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Steinzeitsaga – Dunkle Höhlengeheimnisse

Von Franz Sales Sklenitzka ebenfalls im G&G Verlag als E-Book erschienen:

1. digitale Auflage, 2014

www.ggverlag.at

ISBN E-Book 978-3-7074-1716-6

In der aktuell gültigen Rechtschreibung.

Illustrationen: Franz Sales Sklenitzka

©2014 G&G Verlagsgesellschaft mbH, Wien

Inhalt

Unterwegs

Schlag auf Schlag

Schritte von flinken Füßen

Knochenmark macht groß und stark

Neues Jahr, neues Jagdglück?

Zauberpilz und Eierspeise

Wer kann, der kann

Ubu auf Abwegen

Möchtegern-Jäger

Der große Regen

Menek

Steinzeitliebe

Festtage im Breitnasendorf

Der Wisent

Spitznasen? Spitznasen!

Es darf gelacht werden

Personen der Handlung

Die Fuchshaarigen

Mena, zehn oder elf Sommer alt. Haarfarbe: rot. Lieblingsessen: Geröstete Leber, gebratener Pfeilfisch, geschmorte Spießrutenpilze, Enteneier. Lacht gern. Sammelt (fast) alles: Tierknochen, Vogelfedern, Schneckenhäuser, Brennholz und vieles mehr.

Fe, Menas Mutter. Haarfarbe: rot. Lieblingsessen: Wurzelgemüse. Lacht gern.

Grimm oder der Große Jäger, Menas Vater. Haarfarbe: rot.

Lieblingsessen: Wild. Nimmt es mit jedem Bären auf (nicht immer zu seinem Vorteil). Lacht kaum. Hält Lachen für schädlich und überflüssig.

Hink Steinschläger, Bruder von Fe, Experte für Stein & Bein, Herstellung von Pfeil- und Speerspitzen, Werkzeugen, Knochenflöten und Schmuck. Haarfarbe: rot. Lacht gern.

Die Breitnasen

Nenek, ein Junge aus dem Dorf am Fluss, in Menas Alter.

Haarfarbe: schwarz. Lieblingsessen: alles. Sein Lachen ist ansteckend.

Ubu, Neneks Großvater und uralter Häuptling der Breitnasen, oder, wie sie sich selber nennen, der Schilfhüttenleute. Ubu ist Anführer, Zauberer und Medizinmann in einem. Haarfarbe: weiß. Lieblingsessen: Fisch. Hält Lachen für ungesund und würde es am liebsten verbieten.

Skipp, Enkeltochter von Ubu, ältere Schwester von Nenek. Die Hübscheste im Dorf der Breitnasen. Haarfarbe: schwarz. Lacht gern.

Unterwegs

Mena ist müde, hungrig und durstig. Die Zunge klebt ihr am Gaumen, das Fell am Körper, und ihr Magen knurrt wie ein gereizter Wolf. Es ist nicht leicht Schritt zu halten mit den Eltern. Für Hink, Menas Onkel, ist der lange Marsch noch anstrengender als für das Mädchen. Er hinkt und zieht das rechte Bein nach. Zu viert durchqueren sie, schwer beladen, im Dunst des Spätnachmittags den Auwald – das Gebiet der Breitnasen ist erreicht. Ein Trampelpfad schlängelt sich am Flussufer durch das mannshohe Gras. Anscheinend wird er von Menschen und Tieren häufig benützt: Huf- und Krallenspuren zeichnen sich ab, Abdrücke von Pfoten und Sohlen sind zu sehen und haben Halme und Blätter in den Boden gedrückt. Der Pfad weicht jedem Wasserloch aus, jedem umgestürzten Baum, doch die kleine Gruppe kommt kaum voran. Die vier, die mit Sack und Pack unterwegs sind, gehören zum Stamm der Fuchshaarigen; es ist nicht zu verkennen. Das Kind, die Frau und die beiden Männer, alle haben sie auffallend rotes Haar. Bald flammt es hell auf im Wechsel von Licht und Schatten, bald schimmert es bräunlich und erinnert an den Sommerpelz der Füchse.

„Los! Weiter! Beeilt euch!“ Mit ungeduldigen Handbewegungen treibt Grimm, der Anführer, die anderen an. „Wollt ihr, dass jemand vor uns die Höhle besetzt? Dass sie uns jemand streitig macht?“ Immer wieder muss Grimm stehen bleiben und warten. Hink, der Letzte der vier, ist der Langsamste. Aber auch Fe, die Frau, und das Kind sind mit ihren Kräften fast am Ende. Sie schwanken und keuchen unter dem Gewicht der prallen Fellsäcke, die sie sich auf den Rücken gebunden haben. Jetzt bleibt das Mädchen stehen. Mena bückt sich, trotz der schweren Last auf ihren Schultern, hebt ein Schneckenhaus vom Boden auf und stopft es in ihr Bündel. Gleich darauf findet sie einen Kiefernzapfen, der es anscheinend auch wert ist, mitgenommmen zu werden. Kopfschüttelnd, die buschigen Brauen zu einem Strich zusammengezogen, betrachtet Grimm, genannt der Große Jäger, seine Familie. Nicht zu fassen! Losgezogen ist er, seine Tochter, seine Frau Fe und ihren Bruder Hink in die neu entdeckte Höhle zu holen, die Höhle hoch oben am steilen Hang über dem Fluss, die er für seine fuchshaarige Familie ausfindig gemacht hat. Und nun das! Haben sich die drei den ganzen Hausrat der alten Wohnstätte auf die Schultern gepackt? Der Große Jäger hat ihnen doch eingeschärft, nur das Wichtigste mitzunehmen! Das Wichtigste sind Waffen, so viel steht fest für Grimm: Pfeile und Bogen, Speere, Steinäxte und scharfe Jagdklingen. Hat man Waffen, kann man jagen. Kann man jagen, hat man zu essen. Und hat man mehr, als man essen kann, lässt sich der Überfluss vielleicht sogar tauschen. Nun ja, in Grimms Bündel gibt es neben Waffen auch noch ein paar andere Dinge: ein großes Büffelhorn, die Schaufeln eines Elchs, das Geweih von einem Ren; ein paar Jagdtrophäen, von denen er sich nicht trennen will. Und – nicht zu vergessen – ein Teil vom altersgrauen Stoßzahn eines Mammuts. Grimm hat den Zahn auf einem Streifzug entdeckt und es nicht übers Herz gebracht, ihn liegen zu lassen. Natürlich hat der Große Jäger auch sein wertvollstes Stück eingepackt: den breiten Gürtel aus Bisonleder mit den aufgenähten Muscheln – ein Geschenk von seiner Frau Fe zum Hochzeitstag. Was Grimm in die neue Wohnung mitnimmt, ist vor allem praktisch und nicht nur Schmuck für die Höhlenwände. Mit dem Büffelhorn kann Mena Wasser holen vom Fluss. Das Stoßzahnstück lässt sich als Hocker benützen. Und über die Geweihe kann der Große Jäger seinen feuchten Pelz zum Trocknen spannen, wenn er einmal durchnässt von der Jagd heimkommt. Schwer an seinem Fellsack schleppt auch Hink Steinschläger, der jüngere der beiden Männer. Er ist der Bruder von Fe. Keines seiner Werkzeuge hat er zurückgelassen: Meißel und Beil, Schaber und Stichling, die beinerne Schaufel und die Knochensäge, dazu ein paar unbehauene Feuersteinknollen schlagen in seinem dickbauchigen Sack gegeneinander und klappern leise bei jedem von Hinks Humpelschritten. Fe, Grimms Frau, hat nicht auf die Pelz- und Fleischvorräte verzichten wollen. So hat sie neben beinernen Nadeln, getrockneten Därmen und Sehnen auch einige schöne Felle und eine geräucherte Wisentkeule mit. „Zum Glück hat sie den schweren Herdstein in der alten Höhle gelassen“, denkt Grimm. Nicht auszudenken, wenn er jetzt auch noch einen Herdstein mitschleppen müsste! Er hat Fe versprochen, einen neuen für sie zu finden; besser, größer und praktischer als der alte. Hinter Fes praller Felltasche leuchtet dann und wann Menas roter Haarschopf wie ein wehender Federbusch auf. Mena keucht unter einem Bündel, das kaum kleiner ist als das ihrer erwachsenen Begleiter. Stirnrunzelnd betrachtet Grimm seine Tochter. Ob sie durchhalten wird? Was, zum Donner, hat sie da eingepackt in ihren Fellsack? Bestimmt nur wertloses Zeug! Sonderbares Kind! Alles sammelt sie, egal, was ihr in die Hände kommt, und den größten Teil davon will sie in die neue Wohnhöhle mitnehmen. So geht es nicht weiter, so kommen sie nie ans Ziel! Grimm wird immer ärgerlicher. Kurz entschlossen stellt er sein Bündel ab und geht dem Mädchen zwei Schritte entgegen. Mit einem raschen Griff nimmt er Mena den Sack vom Rücken, schnürt ihn auf und leert ihn aus. „Wir sind Jäger“, knurrt er, „keine Sammler!“ Haselnüsse, Rindenstücke, Wurzelknollen und blanke Knochen kollern ins Moos. Föhrenzapfen, Eicheln und Schneckenhäuser rollen auf die Erde. Ein paar Vogelfedern schweben zu Boden. Aber da ist Grimm an die Falsche geraten. Mena schreit auf. Schützend wirft sie sich über ihren Besitz, bevor irgendetwas davon im dichten Unterholz verloren geht. Nicht einen Schritt geht sie weiter ohne ihre Schätze! „Lieber kehr ich um!“, ruft sie empört. „Kein einziges Stück lasse ich hier zurück!“ Grimm stürzt sich auf seine Tochter und hält ihr mit beiden Händen den Mund zu. Der ganze Wald muss ja Ohren bekommen, wenn das Kind so ein Gebrüll anstimmt! Und jetzt mischen sich auch Hink und Fe ein und ergreifen Partei für Mena. Das hat gerade noch gefehlt! Ein Familienstreit während der Übersiedlung! Sie wollen doch möglichst unbemerkt an ihr Ziel kommen! Nun verlieren sie auch noch Zeit, kostbare Zeit, weil Mena alle ihre Mitbringsel wieder einsammelt, Stück für Stück. Grimm rauft sich die fuchsroten Haare.

Brummend verordnet der Große Jäger eine kurze Rastpause. Jeder Aufenthalt, jede Verzögerung bedeutet neue Gefahr. Dabei ist anfangs alles nach Plan verlaufen; zunächst sind sie noch gut vorangekommen. Aber dann sind sie langsamer geworden und langsamer. Zweimal haben sie in den Bäumen nächtigen müssen. Nun sind sie ihrem Ziel, der neuen Wohnhöhle, schon nahe. Doch das anstrengendste Wegstück liegt noch vor ihnen: der steinige Berghang.

Ächzend nehmen Fe, Hink und Mena ihre Bündel ab und lassen sich im Schutz einer Baumgruppe erschöpft ins Moos fallen. Grimm hält Wache. Immer wieder mustert er die Umgebung, späht nach allen Seiten, auch nach oben in die Baumkronen, lauscht besorgt, wittert in den Wind. Rauch liegt in der Luft, ferner Rauch. Irgendwo hier muss die Siedlung der Breitnasen liegen.

Grimm entscheidet, dass die Packlasten vorerst im Unterholz am Waldrand abgelegt werden. Mit ein paar abgebrochenen Eibenästen bedeckt er die Fellbündel. Nach und nach wird man dann alle Dinge in die Höhle schaffen. Vielleicht lassen sie sich sogar an einem kräftigen Darmseil den Hang hochziehen. Wichtig ist, dass seine Familie jetzt endlich die Höhle erreicht – noch vor Einbruch der Nacht. Hier im Wald ist es in der Dunkelheit nicht geheuer. Leicht können die vier Opfer eines Überfalls werden. Möglich, dass der Schweißgeruch Raubtiere anlockt – oder Breitnasen. Fe und Hink würden sich ihrer Haut bei einem Angriff kaum wehren können – sie sind schon zu müde –, und Mena? Mena ist noch ein Kind. Viel Zeit zum Ausruhen gönnt Grimm seiner Familie nicht. Nach kurzer Zeit mahnt er schon wieder zum Aufbruch. Doch plötzlich bleibt er wie erstarrt stehen. Undeutlich sind Geräusche zu hören. Dürre Zweige knacken, Stimmen werden laut, Schritte kommen näher. Wortlos drängt Grimm seine Familie in das Versteck unter die Äste und bedeutet ihnen, nicht zu sprechen, sich nicht zu rühren. Vorsichtig, auf Feindseligkeiten gefasst, späht er hinter einem dicken Baumstamm hervor. Man kann nie wissen, wie solche Begegnungen ausgehen.

Eine Gruppe von sieben Männern nähert sich langsam. Sechs von ihnen tragen auf einem Gestell aus kräftigen Ästen ein totes Beutetier. Voran geht, auf seinen Speer gestützt, ein uralter, schmächtiger Mann mit weißem Haar. Die Männer bewegen sich in derselben Richtung, die auch die Fuchshaarigen eingeschlagen haben.

Grimm überlegt kurz; dann weiß er, was er zu tun hat. Er fasst seinen Speer fester und tritt der Gruppe entschlossen entgegen. Mena schiebt einen Eibenzweig, der ihr die Sicht nimmt, behutsam zur Seite – jetzt kann sie von ihrem Versteck aus alles beobachten.

Die Männer sind stämmig, gedrungen, nicht allzu groß, haben schwarzes Haar und stumpfe, breite Nasen. Obwohl sie bewaffnet sind, werden sie unruhig, als urplötzlich ein fremder Jäger auf dem schmalen Pfad vor ihnen auftaucht. Selbstbewusst schreitet Grimm auf den Anführer der Gruppe zu, den Greis mit den langen weißen Haaren, der gut um einen Kopf kleiner ist als Grimm. Er ist wohl der Stammesälteste der Breitnasen – und sieht ziemlich gruselig aus, findet Mena. Auf seinen mageren Schultern liegt ein schmutzigweißes Fell. Die langen Nägel an seinen knochigen Fingern erinnern an Raubvogelkrallen. Um den faltigen Hals des Anführers baumelt eine Kette aus mehreren Knochenstücken. Sind es Luchsgebisse? Oder die Kiefer von Wildkatzen? Noch auffallender ist ein sonderbarer dunkelgrüner Stein, den der Alte an einem Lederriemen trägt. Gebannt starrt Mena auf den merkwürdigen Halsschmuck. Einen Stein in dieser Farbe hat sie noch nie gesehen. Fragend dreht sich das Mädchen nach Hink um. Hink kennt sich aus mit Steinen wie kein zweiter. Auch ihm ist der grüne Stein sofort aufgefallen. Ist es ein Amulett? Ein Zauber? Ist der Anführer der Breitnasen ein Zauberer? Ein Medizinmann? Doch jetzt können sie das nicht besprechen. Hink legt den Zeigefinger an seine Lippen. Es heißt still sein; sie müssen sich absolut ruhig verhalten, wollen sie Grimm nicht in Schwierigkeiten bringen.

Aug in Aug stehen sich die beiden Männer gegenüber und mustern einander.

„Grimm grüßt dich!“

„Häuptling Ubu grüßt Grimm!“

Die anderen Männer legen ihre Last ab. Neugierig warten sie auf das, was da kommt. Grimm spürt, dass er auf die Breitnasen fremdartig wirkt. Er spürt aber auch, dass er Eindruck macht, so, wie er aussieht und auftritt. Vor allem Ubu beäugt den großgewachsenen Fremdling ganz genau. Der misstrauische Blick des Alten wandert von Grimms rotbrauner Mähne über die hohe Stirn, die buschigen Brauen, den rötlichen Bart abwärts und bleibt an der Halskette hängen – es ist Grimms schöne Mutkette mit den durchbohrten Bärenkrallen und Eberzähnen. Nichts entgeht Ubus Augen. Grimms zerfetztes rechtes Ohr, das in einem wilden Kampf aufgeschlitzt wurde, kann man gar nicht übersehen. Ubu bemerkt aber auch die Narbe auf Grimms Unterarm und die Schramme über seinem rechten Auge, die langen, sehnigen Beine des fuchshaarigen Jägers, den muskulösen Nacken und den breiten Brustkorb. Und ohne es wirklich zu wollen, tritt der alte Anführer der Breitnasen einen Schritt zurück – zur Sicherheit. Der Fremdling scheint ein mutiger Mann zu sein! Allein, dass er es gewagt hat, sich einer Überzahl von Siedlern entgegenzustellen …

Auch Grimm hat einen Schritt zurückgemacht. Es ist der Geruch des Häuptlings, der ihm den Atem raubt, ein durchdringender Fischgeruch, der von dem Alten und seinen Begleitern ausgeht. Wenn es etwas gibt, das Grimm nicht mag, dann ist es Fisch. Schon der Geruch von Fischen widert ihn an. Nie im Leben würde er es über sich bringen, einen Fisch zu essen. Davon ist er felsenfest überzeugt.

„Was willst du hier, Grimm? Sprich!“, fordert der Alte den fuchshaarigen Jäger auf.

Grimm deutet auf die Sonne, die noch über den Baumwipfeln steht. „Das helle Licht strahlt warm vom Himmel. Aber bald wird es an Kraft verlieren. Grimm sucht einen Platz zum Überwintern. Für sich und die Seinen, bevor Schnee und Kälte drohen.“

Eine Antwort darauf will gut überlegt sein. Ubu denkt lange und gründlich nach. Er zwirbelt seinen dünnen Bart, zupft an seinen Ohrläppchen und kratzt sich am Gesäß. Er bohrt in der Nase, als würde er dort nach Worten suchen.

Grimm spürt Ubus Unbehagen. Dem Alten geht es gegen den Strich, wenn sich Fremdlinge hier niederlassen. Ist der Häuptling in Sorge, die Fuchshaarigen einen Winter lang durchfüttern zu müssen? Da kennt er den Großen Jäger schlecht! Er weiß wohl nicht, mit wem er es zu tun hat! Anscheinend hat er noch nichts von Grimm gehört, von seinem Zauberbogen und seinen Wunderpfeilen, die ihr Ziel nie verfehlen! Naja, fast nie … Oder denkt Ubu womöglich, die Neuankömmlinge hätten Läuse im Pelz, Flöhe und anderes Ungeziefer? Befürchtet er, dass Grimm von seinem Stamm ausgestoßen worden ist? Dass er die Krätze einschleppt oder eine andere Krankheit, oder – noch schlimmer – dass ihm mehr und mehr Fuchshaarige folgen könnten?

Um Ubu zu beruhigen, sagt Grimm: „Der Große Jäger hat seinen Platz schon gefunden. Er wird mit seiner Sippe in die Höhle oben am Felsenhang ziehen.“

Der Alte tut, als hätte er nicht richtig gehört. „In die Höhle?“, ruft er ungläubig. „Was für seltsame Zweibeiner es doch gibt!“ Auch die anderen Breitnasen schütteln erstaunt und verständnislos die Köpfe. Keiner von ihnen würde je ohne Grund einen Fuß in die Höhle setzen. Und erst recht käme keiner auf den Gedanken, in einer Höhle zu leben wie ein Fuchs, ein Dachs oder eine Flattermaus.

„Wenn der fremde Jäger in eine Höhle zieht, wird er sein Lager mit den Bären teilen müssen“, sagt Ubu spöttisch.

„Grimm kennt sich aus mit Höhlen. Er hat die Höhle am Hang genau untersucht – und keine Spur von einem Bären darin gefunden.“

Die Worte tun ihre Wirkung. Die Breitnasen werfen einander vielsagende Blicke zu. Was, der Fremde hat sich allein in die Höhle gewagt? Oder hat er Begleiter? Die Männer sehen sich plötzlich aufmerksam um, können aber nichts Verdächtiges bemerken. Regungslos kauern Fe, Hink und Mena unter den Eibenästen und halten den Atem an, doch sie hören jedes Wort mit.

„Wenn der Winter kommt, wird auch der Bär kommen“, brummt Ubu.

Grimm rammt seinen Speer in den Boden, verschränkt die Arme, lässt die Muskeln spielen und die Augen rollen. „Dann wird der fuchshaarige Jäger mit dem Bären um die Höhle kämpfen.“ Oho! Das ist eine kühne Behauptung. Unter den Breitnasen entsteht wieder Unruhe. Ist der Fremde wirklich so tapfer, wie er vorgibt?

„Also, was willst du von Ubu?“, krächzt der Alte. „Wir stehen schon lang genug hier. Sprich!“

„Gastfreundschaft für einen Winter. Für mich und meine Sippe. Und das Recht, in dieser Gegend zu jagen.“

Der Alte zögert mit seiner Antwort. „Wie viele seid ihr?“

Grimm streckt vier Finger hoch. „Zwei Männer, eine Frau, ein Kind.“

„Und ihr werdet in der Höhle überwintern?“

„In der Höhle.“

Ubu nickt erleichtert. Er ist sichtlich froh, dass Grimm nur eine kleine Familie mitbringt. Und dass er nicht mehr fordert. Anscheinend hat er befürchtet, der fremde Jäger würde sich am Fluss niederlassen. Doch die Höhle liegt hoch oben am Hang, viele Steinwürfe weit weg von den Schilfhütten der Breitnasen. Ist der Höhleneingang erst zugeschneit, ist der Anstieg vereist, wird man die Fuchshaarigen nicht mehr so schnell zu sehen bekommen. Ein Winter kann lang dauern, und Ubu hat Zeit gewonnen, viel Zeit, um darüber nachzudenken, wie er die ungebetenen Gäste wieder loswird.

Auch Grimm ist zufrieden. Noch ist der Sommer nicht zu Ende. Dann kommt der Herbst, erst dann, hoffentlich spät, der Winter. Eine lange Frist, wenn man sie richtig nützt. Bis es kalt wird, kann viel geschehen. Niemand weiß, was sich in dieser Zeit alles ereignen wird. Wenn die Höhle taugt, wenn hier der richtige Platz zum Leben und zum Jagen ist, dann wird Grimm mit seiner Familie wohl länger bleiben als einen Winter …

Das Gespräch ist beendet. Die Männer nehmen ihre Beute wieder auf. Geringschätzig wirft Grimm einen kurzen Blick auf das tote Tier. Es ist ein verkrüppelter Rehbock, den man auf die Tragestangen gebunden hat. Wahrscheinlich haben die Breitnasen das Reh in einer Fallgrube gefangen, nachdem sie seinen Weg zur Tränke ausgekundschaftet und ein tiefes Loch gegraben haben – ein Tier, das sich weder wehren kann noch davonlaufen – Grimm kennt diese Art von Jagd und er hat nur Verachtung dafür. Die Breitnasen sind eben keine Jäger, keine richtigen Jäger. Sie leben vom Fischfang. Man kann es ja deutlich riechen …

Grimm tritt zur Seite, um die Männer vorbeizulassen. Da dreht sich der Häuptling der Breitnasen noch einmal nach ihm um. Er wackelt mit seinem dürren Zeigefinger und sieht den fuchshaarigen Fremden durchdringend an.

„Ubu gibt dir noch einen guten Rat, Grimm. Er warnt dich vor dem Stamm der Spitznasen! Schon einmal sind sie in dieser Gegend aufgetaucht. Sie sind böse und grausam. Fühle dich nie zu sicher! Halte Augen und Ohren offen und die schärfsten Steinklingen bereit! Der Feind kommt, wenn du ihn am wenigsten erwartest – und die Spitznasen kennen keine Gnade!“

Grimm stutzt. Was soll diese Ansage? Will ihn der Alte einschüchtern? Was glaubt er denn? Dass sich Grimm zähneklappernd vor Angst mit seiner Sippe in der neuen Höhle einschließt? Da kennt er den Großen Jäger schlecht! Der fürchtet sich vor nichts und niemandem! Nur eins ist seltsam: Grimm kommt es vor, als hätte er diese Warnung schon einmal gehört … irgendwann, vor vielen, vielen Sommern. Nachdenklich zupft der Jäger an seinem Bart, bevor er sich wieder seiner Familie zuwendet, die noch immer regungslos im Versteck kauert. Ja, jetzt kann sich Grimm erinnern; er ist damals noch ein Kind gewesen. Der Vater seines Vaters war es, der den kleinen Grimm ebenfalls vor den Spitznasen gewarnt hat. Mit ganz ähnlichen Worten davor gewarnt, die Höhle der Eltern zu verlassen oder sich zu weit fortzuwagen.

Ach was! Diese Spitznasen sind bestimmt nichts anderes als Schreckgespenster – und die Breitnasen sind Angsthasen. Jetzt ist ohnehin keine Zeit für solche Gedanken. Jetzt heißt es, noch einmal alle Kräft sammeln für die letzte Anstrengung. Aufmunternd stupst Grimm seine Tochter in die Seite und deutet auf das dunkle Loch hoch oben am Hang. „Siehst du den Eingang? Es ist nicht mehr weit!“

Es gibt keinen erkennbaren Pfad, der auf dem steinigen Steilhang zur Höhle führt. Die Fuchshaarigen müssen sich ihren Weg selbst suchen, Schritt für Schritt. Vielleicht ist es ein Gämsenwechsel, auf dem sie sich mühselig bergan schleppen. Vielleicht ist hier einmal ein Bach zu Tal gerauscht. Wer kann das wissen?

Das Ziel schon vor Augen, kommt Mena auf dem losen Geröll plötzlich ins Straucheln. Ihr Hilfeschrei schreckt Hink auf, der ein paar Schritte hinter ihr humpelt. Mit seiner freien Hand kann er das Mädchen gerade noch im letzten Augenblick auffangen. Sonst wäre Mena samt ihrem Fellbündel den ganzen Hang wieder hinuntergekollert! Nicht auszudenken! Endlich! Endlich ist es geschafft! Die Gruppe hat den Steilhang bewältigt. Taumelnd vor Erschöpfung erreichen die vier Menschen den kleinen Platz vor der Höhle, bevor die Sonne ganz hinter den Felszacken verschwindet. Ermattet lässt sich Mena zu Boden fallen. Sie hat jetzt nur einen Wunsch: schlafen, nichts anderes als schlafen. Auch Fe, die Frau des Großen Jägers, hat sich verausgabt. Sie ist kaum mehr imstande, die letzten Schritte aus eigener Kraft zu tun. Da packen sie zwei sehnige Arme, stemmen sie hoch und tragen sie behutsam in die Höhle; dort lässt Grimm seine Frau sanft auf ihren Fellsack gleiten. Auf allen vieren kriecht Hink hinterdrein. Die Fuchshaarigen sind am Ziel.

Es vergeht einige Zeit, bis sich die Erwachsenen erholt haben. Grimm erinnert sich der Knochen, die er bei seinem ersten Besuch weit hinten in der Höhle gefunden hat. Alte, trockene, morsche Knochen – ein gutes Brennmaterial. Hink schlägt mit zwei Flintknollen Funken, Fe fängt sie mit dem mitgebrachten Zunder auf. Jeder weiß, was zu tun ist. Ohne Worte verständigen sie sich; zum Sprechen sind die Fuchshaarigen zu müde. Schon glost der Baumschwamm. Schon tanzt ein Flämmchen. Behutsam schützt es Fe mit ihren Händen vor dem kühlen Luftzug in der Höhle, bis es größer und größer wird. In Menas Fellsack finden sich Kiefernzapfen, die Hink in die Glut wirft. Das heimelige Prasseln und Knacken des Feuers weckt die Lebensgeister der Fuchshaarigen wieder – das erste Feuer in der neuen Bleibe. Es reicht noch nicht aus, um die ganze Höhle auszuleuchten. Doch es spendet Licht und Wärme – und Zuversicht! Die Neuankömmlinge werden es nicht ausgehen lassen.

Von all dem bemerkt das fuchshaarige Mädchen nichts mehr. Mena schläft, auf ein weiches Wolfsfell gebettet, den Schlaf der Erschöpfung.

Als hoch oben am Felsenhang eine dünne Rauchfahne aus der Höhlenöffnung in den Abendhimmel steigt, da kommt Leben in das Breitnasendorf unten am Fluss. Man weiß das Zeichen zu deuten. Die Neuigkeit macht sofort die Runde. Aufgeregtes Gemurmel läuft von einer Schilfhütte zur anderen, wie ein Lauffeuer breitet sich schließlich die Nachricht in der Siedlung aus, die aufregendste Nachricht seit zehn Sommern: Fuchshaarige Fremde sind da! Ein großer Jäger hat die Höhle in Besitz genommen und sie mit den Seinen bezogen! Das dunkle Loch im Hang ist ab sofort bewohnt! Kaum zu glauben!

Auch damals, zehn Sommer zuvor, ist Unfassbares geschehen: Ein junger Jäger ist auf der Jagd umgekommen – samt seiner Frau, der Tochter des Häuptlings –, aber nicht durch die Pranke eines Bären oder den Biss eines Wolfs. Nein, ein Blitz aus heiterem Himmel hat die beiden jungen Schilfhüttenleute erschlagen, erzählt man sich im Dorf.

Die Breitnasen lassen ihre Reusen liegen und die Körbe stehen. Vom Kleinkind bis zur alten Frau, alle finden sie sich in der hereinbrechenden Dunkelheit auf dem Dorfplatz ein. Mitten unter ihnen ist Ubu. Er hat die Stirn in sorgenvolle Falten gelegt. Der Häuptling fühlt sich unbehaglich. Wer hätte gedacht, dass Grimm so rasch in die Höhle am Hang übersiedelt! Dass er seinen Plan so schnell in die Tat umsetzt! Grübelnd kratzt sich der weißhaarige Alte hinter dem Ohr. Seit der Begegnung mit Grimm hat er eine dunkle Vorahnung von all dem, was auf ihn zukommen könnte. Ob man den Fremden trauen kann? Ubu hat keine guten Erfahrungen mit dem Stamm der Fuchshaarigen gemacht; streitlustig und jähzornig hat er sie in Erinnerung.

Immer wieder deuten die Breitnasen schnatternd und schwatzend mit ausgestreckten Armen zum Berghang und können sich nicht genug wundern: Menschen, die in einer Höhle leben wollen – was sind das für Leute? Warum sind sie gekommen? Werden sie bleiben? Werden sie weiterziehen?

Unbemerkt verschwindet Ubu in seiner Schilfhütte, in der ein schwaches Feuer glost, während die Breitnasen nicht müde werden, das ungewohnte Bild der rauchenden Höhle zu betrachten. Doch der Alte will allein sein mit seinen düsteren Gedanken. Die Finger seiner Rechten schließen sich fest und beschwörend um das grüne Amulett, als könne es ihm Schutz vor einer unsicheren Zukunft gewähren. Kündigt sich eine neue Zeit an, eine Zeit der Unruhe? Muss Ubu gar fürchten, dass seine Tage als Anführer gezählt sind?

„Was wird kommen?“, murmelt der greise Häuptling. „Was wird bleiben?“ Will er es wissen, muss er die Knochen befragen. Die Linke des Alten tastet langsam nach einem Bündel Kräuter. Feierlich legt er es auf die Glut. Lautlos bewegen sich dabei seine Lippen, flüstern uralte Beschwörungsformeln. Duftende Rauchwolken schweben zur Decke der Hütte. Nun greift Ubu in einen Korb und holt drei kleine Knochen heraus. Vom häufigen Gebrauch sind sie schon ganz glatt, fast wie poliert. Lange schüttelt er sie in seinen Händen, bevor er sie zu Boden fallen lässt. Mit gespannter Aufmerksamkeit betrachtet er ihre Lage. Oh! Grübelnd zupft Ubu an seinem Bart. Versonnen kratzt er sich die Rippen. Nachdenklich beginnt er, ein Nasenloch zu säubern und bohrt, noch immer in Gedanken vertieft, im anderen weiter. Ja, Ubu denkt, er kann die Botschaft der Knochen verstehen. Aber das, was sie ihm verraten, wird er vorerst wohl besser für sich behalten.

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Schlag auf Schlag

Nicht nur an den Rauch, der nun täglich aus der Höhle am Hang zieht, müssen sich die Breitnasen im Dorf am Fluss gewöhnen. Am nächsten Morgen werden sie von ungewohnten Klopfgeräuschen geweckt, die weithin durch das Tal hallen. Plink-plonk! Klink-klonk! Hink Steinschläger hockt auf dem kleinen Platz vor der Höhle und hämmert seit Tagesanbruch unermüdlich auf seine Werkstücke ein. Kante um Kante, Splitter um Splitter schlägt er mit Ausdauer von einem großen Feuersteinknollen ab, den er mitgebracht hat. Die Bündel der Fuchshaarigen sind noch gar nicht ganz ausgeräumt, der Inhalt noch nicht verstaut, da ist Hink schon an der Arbeit.

Mena hat sich gut erholt. Leise pirscht sie sich an Hink heran, um dem Onkel über die Schulter zu sehen. Sie wundert sich immer wieder, wie geschickt er umgeht mit den klobigen Steinen! Kein einziges Mal klopft er sich auf die Finger! Was wird es diesmal werden? Eine schlanke Jagdklinge für Fe? Ein scharfkantiges Beil für den Großen Jäger? Ein Schaber für die Felle? Oder wird Hink die Abschläge für Pfeilspitzen verwenden? Hink dreht sich um. „Vorsicht! Nicht so nah! Das kann ins Auge gehen!“ Mena achtet nicht auf die Warnung. „Was wird das?“

„Rate mal!“

„Eine Axt!“, ruft Mena erstaunt. „Für mich?“

„Für dich!“

Mena klatscht begeistert in die Hände. Wie schafft es Hink, immer wieder nützliche Dinge unter seinen Händen hervorzuzaubern? Ja, es grenzt an Zauberei! Mit gezielten Schlägen gibt er einem unscheinbaren Steinbrocken Form und Gestalt, schärft da eine Kante, nimmt dort eine Ecke. Als ob er voraussehen könnte, an welcher Stelle ein Stein bricht! Mit einer neuen Axt bewaffnet, fühlt sich Mena gleich sicher genug, die nähere Umgebung der Höhle zu erkunden.

„Aber, Hink, die Axt hat keinen Stiel.“

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„Den musst du dir suchen.“

Tatsächlich findet das Mädchen unter seinen Sachen ein passendes Stück Holz, das Hink mit einem Keil an einem Ende spaltet. In den Spalt schmiert Mena Birkenharz, dann presst sie Holz und Stein zusammen. Hink umwickelt beide Teile straff mit einer Tiersehne, deren Enden er kreuzweise verschnürt.

„Aber Grimms Axt ist größer.“

„Dafür ist deine nicht so schwer. Und sie ist genau so scharf wie die von Grimm. Schau her!“ Hink humpelt von seinem Arbeitsplatz in die Höhle und holt einen Brocken von dem mitgebrachten Rauchfleisch. Mit einem einzigen Hieb trennt er es samt der Schwarte in zwei Teile. Einen spießt er für Mena auf einen Pfeil, die andere Hälfte steckt er selbst in den Mund.

„Ich hab eine Axt, eine neue Axt!“, jubelt Mena und lässt das kleine Beil in ihrer Hand durch die Luft sausen. Lachend bringen sich Hink und Fe in Sicherheit. Schmetternd kracht die Steinaxt gegen eine Felskante, dass die Funken sprühen. Die Höhle hallt wider von Menas Schlägen. Ein Splitterregen rieselt zu Boden.

Hink fällt Mena in den Arm. „Halt! Du zerstörst unser neues Zuhause, du Wildfang!“, ruft er lachend. „Was wird Grimm sagen, wenn er von der Jagd heimkommt und die Höhle nicht mehr wiedererkennt!“

Mena beäugt das Geschenk stolz von allen Seiten. Da gibt es nichts auszusetzen! Hink hat ganze Arbeit geleistet. Die Axt hält, sie hat ihre Probe bestanden. Und sie kann sich sehen lassen – rundherum, so sauber, wie sie verarbeitet ist.