenen Flasche.

„Was meinst du?“ Sie drehte sich zu Malte, der sich inzwischen beruhigt hatte und nur noch vor sich hin stierte.

„Was ist der Grund für diese verrückte Einladung? Boris lebt doch seit ... seit damals in einer völlig anderen Welt?“ Mit einer weit ausholenden Geste zeigte sie durch den Raum. „Was soll DAS???“

„Keine Ahnung“, grummelte Malte. Er richtete sich auf und ließ seine mageren Beine vom Bettrand hängen. „Ist doch scheißegal!“

„Nein, es ist nicht scheißegal!“ Birgit starrte ihn wütend an. „Was WILL er?“

Malte ließ nun auch noch die Schultern hängen. Mist, das hatte er sich auch schon gefragt, aber gleich wieder aufgehört damit. Wenn Boris rief, stellte man keine Fragen.

Wo zum Teufel war die kleine Schachtel mit den Sonnenblumen auf dem Deckel?

Er brauchte ganz dringend etwas Sonne!

Malte stand auf und wollte zu seiner zerknautschen Reisetasche gehen, aber Birgit versperrte ihm den Weg. Sie starrte in seine Augen, und wie sie da so dicht vor ihm stand, mit den noch feuchten Locken, erkannte er in ihr plötzlich wieder das junge Mädchen, das ihn vor zwanzig Jahren so zum Lachen gebracht hatte. Ein echtes, unbeschwertes Lachen, das tief aus dem Bauch kam und die Seele massierte.

„Glaubst du, es sind Gewissensbisse?“

Als sie das sagte, war der magische Moment vorbei. Vor ihm stand nur noch eine erschöpfte Supermarktkassiererin, deren Leben mit Anfang vierzig längst vorbei war.

Die Schachtel! Wo verdammt war denn diese Schachtel?

Er schob Birgit unsanft zur Seite. „Gewissensbisse? Wer von uns ist hier high? Denkst du, Gott hat Gewissensbisse?!“

Er bekam einen Hustenanfall und wankte Richtung Bad. Malte riss die Tür auf, er wollte nichts mehr sehen und hören und auf gar keinen Fall weiter mit Birgit diskutieren. Sich auf ein Gefecht einlassen, das schnurstracks und ohne Halt in die Hölle führen würde. Naja, besser gesagt noch eine Etage tiefer, denn in der Hölle war er ja schon.

Im Salon gab sich Pedro Mas alle Mühe, möglichst geräuschlos das Kaminfeuer zu entzünden. Der Kamin war riesig und man hätte darin sowohl einen Ochsen, wie auch einen unliebsamen Zeitgenossen grillen können. Pedro hätte sich im Moment für seinen neuen Chef entschieden, wenn man ihn gefragt hätte. Er mühte sich mit den Birkenscheiten ab. Dabei schielte er von Zeit zu Zeit über seine Schulter und musterte den rothaarigen Mann, der schlafend in einem mit Fell überzogenen Sessel lag. Der Mann atmete unruhig und kräuselte wütend die Stirn.

Wer weiß, was der gerade träumt, dachte Pedro. Egal, Hauptsache er wird nicht wach und brüllt in der Gegend herum, so wie Señor Windolf, der öfters aus heiterem Himmel einen Wutanfall bekam. Und das war dann wirklich gar nicht lustig. Nein gaaaaar nicht! No!

Endlich leckten hellrote Flammenzungen über die säuberlich aufgestapelten Holzscheite. Wie verwöhnte Kinder, die vorsichtig eine ihnen unbekannte Speise probieren.

„Bien?“, sagte Pedro, und im selben Moment zerbarst ein Scheit mit einem lauten Knall.

Pedro und der Mann im Sessel stießen den gleichen Schreckenslaut aus.

„Himmel“, sagte Carsten Sommer und fasste an sein Herz. Die Illustrierte auf seinen Knien war zu Boden gefallen. Er lächelte, als er Pedros entsetztes Gesicht sah.

„Volltreffer!“ Carsten grinste und zielte mit seinem Zeigefinger auf dessen Stirn.

Pedro lächelte verlegen. „Entschuldigen Sie.“ Hastig verschwand er aus dem Salon.

Carsten blickte ihm enttäuscht nach. Er hätte sich gerne ein wenig unterhalten, aber anscheinend hatte Boris auch hier seine Untertanen so unter der Fuchtel, dass sie sich schon aus dem Staub machten, noch bevor es irgendeinen Grund zu Beanstandungen gab.

Seufzend bückte er sich nach seiner Zeitschrift. Es war die neuste Herausgabe eines Computermagazins, dessen Chefredakteur er war. Verärgert betrachtete Carsten die Titelseite. Es gab heutzutage viele solcher Zeitschriften und die Umsatzzahlen befanden sich auf einer rasanten Talfahrt. Er musste etwas tun, denn lange konnte das so nicht weitergehen. Aber was? Carsten war intelligent und nach seinen wilden Jahren hatte er sich mit Anfang dreißig doch noch gefangen und Schritt für Schritt Karriere gemacht. Naja, Karriere war vielleicht etwas übertrieben, aber immer noch besser als das, was aus Malte geworden war.

Und nun? Carsten war eben fünfzig geworden, es blieb nicht mehr viel Zeit, die richtigen Weichen zu stellen! Aber welche? Er grübelte schon lange darüber nach, aber bis jetzt hatte er noch nicht einmal den Hauch einer Idee.

Das lag vor allem daran, dass er in der letzten Zeit einfach nicht mehr richtig bei der Sache war. Carsten schlief schlecht. Das heißt, er schlief andauernd. Falls man das überhaupt Schlaf nennen konnte, diesen Dämmerzustand, in den er oft auch zu den unpassendsten Gelegenheiten fiel.

Und dann kamen die Träume. Diese Albträume waren grauenvoll und endeten immer gleich.

Plötzlich stand er in Flammen, er konnte sich nicht mehr rühren und er konnte nicht schreien. Carsten musste wie gelähmt zusehen, wie Flammen über seinen Körper züngelten und seine Haut Blasen warf. Seltsamerweise war das Feuer kalt, doch die Schmerzen waren mörderisch. Und jedes Mal, kurz bevor er aus seinem Albtraum aufschreckte, stand dieser kleine Junge vor ihm.

Die Luft waberte durch die Hitze der Flammen. Das Gesicht des Jungen schien zu kochen und seine Augen, die Carsten hilfeflehend anstarrten, bohrten sich in sein Herz. Der Junge streckte beide Hände nach ihm aus und begann zu schreien. Seine Stimme überschlug sich vor Entsetzen und Schmerz und das brachte Carsten zu sich. Jedes Mal erwachte er mit dem Echo dieser gellenden Stimme in seinen Ohren. Es dauerte immer sehr lange, bis sie verstummte und das Brennen auf seiner Haut nachließ.

Diesmal hatte Carsten einfach nur so vor sich hingedöst, ohne zu träumen, bevor er von Pedro geweckt wurde. Eine himmlische Erfahrung! Entspannt lehnte er sich zurück in das weiche Fell. Carsten beobachtete die Flammen, die nun kräftig loderten und sich mit lautem Knistern durch das Holz fraßen.

Wirklich angenehm hier, das musste man Boris lassen. Zum ersten Mal seit Monaten lockerten sich seine Muskeln und Carsten fühlte sich nicht wie ein Stein. Wunderbar. Fasziniert verfolgte er den Flug der kleinen Glutstückchen und genoss den wundervollen Duft, den die brennenden Scheite verströmten.

Dann sah er den Jungen.

Das ist einfach nicht möglich!

Er richtete sich auf und blinzelte. Es war so! Der Junge stand mitten im Feuer und starrte ihn an.

Carsten begann zu schreien.

Pedro schloss die Türe zum Garten mit einem lauten Knall.

„Ayayaiii, heilige Muttergottes!“ Er stöhnte laut und drehte sich zu Catalina um.

Seine Frau stand in der chromglänzenden Küche und richtete die Platten für den Aperitif.

Catalina war wie er über sechzig, und in seinen Augen die schönste Frau der Welt. Schlank, etwas knochig vielleicht, aber er liebte jede Falte in ihrem herben Gesicht.

Noch zwei Jahre, dann hatten sie es geschafft, und die Plackerei wäre zu Ende. Dann bekämen sie Rente, könnten zurück in ihre Heimat und sich ein schönes Leben von ihrem sauer Ersparten machen. Nicht dass es ihnen hier nicht gefiel. Sie arbeiteten nun schon so lange gemeinsam in diesem Land und sie hätten nie ein solches Leben gehabt, wenn sie in ihrer Heimat geblieben wären.

Hier war alles teuer und es war kalt. Und diese Kälte begann sich mit dem Alter in den Knochen einzunisten und ließ sich kaum mehr vertreiben. Nein, nein, sie würden wieder zurückgehen.

„Wenn das so weitergeht, mein Herz, werden wir hier ein Jahr warten müssen, bevor man uns befreien kann“, sagte Pedro.

Catalina blickte prüfend über die großen, silbernen Tabletts vor ihr.

„Nun übertreib doch nicht immer so“, erwiderte sie geistesabwesend.

Hatte sie auch wirklich nichts vergessen? Windolf würde ihr das Tablett an den Kopf werfen, sollte etwas von diesen exquisiten Häppchen fehlen.

In der großen Küche wirkte Catalina wie ein Fremdkörper. Alles, was hier nicht aus Chrom, Silber oder Granit war, schien fehl am Platz. Dieser Raum war nicht dafür gemacht, mit Leben gefüllt zu werden. Selbst die Petersilie auf den Lebercrostinis schien vorzeitig zu welken.

„Ha! Ich übertreibe ganz und gar nicht!“, rief Pedro. „Spätestens morgen früh bekommen wir die Türen nicht mehr auf, wenn das so weiter schneit.“

Catalina wusste, dass er recht haben könnte. Schon am Morgen hatte sich der Schnee, der in den letzten Tagen unaufhörlich gefallen war, bis an ihre Brust getürmt. Pedro und Leon waren die ganze Zeit nur damit beschäftigt gewesen, mithilfe der großen Schneefräsen Platz zu schaffen. Es half nichts.

Die Schneemassen kletterten an den Mauern empor, wie die Rosenranken um Dornröschens Schloss. Würden sie hundert Jahre schlafen? Catalina schob das seltsame Bild vor ihren Augen energisch beiseite und ging in den Kühlraum.

Der ganze Raum war prall gefüllt mit den erlesensten Köstlichkeiten. Alles war vom Fünfsternehotel unten im Ort fertig vorbereitet angeliefert worden. Catalina hatte nichts weiter zu tun, als gewisse Dinge frisch zu braten oder aufzuwärmen. Ein Klacks und geradezu eine Beleidigung ihrer wirklich außergewöhnlichen Kochkünste!

Bitte, wenn die Herrschaften es so wollen! Catalina schnalzte verächtlich mit der Zunge.

Verhungern würden sie auf jeden Fall nicht. Sie blickte sich suchend um und ergriff schließlich eine weitere Silberplatte. Winzig kleine Pastetchen, die mit einem Bissen vertilgt werden konnten, lagen darauf. Catalina musste sie noch schnell warm machen, dann war alles bereit.

Jemand schlug ihm unsanft auf die Wange. Carsten riss die Augen auf und starrte verwirrt in Maltes grinsendes Gesicht.

„Mann, Mann, Mann!“, rief Malte lachend. „Was hast du denn eingeworfen?“

Carsten richtete sich benommen auf. Neben Malte, den er sofort erkannte, obwohl er einfach fürchterlich aussah, stand eine Frau. Sie sah ihn erschrocken an. Birgit? War das wirklich Birgit? Mein Gott!

„Hallo Carsten, geht’s wieder?“, fragte sie besorgt.

Diese Stimme. Es war tatsächlich Birgit.

„Hat die Party etwa ohne mich angefangen?“ Windolf betrat den Raum. Fröhlich und leutselig hatte er sich bei Natalia untergehakt. Neben ihm stand sein bester Freund Eddie.

Eddie, sein Blutsbruder, sein Knecht, und neben Windolf der gewissenloseste Mensch, dem Carsten jemals begegnet war. Er richtete sich auf. Nun waren sie also alle da. Alle standen um Carsten herum und starrten ihn an, als ob er irgendein Insekt wäre.

Willkommen!, dachte er und rappelte sich auf. Willkommen im Panoptikum des Schreckens!

Julia schenkte den Champagner ein und musste sich beeilen, die Gläser gleich wieder aufzufüllen. Es war, als wollten sie irgendetwas damit hinunterspülen.

Etwas Schlechtes.

Julia schaffte es kaum, mit den Silberplatten herumzugehen. Das war nicht weiter schlimm, denn fast alle drängten sich um die kleine Bar und bedienten sich selbst. Alle, außer Natalia.

Die junge Frau stand mit steinernem Gesicht vor dem Kaminfeuer und hatte die Schultern hochgezogen. Es sah aus, als würde sie trotz der Hitze im Raum frieren.

Kein Wunder, in diesem Nichts von Kleid! Julia war sich sicher, dass Windolf es ausgesucht hatte. Es war leuchtend Rot und lag wie eine Haut aus Seide um ihren perfekten Körper. Natalia balancierte auf Absätzen, die so hoch waren, dass Julia darin keinen einzigen Schritt hätte gehen können.

Eine fast greifbare Spannung erfüllte den Raum. Alle umarmten sich und plapperten durcheinander. Es war offensichtlich. Sie waren nervös und ganz sicher nicht freiwillig hier. Es musste einen wirklich schwerwiegenden Grund geben, dass diese Leute Windolfs Einladung gefolgt waren.

Malte starrte mit großen Augen auf einen knallgelben Plastikbären, den Kirstin auf der Bar platzierte. Es war ein kleiner Lautsprecher, aus dem es unaufhörlich brabbelte.

„Ein Babyfone?!“, rief er und die Augen fielen ihm fast aus dem Kopf. Verflucht, auch das noch!

Malte schielte zu Birgit, die immer noch an Carstens Seite stand wie eine aufdringliche Krankenschwester. Nun blickte sie überrascht zu ihm.

„Wenn du nichts dagegen hast“, sagte Kirstin verärgert. „Die Kleine schläft noch nicht und so kann ich hören, was los ist.“ Sie hielt Dieters Arm umklammert, der Malte böse anstarrte.

Malte hatte sich mit seinen Tabletten schon gut auf das Wiedersehen vorbereitet. Aber anscheinend nicht gut genug. Ein Baby! Der Raum begann sich zu drehen und er spürte, wie ihm der Schweiß den Rücken hinunterlief.

„Ein Baby?“ Birgit war zu ihnen gekommen. Ihr rundes Gesicht war blass. „Ich wusste nicht, dass ihr ein Kind habt!“

„Woher auch!“, knurrte Dieter. „Schließlich haben wir uns ja fast zwanzig Jahre nicht mehr gesehen.“

„Ihr habt es mitgebracht?“ Birgit schwankte.