cover
Thomas Herzberg

Fan-Trilogie II: Wegners schwerste Fälle (Teil 5-7)

Hamburg Krimis





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel:

Wegners schwerste Fälle

Fan-Trilogie II (Teil 5-7)

 

 

Spannende Geschichten rund um den raubeinigen Kommissar, der die Dienstwaffe locker und das Herz am rechten Fleck trägt.

Alle Teile der Reihe Wegners schwerste Fälle waren lange Zeit in den Top100 der Ebook-Charts zu finden und freuen sich über viele positive Rezensionen. Danke!

Sie finden alle Teile in diesem Sammelband in ihrer aktuellsten, lektorierten Version vor.

 

Lektorat, Korrektorat: Michael Lohmann – worttaten.de

 

 

In diesem Sammelband sind enthalten:

 

»ErbRache« ... jahrzehntealte Konflikte führen zu neuem Blutvergießen (Teil 5)

»Blutiger Kiez« ... der Kampf um Brunos Erbe stürzt die Reeperbahn erneut in kriegsähnliche Zustände (Teil 6)

»Mörderisches Verlangen« ... grauenvolle Morde, die die Kommissare an ihre Grenzen führen, erschüttern Hamburg (Teil 7)

 

 

Weitere Bücher von Thomas Herzberg

!!! Brandneu: »Ausgerechnet Sylt: Hannah Lambert ermittelt 1« (mein erster Friesenkrimi) !!!

 

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

 Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

 

  

Weitere Titel, Informationen und einen Newsletter-Service gibt es auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

Thomas Herzberg auf Facebook

Titel:

ErbRache

(aus der Reihe Wegners schwerste Fälle)

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 2.0

 

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann – lohmann@worttaten.de

 

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

 

 

Inhalt:

Was mit dem scheinbar willkürlichen Mord an einem jungen Farbigen beginnt, mündet in einer grausamen Auseinandersetzung, deren Ursprünge viele Jahrzehnte zurückliegen. Selbst in Berlin und im fernen Israel beobachtet man schon bald die Arbeit der Hamburger Mordkommission mit Argusaugen. Immer tiefer werden Wegner, Hauser und ihr neuer Kollege Busch in Geschehnisse verstrickt, deren Hintergrund nur eines ist: Rache!

 

 

Prolog

 

»Der ist tot!«

»Quatsch! Ich hab’ nicht mal mit halber Kraft zugeschlagen ...«

»Der ist tot. Wenn ich es dir sage, mausetot ...«

»Wie kommst du darauf, Alter?«

»Dem läuft das Gehirn aus der Nase ... aus’m Mund auch.«

»Scheiße! Du hast Recht.«

»Sag’ ich doch. Der ist mit dem Kopf auf den Kantstein und knack! Game over.«

»Pack das Schwarzbrot an den Beinen, ich nehm’ die Arme, und dann rein in den Müllcontainer ... da drüben, bevor einer kommt.«

Nur eine Minute später hatten die beiden Glatzköpfe den schlaksigen, farbigen Jungen hochgehievt und versuchten zuletzt nur noch, seine Beine in dem überfüllten Container zu verstauen.

»Scheiße! Wie sollen wir den Rest denn da reinkriegen? Das Ding is’ proppenvoll.«

»Halt ihn mal vorne fest, ich versuch was ...«

Mit lautem Knacken brach das erste Bein in Höhe des Knies und baumelte seltsam verdreht über die schmutzige Kante des Containers nach unten. Dann folgte das zweite, das der ungezügelten physikalischen Gewalt ebenso wenig entgegensetzen konnte.

»Siehst du, geht doch!« Der riesige Glatzkopf packte die beiden Glieder und stopfte sie ohne jegliche Skrupel zwischen Müllsäcke und Papiertüten.

»Hast du seine Taschen durchsucht?«

Nur ein zögerliches Kopfschütteln.

»Dann mach es, du Idiot.«

 

»Alter, das glaubst du nicht ...«

»Was?«

Glatzkopf Nummer zwei hielt drei sauber gefaltete Hunderteuroscheine empor. »Volltreffer! Wenigstens hat der Arsch ’nen Haufen Kohle in der Tasche gehabt.«

»Wahrscheinlich dealt die Sau mit Koks oder Crystal. Am Ende haben wir noch was Gutes getan.«

Kurz darauf eilten die beiden verschwitzen Männer bereits über die schmalen Straßen Richtung Landungsbrücken davon.

»Warum musst du Spacken das Schwarzbrot auch gleich kaltmachen? Die Hose kann ich wegschmeißen. Überall Blut und Gehirn von diesem Schwachkopf. Und bis ich die Stiefel wieder sauber habe ...«, keuchte der Kleinere atemlos.

»Halt die Schnauze! Denk lieber nach, wer uns ein wasserdichtes Alibi verschaffen kann. Falls uns doch einer gesehen hat und die Bullen morgen vor deiner Tür stehen, solltest du bis dahin wissen, was du denen erzählst.«

»Wie immer ...«

»Was meinst du?«

»Ich war bei Mutti und sie hat gekocht. Danach haben wir zusammen vor der Glotze gehockt. Ich kau’ ihr die Geschichte vor, und sie brauch den Schwachsinn hinterher nur nachzuplappern. Wie immer eben ...«

»Und ich war auch dabei, das macht die Sache rund.«

»Lecker die Rouladen, oder?«

 

1

 

»Ich habe dir gesagt, dass ich eigentlich schwul bin. Von Anfang an habe ich es dir gesagt, also komm mir heute nicht daher und mach einen auf Überraschte«, Stefan Hauser lief aufgeregt von einer Ecke seines Wohnzimmers in die andere.

»Was heiß denn eigentlich schwul

»Na, schwul eben. Ich stehe auf Männer. Schon immer. Du wusstest es, und wir waren uns einig, dass wir es trotzdem versuchen wollen, obwohl du eine Frau bist ...«

»Das klang damals aber ganz anders, als du mich gefragt hast, ob ich zu dir ziehen will. Jetzt hab ich meine Wohnung gekündigt, mein Hausrat verschimmelt in irgendeinem muffigen Lagerraum und du willst mich auf die Straße setzen. Das ist nicht fair, Stefan.«

»Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass ich dich auf die Straße setzen will. Davon habe ich nie gesprochen, mit keiner Silbe.« Hauser rieb sich nervös die Halbglatze. »Du kannst gerne bleiben und wir können hier in einer Art Wohngemeinschaft leben. Nur ...«

»... schlafen wir nicht mehr in einem Bett«, beendete Michaela Stein seinen Satz. »Toll! Ich kümmere mich dann ums Bad, und du um die Küche. Das sind wirklich tolle Aussichten.«

»Mach du lieber die Küche. Im Bad hab’ ich so meine Rituale ...«

 

***

»Mein Gott, Stefan! Du siehst ja aus, als ob du die Nacht durchgemacht hättest.« Wegner ließ sich grinsend in seinen Stuhl fallen. »Wieder Streit mit der lieben Michi?«

Hauser nickte kraftlos. »Ich hab’ es ihr gesagt, gestern Abend.«

»Dass du schwul bist und bleibst? Du hast es ihr wirklich gesagt?«

Dieses Mal war es nur ein Nicken, das noch träger wirkte, als die Antwort zuvor.

»Endlich! Bald ist alles wieder so, wie es mal war. Dann kann ich ruhig schlafen und mein Weltbild passt auch w...«

»Manfred, halt die Fresse! Es ist schon schwer genug, da brauch ich deine sinnentleerten Kommentare am allerwenigsten. Lass mich einfach nur in Ruhe!«

Das Telefon unterbrach diesen Austausch von Freundlichkeiten.

»Manfred Wegner, wer stört?«

Dreißig Sekunden später ließ der Hauptkommissar den Hörer auf die Gabel krachen und erhob sich müde. »Es gibt Arbeit, Kollege. Wir vertagen das Krisengespräch und widmen uns lieber unserem Job. Dann kommst du auch auf andere Gedanken und bläst hier nicht ...«

»Manfred!«

»Trübsal! Ich meinte Trübsal. Ehrenwort.«

 

»Fahr doch endlich zu, mit deiner gummibereiften Kasperbude, sonst schieb’ ich dich von der Straße, du Blödmann ...«

»Manfred! Du solltest an deinen Blutdruck denken. Vera hat mir letzte Woche erzählt, dass du beim Arzt warst und ...«

»Diese gottverdammte Verräterin!«

»Hat sie dir wirklich mit Sexentzug gedroht, wenn du dich nicht endlich vernünftig untersuchen lässt?«

Wegner nickte mit zusammengekniffenen Lippen.

»Und?«

»Was ... und?«

»Na, wie hoch ist dein Blutdruck?«

»130.«

»Ist das der obere oder der untere Wert?«

»Wenn das der obere wäre, würde sich Vera wohl kaum Sorgen machen.«

»Da vorne musst du rechts rein.« Hauser war froh, das Thema wechseln zu können. »Unsere Streifenkollegen sind schon da.«

»Das sehe ich auch, du Schlauberger.«

 

Vor der Tür des dreistöckigen Mietshauses hatte sich eine Handvoll Beamter versammelt, die abrupt verstummten, als die beiden Kommissare sich jetzt mit langen Schritten näherten.

»Gibt es keine Falschparker oder Temposünder, die unsere werten Streifenkollegen ergreifen können, damit das Urlaubsgeld gesichert ist, anstatt hier den Tatort zu verunreinigen«, begrüßte Wegner die Uniformierten in seiner unnachahmlich sympathischen Art.

Da keinem eine sinnvolle Antwort einfallen wollte, zerstreute sich die Gruppe augenblicklich in sämtliche Richtungen. Nachdem die beiden Kommissare endlich vor der richtigen Wohnungstür angekommen waren, keuchte Wegner wie eine Dampflok, während Hauser den Gerichtsmediziner Dr. Dieter Specht herzlich begrüßte.

»Muss der Kerl seine Frau ausgerechnet im dritten Stock umbringen. Im Parterre hätte es mir besser gefallen«, röchelte Wegner atemlos.

»Du siehst ja grauenvoll aus, Manfred. Soll ich dich mal abhorchen. Deine Gesichtsfarbe erinnert mich stark an eine holländische Gewächshaus-Tomate.«

»Lass lieber die Finger von mir, Dieter. Deine Patienten sind in der Regel tot und ich habe noch nie gesehen, dass du einen zu neuem Leben erweckt hättest. Also mach einfach deine Arbeit und überlass die Lebenden besser den Profis.«

Dieter Specht nickte mürrisch und führte seine beiden Kollegen in die Wohnung hinein. »Es ist zwar euer Job, aber die Spuren sprechen für mich eine eindeutige Sprache ...«

»Da bin ich aber mal gespannt, Kommissar Oberschlau. Leg los!«, ermunterte Wegner ihn grinsend.

»So, wie ich es sehe, hat der Streit in der Küche angefangen. Mann und Frau, vermutlich Ehekrach, das Übliche.« Der Gerichtsmediziner deutete auf ein paar Blutspritzer, die am Kühlschrank deutlich zu erkennen waren. »Aus irgendeinem Grund hat sich das Ganze dann ins Wohnzimmer verlagert, wo der Kerl die Sache zu Ende gebracht hat.«

Dort angekommen hob Hauser die Plane ein Stück an, mit der man den Leichnam der Frau provisorisch abgedeckt hatte. »Der Schädel ist eingeschlagen. Da war viel Wut im Spiel. Der hat mindestens zehn Mal zugeschlagen ...«

»Fünf der Schläge wären für sich allein schon tödlich gewesen«, unterbrach Specht die Ausführungen. »Aber das scheint ihm nicht gereicht zu haben ...«

Stefan Hauser zog die Plane weiter beiseite und es verschlug ihm augenblicklich die Sprache. Jetzt trat Wegner dazu und betrachtete nachdenklich die zahlreichen Einstiche im Unterleib der Frau.

»Donnerwetter! Da wollte aber jemand auf Nummer sicher gehen.« Der Hauptkommissar stapfte in die Küche zurück. Specht und Hauser folgten ihm, während sie skeptische Blicke tauschten. Wegner zog die Kühlschranktür auf und musterte gedankenversunken eine weitere verwischte Blutspur, die eines der Glasregale zierte. Direkt dahinter standen mehrere Bierflaschen, fein säuberlich aufgereiht. Eine weitere neben dem Kühlschrank, halb ausgetrunken. »Wann ging der Notruf ein?«, wollte der Hauptkommissar wissen, nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte.

»Eine Nachbarin hat um 9.27 Uhr die 110 gewählt, weil sie Schreie gehört hat. Wohnt nebenan.« Dieter Specht deutete auf eine der offensichtlich dünnen Wände.

»Und wann war die erste Streife vor Ort?«

»Nur zwei bis drei Minuten später. Die kamen von einem Einbruch, ein paar Straßen weiter.«

Wegner schaute den Gerichtsmediziner grinsend an. »Du bist nicht schlecht, Dieter. Aber deine Theorie ist leider falsch. Wir können nur hoffen, dass wir dich noch ein paar Jahre als Pathologen mit durchschleifen können. Ansonsten seh’ ich schwarz für dich ...«

»Wie kommst du darauf?«, gab Specht giftig zurück.

»Weil es nicht in der Küche angefangen hat, es hat hier geendet.«

Seine Kollegen starrten den Hauptkommissar mit großen Augen an. Fragen wollte keiner der beiden, denn es war davon auszugehen, dass Wegner seinen Vortrag auch ohne Ermunterung fortsetzen würde.

»Abgespielt hat sich alles im Wohnzimmer, und es ist schnell gegangen. Als der Typ fertig war, standen unsere Streifenkollegen mit Sicherheit schon fast vor der Tür.«

»Woher willst du das wissen?«, erkundigte sich Stefan Hauser in gequältem Ton.

»Im Wohnzimmer liegt seine Brieftasche, an der Garderobe hängt seine Jacke und hier ...«, Wegner nahm eine Zigarettenschachtel vom Küchentisch und hielt sie den beiden entgegen, »... sind seine Kippen. Eine Frau raucht wohl kaum Camel ohne ...« Wegner hob oberlehrerhaft den Finger und fuhr fort: »Das Blut am Kühlschrank und drinnen, direkt vor den Bierflaschen, ist erst danach dorthin gekommen. Da war seine Frau schon tot.«

»Meinst du etwa, dass der Kerl nach dem Mord in aller Seelenruhe noch ’ne halbe Flasche Bier getrunken hat und jetzt irgendwo ...?«, platze Stefan Hauser heraus.

»Das meine ich, allerdings.«

»Und wo?«

Wegner schüttelte den Kopf und schaute nachdenklich durch alle hindurch. »Hat das Haus einen Keller?«

Einer der gerade eingetroffenen Streifenkollegen verneinte seine Frage.

»Einen Dachboden?«

»Ich schätze schon.« Der gleiche Uniformierte starrte Richtung Decke. »Zumindest führt noch eine Treppe nach oben, da sind aber keine Wohnungen mehr.«

»Dann werden wir unseren Mörder garantiert dort finden. Wo soll er sonst geblieben sein, wenn zwischen Notruf und dem Eintreffen der Kollegen nur ein paar Minuten lagen. Sollte ich falsch liegen, dann gibt es heute Mittag was vom Chinesen, auf meine Kosten.«

»Das halte ich für noch unwahrscheinlicher, deshalb hast du vermutlich Recht«, kommentierte Stefan Hauser lachend und machte sich bereits zum Gehen auf.

 

2

 

»Mirko hat die Dachpappe weggeklatscht, einfach so. Ich wollte es verhindern, aber konnte nicht ...«

Ralf Hoffmann hob die Hand, um weiteren Ausführungen Einhalt zu gebieten. Jetzt erhob er sich hinter seinem massiven Schreibtisch, den man bedenkenlos auch ins Jahr 1940 hätte transferieren können. Bilder vom Führer und seinen Getreuen standen sauber aufgereiht in exakter Linie. An den Wänden rundherum prangten riesige Landkarten, auf denen die Truppenbewegungen der Deutschen Wehrmacht verzeichnet waren. Eine weitere Landkarte zeigte Europa zu einem Zeitpunkt, an dem es fast so schien, als ob das übermächtige Nazi-Bollwerk einen ganzen Kontinent in die Knie zwingen könnte. Juwel der Sammlung allerdings war eine penibel gereinigte SS-Uniform, die dereinst Ralf Hoffmanns Großvater gehört hatte. Bis zum Obersturmbannführer hatte der es gebracht, bevor er, nach wochenlanger Belagerung, im eisigen Stalingrad einer verirrten Kugel zum Opfer gefallen war.

»Mirko!« Ralf Hoffmann atmete tief durch. Diese Pause ließ die beiden Glatzköpfe noch weiter in sich zusammensacken. Die standen ihrem Anführer ohnehin schon auf wackeligen Beinen gegenüber. Schließlich mussten sie davon ausgehen, dass jetzt ein gründlicher Anschiss, wenn nicht sogar der Ausschluss aus der Gruppe folgte. Sie hatten in der Vergangenheit schon einen Haufen Mist gebaut, aber einfach jemanden zu töten ...

»Ich bin stolz auf dich«, fuhr Hoffmann dann unerwartet freundlich fort. »Mehr Soldaten von deiner Sorte, und wir wären längst dort angekommen, wo wir hingehören. Endlich hat einer von uns bewiesen – bewusst oder unbewusst –, was am Ende stehen wird.«

Die beiden Glatzköpfe schienen zusehends zu wachsen und erwiderten sogar die Blicke ihres Führers.

»Ihr zwei steht stellvertretend für das, was dieses Land braucht.«

Fragende Gesichter.

»Männer! Männer, die bereit sind, für ihre Überzeugungen und ihre Ziele alles zu tun, was nötig ist. Das ist nur der Anfang und es werden noch viele solcher Taten folgen.«

 

Fünf Minuten später beendete Ralf Hoffmann seine Lobeshymne und entließ seine Helden, die mittlerweile nur noch dämlich grinsten. Nachdem er die Tür hinter den beiden Glatzköpfen geschlossen hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch zurück und starrte eine ganze Weile an die Decke. Diese Neuigkeit sollte eine Art Initialfunken darstellen. Den lang ersehnten Beginn einer Aktion, die er schon seit Langem plante. Dass ihm nun der Zufall zur Hilfe kam, war ein willkommenes Geschenk. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer, die sich jahrelang in sein Gedächtnis gebrannt hatte. Selbst mitten in der Nacht, aus dem Tiefschlaf erwacht, hätte er sie vorwärts und rückwärts herunterbeten können.

Es wurde Zeit – höchste Zeit!

Eines der Urgesteine nach dem anderen musste sich dem Alter ergeben. Kaum ein Monat verging, in dem man nicht einen der altverdienten Helden zu Grabe trug. Aber es gab einen harten Kern. Männer, die mitten in der Blüte der Naziherrschaft erst Anfang zwanzig waren und es gleichwohl bereits zu Ruhm und Ehre gebracht hatten. Verbündete, die in erster Linie über eines verfügten, und bereit waren, es der gerechten Sache zur Verfügung zu stellen: Geld.

 

***

 

Wegner, Hauser und zwei Streifenkollegen tasteten sich vorsichtig die Stufen zum Dachboden empor. Sogar Dieter Specht folgte ihnen mit einigem Abstand, obwohl Einsätze dieser Art kaum zu seinem Aufgabenbereich gehörten. Vor der breiten Holztür angekommen, blieb die Gruppe einen Moment lang stehen. Skeptisch betrachteten die Beamten ein paar verwischte Blutstropfen, die auf dem staubigen Boden vor ihren Füßen unnatürlich glänzten und zum möglichen Tatverlauf irgendwie nicht passen wollten.

Wegner wies die beiden Uniformierten wortlos an, sich neben der Tür zu positionieren. Kein Geräusch war zu hören, nicht mal ein Atmen.

Als einer der Beamten kurz darauf die dünne Tür zum Bodenraum auftrat, erwartete die Männer ein grauenvoller Anblick, den selbst hartgesottene Polizisten kaum vergessen konnten.

Nur ein paar Schritte von der Tür entfernt lag ein hagerer Mann auf dem Rücken, aus dessen Brust ein langes Küchenmesser ragte. Direkt daneben eine Frau, deren seltsam verdrehte Gliedmaßen darauf hindeuteten, dass auch sie bereits tot war. Wegner drehte ihren Körper um und schreckte sogar ein wenig zurück.

»Ihre Kehle ist durchtrennt. Da kommt jede Hilfe zu spät«, stellte er in dünnem Ton fest.

Noch bevor die Beamten die Leichen genauer untersuchen konnten, hörten sie ein leises Stöhnen, das aus der dunkelsten Ecke des Dachbodens kam.

»Kann mal jemand das Licht anmachen«, fauchte Wegner die Uniformierten an.

Ein ganzes Stück weiter, zwischen Glaswolle, beschädigten Dachziegeln und Schmutz lag ein weiterer zusammengekrümmter Körper. Rundherum waren Unmengen von Blut zu erkennen. Wenn es überhaupt eine Rettung gab, dann müsste sich diese schnell einfinden.

»Noch eine Frau!«, polterte Hauser hervor. »Ruft einen Rettungshubschrauber.«

Die beiden Kommissare zogen den zitternden Körper vorsichtig ein Stück ins Licht. Eine ganze Reihe von Stichverletzungen war schon auf den ersten Blick auszumachen. Wegner sackte auf die Knie und wischte der Frau eine Haarsträhne aus dem blutverschmierten Gesicht.

»Es kommt gleich Hilfe. Halten Sie durch ... gleich kommt Hilfe.«

 

3

 

Seitdem sie aufgestanden war, irrte Juma Kahini ziellos durch ihre winzige Wohnung. Thabo war noch nie über Nacht weggeblieben. Zumindest nicht, ohne sie vorher anzurufen oder seinem Bruder eine SMS zu schicken. Noch nie! Es musste etwas passiert sein, da war sie sich ganz sicher. Die Krankenhäuser hatte sie alle durch und fast sämtliche Polizeireviere. Sogar auf ihre sonst hinderliche Scheu hatte sie keine Rücksicht genommen: Ihr gebrochenes Deutsch reichte nur selten aus, aber den Namen ihres Sohnes und ihre Sorge um ihn hatte sie allen deutlich mitteilen können.

Ausgerechnet in diesem Moment erinnerte sie sich an die Tage, die sie und ihre beiden Söhne auf einem winzigen Boot auf stürmischer See verbracht hatten. Hundertvierzig Menschen in einer Nussschale, die kaum für die Hälfte ausgelegt war. Wie oft hatte sie auf dieser Reise Richtung Europa bereits mit ihrem Leben abgeschlossen und überlegt, ob sie den Säugling in ihren Armen einfach ersticken sollte. Ihm einen gnädigen Tod schenken, der ihn von allen Plagen und dem Elend befreien würde. Immer dann, wenn sie besonders verzweifelt war, war es Thabo, der sie aufbaute und ihr neuen Mut schenkte. Mit seinen damals zwölf Jahren war er schon lange mehr Mann als Kind. Er hatte so viel Tod und Gewalt gesehen, so viel Folterungen und Leid – kein Wunder also, dass er auf eine eigene Kindheit fast vollständig verzichten musste.

Am südlichsten Zipfel Italiens angekommen, erwartete sie kaum ein besseres Schicksal. Wieder trieb man sie zusammen und sperrte sie ein. Willkommen waren sie auch hier nicht, und sie konnte es den unfreundlichen Männern nicht einmal übel nehmen, dass sie unentwegt brüllten oder um sich schlugen. Aber zumindest brauchten sie sich hier keine Sorgen mehr um ihre Gesundheit oder gar ihr Leben zu machen.

Zwei Wochen nach ihrer Ankunft im vermeintlich gelobten Land, setzte man Juma und ihre Kinder in ein Flugzeug. Nicht mal das Ziel ihrer Reise wollte man ihnen verraten, aber eines war klar: Es ging Richtung Norden und keinesfalls zurück nach Afrika. Alles, was vor ihnen liegen würde, war besser – weit besser als das, was hinter ihnen lag.

 

Erneut griff Juma jetzt zum Telefon, legte es aber, nach kurzem Überlegen, wieder beiseite. Wen sollte sie denn noch anrufen?

Als ihr Handy einen kurzen Moment später klingelte, zuckte sie erschrocken zusammen. Endlich! Das konnte nur Thabo sein, wer sonst?

»Thabo?«, schrie sie fast in den Hörer.

»Nein. Ich bin es, Zinedine. Hat er sich schon gemeldet?« Thabos Onkel schien ebenso besorgt zu sein wie seine Mutter. In den letzten drei Wochen hatte der junge Afrikaner im Restaurant seines Onkels geschuftet und war so glücklich darüber, endlich einen Job gefunden zu haben. Eine Aufgabe. Geld verdienen, für sich, für seinen Bruder und seine Mutter. Und das, mit gerade mal achtzehn Jahren.

»Er hat sich noch nicht gemeldet. Ich bin krank vor Sorge, Zinedine. Es ist etwas passiert. Ganz sicher.«

Der Mann schnaufte zuerst nur am anderen Ende der Leitung. Dann, vermutlich nach passenden Worten suchend, begann er leise: »Ich hab’ Thabo gestern Abend dreihundert Euro gegeben. Seinen Lohn für die Woche und einen Hunderter extra für dich und den Kleinen. Auch wenn es eng ist, du bist mein Engel, Juma ...«

Die Frau schluchzte herzzerreißend. »Was soll ich nur tun? Ich werde noch verrückt ...«

 

***

 

Dröhnend erhob sich der Rettungshubschrauber und entfernte sich rasant in Richtung Zentrum. Der Notarzt hatte sich zwar nicht eindeutig geäußert, dass es aber auf Messers Schneide stand, war seiner Miene deutlich zu anzusehen.

Zurück blieb eine Handvoll Männer, die frustriert nur die eintreffenden Leichenwagen mustern konnten.

»Es wird von Mal zu Mal schwieriger, Stefan.«

»Was meinst du?«

»Alles! An jedem Tatort erwartet uns neues Elend, das wir nicht einmal erahnen können. Bis vor wenigen Stunden war hier noch heile Welt ...«

»... und jetzt haben wir drei Leichen und eine halbe«, beendete Hauser Wegners trübsinnige Ausführungen.

»Eben! Und wofür das alles?« Wegner setzte sich auf den Bordstein und zog seinen Kollegen zu sich herunter. »Die hohen Herren vom Präsidium haben mir Altersteilzeit vorgeschlagen. Ich müsste die Leitung der Mordkommission aufgeben, aber ...«

»Das willst du doch nicht wirklich machen, Manfred. Was willst du denn dann mit der vielen Freizeit anfangen? Einen Kleingarten pachten und Tomaten pflanzen?«, protestierte Hauser empört.

»Oder mich um Stöpsel kümmern. Sie wird nächsten Monat zwei, da hab ich als Vater genug zu tun. Und Vera findet die Idee auch klasse.«

»Das kann ich mir vorstellen!«

»Ich hab schon einen als Nachfolger vorgeschlagen ...«

»Danke!«

»Nicht dich, Paul Franke, von Raub und Diebstahl ...«

»Du bist und bleibst ein Arsch, Manfred!«

 

Die beiden Kommissare saßen bereits schweigend in ihrem Dienstwagen, als Hausers Handy die Stille unterbrach. Das Gespräch dauerte nur eine Minute.

»In unserem Büro wartet eine Frau auf uns, schwarz wie die Nacht, meint der Schichtleiter.«

»Und was will sie?«, erkundigte sich Wegner müde.

»Ihr Sohn ist verschwunden und sie hat den Kollegen etwas von Mord erzählt, sonst hätte man die Sache wohl kaum an uns weitergereicht. In jedem Fall ist sie sich ganz sicher, dass ihm etwas passiert ist.«

»So, wie sich jede Mutter sicher ist, wenn der Sprössling über Nacht wegbleibt, um sich auf irgendeiner Fünfzehnjährigen die Hörner abzustoßen.« Wegner startete den Motor und fuhr langsam los. »Schauen wir uns die Mutter mal an. Bis wir im Revier sind, ist der junge Casanova vermutlich schon wieder aufgetaucht und braucht nur eines ...«

»Und das wäre, Hauptkommissar Weise?«

»Die Pille danach.«

 

4

 

Der alte Mann öffnete schon kurz nach dem ersten Klingeln die Haustür und forderte Ralf Hoffmann mit einladender Geste zum Eintreten auf. Trotz seiner sechsundachtzig Jahre stand er kerzengerade in seinem langen Hausflur. Jede Faser seines Körpers schien angespannt zu sein. Sein lichtes, graues Haar war mit einer mächtigen Schicht Pomade nach hinten gekämmt. Seine faltige Gesichtshaut war gegerbt, aber trotzdem von gesunder Farbe.

»Ich habe auf dich gewartet, junger Soldat«, begrüßte er seinen Besucher und drückte Hoffmann kraftvoll die Hand. »Du hast lange gebraucht, um dich zu entscheiden, aber das soll uns nicht aufhalten.«

Die beiden Männer erreichten das sorgsam gereinigte Wohnzimmer und setzten sich auf ein Sofa, das vermutlich vor vierzig Jahren erstmals benutzt worden war. Trotzdem wirkte der Stoff völlig unversehrt. Kein Fleck, keine ramponierte Stelle war daran zu finden.

»Zwei meiner Getreuen haben es getan, Oberst!«, begann Ralf Hoffmann, kaum dass er saß.

»Haben was getan?«

»Sie haben einen erwischt, kaltgemacht.«

»Einen?«

»Ein Schwarzbrot ...«

Während Hoffmann vermutlich Lob und Anerkennung erwartet hatte, war die Reaktion des alten Mannes eine komplett andere. Kopfschüttelnd erhob er sich vom Sofa und begann im Wohnzimmer auf- und abzulaufen.

»Und jetzt erwartest du wahrscheinlich, dass ich dir auf die Schulter klopfe und dir am besten einen Orden verleihe, oder?«

Hoffmann nickte vorsichtig.

»Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?«, begann der Alte dröhnend von Neuem. »Wenn ihr schon nicht Zeitung lest oder gar Bücher, so könnt ihr doch zumindest in dieser Schundwelt, diesem gottverdammten Fernsehen, jeden Tag feststellen, wie diese Welt auf Fremdenhass und Gewalt reagiert.«

Ralf Hoffmann schüttelte den Kopf und sackte immer mehr in sich zusammen.

»Ab heute ist die gesamte Polizei hinter euch her und wird nicht eher ruhen, bis endlich ein paar Kahlrasierte vor laufenden Kameras am Pranger stehen. Das hilft der Sache nicht, es schadet ihr vielmehr.«

»Aber ... es ist ein Anfang«, protestierte Hoffmann halbherzig.

»Ein Anfang wovon? Davon, dass man unsere Soldaten, einen nach dem anderen, einsperrt und damit unsere Ziele in unerreichbare Ferne rücken?«

»Nein!« Jetzt stand auch Ralf Hoffmann auf und machte ein paar Schritte auf den alten Mann zu. »Aber es ist ein Anfang, der zeigt, dass wir bereit sind, für unsere Ziele zu kämpfen und dass wir, wenn nötig, auch zum Äußersten greifen.«

Der Oberst überlegte kurz und legte dann seinem jungen Soldaten beruhigend die Hand auf die Schulter. »Ich glaube an dich und an das, was du tust. Aber du musst lernen, deine Männer zu befehligen und ihre Kräfte in sinnvolle Bahnen zu lenken.« Sie setzten sich auf das Sofa zurück und der alte Mann schenkte ihnen Kaffee ein. »Meine Heldentaten liegen lange Zeit zurück, aber du wirst sehen, dass ich genau weiß, wie man seine Untergebenen zu Höchstleistungen anspornt. Ich werde dich unterrichten, und schon bald wirst du erkennen, dass es ganz einfach ist.«

Zaghaft erwiderte Ralf Hoffmann jetzt das freundliche Lächeln. Im Beisein seiner Rekruten fühlte er sich mächtig und überlegen. Diesem alten Mann gegenüber kam er sich selbst wie ein kleiner Junge vor, der um einen zusätzlichen Lutscher bittet. »Was ist das Ziel?«, begann er leise und schaute seinen Mentor dabei erwartungsvoll an. »Was erwarten Sie von mir?«

»Es gibt einige Männer«, fuhr der Oberst schwer atmend fort, »die unserem Volk, unserer Herrenrasse, besonders großen Schaden zugefügt haben. Bestien, die hochverdiente Wehrmachts-Offiziere aufgespürt und liquidiert haben, einen nach dem anderen.«

»Nach dem Krieg?«

»Richtig! Trotz falscher Namen und neuer Identitäten haben sie unsere Gefährten gefunden ...«

»... und umgebracht«, beendete Ralf Hoffmann den Satz.

»Von dreien kenne ich die Namen und sogar ihre Adressen.«

»Und was sollen wir tun?«

Anstelle einer Antwort folgte nur ein weiteres heftiges Atmen. Der Oberst stand erneut auf und öffnete seinen Sekretär. Eilig holte er zwei dicke Umschläge hervor, die Hoffmann einsteckte, ohne über deren Inhalt etwas zu wissen. Wortlos verabschiedeten sich die beiden Männer kurz darauf voneinander.

Was vor ihnen lag, konnten sie zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ahnen ...

 

5

 

»Wo ist die Frau geblieben?« Wegner stand in der Wache und schlug wütend mit der Faust auf den Tresen. »Seid ihr nicht einmal in der Lage, die Personalien einer Zeugin aufzunehmen?«

»Jetzt beruhig dich mal wieder, Manfred.« Der Schichtleiter eilte herbei und reichte dem Hauptkommissar einen kleinen Zettel. »Wir haben hier auch noch andere Dinge zu tun als deine Büroarbeit zu erledigen. Außerdem hat sich die Schwarze davongemacht, ohne ein Wort zu sagen.«

»Wenn du noch mal die Schwarze sagst, dann sorg’ ich für ein Disziplinar-Verfahren, das dich zwei Besoldungsstufen nach unten befördert, Harro. Versprochen!« Ohne ein weiteres Wort drehte Wegner sich um und stapfte wütend in sein Büro.

»Sie hat einen Brief für uns hinterlassen«, stellte Hauser fest und hielt seinem Chef die Notiz entgegen.

»Was schreibt sie?«

»Es sind nur ein paar Zeilen.«

 

Liebe Polizisten! Es ist etwas mit meine Sohn pasiert.

Bitte helfe Sie mir. Bitte!

Grussen Juma Kahini

 

Wegner nahm den Zettel selbst und prüfte erneut die Worte, als ob Hauser noch etwas vergessen hätte.

»Ist bald Feierabend, Chef. Ich muss heute Abend mit Michi in die nächste Runde gehen, damit sie den Ernst der Lage endlich versteht.«

»Das ist wichtig, also mach dich vom Acker. Vera trifft sich mit ein paar anderen Müttern, auch alles Spätgebärende. Da bin ich froh, wenn es noch dringende Ermittlungen gibt.«

 

Zehn Minuten später saß Wegner bereits in seinem alten Kombi und steuerte ihn auf die B5 in Richtung Bergedorf. Wahrscheinlich gab es in diesem Fall alles, nur kein Verbrechen. Aber er war es sich, seiner Einstellung und zuletzt einer völlig verängstigten Frau schuldig, zumindest nach dem Rechten zu sehen. Ferner war es einfach zu verlockend, einem Treffen hysterischer Mütter zu entgehen, die ihn und seine kuriosen Methoden vermutlich mal wieder gründlich zu demontieren versuchten. Ein Vater, der stramm auf die sechzig zuging, war Frauen grundsätzlich ein Dorn im Auge, warum auch immer.

 

Havighorster Redder. In dieser Ecke glich ein Haus dem anderen und ließ sich bestenfalls durch die Hausnummer identifizieren. Von den Balkonen der mehrstöckigen Häuser hingen die seltsamsten Dinge herab. Hier und dort erkannte Wegner Flaggen, deren Herkunft er nicht einmal kannte. Nur die Banner verschiedener Hamburger Sportvereine erinnerten ihn daran, dass er nach wie vor in einem Außenbezirk der Elbmetropole unterwegs war, der den meisten als Mümmelmannsberg bekannt ist. Endlich machte er die richtige Nummer aus, parkte seinen Kombi in zweiter Reihe und ging gemächlichen Schrittes in Richtung Hauseingang. Vor der Tür saß ein ganzer Haufen rauchender und pöbelnder Rowdys, die Wegner johlend begrüßten. Der Hauptkommissar ignorierte die Horde gelassen und widmete sich stattdessen der endlosen Zeile von Klingelknöpfen. Nachdem er endlich den richtigen gefunden hatte, krähte kurz darauf eine hysterische Stimme aus dem Lautsprecher: »Thabo! Bist du es, Thabo?«

»Wegner hier! Hauptkommissar Wegner. Machen Sie bitte auf, Frau Kahini.«

Die Jugendlichen – eben noch aufsässig und frech – zuckten zusammen und entfernten sich eilig. Auf nähere Bekanntschaft mit einem Polizisten legte offensichtlich keiner von ihnen Wert.

 

Juma Kahini erwartete den keuchenden Wegner bereits vor ihrer Wohnungstür.

»Der Fahrstuhl ist kaputt! Vierter Stock ... das ist für einen zukünftigen Frühpensionär ’ne echte Herausforderung.«

»Mache keine Sport bei die Polizei?«, erkundigte sich die Frau halb lachend, halb zweifelnd.

»Haben Sie ein Wasser für mich?«, fragte er sie nur schnaufend und schob sich an der winzigen Frau vorbei in den schmalen Flur.

Zwei Minuten später – Atmung und Herzschlag hatten sich auf ein vertretbares Maß reduziert – saß Wegner am Küchentisch und schaute Juma Kahini aufmunternd an.

»Thabo sein gute Junge. Beste Junge ...«

»Das glaube ich Ihnen ja, Frau Kahini. Aber wie kommen Sie darauf, dass ihm etwas passiert ist?«

»Nie bleiben weg. Sein gute Sohn und gute Bruder. Nie wegbleiben ohne sagen Bescheid.«

Die folgende Pause nutze Wegner, um die Frau gründlich zu mustern. Jahrzehnte im Polizeidienst hatten ihre Spuren hinterlassen. Er konnte sehr genau zwischen haltloser Panikmache und ernstzunehmenden Befürchtungen unterscheiden. Nur selten ließ ihn sein Instinkt im Stich.

»Nie?«

»Nie!«

»Schreiben Sie mir Ihre Telefonnummer auf. Ich melde mich. Morgen!«

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Dämme der Frau gehalten. Als Wegner dann aber aufstand und ihren zitternden Leib vorsichtig in die Arme nahm, brachen sie und ließen Bäche von Tränen passieren.

»Thabo sein tot. Ich wissen. Er tot sein.«

Jetzt schüttelte der Hauptkommissar den zerbrechlichen Körper und schaute der Frau tief in die Augen. »Bevor ich keine Leiche gefunden habe, lebt er. Haben Sie mich verstanden? Er lebt!«

»Alle sein gemein zu uns. Schlagen Thabo und auch meine kleine Sohn.« Sie deutete aus dem Fenster auf zwei junge Männer, die auf dem Parkstreifen an einem aufgemotzten Golf herumbastelten. »Letzte Woche ... beide Männer haben Thabo geprügelt ... bis Nase blutig ...«

»Die beiden dort?«, erkundigte sich Wegner, um eine weitere Bestätigung zu erhalten.

Juma Kahini nickte entschlossen.

»Ich melde mich morgen bei Ihnen. Versuchen Sie zu schlafen. Und Kopf hoch!«

 

Wegner verließ das Haus und bog nach rechts ab, statt nach links, wo er sein Auto geparkt hatte. Die Gruppe Jugendlicher hatte sich mittlerweile auf einer nahegelegenen Wiese versammelt und musterte ihn argwöhnisch. Ein paar der Kerle standen bereits auf und wollten sich davonmachen, als der Hauptkommissar noch ein weiteres Mal abbog und ihnen damit den Rücken kehrte. Schon aus der Entfernung konnte er die beiden jungen Autobastler lautstark über Felgen, Spoiler und Federn diskutieren hören. Wie zufällig blieb er jetzt stehen und bewunderte mit offenem Mund den blankpolierten Wagen. »Donnerwetter«, entfuhr es ihm anerkennend. »Das ist mal ein schönes Stück!«

Einer der beiden wuchs spontan um zwanzig Zentimeter und fing Wegners Blick auf. »Zwanzig Zoll ... 265er ...«

»Sehen super aus. Wie hast du die denn eingetragen bekommen?«, wollte der Hauptkommissar jetzt wissen.

»Spinnst du, Opa? Die trägt einem keiner ein. No risk, no fun!«

»Und der Auspuff? Das Fahrwerk?«

»Sind original von einem ganz anderen Auto, aber mein Vetter hat’n bisschen dran rumgesägt. Passt!«, dröhnte der zweite lachend dazwischen.

»Na, dann noch viel Spaß!« Wegner ging weiter und zog bereits sein Handy aus der Tasche. Schon als er in seinen eigenen Kombi stieg, sah er den Streifenwagen, dessen Besatzung ihn im Vorüberfahren freundlich grüßte. Die Kollegen waren bestens informiert und würden vermutlich noch weitere kostspielige Details finden, die es eiligst zu entfernen galt. In den kommenden Wochen sollten sich diese beiden Spinner lieber nach einem Dauerparkplatz für ihr Tuningmonster umsehen.

 

6

 

»Du musst dieser armen Frau helfen, Manfred!«

»Was glaubst du wohl, warum ich gleich heute Abend zu ihr gefahren bin. Zum Spaß?«

»Deinen Leichen kannst du nicht helfen, aber hier geht es um eine Frau, die sich um ihren Sohn Sorgen macht. Was Nützliches, verstehst du?«

Wegner nickte nur müde und ignorierte seine Vera, die aufgeregt durch die Küche stapfte. Er wusste, dass sie es hasste, wenn er sie in einem Gespräch nicht ansah.

»Manfred!«, fauchte sie in giftigem Ton. »Hörst du mir überhaupt zu?«

»Mhm ...«

»Manfred!«

»Pass mal auf.« Er legte die Zeitschrift beiseite und packte entschlossen ihre Hand. »Ich war bei der Frau. Ich habe ihr gesagt, dass ihr Sohn nicht tot ist, solange es dafür keinen Beweis gibt.« Wegner erhob sich und nahm Vera fest in den Arm. »Ich habe auf dem Heimweg jede Wache alarmiert, in der ich einen Freund habe. In diesem Augenblick halten Hunderte von Beamten die Augen offen.« Er ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken und zog seine Holde auf den Schoß. »Wenn der Junge hier irgendwo in Hamburg herumstrolcht oder ’ne Dummheit angestellt hat, dann finden ihn die Kollegen. Hundertprozentig.«

Dieser Vortrag brachte dem müden Hauptkommissar einen Kuss und eine weitere Flasche Bier ein, die ihm Vera wenig später lächelnd aus dem Kühlschrank reichte.

 

»Was macht unser Stöpsel?«, wollte Wegner wissen.

»Manfred! Kannst du dich nicht langsam mal mit einem ihrer Vornamen anfreunden? Sie hat doch genug davon.«

»Für mich ist sie Stöpsel, und das bleibt sie auch, bis ich eines Tages die Augen schließe ...«

»Womit wir beim Thema wären«, platzte es aus Vera heraus. »Was macht dein Blutdruck?«

Wegner schwieg beharrlich. Nach einer ganzen Weile begann er dann von Neuem: »Wie geht es Rex junior?«, erkundigte er sich leise und hoffte, damit von Veras letzter Frage ablenken zu können.

»Der Hundetrainer meint, dass er noch nie zuvor einen solchen Sturkopf erlebt hat. Heute Nachmittag wollte er schon aufgeben ...«

»Hat er das gesagt?«

»Nein! Aber so etwas spüre ich als Frau eben. Davon habt ihr Kerle keine Ahnung.«

»Aha.«

 

***

 

Auf dem Weg durch die Stadt hatte Ralf Hoffmann immer wieder die beiden dicken Umschläge gemustert, die neben ihm auf dem Beifahrersitz lagen. Mal wollte er sie greifen und bereits während der Fahrt hineinschauen. Dann warf er sie beiseite und maßregelte sich selbst. In aller Ruhe würde er den Inhalt prüfen und sich danach gründlich überlegen, wie weiter vorzugehen sei. Eine gewisse Ahnung hatte er, was den Inhalt betraf. In einem, das war so gut wie sicher, dürfte sich Geld befinden – viel Geld. Aber was steckte in dem anderen?

Auf wackeligen Beinen erreichte er endlich seinen Schreibtisch. Noch bevor er richtig saß, zog er den Brieföffner aus seinem gusseisernen Halter. Er hielt kurz inne und betrachtete nachdenklich die Runenzeichen, die das Ende des rauen Griffs zierten. Eine Bewegung später steckte die scharfe Klinge bereits im ersten Umschlag und zerteilte dessen Falz mühelos. Ralf Hoffmann zog einen dicken Papierstapel hervor und musterte zuerst nur das Deckblatt.

Amon Rosenthal

Samuel Bromberg

Efraim Pelzmann

»Judenpack«, flüstere er verbittert und schob das Deckblatt nachdenklich beiseite. Über jeden dieser Männer folgte ein ausführliches Dossier. Familiärer Hintergrund, Werdegang seit Kriegsende, und – das zweifellos Wichtigste – was diese Verbrecher in der Nachkriegszeit gegen das ohnehin am Boden liegende Vaterland getan hatten.

Fast eine Stunde lang blätterte er Seite für Seite durch und prägte sich deren Inhalt ein. Fest stand, dass es sich bei dem Deckblatt um einen ganz klaren Hinrichtungsbeschluss handelte. Ein Mann nach dem anderen sei zu töten und auch die genannte Reihenfolge gelte es peinlich genau einzuhalten. Am Ende schob Hoffmann den Papierstapel dann in den Umschlag zurück und verstaute den in der obersten Schublade seines Schreibtisches. Vorsichtig griff er jetzt nach dem zweiten und zog den Brieföffner erneut langsam durch dessen Falz. Schon von außen hatte er fühlen können, dass der Inhalt nur aus Bündeln bestand. Also stellte er den Umschlag einfach auf den Kopf und ließ das Geld auf seine lederne Schreibunterlage plumpsen.

Einen kurzen Moment verschlug es ihm glatt den Atem. Vier stramm gepresste Bündel 500-Euro-Scheine lagen vor ihm. Jedes davon, so verrieten es die Banderolen, fünfzigtausend Euro schwer. Ralf Hoffmann ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken und legte seine Hände hinter den Kopf. Eine derart prall gefüllte Kriegskasse ... jetzt würde ihnen nichts und niemand mehr im Wege stehen. Es galt lediglich, geschickt zu taktieren, nicht unüberlegt oder gar kopflos Fehler zu machen, die man ihnen hinterher mühelos würde nachweisen können. Aber trotzdem mussten sie zügig handeln, um ihrem Gönner zu beweisen, dass sie entschlossen und zu allem bereit waren. Wo dieses Geld herkam, da war noch mehr zu holen – viel mehr.

»Amon Rosenthal«, flüsterte Hoffmann in kaltem Ton. »Am Ende der Woche schicken wir dich zu deinen Ahnen. Das ist ein Versprechen ...«

 

7

 

Seltsam zerschlagen war Wegner an diesem Morgen aufgestanden und selbst eine ausgiebige Dusche wollte daran nichts ändern. Als er sich endlich auf dem Weg in die Küche befand, hörte er seine Vera dort fröhlich pfeifen. Außerdem roch es nach Kaffee und etwas anderem, was er nicht sofort identifizieren konnte.

»Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?«, trällerte sie munter, während Wegner sich ungelenk auf einen der Stühle fallen ließ. Rex junior lag unter dem Küchentisch und zerkaute geräuschvoll ein Schweineohr. Über ein Jahr war er jetzt alt und noch immer verspielt und ungehorsam wie ein kleines Kind, dessen Eltern auf einen eher antiautoritären Erziehungsstil setzten.

Etwa vier Wochen zuvor hatte Wegner ihn zum ersten Mal mit in die Wache genommen. Er hatte gehofft, dass auch sein neuer Rex ihm im Dienst zur Seite stehen könne. Erst mittags war ihm dann aufgefallen, dass der Bursche anscheinend entwischt war und nicht einmal daran dachte, ohne fremdes Dazutun zurückzukehren. Insgesamt vierzig Beamte hatten zuerst das ganze Revier auf den Kopf gestellt und danach auch die nähere Umgebung. Wegner war nur schreiend herumgelaufen und hatte dabei alles und jeden verflucht. Als klar wurde, dass Rex sich offensichtlich wirklich aus dem Staub gemacht hatte, dehnte man die Suche auf das gesamte Stadtgebiet aus. Jede Wache war informiert, jeder Streifenwagen mit einer genauen Beschreibung des jungen Schäferhunds ausgerüstet.

Als es Abend wurde, traute sich Wegner nicht einmal, nach Hause zu fahren. Stattdessen rief er Vera an und log das Blaue vom Himmel herunter: »Ist viel los heute, mein Schatz. Könnte spät werden – oder früh ...« Wer wusste schon, wie lange es noch dauern würde, bis man diesen kleinen Mistkerl irgendwo auftat.

»Und ... wie macht sich der neue Kommissar? Hat er schon einen Verbrecher gefasst?«, wollte Vera am Ende zu allem Überfluss noch wissen.

»Hat den ganzen Tag nur in seinem Korb gepennt. Aus dem machen wir keinen vernünftigen Bullen. Höchstens ’nen Pförtner ...« Es hätte kaum schlimmer sein können. Vera hatte eine Antenne und ein besonderes Talent dafür, im falschen Moment die richtigen Fragen zu stellen.

»Pass mir gut auf ihn auf! Und auf dich natürlich auch.«

Die ganze Nacht lang hatte Wegner sämtliche Reviere mit seinen Anrufen genervt. In mancher Wache ging schon keiner mehr ans Telefon, wenn sie seine Nummer erkannten.

Es war bereits Morgen und die Sonne erhob sich träge über dem noch schlaftrunkenen Hamburg, als eine Streifenwagen-Besatzung den Hauptkommissar mit einem Anruf aus dem Halbschlaf riss: »Mag Rex gerne griechisches Essen?«, entfuhr es dem Beamten lachend.

»Warum? Habt ihr ihn?«, polterte Wegner los.

»Der Kerl hockt hinter der Taverne Elias und futtert die Reste vom Vorabend. Der sieht aus wie ein Schwein ...«

»Vorsicht Kollege! Wo seid ihr?«

»Altona.«

»Schnappt euch den Ausreißer und bringt ihn mir ins Präsidium, und ...«

»Ja?«

»Danke!«

Bis nach Altona hatte der Teufelskerl es geschafft. Typisch! Vermutlich hatte er die Nacht auf dem Kiez herumgestrolcht und war am Ende hungrig durch die Gegend geirrt. Bevor er nach Hause fahren konnte, müsste Wegner den Hund wahrscheinlich im Waschraum unter die Dusche stellen. Ansonsten drohte Ungemach, denn Vera würde sich kaum mit weiteren Lügen abspeisen lassen.

 

»Möchtest du ein Croissant, Manfred? Was grübelst du denn vor dich hin?«

»Nichts Besonderes ...« Nur langsam kehrten Wegners Gedanken in die Küche und zu diesem Morgen zurück.

»Aha. So siehst du also aus, wenn du an nichts Besonderes denkst.« Vera legte ihm ein verkohltes Gebilde auf den Teller, das nur entfernt an Backwerk erinnerte. »Ist ein Rezept von Brigitte. Du weißt, die mit der riesigen Nase ...«

»Und die backt auch?«

»Für gute Rezepte hat sie eben ’ne Nase.«

Jetzt lachten die beiden, bis ihnen die Tränen herabliefen.

»Grillen wir heute Abend?«, erkundigte sich Wegner kurz darauf vorsichtig.

»Wieso?«

»Weil du mir schon ein Stück Kohle auf den Teller gelegt hast ...«

»Manfred! Es ist das erste Mal, da klappt eben nicht gleich alles.«

»Muss ich das essen?«

»Gib her!«, schmollte Vera und zog ihm den Teller vor der Nase weg. »Ich versuch’ es morgen früh nochmal.«

 

Als Wegner sein Büro erreichte, fand er einen völlig zerschlagenen Hauser vor. Sein Kopf lag auf der Schreibtischplatte und er schien sogar zu schlafen.

»Morgen!«, bölkte der Hauptkommissar fröhlich und klopfte seinem Kollegen kräftig auf die Schulter. »Was ist los, schlecht geschlafen?«

»Gar nicht«, maulte Hauser müde zurück. »Wir haben uns gestritten, bis es hell wurde.«

»Und?«

»Sie zieht am Wochenende aus. Auf ’ne WG hat sie keinen Bock.«

»Hätte ich mit dir auch nicht. Da müsste ich ja immer peinlich genau darauf achten, dass ich die Badezimmertür abschließe.«

Hauser hob den Kopf und betrachtete Wegner einen Moment lang nachdenklich. »Wenn du der letzte Kerl auf dieser Welt wärst, dann würde ich sofort zum anderen Ufer übersetzen und für immer dort bleiben. Garantiert!«

Bevor dieses Scharmützel eskalieren konnte, unterbrach ein heftiges Klopfen die beiden Streithähne.

»Die Stadtreinigung hat ’ne Leiche gefunden. Einen Jungen, schwarz«, begann der Uniformierte ohne Begrüßung. »Zwei Streifen sind schon vor Ort.« Er reichte Wegner einen Zettel und entschwand eilig wieder.

Bei wem es sich um den Toten handelte, stand außer Frage ...

 

Die beiden Kommissare passierten nur eine halbe Stunde später die Schranke der Müllverbrennungsanlage in Billbrook. Ein Stück weiter hatte sich bereits eine ganze Traube von Müllwerkern versammelt, die aufgeregt auf die Uniformierten einredeten. Tagtäglich fand man hier die abenteuerlichsten Dinge im Müll. Leichen waren jedoch nur selten darunter. Als Wegner ausstieg, murmelte einer der Streifenkollegen etwas, und es war deutlich zu erkennen, dass sich der Haufen augenblicklich zu zerstreuen begann. Dem Hauptkommissar eilte sein zweifelhafter Ruf schon lange voraus. Einer Auseinandersetzung mit ihm ging man am besten weiträumig aus dem Wege.

»Wer hat den Jungen gefunden?«, krähte Wegner, nachdem er seinen Kollegen zumindest die Hand geschüttelt hatte.

»Die beiden dort hinten. Sieht ziemlich finster aus. Ein paar Tage im Müll, da haben die Ratten schon übel dran genagt«, informierte einer der Streifenbeamten die Kommissare.

»Und wo kommt der Müll her?«, wollte Hauser wissen, der sich von früheren Fällen deutlich daran erinnerte, dass es zumindest vage Aufzeichnungen über die Herkunft des Abfalls gab.

»Groß Flottbek, Othmarschen, Altona und ’nen Teil von Hammerbrook. Waren nur Container ...«

Der Leichenwagen fuhr vor. Von hier aus würde man den toten Jungen direkt in die Rechtsmedizin bringen. Wenn es überhaupt Spuren gab, dann waren diese nur durch eine gründliche Untersuchung in der Pathologie zu finden.

»Wer hat hier auf dem Hof das Sagen?«, rief Wegner und schaute sich suchend um, bis endlich einer die Hand hob. »Sperren Sie das gesamte Areal ab, bis die Spurensicherung eintrifft. Wenn es hier noch etwas zu finden gibt, dann darf kein weiterer Müll mehr dazukommen.« Kopfschüttelnd musterte der Hauptkommissar die Berge von Tüten, Säcken, Papier und Elektrogeräten. »Sie sollten anfangen zu sortieren, sonst ist es Nacht, bis sie fertig sind.«