Theophil Spoerri



Geschichten vom Übergang



Erfahrungen bei der Begleitung sterbender Menschen




Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook, Februar 2011

Copyright des Textes © 1994/2004 by Theophil Spoerri

Copyright dieser Ausgabe © 2004 by
Theodor Boder Verlag, CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagbild: Gerd Wolf, Hemmenhofen

ISBN 978-3-905802-12-2

Über den Autor

Theophil Spoerri kam in Rumänien als Ben-Jizchak Feinstein zur Welt, unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Sein Vater hieß ISAK FEINSTEIN und wurde 1941 in der Stadt Jassy von den Nazis umgebracht. Die aus der Schweiz stammende Mutter, geborene Spoerri, kehrte 1942 mit den Kindern in ihr Ursprungsland zurück und nahm wieder ihren früheren Familiennamen an.

Spoerri/Feinstein (oder Feinstein/Spoerri?) lebt seither in der Schweiz. Er wurde Lehrer, später Pfarrer, zuletzt am Universitätsspital in Basel.

Für


Simon

Manuel

und

Sophia

Vorwort und Dank

Der «äussere» Anlass, der mich dazu bewog, Geschichten von sterbenden Menschen aufzuschreiben, war eine Tagung zum Thema Sterbebegleitung, an welcher ich aus der Sicht des Spitalseelsorgers Erfahrungen mitteilen sollte. Der «innere» Anlass ist aber viel wichtiger: mein eigenes Bedürfnis, mir Erlebnisse mit sterbenden Menschen gleichsam von der Seele zu schreiben.

Die «Geschichten vom Übergang» vermitteln nicht wissenschaftliche Ergebnisse der Sterbeforschung. Es sind vielmehr persönlich gefärbte Berichte von meinen Erfahrungen beim Sterben anderer Menschen.



Anlässlich eines Weiterbildungsprojektes lernte ich 1993 Herrn Peter Fässler-Weibel kennen und gab ihm meine Geschichten zu lesen. Er setzte sich dafür ein, dass sie im Friedrich Reinhardt Verlag, Basel in Zusammenarbeit mit dem Verlag Zum Ziel, Winterthur veröffentlicht werden konnten. Dafür danke ich ihm und dem Basler Verleger. Mit Peter Fässler führte ich mehrere Gespräche über das Thema Sterbebegleitung, deren wesentliche Teile im Anschluss an die Geschichten wiedergegeben sind.

Frau Doris Gehring und Frau Petra Eigenmann unterzogen sich der Mühe, mein handschriftliches Manuskript ins Reine zu schreiben. Ihnen danke ich herzlich.



Zehn Jahre nach der Publikation erbot sich Herr Theodor Boder, das Buch in seinem Verlag neu herauszubringen. Darüber freue ich mich ausserordentlich und danke ihm sehr.



Es ist mir auch ein Bedürfnis, Herrn Gerd Wolf, Hemmenhofen, für das in Holz geschnittene Bild auf dem Buchumschlag zu danken.



Basel, Juni 2004 Theophil Spoerri



Anmerkung:

Dem Lesefluss zuliebe habe ich mich – nach reiflicher Überlegung! – entschlossen, in der Regel bloss die männliche Form zu verwenden, auch wenn Frauen und Männer gemeint sind, z. B. «Patienten», anstelle von «Patientinnen und Patienten».

Wer ist Experte in Sachen Sterben?

Hin und wieder werde ich zu Seminaren und Tagungen eingeladen, um dort zum Thema Sterbebegleitung zu sprechen. Gewöhnlich heisst es: Erzählen Sie von Ihren Erfahrungen als Spitalseelsorger; Sie werden doch oft zu Sterbenden gerufen. Erfahrungsbericht bedeutet Expertenbericht, denn expertus heisst lateinisch der Erfahrene. Da stutze ich; denn ich komme mir keineswegs als ein Experte in Sachen Sterben vor. Das wäre ein absurder, ein vermessener Anspruch. Denn bis jetzt

- bin ich noch nie gestorben;

- war ich noch nie sterbenskrank;

- erinnere ich mich nicht, dass ich je in unmittelbarer Todesnot und Todesgefahr gestanden hätte;

- habe ich noch nie bewusst Todesängste ausstehen müssen;

- habe ich noch nie um das Leben eines meiner Kinder oder meiner Lebenspartnerin zittern müssen.

Ich habe das Sterben immer aus einer sicheren Distanz miterlebt, mitbeobachtet.

Aber durch meine Arbeit als Seelsorger im Spital habe ich sehr oft mit Menschen zu tun, welche das Sterben selber unmittelbar, haut- und seelennah erfahren, sei es als Sterbende oder als nahe Angehörige. Sie sind die eigentlichen Experten, die Erfahrenden und die Erfahrenen! Ich versuche, diesen Menschen beizustehen. Das heisst: bei ihnen stehen, als Begleiter, Tröster, Zeuge; als einer, der Anteil nimmt an ihrem Erleben, der versucht, ihre Gefühle mitzufühlen, sie zu teilen. Dabei vergesse ich nie, dass ich selber nicht von diesem Sterben betroffen bin. Ich kann einzig dabeistehen und dadurch ein Stück weit beistehen.



Kurt Tucholsky hat 1929 unter dem Titel «Befürchtung» einen satirischen Text zu diesem Thema verfasst. Ein paar Sätze daraus:



«Werde ich sterben können? Manchmal fürchte ich, ich werde es nicht können ... Wer wird mir das mit dem Sterben beibringen? ... Ich habe Kranke sterben sehen, es schien, dass sie sich sehr damit plagten. Wie aber, wenn ich mich nun dabei so dumm anstelle, dass es nichts wird? Es wäre doch immerhin denkbar ... ‹Keine Sorge, guter Mann! Es wird sich auf Sie herabsenken, das Schwere. Sie haben eine falsche Vorstellung vom Tod, es wird ...›

Spricht da jemand aus Erfahrung? Woher die ungeheure Überlegenheit der Priester (und Ärzte, T.S.), die so tun, als seien sie alle schon hundertmal gestorben ...? Vielleicht wird es nicht so schwer sein. Ein Mensch wird mir vielleicht beistehen beim Sterben. Und wenn ich nicht gar zu grosse Schmerzen habe, werde ich verlegen und bescheiden lächeln: ‹Bitte, entschuldigen Sie, es ist das erste Mal.›»

Frau B.: Die türkische Frau

Im Spätherbst bittet mich eine Krankenschwester, Frau B. zu besuchen. Sie sei etwa 40-jährig und leide an einem unheilbaren Lungentumor. Ausser von ihrem Mann bekomme sie keinen Besuch. Sie sei Türkin, also Muslima, und spreche kaum deutsch. Ob ich trotzdem ab und zu bei ihr vorbeischauen würde?

Von da an besuche ich sie ein- oder zweimal in der Woche, setze mich für wenige Minuten an ihr Bett und versuche, mit ihr in Kontakt zu treten. Ein flüssiges Gespräch kommt jedoch nie zustande. Ein paar verlegene, isolierte Sätze:

«Wie geht es Ihnen, Frau B.?»

«Danke, gut.»

«Haben Sie Schmerzen, Frau B.?»

«Nur ein wenig.»

Und so weiter.

Aus einem weissen, abgezehrten Gesicht schauen mich zwei traurige, grosse Augen an. Ihre schwarzen Haare liegen oft feucht von Schweiss auf dem weissen Kopfkissen; heiss und feucht fühlt sich auch ihre Hand an, die ich manchmal für ein paar Augenblicke in der meinen halte.

Wenn ich nach etwa zehn Minuten von ihr weg gehe, erleichtert und hilflos zugleich, frage ich mich, ob dieser Kontakt für sie hilfreich gewesen sei. Ob sie überhaupt eine Vorstellung davon habe, was ein Seelsorger, ein Pfarrer ist.

An einem Nachmittag begegne ich in der überfüllten Cafeteria des Spitals Frau B. im Rollstuhl mit ihrem Mann. Sie flüstert ihm etwas ins Ohr; da kommt er freudig auf mich zu, begrüsst mich herzlich und lässt nicht locker, bis er mir einen Kaffee spendieren darf.

Um die Weihnachtszeit verschlechtert sich ihr Zustand sehr schnell. An einem trüben Januarnachmittag wird sie zum Sterben in ein Einzelzimmer verlegt. Zufällig bin ich auf der Station und betrete ihr Zimmer. Schwer atmend liegt sie im Bett und reagiert nicht auf meine Worte, meine Berührung. Soll ich gleich wieder weggehen? Ich spüre, dass ich mich jetzt nicht davonstehlen darf. Ich nehme einen Stuhl und setze mich ans Kopfende des Bettes. Dann fasse ich ihre Hand und sitze lange schweigend da. Lange – das heisst wohl bloss ein paar Minuten. Dann sage ich, einer Eingebung folgend: «Frau B., ich möchte für Sie ein Lied singen.» Vielleicht will ich es ja ebenso für mich selber singen, um meine Verlegenheit zu überbrücken. Ich spüre keine Reaktion von Frau B.

Trotzdem singe ich «Der Mond ist aufgegangen», sieben Strophen. Ich weiss nicht, ob sie ein Wort versteht. Als ich fertig gesungen habe, sage ich nach einer Weile: «Frau B., ich gehe jetzt; aber ich werde morgen früh nach Ihnen sehen.»

Anderntags gehe ich gegen halb neun auf die Station. Ihr Mann begegnet mir im Korridor. Er sieht übernächtigt aus. Wahrscheinlich hat er die ganze Nacht bei ihr gewacht. Aufgeregt spricht er mich an: «Herr Pfarrer, Sie haben gestern meiner Frau ein Lied gesungen, kommen Sie! Bitte singen Sie noch einmal!» Woher weiss er, dass ich gestern gesungen habe, frage ich mich, es ist doch keine Drittperson dabei gewesen. Ob sie, die sterbende Frau, ihm davon erzählt haben könnte?

Herr B. schiebt mich ins Zimmer und stellt sich erwartungsvoll am Fussende des Bettes auf: «Bitte, singen Sie!» Da wiederholt sich die gestrige Szene. Ich setze mich auf einen Stuhl am Kopfende, nehme ihre Hand in meine und singe trotz der frühen Vormittagsstunde das Lied von Matthias Claudius «Der Mond ist aufgegangen», sieben Strophen.

Als ich fertig bin, sitze ich noch eine Weile und stehe dann leise auf. Am Fussende steht Herr B., die Tränen laufen ihm übers Gesicht. Er tritt zu mir, fasst meine rechte Hand, führt sie zu seinen Lippen und drückt einen Kuss darauf. Er tut dies mit einer ehrfurchtsvollen, aber keineswegs unterwürfigen Geste. Da kommen mir die Tränen! Dieser einfache türkische Gastarbeiter, ein Muslime, bezeugt mir, einem Vertreter der christlichen Religion, den tiefsten Respekt, weil ich seiner sterbenden Frau und ihm an der Grenze von «hier» zu «dort» durch mein Singen beigestanden habe. Ich spüre einen Kloss im Hals, eile aus dem Zimmer und habe das Bedürfnis, irgendjemandem dieses Erlebnis mitzuteilen.

Im Stationsbüro sitzen zwei junge Schwestern am Schreibtisch über ihren Papieren. Als ich eintrete, schauen sie auf. Die eine fragt in sachlichem Ton: «Waren Sie bei Frau B.?» «Ja, ich war mit ihrem Mann bei ihr», antworte ich, «und denken Sie, ich habe ein Lied gesungen, und dann hat ihr Mann mir die Hand geküsst.» So sprudelt es aus mir heraus. «So», lautet die Antwort der jungen Schwester. Dann wendet sie sich wieder ihren Papieren zu.

Frau B. verstarb wenige Stunden später.

Frau C.: Wie eine Wespe im Glas

Bei meinem morgendlichen Besuch auf der Notfall-Bettenstation begrüsst mich Frau C. Sie kenne mich von einer Veranstaltung, die ich vor Jahresfrist in einer Vorortsgemeinde bestritten habe. Sie freue sich, mich wiederzusehen, wenn auch unter wenig erfreulichen Umständen. Sie sei nämlich gestern wegen irgendwelcher Beschwerden zu ihrem Hausarzt gegangen. Er habe Verdacht auf Lungenkrebs geschöpft und sie direkt von der Praxis ins Spital eingewiesen. Jetzt sei sie halt da. Sie sei froh, wenigstens ein vertrautes Gesicht zu sehen. Ich solle sie doch bald auf der Station besuchen.

Im Lauf der Zeit lerne ich Frau C. näher kennen. Sie ist Mitte fünfzig, eine kluge, energische Frau, in politischen Gremien ihrer Gemeinde sehr engagiert, Inhaberin mehrerer verantwortungsvoller Ämter. Sie hat drei erwachsene Söhne, der jüngste soll gerade sein Abitur machen.

Frau C. tritt im Februar ins Spital ein und stirbt am Tag bevor die Sommerferien beginnen, Ende Juni. Von Anfang an macht sie sich über ihren Gesundheitszustand keine Illusionen. Abgesehen von ihrem Ehemann und den drei Söhnen erhält sie zahlreiche Besuche von Freundinnen und Bekannten. Ihre 80-jährige Mutter, eine «Dame» im besten Sinn des Wortes, besucht sie jeden Tag. Sie sitzt, jederzeit zur Hilfe bereit, täglich viele Stunden am Bett ihrer todkranken Tochter.

In der ersten Zeit besuche ich Frau C. etwa zweimal in der Woche. Dann fragt sie mich, ob ich nicht öfter, am besten jeden Tag, bei ihr hereinschauen könne.

Einmal lacht sie und meint, sie hätte sich nie träumen lassen, mit einem Pfarrer so intensiven Kontakt zu haben. Sie sei zwar nicht aus der Kirche ausgetreten; aber sie halte wenig von der Kirche und den Pfarrern an ihrem Ort.

Etwa in der vierten Woche ihres Spitalaufenthalts – noch kann sie jeden Tag aufstehen und einige Stunden im Sessel beim Fenster sitzen – sagt sie zu mir: «Hören Sie, Herr Pfarrer, meine Freunde sagen du zu mir und nennen mich beim Vornamen und ich sie auch – ich möchte, dass wir uns von jetzt an du sagen.» Von da an sind wir Freunde.

An ihrem Bett herrscht oft viel Betrieb, zu viel. Sie wird dann still und lässt die Besucher unter sich reden. Mit Absicht besuche ich sie deshalb möglichst früh am Vormittag. Da sind wir meistens allein. Dann lockert sie ihre stets tadellos gefasste, aber immer auch etwas distanzierte Haltung und zeigt ihre Gefühle: Angst, Ausweglosigkeit, Sehnsucht nach einem festen Halt. Einmal sagt sie: «Ich komme mir vor wie eine Wespe, die sich in einer Flasche gefangen hat. Sie sieht zwar durchs Glas, kann aber nicht hinaus.» Das Bild von der gefangenen Wespe verfolgt mich. Was soll ich dazu sagen? Zwar kann ich bei Frau C. sein; aber manchmal habe ich das Bedürfnis, ihr auch etwas sagen zu können.

Ich kann aber nicht irgendeinen frommen Spruch zitieren. Etwa: «Du bist in Gottes Hand, was immer geschieht, und er wird es bestimmt gut machen.» Ich habe Angst, sie würde mich fragen, höflich, aber kritisch: «... und woher weisst du das?»

Da fällt mir das Gedicht von Dietrich Bonhoeffer ein: «Von guten Mächten ...» Vorsichtig frage ich sie, ob ihr der Name Dietrich Bonhoeffer bekannt sei. Ich würde ihr gerne etwas von ihm erzählen. In wenigen Sätzen berichte ich von seinem Widerstand gegen das Naziregime und dass er im Gestapogefängnis in Berlin inhaftiert gewesen sei. Silvester 1944 habe er für seine Verwandten und Freunde ein Gedicht geschrieben. Und kurz vor der Kapitulation, im April 1945, sei er erschossen worden. Dann zitiere ich Bonhoeffers Worte:



«Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.»



Frau C. hört mir sehr, sehr aufmerksam zu, ohne zu widersprechen. In den folgenden Wochen bittet sie mich immer wieder, ihr diese Verse vorzusagen. Sie hat genau gespürt, dass sie nicht einfach fromm dahergeredet, sondern echt sind.

Inzwischen ist es Frühling geworden. Ich besuche Frau C. jeden Tag zur gleichen Stunde und sage ihr jedes Mal, wenn ich für einige Tage verreise. Die Kontinuität ist ihr wichtig.

Eines Tages bittet mich Frau C., nach ihrem Tod die Abdankungsfeier für sie zu halten. Sie beruft zur Besprechung der Modalitäten der Bestattungsfeier eine richtige Konferenz zwischen ihr, ihrem Mann und mir ein. Sie ist sehr schwach; aber trotzdem leitet sie diese Sitzung mit energischer Sachlichkeit, indem sie Punkt für Punkt von der Traktandenliste abhakt. Es scheint ihr ein grosses Bedürfnis zu sein, dass ihr Abgang von der Welt in ihrem Sinn gestaltet werde.

Unterdessen ist der Frühsommer eingezogen, und die Ferien rücken immer näher. Ich habe für die erste Ferienwoche etwas geplant, was ich unmöglich verschieben oder rückgängig machen kann. Ich sage Frau C., dass ich in der ersten Juliwoche abwesend sein werde. Sie erschrickt und meint dann entschlossen: «Dann muss ich halt vorher sterben oder nachher. Aber du musst dabei sein und die Beerdigung halten!»