Impressum

eBook, November 2014

Erstausgabe

Copyright © 2014 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Raoul Neukomm

ISBN 978-3-905802-55-9

www.boderverlag.ch

Alle Fotos stammen aus dem Privatbesitz des Autors.

Der Abdruck des Gedichts Stufen von Hermann Hesse erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags Berlin.

Vorauswort

Der Karton

Im Nachlass meiner 1984 im Alter von neunzig Jahren verstorbenen Mutter befand sich ein Karton, in dem sie ihre persönlichen Aufzeichnungen aufbewahrt hatte.

Er enthielt:

1. Vier Pressspanhefte in verschiedenen Farben, jedes geschmückt mit einer aufgeklebten Kunstkarte. Es sind ihre Tagebücher, denen sie den programmatischen Titel Dankheft 1, 2,3, 4 gegeben hat. Sie enthalten Einträge von den Jahren 1943 bis 1977, wobei grosse zeitliche Lücken bestehen

2. Ein solides von Hand gebundenes Blankobuch im Format A5, auf dessen erster Seite sie als Titel Gedenkbuch geschrieben hatte, nebst der Notiz: von Daniel gebunden und geschenkt zu Weihnachten 1944.

In dieses Gedenkbuch hat sie drei Berichte über einschneidende Ereignisse ihres Lebens geschrieben:

Schreckenstage in Jassy, Juni 1941

Reise nach der Schweiz, Oktober 1942

Ruthis letzte Tage, Februar 1945

3. Ein schön gebundenes und verziertes Album mit Abschiedsbriefen, Gedichten, Zeichnungen und Fotos, welches jüdische Jugendliche aus Frankreich, Belgien, Deutschland und Polen, die zwischen 1942 und 1945 im Flüchtlingsheim „Waldeck“ Schutz vor den Nazis fanden, für ihre Maman Lyd gestaltet hatten. In diesem Heim wirkte Lydia Spoerri in den Jahren 1943 bis 1945 als Lehrerin und Hausmutter.

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Es ist das Ziel des vorliegenden Buches, auf Grund von Lydia Spoerris Tagebüchern ein Bild ihres Lebens nachzuzeich-
nen.

Mir ist dabei bewusst, wie delikat es ist, die Tagebuchnotizen der eigenen Mutter zu lesen und zu kommentieren. Denn viele Ereignisse, die ich selber miterlebt habe, sehe und empfinde ich ganz anders als sie sie erlebt hatte.

Dazu kommt, dass sie ihr Tagebuch bewusst unter den Aspekt des Dankens stellt. Sie folgt dabei einem Programm, das sie sich selber gesetzt hat: In jeder Lebenslage, sei sie noch so schwierig, will ich einen Grund finden, für den ich Gott nicht nur danken darf, sondern danken muss.

Dieses zwanghafte Programm weckt in mir immer wieder Ärger und Unmut, die ich nicht verhehlen kann und will.

Lydia Spoerri hat ein aussergewöhnlich schweres Schicksal bewältigen müssen und ist daran nicht zerbrochen. Wahrscheinlich hat ihr dabei das „Programm des Dankens“ als Überlebensstrategie geholfen.

Bei allem kritischen Vorbehalt, der sich in mir dagegen regt, verspüre ich jedoch einen hohen Respekt davor, wie sie ihr Leben gemeistert hat.

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Nach dem ersten Durchlesen

Beim Abschreiben und teilweise Übersetzen ihrer Dankhefte und des Gedenkbuches habe ich widersprüchliche Gefühle empfunden.

Auf der einen Seite – dies vor allem zu Beginn der Arbeit – empfand ich noch grosse Bewunderung, dass es meiner Mutter, nach der brutalen Ermordung ihres Mannes gelungen war, mitten in der Kriegszeit in Rumänien, in einer plötzlich feindselig gewordenen Umwelt, mit sechs kleinen Kindern ihre Existenz behaupten zu können.

Ich empfand ebenso Bewunderung für diese Frau, welche nach der fluchtartigen „Heimkehr“ aus Rumänien mit sechs Kindern in die „heimatliche“ Schweiz, ihr Leben von Grund auf neu hatte organisieren und meistern müssen.

Sie musste ihre Kinderschar an sechs verschiedenen Pflegeorten bei gutmeinenden verwandten und bei fremden Menschen unterbringen und konnte die Verbindung zu ihnen nur durch sporadische Besuche oder durch Briefkontakte aufrechterhalten.

Sie selber musste unter äusserst prekären Verhältnissen jahrelang buchstäblich von der Hand in den Mund leben und sieben Jahre lang ohne ständigen Wohnsitz von einem Provisorium zum nächsten Provisorium ziehen, bis sie schliesslich 1949 als Lehrerin in einem abgelegenen Dorf des Kantons Bern erstmals eine feste Bleibe und ein gesichertes Einkommen fand.

Auf der andern Seite erwachten in mir, je länger ich mich mit ihren Schriften befasste, Gefühle des Unmutes und des Ärgers über die demutsvolle Frömmigkeit, mit welcher sie ihre oft verzweifelte Lebenssituation dennoch als von „Gottes Liebe“ getragene Fügung annahm. Sie hat kein einziges Mal aufgemuckt oder sich gar gegen diesen „lieben“ Gott aufgelehnt. Der heftigste Protest, zu dem sie sich hinreissen liess, waren seltene Bemerkungen wie … da fällt es mir nicht leicht, an Gottes Liebe festzuhalten …, um aber gleich zu beteuern, Gott weiss es besser als wir kurzsichtigen Menschenkinder.

Je intensiver ich mich mit ihren persönlichen Schriften befasste, desto schwerer fiel es mir, mich ihnen unbefangen zu nähern. Denn plötzlich wurde mir klar, dass sie ihre Tagebücher nach dem „Programm des Dankens“ stilisiert und vieles weggelassen hatte, was nicht in dieses Schema passte.

Dieses „Programm“ zeigt sich bereits in der Wahl des Titels Dankheft. Indem sie sich für diesen Namen entscheidet, will sie sich gewissermassen zwingen, den Fokus ihrer Einträge nicht auf das Negative zu lenken, sondern auf das Gute, welches ihr selbst in den schlimmsten Widrigkeiten widerfährt und für welches sie Gott danken muss. Es gilt der Imperativ: In allem, was du erlebst und erleidest, musst du Gottes gnädige Führung erkennen und musst ihm dafür danken. Ihre Tagebücher werden somit Zeugnisse eines vom „Zwang zum Danken“ bestimmten Lebens.

Deshalb kann selbst das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann – die Entführung und Ermordung des geliebten Lebenspartners und Vaters ihrer Kinder; der frühe Tod eines Töchterchens nach der geglückten Flucht in die Schweiz; der Selbstmord eines hochbegabten, jugendlichen Sohnes – für sie ein Anlass zum Danken werden.

Meine Mutter war somit das genaue Gegenbild zur biblischen Hiobsgestalt, der sich gegen Gott auflehnt und von ihm Rechenschaft für sein unbegreifliches Tun fordert.

Das heisst, sie entsprach vielmehr dem idealisierten Bild des frommen Dulders Hiob, der nach all den grausamen Schicksalsschlägen, die er erleiden musste, dennoch sagen konnte: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt. (Hiob 1, 21)

Diese Beobachtung hat meinen Widerspruch und Ärger, ja zeitweise sogar Zorn geweckt. Ich fragte mich, weshalb sich meine Mutter diesem „Imperativ des Dankens“ gebeugt hatte.

War es vielleicht so, dass sie sich durch das Programm des Danken-Müssens vor dem Versinken in Depression und Verzweiflung bewahrt hatte; dass sie durch diese Überlebensstrategie die Verpflichtung hatte erfüllen können, sich selber und ihre sechs Kinder trotz der prekären Umstände am Leben zu erhalten? Ein „Optimismus des Dankens“ als Heilmittel gegen Verzweiflung und Depression?

Ich habe bei meiner Beschäftigung mit den Schriften meiner Mutter ein Wechselbad von Empfindungen erlebt. Vielleicht standen meine Gefühle von Widerspruch, Ärger und Zorn, die in mir wegen des zwanghaften Dankens meiner Mutter hochkamen, stellvertretend für deren nicht gelebte Auflehnung und Wut gegenüber einem lieben Gott, der ihr ein solch unbegreiflich hartes Schicksal zumutete.

Ich habe ihre Dankhefte gelesen, transkribiert und teilweise aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Am Anfang habe ich meine Mutter für ihre Durchhaltekraft bewundert; aber mit der Zeit habe ich mich über sie oftmals heftig geärgert.

Und jetzt?

Jetzt überwiegt ein Gefühl, das ich als Respekt bezeichne. Ich bewundere sie nicht mehr. Ich anerkenne aber, dass sie eine aussergewöhnliche Leistung erbracht hat, hat erbringen müssen, um sich und ihre sechs Kinder durchzubringen – vor allem in den Jahren 1941 bis 1949.

Das Programm des Danken-Müssens hat es ihr ermöglicht, die beinahe übermenschliche Belastung auszuhalten und darunter nicht zusammenzubrechen. Es war ihr Weg, ihre Strategie. Andere Menschen in einer ähnlichen Situation hätten wohl einen anderen Weg, eine andere Strategie gewählt

Ihr gebührt mein hoher Respekt – nicht aber meine Bewunderung!

Was vorher geschah

Lydia Bertha Spoerri / Lydia Feinstein: 1894 bis 1941

Lydia Bertha Spoerri kam am 10. März 1894 als das vierte von sieben Kindern des Ehepaars Gotthold und Eugénie Spoerri-Thiele zur Welt. Ihre sechs Geschwister hiessen: Jeanne, Théophile, Clarisse, Paul, Dora und Willi. Ihr Vater war Prediger in der Methodistischen Kirche und stammte aus Uster im Zürcher Oberland. Die Mutter kam aus der Industriestadt Le Locle im Neuenburger Jura, wo ihr Vater eine Uhrenmanufaktur betrieb. Eugénie war eine begabte Pianistin und strebte eine Karriere als Künstlerin an. Als Methodistenprediger wurde Gotthold oft versetzt und mit ihm seine rasch wachsende Familie. Lydia verlebte ihre Kinder- und Jugendjahre in Lausanne, St. Gallen, Neuchâtel und Bern. In der Familie wurde mit der Mutter Französisch und mit dem Vater Deutsch gesprochen. In Bern besuchte Lydia das evangelische Lehrerinnenseminar. Nach ihrer Diplomierung im Jahr 1914 versah sie an verschiedenen Orten Stellvertretungen. Sie wollte sich jedoch nirgends fest binden, weil sie – angeregt durch einen Artikel in einer Missionszeitschrift – den festen Wunsch verspürte, als Lehrerin an der jüdisch-christlichen Schule der Englischen Judenmission in Bukarest zu unterrichten.

Im Herbst 1915 fuhr sie zusammen mit zwei unternehmungslustigen Freundinnen nach Bukarest, und alle drei begannen ihre Arbeit an dieser Schule. Als jedoch im Sommer 1916 Rumänien in den Krieg eintrat – der später der „Erste Weltkrieg“ heissen sollte – musste die Schule geschlossen werden, und alle ausländischen Lehrkräfte wurden in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt. Auch Lydia war gezwungen in die Schweiz zurückkehren; aber sie hatte ihr Herz an Rumänien verloren und war fest entschlossen, die Arbeit fortzusetzen, sobald es die Umstände erlauben würden.

Weil in ganz Europa Krieg herrschte, musste Lydia ihren Freiheitsdurst zügeln und konnte nicht ins Ausland reisen, um dort Arbeit zu suchen. Deshalb übernahm sie in einem Kindersanatorium in Arosa, wo lungenkranke Buben und Mädchen aus vielen Ländern Heilung suchten, die Stelle als Hauslehrerin.

Sobald der Krieg zu Ende war, zog es sie nach England, um die Sprache gründlich zu erlernen: zuerst als Erzieherin eines kleinen Mädchens in einer neureichen Familie und später als „Nurse in apprenticeship“ (= Krankenschwester in Ausbildung) in einem Londoner Spital. Aber, noch bevor sie die Ausbildung beenden konnte, erreichte sie der dringende Ruf aus Bukarest, ihre Arbeit als Lehrerin an der jüdisch-christlichen Schule wieder aufzunehmen.

Von 1922 bis 1927 wirkte sie an dieser Schule und nahm regelmässig an den sonntäglichen „Versammlungen“ der jüdisch-christlichen Missionsgemeinde teil, wo sie als „Organistin“ das Harmonium spielte. Hier begegnete sie dem Mitglied Isak Feinstein. Die beiden fanden aneinander Gefallen. Allerdings wies Lydia zwei Heiratsanträge Isaks mit der Begründung ab, sie sei erstens zehn Jahre älter als er und werde zweitens über kurz oder lang in ihre Heimat zurückkehren. Als er ein drittes Mal um ihre Hand anhielt, erkannte sie darin einen göttlichen Auftrag und willigte ein.


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In den Jahren 1928 und 1929 studierten sie beide im Auftrag der „Norske Israelsmisjon“ (= Norwegische Israelsmission) an Bibelschulen in Warschau und Leipzig.

Anfang 1930 übernahm Isak als frischgebackener Prediger die verwaiste jüdisch-christliche Missionsgemeinde in der Stadt Galatz am Unterlauf der Donau.

Hier brachte Lydia in kurzen Abständen ihre vier ersten Kinder zur Welt: Daniel (1930), Miriam (1931), Ruth (1933) und Benjamin (1935). Nach der Übersiedlung in die Stadt Jassy in der Moldau im Norden Rumäniens wurden noch Gabriela (1938) und Theophil (1939) geboren.

Unterdessen hatte Adolf Hitler den rassisch begründeten Antisemitismus zur offiziellen deutschen Staatsideologie erklärt und begann, diese mit militärischen Mitteln in ganz Europa durchzusetzen. Am 1. September 1939 löste er mit dem Überfall auf Polen den „Zweiten Weltkrieg“ aus, in den knapp zwei Jahre später Rumänien als Hitlers Verbündeter eintreten würde.

Auch die Familie Feinstein geriet in den Strudel der Kriegsgräuel. Isak Feinstein wurde dabei als Jude beim grossen Pogrom in der Stadt Jassy von Mitgliedern der rumänischen faschistischen Bewegung „Garda de fier“ (= Eiserne Garde) ermordet.

Seine Witwe Lydia Feinstein wird ein Jahr darauf mit ihren sechs Kindern das geliebte Land Rumänien fluchtartig verlassen, weil es ihr zum Feindesland geworden ist.

Isak Feinstein: 1904 bis 1941

Isak Feinstein kam 1904 im Städtchen Dorohoi in der rumänischen Nordmoldau zur Welt. Seine Eltern waren einige Jahre zuvor aus Galizien, das damals noch zur österreichischen Doppelmonarchie gehörte, ins neu gegründete Königreich Rumänien übersiedelt. In seiner Familie wurde der kleine Isak dem Chazens Einikel genannt, was „Enkel des Chazan“ (= Synagogensänger) bedeutet. Demnach musste einer seiner Grossväter Vorsänger in der Synagoge gewesen sein. Später zogen seine Eltern mit ihren zwei Kindern nach Bukarest um. Sein Vater war Kaufmann. Die traditionelle jüdische Religion scheint in der Familie keine grosse Rolle mehr gespielt zu haben. In der Familie wurde Deutsch gesprochen, manchmal auch noch Jiddisch; in der Öffentlichkeit Rumänisch. Der aufgeweckte Isak besuchte ein staatliches rumänisches Gymnasium. Dadurch entfremdete er sich immer mehr der jüdischen Lebensweise, in welcher er noch aufgewachsen war und geriet in eine tiefe Identitätskrise.

In dieser Situation lernte er den um einige Jahre älteren Moische Richter kennen, mit dem er sich anfreundete. Dieser hatte sich vom traditionellen Juden zu einem für Christus „brennenden“ Jesusanhänger gewandelt und sich taufen lassen. Richter lud den jungen, suchenden Juden Isak Feinstein ein, mit ihm zusammen in der Bibel nach der Wahrheit zu forschen. Beim gemeinsamen Bibelstudium erlebte auch er eine „innere Revolution“, die ihn zur Überzeugung führte, dass Jesus Christus der von den alttestamentlichen Propheten verheissene Messias sei. Auch Isak liess sich taufen und schloss sich der jüdisch-christlichen Gemeinde von Bukarest an, welche von der englischen Judenmission in Rumänien getragen wurde. An der Schule dieser Mission wirkte als Lehrerin die Schweizerin Lydia Bertha Spoerri. Die beiden begegneten sich, verliebten sich und heirateten. Die „Norske Israelsmisjion“ (= Norwegische Judenmission), welche ebenfalls in Rumänien arbeitete, wurde auf das Paar aufmerksam und schickte es für zwei Jahre zur missionarischen Ausbildung nach Warschau und Leipzig.


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Von 1930 an wirkten Isak und Lydia Bertha Feinstein als Judenmissionare in der Stadt Galatz, wo ihre vier ersten Kinder zur Welt kamen. 1938 wurden sie nach Jassy versetzt und bauten hier eine Gemeinde von christusgläubigen Juden auf. Inzwischen hatten Lydia und Isak sechs Kinder zwischen zwölf und zwei Jahren.

Die Stadt Jassy zählte damals über 100‘000 Einwohner, von denen etwa die Hälfte der mosaischen Religion angehörten.

Jassy, 29. Juni 1941

Das Land Rumänien wird vom Conducator (= Führer) General Ion Antonescu diktatorisch regiert. Rumänien ist mit Hitlerdeutschland verbündet, und das Land dient der deutschen Wehrmacht als Aufmarschgebiet für den geplanten Angriff auf die Südwestflanke der Sowjetunion.

Am 22. Juni erklären Deutschland und Rumänien der Sowjetunion den Krieg, und der Angriff auf die Ukraine beginnt. Als Reaktion bombardiert die Rote Armee die Industrieanlagen der grenznahen Stadt Jassy. Die faschistische, paramilitärische Organisation „Eiserne Garde“ streut das Gerücht, die Juden würden mit den Sowjets kollaborieren und stacheln damit den latenten Antisemitismus zum offenen Volkszorn gegen die jüdische Bevölkerung der Stadt Jassy an. Am 29. Juni kommt es zu einem grossen Pogrom, in dessen Verlauf willkürlich 13‘000 jüdische Menschen – vor allem Männer – aus ihren Häusern oder von der Strasse weg deportiert und später umgebracht werden. Auch Isak Feinstein wird vor den Augen seiner Frau verschleppt und später getötet. Erst drei Monate danach bekommt sie die zuverlässige Nachricht über den Tod ihres Mannes. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof der kleinen Stadt Podu Iloaiei, vierzig Kilometer von Jassy entfernt, zusammen mit etwa 1‘200 andern Männern in riesigen Massengräbern verscharrt. Sie alle waren in so genannten „Todeszügen“ erstickt worden.

Lydia hat nie das Bedürfnis empfunden, den Ort zu besuchen.

***

Zu Weihnachten 1944 schenkt Daniel, Lydias ältester Sohn, seiner Mutter ein von ihm selbst gebundenes Buch mit leeren Seiten im Format A5. Sie nennt es Gedenkbuch und wird es dazu benützen, um darin Berichte über einschneidende Ereignisse ihres Lebens zu notieren.

In dieses Gedenkbuch hat sie – drei Jahre nach dem schrecklichen Geschehen – den Bericht mit dem Titel: Schreckenstage in Jassy, 1941 hineingeschrieben.

Allerdings existiert davon eine undatierte Fassung, die auf zusammengehefteten Blättern eines Schulheftes notiert ist. Vermutlich ist dies die früher entstandene Vorlage für den Text, den Lydia später wortwörtlich ins Gedenkbuch übertragen hat.

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Lydia Spoerri hat Ende März 1943 begonnen, in ihr erstes Dankheft zu schreiben. Als sie den Bericht Schreckenstage verfasste – frühestens zu Beginn des Jahres 1945 – hatte sie also das „Dank-Programm“, welches sie im ersten Eintrag ihres Tagebuches erläutert, innerlich bereits installiert.

Nur so kann ich verstehen, dass es ihr möglich ist, den Bericht über die Horrorereignisse des 29. Juni 1941 mit den Worten abzuschliessen:

So hat der Tod eures geliebten Vaters eure Rettung ermöglicht. Es war immer sein Wunsch gewesen, euch in der Schweiz in Sicherheit zu bringen. Oh möchtet ihr dieses kostbare Leben und Opfer nie vergessen. Hinterher müssen wir erkennen, dass Gottes Wege, die so unfasslich sind, doch Liebe und Gnade bedeuten. In der Ewigkeit erst werden wir erfahren, wie viel Frucht und Segen aus dieser Tränensaat erstehen durfte.

Ankunft in der Schweiz: 5. Oktober 1942

Am Abend des 5. Oktobers 1942 steigt die siebenköpfige Feinsteinfamilie auf dem Bahnhof von Lausanne aus dem Zug. Fünf Tage und vier Nächte waren sie in rumänischen, ungarischen, kroatischen, italienischen und schweizerischen Eisenbahnwagen von Jassy bis zu ihrem vorläufigen Zielort Lausanne unterwegs gewesen. Eine Nacht hatten sie sich in einem Schlafwagencoupé richtig ausstrecken können, die vier andern Nächte mussten sie halb sitzend, halb liegend im Eisenbahnabteil ausharren. Jetzt waren sie erschöpft, hungrig, dreckig und rochen schlecht. Am meisten erschöpft war wohl die Mutter. Denn sie hatte in den vier Reisenächten nur wenige Stunden unruhigen Schlaf gefunden, weil sie über ihre Kinderschar wachen musste. Die vier grösseren Kinder – Daniel (12), Miriam (11), Ruthi (9), Benjamin (7) – trugen Rucksäcke mit ihren Habseligkeiten, während die zwei kleinsten, die vierjährige Gabriela ihre Lieblingspuppe und der dreijährige Theophil sein Kuscheltier im Arm hielten.

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Lydia Spoerri hat etwa drei Jahre später in ihrem Gedenkbuch unter dem Titel Reise nach der Schweiz aus Rumänien, Oktober 1942, einen Bericht über diese abenteuerliche Fahrt verfasst. Auch in diesem Bericht überwiegt der Ton grosser Dankbarkeit:

In jener ersten Nacht im Zuge hatte ich so Vieles zu denken. Auch Gott zu danken, dass es endlich wahr geworden war und wir unterwegs waren, fort aus dieser grauenvollen Stadt, die so viel Mord und Verbrechen auf sich geladen hatte.

Die Reise selber verlief nicht ohne Probleme. Wegen des Krieges waren die Zugverbindungen äusserst unsicher; manche Züge erlitten grosse Verspätungen oder konnten überhaupt nicht verkehren.

So war in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens, der einzige Zug des Tages bereits abgefahren, mit welchem die Feinsteinfamilie über eine Nebenlinie das von den Deutschen besetzte Gebiet hätte umfahren müssen, weil sie kein deutsches Durchreisevisum bekommen hatte. In ihrer Not riskierte die Mutter – im festen Vertrauen, Gott werde ihnen beistehen – ohne Visum den Zug zu besteigen, der durch das deutsch-besetzte Gebiet fuhr. Sie wurde nicht enttäuscht: Der anfangs grimmige deutsche Grenzbeamte liess sich von der verängstigt dreinblickenden Schar „jüdischer“ Kinder und ihrer naiv erscheinenden Mutter erweichen und knallte den Ein- und Ausreisestempel auch ohne Visum in den Pass.

Noch nie habe ich so selig und dankbar zum Fenster hinausgeschaut, notiert Lydia Feinstein in ihrem Reisebericht.

Vermutlich hat meine Mutter ihren Kindern die Schweiz als ein wahres Paradies des Friedens und der Freundlichkeit geschildert, welches sie alle mit offenen Armen empfangen werde. Sie wurden aber eines Bessern belehrt. Denn auch die Schweizer Grenzbeamten in Brig waren anfangs überhaupt nicht bereit, diese siebenköpfige „jüdische“ Familie ins abgeschottete helvetische Paradies einreisen zu lassen. Erst nach telefonischer Rücksprache mit der Fremdenpolizei in Bern drückten sie der Mutter den erlösenden Einreisestempel in den Pass. Später schrieb sie in ihrem Bericht:

Nun fuhren wir durchs Wallis, im schönsten Abendglanz mit rotglühenden Bergen ringsum; unaussprechliche Freude im Herzen, einem neuen Leben zu.

Ich weiss nicht mit Sicherheit, wer am Bahnhof in Lausanne die Feinsteinfamilie in Empfang genommen hat. Ich vermute, dass Mamas über achtzig Jahre zählende Mutter Eugénie Spoerri und deren älteste Tochter Jeanne dastanden. Grand-maman Eugénie, die Witwe des ehemaligen Methodistenpfarrers und späteren Direktors der diakonischen Werke dieser Kirche, verbrachte ihren Lebensabend im Altersheim „Béthanie“ an der Avenue de la Valombreuse in Lausanne. Bestimmt war auch Schwester Martha, die Hausmutter der „Béthanie“, Teil des Empfangskomitees. Tante Jeanne, auch sie Diakonisse der Bethaniengemeinschaft, war Leiterin einer Pension für junge Mädchen und Frauen an der Avenue Davel, welche ebenfalls der Methodistischen Kirche gehört. Später wird sie nach Genf versetzt, wo sie ein ähnliches Haus führen wird.

Der Rat der Spoerrigeschwister hatte beschlossen, ihre Schwester Lydia solle nach der Einreise in die Schweiz im Haus „Béthanie“ eine provisorische Bleibe bekommen. Von da aus sollten die sechs Kinder so schnell als möglich in die verschiedenen Pflegefamilien verteilt werden, damit sie eingeschult und in ihrer neuen Heimat Wurzeln schlagen könnten. Von Lausanne aus sollte die Mutter Arbeit suchen und ihr und der Kinder zukünftiges Leben organisieren.

Da vom 5. Oktober 1942 bis zum 28. März 1943 – wenn Lydia Feinstein ihr erstes Dankheft beginnen wird – jegliches schriftliche Dokument fehlt, bin ich auf Vermutungen angewiesen.

Ich nehme an, dass sich bereits nach wenigen Ruhetagen in Lausanne die drei älteren Kinder von ihrer Mama und den kleinen Geschwistern haben verabschieden müssen, weil sie von ihren Pflegeeltern abgeholt wurden. Ich stelle mir vor, dass bei allen bittere Tränen flossen. Andrerseits waren die Kinder bestimmt auch neugierig auf all das Unbekannte, Neue, das auf sie wartete. Es sollte ja auch nicht eine Trennung für lange Zeit werden. Die Mutter rechnete fest damit, sie könne binnen Kurzem eine Arbeit finden; am liebsten als Lehrerin in einem Dorf, und dann ihre Kinder wieder um sich scharen.

Daniel kam nach Zürich ins Haus von Mamas ältestem Bruder Théophile und seiner Frau Hélène mit ihren zwei Töchtern und einem Sohn, die jedoch alle bereits ausgeflogen waren.

Miriam wurde von Mamas jüngstem Bruder Willi und seiner Frau Mizzi in Solothurn aufgenommen, welche Zwillinge, ein Mädchen und einen Buben, hatten.

Ruthi fand bei der jüngsten Schwester Dorli, ihrem Mann Hans und den drei Töchtern in Oberhofen am Thunersee Unterschlupf.

Die zweitjüngste kleine Gabi, die am „Downsyndrom“ litt, wurde von einer wohlwollenden Dame, welcher Mamas schwierige Situation zu Herzen ging, spontan in Pflege genommen.

In den ersten Tagen sollten die beiden Buben Beni und Phili bei ihrer Mama im Haus „Béthanie“ bleiben dürfen. Nach kurzer Zeit lernte Lydia jedoch die Familie Schütz kennen, die sich spontan anerbot, Beni und Phili zu sich und ihren beiden Töchterchen zu nehmen, damit sich Lydia ganz der administrativen Regelung ihres Status und der Arbeitssuche widmen könne.

Das war auch bitter nötig, denn sie war völlig mittellos und auf die Unterstützung durch ihre Geschwister und andere wohlwollende Menschen angewiesen.

So schien nach kurzer Zeit alles für ein Provisorium geregelt zu sein. Aber bald kamen die ersten Schwierigkeiten.