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Herman Melville

Moby Dick

(Roman)

 

 

 

Copyright © 2014 Der Drehbuchverlag, Wien 

4. aktualisierte Auflage, 14. Februar 2016 

Alle Rechte vorbehalten 

eBook: Moby Dick (Roman) 

ISBN: 978-3-99042-917-4 

1. Kapitel: DIE KIMM

 

Nennt mich meinethalben Ismael. Vor einigen Jahren – gleichviel, wie lange es her ist – als eines Tages mein Beutel leer war und an Land mich nichts mehr hielt, kam mir der Gedanke, mich ein wenig auf See umzutun und den nassen Teil der Welt zu besehen. Das ist so meine Art, mich wieder zur Raison zu bringen und mir das Blut aufzufrischen. Immer, wenn mir der Missmut am Mundwinkel zerrt und nieselnder November in die Seele einzieht, wenn ich unwillkürlich vor den Fenstern der Sargtischlerei stehen bleibe und hinter jedem Leichenzug hertrotte, der mir in die Quere kommt; und nun gar, wenn die Grillen überhand nehmen, dass ich mir Gewalt antun muss, um nicht auf die Straße hinunterzulaufen und jedem, der mir begegnet, kalten Blutes den Hut herunterzuschlagen – dann ist´s für mich die allerhöchste Zeit, zur See zu gehen. So helfe ich mir, wo andere sich eine Kugel in den Kopf schießen. Mit einer philosophischen Fanfare stürzt Cato sich in sein Schwert; ich verziehe mich wortlos an Bord. Dabei ist gar nichts Verwunderliches. Zuweilen hegt wohl jeder auf seine Weise ähnliche Empfindungen für das Weltmeer wie ich – er weiß nur nichts davon.

   Da liegt unsere Inselstadt Manhattan, gegürtet mit ihren Docks wie eine Südseeinsel mit Korallenriffen und allenthalben vom Handel umbrandet. Rechts und links führen die Straßen wasserwärts, hinunter zur „Battery“, wo die stolze Mole unseres Kontinents von den Wellen bespült wird und kühl angefächelt von der Brise, die ein paar Stunden zuvor noch nicht wusste, was Land ist. Und nun seht die Scharen von Menschen, die dort alle aufs Wasser hinausschauen.

   An einem träumerischen Sonnabendnachmittag wandeln wir um die Stadt, von Corlears Hook nach Coenties Slip, dann nordwärts durch Whitehall. Was gibt´s da zu sehen? Stumm wie die Schildwachen rings um die Stadt stehen Tausende und aber Tausende unseresgleichen in ozeanische Träumereien versunken. Manche lehnen an den Duckdalben, andere sitzen ganz vorn auf den Molenköpfen. Auf den Chinafahrern schauen sie über die Reling und hängen hoch oben im Rigg, um noch mehr von der See zu sehen. Lauter Stadtleute, die werktags zwischen Straßenpflaster und Gartenzäunen zusammengepfercht sind – an Ladentische, ans Pult geschmiedet, in der Werkstatt festgenagelt. Was soll das? Gibt´s keine Wiesen, keine Felder mehr? Was wollen sie hier?

   Und da kommen immer noch mehr. Sie wollen alle zum Wasser, als hätten sie vor, sich kopfüber hineinzustürzen. Sonderbar – erst wenn sie sich ganz vorn an den Rand des Kais gedrängt haben, sind sie zufrieden; dort hinten im Schatten und Windschutz der Lagerhäuser herumsitzen, genügt ihnen nicht. Nein, sie müssen so nahe ans Wasser, was sie irgend können, ohne hineinzufallen. Meilenweit stehen sie da, lauter Stadtleute. Auf Straßen und Gassen, auf Chausseen und Alleen kommen sie gezogen, aus Nord und Süd, aus Ost und West. Hier strömt alles zusammen. Sollten es am Ende die Magnetnadeln auf all den Schiffen sein, die sie so anziehen?

   Stell dir vor, du wärest irgendwo zwischen den Bergen und Seen. Welchen Weg du auch einschlägst, zehn gegen eins, er führt dich ins Tal hinunter, und auf einmal stehst du da, wo der Bach am breitesten ist. Eine Zauberkraft ist da am Werk. Der ärgste Träumer in der tiefsten Versunkenheit – stellst du ihn auf die Beine und lässt ihn gehen, er wird ans Wasser finden, wenn überhaupt welches da ist. Solltest du einmal in der großen amerikanischen Prärie am Verdursten sein und in einer Karawane befindet sich zufällig ein Professor der Metaphysik, dann mach den Versuch. Wasser und Meditation sind auf ewig miteinander verbunden, das weiß im Grunde jeder.

   Und nun der Künstler. Er möchte uns aus dem ganzen Saco-Tal das Versonnenste, Schattigste, Stillste, den allerverwunschensten Fleck Erde auf die Leinwand zaubern. Was wird sein wichtigstes Element sein? Da stehen seine Bäume, lauter hohle Stämme, als hauste in jedem ein Einsiedler mit einem Kruzifix. Es schläft die Herde, es schläft die Flur, aus der Hütte steigt der verschlafene Rauch. Tief in die fernen Wälder führt ein verschlungener Pfad dorthin, wo die ersten Berge sich verblauend voreinander schieben. Mag die Landschaft noch so entrückt vor uns liegen, und mögen von jener Kiefer, sacht wie rieselnde Nadeln, Seufzer auf des Hirten Haupt hernieder wehen: – schaute nicht sein Auge unverwandt auf den Gießbach zu seinen Füßen. Es wäre alles umsonst. Und was im Juni auf der Prärie, wenn man unabsehbar weit bis über die Knie in Tigerlilien watet, das einzige, das uns am Glück fehlt? Wasser – nicht einen Tropfen Wasser gibt es weit und breit. Strömten am Niagarafall nur Sandfluten zu Tal, wer käme tausend Meilen weit herbeigereist, um ihn zu sehen? Und warum hat der arme Dichter aus Tennessee – als ihm einmal die Hände mit Silber angefüllt wurden, warum hat er da lange überlegt, ob er sich den Rock, der ihm so bitter Not tat, kaufen oder lieber für sein Geld nach Rockaway Beach an den Meeresstrand wandern sollte? Warum kommt jedem gesunden Jungen mit gesunder Seele im Leib früher oder später einmal die tolle Begier, zu See zu gehen?

   Und du selbst, als du deine erste Reise machtest und zum ersten Mal sahst, wie nun rings um dein Schiff nirgends mehr Land war, warum überlief es dich da so seltsam? Warum war den alten Persern das Meer heilig, warum hatte es bei den Griechen sogar einen eigenen Gott, den leiblichen Bruder des Zeus? Das hat sicher alles seinen Sinn. Einen noch tieferen aber hat jene alte Geschichte von Narziss: im Brunnen erblickte er sein Bild, so herzbeklemmend lieblich, dass er, als er´s mit seinen Händen nicht greifen konnte, sich hinabstürzte und ertrank. Und in allen Flüssen und Meeren sehen wir dasselbe: das ewig ungreifbare Spiegelbild des Lebens. Das ist der Schlüssel zu allem.

   Wenn ich nun aber von meiner Angewohnheit erzähle, zur See zu gehen, sobald mir´s diesig vor Augen wird und ich meine Lunge aufdringlicher spüre als sonst, so soll das nicht etwa heißen, ich führe als Passagier. Zum Passagier gehören der Geldbeutel, und wenn nichts drin ist, dann ist er nur ein Lappen Zeug. Obendrein wird der Passagier seekrank, neigt zu Zank und Streit, kann nachts nicht schlafen und hat überhaupt herzlich wenig von seiner Reise. Nein, als Passagier fahre ich nicht, auch nicht als Kapitän oder Kommodore, obwohl ich doch immerhin ein Fahrensmann bin, auch nicht als Koch. Ruhm und Würde solcher Ämter überlasse ich denen, die so etwas gern haben. Was mich angeht, so ist mir alles ein Gräuel, wobei man sich ehren und anstandshalber ärgern, schinden und abrackern muss. Ich habe gerade genug mit mir selbst zu tun, auch ohne dass ich für ein Vollschiff, eine Bark, eine Brigg, einen Schoner oder Gott weiß was zu sorgen habe. Und als Koch? Ich gebe ja zu, das ist ein glorreicher Posten – an Bord ist der Smutje eine Art Offizier – doch ich weiß nicht warum: ein Huhn zu braten, hat mich nie gelockt, wenn auch ganz gewiss niemand ehrerbietiger, um nicht zu sagen ehrfürchtiger, auf ein gut gebratenes, verständig gebuttertes und behutsam gesalzenes und gepfeffertes Huhn zu sprechen ist als ich. Die alten Ägypter gingen in ihrer abgöttischen Schwärmerei für gebratenen Ibis und Flusspferd vom Rost so weit, dass die Mumien dieser Tiere noch heute in ihren riesigen Backöfen, den Pyramiden, zu sehen sind.

   Nein, wenn ich zur See gehe, dann fahre ich vor dem Master. Freilich, sie jagen mich ziemlich herum von Topp zu Topp, und ich muss springen wie ein Grashüpfer auf grüner Flur. Zuerst ist das nicht angenehm. Es geht einem an die Ehre, besonders wenn man vom Lande ist und aus alteingesessener Familie, ein van Renssealaer, ein Randolph, ein Hardicanute. Vor allen Dingen aber, wenn man eben noch ein Landschulmeister war, vor dem auch die ganz großen Jungens heiligen Respekt hatten, und nun muss man mit seiner weißen Hand in den Teerpott hinein. Vom Schulmeister zum Matrosen ist der Übergang etwas jäh, das kann ich wohl sagen. Es bedarf schon eines starken Suds aus Seneca und der Stoa, wenn man´s mit Anstand ertragen soll. Aber mit der Zeit gibt sich das.

   Was ist schon dabei, wenn so ein Filz von Kapitän mich nach dem Besen schickt und das Deck schrubben lässt? Mit dem Maß des Neuen Testaments gemessen – was heißt da noch unwürdige Behandlung? Ob wirklich der Engel Gabriel schlechter von mir denkt, wenn ich für diesmal dem Alten pünktlichst und gehorsamst pariere? Wer wäre denn kein Sklave? Das möchte ich wissen. Sollen sie also mit mir herum kommandieren, die alten Kapitäne, und wenn´s noch so viel Püffe und Knüffe dabei setzt, ich weiß, es hat seine Richtigkeit, ich bin zufrieden. Ein jeder bezieht so oder so doch ungefähr die gleiche Portion – physisch oder metaphysisch: der Allerweltsknuff macht die Runde, und ein Betroffener sollte dem anderen freundschaftlich den Buckel reiben und es gut sein lassen.

   Außerdem gehe ich als Matrose zur See, weil sie sich´s nicht nehmen lassen, mich für meine Mühwaltung zu bezahlen, während ich nie gehört habe, dass der Passagier auch nur einen Pfennig bezieht. Im Gegenteil, der muss in den Beutel greifen. Zwischen dem Zahlen und Bezahltwerden aber ist ein himmelweiter Unterschied. Von all dem Lässigen, was wir von den beiden Apfeldieben im Paradies übernommen haben, ist das Zahlen vielleicht das Unbequemste. Dagegen Bezahltwerden – was kann man sich Erhebenderes denken? Erstaunlich ist´s, mit welch liebenswürdiger Geschäftlichkeit wir Geld einkassieren, wenn man bedenkt, wie wir allen Ernstes daran glauben, dass Geld die Wurzel irdischen Übels ist und ein begüterter Mann um keinen Preis in den Himmel kommt. Ach, wie wohlgemut wir uns doch der ewigen Verdammnis überantworten.

   Und schließlich gehe ich immer als Matrose zur See, weil´s gesund ist, sich in der reinen Luft auf dem Vordeck gehörig zu tummeln. Wie überhaupt auf dieser Welt, kommt der Wind viel häufiger von vorn als von achtern (das heißt, wenn man an der Lehre des Pythagoras festhält und die ewige Weltordnung nicht umstoßen will) daher auch der Kapitän auf dem Achterdeck seinen Ozon meist von uns auf dem Vorschiff aus zweiter Hand erhält. Er vermeint, ihn als erster zu atmen – aber weit gefehlt! So etwa führt das gemeine Volk auch auf anderen Gebieten seine Führer, gerade dann, wenn sich´s die Führer am wenigsten träumen lassen. Weshalb setzte ich mir denn damals in den Kopf, auf den Walfänger zu gehen, wo ich mir doch sonst nur auf Kauffahrten den Wind um die Nase wehen ließ? Mir haben die Parzen zu ständiger Überwachung einen himmlischen Wachtmeister bestimmt, der mir überall nachschleicht und unmerklich meine Schritte lenkt – der vermag wohl am besten darauf Antwort zu geben. Soviel ist sicher: dass ich auf den Walfang sollte, stand schon längst im Weltenprogramm der Vorsehung als kurzes Solo und Zwischenspiel zwischen umfangreichen Darbietungen. Ich stelle mir diesen Teil des Theaterzettels etwa so vor:

 

„Harter Wahlkampf in den Vereinigten Staaten.

Wer wird Präsident?

Ein gewisser Ismael geht auf den Walfang.

Blutige Kämpfe in Afghanistan.“

 

Warum die hehren Regisseure der Weltenbühne mir eigentlich die kümmerliche Rolle auf dem Walfänger zuweisen, während andere in großen Tragödien glänzen, im vornehmen Lustspiel eine anspruchsvolle kleine Solorolle, in der Posse den Bruder Lustig spielen dürfen, kann ich allerdings nicht sagen. Und doch, wenn ich mir jetzt sämtliche Umstände vor Augen halte, glaube ich einen bescheidenen Einblick in die Triebfedern und Kräfte zu tun, die mich unter mannigfaltiger, geschickt ausgewählter Verkleidung allmählich mit meiner Rolle vertraut machten und mir obendrein noch vorgaukelten, ich hätte sie mir aus freien Willen, aus eigener Erkenntnis und Urteilskraft ganz selbstständig ausgesucht.

   Unter all den verschiedenen Antrieben war die überwältigende Vorstellung von dem großen Wal selbst der mächtigste. Rätselhaft und urbedrohlich reizte das Ungetüm all meine Wissbegier. Sodann die fremden, wilden Meere, durch die er den Riesenleib wälzt wie eine schwimmende Insel; die unnennbaren und unentrinnbaren Gefahren, die dort lauern, dazu noch die tausend Wunder, die Patagonien für Auge und Ohr bereit hält: all das bestimmte mich, dem Drang des Herzens endlich zu willfahren. Ein anderer hätte sich dadurch wohl kaum verleiten lassen; mich aber zieht und zerrt es unaufhörlich in die Ferne. Ich bin für mein Leben gern in verbotenen Gewässern und an unentdeckten Barbarenküsten. Gewiss, ich gehe am Guten nicht vorüber. Aber das Grauen zieht mich heftig an, und auch heute noch ließ ich mich gern damit ein, wenn mir´s erlaubt wäre. Es kann dem Menschen niemals schaden mit allen auf gutem Fuß zu stehen, was seine Behausung mit ihm teilt.

   Aus diesen Gründen kam mir die Fahrt auf dem Walfänger gerade recht. Die hohen Schleusen der Wunderwelt taten sich auf: aus den verwegenen Bildern meiner Phantasie, die mich verlockt hatten, schwammen mir Wale ein Paar um das andere, in endlosem Zuge bis tief in die Seele hinein und mitten unter ihnen die eine verhüllte Erscheinung, ungeheuer wie ein weißer Schneeberg im Äther.

2. Kapitel: DER SEESACK

 

Ich stopfte ein paar Hemden in meinen Seesack, nahm ihn auf die Schulter und machte mich auf nach Kap Horn und dem Pazifik. Dem guten alten Manhattan sagte ich Lebewohl und kam glücklich in New Bedford an. Das war an einem Samstagabend im Dezember. Meine Enttäuschung war groß, als ich erfuhr, das kleine Postschiff nach Nantucket sei schon abgefahren, und bis zum Montag gebe es keine weitere Fahrgelegenheit.

   Da die meisten jungen Walfänger in spe, die es mit den Mühen und Unbilden des Gewerbes versuchen wollen, schon in New Bedford halt machen, um dort anzumustern, erwähne ich lieber ausdrücklich, dass ich ganz andere Pläne hatte. Mein Entschluss stand fest. Auf einem Segler aus Nantucket wollte ich fahren und auf keinem anderen, denn alles, was mit dieser berühmten Insel zusammen hing, hatte etwas erfrischend Raues an sich, das mir über die Maßen gefiel. Im Übrigen hat zwar in letzter Zeit New Bedford allmählich die ganze Walfängerei an sich gerissen und unser armes altes Nantucket hinkt bedenklich hinterher. Aber Nantucket ist doch das Ur- und Vorbild, das Tyrus für dieses Karthago; in Nantucket ist der erste von Amerikanern erlegte Wal an Land gebracht worden. Wo sind die Ur-Waljäger, die Rothäute, in ihren Kanus ausgefahren um dem Leviathan nachzustellen? In Nantucket. Und die erste kleine Schaluppe – die Sage berichtet, sie habe einen Haufen eingeführter Kieselsteine an Bord gehabt, mit denen man nach den Walen warf, um auszuprobieren, ob man so nahe heran war, dass man vom Bug aus eine Harpune wagen konnte – wo ist dies Abenteuerschiffchen in See gegangen? Auch von Nantucket aus.

   Nun hatte ich also in New Bedford eine Nacht, einen Tag und noch eine Nacht vor mir, ehe ich mich nach meinem Bestimmungshafen einschiffen konnte, und es erhob sich die bange Frage, wo ich so lange essen und schlafen sollte. Der Abend war durchaus nicht vertrauenserweckend, im Gegenteil, verzweifelt dunkel und trübselig und bitterkalt obendrein. Ich kannte keine Seele. Besorgt kramte ich in der Hosentasche und brachte nur noch ein paar Silberstücke ans Tageslicht. – Also, Ismael, sagte ich zu mir selbst, als ich mitten auf der unwirtlichen Straße meinen Seesack schulterte und die Düsternis im Norden mit der Finsternis im Süden verglich – wohin du auch deine Schritte lenkst und in deiner Weisheit zu übernachten beschließest, teurer Ismael, vergiss nicht, nach dem Preis zu fragen, und sei nicht zu wählerisch.

   Zaghaft suchte ich die Straßen ab und kam an dem Wirtshaus zu den „Gekreuzten Harpunen“ vorbei – dort ging´s ziemlich hoch her. Weiter unten warfen die erleuchteten Fenster der „Schwertfisch Kneipe“ so glühende Strahlen in die Nacht hinaus, dass mir schien, sie hätten den Schnee vor dem Hause weggetan, denn sonst lagen die Wehen überall zehn Zoll hoch wie harte Katzenköpfe, recht ermüdend für mich, mir immer aufs neue den Fuß an den scharfen Höckern zu stoßen bei der jämmerlichen Verfassung, worin sich nach langem, hartem Frontdienst meine Stiefelsohlen befanden. Einen Augenblick blieb ich stehen, um das grelle Licht, das auf die Straße fiel, näher in Augenschein zu nehmen und nach dem Gläserklirren zu horchen, das durchs Fenster drang. Nein, auch da ging´s für mich zu hoch her, und ich sagte mir: Vorwärts, Ismael, hört du? Weg von der Tür, deine geflickten Stiefel sind hier im Wege! Also weiter. Es zog mich unwiderstehlich in eine Straße hinein, die ans Wasser führte. Dort lagen ohne Zweifel die wohlfeilsten, wenn auch nicht gerade vergnüglichsten Spelunken.

   Ach, diese öden Straßen! Keine Häuser zu beiden Seiten, nein, Quadern aus rabenschwarzer Nacht, nur dann und wann ein Kerzenschimmer, als geistere Licht im Grabe umher. Zu so später Stunde war dies Viertel am letzten Tag der Woche so gut wie ausgestorben. Doch alsbald drang verschwommen ein Lichtschein aus einem niedrigen, weitläufigen Gebäude, dessen Tür einladend offen stand. Es hatte etwas Ungepflegtes, wie zu jedermanns Gebrauch bestimmt. Als ich eintrat, stolperte ich sogleich über einen Ascheimer im Windfang. Oho! dachte ich bei mir, als mich die umherwirbelnde Asche beinah erstickte, sollte das Asche aus dem verschütteten Gomorrah sein? „Gekreuzte Harpune“, „Zum Schwertfische“? Gewiss bin ich hier nun im „Netz“. Indessen sammelte ich mich wieder auf, ging beherzt vorwärts, als ich drinnen laut reden hörte, und öffnete eine zweite Tür, die hineinführte.

   Tagte hier das schwarze Oberhaus der Hölle? Hundert dunkle Gesichter blickten sich in ihren Reihen nach mir um, als ich eintrat. Vor der Gemeinde aber stand auf der Kanzel ein schwarzer Engel des Gerichts und hämmerte auf ein Buch ein. Es war ein Negergottesdienst. Der Text, über den gepredigt wurde, handelte von der äußeren Finsternis, vom Heulen und Zähneklappern. Oje, Ismael, knurrte ich und trat schleunigst den Rückzug an, schöne Bedienung hier im „Netz“.

   Ich ging weiter. Endlich glomm in der Nähe der Docks so etwas wie ein Lichtschimmer, und durch die Luft zog kleinlautes Knarren. Als ich hinaufblickte, sah ich ein Aushängeschild über der Tür hin und her schwingen. Etwas Weißes war drauf gemalt, worin ich einen hohen senkrechten Strahl von stäubendem Gischt zu erkennen glaubte. Darunter standen die Worte „Gasthaus zum Walfisch – Peter Coffin“.

   Coffin heißt Sarg. Und der Walfisch dazu? Das alles zusammen war kein gutes Omen! Doch der Name soll in Nantucket ganz häufig vorkommen, von dort wird dieser Peter wohl hier eingewandert sein. Das Licht flimmerte trübe, die Gegend war totenstill, zur Zeit wenigstens, und das verfallene Blockhaus sah aus, als wäre es nach einer Feuersbrunst vom Trümmerfelde hierher gekarrt worden. Dazu knarrte das Schild über meinem Kopf genau wie`s bei armen Leuten knarrt. Da war ich denn wohl vor die rechte Tür gekommen und konnte mit einem billigen Nachtlager und dem dünnsten Kaffee rechnen.

   Ein bisschen wunderlich war es schon, das alte Giebelhaus – an einer Seite hing´s windschief über, als hätte es das Reißen. Es stand an einer zugigen Straßenecke, wo der wogentreibende Nordost Euroclydon noch ärger heulte als weiland um des armen Apostels Paulus wellenumtostes Schifflein. Und doch ist selbiger Eurocylon der allerwohligste Zephyr, wenn wir am Kamin sitzen und uns in Gemütsruhe die Füße schön bettwarm rösten lassen. „So, du willst den wilden Sturmwind mit Namen Euroclydon recht erkennen“, sagte ein alter Schriftsteller – das einzig erhaltene Exemplar seiner Werke ist in meinem Besitz – „ so merke wohl: zweierlei Ding ist´s, ob du sein Toben durchs Glasfenster ansiehst, also dass der bittere Frost all außen bleibet, oder du betrachtest´s aus deinen zwei ungerahmten Fensterlein, da´s denn innen und außen gleichermaßen frieret, und gibt doch nur einen einzigen Glasermeister dafür: das ist der Unhold Tod“. Du hast recht, dacht ich, als mir die Stelle einfiel – die alte Schwarte hatte Recht: Ja, der Leib ist das Haus, und die Augen sind die Fenster drin. Schade freilich, dass Ritzen und Schlupflöcher nicht dichter verputzt sind; es hätte wohl hie und da ein bisschen Charpie hineingestopft werden können. Doch zum Bessermachen ist´s nun zu spät. Die Welt ist fertig, in die Kuppel ist der Schlussstein eingesetzt, und der Bauschutt ist schon seit einer Million Jahren abgefahren. Du armer Lazarus, da liegst du nun, den Kopf auf dem Kantstein gebettet, klapperst mit den Zähnen und schlotterst so erbärmlich vor Kälte, dass dir die Lumpen vom Leibe fliegen. Du magst dir die Ohren verstopfen, soviel du willst, und dir noch einen Maiskolben in den Mund stecken – den tosenden Euroclydon wird´s doch nicht abhalten. Aha, der Euroclydon! Sagt da unser Reicher in seinem rotseidenen Schlafrock (später in der Hölle ist er noch viel röter angetan) Puhuh, die herrliche Frostnacht! Wie der Orion funkelt, ach, und das Nordlicht! Die sollen mir noch mit ihrem orientalischen Klima kommen – ewig Treibhausluft, ewig Sommer! Wenn ich nur das Recht habe, mir mit meinen Kohlen meinen eigenen Sommer zu machen.

   Was aber meint nun Lazarus dazu? Ob er sich an dem wunderbaren Nordlicht die blauen Hände wärmen kann? Lazarus wäre wohl lieber auf Sumatra als hier! Am Ende streckte er sich am liebsten der Länge nach auf dem Äquator aus. Ja, ihr Götter! Um dieser Eiseskälte zu entrinnen – wer weiß – er stiege wohl gar hinunter in die Hölle.

   Ist es nicht unglaublich, dass Lazarus vor der Tür des reichen Mannes auf dem Kantstein liegen muss? Eher sollte noch ein Eisberg an einer Molukkeninsel festmachen! Und dabei wohnt auch der Reiche in einem Eispalast, einem Schloss aus lauter gefrorenen Seufzern, ganz wie der Herrscher aller Reußen, und zu trinken bekommt er lauwarme Waisentränen, weil er doch in einem Abstinenzlerverband den Vorsitz führt.

   Genug der gefühlsvollen Tränen! Wir wollen auf den Walfang, da gibt´s Tran in Hülle und Fülle. Kratzen wir uns lieber das Eis von den erfrorenen Füßen und untersuchen, was es mit diesem Walfische hier auf sich hat.

3. Kapitel: IM GASTHAUS „ ZUM WALFISCH“

 

Trat man durch die Tür unter dem Giebeldach in den „Walfisch“ ein, so fand man sich in einem niedrigen, weitläufigen und wenig übersichtlichen Hausflur. Die verräucherte Täfelung erinnerte an die Planken eines alten Schiffs, das nur noch zum Abwracken gut ist. Auf der einen Seite hing ein riesiges Ölgemälde, durch Alter und Rauch völlig unkenntlich geworden. Das ungleichmäßige Licht, das den Raum erfüllte, spiegelte darauf, man mochte es betrachten, von welcher Seite man wollte. Man musste es sich schon mehr als einmal sehr genau ansehen, man musste mit Bedacht daran herum studieren und die Nachbarn ausfragen, wenn man überhaupt dem dargestellten Gegenstand auf die Spur kommen wollte. Unerklärliche Massen von Halbdunkel und Schatten häuften sich da. Zunächst konnte man auf den Gedanken kommen, vor Zeiten, als es in Neu England noch Gespenster gab, habe ein ehrgeiziger junger Maler sich unterfangen, einen urweltlichen Hexensabbat darzustellen. Hatte man es sich dann eine ganze Weile nachdenklich forschend angeschaut und auch noch das kleine Fenster an der Rückwand des Raumes geöffnet, so kam man zu dem Schluss, dass die Deutung zwar etwas phantastisch, aber doch nicht ganz so unbegründet sei.

   Völlig unerkennbar und rätselhaft war etwas im Mittelpunkt des Bildes, schwarz, länglich, biegsam, eine unheilschwangere Masse, zu der drei lotrechte blaue Linien aus dem formlosen Gebrodel emporstrebten. Das ganze Gemälde war in der Tat ein wabbliges, quabbliges, teigiges Machwerk, das ein empfindsames Gemüt wohl aus dem Gleichgewicht zu bringen vermochte. Indessen lag, unklar allerdings und mehr erstrebt als erreicht, eine ahnungsvolle Macht darin, die einen nicht mehr losließ, bis man sich halb wider Willen gelobte, um jeden Preis hinter Sinn und Bedeutung des erstaunlichen Bildes zu kommen. Wieder und wieder durchzuckte es einen wie eine Erleuchtung, sie führte jedoch immer tiefer in die Irre. – Das Schwarze Meer in mitternächtlichem Sturm? – Nein, ein widernatürlicher Kampf der vier Urelemente? – Eine verdorrte Heide vielleicht? – Eine hyperboräische Winterlandschaft? – Auf dem Strom der Zeit bricht das Eis? – Zuletzt aber zerschellen alle Vermutungen an dem einen ungeheuren Etwas in der Mitte. Hat man das erst enträtselt, dann muss sich alles Übrige von selbst ergeben. Gemahnte es nicht von fern an einen riesenhaften Fisch? Sollte es gar ein Leviathan selbst sein?

   Der Künstler hatte wohl tatsächlich Folgendes darstellen wollen, und dies ist nun endgültig meine Theorie, wie ich sie mir im Gespräch mit etlichen alten Leuten aus deren Ansichten und meinen eigenen Erwägungen zurechtgelegt habe. Das Bild stellte einen Kap Horn-Fahrer im Orkan dar. Von dem sinkenden Segler sind in den kochenden Wogen nur die drei nackten Masten zu sehen. Ein wütender Wal, der mit einem Satz über das Schiff hinweg will, gerät dabei in die Toppen und spießt sich grauenhaft an ihnen auf.

   Die gegenüberliegende Wand des Hausflurs war über und über mit ungefügen Keulen und Speeren bedeckt, das reine Heiden-Zeughaus. Einige, dicht mit blinkenden Zähnen gespickt, sahen aus wie beinerne Sägen, andere hatten zum Zierrat ein Büschel Menschenhaar. Auch eine sichelförmige Waffe mit mächtigem Stiel war darunter, mit der konnte man einen Kreissektor umschreiben, wie ihn ein langarmiger Mäher ins frische Gras einzeichnet. Mir grauste, als ich länger hinsah. Was für ein scheußlicher Wilder, was für ein Kannibale hatte wohl mit dieser schauerlichen Sense seine Totenernte gemäht. Dazwischen hingen rostige, alte Wal-Lanzen und Harpunen ganz und gar verbogen und zersplittert. Einige davon waren berühmte Stücke. Mit der ursprünglich sehr langen Lanze da, jetzt beinahe rechtwinkelig geknickt, hatte vor fünfzig Jahren Nathan Swan zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang fünfzehn Wale zur Strecke gebracht. Jene zum Korkenzieher zusammengedrückte Harpune war in den japanischen Gewässern geschleudert und von dem getroffenen Wal entführt worden, den man erst Jahre darauf bei Kap Blanco erlegte. Die Waffe war an der Schwanzfinne eingedrungen und dann wie eine Nadel, die in den menschlichen Körper gerät, ruhelos gewandert, ganze vierzig Fuß bis man sie schließlich im Höcker eingebettet wieder fand.

   Ein gewölbter niedriger Gang, der wohl vor Zeiten durch einen großen allgemeinen Rauchfang für sämtliche anliegenden Kamine durchgebrochen worden war, führt aus dem halbdunklen Hausflur in die Gaststube. Hier ist es noch dunkler. Zu den Häupten hängen die schweren Deckenbalken so tief herab, zu Füßen sind die abgetretenen Planken so rissig, dass man sich in die Kajüte einer alten Brigg versetzt fühlt, besonders an einem solchen Abend, wo der Sturm heult und unsere schlecht verankerte Arche in ihren Grundfesten erbebt. Auf der einen Seite steht ein langer, niedriger Tisch, eigentlich mehr ein Bord, mit mehreren gesprungenen Glaskästen darauf, worin verstaubte Raritäten aus den entlegensten Winkeln der weiten Welt zur Schau liegen. Aus einer andern Ecke springt ein finsteres Gehäuse vor, der Schanktisch, die rohe, unbeholfene Nachbildung eines Walkopfes. Darüber wölbt sich ein Walkiefer in so riesigem Bogen, dass beinahe eine Kutsche hindurch fahren könnte. Und darunter stehen ein paar armselige Börter mit alten Flaschen und Phiolen. Mitten unter dem mörderisch zupackenden Rachen ist – ein zweiter gottgejagter Jonas (er wird auch richtig bei diesem Namen gerufen) – ein runzeliges, altes Männchen eilfertig beflissen, den Seeleuten für teures Geld Tod und Delirium auszuschenken. Niederträchtig sind die Gläser, in die er sein Gift ausgießt. Ein regelrechter Zylinder von außen, innen aber verjüngt sich der Raum nach unten und endet in einem knallgrünen, reichlich dicken Boden. Diese Gaunerpokale sind mit roh eingeritzten Parallelkreisen umzogen. Bis zum ersten kostet´s nur einen Penny, bis zum nächsten einen mehr und so weiter bis oben hin zum „Kap Horn Maß“, das man sich für einen Schilling hinter die Binde gießen kann.

   Als ich eintrat, saßen ein paar junge Matrosen um einen Tisch und besahen sich bei trübem Kerzenlicht allerlei Schnitzwerk aus Muscheln und Walbein, wie es Seeleute in ihren Freiwachen an Bord verfertigten. Ich ging auf den Wirt zu und fragte nach einem Zimmer, bekam aber zur Antwort, das Haus sei voll besetzt, kein Bett sei mehr zu haben. „Doch halt“, er tippte sich an die Stirn –, „haben Sie was dagegen, bei einem Harpunier mit im Bett zu schlafen? Sie wollen doch auch auf Walfang, nicht? Da gewöhnen Sie sich beizeiten an so was:“

   Noch nie hätte ich gern zu zweit unter einer Decke geschlafen, erwiderte ich. Sollte ich mich aber dazu bequemen, dann käme es darauf an, was wieder der Harpunier für ein Bursche sei. Habe er – der Wirt – sonst wirklich keinen Platz und dem Harpunier sei nichts Schlimmes nachzusagen, nun ja, dann wollte ich lieber mit einem anständigen Kerl halbpart machen, als in der bitterkalten Nacht noch länger durch die fremde Stadt laufen.

   „Hab ich mir gedacht. All right, nehmen Sie Platz. Wollen Sie noch etwas essen? Abendbrot kommt sofort“.

   Ich setzte mich auf eine alte Holzbank, die an allen Ecken und Enden zerschnitzelt war, ganz wie die Bänke auf der Battery in New York. An der einen Kante saß vornübergebeugt und ganz vertieft eine Teerjacke. Der gute Mann wollte mit seinem Brotmesser die Bank noch schöner machen und bosselte zwischen seinen Beinen emsig vor sich hin. Ein Schiff unter vollen Segeln sollte es werden, doch mir schien, er kam nicht recht von der Stelle damit.

   Schließlich wurden wir zu viert oder fünft nach nebenan zum Essen geholt. Eine Bärenkälte herrschte dort. Es war überhaupt nicht geheizt, der Wirt behauptete, er könne sich das nicht leisten. Nur zwei grämliche Unschlittkerzen brannten, jede in einem Talgrest. Eilig knöpften wir uns die Jacken bis oben zu und waren froh, als wir mit unsern steifen Fingern den kochend heißen Tee glücklich an die Lippen gebracht hatten. Aber zu essen gab´s reichlich – nicht nur Fleisch und Kartoffeln, nein, auch noch Klöße. Alle Wetter, Klöße zum Abendbrot! Ein junger Kerl in grünem Kutschermantel hieb denn auch ganz mörderisch ein.

   „Junge, Junge“, sagte der Wirt, „dir wird noch himmelangst heut Nacht. Sollst mal sehen.“

   „Herr Wirt“, flüsterte ich ihm zu, “das ist doch nicht der Harpunier?“

   „Nee, nee“; sagte der und macht ein ganz verteufeltes Gesicht, „der Harpunier, das ist gar kein Weißer. Der isst keine Klöße – der nicht! Der isst nur Beefsteak, je roher, je lieber.“

   „Teufel auch! Wo steckt er denn eigentlich? Doch nicht hier?“

   „Wird schon kommen.“

   Ich kann mir nicht helfen: dieser Harpunier, der „gar kein Weißer ist“, – mir ist er nicht geheuer. Wenn wir wirklich zusammen schlafen müssen, dann soll er sich jedenfalls zuerst ausziehen und in die Federn kriechen. Das nahm ich mir fest vor.

   Als wir fertig gegessen hatten, gingen meine Tischgenossen wieder in die Schankstube, und da ich nichts weiter mit mir anzufangen wusste, entschied ich mich dafür, den Abend als Zuschauer zu beschließen.

   Da wurde es laut auf der Straße. Der Wirt horchte auf: “Das sind die von der ‚Grampus’. Heut morgen ist sie hereinbugsiert. Ein Vollschiff, drei Jahre unterwegs, und voll bis unter die Luken. Jungens, jetzt gibt´s was Neues von den Fidschis!“

   Schwere Seestiefel stampften über den Flur, und eine Rotte Matrosen kam hereingeschlingert. In ihren zottigen Mänteln, einen Wollschal um den Kopf, zerlumpt und geflickt von oben bis unten, mit steif gefrorenen Bärten voller Eiszapfen, so brachen sie gleich einer Horde Eisbären aus Labrador herein. Sie kamen geradewegs von Bord, dies war das erste Haus, das sie betraten. Kein Wunder also, dass sie direkt auf den Walfischrachen lossteuerten, wo der verhutzelte Jonas seines Amtes waltete und der ganzen Bande alsbald das Glas bis zum Rand voll schenkte. Einer klagte, ihm rumore ein böser Schnupfen im Kopf, worauf Jonas ihm aus Sirup und Wacholder eine pechschwarze, zähe Mixtur zusammenbraute und sich heilig verschwor, für Katarrh und Erkältung jeder Art sei dies die beste Kur, auch für den hartnäckigsten Husten, einerlei ob er von der Küste Labradors oder der Luvseite eines Eisbergs stammte.

   Bald stieg ihnen der Schnaps zu Kopf – wie das selbst bei erprobten Zechern nicht ausbleiben kann, wenn sie frisch von der See hereinkommen – und es erhob sich ein toller Radau.

   Indessen bemerkte ich, wie einer von ihnen sich etwas zurück hielt. Zwar lag ihm offensichtlich daran, den beschwingten Kumpanen durch seine nüchterne Miene nicht die Stimmung zu verderben, doch verhielt er sich im Ganzen stiller als die andern. Der Mann fiel mir sofort auf, und da die Meergötter ihn mir zum Schiffskameraden beschieden hatten, wie sich bald herausstellte – in dieser Geschichte bleibt er allerdings nur mein stiller Gesellschafter. – So wage ich den Versuch, ihn etwas näher zu beschreiben. Er maß seine vollen sechs Fuß, hatte prachtvolle Schultern und eine Brust so breit wie eine Schleusenkammer. Selten habe ich einen so muskulösen Menschen gesehen. Das Gesicht war braun gebrannt, blendend leuchteten die Zähne daraus hervor. Auf dem Grunde seiner dunklen Augen aber wohnten Schatten, schweifende Erinnerungen, an denen er wohl nicht viel Freude hatte. Man hörte ihm sofort an, dass er aus den Südstaaten kam; seiner schönen Gestalt nach mochte er einer von den hoch gewachsenen Bergbewohnern aus Virginia sein. Als die Zecherei auf dem Höhepunkt war, verschwand er unbemerkt. Ich habe dann nichts mehr von ihm gesehen, bis er auf See mein Kamerad wurde. Nach ein paar Minuten vermissten ihn seinen Genossen, bei denen er, weiß der Himmel warum, ungeheuer beliebt zu sein schien, und sie erhoben ein großes Geschrei: “Bulkington! Bulkington! Wo ist Bulkington geblieben?“ Damit stürmten sie ihm nach auf die Straße.

   Es war jetzt gegen neun Uhr, nach der wüsten Sauferei kam mir die Wirtsstube beinahe übernatürlich still vor. Zum Glück hatte ich mir, kurz ehe die Matrosen hereingekommen waren, etwas zurechtgelegt, was mir jetzt mehr und mehr einleuchtete.

   Niemand teilte gern sein Bett mit einem anderen, und wenn´s der leibliche Bruder wäre. Ich weiß nicht, wie es kommt: wenn man schläft, ist man am liebsten allein. Trifft sich´s nun aber, dass man in einer fremden Stadt im fremden Gasthaus mit einem unbekannten Fremden zusammen übernachten soll, und der Fremde ist obendrein Harpunier, so wachsen die Bedenken ins Ungemessene. Es war auch gar nicht einzusehen, warum ich als Seemann nicht mein Bett für mich haben sollte. Nie im Leben schlafen auf See die Matrosen zu zweit, so wenig wie auf dem Lande ein unbeweibter König. Natürlich schlafen sie alle in einem Raum zusammen, aber jeder hat seine Hängematte für sich und legt sich unter seiner eigenen Decke auf die eigene faule Haut.

   Je mehr ich nun über diesen Harpunier hin und her sann, desto widerwärtiger war mir der Gedanke, mit ihm zusammen zu schlafen. Ich konnte mit Fug annehmen, dass er bei seinem Gewerbe nicht gerade die sauberste Wäsche trug und ganz gewiss nicht die feinste. Mir kribbelte es schon an allen Gliedern, außerdem war es spät. Als anständiger Mensch müsste mein Harpunier jetzt zu Hause sein und ans Zubettgehen denken. Wenn er nun um Mitternacht zu mir herein getaumelt kommt! Wie soll ich wissen, in was für einem Loch er vorher gesteckt hat?

   „Herr Wirt! Ich habe mir´s anders überlegt. Mit dem Harpunier schlaf ich nicht. Es geht ebenso gut hier auf der Bank“.

   „Oh, bitte! Schade bloß, dass ich kein Tischtuch über das hab, das ginge sonst fein als Matratze. Das Brett ist höllisch uneben.“ Dabei strich er mit der Hand über die Knubben und Spalten. „Warten Sie mal, Sie Pütjermichel, ich hab ’nen richtigen Tischhobel in der Theke – passen Sie auf, Sie kriegen es noch ganz mollig“. Gesagt, getan. Er suchte den Hobel hervor und staubte erst einmal mit seinem alten seidenen Taschentuch die Bank gehörig ab. Dann machte er sich daran, mir aus Leibeskräften mein Bett zu Recht zu hobeln, und grinste dazu von einem Ohr bis zum andern. Nach rechts und links flogen die Späne, und endlich fuhr das Hobelmesser gegen einen Knorz, der nicht klein zu kriegen war. Aufs Haar hätte der Wirt sich die Hand verstaucht. Ich sagte, er solle um Himmels willen aufhören, das Bett sei mir schon weich genug; aus Tannenholz würden doch niemals Eiderdaunen, und wenn er hobelte, bis er schwarz würde. Da kehrte er grinsend die Späne zusammen und schüttete sie in den großen Ofen mitten in der Stube, worauf er sich hinter seinen Schanktisch verzog und mich in tausend Sorgen sitzen ließ.

   Ich maß die Bank aus, sie war einen ganzen Fuß zu kurz, doch dem war mit einem Stuhl abzuhelfen. Aber auch in der Breite fehlte ein Fuß; dafür war die zweite Bank in der Gaststube gut vier Zoll höher: die beiden wollten durchaus kein Gespann abgeben. Ich rückte deshalb die erste Bank an die einzige Stelle, wo noch Platz war, an die Wand also, und ließ einen schmalen Spalt frei, damit mein Rücken irgendwo unterkommen könnte. Bald aber zeigte sich´s, dass es über mich hinweg eiskalt durchs Fenster herein blies. Mit dem Bett auf der Bank war´s also nichts, um so weniger, als auch die wackelige Tür gegenüber nicht eben dicht schloss; wo von hüben und von drüben die Luftströme aufeinander prallten, entstand fortwährend ein kleiner Wirbelwind, gerade da, wo ich die Nacht verbringen wollte.

   Der Teufel soll den Harpunier herbei schaffen, dachte ich in meinem Sinn. Aber halt, wie wär´s, wenn ich ihm ein bisschen zuvor käme? Ich verriegle die Tür von innen und steig einfach ins Bett. Dann mag der Sturm klopfen, ich stell mich taub. Der Plan war nicht schlecht. Bei näherer Überlegung aber musste ich ihn mir dennoch aus dem Sinn schlagen. Wenn ich nun morgen früh den Kopf zur Tür hinausstrecke, wer bürgt mir dafür, dass mein Harpunier nicht dort steht und mich totschlägt?

   Noch einmal sah ich mich um: nirgends eine Gelegenheit, die Nacht erträglich zuzubringen, es sei denn, mit einem anderen zusammen. Ob ich nicht doch grundlose Vorurteile gegen den unbekannten Harpunier hege? Warten wir noch ein Weilchen, denk ich, lange kann er nicht mehr ausbleiben. Dann seh ich ihn mir gründlich an, wer weiß, am Ende vertragen wir uns ganz gut im Bett.

   Die anderen Logiergäste kamen nun herein, einer nach dem andern, allein, zu zweit, zu dritt – von meinem Harpunier keine Spur.

   „Herr Wirt“, sag ich endlich, „was ist denn das für ein Kerl? Kommt er immer so spät nach Haus?“ Es ging schon bald auf Mitternacht.

Der Wirt stimmte wieder sein dünnes kleines Gemecker an. Irgendetwas machte ihm offenbar einen Heidenspaß, was blieb mir dunkel. „Nee“, sagt er, „für gewöhnlich ist er früh – früh in der Falle und früh wieder raus – Morgenstund hat Gold im Munde. Doch heute Abend ist er mit Ware unterwegs, weiß der Kuckuck, was er solange macht. Vielleicht wird er seinen Kopf nicht los:“

   „Seinen Kopf nicht los? Erzählen Sie mir doch keine Geschichten!“ Ich wurde wütend. „Wollen Sie tatsächlich damit sagen, Herr Wirt, dass dieser Harpunier heute am heiligen Sonnabend oder vielmehr Sonntagmorgen mit seinem Kopf in der Stadt hausieren geht?“

   „Ja, ja, so ist es“, sagte der Wirt, „dabei hab ich ihm doch gesagt, hier würd’ er ihn nicht los, der Markt ist ja überschwemmt damit.“

   „Womit?“ schreie ich ihn an.

   „Sie hör´n ja, mit Köpfen. Es gibt doch viel zu viele Köpfe auf der Welt.“

   „Ich will Ihnen was sagen, Herr Wirt“ – ich spreche ruhig. „Das können Sie andern erzählen, nicht mir. Ich bin kein grüner Junge mehr.“

   „Grün wohl nich’“ – er nimmt einen Stock und schnippelt sich einen Zahnstocher zurecht. „Braun und blau werden Sie gehauen, wenn Sie dem Harpunier seinen Schädel madig machen, da machen Sie sich man drauf gefasst.“

   „Einschlagen werde ich ihm seinen Schädel!“ Langsam macht der Unsinn mich rasend.

   „Der ist schon kaputt“, sagt er.

   „Kaputt? Was soll das heißen?“

   „Das ist es ja gerade; darum wird er ihn nicht los, denk ich mir.“

   „Herr Wirt!“ Ich gehe auf ihn zu, eisig wie der Hekla im Schneesturm und sage? „Nun aber Schluss mit dem Zahnstocher“, sag ich, „wir beiden müssen jetzt klar kommen und das sofort. Da steh ich in ihrem Gasthaus und verlange ein Bett. Sie können mir nur ein halbes geben, weil die andere Hälfte einem gewissen Harpunier gehört. Und von diesem Harpunier, den ich noch nie gesehen habe, erzählen sie mir eine düstere Geschichte nach der andern, dass mir die Haare zu Berge stehen. Mir wird ja angst und bange vor dem Menschen; mit dem soll ich ein Bett teilen? Das ist doch eine zu nahe und vertrauliche Beziehung zu einem Menschen, meinen Sie nicht auch, Herr Wirt? Also heraus mit der Sprache! Was ist´s mit diesem Harpunier? Bin ich meiner Habe und meines Lebens überhaupt sicher, wenn ich mit ihm zusammen übernachte? Vor allem nehmen Sie das mit dem Kopfhausieren gefälligst zurück. Wo nicht, so ist der Harpunier total verrückt, und ich denke nicht daran, mit einem Wahnsinnigen in einem Bett zu schlafen. Und Sie, Herr – jawohl, Herr Wirt, Sie sind gemeint – wenn Sie mich wissentlich in eine solche Lage bringen, dann gehören Sie vor Gericht, verstanden?“

   „Na, na“, sagt der Wirt und holt tief Atem“, das war ´ne lange Predigt für einen armen Kerl, der ab und zu auch gern mal sein Vergnügen hat. Immer sachte! Der Harpunier, von dem ich erzähl, kommt frisch von der Südsee und hat ´n Haufen einbalsamierte Neuseelandköpfe mit, große Kuriositäten, kann ich Ihnen sagen. Die hat er da aufgekauft und ist sie auch richtig alle losgeworden, bis auf einen. Mit dem versucht er´s heut Abend, weil doch morgen Sonntag ist, und wenn sie alle in die Kirche gehen, dann ist´s so ’ne Sache mit der Kopfhökerei. Letzten Sonntag wollte er wahrhaftig damit los und hatte auch schon vier Köpfe wie die Zwiebeln auf´n Bindfaden aufgezogen, aber wie er in der Tür steht, hab ich ihn gerade noch davon abgebracht.

   Dieser Bericht klärte wenigstens das Unbegreifliche auf und zeigte, dass der Wirt mir schließlich doch nichts hatte aufbinden wollen – was aber sollte ich von einem Harpunier denken, der sich am Sonnabend bis in den heiligen Sonntag hinein in so kannibalischen Geschäften draußen herumtrieb und Köpfe von toten Heiden feilhielt?

   „Glauben Sie mir, Herr Wirt, der Harpunier ist ein gefährlicher Patron.“

   „Zahlen tut er prompt“, war die Antwort. „Nun aber in die Falle. Bei keinem wird’s spät. Das Bett ist gut, da hab ich die erste Nacht mit meiner Sara drin geschlafen, als wir Mann und Frau wurden. Zwei können bequem drin rumwühlen, ein allmächtiges Bett ist das. Bevor wir das neue kriegten, hat Sara auch noch unseren Sam und den lütten Johnny mit ans Fußende gepackt. Da hab ich mal schwer geträumt in der Nacht und muss ja wohl alle Viere von mir gestreckt haben, denn mit einem Mal landet Sam auf dem Fußboden und hat sich beide Arme gebrochen. Danach hat Sara gemeint, nun ginge es nicht mehr. Kommen Sie her, ich mach ihnen Licht.“ Damit zündete er eine Kerze an, reichte sie mir hin und erbot sich voranzugehen. Allein ich konnte mich nicht entschließen. Sein Blick fiel auf die Uhr, die in der Ecke stand. „Nanu, schon Sonntag! Ja, denn kriegen Sie den Harpunier heut Nacht nicht mehr zu sehen, der ist irgendwo vor Anker gegangen. Kommen Sie man mit. Oder wollen Sie nicht?“

   Einen Augenblick überlegte ich mir´s noch, dann gingen wir hinauf. In der Kammer, die er mir anwies, war´s klamm wie in einer Austernschale. Aber ein Bett stand darin, so allgewaltig, dass wohl vier Harpuniere nebeneinander drin Platz gehabt hätten.

   „Da wären wir“, sagte der Wirt und stellte den Leuchter auf eine etwas brüchige alte Schiffskiste, die zugleich als Tisch und als Waschgelegenheit diente. „So, nun machen Sie sich´s gemütlich, gute Nacht.“ In den Anblick des Bettes vertieft, drehte ich mich zu spät nach ihm um. Er war verschwunden.

   Ich schlug die Decke zurück und beugte mich über das Bett. Zu den elegantesten gehörte es nicht, konnte sich aber einigermaßen sehen lassen. Dann sah ich mich in der Kammer um. Außer Bett und Tisch war kein anderes Möbel zu erblicken als ein grob gezimmertes Bord, die vier Wände und ein tapezierter Kaminschirm mit einem Mann drauf, der einen Wal erlegt. Nicht eigentlich in die Kammer gehörten eine gezurrte Hängematte, die in einer Ecke am Boden lag, und ein großer Seesack – ihr Landratten habt statt dessen einen Koffer – mit der Ausrüstung eines Harpuniers. Außerdem fand sich auf dem Kaminsims noch ein Packen fremdländischer beinerner Angelhaken, und am Kopfende des Bettes stand eine lange Harpune.

   Doch was ist das da auf der Schiffskiste? Ich nahm es in die Hand und hielt es ans Licht, befühlte es, beroch es und suchte auf alle Weise heraus zu bekommen, was es wohl sein könnte. Es war nur mit einer größeren Fußmatte zu vergleichen. An den Ecken war es mit klingelnden Stäbchen verziert, etwa wie die getupften Stachelschweinkiele an einem Indianermokassin; in der Mitte war ein Loch wie der Kopfschlitz an einem südamerikanischen Poncho. War es denn menschenmöglich, dass ein ehrbarer Harpunier sich eine Fußmatte überzog und in solchem Aufzug die Straßen einer christlichen Stadt unsicher machte? Ich schlüpfte in den Schlitz, um zu sehen, wie so ein Gewand mich kleide. Schwer wie eine Kiepe lag es mir auf den Schultern, so dick und zottig war es, auch kam es mir ein bisschen feucht vor, als hätte der geheimnisvolle Harpunier es bei schlechtem Wetter angehabt. Ich ging damit vor die Spiegelscherbe, die an der Wand klebte. So etwas hatte ich mein Lebtag nicht gesehen! Hastig zerrte ich den Kopf wieder heraus und verrenkte mir beinah den Hals dabei.

   Nun setzte ich mich auf die Bettkanten und fing an nachzudenken, über den Kopfhausierer und über seine Fußmatte. Nachdem ich auf der Bettkante ein Weilchen nachgedacht hatte, erhob ich mich und zog mir die Jacke aus. Da stand ich mitten in der Kammer und dachte weiter nach. Dann zog ich den Rock aus und dachte mir noch dies und das in Hemdsärmeln dazu. Allmählich fror ich wie ein Schneider, halb nackt wie ich war, und da der Wirt ja gesagt hatte, der Harpunier würde so spät in der Nacht doch nicht mehr nach Hause kommen, hielt ich mich nicht mehr lange auf, fuhr aus der Hose und Stiefeln, blies das Licht aus und stolperte ins Bett, wo ich mich dem Schutze des Himmels anbefahl.

   Ob die Matratze mit Maiskolben oder mit irdenen Scherben gestopft war, bleibe dahingestellt. Jedenfalls wälzte ich mich beständig umher und konnte lange nicht einschlafen. Schließlich segelte ich aber doch ab und war schon beinah weg, da hörte ich schwere Schritte auf dem Flur, und durch die Türritze fiel ein Lichtschein herein.