Lisa Borg



Die Tasche aus Vancouver



Roman



Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook, November 2010

Copyright © 2007 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Fredy Prack,

unter Verwendung einer Fotografie

der Autorin

Lektorat: Mirko Partschefeld

ISBN 978-3-905802-04-7

www.boderverlag.ch

Über die Autorin

Lisa Borg wurde 1963 in Schaffhausen, in der Schweiz, geboren. Sie erlebte unbeschwerte Jugendjahre. Nach den üblichen Schulen folgte dann eine kaufmännische Ausbildung mit Schwerpunkt auf Sprachen. Danach Sprachaufenthalt in Kanada. Anschließend Tätigkeiten in der Reisebranche und im Exporthandel.

Die Autorin lebt heute mit ihrer Familie auf dem Lande in der Nähe von Schaffhausen.

www.lisa-borg.ch

Über das Buch

Lisa, ein schüchternes 19-jähriges Schweizer Mädchen, erfüllt sich den Traum vom Sprachaufenthalt in Kanada. Naiv nimmt sie die große Herausforderung an und bricht aus ihrem Mauerblümchendasein aus. Bei ihrer Gastfamilie in Vancouver erfährt sie die ersten Mentalitätsunterschiede. Jeden Tag lernt sie Neues und auch Spannendes kennen, wird aber auch plötzlich mit unangenehmen Dingen konfrontiert. Sie schließt sehr schnell Freundschaft mit kanadischen Studenten und trifft dabei auf ihre erste große Liebe: Josh. Sie verbringen eine kurze und unbeschwerte Zeit zusammen, bis das Schicksal gnadenlos zuschlägt.

Die Autorin schildert in Romanform eigene einschneidende Erlebnisse.

Für

Josh, Maria, Jesry, Cathy

und Silver

1. Ankunft

Äußerst nervös und angespannt stand ich am Kofferrondell und wartete auf meinen neuen Schalenkoffer. Meine Eltern hatten ihn mir zu meinem 19. Geburtstag geschenkt, und er musste über drei Monate im Schrank ausharren, bis er endlich auf die Reise durfte. Ich betrachtete ihn als meinen Kameraden und war stolz darauf, einen so schönen blauen Koffer zu besitzen. Ich stand also da und wartete. Ein großer Teil der anderen Passagiere hatten ihr Gepäck bereits geschnappt und schleppten sich müde zur Passkontrolle. Ich fragte mich, während ich noch immer wartete, ob auch ich so schrecklich müde aussehen würde. Da ich aber zunehmend nervöser wurde, weil mein blauer Kamerad immer noch nicht erschienen war, glaubte ich nicht, dass ich irgendwie müde wirken konnte. Die Minuten vergingen. Ich fing an mir Gedanken zu machen, was passieren würde, wenn mein Koffer fehlgeleitet worden wäre. Vielleicht war er nach Hongkong oder Südamerika unterwegs. Ich hätte nichts anderes anzuziehen. Dann waren da noch die Geschenke für die Familie: zwei ziemlich voluminöse Plüschbernhardiner, mit einem Holzfässchen um den Hals, für die Kinder, und ein schönes großes, englisch geschriebenes Buch über die Schweiz für die Eltern.

Vielleicht aber erwartete mich die Familie ja gar nicht und ich war ganz allein hier auf dem Flughafen. Was müsste ich da dann tun? Wohin müsste ich mich wenden, ohne Koffer und mit meinen wenigen Englischkenntnissen? Ich hatte den Namen und die Adresse der Familie. Geld für ein Taxi hatte ich auch. Dies beruhigte mich aber keineswegs. Ich spürte, wie meine Hände zu schwitzen begannen. Das wäre ein abenteuerlicher Anfang, dachte ich, und bekam es langsam mit der Angst zu tun. Was, wenn die Familie mich nicht abholen käme, ich ein Taxi nehmen müsste und dann niemand zu Hause wäre? Die Gedanken drohten zum Albtraum zu werden, und ich merkte zunächst nicht, dass mein blauer Kamerad mittlerweile vom Kofferband, hämisch grinsend, zu mir starrte.

»Mann, mach das nicht noch mal!«, murmelte ich ihm zu.

Mit kaltem Schweiß auf der Stirn, aber äußerst erleichtert, marschierte ich, soweit ich dies mit meinem lädierten Fuß überhaupt konnte, glücklich auf die Passkontrolle zu. Zu meiner Überraschung musterte ein uniformierter, wohl proportionierter Herr, der mehr Haare am Kinn als auf dem Kopf hatte, nur kurz mein Gesicht, und drückte mir den Pass wieder in die Hand. Langsam und sehr deutlich sprach er mich mit einem für mich ungewohnten Englisch an: »Willkommen in Kanada, bitte gehen Sie zu meinem Kollegen am andern Tisch. Er wird Ihnen die Arbeitsbewilligung abstempeln. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt!«

»O. k., thank you«, kam es aus meinem Mund. Ich war stolz und glücklich, begriffen zu haben, was er meinte, und war noch viel erleichterter, als er mein sehr holprig klingendes, englisches Dankeschön verstand. Ich humpelte also lächelnd die fünf Meter bis zum anderen Herrn von der Einwanderungsbehörde. Auch er vermittelte mir einen netten Eindruck und redete sehr deutlich und langsam: »Guten Tag, darf ich bitte Ihre Arbeitsbewilligung sehen?«

Die Bewilligung bestand aus einem grünen A4-Blatt, das von der kanadischen Botschaft in Bern ausgestellt worden war. Ich reichte ihm das Blatt, worauf er es genauestens durchlas. Als er damit fertig war, schaute er mich lächelnd an, nahm seinen Hefter und nagelte das Papier brutal mitten in meinen schönen neuen Pass. Ich schaute ihn wohl etwas entsetzt an, und er gab mir sogleich eine Antwort auf die Frage, die ich wegen meiner mangelhaften Englischkenntnisse gar nicht erst zu stellen gewagt hatte: »Der Pass ist dadurch nicht ungültig. Wir tun das, damit Sie die Bewilligung nicht verlieren. Wenn Sie diese nämlich bei einer Kontrolle oder Grenzüberschreitung nicht vorweisen können, müssen Sie das Land ziemlich schnell verlassen oder kommen gar nicht mehr rein. Also passen Sie gut darauf auf!«

»Das mach ich, vielen Dank.«

Ich verstaute den Pass ordentlich in meiner Tasche, nahm meinen blauen Kameraden und stolzierte zufrieden Richtung Ausgang. »Wow!«, murmelte ich vor mich hin, »das ging ja wunderbar.«

Nun kam die nächste Herausforderung. War meine Gastfamilie hier? Ich hatte ihnen geschrieben, dass ich eine helle Jacke tragen und ein rotes Taschentuch in der Hand halten würde. Ich hatte keine Ahnung, wie diese Familie aussah. Ich hatte nur die Angaben aus dem Brief, in dem einzig das Alter der Kinder erwähnt war. Neun Monate und drei Jahre, beides Mädchen. Also nahm ich, wie vereinbart, mein rotes Taschentuch aus der Tasche und hielt es so in der Hand, dass es gut sichtbar war. Ich musste also nach einer Familie mit zwei kleinen Kindern Ausschau halten. So viele würde es hier ja nicht geben, sagte ich mir, und ging zuversichtlich durch die große Milchglaspforte, auf der mit riesigen Buchstaben EXIT stand. Tja, Vancouver ist eben nicht Zürich, wurde es mir bewusst, als ich vor der riesigen Menschenmenge stand, die da auf die Ankommenden wartete. Ich stellte mich vor der glotzenden Menschenmenge auf, was mir höchst zuwider war. Bis heute hasse ich große Menschenansammlungen. Trotzdem glitt mein Augenpaar erstaunlich ruhig und langsam durch die Menschenmassen, darauf erpicht, meine Familie zu erspähen. Das Taschentuch hielt ich dabei hoch. Ich kam mir ziemlich doof vor. Nach kurzer Zeit hörte ich irgendwo eine Frau laut rufen. Ich glaubte, meinen Namen gehört zu haben. Als ich sie erspähte, winkte sie mir heftig zu, sodass der junge Mann zu ihrer Rechten ausweichen musste und ihr einen leicht erzürnten Blick zuwarf. Zu ihrer Linken stand ein groß gewachsener, dunkelhaariger Mann mit einem ziemlich dicken Schnurrbart. Seine Augen waren kaum zu sehen. Sie waren ganz dunkel und versteckten sich listig in den kleinen Augenhöhlen. Auf seinem Arm saß ein kleines, kugelrundes, blondhaariges Mädchen, gekleidet in ein gelbes Sonntagskleid voller Rüschen. Im etwas spärlichen Haar trug es ein zum Kleid passendes Haarband, geschmückt mit einer großen Seidenblume. An sein Bein geschmiegt stand ein etwa dreijähriges Mädchen, mit dunkelblonden, bis auf die Schultern fallenden Haaren, das gelangweilt an einem Daumen lutschte. Es hatte für meinen Geschmack ein etwas zu pompöses, rosarotes Kleidchen an. Zum Glück fehlte da das passende Haarband. Ich erwiderte den Gruß der Frau und ging auf sie zu. Sie war klein und etwas pummelig, hatte kurze blonde Haare und hellblaue Froschaugen. »Du musst Lisa sein, willkommen in Vancouver!«, sagte sie und schüttelte mir erschreckend kräftig die Hand. »Das hier«, sie zeigte auf den dunkelhaarigen Mann neben ihr, »ist Carl, mein Mann. Die Kleine da ist Norma, und die mit dem Daumen im Mund heißt Rebecca.«

Nach einem kurzen »Hi, nice to meet you!« entschuldigte sich Carl dafür, keine Hand frei zu haben, da er beide Kinder hielt und diese ihn nicht loslassen wollten. Mir war das recht, denn meine Hand war halb taub nach Roxannes Händedruck. Den Kindern warf ich ein kurzes »Hi« zu, denn sie waren sehr schüchtern und wendeten sich von mir ab. Das war sie also, meine Gastfamilie. Mein erster Eindruck war nicht gerade erhaben. Ich hatte das komische Gefühl, dass diese Leute die Kinder nur für meine Ankunft so herausgeputzt hatten, dass es wohl die Ungezogenheit verdecken sollte. Roxanne und Carl hingegen waren mit T-Shirt, kurzen Hosen und Turnschuhen eher bescheiden gekleidet. Das passte einfach irgendwie nicht zusammen. Dies war vielleicht die kanadische Art, die eigenen Kinder zu präsentieren.

Weder Roxanne noch Carl machten irgendwelche Anstalten, mir beim Koffertragen zu helfen, obwohl sie mich gleich fragten, was mit meinem Fuß geschehen war. Ich versuchte mit Händen und auch mit Füßen zu erklären, dass ich am Tag vor dem Abflug auf eine Biene getreten war und mein Fuß mich dadurch in doppelter Größe beglückte. Entweder hatten sie nicht verstanden, was ich ihnen zu erklären versuchte oder es beeindruckte sie nicht im Geringsten, dass ich einen Klumpfuß hatte, der nur schwer in meinen Turnschuh passte. Sie schritten sehr schnell voraus, und ich hatte natürlich alle Mühe, ihnen zu folgen. In diesem Moment hätte ich gerne mit Rebecca getauscht, denn sie flog an Carls Hand nur so nebenher. Als wir endlich beim Auto ankamen, war ich völlig erschöpft und mein Fuß fing heftig an zu jucken. Eigentlich hatte ich eine schöne, große, amerikanische Limousine erwartet, stattdessen stand da ein ziemlich kleiner verrosteter Toyota. Also auch in Kanada schienen die japanischen Autos billiger zu sein. Ich platzierte mich in der Mitte der Rückbank, eingeklemmt zwischen den beiden Kindern, die auf ihren wuchtigen Sicherheitssitzen aus braunem Leder thronten. Die Mädchen würdigten mich keines Blickes, jedes starrte zum Fenster hinaus. Als Carl losfuhr, fragte mich Roxanne über den Flug aus. Da wurde mir dann sehr schnell bewusst, dass ich noch sehr viel Englisch lernen musste. Mir fehlten zum Teil Wörter, die ich auch nicht umschreiben konnte, und verstand auch die Fragen nicht alle beim ersten Mal. Sie gaben sich jedoch beide sehr viel Mühe, deutlich und langsam zu reden. Und was mich am meisten beruhigte, war, dass sie nicht grinsten, wenn ich etwas falsch sagte.

Carl setzte dann das eher einseitige Gespräch fort, indem er mir sämtliche vorbeiflitzenden Sehenswürdigkeiten erklärte. Das war dann schon einfacher zu verstehen, da ich mich ja schließlich vorbereitet hatte, und – wie ich glaubte – den Stadtplan fast auswendig im Kopf hatte. Die Fahrt dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Wir folgten vorwiegend den großen Verkehrsachsen, die vom Flughafen, der auf einer Insel namens Sea Island lag, Richtung Down Town führten.

»Diese Straße musst du dir merken«, meinte Carl, »sie heißt Granville und führt mitten in die Innenstadt. Auf dieser Straße fahren auch Busse.«

An der Kreuzung Granville, 49th Avenue, schwenkte Carl nach links und fuhr in den Bezirk Kerrisdale hinein. Hier gab es kleine Einfamilienhäuser, Reihe an Reihe, und dazwischen ab und zu ein kleiner Wohnblock. Ich schaute jedes einzelne Straßenschild genau an und versuchte, mir die Namen einigermaßen einzuprägen. Wir bogen in die Elm Street ein. Hier also würde ich für ein Jahr wohnen. Carl parkte seinen klapprigen Wagen vor einem kleinen Wohnblock. Bei uns hätte man gesagt, er stamme aus den 70er-Jahren. Er war ganz kahl und ausdruckslos. Jede Partei hatte einen etwa vier Quadratmeter großen Betonbalkon und ein riesiges, lang gezogenes Wohnzimmerfenster. Außer der Wohnung im Parterre, die halb unter der Erde zu liegen schien, war der Block ganz in Ordnung. Nun, wie es der Zufall so will, bewohnten Carl und Roxanne die Parterrewohnung. Das Wohnzimmer, wohlbemerkt der hellste Raum, war halb in der Erde und wirkte sehr düster. Unter dem Fenster stand ein langes, wuchtiges Ledersofa, das mit einer kitschigen Häkeldecke bedeckt war. Ein großes Büchergestell befand sich gegenüber. Es war voll gestopft mit allem Möglichen, auch mit viel Kitsch. An der einen Wand stand auf einer großen Kiste ein Fernsehgerät, das lief. Vielleicht hatten sie es vergessen auszuschalten, als sie das Haus verließen. Oder war der Knopf defekt? Zwischen dem Wohnzimmer und dem Küchenbereich befand sich eine Glastür, die auf den kleinen Balkon führte, der natürlich auch halb im Boden versenkt war. Auch da kam die Sonne nicht ran. Die Küche war ein dunkles, fensterloses Loch, das zusätzlich durch dunkelbraune Holzfronten verdüstert wurde. Was mich allerdings tief beeindruckte, war der Geschirrspüler. Von zu Hause kannte ich das nicht. Wir Kinder mussten viel abwaschen und abtrocknen, was uns sicher nicht geschadet hatte. Aber dies hier nicht tun zu müssen, war schon ganz aussichtsreich. Wenigstens ein kleiner Pluspunkt, dachte ich und folgte meiner munter drauflosplappernden Wohnungsführerin zu den übrigen Räumen. Durch einen langen, schmalen Flur gelangten wir zum Kinderzimmer. Es hatte ein kleines Fenster, das mit Insektengittern versehen war, was wiederum weniger Licht hineinließ. In einer Ecke stand Rebeccas Gitterbett, und daneben, am Boden, lag ein ziemlich übel aussehendes Reisebett, das für die kleine Norma herhalten musste. Ein paar Spielsachen lagen über den blauen Veloursteppich verstreut. In einer anderen Ecke stand eine schäbige, alte Wickelkommode.

Roxanne führte mich weiter zum kleinen, fensterlosen Badezimmer, das völlig in Gelb gehalten war. Gegenüber lag mein Zimmer. Darauf war ich am meisten gespannt. Was ich bis jetzt von der Wohnung gesehen hatte, ließ mich Schlimmes ahnen. Ich stellte mir einen alten, verlotterten Kleiderschrank vor, vielleicht noch ein kleines Beistelltischchen, dann einen alten, zerkratzten Stuhl und irgendein quietschendes, von Holzwürmern halb zerfressenes Bett mit einer antiken Federkernmatratze. Doch weit gefehlt! Mein Zimmer war bis jetzt mit Abstand das beste. Das schön geschwungene Holz aller Möbel war weiß lackiert und mit Goldbeschlägen verziert. Es gab einen großen, zweitürigen Schrank mit Spiegel, einen dazu passenden Schreibtisch mit gepolstertem Stuhl, ein kleines Nachttischchen und ein breites Bett. Carl hatte meinen Koffer mitten ins Zimmer gestellt. Auf dem rosaroten Veloursteppich wirkte er sehr kitschig. Die Bettwäsche, die Vorhänge und die Lampenschirme trugen dasselbe Muster: rosarot geblümt. Und natürlich durften auch die Rüschen nicht fehlen, so viel hatte ich bis dahin schon gelernt. Das Fenster war zwar auch nicht groß, aber durch die hellen Möbel wirkte das Zimmer recht freundlich. Ich war sehr zufrieden und teilte dies auch gleich Roxanne mit. Sie erklärte mir wehmütig: »Carl hatte hier sein Büro eingerichtet. Seine Möbel haben wir in einem Kellerraum unterbringen können. Die Einrichtung stammt von mir, es war früher mein Mädchenzimmer. Ich liebe es heute noch sehr. Ich hoffe, du magst es genauso wie ich.«

»Ja, es gefällt mir sehr gut, ich werde mich hier wohl fühlen«, antwortete ich ihr ehrlich.

Zum Schluss zeigte sie mir ihr eigenes Schlafzimmer. Es war sehr düster und hatte eigentlich nur ein riesengroßes Bett darin stehen. In der einen Wand erkannte ich einen schmucklosen Wandschrank. Auf jeder Seite des Bettes stand eine Kiste, die mit einem Tuch bedeckt war. Darauf thronten kleine geblümte Nachttischlampen. Die obligatorischen Rüschen an den Vorhängen und Lampen gaben dem Zimmer trotz allem eine heimelige Atmosphäre.

»Das Bett ist ganz neu, wir haben es erst letzte Woche erhalten«, teilte mir Roxanne mit einem breit aufgesetzten Lächeln mit.

Sie hob den Bettüberwurf hoch und zeigte mir, was sich darunter verbarg. »Das ist ein Wasserbett, einige Liter passen da schon rein. Carl meinte, es wäre gut für unsere Rücken. Weißt du, ich habe immer Rückenschmerzen, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Bis jetzt hat das Wasserbett meine Schmerzen aber noch nicht zum Verschwinden gebracht. Das dauert wohl noch einige Zeit.«

Ich berührte die Matratze und war erstaunt, dass sie ganz warm war. Roxanne versuchte mir zu erklären, wie alles funktionierte. Ich muss gestehen, ich verstand nichts, ließ es mir aber nicht anmerken. Ich war langsam erschöpft und hungrig.

Carl hatte in der Zwischenzeit die Kinder umgezogen. Jetzt gefielen sie mir schon besser. Sie passten nun stilmäßig zu Roxannes und Carls Garderobe.

»Ich habe euch allen Geschenke mitgebracht«, sagte ich. Diesen Satz hatte ich schon vor dem Abflug geübt. »Ich geh alles holen!«

Ich verschwand in mein Zimmer und warf meinen Koffer mit viel Schwung aufs Bett. Dabei bemerkte ich, dass die Matratze wohl ziemlich weich sein musste. Der Koffer versank sogleich. Weiche Betten habe ich noch nie gemocht. Meine Matratze zu Hause war eher wie ein Brett. Ich setzte mich probehalber aufs Bett und fand es eigentlich doch nicht so schlimm. Die erste Nacht würde es dann zeigen. Während ich alles schnell auspackte, die Geschenke waren zuunterst verstaut, versuchte ich mir vorzustellen, wie weich erst ein Wasserbett sein musste. Als ich die Geschenke alle beisammenhatte, öffnete ich noch schnell das Fenster, um frische Luft reinzulassen. Die Aussicht war nicht überwältigend. Gleich vor dem Fenster befand sich ein Grashügel. Ein paar Meter weiter stand bereits die Garage des Nachbarhauses. Dazwischen ragten ein paar große Laubbäume in den blauen Himmel. Durch das dichte Laub konnte ich gerade noch ein Stück davon erblicken. Ich bemerkte allerdings trotzdem, dass sich der Tag dem Ende zuneigte. Meine Uhr zeigte 18.00 Uhr. Zu Hause war es jetzt mitten in der Nacht. Dieser Gedanke ließ mich noch müder werden. Ich riss mich zusammen und ging wieder zu den anderen ins Wohnzimmer. Die beiden Mädchen saßen für meine Begriffe viel zu nahe vor dem Fernseher und schauten sich die »Sesamstraße« an. Roxanne und Carl waren in der Küche damit beschäftigt, das Abendessen vorzubereiten.

Ich ging zu Norma und Rebecca, sprach sie an und zeigte ihnen die beiden Bernhardinerhunde. Sie schauten die beiden Fremdlinge ungläubig an.

»Die sind für euch, ihr dürft sie behalten!«, sagte ich zu ihnen.

Rebecca nahm den ihren, schmiegte sich an ihn und fiel mir um den Hals. Sie freute sich offenbar sehr darüber. Die kleine Norma war mehr am Fässchen interessiert als am Hund. Sie musterte das Fässchen mit ihren kleinen, dicken Fingern und versuchte es zu öffnen, was natürlich nicht möglich war. Nach einer Weile schmiss sie den Hund weg und wendete sich wieder der Sesamstraße zu.

Als ich in die Küche kam, war der Esstisch bereits gedeckt und Roxanne hantierte mit dicken Topflappen am Backofen herum. Carl, der gerade eine Rotweinflasche öffnete, forderte mich auf, mich zu setzen, da das Essen gleich fertig sei. »Magst du Hotdogs?«, fragte er mich.

Ich wusste zwar, was Hotdogs waren, aber ich hatte noch nie welche gegessen. »Ich glaube schon«, antwortete ich und hatte das Gefühl, dass er sofort verstand, wie ich es meinte.

Ich übergab ihm das Buch, worauf er sich herzlich bedankte. Auch Roxanne, die mittlerweile das gesamte Essen angerichtet hatte, kam hinzu und freute sich sehr über das Buch. Sie erklärte mir, es sei einer ihrer großen Träume, einmal in der Schweiz Ferien machen zu können.

Als wir dann alle am Tisch saßen und die ausgezeichneten Hotdogs mit viel Ketchup und Senfsoße aßen, erzählten mir Roxanne und Carl, was sie über die Schweiz wussten. Es war erstaunlich wenig. Zusammengefasst lautete dies etwa so: »Die Schweiz ist so klein, dass man nur zwischen hohen Bergen wohnen kann. Die Häuser sind alle aus Holz. Links und rechts weiden Kühe. Die Nahrungsmittel bestehen aus Milch, Schokolade und Käse, nur ab und zu Fleisch. Jeder trägt eine Armbanduhr und versucht herauszufinden, ob sie eine Sekunde vor- oder nachgeht.«

Ich wusste zuerst wirklich nicht, ob sie einen Scherz machten oder es tatsächlich ernst meinten. Letzteres stellte sich heraus. Das war extrem! Ich versuchte ihnen also zu erklären, dass das so nicht stimmte. Und mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, bemühte ich mich, meine Heimat zu beschreiben. Mit Genugtuung stellte ich fest, dass sie zumindest wussten, dass die Schweiz in Europa liegt. Interessiert lauschten sie meinen holprigen Erklärungen. Doch bald gewann ich den Eindruck, als hätte ich ihren Traum zerstört. Sie waren sichtlich enttäuscht, dass es auch in der Schweiz nicht viel anders zu- und herging als in Kanada. Carl fragte mich über die Regierung und Politik aus. Gut, dass ich gerade kurz zuvor meine Lehre als kaufmännische Angestellte abgeschlossen hatte. In Rechts- und Wirtschaftskunde war ich zwar kein Genie, aber ich wusste doch allerhand. Als ich dann erwähnte, dass wir sieben Bundesräte hätten, fanden sie dies doch ziemlich amüsant.

»Was passiert, wenn sie nicht einer Meinung sind?«, fragte mich Carl belustigt.

»Ich nehme an, sie stimmen darüber ab!«, meinte ich zu wissen und versuchte dies mit der Begründung zu belegen, dass es ebendeshalb eine ungerade Anzahl Bundesräte gäbe.

Roxanne brachte in der Zwischenzeit die Kinder direkt vom Fernseher ins Bett. Nach gut zehn Minuten war sie schon wieder bei uns und fragte mich, ob ich den Kindern noch Gute Nacht sagen wolle. Ich stand auf und humpelte zum Kinderzimmer. Beide lagen müde in ihren Bettchen und lutschten an ihren Daumen. Rebecca hielt den Hund in den Armen. Das erste Eis schien gebrochen zu sein. Sie lächelte mir zu und wisperte: »Good night.«

Ich wünschte auch ihr eine gute Nacht und bückte mich rüber zu Norma. Sie hatte die Augen bereits geschlossen, das Fässchen fest in ihrer kleinen Hand. Ich schlich mich aus dem Zimmer.

Roxanne hatte auf mich gewartet. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, sagte sie zu mir: »Carl möchte gerne deinen Fuß anschauen, vielleicht kann er dir etwas geben, damit er nicht mehr so juckt.«

Ich war höchst erstaunt. Warum Carl und nicht Roxanne? Bis jetzt hatte ich diesen Gedanken verdrängt, aber ich fühlte mich nicht besonders wohl in Carls Gegenwart. Sie schien meine Gedanken lesen zu können und erklärte mir: »Carl ist im letzten Semester seines Medizinstudiums. Er wird bald praktizierender Arzt sein. Ich glaube, er kann dir besser helfen als ich.«

Ach so war das. Diese Erklärung beruhigte mich dann wieder.

Wir gingen also beide zurück ins Wohnzimmer, wo ich meinen Klumpfuß entblößte. Ich versuchte Carl zu erklären, dass ich eine Salbe mithatte, die ich im Flugzeug das letzte Mal aufgetragen hatte.

»Was ist das für eine Salbe?«, fragte er mich.

Ja, jetzt war ich ratlos. Was zum Teufel hieß »Essigsaure Tonerde« auf Englisch? »Ich zeige sie dir«, sagte ich zu ihm und war schon auf dem Weg in mein Zimmer.

»Die kenne ich nicht!«, meinte er dann verblüfft, als ich ihm die Tube vor die Nase hielt.

»Sie kühlt und hemmt den Juckreiz!«, erklärte ich weiter.

»Wir haben eine Salbe, die anders heißt, aber denselben Zweck erfüllt. Bist du allergisch auf Bienenstiche?«

»Nein, ich hatte bis jetzt jedes Jahr ein bis zwei Stiche, da ich viel barfuß gehe. Nach ein paar Tagen hörte der Juckreiz jeweils auf und die Stelle schwoll ab. Morgen wird es schon besser sein«, versuchte ich ihm begreiflich zu machen.

Ich wollte nicht, dass er meinen Fuß berührte.

»Ich glaube, wir sollten Lisa jetzt endlich ausruhen lassen. Sie hatte einen langen Tag«, unterbrach uns Roxanne.

Hatte sie bemerkt, dass es mir unangenehm war? Oder sah ich da eine Spur von Eifersucht? Vielleicht meinte sie es ja nur gut mit mir. Ich war jedenfalls etwas verwirrt, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich wirklich hundemüde und erschöpft war. Ich stülpte meine Socke wieder über, nahm die Salbe und verabschiedete mich für die Nacht. Im Zimmer angekommen drehte ich den Schlüssel. Jetzt war mir wohler. Ich war für mich alleine und konnte noch einmal alles Erlebte durchgehen. In Gedanken versunken packte ich meinen Koffer vollständig aus und verstaute die Sachen im Schrank und im Schreibtisch. Danach zog ich meinen Pyjamashorty an und schmierte noch einmal meinen Fuß ein. Das ganze Zimmer roch jetzt nach essigsaurer Tonerde.

Das Fenster ließ ich einen Spalt weit offen, um die kühle Sommerluft hereindringen zu lassen. Ich legte mich ins Bett und deckte mich zu. Das Bett war zwar sehr breit, aber für meine Begriffe etwas zu kurz. Ich war mit meinen 172 cm wohl nicht die Kleinste, aber auch nicht übermäßig groß. Also zog ich die Beine etwas an. Die Weichheit der Matratze störte mich nicht im geringsten. An die Decke starrend überlegte ich noch lange hin und her. Ich fühlte mich in dieser Familie nicht besonders wohl. Das war mir jetzt klar. Aber warum? Sie waren doch ganz nett zu mir. Hatte ich völlig falsche Erwartungen gehabt? Hatte ich mich falsch verhalten? Ich war ja erst ein paar Stunden mit ihnen zusammen. Das würde sich schon noch einpendeln, versuchte ich mir einzureden. Morgen würde alles viel besser werden.

2. Erster Tag

Geklapper drang aus der Küche, als ich erwachte. Ich schaute auf die Uhr und sah, dass es bereits neun war. Ich schoss aus dem Bett und schaute kurz zum Fenster hinaus. Es war wieder ein Prachttag. Wolkenloser Himmel ließ sich durch die Baumkronen erkennen. Ich nahm frische Kleider aus dem Schrank und schlich mich dann zum Badezimmer. Erfrischt kam ich zurück in mein Schlafzimmer, öffnete das Fenster und bereitete mich darauf vor, der Familie zu begegnen. Über meine heutigen Gefühle war ich mir überhaupt nicht im Klaren. Ich entschied mich, diese Gedanken zu verdrängen und ging zur Küche, wo ich Roxanne ganz alleine vorfand.

»Good morning«, sprach sie mich freundlich an. »Hast du gut geschlafen?«

»Good morning, ja sehr gut.«

»Wie geht’s deinem Fuß?«, fragte sie weiter.

»Er juckt nicht mehr so stark und ist etwas abgeschwollen. Wo sind die Kinder?«

»Carl ist einkaufen gegangen und hat sie mitgenommen. Er müsste in etwa einer halben Stunde wieder zurück sein. Was möchtest du zum Frühstück?«

Mein Frühstück zu Hause bestand immer nur aus kalter Milch mit Haferflocken und Schokoladenpulver. Ich wusste von Reisenden, dass sich das Frühstück in Nordamerika sehr von unserem unterschied. So fragte ich Roxanne: »Was esst ihr denn am Morgen so?«

»Meistens essen wir gebratene Eier mit Schinken und Toast. Dazu trinken wir eine Tasse Kaffee. Magst du das?«

»Ja klar«, sagte ich etwas zu voreilig.

In Wahrheit wusste ich nicht, ob ich dies wirklich so früh am Morgen mochte. Aber ich hatte mir bereits zu Hause fest vorgenommen, die Gewohnheiten in Kanada nicht nur studieren, sondern auch selber leben zu wollen, sofern dies mit meiner Lebenseinstellung zu vereinbaren wäre. Also stellte ich mich neben Roxanne auf und schaute ihr über die Schulter, wie sie das Frühstück zubereitete. Ich wusste, dass dies in Zukunft meine Arbeit sein würde. Sie erklärte mir alles sehr genau, etwas zu genau, wie mir schien. Offenbar wusste sie nicht, dass ich ein wenig vom Kochen verstand. Ich ließ mir nichts anmerken und half ihr, so gut ich konnte. Sie erklärte mir auch die Bedienung des Herdes, dessen Ausführung mich sehr belustigte. Der Herd sah aus wie ein Gasherd mit vier eingelassenen Mulden. Anstelle der Gasbrenner waren spiralförmige Metallrohre angebracht. Diese gaben die elektrisch erzeugte Hitze an die Pfannen ab. Ich fragte Roxanne, ob dies ein besonderer Herd sei. Sie schaute mich staunend an, also beschrieb ich ihr die Herdplatten bei uns zu Hause. Jetzt begriff sie, dass ich noch nie einen solchen Herd gesehen hatte. Sie erklärte mir, dass hier überall die Herdplatten so aussähen und ziemlich gut funktionierten. Na toll, dachte ich, schon wieder was gelernt. Was ich aber nicht zu fragen wagte, war, wie man diese Spiralen putzen musste, wenn einmal die Milch überkochen sollte.

In diesem Moment kam Carl mit den Kindern zur Tür herein. In der Hand jonglierte er eine große braune, prall gefüllte Einkaufstüte. Ich rief ihm »Good morning« zu und nahm ihm die Tüte ab. Er erwiderte meinen Gruß und bedankte sich für die Hilfe. »Hast du gut geschlafen? Wie geht’s deinem Fuß?«

Das hatten wir doch schon mal. Ich gab ihm die gleiche Antwort wie Roxanne. Er schien damit zufrieden zu sein.

»Frühstück schon fertig?«, fragte er Roxanne und gab ihr einen dicken Kuss.

»Ja gleich, setzt euch alle hin«, befahl Roxanne und deutete mir mit einer Handbewegung an, dass das Auspacken der Lebensmittel noch warten konnte.

Also stellte ich die Tüte in die Küche und setzte mich ebenfalls an den Tisch. Die kleine Norma hatte wohl einen Riesenhunger. Sie quengelte ununterbrochen, bis sie endlich ein Stück Toast in den Händen hielt und in den Mund stopfen konnte. Sie manschte ziemlich übel herum. Da nützte dann auch das Lätzchen nichts, das ich ihr in Windeseile umhängte. Rebecca verhielt sich da schon etwas gesitteter, verschlang ihr Frühstück jedoch ziemlich rasant. Nachdem sie den Orangensaft hinuntergestürzt hatte, stand sie auf und rannte zum Fernseher hinüber, der zu meinem Erstaunen schon wieder oder noch immer lief, diesmal allerdings ohne Ton. Ich fragte in die Runde: »Warum läuft denn der Fernseher andauernd? Kann er nicht abgestellt werden?«

Roxanne und Carl schauten sich erstaunt an. Carl gab mir schließlich eine mehr oder weniger plausible Erklärung: »Bei uns ist der Fernseher immer an. Früher war es das Radio, heute ist es der Fernseher. So wird man immer über das Neueste informiert. Und zwar mit Bild. Wir finden das toll. Und die Kinder können auf dem Kinderkanal erst noch etwas lernen.«

»Wie viel Zeit pro Tag verbringen denn die Kinder vor dem Fernseher?«, wagte ich zu fragen.

»Das kommt darauf an. Am Morgen schauen sie immer fern, da kann ich meine Hausaufgaben erledigen, bis ich zur Arbeit muss. Roxanne schläft dann meist noch, weil sie Nachtschichten übernimmt.«

»Was arbeitest du denn nachts?«

»Ich bin Hebamme und arbeite im Krankenhaus. Ich muss nachts arbeiten, weil sonst die Kinder tagsüber alleine wären, während Carl arbeitet. Und zudem kommen nun mal die meisten Babys nachts auf die Welt.«

Carl fügte hinzu: »Diese Umstände sind der Grund, warum wir eine Nanny brauchen. Auf die Dauer wäre dies kein Zustand gewesen. Roxanne konnte nie lange genug schlafen. Und wenn ich mit dem Studium fertig bin, muss ich ebenfalls in unregelmäßigen Schichten arbeiten. Dann wäre niemand für die Kinder da, es sei denn, Roxanne gäbe ihre Arbeit auf. Aber das möchte sie nicht.«

»Nein, auf gar keinen Fall, ich liebe meine Arbeit, obwohl sie sehr anstrengend und manchmal auch sehr deprimierend sein kann«, fügte Roxanne hinzu und schaute betrübt drein. »Gerade vor zwei Tagen sind Zwillinge kurz nach der Geburt gestorben. Und die arme Frau hatte so lange auf Kinder gehofft. Das geht einem schon unter die Haut.«

Mich beschäftigte das Schicksal dieser Frau weniger als das der beiden Töchter meiner Gastfamilie. Die eine Frage lag mir ungeduldig auf der Zunge, und schließlich wagte ich, sie zu stellen: »Warum habt ihr denn mit den Kindern nicht noch gewartet, bis Carl das Studium beendet hat?«

Sie sahen sich beide an und fingen an zu grinsen. In diesem Moment schien ich die Antwort auch schon selbst herausgefunden zu haben. Roxanne ergriff das Wort und bestätigte meine Vermutung. Rebecca war also ein »Unfall« gewesen. Kurz nachdem sie erfahren hatten, dass Roxanne schwanger war, heirateten sie und zogen in diese Wohnung. Seitdem lebten sie vor allem von Roxannes Lohn. Um den Altersunterschied zwischen den Kindern nicht zu groß werden zu lassen, hatten sie sich vor gut einem Jahr dafür entschieden, noch ein Kind zu bekommen, was anscheinend prompt geklappt hatte. Carl fügte dem noch hinzu, dass zwei Kinder wohl reichen würden, auch wenn es ihnen finanziell einmal besser ginge.

Nachdem wir alle mit dem Frühstück fertig waren, nahm Carl die Kleine aus dem Kinderstuhl und setzte sie, so schmutzig wie sie war, vor den Fernseher, wo sie auch gleich wie angewurzelt sitzen blieb. Dann schnappte er seine Tasche und verabschiedete sich von uns. Ich begann, den Tisch abzuräumen und überlegte mir die ganze Zeit, ob mir so ein »Unfall« auch passieren könnte. Mir kam das schon etwas hinterwäldlerisch vor. In der heutigen Zeit gab es doch so viele Möglichkeiten, zu verhüten. Ich hatte zwar noch nie was mit einem Jungen, aber machte mir schon so meine Gedanken, was ich tun würde, wenn es einmal ernst werden sollte.

Nachdem wir die Küche gemeinsam aufgeräumt und den Inhalt der Einkaufstüte verstaut hatten, fragte mich Roxanne, ob sie mir jetzt zeigen könne, was ich alles zu erledigen hätte. Sie müsse heute Abend wieder arbeiten gehen und ich sei dann ziemlich schnell auf mich allein gestellt. Ich war auf die Arbeiten gespannt. Zuerst zeigte sie mir, wo sich die Waschküche befand. Sie war gleich gegenüber unserer Wohnungstür. Es gab dort eine riesige Waschmaschine, die von oben eingefüllt werden musste. Daneben stand ein Wäschetrockner. So was kannte ich nun auch noch nicht und ließ das Roxanne wissen. Sie erklärte mir alles sehr genau. Es war wirklich völlig anders als zu Hause.

»Was ist bei schönem Wetter, so wie heute? Kann ich die Wäsche irgendwo draußen aufhängen?«, fragte ich neugierig.

»Nein, bei uns hängt man keine Wäsche auf. Es wird alles in der Maschine getrocknet. Was würden denn die Nachbarn denken, wenn hier überall Unterwäsche herumhinge?!«, grinste Roxanne und wurde dabei leicht rot im Gesicht.

Ich hielt es dann für besser zu schweigen und ihr nicht zu sagen, wie es bei uns gehandhabt wurde. Sie erklärte mir weiter, wo alle Putzutensilien zu finden sind und die Bett- und Frotteewäsche gelagert wurde. Als sie mir das hinterste und letzte Eckchen in der Wohnung gezeigt hatte, war ich ziemlich schlapp. Ich musste mir so viele Dinge merken. Vom Staubsauger war ich sehr angetan. Er war ein Riesending. Ernsthaft fragte ich mich, wie ich mit dem in die vielen Ecken kommen sollte. Ich fragte Roxanne, ob ich ihn gleich mal ausprobieren könne, denn er war mir wirklich nicht sehr geheuer. Sie erklärte alles kurz und schon ging es los. Er war unglaublich laut, an ein Gespräch war nicht zu denken, und er war unglaublich stark. Ich hatte Angst, den Teppich reinzusaugen. Glücklicherweise war dieser sehr gut angeklebt.

Nachdem sie mir in der Küche auch noch ein paar Hinweise gegeben hatte, legte sie mir einen Plan für die Versorgung der Kinder vor. Darauf stand, was und wann die Kinder zu essen bekommen und um wie viel Uhr sie ungefähr schlafen sollten. Dann fragte sie mich, ob ich Lust hätte, die nähere Umgebung kennen zu lernen. Sie wollte mir zeigen, wo ich mit den Kindern spazieren konnte und wo die nächsten Einkaufsmöglichkeiten waren. Also packten wir die beiden Mädchen in einen hellgelben Geschwisterwagen. Dieser sah aus wie ein normaler Buggy, in doppelter Ausführung, also zwei Sitze hintereinander. Diese Art von Kinderwagen fand den Weg nach Europa erst viele Jahre später. Wir spazierten etwa fünfhundert Meter auf den großzügigen Gehsteigen, die jeweils durch ein Stück Rasen von der Straße und den Häusern getrennt waren, bis zu einer größeren, weiß bemalten Halle. Zuerst dachte ich, es sei eine Kirche, aber der Turm fehlte. Roxanne meinte, wenn ich gerne lesen würde, könne ich hier Bücher ausleihen. Es war eine Bibliothek.

»Was muss ich tun, um die Bücher mitnehmen zu können?«, fragte ich neugierig.

»Komm, wir gehen schnell rein, es ist ganz einfach«, und schon schwenkte sie zur weit offen stehenden Eingangstüre. »Wir müssen die Kinder mit reinnehmen. Du darfst sie niemals irgendwo stehen lassen! Es werden dauernd welche geklaut! Also pass immer gut auf!«

»Was? Hier werden Kinder einfach geklaut?«, fragte ich erschrocken. Ich konnte das nicht glauben. Warum sollte denn jemand Kinder stehlen?

»Ja, leider ist das so, gerade vor ein paar Wochen wurde vor einem Supermarkt, nicht weit von hier, ein Kinderwagen mitsamt Baby entführt. Man hat bis heute weder Kind noch Wagen gefunden!«

Ich war geschockt. Dies ist doch ein fortschrittliches Land, dachte ich, da kann es doch keinen Kinderhandel geben! Inzwischen waren wir in der Bibliothek. So wie es schien, handelte es sich hier auch um einen Schülertreffpunkt. Es gab viele kleine Grüppchen von Teenagern, die sich vergnügt unterhielten und es offenbar sehr lustig miteinander hatten. Bei uns hätte man sich bestimmt durch die plappernde Meute gestört gefühlt. Bei uns war es ja auch nicht üblich, in Bibliotheken zu sprechen, und wenn, dann nur ganz leise. Davon schienen die Kanadier nichts zu halten.

Am Schalter erkundigte sich Roxanne nach einer Karte für mich. Erst als ich die in der Hand hielt, begriff ich, dass sie mir die Berechtigung gab, sieben Bücher für jeweils fünf Wochen ausleihen zu dürfen.

»Sie haben jeweils bis 22 Uhr geöffnet. Also wenn du willst, kannst du ja heute Abend in aller Ruhe stöbern gehen«, riet mir Roxanne.

Ich fand das eine gute Idee und freute mich schon auf den Abend.

Wir verließen die Bibliothek und gingen weiter zum kleinen Park. An einer Ecke des Parks befanden sich ein kleiner Spielplatz mit ein paar Spielgeräten, einem Sandhaufen und Sitzgelegenheiten.

»Hier kannst du mit den Kindern hingehen, wenn wir schönes Wetter haben. Lass sie aber nicht zu weit umherrennen, du weißt ja jetzt weshalb!«, predigte Roxanne.

»Darf ich sie denn nicht auf den Spielplatz lassen?«, fragte ich ungläubig.

»Natürlich, aber du musst wirklich gut aufpassen! Rebecca ist sehr flink. Wenn sie etwas gesehen hat, was sie interessiert, ist sie schnell weg!«

»Na gut, ich werde es vorsichtig angehen!«, versprach ich und wusste gleichzeitig, dass ich dieses Versprechen nicht halten würde.

In der Zwischenzeit war Norma eingeschlafen und lag zusammengekrümmt im Wagen. Auch bei Rebecca schien es nicht mehr lange zu dauern, bis sie die Augen schließen würde.

Wir gingen weiter. Wir kamen dann zu einem kleinen Café, einem Supermarkt, einem Friseursalon, einem Fotoladen und einem Drugstore.

»Was ist ein Drugstore?«, fragte ich Roxanne unwissend.

»Tja, wie soll ich das erklären, schauen wir doch einmal rein.«

Als wir drin waren, erkannte ich eine gewisse Ähnlichkeit zu unseren Drogerien. Hier gab es alles für die Gesundheit und Körperpflege, eine kleine Abteilung mit Arzneien, Kosmetik, Putzmitteln und, zu meinem großen Erstaunen, ein kleines Postbüro.

»Hier hast du die Möglichkeit, Briefmarken zu kaufen und Pakete aufzugeben. Ich nehme an, du wirst fleißig nach Hause schreiben wollen«, lächelte mich Roxanne an. »Die Läden hier haben alle bis mindestens um Mitternacht geöffnet. Der Supermarkt hat immer offen. Auch sonntags.«

Das war ja toll. Am Sonntag einkaufen gehen. Ich hatte laut Vertrag jeweils das Wochenende frei. Also konnte ich mich in aller Ruhe einmal durch das Warenangebot wühlen. In einer Querstraße fanden wir dann noch ein riesiges Warenhaus. Auch das hatte sehr galante Öffnungszeiten. Heute war Donnerstag, und ich freute mich aufs Wochenende.

Als wir auf dem Rückweg zur Wohnung waren, wurden die Kinder wach und hatten anscheinend Hunger. Rebecca fing an zu quengeln und Norma weinte mit stetig ansteigender Lautstärke. Endlich erreichten wir wieder die Wohnung. Roxanne und ich hatten dann gewaltigen Stress, das Essen herzurichten. Als die Mädchen endlich Ruhe gaben, und, welche Abwechslung, im Kinderzimmer zu spielen begannen, setzten wir uns hin und tranken Kaffee. Wir plauderten über dieses und jenes, und ich war sehr glücklich, dass ich mich bereits gut verständigen konnte. Ich hatte auch das Gefühl, dass Roxanne langsam Gefallen an mir fand und spürte, dass sie die Kinder beruhigt in meine Obhut geben konnte.

»Wie lange bleibt Carl jeweils fort?«, fragte ich.

»Er kommt meistens erst um sieben oder acht Uhr nach Hause. Er geht fast jeden Tag nach der Arbeit zum Training.«

»Was trainiert er denn?«

Sie lachte laut und merkte, dass ihre vorherige Erklärung wohl nicht ganz ausreichte. »Er trainiert nicht. Carl ist völlig unsportlich! Er jobbt als Arzt bei einer Footballmannschaft. Die Verletzungsgefahr bei diesem Sport ist sehr groß. Darum haben sie auch im Training immer einen Arzt dabei.«

»Football, ist das der Sport mit dem ovalen Ball, wo alle Spieler aussehen wie Herman Monster?«, fragte ich weiter.

Wieder lachte sie und freute sich sichtlich über meinen Vergleich. »Ja genau, aber sag ja Carl nicht, sie sähen aus wie Herman Monster. Das wäre wahrscheinlich eine der größten Beleidigungen, die ein Footballspieler zu hören bekäme!« Sie lachte immer noch.

»Meinst du, ich kann zu Hause kurz anrufen, um zu sagen, dass ich gut angekommen bin?«, fragte ich, als ich auf meine Uhr schaute und ausrechnete, wie spät es jetzt zu Hause war.

»Ja klar, ich zeig dir, wie es geht.« Sie fragte mich, ob ich die Nummer hätte, und nahm den Hörer ab. »Am besten machst du einen Collect-call. Du gehst über den Operator, der dich dann mit deiner Nummer verbindet. Auf diese Art muss der Angerufene die Gebühr bezahlen.«

»Ja, das wurde mir von der Stellenvermittlung auch so erklärt«, bestätigte ich und hoffte, dass meine Eltern die Frage des Operators am Telefon verstehen würden.

Das erste Mal telefonieren auf Englisch. Das war für mich schon eine Stufe höher. Aber die nette Stimme des Operators sprach sehr langsam und deutlich, wohl wissend, dass hier Ausländer am Werk waren. Ich gab ihm die Nummer an. Als die Verbindung da war, hörte ich am anderen Ende die Stimme meiner Mutter. Der Operator fragte sie, ob sie den Anruf entgegennehmen möchte.

»Wenn dich jemand etwas in Englisch fragt, sag einfach yes«, hatte ich ihr noch vor der Abreise eingetrichtert. Sie tat es und ich konnte mit ihr reden. Ich teilte ihr mit, dass ich gut angekommen sei und alles in bester Ordnung wäre. Die Familie sei nett und ich würde mich sehr wohl fühlen. Aber alles Weitere dann schriftlich. Sie war sichtlich beruhigt, als wir uns verabschiedeten. Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, überlegte ich mir, ob ich ihr jetzt überhaupt die Wahrheit gesagt hatte. Ja, mir ging es wirklich gut, und heute fühlte ich mich sehr wohl. Ich freute mich auf die kommenden Erlebnisse mit meiner Gastfamilie.

Ich ging kurz in mein Zimmer, um das Bett zu richten und rief Roxanne zu, dass ich auch gleich die anderen Zimmer in Angriff nehmen würde. Das Telefon klingelte. Roxanne ging ran und meldete sich mit einem gesäuselten »Hello«. Also so macht man das hier. Man nennt seinen Namen nicht. »Lisa, es ist für dich!«, rief sie aus dem Wohnzimmer.

Ich war ziemlich erstaunt. Hatte meine Mutter etwas vergessen?

»Es ist das Büro der Stellenvermittlung«, sagte Roxanne und drückte mir den Hörer in die Hand.

»Hello?«, meldete auch ich mich.

Am anderen Ende der Leitung sprach eine freundliche Frauenstimme in bestem Hochdeutsch. Sie fragte mich, ob alles in Ordnung wäre und ob ich irgendwelche Fragen hätte.

»Es ist alles bestens, ich fühle mich sehr wohl hier! Eine Frage habe ich im Moment nicht, aber vielleicht kommt das ja noch«, gab ich zur Antwort.

»Das ist gut, ich gebe Ihnen meine Nummer, falls irgendetwas sein sollte. Sie können mich zu den gewohnten Bürozeiten erreichen.« Sie gab mir die Nummer, die ich hastig aufschrieb. »Ich habe noch ein paar Adressen und Telefonnummern von anderen Schweizer Mädchen, die in ihrer Nähe wohnen. Vielleicht möchten Sie ja an den Wochenenden zusammen etwas unternehmen. Soll ich sie Ihnen angeben?«

Ich überlegte kurz. Eigentlich war dies das Letzte, was ich wollte. Ich war nicht hierher gekommen, um andere Schweizerinnen zu treffen. Zudem fühlte ich mich unter mehreren Mädchen nie wohl. Jungs wären mir lieber gewesen. Um die Dame am anderen Ende aber nicht enttäuschen zu müssen, bat ich darum.