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Eine Falle für den faulen Paul

 

 

Ein Buch für Lese-Piraten

 

 

von

 

Bruderlustig

 

 

 

Impressum

 

 

Cover: Karsten Sturm, Chichili Agency

© 110th / Chichili Agency 2014

EPUB ISBN 978-3-95865-205-7

MOBI ISBN 978-3-95865-206-4

 

 

 

 

Urheberrechtshinweis:

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency” reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

 

Inhalt

 

Ein neuer Auftrag für den faulen Paul und die Zeitpiraten! Sie müssen in der kleinen Stadt Amelung den verschwundenen Schriftsteller Loderhose und sein Abenteuerbuch suchen. Eine neue spannende Zeitreise beginnt – doch diesmal wird es richtig brenzlig:

Die Zeitpiraten werden durch einen hinterhältigen Zaubertrick in Steinsäulen verwandelt. Kann der faule Paul sie retten?

 

 

 

Das bin ich

 

Hallo, ich bin der faule Paul. Alle nennen mich so – weil ich gerne faul auf dem Sofa liege und lese. Aber das täuscht. Sooo faul bin ich nicht. Denn heimlich erlebe ich spannende Abenteuer, zusammen mit den Zeitpiraten. Diesmal geht es um ein verschwundenes Abenteuerbuch. Und eine ganz fiese Falle für uns. Dabei bin ich richtig verzaubert worden ...

Kapitel 1

 

Meine Abenteuer mit den Zeitpiraten fangen alle so an: Irgendwann liege ich auf dem Sofa und lese mein Piraten-Buch. Das ist mir lieber als aufräumen oder Hausaufgaben machen – so viel Faulheit gönne ich mir. Deshalb nennen mich auch alle den faulen Paul. Naja, was soll‘s? Und während ich so liege und das Buch der Zeitpiraten lese, kommt plötzlich der Zeigefinger von Palle Piks aus dem Buch heraus. Der Zeitpirat piekst ins magische Fettauge und holt mich an Bord des Schiffes Pustelfisch.

Das magische Fettauge ist ein tolles Teil. Es sitzt in einem Rotweinglas, und wenn die Zeitpiraten eine ihrer Landkarten aus fernen Zeiten und fremden Ländern danebenlegen, dann dreht es sich im Glas, schaut auf die Stelle, auf die man zeigt – und los geht die Zeitreise.

Die Zeitpiraten holen mich mit dem Fettauge auf ihr Schiff und ich sehe sie alle wieder. Da stehen sie dann in der Kajüte des Kapitäns und grinsen mich an:

Kapitän Hannibal Holzfuß: Groß, mit mächtigem Bauch und einem Bart, der aussieht wie schwarzes Urwaldgestrüpp mitten im Gesicht.

Kalle, der immer mürrisch dreinschaut, aber ein lieber Kerl ist, mit seinen beiden Holzbeinen.

Palle, der ängstliche Zeitpirat, der immer eine Augenklappe herunter geklappt hat – und manchmal sogar zwei. Obwohl er eigentlich gut sieht.

Und Olaf, klar, den Papagei darf ich nicht vergessen. Der hat uns mit seinen Duftwolken, die jeden umhauen, schon ein paar Mal aus der Patsche geholfen.

Wir umarmen uns. Hannibal sagt: „Ich soll dir schöne Grüße von der Eisprinzessin ausrichten. Sie bedankt sich sehr für deine Hilfe. Die Geschichte mit Killerich hat ihr sehr gut gefallen. Sie ist schon ein ganzes Stück aufgetaut.“

Darüber freue ich mich sehr – schließlich sammeln die Zeitpiraten Geschichten für die Eisprinzessin. Wir erleben sie, Hannibal tippt sie, und Olaf bringt sie der Eisprinzessin. Wenn sie die Geschichten liest, taut sie immer ein bisschen auf. Der böse Krähenkönig hat sie nämlich ins Ewige Eis verbannt. Ohne Geschichten würde die Prinzessin ganz zu Eis erstarren.

Ich will ihr unbedingt helfen. Sie soll wieder gesund werden und ihr Königreich zurückbekommen, das ihr der Krähenkönig gestohlen hat. Deshalb erleben wir Abenteuer.

 

Kapitel 2

 

„Und wo geht es jetzt hin?“, frage ich. Ich bin gespannt, was uns dieses Mal erwartet. Auf jeden Fall freue ich mich, wieder an Bord zu sein. Ich liebe das sanfte Schaukeln des Schiffes auf den Wellen, den Geruch von Holz, Teer und Meer. Und den Wind in meinen Haaren – obwohl er meine Frisur durcheinanderwirbelt. Verwuschelte Haare mag ich normalerweise gar nicht und kämme mich mindestens sieben Mal am Tag. Aber wenn ich mit den Zeitpiraten unterwegs bin, ist mir das egal.

„Und wo geht es jetzt hin?“, frage ich noch einmal, weil mir niemand geantwortet hat. „Ach so, klar, das habe ich dir ja noch gar nicht verraten“, sagt Hannibal Holzfuß und angelt einen zusammengefalteten, lilafarbenen Brief aus der Tasche seiner Piratenhose. Er setzt seine goldene Halbmondbrille vorne auf die Nasenspitze und sagt: „Wir haben einen Brief bekommen – von, äh, hier steht es, Emily Loderhose.“

„Hihi, komischer Name“, kichert Palle.

Holzfuß sagt streng: „Über Namen lacht man nicht. Da kann niemand etwas dafür.“

Palle zieht eine Flappe und klappt auch die zweite Augenklappe herunter. Er setzt sich an den Tisch und schmollt.

„Ehm, nun ja, etwas komischer Name, zugegeben, aber eine ernste Geschichte“, sagt Holzfuß und kratzt sich am Bart. „Aber so schlimm ist es auch wieder nicht gewesen, dass du dich gleich hinter deinen Augenklappen verkriechen musst, Palle“, sagt Holzfuß versöhnlich.

Palle klappt zaghaft eine Augenklappe wieder hoch. Ich lächle ihm aufmunternd zu. Weil der ängstliche Pirat ein Herz aus Gold hat, im rechten Moment mutig sein kann wie ein Löwe und seine Freunde verteidigt. Ich habe es selbst erlebt.

Holzfuß fährt fort: „Frau Loderhose wohnt in Amelung. Das ist eine kleine Stadt irgendwo in der Nähe.“

Holzfuß hält den Brief besser ans Licht, das in schrägen Strahlen durch das Bullauge fällt. „Im Jahr 1883. Da fliegen wir jetzt hin. Bereit?“

Wir nicken alle, selbst Olaf.

Der Kapitän nimmt die rußende Petroleumlampe vom Tisch herunter und geht an seine Schrankwand, die von der Planke bis zur Decke aus Röhren besteht. Darin sind ganz viele Landkarten. Aus allen Ländern zu allen Zeiten. Holzfuß schwenkt die Petroleumlampe davor auf und ab und sucht die passende Landkarte. Schließlich zieht er eine zusammengerollte Karte aus einer Röhre.

„Amelung im Jahr 1883“, sagt Hannibal Holzfuß zufrieden und breitet die Landkarte auf dem Tisch aus.

„Hast du denn jede Stadt in jedem Jahr?“, frage ich neugierig.

„Ja, sieht so aus“, nickt der Kapitän der Zeitpiraten.

„So viele sind das doch gar nicht“, sage ich.

„Das passt schon“, schmunzelt Holzfuß. „Bei uns gehen solche Sachen ein wenig anders zu als in eurer Welt.“

Klar, das weiß ich. Wenn ich mit den Zeitpiraten unterwegs bin, dann vergeht in meiner Welt kaum Zeit.

Ich sage: „Manchmal denke ich, ihr seid Zauberer.“

Holzfuß lacht: „Nenn es, wie du willst. Magier, Zauberer, Zeitreisende. Das sind doch alles nur Namen.“

„Warum zaubert ihr euch nicht einfach ein paar Geschichten zusammen für die Eisprinzessin? Das wäre doch leichter, als selbst welche zu erleben?“, frage ich.

Holzfuß sieht mich streng an, dann fragt er: „Was hast du in deinem ersten Abenteuer mit uns gelernt?“

Ich zögere kurz, dann sage ich: „Ich habe gelernt, dass die spannendsten Abenteuer die sind, die man selbst erlebt.“

„Genau“, nickt Holzfuß, „wenn du spannende Abenteuer erzählen willst, musst sie selbst erleben. Und nicht nur darüber lesen. Oder sie dir zusammenzaubern. Alles klar?“

Ich nicke: „Alles klar.“

Hannibal Holzfuß stellt das magische Fettauge in dem Rotweinglas auf die Landkarte, tippt mit dem Finger auf die Stadt Amelung. Das magische Fettauge dreht sich langsam in dem Glas, bis es die eingezeichnete Stadt anschaut – und ab geht die Zeitreise. Das kleine Schiff Pustelfisch erstrahlt in einem blauen Licht und wirbelt herum. Ich halte mich am Tisch fest, der zum Glück an die Planken geschraubt ist. Irgendwo im Büfett des Kapitäns klirren leise Gläser aneinander. Die Pustelfisch bewegt sich schnell. Sie ist ein ganz kleines Schiff, für das wir nur ein paar Schritte von Reling zu Reling brauchen. Und vom Bug bis zu Heck nicht viel mehr. Und sie hat nur ein Segel, das sich vom einzigen Mast bis zum Bugspriet spannt. Das reicht zum normalen Segeln. Und für die Zeitreisen nehmen wir sowieso nicht das Segel. Sondern das magische Fettauge.

 

Kapitel 3

 

Als das Schiff stillsteht, schauen wir aus den Bullaugen – und sehen nicht viel. Um uns herum ist dichtes Schilf. Kapitän Holzfuß nickt zufrieden: „Das ist wirklich ein guter Platz. Da findet uns niemand.“

„Worum geht es denn, in Amelung im Jahr 1883?“, frage ich.

„Ach ja“, antwortet der Kapitän zerstreut, „das weißt du ja noch gar nicht.“

Er öffnet den Brief noch einmal. „Frau Loderhoses Mann und sein Abenteuerbuch sind verschwunden. Sie bittet uns um Hilfe.“

„Aha“, antworte ich, „und wie kommt so ein Brief aus dem Jahr 1883 zu euch auf die Pustelfisch?“

Hannibal Holzfuß schaut mich über den Rand seiner Brille an: „Jeder Brief, der uns erreichen soll, der erreicht uns auch. Beim Klabautermann.“

„So ist das also“, antworte ich.

Offensichtlich will Holzfuß mir nicht mehr verraten.

Kapitel 4

 

Ehe wir zu Fuß in die Stadt Amelung aufbrechen, stärken wir uns erst einmal. Es gibt Bohnensuppe, das Lieblingsessen von Olaf Olsson, dem Papagei. Damit verfügt er über Nachschub für seine äußerst wirkungsvollen Puster – wie Palle die Pupse des Papageis nennt. Wenn Olaf abbläst, hält es niemanden mehr auf den Beinen. Haut jeden um. Das habe ich in meinem ersten Abenteuer mit Killerich schon erlebt.

Palles Bohnensuppe schmeckt wie immer vorzüglich, er ist ein guter Koch.

Nach dem Essen erkunden wir Amelung. Holzfuß und ich gehen auf einem Feldweg bis vor die Tore der Stadt. Die Straßen sind nicht befestigt, sondern staubig, Autos sehe ich keine. Die Menschen laufen oder fahren mit der Pferdekutsche. Sie sind komisch gekleidet: Frauen tragen farbenfrohe, lange Kleider. Wenn sie gehen, heben sie mit den Händen elegant den unteren Teil der Röcke hoch – damit sie nicht drauftreten. Auf den Köpfen tragen sie weit ausladende Hüte, meist mit Federbüscheln verziert. Die Männer tragen schwarze Anzüge, lange, schwarze Gehröcke, manche Frack und hohe Zylinder. Die Menschen sind zu beschäftigt, um uns zu bemerken.

Wir gehen weiter, plötzlich rempelt uns ein dicker, schwitzender Mann mit blondem Walrossbart an.

„So passt doch auf!“, faucht er uns an, obwohl wir ja wirklich nichts dafür können, wenn er uns in den Weg läuft und uns anrempelt.

Der Dicke hetzt weiter. Die Männer ziehen den Hut vor ihm, die Frauen knicksen.

Scheint wichtig zu sein, der Herr. Wahrscheinlich war er deshalb so sauer, dass wir nicht sofort zur Seite gesprungen sind, als er herbeiwalzte.

„Weißt du, wo Frau Loderhose wohnt?“, frage ich Hannibal Holzfuß.

„Hohlweg 7“, antwortet der Kapitän.

„Wird wohl nicht mitten in der Stadt sein“, sage ich.

„Stimmt“, nickt Holzfuß und streicht sich nachdenklich mit der Hand über den Bart. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ Hannibal schaut sich um. „Komm, wir fragen da mal nach.“

Er zeigt auf ein stattliches Gebäude. An der Fassade steht in großen Lettern Erstes Bürgerliches Intelligenzblatt. Ist wohl eine Zeitung. Ich muss kichern: „Komischer Name.“

Hannibal nickt und brummt: „Früher hießen einige Zeitungen so. Intelligenzblatt.“

Wir gehen in das Gebäude. Holzfuß klopft an eine Türe, auf der Anmeldung steht.

Hinter einer Holzbarriere sitzen drei Damen an Schreibtischen und hämmern auf nagelneuen Schreibmaschinen herum. Solche Museumsstücke gibt es zu unserer Zeit gar nicht mehr. Wir schreiben ja alle mit dem Computer.

Hannibal brummt: „Hochmoderne Firma. Haben sogar schon Schreibmaschinen. Dabei sind die erst im Jahr 1864 erfunden worden.“

Zwischen den Damen stolziert der Dicke mit dem Walrossbart herum und diktiert.

„Das muss heute noch fertig sein“, sagt er und blickt auf.

Er sieht uns.

„Ja bitte?“, fragt er ungehalten.

„Wir wollten uns nur nach einer Adresse erkundigen“, sagt Holzfuß.

„Sonst haben Sie keine Sorgen?“, schnauzt der Dicke.

„Nein“, gibt der Kapitän ungerührt zurück, „und Sie?“

„Wie bitte? Was wollen Sie?“

„Wissen, wo der Hohlweg ist.“

„Keine Ahnung“, blafft der Dicke, dreht sich um und lässt uns stehen.

„Die Stadt durch und dann am Brunnen links in den Wald hoch. Den Burgweg links, dann wieder rechts, das ist der Hohlweg“, sagt eine Dame an einem der Schreibtische.

Wir bedanken uns und gehen.

Kapitel 5

 

„Na, den Dicken magst du wohl nicht?“, fragt mich Holzfuß, als wir in den Wald hochsteigen. Es ist ein schöner Frühlingstag, die Vögel zwitschern.

„Nee. Aber woher weißt du das?“, frage ich zurück.

„Das sehe ich dir an“, schmunzelt Holzfuß.

Ich schweige betroffen – hätte nicht gedacht, dass man mir das so deutlich anmerkt.

Wir sprechen kein Wort bis zum Hohlweg. Die Häuser hier sind sauber und ordentlich, aber bescheiden. Im Garten vor Haus Nummer 7 spielen ein paar Mädchen blinde Kuh. Das Spiel hat es damals also auch schon gegeben.

Holzfuß pocht mit dem Klopfer an der Haustüre. Nach wenigen Sekunden öffnet uns eine junge Frau. Sie hat ein Baby auf der Hüfte sitzen. Das Baby schaut uns erst mit großen Augen an, dann streckt es das Ärmchen nach Holzfuß aus und versucht, seinen schwarzen Bart zu grabschen. Holzfuß lacht und streichelt dem Baby die Wange. Die junge Frau schaut den Kapitän für einen Moment neugierig ins Gesicht, dann hellen sich ihre Gesichtszüge auf.

„Sie müssen Hannibal Holzfuß von den Zeitpiraten sein“, sagt sie strahlend. „Bitte kommen Sie doch herein.“

Die junge Frau geht den dunklen Flur voran, wir folgen ihr. Sie hat eine blaue Schürze an, darunter ein schlichtes, kariertes Kleid. Das Haus ist einfach und sauber, im Wohnzimmer stehen Regale voller Bücher.

„Hier wird viel gelesen“, brummt Holzfuß anerkennend.

„Mein Mann“, antwortet Frau Loderhose und streicht sich eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich weniger. Dazu habe ich keine Zeit. Er steckt unser ganzes Geld in Bücher“, fährt sie fort, und es klingt nicht sehr glücklich.

Sie bietet uns etwas zu trinken an, dann erzählt uns Frau Loderhose die Geschichte ihres Mannes. Der ist ein Schriftsteller, hat ein Abenteuerbuch geschrieben und es endlich einem Verleger verkauft. Am Montag wollte er es verschicken, aber am Freitagabend war das Buch verschwunden. Und Herr Loderhose auch. Kurz zuvor war Spinnenbein bei ihm gewesen.

„Spinnenbein, wer ist das?“ fragt Hannibal Holzfuß.

„Der Verleger und Chefredakteur des Kleinstädter Intelligenzblattes“, antwortet Frau Loderhose. Und schaukelt das Baby auf den Knien.

„So ein großer, massiger Kerl mit einem Walrossschnauzer?“, fragt Hannibal.

„Ja, Sie kennen ihn?“

„Wir sind ihm in der Stadt begegnet und haben ihn in seiner Redaktion nach dem Weg zu Ihnen gefragt“, erklärt der Kapitän etwas ausweichend.

„Ach so. Jedenfalls, nachdem Spinnenbein am Freitagabend gegangen war, waren mein Mann und das Abenteuerbuch verschwunden.“