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So spricht
Mecklenburg-
Vorpommern

Herausgegeben vom
Zeitungsverlag Schwerin
Autor: Jürgen Seidel

Ellert & Richter Verlag

Vorwort

Mecklenburg-Vorpommern ist ein sogenanntes Bindestrich-Land. Und ein Einwanderungsland. Jedenfalls in früheren Zeiten. Daher rührt mindestens sprachlich eine Vielfalt, die so nicht per se zu erwarten wäre. Wer also meint, nur weil Mecklenburg-Vorpommern an der Küste liegt, spräche man hier selbstverständlich Platt oder – wie es offiziell heißt – Niederdeutsch, der irrt gewaltig.

Zum einen unterscheidet sich dat Plattdüütsche schon mal erheblich in den einzelnen Regionen des Landes: An der Küste klingt es anders als im Binnenland, im westmecklenburgischen anders als im strelitzschen Mecklenburg, in Vorpommern anders als auf der Insel Poel. Die einen rollen das „r“, die anderen ziehen das „e“. Es gibt ein sogenanntes Dehnungs-„c“, das einen Teil der Menschen Mecklenburg wie „Meeeecklenburg“ aussprechen lässt. Der andere Teil spricht kurz und hart von „Mäcklenburg“.

Diese Vielfalt ist aber nicht alles. Wer den Versuch unternimmt, einen typischen Mecklenburger oder Vorpommern zu finden, wie mir das vor 22 Jahren als Auftrag meiner damaligen ZDF-Redaktion erteilt wurde, wird sich wundern, wie lange es braucht: Denn dieses Land beherbergt – den Vertreibungen infolge des Zweiten Weltkriegs geschuldet – nahezu jede deutsche Volksgruppe: von Ostpreußen über Schlesier und Sudeten bis zu den Siebenbürgen. Und noch etwas ist auffällig: Überall finden sich auch sächsische und thüringische Idiome, denn infolge der künstlichen Industrialisierungsversuche in DDR-Zeiten siedelten sich zahlreiche Menschen aus den südlicheren DDR-Regionen hier im Nordosten an. Auch diese Einflüsse haben den Sprachgebrauch in Mecklenburg-Vorpommern über die Jahrzehnte nachhaltig verändert. Ganz zu schweigen vom „Neudeutsch“, das nach dem Mauerfall und der deutschen Einheit ins Land einwanderte.

So haben die im medienhaus:nord erscheinenden Zeitungen – vom Flaggschiff, der Schweriner Volkszeitung (SVZ) mit ihren neun Lokalausgaben, bis zu den Norddeutschen Neuesten Nachrichten – zu Beginn des Jahres 2013 angefangen, mit Hilfe ihrer Leser unter der Rubrik „So spricht MV!“ eine sprachkundliche Sammlung anzulegen, die einen Kompass bietet durch diese Sprachgebrauchsvielfalt. Hunderte Leser haben über viele Monate immer neue Entdeckungen eingesandt. Wir danken ihnen dafür ganz herzlich! Denn so konnte auch unsere Zeitungsredaktion neue Wortschöpfungen entdecken, beinahe vergessene Redewendungen wieder bewusst machen – und manche Wortdeutung überhaupt verstehen. Denn auch dies gehört zu den Ergebnissen dieses Medienprojekts: Manches Wort selbst hat vielfältigere Be-Deutungen als zuvor angenommen. Das systematische Sammeln, Recherchieren und Aufbereiten dieses Wortschatzes ist das Verdienst unseres Autors Jürgen Seidel. Für diese nicht alltägliche und äußerst aufwendige Arbeit sei ihm an dieser Stelle ebenfalls gedankt.

Dass Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dieser einzigartige Wortschatz nun in dieser gediegenen Buch-Edition vorliegt, dafür sage ich dem Ellert & Richter Verlag ganz besonderen Dank. Nicht nur wegen der sehr gelungenen Edition, sondern auch für die unendliche Geduld und den Langmut, den die Zusammenarbeit mit einer immer hektischen Zeitungsredaktion einem abverlangt.

Ich wünsche Ihnen nun eine vergnügliche, lehrreiche und erbauliche Lektüre mit diesem mecklenburg-vorpommerschen Sprachschatz.

 

Ihr Michael Seidel,

Chefredakteur des Zeitungsverlags Schwerin,

medienhaus:nord

So sprach und spricht man in Mecklenburg-Vorpommern – Auf der Suche nach Wörtern, Begriffen und Redewendungen aus Vergangenheit und Gegenwart

„Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache.“ So sagt es jedenfalls kein Geringerer als der Apotheker und Schriftsteller Theodor Fontane. Wenn wir uns also der Sprache, dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort einer Region, nähern, dann nähern wir uns auch den Menschen dieser Region, ihrem Fühlen und Denken, ihrem Alltag und ihren Festtagen, ihrer Herkunft und Zukunft, letztlich ihrer Identität. So gesehen ist Sprache unbedingt ein Stück Heimat. Und das gilt natürlich auch für die Heimat der zwischen Ostsee und Binnenland, zwischen Rügen ganz oben und Polz nahe Dömitz ganz unten im Lande lebenden Menschen – den Bewohnern von Mecklenburg-Vorpommern, wie das Land seit Herbst 1990 wieder heißt.

Allerdings ist die Geschichte der in dieser Region gesprochenen Sprache oder, besser formuliert, der hier gesprochenen Sprachen natürlich viel älter als die gut zwei Jahrzehnte, die seitdem vergangen sind. Sie reicht Jahrhunderte zurück. Und sowohl in der Geschichte als auch in der Sprachgeschichte schwingen noch heute Erinnerungen an frühe und noch frühere Zeiten mit. Zugleich lagen Mecklenburg und Vorpommern schon immer mitten in Europa, waren Einflüssen aus anderen Gegenden und Ländern ausgesetzt, die sich auch in ihrer Sprache niedergeschlagen haben. So hört man vielleicht manchen niederländischen, schwedischen oder polnischen Import heraus. Nicht zuletzt spielten und spielen die letzten 100 Jahre mit ihren großen Umbrüchen und Verwerfungen eine entscheidende Rolle. Auch sie brachten historische und sprachgeschichtliche Veränderungen mit sich, wenn diese vielleicht auch nicht immer so offensichtlich und mit einer solchen Geschwindigkeit daherkamen und daherkommen wie das Ziehen, Schließen und Öffnen von staatlichen Grenzen. Dennoch bleiben sie bis in die Gegenwart hinein spürbar und tragen zur Identität der Bewohner von Mecklenburg und Vorpommern bei. Wer sich also den Menschen hier nähern will, der darf und sollte dies auch über die Begegnung mit ihrer Sprache, mit den von ihnen in früheren und heutigen Zeiten benutzten Wörtern, Begriffen und Redewendungen tun. Zugleich können sich auch die Mecklenburger und Vorpommern in der Beschäftigung mit und der Besinnung auf ihre eigene Sprache gewissermaßen selbst auf die Schliche kommen und sich ihrer eigenen Identität als Bewohner und Gestalter ihres Landes Mecklenburg-Vorpommern vergewissern – egal, ob sie wie schon ihre Eltern und Großeltern bereits hier geboren und aufgewachsen sind oder ob sie erst seit kürzerer Zeit hier leben.

So oder so bekommen es alle mit einer sprachlichen Besonderheit dieses nordöstlichen Bundeslandes zu tun, die ihrerseits wieder viele kleine Besonderheiten aufzuweisen hat – die Rede ist von der niederdeutschen Sprache und von ihrem vielleicht bedrohten Reichtum. Wenn über Mecklenburg-Vorpommern gesprochen wird, dann muss zwangsläufig auch vom Plattdeutschen gesprochen werden, von diesem „Eikbom vull Knorrn un vull Knast“, von welchem schon der Dichter Fritz Reuter (1810  1874) schrieb. Aber wie lebendig ist dieser „Eichbaum“ heute?

Wie steht es um das Plattdeutsche in Mecklenburg-Vorpommern?

Die gute Botschaft ist: Das Niederdeutsche gehört nach wie vor zu Mecklenburg-Vorpommern – wie das Schloss zu Schwerin oder der Leuchtturm zu Warnemünde. Es wird nach wie vor gesprochen und geschrieben, man kann es im Radio hören, manchmal auch im Fernsehen, in einigen Schulen wird es gesprochen, und es werden sogar wieder ganz offiziell neue Lehrer für das Plattdeutsche ausgebildet – in Greifswald und Rostock. Nicht zuletzt soll die seit Februar 2013 amtierende Landesbeauftragte für Niederdeutsch an den Schulen die Organisation des Plattdeutsch-Wettbewerbs für Kinder und Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern übernehmen. Außerdem sind in das seit 2010 laufende Landesmodellprojekt „Niederdeutsch in der frühkindlichen Bildung in Mecklenburg-Vorpommern“ schon knapp 20 Kindertageseinrichtungen einbezogen. Es gibt also durchaus Hoffnung für diese kräftige und knurrige, mitunter sehr deutliche und zugleich zärtliche, auf jeden Fall aber wundervolle Sprache, deren Verlust eben auch ein großes Stück Identitätsverlust mit sich bringen würde. Insofern lohnt es sich, danach zu fragen, wie verwurzelt und verbreitet das Plattdeutsche heutzutage tatsächlich noch in Mecklenburg-Vorpommern ist. Wer spricht es noch? Zu welchen Gelegenheiten? Wer versteht es? Welche niederdeutschen Begriffe gehören noch zum Alltag? Und wie modern ist das Plattdeutsche?

Immerhin – das sollte bei der Suche nach Antworten auf die „P-Frage“ nicht vergessen werden – steht das Niederdeutsche sogar in der Verfassung dieses Landes. So heißt es im Artikel 16, der sich mit der Förderung von Kultur und Wissenschaft beschäftigt, ausdrücklich und unmissverständlich: „Das Land schützt und fördert die Pflege der niederdeutschen Sprache.“ Und es gibt sogar die Verfassung des Landes Mecklenburg-Vorpommern auf Niederdeutsch. Aber in welcher Verfassung befindet sich das Plattdeutsche selbst? Wie steht es um das Platt in Mecklenburg-Vorpommern? Kurzum: Is Plattdüütsch ok hüt noch wat?

Zwischen ABV und Zweiraumwohnung – Wörter aus der DDR-Zeit

Nicht wenige der Menschen, die heute noch – oder als Rückkehrer aus ganz verschiedenen Ländern inzwischen auch wieder – in Mecklenburg-Vorpommern leben, haben zumindest einen Teil der Landesgeschichte miterlebt, als diese Region zur DDR gehörte. Auch aus dieser Zeit haben sich Wörter, Begriffe und Redewendungen in Wort und Schrift erhalten. Einige von ihnen tauchen immer mal wieder wie selbstverständlich im täglichen Sprachgebrauch auf, wie die Kaufhalle oder der Kosmonaut, für andere wiederum brauchen vor allem jüngere Landeskinder oder solche, die es aus anderen Gegenden und Bundesländern hierhergezogen hat, Entschlüsselungshilfe. Tatsächlich gibt es bereits nicht wenige Neuausgaben von zu DDR-Zeiten geschriebenen Erzählungen und Romanen, die gleich ein eigenes Wörterverzeichnis aus diesen Jahren und Jahrzehnten mitbringen. Schließlich weiß nicht mehr jeder gleich zu sagen, was eigentlich die Jungen Pioniere und die FDJ waren, was ABV oder Zweiraumwohnung, was HO oder VEB bedeuten.

Kein Wunder, mit verschwundenen Zeiten verschwinden natürlich auch die in diesen Zeiten verwendeten und geläufigen Wörter, Begriffe und Redewendungen. Dennoch gehören auch sie zum sprachlichen Gepäck der hier und heute in Mecklenburg-Vorpommern lebenden und arbeitenden Menschen, von denen einst so manche aus südlicheren Gefilden in den nördlichen Teil der DDR kamen, der damals allerdings nicht zu einer politischen Einheit zusammengefasst, sondern in drei Nordbezirke gegliedert war. Und bei manch einem der früheren „Entwicklungshelfer“ ist noch heute unschwer ein leicht sächsischer Akzent herauszuhören. Aber auch das gehört zu einer Betrachtung, die sich der Sprache Mecklenburg-Vorpommerns widmet.

Vom „aufrechten Gang“ bis „Wir sind das Volk!“ – Wörter der Wende-Zeit zwischen Sommer 1989 und Jahresende 1990

Es war wohl einer der spannendsten Abschnitte in der deutschen Geschichte, als sich im Zuge der politischen Umwälzungen in der DDR zunächst erst dort alles, zum Glück friedlich und sanft, veränderte und sich dann in einem vorher so nicht vorhersehbaren Prozess aus den beiden deutschen Staaten wieder ein Deutschland zu entwickeln begann – alle aktuellen Unzulänglichkeiten eingeschlossen. Spannend ist es auch, noch einmal jene Wörter und Wendungen nachzuverfolgen, die damals in aller Munde waren und von denen sich viele auch in der Schweriner Volkszeitung (SVZ) wiederfanden. Viele dieser Wende-Wörter sind inzwischen längst vergessen, nur manche wie der „Runde Tisch“ und die energische Aufforderung „Keine Gewalt!“ haben den gesellschaftlichen Umbruch überlebt.

Und so war es ein besonderes Gefühl, noch einmal die dicken Mappen mit den originalen Seiten der SVZ-Hauptausgabe aus dem Zeitraum zwischen Sommer 1989 und Jahresende 1990 oder genauer gesagt zwischen dem 1./2. Juli 1989 und dem 31. Dezember 1990 durchzusehen und noch einmal die besondere Atmosphäre dieses Abschnitts der jüngeren Zeitgeschichte zu spüren.

Die Vision eines großen Wörterbüchleins

Wer nun wissen will, wie in Mecklenburg-Vorpommern gesprochen wurde und gesprochen wird, der wird und will nicht umhinkommen, diejenigen zu befragen, die hier leben, die täglich und sonntäglich sprechen und schreiben, in der Küche und in der Kirche, im Büro und in der Werkstatt, in der Schule und im Festsaal, auf dem Sportplatz und vielleicht sogar per SMS. Gibt es Letztere womöglich sogar in einer plattdeutschen Variante?

Wer Antworten sucht, der muss Fragen stellen. Ab dem 2. Januar 2013 wollten wir von den Leserinnen und Lesern der SVZ gern wissen, welche Wörter, Begriffe und Redewendungen sie und ihre Kinder, ihre Eltern oder Großeltern benutzen oder benutzt haben – egal ob plattdeutsch oder hochdeutsch. Dazu baten wir um eine kurze Erklärung, wo diese Wörter, Begriffe und Redewendungen benutzt werden und was sie bedeuten. Schließlich heißt manches andernorts ganz anders, obwohl eigentlich überall dasselbe gemeint ist.

Wesentlich unterstützt haben mich dabei, vor allem für den Bereich der niederdeutschen Wörter und Redewendungen, meine beiden Plattdeutsch-Experten Dr. Behrend Böckmann aus Kirch Rosin bei Güstrow und Wolfgang Hohmann aus Oettelin in der Gemeinde Zepelin bei Bützow.

Über eine gewisse Zeit hinweg ist nun daraus eine Art großes Wörterbüchlein entstanden, eine lebendige Dokumentation, wie man in Mecklenburg-Vorpommern sprach und spricht. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um eine Bestandsaufnahme und Selbstvergewisserung auf Hoch- und Plattdeutsch und damit zugleich um eine Bekräftigung der eigenen regionalen Identität, der ganz eigenen Stimme im großen europäischen Sprachenkonzert. Wie hatte es doch Theodor Fontane formuliert, der sich übrigens manchmal auch zumindest in Mecklenburg aufhielt: „Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache.“

 

Jürgen Seidel

im Sommer 2013

A

Aant, Ånt „Aant“ ist das plattdeutsche Wort für „Ente“. Man kann die Ente mit dem langen „aa“, aber auch – wie im Neuen hochdeutsch-plattdeutschen Wörterbuch von Renate Herrmann-Winter angegeben – folgendermaßen schreiben: „Ånt“. Und die männliche Ente, der Erpel, heißt auf Plattdeutsch „Arpel“.

ABF In der Nachkriegszeit boten die „Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten“ (ABF) der DDR Menschen aus diesen Berufsgruppen die Möglichkeit, innerhalb von drei Jahren in einer Art Vorstudienanstalt das Abitur und damit die Hochschulreife zu erwerben. Die meisten der insgesamt mehr als 30 000 ABF-Absolventen studierten danach auch tatsächlich. Die ABF in diesem Sinne bestanden von 1949 bis 1963 an Universitäten und Hochschulen unter anderem in Berlin und Leipzig, in Jena, Rostock und Greifswald. Die ABF in Greifswald ist auch Gegenstand des sicher noch vielen bekannten Romans Die Aula von Hermann Kant, der diesen Bildungseinrichtungen damit ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

In Halle an der Saale existierte bis 1991 zudem noch eine spezielle ABF zur Vorbereitung auf das Auslandsstudium in verschiedenen sozialistischen Ländern, insbesondere in der Sowjetunion – seit 1966 als ABF „Walter Ulbricht“.

ABV Die Abkürzung ABV bezeichnete einen „Abschnittsbevollmächtigten“ der „Volkspolizei“ (VP), der in seinem „Abschnitt“ (Revier) Streifendienst versah und als Ansprechpartner für die Bürger fungierte. Außerdem war er für das Aufnehmen und Weiterleiten von Strafanzeigen, für Verkehrskontrollen und Kontrollen der Meldepflicht zuständig. Der ABV wurde auch gefragt, wenn es um die Wiedererteilung einer Fahrerlaubnis oder um die Genehmigung einer Reise in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) ging. Sein Dienstgrad war meist der eines Unterleutnants oder eines Leutnants der VP.

Zu den berühmtesten ABV gehörte Der Leutnant vom Schwanenkietz, so der Titel eines dreiteiligen Films des DDR-Fernsehens von Rudi Kurz aus dem Jahr 1974, in dem der damals 33-jährige Schauspieler Jürgen Zartmann den verständnisvollen und engagierten ABV Leutnant Werner Martin verkörperte. Der Leutnant vom Schwanenkietz ist übrigens am 27. Juli 2012 neu auf DVD herausgekommen.

Achterpuurt Das plattdeutsche Wort „Achterpuurt“ hat zwei Bedeutungen. So bezeichnet es zum einen die Hintertür, zum anderen ein wesentliches Stück der menschlichen Rückseite. Es ist auch sonst im Leben wohl nie von Schaden, noch eine „Achterpuurt“ offen zu haben.

achter – noch viel mehr zu diesem Stichwort

Der Wortteil „achter“ weist im Niederdeutschen immer auf etwas Hinteres hin:

• achter, achtern: hinten, hinter

• achter de Kusen: hinter die Binde (gießen), hinter die Kauwerkzeuge (gießen)

• Achter, Achtern, Achtersten: Hinterteil, Gesäß

• achteran: hinterher

• Achterdeil: Hinterteil, Gesäß

• Achterdör: Hintertür, Gesäß

• Achtergatt: After

• achterher: hinterher

• Achterkrett: hinteres Steckbrett für einen
Kastenwagen

• Achterliek: hinterer Teil des Schiffes, auch Hinterteil eines Menschen

• achterna: hinterher

• Achterœwerwind: im Windschatten, windgeschützt

• Achterplacken: Absätze, Hacken

• Achtersälen (in de A. kamen): hinteres Sielengeschirr beim Vierergespann, sich wirtschaftlich runieren

• Achterschinken: Hinterschinken

• Achtersiet: Hinterseite, Gesäß

• Achtersteven: Hinterteil (des Schiffes), Hintern, Gesäß

• Achterstuf: Hinterstube, Hinterzimmer

• achtertau: hinterzu, hinterher

• achterüm: von hinten (he)rum

• achterwarts: rückwärts, rückseitig

Aktivist Ein „Aktivist“ war zu DDR-Zeiten ein Werktätiger, der besonders gute Arbeit leistete und auch ansonsten „auf Linie“ war. Zur offiziellen Auszeichnung als „Aktivist der sozialistischen Arbeit“ oder als „Verdienter Aktivist“ gab es Ehrennadeln und Urkunden. Mitunter waren die Porträts der Aktivisten auch in der „Straße der Besten“ zu sehen, also in speziellen Schaukästen der jeweiligen Betriebe.

Einer der ersten Aktivisten war der Bergmann Adolf Hennecke, ein gebürtiger Westfale, der seit 1926 in Sachsen arbeitete und am 13. Oktober 1948 in einer gut vorbereiteten Sonderschicht seine Arbeitsnorm mit 387 Prozent übererfüllte. Nach ihm wurde dann auch die sogenannte Hennecke-Aktivistenbewegung benannt: Im Interesse einer hohen Planerfüllung sollten nicht nur einzelne Aktivisten, sondern am besten ganze Brigaden ( Brigadier) dauerhaft und allgemein hohe Leistungen erzielen. Nicht wenigen seiner Arbeitskollegen hatte Adolf Hennecke allerdings auch als „Normbrecher“ gegolten.

Auf der anderen Seite ging sein Name zumindest zeitweilig in die ostdeutsche Umgangssprache ein: Wenn einer schnell ging, sagte man: „Der rennt wie Hennecke.“ Und wenn es heftig regnete, hieß es: „Es gießt wie Hennecke.“ Die eigentliche sprachliche Quelle des auch heute noch – allerdings in anderen Zusammenhängen – verwendeten Begriffs „Aktivist“ ist lateinischen Ursprungs, be-deutet doch activus so viel wie „tätig“ oder eben „aktiv“.

Amiga Wörtlich aus dem Spanischen übersetzt bedeutet dieses Wort „Freundin“. Und so hieß auch ein in den 1980er- und 1990er-Jahren weitverbreiteter Heimcomputer von Commodore. Aber nicht dieser inzwischen historische PC ist hier gemeint, sondern ein Schallplattenlabel des von dem Sänger Ernst Busch 1946 gegründeten Musikverlags „Lied der Zeit“, zu dem auch das Label Litera gehörte. 1954 ging „Amiga“ an den VEB Deutsche Schallplatten Berlin über und sollte als ein dem Kulturministerium nachgeordneter Betriebsteil die populäre Musik in ihrer ganzen Vielfalt präsentieren – von Beat, Rock und Pop bis zu Jazz und Schlager.

Zu den meistverkauften Amiga-Platten gehörten Weihnachten in Familie mit Frank Schöbel und Aurora Lacasa, Rock n Roll Music von den Puhdys und Der blaue Planet von Karat.

Seit dem offiziellen Ende von „Amiga“ 1994 wird das Repertoire von mehr als 30 000 Titeln, rund 2000 Schallplattenproduktionen und 5000 Singles von der BMG Berlin Musik GmbH, jetzt Sony Music Entertainment, vermarktet. Als Markenname für Veröffentlichungen von Tonträgern aus der DDR-Zeit wird „Amiga“ noch immer verwendet.

Im Übrigen gibt es zu vielen DDR-Schallplatten, von denen nicht wenige nur mit etwas Glück und unter dem Ladentisch zu haben, also Bückware waren, ganz eigene Geschichten.

auf Augenhöhe Dieses Wortpaar hört man in letzter Zeit auch in Mecklenburg-Vorpommern häufig, egal ob im Beruf oder im Privatleben, in Politik oder Alltagspsychologie. Meist ist dabei nicht die tatsächliche Augenhöhe eines Menschen im anatomisch-biologischen Sinne gemeint, sondern es geht um die sozialpsychologische Betrachtung des Verhältnisses von Menschen zueinander, um Gleich- oder Ungleichheit, um Macht und Ohnmacht. Ist zum Beispiel von dem Wunsch nach „gleicher Augenhöhe“ oder eben einfach „auf Augenhöhe“ zum Beispiel in Gesprächen oder Verhandlungen die Rede, dann geht es um Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung der jeweiligen Partner. In der Pädagogik werden mitunter einfache Hilfsmittel benutzt, um Augenhöhe herzustellen. So kauern sich Erwachsene oft intuitiv zu Kindern nieder. Auch in der modernen Medizin beispielsweise gilt es als Ideal, dass sich der Arzt oder die Ärztin und der mündige Patient beziehungsweise die mündige Patientin auf Augenhöhe begegnen.