Mona Vara

HEXENTÖCHER

Erotischer Vampirroman

© 2010 Plaisir d’Amour Verlag, Lautertal

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Für unaufgefordert auf dem Postweg eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung.

Durch Blut wird ein Wesen geschaffen, das uns an Macht gleicht, das Blut von unserem Blut in sich trägt. Und das die Welt beherrschen kann.

(Aus den Göttergesängen aus dem zweiten Buch von Herastos, geschrieben im Jahr der dunklen Sonne.)

PROLOG

Selbst als sie schon längst verstummt waren, konnte er sie noch schreien hören. Ihre Stimmen dröhnten unaufhörlich in seinem Kopf, übertönten das Lachen des Mannes, der neben ihm stand, und sogar sein eigenes Stöhnen, seine Stimme, die zu schwach war, um noch ein Wort hervorzubringen.

Aus halb geschlossenen Augen sah er, wie sich der Mann über ihn beugte.

„Nun, erhabener Prinz? Womit soll ich dich jetzt zum Wimmern bringen? Unser Herr möchte deine Stimme hören. Er langweilt sich.“

Ein beißender Schmerz wühlte in ihm. Er wusste nicht wo und mit welcher Waffe der andere ihn marterte, aber er schrie nicht. Er hatte aufgehört zu schreien, als sie gestorben waren. Sein Körper wand sich unter Qualen, aber sein Inneres war taub und tot.

Der Mann beugte sich tiefer, als wolle er an seinem Mund lauschen. „Was ist denn? Höre ich …“ Die Worte gingen in einem Gurgeln unter.

Seine Arme und Beine waren gefesselt, aber sein Kopf war frei. Es musste der Hass sein, die Verzweiflung, die ihn hochfahren und seine Zähne tief in den Hals des anderen schlagen ließ, sodass dessen Schrei von seinem eigenen Blut erstickt wurde. Die warme Flüssigkeit rann ihm in den Mund, die Kehle, floss über sein Gesicht.

Er verspürte keinen Ekel, keinen Widerwillen, als er trank. Es erfrischte ihn. Gierig saugte er den Lebenssaft aus den Adern des anderen. Und mit jedem Schluck wuchs eine neue, fremde Kraft in ihm. Er wurde stärker. Sein getrübter Blick wurde scharf. Er streckte sich, spannte die Muskeln an. Die Fesseln zerrissen.

Er setzte sich auf und schob den leblosen Körper verächtlich von sich. Sein Blick fand die Toten auf der anderen Seite des Zeltes. Er erhob sich, trat zu ihnen und blickte mit unerträglichem Schmerz auf sie herab. Er war dankbar gewesen, als sie vor zwei Tagen für immer verstummt waren und ihre Qual ein Ende hatte.

Ein Mann betrat das Zelt, sah ihn vor sich stehen, erblickte das blutverschmierte Gesicht, den Hass ihn seinen Augen, die Mordlust. Es dauerte kaum einen Herzschlag lang, da hatte er auch ihn gefasst.

Er ließ ihn mit zerrissener Kehle liegen, als er aus dem Zelt ins Freie trat und sich auf die anderen stürzte. Er wusste kaum noch, was er tat.

Er war nicht mehr er selbst. Er war wie ein tödlicher Schatten, der seinen Feinden den Lebenssaft aussaugte.

Er war schneller als ein Gedanke.

Und tödlicher als jedes Schwert und jeder Pfeil.

KAPITEL 1

London, Mitte des 19. Jahrhunderts

Die junge Frau, die soeben mit raschen, anmutigen Schritten die Straße überquerte und geschickt einer mit Unrat gefüllten Lache auswich, in der eine tote Ratte lag, hatte keine Ahnung, dass sie beobachtet wurde. Ein kaltes Augenpaar verfolgte im Schatten des Londoner Nebels bereits seit längerer Zeit ihren Weg – im Grunde schon, seit sie die besseren Gegenden verlassen und sich immer tiefer in die schmutzigen Armutsviertel begeben hatte. Sie bog in eine düstere, enge Straße ein, die schon am hellen Tag kaum beleuchtet wurde, geschweige denn jetzt, nachdem die Dämmerung hereingebrochen war, und der Nebel sich verdichtet hatte. Eine Schwade von kaltem Dunst kam auf sie zu und legte sich auf ihre Lunge, bis die junge Frau nach Luft rang. Sekundenlang blieb sie stehen und blickte zweifelnd in die Straße. Dann schloss sie ihre Hand fester um ihren Regenschirm und marschierte energisch los.

Sie war kaum einige Meter gekommen, als plötzlich ein Mann aus einem der dunklen Hauseingänge auf sie zusprang und nach ihr griff, um sie zu packen. Sie sah gerötete Augen, blitzende Zähne. Ein kleiner Schrei entrang sich ihr, aber dann fasste sie auch schon ihren Regenschirm fester und schlug damit so kräftig auf den Angreifer ein, dass dieser auf der Stelle von ihr abließ, sich schützend die Arme über den Kopf hielt und zurückwich.

Charlie, deren Schreck durch heiligen Zorn ersetzt worden war, verfolgte ihn, ihn dabei mit Ausdrücken bedenkend, die eine Dame von ihrem Stand und Aussehen niemals kennen sollte. Sie ließ erst von ihm ab, als er anfing, loszuschreien.

„Hör auf, Charlie! Bist du verrückt geworden?!“

Sie hielt inne. Dann senkte sie schwer atmend den Schirm und starrte den Angreifer wütend an. „Ich? Du bist verrückt geworden! Wie kannst du mich nur so erschrecken!“

„Geschieht dir ganz recht! Was machst du überhaupt hier? Du hast hier nichts verloren!“

„Was glaubst du wohl, was ich hier tue? Ich bin auf der Suche nach dir!“

Er sah sie einige Momente lang stumm an. „Aber ich wäre zu dir gekommen. Bestimmt.“

„Ach, und wann?! Du bist seit Monaten verschwunden! Keiner weiß, wohin! Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich mir Sorgen um dich mache? Noch dazu, wo Tante Hagas Diener so komische Bemerkungen über dich gemacht hat, und sie selbst nicht mit der Sprache rausrücken wollte!“

„Charlie …“, seine Stimme klang jetzt weich und besänftigend. Und sehr jung. Jung war er tatsächlich, vier Jahre jünger als sie. Als er mit ausgestreckten Armen auf sie zutrat, warf sie den Regenschirm fort und flog ihm entgegen.

„Theo. Mein lieber Theo. Ich hatte ja solche Angst um dich. Tante Haga wollte mir einreden, du … du wärst nicht mehr ganz du selbst, und ich sollte dich deiner eigenen Wege gehen lassen. Aber wie könnte ich das denn?“ Sie löste sich von ihm, trat einen halben Schritt zurück und legte die Hände um sein Gesicht. Die Dämmerung beleuchtete es nur schwach, aber sie betrachtete prüfend jeden seiner Züge, bis sie an seinen Augen hängen blieb. Sie waren dunkler als früher, ernster. Er wirkte insgesamt erwachsener, als hätte er Dinge gesehen, die ihm vor wenigen Monaten noch völlig fremd gewesen waren. Als wäre aus dem liebenswerten Jungen ein Mann geworden.

Oder vielmehr ein Vampir.

„Ach, Theo … Wie konntest du nur einfach so verschwinden?“

„Ich wollte ja nicht verschwinden, aber es schien mir als das Beste. Das heißt, vorläufig … bis …“ Er unterbrach sich und sah aufmerksam die Straße hinab. „Hier können wir nicht bleiben. Die Gegend ist ziemlich verrufen. Es treibt sich hier mehr Gesindel herum als im restlichen England.“ Er nahm ihren Arm, hob den Regenschirm auf und zog sie fort, die enge Straße entlang, vorbei an sich nebeneinanderkauernden Bettlern und einem Betrunkenen, der halbbewusstlos vom Gin im Rinnsal lag, dann um die Ecke und schließlich einige Stufen hinab zu einem Kellereingang.

Charlie tastete nach ihm, als er im Dunkeln stehen blieb. Sie konnte kaum seine Umrisse, geschweige denn ihre Umgebung wahrnehmen. Sie hörte das Knarren einer Tür, ein kühler Luftzug drang heraus und ließ sie schaudern. Der Nebel war bis auf die Haut gedrungen, und Charlie fühlte sich durch und durch kalt und klamm.

„Warte, ich mache Licht.“ Seine Kleidung raschelte, und endlich flackerte ein Licht auf, das schnell heller wurde, als er das brennende Holzstück an einen Kerzendocht hielt.

Charlie sah sich um. Sie befanden sich in einem kleinen Raum, in dem gerade nur ein Bett stand, ein Tisch, zwei Stühle und ein grob gezimmerter Schrank. In der Ecke, durch einen halb zurückgezogenen Vorhang abgetrennt, sah sie eine Waschschüssel. Da auf beiden Stühlen Bücher und anderes Zeug lagen, setzte sich Charlie zögernd auf das Bett. Es war ungewöhnlich groß, wie für ein Ehepaar geeignet. Früher, als ihr Bruder noch daheim gelebt hatte und ein normaler junger Mann gewesen war, hatte sie niemals Scheu gehabt, es sich auf seinem Bett bequem zu machen und bis in die frühen Morgenstunden mit ihm zu lachen und zu plaudern, aber jetzt war sie fremd. Ein fremdes Zimmer, ein fremdes Bett, das er mit jemandem teilte, den sie nicht einmal kannte. Sie unterdrückte das Zittern, das von ihren Knien aufwärts wanderte und ihren Körper erfasste.

Theo ließ sich neben ihr nieder. „Ich habe leider nichts daheim, was ich dir anbieten kann. Bestenfalls eine Tasse Tee.“

Tee wäre schön gewesen, er hätte vielleicht die innere Kälte vertrieben, aber ein Blick auf den staubigen Teekessel und die kalte Feuerstelle ließ sie verneinen. „Ist dir nicht kalt hier drinnen?“

„Nein, gar nicht. Dir schon? Frierst du? Warte, ich mache Feuer.“ Er sprang auf, sichtlich erleichtert, dass er eine Beschäftigung gefunden hatte, die ihn von ihrer Seite fortbrachte. Es war das erste Mal, stellte Charlie traurig fest, dass er sich in ihrer Nähe nicht wohl fühlte. Früher hatten sie alles miteinander geteilt: heimlich gestohlene Plätzchen und Marmelade, das Wissen um die zwielichtigen Geschäfte des Nachbarn und vor allem das Geheimnis ihrer eigenen Familie.

Sie sah ihm zu, wie er sich vor den Kamin kniete und sich daran zu schaffen machte. Das Holz war feucht und wollte nicht richtig anbrennen. „Ich dachte, ihr Vampire könnt alles, was ihr wollt? Weshalb sagst du dem Feuer nicht einfach, dass es brennen soll?“

„Feuer ist für uns nicht besonders gesund“, erwiderte er mit einem grinsenden Blick über die Schulter, ohne ihr den Sarkasmus übel zu nehmen. „Daher legen wir keinen besonderen Wert auf die Fähigkeit, es zu entfachen. Eher darauf, wie wir es wieder löschen können.“

„Dann lass mich das machen.“ Charlie stand auf, wurde sich wieder ihrer wackeligen Knie bewusst, ging aber tapfer zu Theo und kniete sich neben ihn hin. Fast unmittelbar darauf flackerte ein munteres Feuer im Kamin. Theo hatte sich respektvoll zurückgezogen, aber sie selbst blieb davor hocken und hielt ihre eiskalten Hände in die Wärme. Das Feuer war freundlich hell in diesem düsteren Raum.

„Warum, Theo?“ Sie sah ihn bei dieser Frage nicht an, sondern blickte in die züngelnden Flammen.

Sie hörte ihn tief durchatmen. „Es war keine leichtfertige Entscheidung, Charlie. Das darfst du mir glauben.“

„Es war eine dumme Entscheidung.“

Er legte seine Hand auf ihren Arm, und sie wurde gewahr, wie kühl er war. Ein Frösteln ging trotz der Wärme des Feuers durch ihren Körper. „Aber ich werde ewig leben … Charlie, stell dir das doch vor.“

„Bei Nacht! Am Tag verkriechst du dich in dieser Gruft!“

„Doch nur anfangs! Und ich kann auch bei Dämmerung hinaus, solange mich nicht die Sonne erwischt.“ Seine Stimme wurde eindringlich, als er ihre Zweifel an ihrem Gesicht ablas. „Das ist alles ganz anders, glaub mir. Und der Mann, dem ich das verdanke …“

„Mit diesem Mann werde ich noch ein Wörtchen zu reden haben!“

Er schüttelte mit einem nachsichtigen Lächeln den Kopf. „Das ist kein Mann, mit dem man ein Wörtchen redet. Er ist älter als ich und du zusammen. Sehr gebildet und distinguiert. Er stammt aus einer guten, alten Familie.“

„Das tun wir auch!“

„Aber Charlie, du weißt doch selbst, was unsere Familie ist. Alt ja, aber kein französischer Adel. Du müsstest ihn kennenlernen. Er ist so selbstsicher, so beeindruckend, erfahren“, fuhr er eifrig fort. „Ich bin sicher, du würdest ihn mögen.“

„Mögen? Einen Vampir mögen?“ Französischer Adel. Charlie unterdrückte ein abfälliges Schnaufen.

„Solche Vorurteile passen doch gar nicht zu dir“, stellte Theo vorwurfsvoll fest. „Und nicht zu unserer Familie. Gerade wir sollten doch …“

„Wir mögen viel sein, aber bestimmt keine Vampire, die andere Leute aussaugen und töten!“

„Unseresgleichen – oder wohl eher – deinesgleichen hat auch schon viel Unrecht getan.“ Theo sah sie seufzend an, dann glitt sein Blick zur Tür. „Wir müssen uns beeilen, es wird schon Nacht. Du bist in dieser Gegend nicht mehr sicher.“ Er erhob sich und zog sie mit sich. „Ich begleite dich heim.“

„Du wirst hier bleiben“, fuhr Charlie ihren kleinen Bruder unsanft an. „Ich komme morgen Abend wieder und dann können wir weiter reden.“

„Ich mag es gar nicht, wenn du alleine hier herumläufst.“

„Warum? Ich sage einfach, ich bin deine Schwester. Da werden bestimmt keine Vampire über mich herfallen.“ Ihre Stimme klang abfällig, aber das war ihr gleichgültig, er sollte spüren, wie sie sich fühlte.

„Vampire vielleicht, aber ich sagte ja schon, es treibt sich da …“

„Vor denen habe ich genauso wenig Angst.“ Sie wollte sich abwenden, überlegte es sich dann jedoch anders, beugte sich vor und küsste Theos kühle Wange. Sie fühlte sich weich an, wie die einer Frau.

Er hielt sie am Arm fest, als sie aus der Tür schlüpfen wollte. „Es wäre mir lieber, du würdest heimfahren, zu Großmutter. Das hier ist nichts für dich! Es könnte dir etwas zustoßen, und ich kann nicht immer auf dich aufpassen.“

„Du auf mich?“ Charlie lachte spöttisch. „Du bist ja nicht einmal imstande, auf dich selbst aufzupassen!“ Damit packte sie ihren Regenschirm, war aus der Tür und schon auf der Straße.

Sie würde ihn bestimmt nicht lange alleine lassen, oder dulden, was aus ihm geworden war. Sie war fest entschlossen, ihn aus den Fängen dieses Vampirs zu befreien und zurück zu Großmutter zu bringen. Großmutter war so alt und klug, dass sie gegen alles ein Heilmittel wusste.

Cyrill Veilbrook hatte seinen Kutscher heimgeschickt, um zu Fuß durch London zu laufen. Er war vor zwei Tagen von einer längeren Reise auf den Kontinent zurückgekehrt, und es drängte ihn danach, wieder in die Tiefen dieser Stadt einzutauchen. Zudem hatte London bei Nacht ein völlig anderes Flair als tagsüber. Es war dann von Kreaturen bevölkert, die das Licht des Tages scheuten und sich erst in der Dunkelheit hervorwagten. Sie strahlten so viele unterschiedliche, intensive Gefühle aus, wie Lust, Hass, Wut, Gefahr, Liebe, Trauer. Cyrill mochte dieses nächtliche Konglomerat an Gedanken und Emotionen, es war leidenschaftlich und gefährlich.

Er kannte London seit sehr vielen Jahren. Es gab weder in den dreckigen Elendsvierteln noch in den Stadtteilen, wo die Reichen und Adeligen wohnten, eine Straße, ein Haus, eine Ecke, die er nicht schon einmal gesehen hatte. Er hatte ausreichend Zeit gehabt, London kennenzulernen, sein Wachsen, seine Veränderungen zu erleben, und er war gewohnt, es als seine Stadt anzusehen. Die Bewohner – besonders in den Armutsvierteln – waren damit vertraut, ihn durchschlendern zu sehen, wenn er in der Dämmerung oder des Nachts unterwegs war, und legten zum Teil großen Wert darauf, ihm so weit wie möglich auszuweichen.

Auch an diesem Abend war es nicht anders. Dunkle Schatten kreuzten seinen Weg, wichen vor ihm zurück, drängten sich halbverfallene Steinmauern entlang, verschmolzen mit morschen Planken. Der Geruch von Elend, Leidenschaft und Tod lag wie eine dichte Decke über allem. Cyrill verabscheute diese Atmosphäre, und zugleich suchte er sie. Sie war wahrhaftiger als die gekünstelten Leben der Reichen, die ihre Fassaden der Biederkeit kultivierten, saubere Kleidung und ganze Flakons von Parfüm trugen, um das schmutzige Darunter zu übertünchen. Hier war alles echt. In der Gosse gab es keinen Schein mehr.

Er hatte die Straße zur Hälfte durchwandert, als vor ihm eine unvermutete und ungewohnte Bewegung entstand. Etwas Lichtes durchbrach die Dunkelheit. Leuchtendes Haar, eine helle Stimme, die den Nebel teilte. Eine sehr zornige Stimme, die zu einer Frau gehörte. Schatten umschwärmten sie, kamen näher, wichen zurück. Zischende Laute, ein leises Fauchen, höhnisches Gelächter füllte die Straße, als sie den Regenschirm hob, um nach den Angreifern zu schlagen. Die Szene war nur von einem mickrigen Feuer erhellt, um das sich einige Gestalten geschart hatten, die ängstlich zusahen.

„Verschwindet! Sonst könnt ihr etwas erleben! Macht euch davon! Widerwärtiges Gesindel!“

Ihre Stimme schwankte nicht. Sie war wütend, und sie hatte Mut. Cyrill hatte schon Frauen in ähnlichen Situationen gesehen; heruntergekommene Prostituierte, Bettlerinnen, Diebinnen, Mörderinnen, Geschöpfe dieser Welt und der Gosse, die es mit Leben und Tod nicht genau nahmen und bei den Angriffen der Schatten doch wimmernd und laut schreiend versucht hatten, zu entkommen. Diese hier war sogar furchtlos – oder wohl eher dumm genug – einen der Angreifer, der ein paar Schritte zurückwich, zu verfolgen und mit ihrem Schirm auf ihn einzudreschen.

Cyrill schlenderte näher. Er war sich noch nicht sicher, was er tun wollte. Einerseits hatten die Schatten der Slums das Recht dazu, jedes Wild, das sich des Nachts hierher verlief, für sich zu beanspruchen - es war ihre Nahrungsquelle. Aber andererseits rührte ihn etwas an diesem Mädchen. Sie gehörte auch ganz offenbar nicht hierher, dafür sprach ihr ganzes Auftreten, ihre Kleidung, ihre Sprache. Wenn auch nur einer außerhalb dieser Viertel wusste, dass sie in diese Gegend gekommen und hier spurlos verschwunden war, wimmelte es in den nächsten Tagen in diesen Gassen von Bütteln. Außerdem – so gänzlich spurlos verschwanden sie nie. Die Lebewesen, Menschen und Schatten, konnten zwar viel brauchen - und was nicht, landete diskret in der zähen Masse des Abwasserkanals, der dieses Viertel durchzog und jede Art von Abfall mit sich führte - aber irgendetwas blieb immer zurück, und wäre es nur der Geruch nach unschuldigem Blut.

Cyrill trat in den Schein des kleinen Feuers. Sofort veränderte sich die Szenerie. Die Schatten zogen sich zurück und verharrten außerhalb des schwachen Lichtkreises. Sie warteten. Cyrills Blick schweifte über die kleine Gruppe um das Feuer. Menschen. Sie regten sich nicht. Er sah eine zahnlose Frau, deren Gesicht von Pusteln überzogen war, eine etwas jüngere, die ihr Gesicht hinter einem Tuch verborgen hatte, und einen verkrüppelten Alten mit tiefen Pockennarben, der so gekrümmt da hockte, dass man sein Gesicht kaum sehen konnte. Menschlicher Auswurf, Sklaven der Dämonen.

Das Mädchen war mitten auf der Straße stehen geblieben. Das Feuer beleuchtete ihr Gesicht; sie war noch sehr jung und nicht gerade reizlos. Sie warf einen abschätzenden Blick auf Cyrill, dann drehte sie sich langsam mit dem Schirm im Kreis. Wann immer die Schirmspitze auf einen der Schemen zeigte, zog sich dieser weiter in die Dunkelheit zurück.

Cyrill kam näher. Sie bückte sich und hob eine Pelerine vom Boden auf, schüttelte sie seelenruhig aus und warf sie sich um die Schultern. Ihr fragender und zugleich misstrauischer Blick erfasste ihn. „Sir?“

Er hatte noch kein Wort gesprochen, konnte aber förmlich die Spannung in den Schatten fühlen. Sie würden es nicht wagen, ihn anzugreifen. Es hatte sich in den letzten Monaten zwar einiges geändert, neue Vampire und Dämonen waren in London eingetroffen, aber noch respektierten sie ihn. Und wenn nicht, konnte er ihnen sehr schnell wieder die nötige Achtung beibringen.

„Sie scheinen sich verlaufen zu haben, Miss.“ Cyrill hatte seine Entscheidung getroffen. Er würde das Mädchen heimbringen. Dieses Mal würde es überleben, und wenn es nicht dumm genug war, wieder hierher zu kommen, hatte es vielleicht sogar Chancen, noch ein paar Jahre älter zu werden.

Sie sah sich stirnrunzelnd um. Fühlte sie, wie die Schatten sich zurückzogen? Deren Zorn? Er spürte ihre Gefühle, aber er achtete nicht darauf. Sie mussten sich eben andere Nahrung suchen.

„Nicht so ganz verlaufen“, sagte sie endlich. „Ich dachte, dass ich nach zwei, drei Straßen in ein Viertel käme, wo ich mich zurechtfände, aber dann wurde ich belästigt.“

Cyrill gab sich keine Mühe, sein ironisches Lächeln zu verbergen. Belästigt nannte sie das also, wenn sie von hungrigen Dämonen und Vampiren angegriffen wurde. Die junge Dame war entweder wirklich sehr einfältig oder völlig unwissend, was diese Gegenden betraf. Eher unwissend, entschied Cyrill, als er in ihre hellen Augen sah. Er versuchte, ihre Gefühle zu erfassen, aber das war schwierig unter den Leidenschaften der anderen Geschöpfe. Sie hatte einen wachen Blick, als sie ihn abermals eindringlich musterte, so, als wäre sie nicht sicher, wie sie ihn einzuschätzen hatte. Harmlos, hätte er ihr sagen können. Jedenfalls für sie und die meisten Menschen.

„Wenn Sie mir erlauben, werde ich Sie heimbegleiten.“

Sie nickte hoheitsvoll. „Das wäre sehr freundlich von Ihnen.“

„Dann bitte hier entlang.“ Cyrill trat dicht neben sie und berührte ihren Arm. Er fühlte, wie die dunklen Kreaturen sich weiter zurückzogen. Er wollte das Mädchen die Straße weiter führen, aber sie blieb stehen und wandte sich an die beim Feuer sitzenden Dämonensklaven.

„Würden Sie mir wohl gestatten, einen Span mitzunehmen?“ Sie deutete auf ihre Füße. „Ich sehe kaum, wohin ich steige. Hier, bitte sehr“, sie kramte in ihrer Kleidertasche und zog eine Münze hervor, Cyrill hob die Augenbrauen, als er sah, dass es eine halbe Guinee war.

Der pockennarbige Alte fasste so schnell nach der Münze, dass man die Bewegung kaum sah. Er biss hinein, dann steckte er sie zufrieden unter sein Hemd, wies nur mit dem Kopf auf das Feuer und das Mädchen griff nach einiger Überlegung nach einem Span. Cyrill wartete halb ungeduldig, halb amüsiert, als er beobachtete, wie sorgfältig sie wählte. Das jämmerliche Licht war zu klein, um den Weg zu beleuchten und gar die in Bodennähe dichten Nebel zu durchbrechen. Sie hatte damit keine Chance zu sehen, wohin sie ihren Fuß setzte, und würde mit ihren feinen Stiefeln bald knöcheltief im Kot waten.

Sie wandte sich ihm zu. „So. Damit muss ich Sie nun nicht länger belästigen. Jetzt finde ich meinen Weg auch alleine.“

Cyrill war nahe daran zu grinsen. Was glaubte sie, wie lange dieser Span die anderen davon abhielt, sich wieder auf sie zu stürzen? Sobald er ihr auch nur den Rücken zukehrte, kam sie damit nicht einmal die halbe Straße entlang!

„Ich bringe Sie heim.“

Sie hob das Kinn. „Das ist nicht nötig.“

„Ich glaube doch.“ Cyrill wusste selbst nicht, weshalb er dieser Meinung war. Interesse an diesen großen Augen? Ein letzter Rest Ritterlichkeit oder Anständigkeit? Er dachte nicht länger darüber nach. Vielleicht war ihm auch nur langweilig.

„Nun, wie Sie meinen.“ Sie klang höflich, aber gleichgültig, als sie sich energisch in Bewegung setzte. Cyrill holte sie mit zwei langen Schritten ein, und die sie umschwärmenden Schatten wichen wieder zurück.

„Sie müssen weit vom Weg abgekommen sein.“

„Nicht so schlimm, das sagte ich Ihnen ja bereits.“ Sie sah beim Gehen kurz hoch. „Der Nebel ist zu dicht, sonst könnte man den Mond sehen, das würde es angenehmer machen, hier zu gehen.“

„Der Mond würde Ihnen nicht helfen“, meinte Cyrill ironisch.

„Der Mond nicht, aber Sie haben es getan.“ Ihre Stimme klang freundlich. „Es überrascht mich, Sie hier zu sehen. Sie wirken nicht auf mich, als gehörten Sie hierher.“

„Dasselbe könnte ich auch von Ihnen behaupten“, erwiderte Cyrill trocken. Etwas in ihm drängte ihn dazu, hinzuzufügen: „Sie sollten sich des Nächtens mit einer Kutsche oder Sänfte heimbringen lassen und diesen Vierteln gar nicht erst nahe kommen.“

„Ach“, erwiderte sie leichthin. „Ich wäre schon mit diesen Leuten fertig geworden!“

„Ja, bestimmt, wenn diese nämlich von Ihnen genug gehabt und Sie in der Gosse hätten liegen lassen.“ Ausgesaugt, ausgeblutet. Nackt, weil der menschliche Abschaum nicht lange zögern würde, ihre Kleidung an sich zu reißen.

Sie gab keine Antwort, aber um ihre Lippen trat ein entschlossener, eigensinniger Zug.

„Wo wohnen Sie?“, setzte Cyrill nach einigen Schritten die Unterhaltung fort.

„Weshalb wollen Sie das wissen?“ Ihr prüfender Blick wanderte einmal mehr über ihn. Cyrill hielt ihm gleichmütig stand; er wusste, dass er wie ein Gentleman gekleidet war und auch in seinem Benehmen wie einer wirkte. Anständige junge Damen hatten üblicherweise keine Angst vor ihm. Und auch keinen Grund dazu.

„Ich dachte, Sie wollten heim. Wir können natürlich auch gerne stundenlang im Kreis durch den Unrat in diesen Straßen waten.“ Langsam ging sie ihm auf die Nerven, und er bereute bereits seinen Anflug von Ritterlichkeit. Er mochte Frauen wie sie nicht. Frauen, die sich hierher verliefen und dann mit dem Regenschirm auf Vampire losgingen, litten entweder an unangebrachtem Selbstbewusstsein oder an übermäßiger Dummheit. Er hatte lieber die sanften, anschmiegsamen Frauen, die sich belehren ließen und genügend Verstand besaßen, Gegenden wie diesen auszuweichen. Er kannte natürlich auch andere, solche, die nicht einmal einen Regenschirm brauchten, um mit den Schatten fertig zu werden. Denen diese Geschöpfe ohnehin aus dem Weg gingen, weil sie ihnen zu gefährlich und zu mächtig waren. Diese Frauen trugen ihr Selbstbewusstsein aber nicht zur Schau. Allerdings waren es auch keine von der Sorte, bei denen er jemals überlegt hatte, wie sie ohne Kleidung aussahen. Bei dieser hier hatte er das anfangs getan. Was ein Fehler war, denn andernfalls wäre er weiter gegangen und hätte sie jetzt schon los.

„Ich wohne in der Loman Street“, sagte sie endlich.

Das war nicht die beste Gegend, aber sie befanden sich tatsächlich nicht so weit von ihrem Wohnort entfernt, wie er ihrem Aussehen und ihrem Auftreten nach geschlossen hätte.

Londons Stadtteil Southwark hatte die verschiedensten Anreize zu bieten. Hier befanden sich nicht nur Gefängnisse und das Irrenhaus, sondern auch Vergnügungsstätten, Wirtshäuser, Theater, das düstere Gebiet an der Themse und natürlich jede Menge Bordelle. Er selbst war, bis er London für einige Monate verlassen hatte, häufig Besucher eines ganz gewissen, in der Loman Street ansässigen Etablissements gewesen. Er warf dem Mädchen einen kurzen Blick zu. Ob sie wohl wusste, dass diese Straße eines der außergewöhnlichsten Bordelle beherbergte, das nicht nur London, sondern ganz England zu bieten hatte? Vielleicht war es sogar ein Wink des Schicksals, dass seine Hilfsbereitschaft ihn gerade heute dorthin führte. Er konnte, bevor er heimging, dem Chez Haga noch einen kurzen Besuch abstatten, anstatt weiterhin durch die nebligen Straßen zu schlendern und sich dann in die Einsamkeit seines Hauses zurückzuziehen.

Sie schien endlich begriffen zu haben, dass er gewillt war, sie zu begleiten. Sie sah zwar nur geradeaus, gönnte ihm keinen Blick, machte aber auch keine Anstalten, seine Seite zu verlassen. In der rechten Hand hielt sie entschlossen den Regenschirm, als wäre sie bereit, jederzeit wieder zuzuschlagen, in der linken den brennenden Span. Die Flamme brannte überraschend hell, und Cyrill wunderte sich, dass das Feuer nicht schon mehr von dem Holz gefressen hatte.

Vor einer besonders zwielichtigen Straße blieb seine Begleiterin stehen und blickte zweifelnd hinein.

„Das ist der kürzeste Weg“, sagte er ruhig.

„Sie scheinen die Gegend hier gut zu kennen.“

„Jedenfalls besser als Sie.“ Er nahm leicht ihren Arm. „Und jetzt kommen Sie.“ Er sah aus dem Augenwinkel, wie dunkle Schemen die schmale Straße querten, sich in schiefe Haustore drückten. Einer sprang mit katzenhafter Geschicklichkeit aus dem Stand auf eines der niedrigen Dächer. Das Mädchen sah ebenfalls hin, beobachtete. Ihre Augen waren etwas schmäler geworden, und ihr Ausdruck war angespannt. Hier lebten die Ausgestoßenen aller Welten. Sekundenlang lauschte er mit allen Sinnen in die Straße hinein. Sie hatten ihn und das Mädchen verfolgt, sie waren zornig. Offensichtlich waren sie dieses Mal nicht so leicht einzuschüchtern wie sonst. Für ihn wäre es kein Problem gewesen, aber er wollte nicht, dass sie zuviel von dem begriff, was hier vor sich ging. Er überlegte, dann nahm er ihren Arm, drehte mit ihr um und ging den Weg zurück, den sie gekommen waren.

„Was ist jetzt?“, fragte sie verblüfft.

„Wir nehmen eine andere Straße.“

Sie ging widerstandslos mit ihm, blickte aber über die Schulter zurück. Sie würde nichts sehen außer undurchdringlicher Dunkelheit. Die Wesen, die sich dort verbargen, waren nicht für menschliche Augen sichtbar.

Das Mädchen schwieg für den Rest des Weges. Sie hatte den Kopf gesenkt und duldete es, dass Cyrill leicht die Hand unter ihren Ellbogen legte. Auf diese Weise war sie mit ihm verbunden und etwaige Rivalen wussten, dass er Anspruch auf sie erhob. Er grinste innerlich bei dem Gedanken, dass sie tatsächlich völlig sicher bei ihm war. Ihre äußerlichen Reize waren bei näherem Hinsehen bei Weitem nicht so ausgeprägt, dass er in Versuchung gekommen wäre, ihr näher zu kommen, und Blut – selbst wenn es so frisch und süß war wie bei diesem Mädchen – interessierte ihn schon lange nicht mehr. Die Zeiten, wo er Kraft daraus geschöpft hatte, waren viele Menschenleben vorbei.

Als sie die besseren Gegenden Southwarks erreichten, warf das Mädchen den brennenden Span ins Rinnsal. Die Gasbeleuchtung war ausreichend, und zudem war die Gegend belebt. Hier eilten Sänftenträger durch die Straßen, Diener, Boten, käufliche Damen schritten hüftschwingend auf und ab, und einige angetrunkene junge Herrchen auf Abenteuersuche gafften seine Begleiterin an, wichen jedoch weit aus, als sein Blick sie fixierte.

Endlich bogen sie in die Loman Street ein. Das Mädchen ging zielstrebig weiter und blieb vor genau dem Haus stehen, das Cyrill an diesem Abend als lohnendes Ziel erachtet hatte.

„Hier wohnen Sie?“ Cyrill konnte seine Verblüffung kaum verbergen.

Sie wandte ihm ein erstauntes Gesicht zu. „Sollte Ihnen dieses Haus nicht behagen?“

Erstaunt über den Spott in ihrer Stimme wandte er sich ihr zu. Das Haus hatte ihm sogar schon so manches Mal behagt, vor allem die jungen Damen darin, die genau jenes Maß an Unterwürfigkeit besaßen, das ihm gefiel, aber dass auch seine Begleiterin hier wohnte, verwunderte ihn. „Es ist kein Haus für eine junge Dame.“

„Dann bin ich vermutlich auch keine“, kam es ungeduldig zurück.

„Nein, vermutlich nicht.“ Sein Blick glitt mit neu erwachtem Interesse über sie. Ein anständiges Mädchen, das sich irrtümlich in die Slums verirrt hatte, war langweilig, aber als kleine Hure hatte sie einen gewissen Reiz. Sie hatte Haltung, das war einmal etwas Neues. Haga schien während seiner Abwesenheit ihr Angebot an Liebeshexen vergrößert zu haben. Nicht uninteressant. Jetzt begriff er auch, weshalb sie den Eindruck gemacht hatte, die Schatten wahrzunehmen. Diese kleinen Hexen waren zwar zu nicht viel mehr gut, als einem Mann unvergessliche Liebesstunden zu bereiten - und verstanden sich auf die absonderlichsten Mittel dazu - aber er zweifelte nicht daran, dass sie andere übersinnliche Wesen fühlen und erkennen konnten.

Trotzdem war ihr Selbstbewusstsein nicht angebracht. Diese Geschöpfe hätten sie ebenso schnell getötet und zerrissen wie eine normale Frau. Was, im Namen der höllischen Wesen, hatte sie in dieser gottverdammten Gegend getan? Hatte sie sich wirklich nur verlaufen? Oder war sie auf dem Heimweg von einem Freier?

„Ich bin Charlotta … Baker.“ Sie hatte kaum merklich gezögert. „Lady Hagas Nichte.“

Er kräuselte die Lippen zu einem ironischen Lächeln. „Ja. Natürlich. Ich kenne Lady Haga. Und ihre Nichten“, fügte er bedeutsam hinzu.

Ihre Wangen färbten sich ein wenig. Sie hatte also gedacht, ihm das biedere Mädchen vorspielen zu können. Das wäre ihr bei vielen anderen gelungen, die niemals Zugang zu Hagas Veranstaltungen hatten, aber er wusste es bei Weitem besser. Das Spiel mit der kleinen Hure gefiel ihm mit einem Mal. Es war unterhaltsam.

Er verbeugte sich leicht. „Cyrill Veilbrook.“

Sie neigte den Kopf. „Vielen Dank, für Ihre Begleitung, Mr. Veilbrook. Sie waren sehr freundlich. Gute Nacht.“

Cyrill wollte sie nicht so gehen lassen. Eine interessante Idee war ihm gekommen: Er hatte sich noch nie eine Succuba unterworfen, die eine Dame spielte. Sie war gut in ihrer Rolle, und vielleicht doch reizender als er gedacht hatte. Sein Blick glitt über ihr hochmütiges Gesicht und blieb an diesen vollen Lippen hängen. Mit einem Mal war es ihm ein Bedürfnis zu probieren, wie diese Hexe schmeckte. „Ist das alles?“, fragte er sie mit leichtem Spott in der Stimme, während er einen Schritt näher trat.

Ihre Augenbrauen hoben sich erstaunt. „Wie darf ich das verstehen?“

„Einfach nur ein ‚Vielen Dank‘?“ Er sah auf sie hinab. Sieh an, in diesen hellgrauen Augen blitzte es auf, sie hatte zweifellos Temperament. Der Sache musste er näher nachgehen. Wenn sie so schmeckte und küsste, wie sie ihren Regenschirm gegen Dämonen führte, war es durchaus lohnend, die Bekanntschaft zu vertiefen. Er sah tiefer in diese Augen, in deren Untergrund es funkelte. Was war das? Lebhaftigkeit? Leidenschaft? Zufrieden merkte er, wie sie unter seinem zwingenden Blick ruhiger wurde. So war es gut. Die hochmütige Dame konnte sie ihm ein anderes Mal vorspielen, jetzt wollte er nur kosten und sehen, ob er überhaupt Interesse an einer Fortsetzung dieser Bekanntschaft hatte.

Sie blinzelte, hielt aber immer noch ruhig, als er sich hinabbeugte. Seine Hand lag sanft unter ihrem Kinn und hob es in eine angenehme Position. Sie zuckte, als wollte sie sich losreißen, aber ein eindringlicherer Blick genügte, und sie schloss die Augen. Ihr Atem ging ganz ruhig. Sie wusste nicht mehr, was er mit ihr tat, aber darum ging es ihm jetzt nicht. Seine Lippen berührten ihren Mund. Weich. Voll. Er hatte sie völlig in seiner Gewalt, und sobald er sie losließ, hatte sie keine Erinnerung mehr an diesen Moment. Das war besser so, Cyrill nutzte seine Überlegenheit sonst nicht auf diese Art aus, er liebte die Verführung oder das Spiel mit Dominanz und Unterwerfung.

Er fuhr langsam und bedächtig über diesen hübschen Mund, das angenehme Gefühl auskostend, dann erhöhte er den Druck. Sie gab ohne zu zögern nach. Er schob sachte seine Zunge zwischen ihre Lippen. Ein bisschen mehr Nachdruck und schon öffnete sie ihren Mund weiter, und er konnte sie tiefer kosten. Es war angenehm, sie zu probieren, sie schmeckte süß und frisch; weit besser als die meisten Frauen, die er in den letzten Jahren gekannt und geküsst hatte.

Cyrill legte fast unbewusst den Arm um sie und zog sie ein wenig an sich - sie gab abermals nach. Sie war völlig willenlos, als hätte er eine Puppe im Arm; aber es war eine sehr lebendige, warme Puppe. Cyrill wusste nun schon genug, er hätte sie loslassen und ins Haus schicken können, aber er wollte noch nicht aufhören. Er vertiefte den Kuss noch weiter, zog sie enger. Eine unerwartete Begierde stieg in ihm hoch. Sie war so biegsam, so schlank und doch an den richtigen Stellen voll genug. Und ihr Mund war so …

Ein Geräusch brachte Cyrill wieder in die Gegenwart zurück. Eine Katze sprang fauchend zwischen den Sträuchern des Vorgartens hervor und rannte mit peitschendem Schwanz davon. Er ließ das Mädchen los und trat genau in dem Moment einen Schritt von ihr zurück, als die Haustür geöffnet wurde. Ein Dienstmädchen streckte den Kopf heraus.

Cyrill wandte seine Aufmerksamkeit wieder seiner Begleiterin zu, die sich jetzt mit einem irritierten Blinzeln umsah.

Sie strich sich über die Stirn. „Was …“

Er verneigte sich, als wäre nichts geschehen. „Ich wünsche einen schönen Abend, Miss Charlotta.“ Ob dieser Name stimmte? Baker war sicherlich falsch, sonst hätte sie nicht so gezögert.

Sie sah ihn verwirrt und zugleich misstrauisch an. „Ja. Hm. Danke.“ Sie schüttelte leicht den Kopf, als wollte sie einen unangenehmen Gedanken loswerden. Dann ein anmutiges Kopfnicken vor Cyrill und schon drehte sie sich um und lief leichtfüßig die Treppe hinauf. Die Tür schloss sich hinter ihr, und Cyrill machte sich ungewöhnlich gut gelaunt auf den Heimweg.

Im Haus ließ sich Charlie von Peggy die verschmutzte Pelerine abnehmen und legte den hilfreichen Regenschirm auf eine Truhe.

„Ein sehr gut aussehender Herr, Miss Charlotta“, stellte Peggy fest. „Ein Bekannter von Ihnen?“

„Nein, ich kenne ihn nicht. Er war nur so liebenswürdig, mich heimzubegleiten.“

Peggy grinste versteckt. Sie hatte die beiden durch das Fenster beobachtet, und der Kuss hatte nicht so ausgesehen, als wäre der Gentleman nur auf eine höfliche Begleitung aus gewesen. Aber das ging ja immer schnell bei den Mädchen hier im Haus. Und die Nichte der Herrin war da anscheinend keine Ausnahme.

Charlie streifte die verdreckten Schuhe von den Füßen und warf sie in eine Ecke der Eingangshalle. „Wo ist meine Tante?“

Von der Halle gingen mehrere Türen weg. Eine davon führte in das Empfangszimmer, wohin die Gäste geführt wurden, die entweder mit Lady Haga sprechen wollten oder darauf warteten, dass die jeweilige Dame oder der junge Mann, den sie besuchten, frei war. Eine weitere führte in Hagas Arbeitszimmer, dann eine in den Souterrain mit der Küche und den Wirtschaftsräumen und die letzte in den Salon. In diesem von Gold, Samt und Plüsch, weichen Lehnsesseln und Chaiselongues dominierten Raum, der eine Ahnung der einstigen Pracht von Hagas Bordell vermittelte, fanden sich die Neffen und Nichten zwanglos entweder allein oder mit den Gästen zusammen.

„In der Küche, Miss. Braut wieder was zusammen.“

„So.“ Charlie fuhr sich abermals mit der Hand über die Stirn. Sie hatte das Gefühl, dass ihr etwas entgangen war. Als ob sie etwas vergessen hätte. Aber was konnte das schon sein? Sie hatte sich von diesem Veilbrook verabschiedet und war danach gleich ins Haus gegangen, oder? War sie nicht ungewöhnlich lange dort draußen gestanden? Aber was hätte sie da gemacht? Alles, woran sie sich deutlich erinnern konnte, war sein eindringlicher Blick. War er dann nicht einen Schritt auf sie zugekommen? Unwillkürlich strich sie mit dem Finger über ihre Lippen und fuhr mit der Zunge darüber. Es war ihr, als ob … Nein, unmöglich. Sie schüttelte sich wie ein nasser Hund und lief auf Strümpfen in die Küche, um ihre Tante zu suchen. Sie hatte Wichtigeres zu tun, als über diesen seltsamen Fremden nachzudenken, sie musste mit Tante Haga über Theo sprechen.

Lady Hagazussa stand in einem leichten, fließenden Gewand vor dem Herd, hatte ihr dichtes Haar mit einem bunten Schal hochgebunden und rührte mit geröteten Wangen in einem Topf, dessen Dimensionen für eine Kasernenküche angemessen gewesen wären. Sie strahlte Charlie an, als sie ihrer ansichtig wurde. „Komm herein, mein Kind. Ich will dir ein Rezept zeigen, das für dich sehr wichtig werden kann.“

Charlie lehnte sich daneben hin und sah neugierig zu, wie Lady Haga Zutaten aus verschiedenen Dosen, Flakons, Körben nahm, sie - Zaubersprüche murmelnd - in den Topf warf und zwischendurch kräftig umrührte. Dampf und Rauch stiegen auf und erfüllten die geräumige Küche. Haga schloss die Augen, hob beschwörend die Hände über den Topf und begann zu singen. Die Töne klangen rein und klar durch den Raum, perlten durch den Dampf und lockten zwei der Mädchen an, die neugierig an der Küchentür stehen blieben.

Endlich ließ Tante Haga die Hände sinken und öffnete die Augen. Dann atmete sie tief durch, wandte sich ihrer Nichte zu und blinzelte. „Nicht, dass der Gesang nötig wäre, aber es macht einfach Spaß.“

Charlie lachte. Sie hatte ihre Großmutter oft dabei beobachtete, wie sie Heiltränke und weitaus geheimnisvollere Mixturen braute, und hatte sich selbst schon öfters darin versucht, aber sie hatten nur gelegentlich etwas Beschwörendes gemurmelt, um die natürlichen Kräfte der Kräuter zu erhalten oder zu verstärken. Großmutter hätte wohl indigniert den Kopf geschüttelt, hätte sie ihre Tochter so gesehen. Aber, fand Charlie, es hatte wirklich etwas Magisches an sich, beim Kochen zu singen; vor allem, wenn man eine so schöne Stimme hatte wie Tante Haga.

Sie trat neugierig näher, als ihre Tante sie heranwinkte, und lugte in den Topf. Das roch recht aromatisch. Haga nahm einen Löffel, hielt auch ihr einen hin und nickte ihr dann aufmunternd zu. Sie tauchte ihren Löffel ein und Charlie tat es ihr nach. Sie schlürfte ein wenig von der heißen Brühe und kostete nach. Es schmeckte nicht schlecht.

„Und wofür ist es?“

Wogegen.“ Hagas Gesicht wurde ernst. „Gegen Vampire. Wenn du nämlich darauf bestehst, mit Theo Kontakt zu haben, dann wird dir dieses Mittel sehr hilfreich sein. Ich habe es früher immer regelmäßig an die Mädchen verteilt, als wir noch öfter Vampirgäste hatten.“

Charlies Wangen wurden zuerst blass, dann rot. Haga legte rasch den Löffel weg, trat auf sie zu und nahm sie in die Arme.

„Ach, Kindchen, nicht dass ich Theo verdächtigte, dir jemals etwas anzutun. Seinen Freunden dagegen würde ich nicht über den Weg trauen, sie sind oft sehr unberechenbar. Dein Bruder würde dir niemals auch nur ein Haar krümmen, dazu hat er einen viel zu guten Charakter, der sich auch durch seine Veränderung nicht wandeln wird. Aber alle sind nicht wie er, Charlie.“ Sie nannte sie absichtlich bei diesem Kosenamen, um ihr zu zeigen, wie sehr sie mit ihr fühlte. „Andere sind durch Lust und Leidenschaft so weit gekommen, durch den Wunsch, unsterblich zu werden, gleichgültig um welchen Preis. Um ihre Leidenschaften ausleben zu können, um Macht zu haben. Und darauf werden sie niemals verzichten.“

Charlie spürte, wie es hinter ihren Augen prickelte, und ihre Kehle sich zusammenschnürte. Sie drückte sich kurz an den wohlgeformten, weichen Leib ihrer Tante, sog ihren wunderbaren Duft nach Rosen ein und löste sich dann rasch wieder von ihr. Der Trost tat ihr gut, aber sie durfte nicht nachgeben. Wenn sie sich jetzt gehen ließ, vielleicht sogar zu weinen begann, war sie Theo keine Hilfe. Sie wandte sich entschlossen wieder der Brühe zu, tauchte den Löffel abermals ein und schmeckte, die Augen konzentriert geschlossen, nach.

„Ist da Knoblauch drin?“

„Nein“, Haga schüttelte den Kopf. „Der wirkt doch nicht wirklich. Es sei denn natürlich, er wäre mit einem starken Zauber versetzt. Ich habe sogar einmal von so einem Fall gehört, wo eine alte Frau magische Knoblauchketten verteilt hat. Aber sonst gibt es nur ganz wenige Vampire, die sich davon abhalten lassen, weil sie den Geruch nicht mögen und lieber Menschen beißen, die weniger stinken. Und wie groß ist schon die Chance, frage ich dich, an einen Vampir zu geraten, der lieber hungert, als einen Menschen mit Knoblauch im Atem und im Blut zu beißen. Sehr gering“, beantwortete sich Haga die Frage lebhaft selbst. „Aber noch lächerlicher sind die anderen Mittelchen. Wie Senfkörner auswerfen, damit der Vampir sie zählt und dabei vergisst, sein Opfer zu verfolgen! Ich habe schon Vampire gekannt, die konnten nicht einmal zählen!“ Haga lachte, und Charlie musste ebenfalls schmunzeln. „Ach weh, was sich die Menschen da alles über diese Blutsauger zusammengereimt haben!“

„Aber auch über uns“, meinte Charlie nüchtern.

„Nein.“ Ihre Tante schüttelte vehement den Kopf. „Nicht über uns. Vielmehr über die armen Geschöpfe, die sie an unserer Statt erwischt und gequält haben.“ Sie schnaubte in ihrer anmutigen Art, wie nur Lady Hagazussa das konnte, ohne dabei vulgär zu wirken. Charlie hatte als Kind einmal versucht es nachzuahmen und war von Großmutter dafür gescholten worden. „Keine von uns – ich meine keine von uns Wahrhaftigen – wäre jemals diesen kranken Menschen in die Hände gefallen.“

„War das nicht Unrecht von uns?“ Charlie hatte schon oft darüber nachgedacht und den Gedanken jedes Mal sehr belastend gefunden.

„Von uns?!“

„Nun, immerhin waren wir es doch, die mit unseren Zauberkünsten die Menschen überhaupt darauf brachten, dass es so etwas wie Hexen gibt.“

„Hexen?!“ Lady Haga riss die Augen auf. „Lass dir nicht einfallen, noch einmal vor mir so einen Ausdruck zu gebrauchen! Wir sind die Wahrhaftigen! Die Echten! Nicht so arme, bemitleidenswerte Kräuterweiblein, die im Mondlicht durch die Wälder kriechen, um Pflanzen zu sammeln. Und schon gar keine dieser missgeleiteten Kreaturen, die Hühnern den Hals umdrehen, um Blutopfer darzubringen, und sich an Schwarzer Magie versuchen, um Macht und Einfluss zu gewinnen.“ Sie schüttelte sich. „Wir sind Trägerinnen der alten Traditionen und großer, wahrhaftiger Macht. Auch wenn“, fügte sie ein wenig verstimmt hinzu, „sich diese Macht nicht in allen von uns gleichermaßen manifestiert.“ Sie musterte ihre Nichte mit einer Mischung aus Bewunderung, Liebe und Neid. „Nicht jeder ist so begabt wie deine Mutter es war. Oder wie deine Großmutter. Ich bin neugierig, wie du dich noch entwickeln wirst.“

„Ich glaube, ich bin nicht sehr begabt“, murmelte Charlie. Sie wandte verlegen den Blick ab. Das Thema begann ihr unangenehm zu werden, noch dazu, weil Tante Hagas Nichten sich vor der Tür versammelten und aufmerksam zuhörten. Sie alle waren Hexen – Charlie hatte kein Problem, diesen Ausdruck zu gebrauchen, ebenso wenig wie Großmutter, die dafür bekannt war, die Dinge beim Namen zu nennen. Allerdings waren sie tatsächlich Hexen verschiedener Stufen, verschiedener Ausbildung und Begabung. Die meisten von ihnen waren reine Succubi, die sich hervorragend auf Liebeszauber und sexuelle Erregung verstanden – und auch darin, zeitgerecht das Weite zu suchen, wenn es brenzlig wurde.

Charlie dagegen hatte die magischen Fähigkeiten ihrer Mutter geerbt, auch wenn sie noch nicht völlig ausgeprägt waren. Es dauerte oft bis zum vierzigsten und gar fünfzigsten Lebensjahr, bis die Magie einer Hexe vollkommen ausgereift war.

Theo wiederum hatte gar nichts mitbekommen. Das war nicht ungewöhnlich, denn meistens übertrugen sich die übersinnlichen Fähigkeiten nur auf die weiblichen Nachkommen, und lediglich in ganz seltenen Fällen kam es dazu, dass ein Sohn sie erbte. Möglicherweise hatte Theo sich benachteiligt gefühlt, und daraus war der Wunsch entstanden, mehr als nur ein Mensch, ja sogar unsterblich zu sein, Fähigkeiten zu erhalten, die ihm sonst verschlossen geblieben wären - ein Vampir zu werden. Charlie konnte ihn bis zu einem gewissen Grad verstehen, aber es bedeutete auch, dass sie ihm gegenüber versagt und nicht genügend auf ihn achtgegeben hatte. Der Gedanke, ihn an diese Vampire zu verlieren, wurde mit jedem Tag, mit jeder Stunde unerträglicher. Nein, sie konnte es nicht dulden. Sie würde um ihn kämpfen.

Tante Haga zog Charlies Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Diese Suppe, ja wie wirkt sie nun? Sie wehrt die Vampire nicht ab, falls du das geglaubt hast, macht aber gegen den Biss immun. Und“, fügte sie triumphierend hinzu, „der Kräuterzauber darin verhindert, dass sich die Vampire an unserer Magie bereichern. Kommt nur her, Kinderchen“, Haga winkte ihren Mädchen zu, die sich an der Küchentür versammelt hatten, „es schadet nicht, wenn ihr zuhört. Die Gerüchte, dass sich Londons Vampirgemeinde um einige sehr unangenehme Exemplare vergrößert hat, stimmen leider. Wir können nicht vorsichtig genug sein.“

„Unangenehme Exemplare – ist das Charlottas Bruder?“, kicherte eines der Mädchen. Es war ein süßes Ding mit blonden Locken.

Charlie fuhr so wild herum, dass das Mädchen drei Schritte zurückwich. „Mache noch einmal eine dumme Bemerkung über meinen Bruder und du wirst es sehr lange Zeit bereuen!“ Sie hatte die Hand erhoben, zwei Finger ausgestreckt, und das Mädchen starrte darauf wie auf eine giftige Schlange. Tante Haga fing Charlies Hand ein, hielt sie in ihrer fest und streichelte darüber.

„Sofort aufhören, meine Lieben. Venetia, wenn ich dich noch einmal solch einen Unsinn reden höre, sei es auch im Scherz, werde ich böse. Viel zorniger, als Charlotta das jemals sein könnte. Haben wir uns verstanden?“ Haga wütend zu stimmen war kein guter Gedanke. Sie war, wie die Mädchen Charlie zugeflüstert hatten, in dem vergangenen Jahr zwar viel sanftmütiger geworden, aber es hatte Zeiten gegeben, da hatte sie sehr üppigen Gebrauch von der Gerte gemacht.

Venetia nickte, murmelte eine Entschuldigung und fasste nach Charlies Arm. „Es war wirklich nicht so gemeint. Wir alle mögen doch Theo.“ Sie kannten ihn von früheren Besuchen, als Theo noch ein lebhafter junger Mensch gewesen war, der fröhlich hinter Tante Hagas Nichten herlief, um die eine oder die andere auf sich aufmerksam zu machen. Sie hatten ihn geneckt und – wie Charlie vermutete – auch in die ersten Geheimnisse der Liebe eingeweiht.

Charlie nickte nur und befreite ihren Arm aus Venetias Griff. Es war nur eine gedankenlose Bemerkung, aber dieses Thema tat im Moment zu weh, um es überhaupt anzuschneiden, noch dazu vor allen anderen. Sie war immer noch entsetzt, wenn sie daran dachte, wie verändert sie Theo vorgefunden hatte. Bleich, ein Schatten seiner selbst und ein Schatten der Welt, auch wenn er sich einbildete, sehr bald sogar bei Tag seine düstere Unterkunft verlassen zu können, solange er jedem Sonnenstrahl auswich. Sie atmete tief durch, schob den schmerzlichen Gedanken an ihren Bruder so weit wie möglich zurück und setzte ein gleichmütiges Gesicht auf, während sie Tante Haga zuhörte, die sich über die Londoner Vampire ausließ.

„… diese Vampire sich nicht anpassen und in Frieden leben wie die meisten anderen, die schon Hunderte von Jahren hier wohnen. Sie wollen Macht ausüben.“