Unverstanden und allein


Roman von Eva Maria Horn 

Frau Ziegler starrte ihre Tochter verständnislos an. »Tränen, Marianne? Das begreife, wer kann. Ich habe noch keinen Menschen kennengelernt, der geweint hat, wenn er den ersten Preis gewonnen hat.«

Marianne wischte zornig die Tränen fort. »Verstehst du das denn nicht, Mama? Ich will Geld verdienen, ich hoffte auf eine Stelle oder zum mindesten wollte ich den Geldbetrag gewinnen. Statt dessen habe ich einen Aufenthalt in einem Luxushotel gewonnen. Was soll ich denn da?«

Frau Zieglers ganze Liebe gehörte ihrer Tochter. Natürlich verstand sie Mariannes Ungeduld. Wie sehr glich Marianne doch ihrem verstorbenem Vater, der war ebenso ehrgeizig und zielbewußt gewesen.

»Das ist nun aber wirklich eine dumme Frage, meine Liebe. Was du in einem wunderschönen Hotel sollst? Dich erholen, natürlich, dich amüsieren, wie andere Mädchen es in deinem Alter auch tun.«

»Möchtest du mir sagen, wovon ich mich erholen soll?« Marianne verzog bitter ihren gut geschnittenen Mund. »Ich hänge seit zwei Monaten faul hier zu Hause herum und mäste mich von deinem Geld.«

Frau Ziegler lachte belustigt, dabei hätte sie ihre Tochter am liebsten in die Arme genommen und getröstet. Aber Mitleid war hier nicht am Platz.

»Wie eine gemästete Person siehst du leider nicht aus, du Dummes. Jetzt möchte ich dir einmal etwas sagen, Marianne, selbst auf die Gefahr hin, daß du deine Finger in die Ohren stopfst, wie du es früher getan hast, wenn ich dir eine Strafpredigt hielt.

Hast du nicht allen Grund, dankbar zu sein? Du hast dein Diplom als Auslandskorrespondentin in der Tasche. Du hast sogar mit Auszeichnung abgeschlossen. Der liebe Gott hat es sehr gut mit dir gemeint, du bist nicht nur bildhübsch, du bist auch gesund. Und als köstliches Bonbon gewinnst du auch noch den ersten Preis. Ist es nicht ein großes Glück, daß wir beide zusammen sind? Daß wir uns gut verstehen, daß wir miteinander lachen können? Ja, miteinander lachen ist sehr wichtig. Ist es nicht völlig egal, wer das Geld in die Haushaltskasse legt? Eines Tages wirst du viel mehr Geld verdienen, als ich in den letzten Jahren zur Verfügung hatte. Warum hast du nicht ein wenig Geduld, Marianne? Warum bist du nicht einfach nur dankbar und freust dich?«

»Das war wirklich eine lange Rede.« Marianne stand auf, beugte sich zu ihrer Mutter hinunter und küßte sie reuevoll auf die Wange.

»Natürlich hast du recht, Mama. Ich habe allen Grund, dankbar zu sein. Aber ich brenne so sehr darauf, endlich im Beruf zu sein. Außerdem habe ich dir schon viel zu lange auf der Tasche gelegen. Nein, jetzt mußt du mir einmal zuhören, jetzt spreche ich.

Seit einem halben Jahr schreibe ich Bewerbungen, ich bin schon damit angefangen, als ich noch längst nicht mein Examen hatte. Jeden Morgen renne ich zum Briefkasten, aber wenn ich schon Post habe, dann sind es nur Absagen.«

»Na und? Man hätte dir an der Uni nicht nur Sprachen in deinen Kopf pauken sollen, man hätte dir auch Geduld predigen müssen. Aber jetzt hör’ auf, dir selber leid zu tun. Ich finde es wunderbar, daß du Urlaub machen kannst. Zieh nicht solch ein Gesicht, als hättest du in eine Zitrone gebissen. Ich bin als junges Mädchen und später einige Male mit deinem Vater in Hotels abgestiegen, die eindrucksvolle vier Sterne auf ihrer Karte hatten. Jetzt kannst du diesen Luxus genießen, dich 14 Tage verwöhnen lassen. Oh, Marianne, ich freue mich so für dich.«

»Mama, du kannst wirklich sehr unvernünftig sein. Was soll ich denn in einem so vornehmen Kasten? Ich habe gar nicht die Garderobe dafür.«

Frau Ziegler unterbrach ihre Tochter lebhaft. Ihre braunen Augen funkelten entrüstet. »Na und? Du hast vielleicht nicht die Kleider, die sündhaft viel Geld kosten, aber du bringst deinen

Charme, deine Schönheit mit. Du hast es gar nicht nötig, dich mit Schmuck und elegantem Zeug zu behängen. Es ist ein Jammer, daß ich es dir sagen muß, das sollten junge Männer übernehmen. Du hast Ausstrahlung, du hast das gewisse Etwas, das auch Menschen mit viel Geld nicht kaufen können. Man hat sie, oder man hat diese Gabe nicht. So, und jetzt werden wir uns mit deiner Garderobe befassen. Ich kann zwar nicht gut laufen, aber meine Hände gehorchen mir noch immer. Mit ein wenig Geschick werden wir aus deinen Kleidern schon gute Garderobe zaubern. Wie steht es eigentlich mit deinem Skifahren?«

Sie war aufgestanden und strich unternehmungslustig die weißen Haare aus der Stirn.

»Ich habe seit Jahren nicht mehr auf den Brettern gestanden und habe ganz sicher nicht die Absicht, es zu tun. Meinst du, ich will mir die Hand verstauchen oder das Bein brechen?«

Frau Ziegler stemmte ihre Fäuste  in die Hüften, die kaum sichtbar waren, so schlank war sie.

»Wie komme ich nur an eine so depressive Tochter? Ich kenne dich überhaupt nicht wieder, Marianne.«

Das junge Mädchen hockte noch immer auf der Lehne des Biedermeiersessels.

»Mama, ich werde versuchen, aus dem Preis Geld zu machen, ich werde ihn verkaufen.«

»Das kannst du gar nicht«, Frau Ziegler krauste triumphierend ihre Nase. Marianne betrachtete ihre Mutter, und die Liebe krampfte ihr Herz zusammen, daß es schmerzte.

»Schwarz auf weiß steht es da, daß der Preis an deine Person gebunden und nicht übertragbar ist. So, jetzt komm, wir haben keine Zeit zu verschenken. In einer Woche um diese Zeit hast du dich schon so an das Luxusleben gewöhnt, daß du deine Augen nur noch auf reiche Männer gerichtet hast.«

»So etwas solltest du nicht einmal im Scherz sagen«, rügte sie ihre Mutter, »Männer interessieren mich überhaupt nicht, und reiche schon gar nicht. Ich will arbeiten, ich habe nicht studiert, um meine Zeit am Kochtopf zu verplempern. Mir kann jede Ehefrau nur leid tun, die ihre Tage mit Kindergeschrei verbringen muß, sie ertrinken ja in kleinlichem Kram, und abends müssen sie auch noch ihren Ehemann verwöhnen.«

Frau Ziegler lachte nur, schüttelte den Kopf und meinte amüsiert:

»Wenn dir der richtige Mann über den Weg läuft, mein Liebes, dann denkst du ganz anders. Ich jedenfalls bin gern Hausfrau und Mutter gewesen, und deinen Vater habe ich auch gern verwöhnt. Nein, jetzt reden wir nicht mehr, wir haben genug Unsinn gequatscht. Gehen wir zuerst an meinen Kleiderschrank, mal sehen, was wir aus meiner Garderobe für dich verwenden können.«



*



Sonja Zimmermann schlang zärtlich ihre Ärmchen um den Nacken ihres Vaters. Das kleine Mädchen war außer sich vor Glück.

»Papa, ich freue mich so. Ich freue mich ganz doll, ich glaube, ich platze vor lauter Freude.«

Leopold Zimmermann legte beide Hände um die Taille der Kleinen, hob sie hoch und hielt sie über seinem Kopf. Er lachte in ihr glückliches Gesicht hinein.

»Ich freue mich auch, Kerlchen, ich freue mich genauso doll wie du. Ich hatte in der letzten Zeit viel zu wenig Zeit für dich, mein Kleines. Aber du bist ja mein vernünftiges Mädchen, das genau weiß, wieviel Arbeit ich habe.«

Er stellte sie behutsam auf den Teppich zurück, strich zärtlich über die blonden Locken 

seiner Kleinen, die sich trotz 

vieler Mühe nicht bändigen ließen.

»Klar, weiß ich doch, Papi.« Die Kleine hielt die Hände ihres Vaters und hüpfte wie ein Gummiball. »Wenn Urgroßpapa euch die Fabrik nicht an den Hals gehängt hätte, wäre Großpapa Tierarzt geworden, weiß ich doch alles. Aber jetzt mußt du in dem ollen Fabrikgebäude sitzen und langweilige Maschinen pro-, ich weiß nicht mehr, wie das heißt. Aber du machst die Maschinen ja auch nicht selbst, du hast haufenweise Männer, die für dich arbeiten.«

Sie hielt mit ihrer Hopserei inne, legte den Kopf schief und krauste die hohe Kinderstirn.

»Sag’ mal, Papa, wie kommt das, daß die vielen Männer für dich arbeiten, aber sie wohnen längst nicht in einem so großen Haus wie wir? Der Karl sagt, das ist der Sohn von dem Mann, der immer den Hof fegt und einen Rappel kriegt, wenn wir auf dem Hof Rollschuh fahren, sie verdienen nicht mal so viel Geld, daß sie sich ein großes Auto kaufen können, und Häuser haben auch nur wenige. Aber sie tun doch die Arbeit, dann müßten sie doch viel mehr Geld haben als du.«

Er öffnete schon den Mund zu einer Antwort, aber mit einem verstohlenem Blick auf seine Uhr tippte er an Sonjas Nasenspitze.

»Zerbrich dir über diese Dinge, nicht dein hübsches Köpfchen, Sonja. Pack lieber deine Sachen,  aber daß du mir nicht deinen ganzen Puppenstall mitnimmst, unser Auto hat auch nur einen Kofferraum.«

Sie gluckste vor Lachen, sie mochte es, wenn ihr Vater so lustig war, die Aussicht, ihn 14 Tage ganz für sich allein zu haben, jede Nacht neben ihm im Bett zu schlafen, machte sie quirlig vor lauter Glück.

»Meine Puppen wohnen nicht in einem Stall, sie wohnen in meinem Zimmer. In einem Stall wohnt mein Kaninchen Charly. Außerdem haben wir doch auf dem Rücksitz Platz genug, wenn wir mit dem Kofferraum nicht auskommen. Du bist es doch, Papa, der immer so viel Klamotten mitschleppt.«

»Und wo willst du sitzen, Fräulein Naseweis?«

»Neben dir natürlich«, trumpfte sie auf und reckte sich zu ihrer ganzen Größe, aber leider reichte sie ihrem Vater nur bis zum mittleren Knopf seiner Tweedjacke. Sie wollte und wollte nicht wachsen, es war Sonjas großer Kummer, dabei hatte sie schon alles mögliche versucht.

»Das kommt gar nicht in Frage. Kleine Mädchen sitzen auf dem Rücksitz.«

Das kleine Gesichtchen verzog sich voll Trotz. Zu jeder anderen Zeit hätte er sich köstlich über sie amüsiert. Wenn seine kleine Tochter wütend war, wurde ihr Gesicht krebsrot. Die Augen, sonst von einem leuchtenden Blau wie ein Sommerhimmel, wurden schwarz, und die kecke Stupsnase reckte sich kriegerisch in den Himmel.

Sonja stampfte wütend mit dem Fuß auf, etwas, das ihr Vater nicht ausstehen konnte.

»Immer sagst du, ich bin noch zu klein. Das geht mir langsam auf den Wecker. Ich werde bald sechs Jahre. Das kannst du doch nicht vergessen haben.«

»Wie könnte ich. Wir haben ja erst vor einer Woche deinen Geburtstag gefeiert. Vor einer Woche also bist du fünf Jahre geworden, da ist es bis zu deinem nächsten Geburtstag noch ein weiter Weg. Du weißt doch, daß kleine Kinder nicht auf dem Beifahrersitz hocken dürfen. Das habe ich dir doch schon oft genug erzählt.«

»Ja, ja«, rief Sonja mürrisch. »Ich weiß Bescheid. Weil der Beifahrersitz gefährlich ist. Ich bin doch nicht blöde und vergesse alles.«

»Eine Ausdrucksweise hast du!« Er schüttelte den Kopf und fuhr mit allen zehn Fingern durch sein Haar, das leider an den Schläfen schon grau wurde. »Es wird wirklich höchste Zeit, daß sich jemand intensiv um dich kümmert.«

Sie lenkte ihn rasch von dem gefährlichen Thema ab. Bis vor einem halben Jahr hatte Sonja sich mit einem Kindermädchen herumärgern müssen. Ja, ein Kindermädchen! Kein Wunder, daß sie von ihren Freunden und Freundinnen gehänselt wurde. Aber schuld daran war Gott, das stand nun mal fest. Er hatte ihre Mutter sterben lassen. Was sollte denn ein Vater machen, der immer arbeiten mußte und keine Zeit hatte? Da kam eben das Kindermädchen, das soweit ja ganz nett gewesen war, aber eben früher, als sie noch kleiner war und ein Kindermädchen brauchte.

»Ich kümmere mich ganz gut allein um mich, Papa«, beruhigte sie ihn. »Außerdem ist ja auch Helene da, die kocht ja nicht den ganzen Tag, die kümmert sich mehr um mich, als ich haben will.«

Er mußte lachen, dabei war ihm gar nicht zum Lachen zumute. Er mußte seinem verwöhnten Töchterchen nämlich etwas beibringen, dabei fühlte er sich gar nicht wohl in seiner Haut.

»Du bist wirklich ein verwöhnter Fratz, Sonja. Hör einmal zu.« Er zog sie nahe an sich heran und stellte sie zwischen seine Knie. Er hatte auf ihrem Kindertisch Platz genommen, die Eisenbahn dabei achtlos zur Seite geschoben. Sonja sah es natürlich, aber sie sagte nichts, was ihr schwer genug fiel. Schließlich hatte sie sich endlos geplagt, vor den Schienen eine Stadt aufzubauen.

Dabei hätte sie ihren Vater wirklich gut gebrauchen können. Es war gar nicht leicht gewesen.

»Ist ja schon gut, Papa«, beruhigte sie ihn. »Setz’ ich mich eben hinten hin. Muß ich eben noch ein Jahr warten. Aber komm nur nicht auf die Idee, mich in den ollen Kindersitz zu stopfen.« Sie amüsierte sich offensichtlich über die Idee, ihre Augen funkelten vor Vergnügen, sie zog die Nase kraus, auf der ein Tintenfleck prangte. Die Zungespitze fuhr dabei über ihre Lippen. »Dann kommt eben meine Puppe Gerda auf den gefährlichen Sitz. Der passiert schon nichts, es gibt nämlich keinen Vater, der besser Auto fährt als du.«

»Kleine Schmeichelkatze.« Er hielt ihre Hände, umklammerte sie. Schmal und zerbrechlich fühlten sie sich an. Ein Strom von Zärtlichkeit für dieses kleine Geschöpf floß über sein Herz. Sie war für ihn das Kostbarste, das Wichtigste auf der Welt. Sie würde es auch dann noch sein, wenn aus Isabella Monstein Frau Zimmermann geworden war. Leopold hatte nicht für möglich gehalten, daß sich sein Herz noch einmal einer Frau zuwenden könnte. Er hatte geglaubt, daß es nach Margots Tod für ihn keine Liebe mehr gab. Arbeit und Verantwortung und die Fürsorge für seine Tochter würden sein Leben ausfüllen, damit hatte er sich abgefunden.

Ja, bis er Isabella traf. Es war, als hätte er einen Bazillus geschluckt, von einem Tag auf den anderen änderte sich sein Leben. Er liebte und wurde wiedergeliebt. Es war, als hätte ihm Isabella ein neues Leben eingehaucht.

Alles könnte wundervoll, vollkommen sein.

Aber da war dieses kleine, kapriziöse, verwöhnte Geschöpf, das Isabella deutlich ihre Ablehnung zeigte. Es war schrecklich, aber Sonja ließ sich weder durch Geschenke noch durch Aufmerksamkeit von ihrer Ablehnung abbringen. Sie mochte die Freundin ihres Vaters nicht. Basta.

Wieviel Mühe hatte Leopold sich schon gegeben, sein Töchterchen umzustimmen.

»Sie hat schreckliche Augen«, hatte Sonja ihm einmal weinend erklärt. »Hinter den Augen sitzt Böses, ganz bestimmt, Papa, du siehst es nur nicht.«

»Warum guckst du mich so an, Papa?« Sie atmete tief, wie immer, wenn sie ängstlich wurde. »Ich hab’ doch nichts gemacht.« Von der Vase, die sie am Morgen zerbrochen hatte, konnte er unmöglich wissen, Helene hatte doch versprochen, es ihm nicht zu sagen. »Ist mein Gesicht schon wieder dreckig? Ich hab’ mich heute morgen gründlich geduscht, das kannst du glauben. Aber eben hab’ ich mit Tinte geschrieben. Nicht richtig geschrieben, nur die Buchstaben aus meinem Bilderbuch habe ich gemalt.«

»Ich muß dir etwas sagen, Liebes. Ich will, daß du mir jetzt zuhörst. Du weißt, wie lieb ich dich habe.«

»Aber das weiß ich doch, Papa.« Sie zappelte an seinen Händen, sie spürte genau, daß etwas auf sie zukam, das ihr Glück wie eine Seifenblase platzen ließ. Sie wollte nichts hören.

»Ich sollte jetzt anfangen, meine Sachen zu packen, Papa. Ich will doch nicht, daß Helene alles machen muß. Die hat doch Arbeit genug.«