Lisa Borg


Sehnsucht nach Vancouver


Die Fortsetzung des Buches

Die Tasche aus Vancouver




Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook, Dezember 2010

Copyright © 2010 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Stefan Theurer

Lektorat: Lectorare.de

ISBN 978-3-905802-11-5

www.boderverlag.ch

Über die Autorin

Lisa Borg wurde 1963 in Schaffhausen, in der Schweiz, geboren.

Sie erlebte unbeschwerte Jugendjahre. Nach den üblichen Schulen folgte dann eine kaufmännische Ausbildung mit Schwerpunkt auf Sprachen. Danach Sprachaufenthalt in Kanada. Anschließend Tätigkeiten in der Reisebranche und im Exporthandel.

www.lisa-borg.ch

Auch im zweiten Teil ihrer Vancouver-Erinnerungen erkundet Lisa Borg Seelenlandschaften und nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine Welt der Gefühle, Offenbarungen, Erfahrungen.

Vorwort

Dunkelheit, begleitet von stetigem Brummen. Ein Gefühl von Unsicherheit, Angst, Panik. Spürte ich mich selbst oder war ich eine mir fremde Person? Plötzlich wurde es hell, eine Deckenlampe blendete mich mit ihrem grellen Licht. Umrisse eines Mannes warfen Schatten über mich. In der Hand hielt er ein Messer, dessen Spitze bedrohlich nah auf mich gerichtet war. Ich lag auf dem Boden, ein seltsamer Geruch drang in meine Nase und ich spürte Schmerzen. Unwahrscheinliche Schmerzen im Unterleib, am Arm und am Bein. Kraftlos lag ich da, gelähmt vor Angst. Der Mann folterte mich, vergewaltigte mich, er machte mit mir was er wollte, gab mir keine Chance, mich zu wehren. Ich spürte die Stichwunden und das warme Blut an meinem Körper. Ich wollte schreien, doch ich brachte keinen Ton heraus. Versuche, mich loszureißen, scheiterten kläglich. Seine starken Hände umfassten meinen Hals. Er drückte kräftig zu, er ließ mich nicht mehr atmen. Dann folgte wieder Dunkelheit und ein Brummen. Ich hörte Stimmen, vertraute, ruhige Stimmen. Langsam tauchte ein verschwommenes Bild auf. Josh saß bei mir und tröstete mich:

»Du schaffst das, Lisa. Gib nicht auf! Ich werde dir dabei helfen, wieder ein glückliches Leben führen zu können. Gemeinsam schaffen wir das schon!« Er lächelte mich an und versprühte seinen unglaublichen Charme. Dann riss der Film plötzlich und neue Bilder tauchten auf. Schreckliche Bilder. Von Josh. Er lag mit völlig zerdrücktem Oberkörper auf einer Bahre, zugedeckt von Schläuchen und medizinischen Apparaten. Wieder fühlte ich die lähmende Hilflosigkeit und eine erdrückende Leere.

Stimmen mischten sich hinein. Eine Frauenstimme, die ich zu erkennen versuchte, sprach mich an, und plötzlich war dieses grauenhafte Bild von Josh verschwunden. Alles war wieder dunkel und ruhig, abgesehen vom Brummen.

»Hallo, alles in Ordnung? Möchten Sie etwas trinken?«, fragte die Flugbegleiterin freundlich und doch etwas besorgt. Ich öffnete die Augen und brauchte lange um zu merken, dass ich wieder einmal geträumt hatte. Meine Albträume mutierten zum Superalbtraum. Wie lange sollte ich diesem Zustand ausgeliefert sein?

1. Zurück in der Heimat

Da saß ich nun zitternd und schweißgebadet in diesem Flugzeug, das mich in meine Heimat zurückbringen sollte, und schlürfte mühsam meinen Orangensaft. Meine Heimat? War sie es denn noch? Ja, grundlegend gesehen schon. Ich besaß ja schließlich einen Schweizer Pass, auch wenn er unschön von Heftklammern durchlöchert war, die der Beamte von der Kanadischen Einwanderungsbehörde achtlos hineingehämmert hatte. Damals, als ich naiv die ersten Schritte auf kanadischem Boden tätigte. Unsicher und doch voller Zuversicht. Schüchtern und doch selbstbewusst. Ich war mir so sicher, diesen Schritt tun zu müssen. Ich reiste fast um die halbe Welt, um meinen Traum vom Sprachaufenthalt wahr zu machen. Kanada wollte ich sehen, entdecken, erleben. Warum? Ich weiß es nicht. Ich wollte die Leute kennen lernen, die Mentalität erforschen, die Kultur erleben. Warum? Ich weiß es nicht. Keinen Moment zweifelte ich daran, das Richtige getan zu haben, nicht mal heute, wo ich weiß, was passierte. Als ob einem der Weg vorbestimmt wäre. Vielleicht war er es ja. Vielleicht schickte mich mein Schicksal nach Vancouver, um genau da den Mann zu finden, den ich brauchte und liebte, die Freunde haben zu können, von denen ich so lange geträumt hatte, die Erfahrungen zu machen, die ich nicht wollte, aber vielleicht für mein späteres Leben von größter Wichtigkeit sein sollten. Erfahrungen, die mein Leben bis heute prägen. Dieses Land, das mir so viel Schlimmes beschert hatte, gab mir auch so viel Wertvolles und Schönes, alles, was ich brauchte. Ich liebte Kanada. Es wurde zu meiner zweiten Heimat. Und nun beging ich den großen Fehler, es wieder zu verlassen und in der Schweiz wieder neu zu beginnen. Weit weg von meinen Erinnerungen, meinem schmerzhaften, mühsamen Kampf, meiner Liebe, meinen Freunden und meiner Wunschheimat.

Alle Erinnerungen an diesen Sprachaufenthalt versuchte ich so schnell wie möglich in eine Tasche zu packen und weit weg zu stellen. Das Märchen war zu Ende. Ein Märchen voller Zuversicht und Freude, voller Leid, Angst und Schmerzen. Dabei hatte es so gut angefangen. Mir wurde eine gute und freundliche Gastfamilie zugeteilt. Roxanne und die beiden Mädchen, Rebecca und Norma, nahmen mich sehr gut auf. Meine Aufgabe war es, mich neben dem Haushalt um sie zu kümmern und sie wuchsen mir schnell ans Herz. Nur Carl, dem Familienvater, schien ich von Anfang im Wege zu stehen. Er war aufbrausend und launisch, nörgelte die ganze Zeit an mir und meiner Arbeit herum und war eifersüchtig auf mich, weil ich mich so gut mit seiner Frau verstand. Trotzdem war ich zufrieden und beachtete mein unangenehmes Bauchgefühl kaum, das immer dann auftrat, wenn ich mich alleine in seiner Gegenwart befand. Meine Gefühle warnten mich vor einer Gefahr, die zu deuten ich damals in meiner Naivität nicht imstande war. Zudem wirbelte ein junger Mann namens Josh meine Gefühlswelt völlig durcheinander. Bereits als ich ihm zum ersten Mal begegnete, fesselte mich seine unglaubliche Ausstrahlung. Es dauerte auch nicht allzu lange, bis wir uns gefunden hatten und von seiner Uni-Klasse zum Liebespaar der Woche gekürt wurden. Seine Freunde und Schulkollegen, Jesry und Cathy, selbst ein Paar, waren unsere ständigen Begleiter. Wir wuchsen alle zu einer kleinen Familie zusammen, in der ich mich außerordentlich wohl fühlte. Mit Jesry verstand ich mich so gut, dass er mich als seine kleine Schwester bezeichnete. Ich fühlte mich geschmeichelt, auch er war für mich mein lang ersehnter Bruder. Deren Freundeskreis wurde ohne Einschränkung auch zu meinem, was für mich nicht unbedingt selbstverständlich erschien. Ich war ja schließlich Ausländerin und der Sprache noch nicht so mächtig. Unsere gemeinsamen Wochenenden am See bei Silver, einem Ureinwohner, genoss ich jeweils ganz besonders. Wer aus der Schweiz konnte schon einen Indianer zu seinen Freunden zählen? Ich bewunderte ihn für seine Lebenskraft, die er mir immer wieder bei späteren Treffen demonstrierte und lehrte. Diese wunderbaren Freundschaften vermochte nichts zu zerstören. Nicht einmal die schlimmste Nacht meines noch jungen Lebens. Fünf Monate sind seit der Vergewaltigung vergangen und jedes Mal, wenn ich davon träume, was leider immer noch oft vorkommt, sehe ich Carl auf mir sitzen, mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht in Worte fassen kann. Was er dabei empfand, vermag ich bis heute nicht nachzuvollziehen. Was ich dabei fühlte, spüre ich bei jedem Traum wieder. Ich spüre, ich rieche und ich sehe alles wieder und wieder. Wie ein langer Film, der wiederholt abgespielt wird. Eine grausame Prozedur für die Seele. Bei jedem Gedanken an diese Tat empfinde ich Wut, Hass, Abscheu, Ekel, Erniedrigung, panische Angst. Ich fühle mich schuldig, weil ich nicht auf meine Gefühle und auf die Warnungen meines Freundes gehört hatte. Mein Körper fängt an zu zittern, es bildet sich Schweiß und mein Herz klopft sonst wo, am wenigsten jedoch da, wo es eigentlich sollte.

Doch ich hatte damals auch sehr großes Glück, nicht nur weil ich mich irgendwie aus dieser hoffnungslosen Lage befreien konnte, sondern weil ich meine Freunde hatte, die mich nicht im Stich ließen und sich bedingungslos aufopferten, um mir zu helfen. Dabei spielte Josh natürlich die Hauptrolle. Nach anfänglichen Verhaltensproblemen spürte er meinen Willen, bei ihm bleiben zu wollen. Von da an kämpften er und seine Freunde mit mir zusammen für eine gemeinsame Zukunft, für ein gemeinsames Leben. Oft war es schwierig, weil wir beide so viel füreinander empfanden und diese angestauten Gefühle nicht ausleben konnten, vor allem, weil ich noch nicht für Sex zu haben war. In dem Moment der Vergewaltigung wurde mir bewusst, dass jeder Mann eine Waffe mit sich trug, auch Josh. Dieser Gedanke war stets präsent und belastete unsere Beziehung zusehends. Doch wir arbeiteten daran, zusammen mit Jo, der Ex-Nachbar, Freund, selbsternannter Privatpsychologe und Sexualtherapeut, und unserer Ärztin Sandra, die mich nach der Tat, ohne eigentlich notwendigen Krankenhausaufenthalt, wieder zusammengeflickt hatte. Sie beide steuerten viel zu unserer psychischen Genesung bei. Vor wenigen Wochen nun machte mir Josh indirekt einen Heiratsantrag und zeigte mir sein Grundstück in Nord-Vancouver, das er von seinen nach England ausgewanderten Eltern geschenkt bekommen hatte. Wenn ich da noch irgendwelche Zweifel daran hatte, ob es richtig oder falsch wäre, mit Josh eine gemeinsame Zukunft zu planen, dann war es dieser Zeitpunkt, der mir Gewissheit gab, dass wir unser Leben wieder in den Griff bekamen. Von da an schlug auch die Sexualtherapie an und ich war glücklich, endlich ein mehr oder weniger normales Liebesleben führen zu können. Die Albträume wurden weniger, die Würgemale waren verschwunden, die Narben der Stichwunden waren kaum noch zu sehen, meine immer wiederkehrenden Unterleibsschmerzen wurden erträglicher. Wir waren beide zufrieden und planten unsere gemeinsame Zukunft ganz konkret. Ja, und ein paar Tage später endete das Märchen in einem Park am Meer. Wie immer waren wir vier zusammen unterwegs, trieben unsere Späße, genossen einfach das Zusammensein. Wie konnten Jesry, Cathy, Josh und ich damals ahnen, dass aus einem lustigen Samstagnachmittag einer der grausamsten Momente in unserem Leben werden sollte. Zwei, drei Sekunden, die unser aller Leben in völlig andere Bahnen warf. Ich habe Josh in der Öffentlichkeit nie gesagt, dass ich ihn liebe, nur in trauter Zweisamkeit. Aber damals habe ich es vor Cathy auf der Parkbank zu ihm gesagt, bevor er zum Baum zurückging, auf dem Jesry verzweifelt seine Frisbee-Scheibe suchte. Noch immer höre ich den dumpfen Aufprall des führerlosen Motorrades, welches direkt auf Josh zuraste. Alles ging so fürchterlich schnell, dass unser Gehirn dem Geschehen nicht zu folgen vermochte. Noch immer sehe ich Josh daliegen, mit völlig zerquetschtem Oberkörper, zerdrückt von der Last des Motorrades, welches mit voller Wucht auf ihn und den Baumstamm zuschlitterte. Ich sehe, wie Jesry hilflos dabeisteht und weint, wie Cathy sich an mich klammert und nichts begreift, genauso wenig wie ich selbst. Ich sehe uns auch immer wieder zusammen in dem kleinen kahlen Raum im Krankenhaus sitzen, wo uns der Arzt in den bestmöglichen Worten versuchte klarzumachen, dass er Josh nicht mehr helfen könne.

Josh, mein über alles geliebter Freund, Lebensretter, Tröster und Beschützer, war tot.

Ich hätte in diesem Moment ohne Weiteres sterben können, ich wünschte es mir sogar. Aber ich spürte Josh, irgendwie und irgendwo. Er wollte, dass ich weiterlebe, meine Freunde wollten, dass ich weiterkämpfe und ich sah ein, dass ich ihnen das auch schuldete.

So zog ich die Konsequenzen, entschloss mich nach kurzer Bedenkzeit, Kanada und meine so lieben Freunde zu verlassen und mich in meiner alten Heimat wieder neu zu sammeln. Vielleicht konnte ich zu Hause meine Kraft wiederfinden und dann meine Freunde wieder besuchen gehen. Ich hatte die Wahl, entweder in Vancouver zu bleiben und mich täglich den Erinnerungen an Josh auszusetzen, aber dafür meine Freunde um mich zu haben, oder ich ging den radikalen Weg, verließ den Ort des Geschehens, meine neue, lieb gewonnene Heimat und vor allem meine mir so wichtigen Freunde, um ganz neu beginnen zu können.

Meine Entscheidung war klar. Ich hatte gar nicht mehr die Kraft, um in Kanada zu bleiben. Ich hatte somit keine Wahl. Das ganze vergangene halbe Jahr kam mir vor wie eine Eisenbahnfahrt auf einem Gleis ohne Weichen. An allen Stationen musste ich Halt machen, ob ich wollte oder nicht. Dazwischen kam der lange dunkle Tunnel und jetzt, wo ich endlich aus dem Tunnel herausfahren konnte, hörte die Fahrt an einem Prellbock auf. Auf dem Gleis der Zukunft. Auf beiden Seiten gab es jedoch eine Weiche. Die eine Strecke führte in den tiefen Abgrund. Tabletten? Pulsadern aufschneiden? Nicht wirklich ein reizender Gedanke und ohne Nutzen für irgendjemanden, höchstens für ein Beerdigungsinstitut. Und Carl den Gefallen tun und aufgeben, kam schon gar nicht in Frage. Der andere Weg führte wieder durch einen dunklen, schwarzen Tunnel mit einem kleinen Lichtschimmer am Ende. Aber dieser Weg führte in die Schweiz und in eine ungewisse Zukunft. Es gab keinen Rückwärtsgang und auch kein Gleis, welches nach Kanada führte.

Ich zweifelte stark daran, mich in der Schweiz wieder so geben zu können, wie ich in Kanada sein durfte. Die Freiheit, die Offenheit und Herzlichkeit der Kanadier, die Geselligkeit und alles, was dazugehörte. Würde ich auch nur etwas davon in der Schweiz wieder haben? Würde ich wieder so enge Freunde finden, die mich in allem unterstützen? Ich glaubte nicht daran. Klar, ich kannte hier alles, ich wusste, wie das Leben in der Schweiz ablief, aber wollte ich mich hier wieder einfügen? Wenn ich mich ein halbes Jahr zurückerinnerte, war ich heilfroh, das Land verlassen zu können, um endlich einmal so leben zu dürfen, wie ich wollte. Ich fühlte mich nicht wohl, eingeengt und zukunftslos. Ich wollte immer der Mensch sein, der in mir schlummerte, der Mensch, der ich in Kanada sein durfte.

Ich sah aus dem Fenster. Nur noch wenige Stunden und ich war wieder zu Hause. Am Horizont ging gerade die Sonne auf und ich blinzelte in das rote Licht eines neuen Tages, in das rote Licht eines neuen Lebens. Das Märchen war zu Ende, ohne Happy End. Ich dachte daran, wie gerne ich im Flugzeug sitzen würde, zusammen mit Josh, mit der Vorfreude, ihm meine alte Heimat zeigen zu dürfen. Womöglich bereits verheiratet und voller Zukunftspläne. Er wünschte sich so sehr, die Schweizer Berge zu sehen und endlich meine Familie kennen zu lernen. Meine Eltern wären von ihm begeistert gewesen und meine Schwestern wären vor Neid wohl beinahe zerplatzt. Aber was nützte es mir, Gedanken darüber zu verlieren, was gewesen wäre, wenn ...

Wieder füllten sich meine Augen mit Tränen. In letzter Zeit hatte ich so viel geweint, ich meinte mit meinen Tränen einen See füllen zu können. Ich vermisste Josh und meine Freunde so sehr. Wenn ich den Schmerz nicht gefühlt und Joshs Ring nicht getragen hätte, wäre ich womöglich davon ausgegangen, dass ich das alles niemals erlebt hatte. Aber die Albträume und auch die Narben bewiesen das Gegenteil. Ohne Josh hätte ich die Vergewaltigung niemals verarbeiten können. Ihm verdanke ich mein Leben. Und nun musste ich mich ohne ihn zurechtfinden. Ein unvorstellbarer Gedanke. Eine absolut brutale Realität. Einmal mehr verfiel ich in Selbstmitleid. Jo, mein psychologischer Ratgeber und Freund für alle Fälle, hatte mich gelehrt, genau dies zu vermeiden.

Also, Kopf hoch, kämpfen und die Erinnerungen zusammenpacken und verstauen. Jetzt fängt ein neuer Lebensabschnitt an. Ich bin erst 19 Jahre alt und habe noch alle Zeit der Welt! Hoffe ich wenigstens ...

Während ich mir Mut zusprach und versuchte meine Trauer, Melancholie und depressiven Gedanken loszuwerden, verfolgten mich schon wieder Jos Worte. »Ihr habt noch euer ganzes Leben vor euch«, sagte er zu Josh und mir. Er hatte Recht, nur, wie lange dauert ein ganzes Leben? In Joshs Fall nicht sehr lange. Er wurde gerade mal zwanzig Jahre alt. Was lehrt das mich? Zukunftspläne sollte man nur schmieden, wenn es unbedingt sein muss. Man sollte jeden Tag genießen, als wenn’s der letzte wäre. Und genau so hat Josh gelebt. Unwissend, dass er nicht lange dafür Zeit hatte. Wir lebten eine heftige, intensive Liebe. Vermutlich weil sie von kurzer Dauer sein sollte. Das Schicksal war vorbestimmt und es ist gut, es nicht im Voraus kennen zu müssen. Mit solchen Gedanken verbrachte ich die letzten Stunden des Fluges.

Traurig, etwas zerstreut, aber gefasst stieg ich in Zürich aus dem Flugzeug. Der Zeitpunkt war gekommen, wieder ein neues Leben zu beginnen. Irgendwie musste es ja weitergehen. Und Josh würde mir dabei helfen. In meinem Herzen, meinen Gedanken und meinen Gefühlen spürte ich ihn deutlich. Er wachte über mich und spornte mich an, weiterzumachen. Ich tat es für ihn, für seine Freunde in Dankbarkeit, für meine Familie und schließlich für mich selbst.

So riss ich mich zusammen, telefonierte mit meiner Schwester und bat sie, mich abzuholen. Sie war erstaunt über meine kurzfristige Ankunft. Ich ließ verlauten, dass ich schrecklich Heimweh bekommen hatte und daher früher als vorgesehen zurückgekommen war. Eine saftige Lüge, die ich bis heute bereue. Ich fühlte mich diesbezüglich schlecht. Niemand von meiner Familie oder meinen Schweizer Freunden wusste von der Vergewaltigung und von Josh. Ich hielt dies vorerst geheim, bis ich alles wieder im Griff haben sollte. Ich wollte kurz nach dem Verbrechen schon nicht, dass mich meine Eltern von Josh wegzerrten und nach Hause holten. Das hätte die gesamte Situation noch schwieriger gemacht. Und jetzt nach Joshs Tod war ich eigentlich froh, dass niemand etwas wusste. Das vereinfachte meinen Neuanfang entscheidend. Aber sollte ich mein zukünftiges Leben nun nur noch auf Lügen aufbauen? Nein, das konnte keine Lösung sein. Aber irgendeinen Grund für meine Rückkehr musste ich angeben. Wenn die Erklärung mit dem Heimweh standhalten würde, müsste ich nicht weiter über den Aufenthalt berichten, sondern könnte das Erlebte in eine Tasche packen und weit weg stellen. So hoffte ich, dass dies die einzige Lüge sein musste. Hatte ich denn überhaupt eine andere Wahl? Joshs Tod war noch zu nahe. Ich brachte es einfach nicht fertig, darüber zu reden, nicht mit Leuten, die von allem nichts wussten. Ich hätte so vieles erklären und schildern müssen. Allein der Gedanke, alles zu erzählen, schmerzte mich, und die Kraft dafür konnte ich auch nicht aufbringen. Ich war nicht bereit dazu. Noch nicht!

Meine Schwester freute sich über meine Rückkehr und begrüßte mich mit einem Handschlag. Ein Handschlag! Keine Umarmung, wie ich es in der Zwischenzeit von den Kanadiern gewohnt war. Aber früher war’s ja auch nicht anders. Willkommen zurück in der kühlen Schweiz!

Auf der Heimfahrt fühlte ich mich unbehaglich. Die Straßen waren so eng, die Fahrweise war hektisch, beinahe chaotisch. Man fuhr nicht genießerisch, man raste. Vergebens suchte ich nach freundlichen Gesten der Autofahrer. Auf den Gesichtern der Leute sah ich keine Freundlichkeit, kein Lächeln. Die meisten schimpften nur hinter dem Steuer und wirkten äußerst ungeduldig. An den Kreuzungen erquetschte jeder den Vortritt. Wie wär’s mit etwas mehr Toleranz? Ich fragte mich, ob ich wirklich in das Land zurückgekehrt war, in dem ich geboren wurde. Meine Heimat! Mein Land, welches mir Frieden schenkte und mir eine erstklassige Ausbildung ermöglicht hatte. Dafür war ich immer dankbar, aber davon allein konnte ich nicht leben. Ich bekam Angst vor der Zukunft. Ich hatte Bammel davor, mich hier wieder einfügen zu müssen. Konnte ich das überhaupt? Ich musste. Es gab keine andere Möglichkeit, nicht im Moment. Ich unterbrach meine schlimmen Gedanken und zwang mich, nicht so schlecht über meine Heimat zu denken. Ich versuchte mir einzureden, dass ich wohl momentan ein bisschen aus der Fassung war und erst wieder leben lernen musste. Mir wurde bewusst, dass ich wieder ganz am Anfang stand. Ich sah dies aber eher positiv. Was Neuanfänge anbelangte, war ich ja schließlich bereits ziemlich erfahren. Also los!

Die Freude, meine Eltern wiederzusehen, war natürlich riesig. Sie freuten sich über meine Ankunft und glaubten schon lange zu wissen, dass ich Heimweh verspürt habe, da ich damals geweint hätte, als sie nach ihrem Besuch im Bus Vancouver verließen. Sie sagten das mit so nachhaltiger Sicherheit und Freude, dass sie offenbar keine Bestätigung meinerseits dazu erwarteten. Ich nickte nur und war erstaunt, dass ich mit meiner Lüge so ungeschoren davonkam. Sie konnten ja nicht ahnen, dass ich ihnen damals verheimlichte, nie wieder nach Hause kommen zu wollen. Dass ich meinen Traummann gefunden hatte und Kanadierin werden wollte. Mein Plan, nichts von Josh und dem Verbrechen erzählen zu müssen, schien zu funktionieren. Diese Tatsache stimmte mich sehr zuversichtlich. Ich bezog mein altes Zimmer wieder, fühlte mich aber irgendwie herausgewachsen. Erst jetzt spürte ich, dass ich hier fremd war. Ich hatte mich völlig verändert. Alles, was mir als Kind so viel bedeutet hatte, erschien mir ungewohnt fremd, altmodisch und unwichtig. Ich musste schmunzeln, als mir bewusst wurde, dass ich früher einen schrecklichen Orange-Tick gehabt haben musste, als ich die Ausstattung für mein Zimmer aussuchen durfte, damals als etwa Dreizehnjährige. Der Teppich, die Vorhänge, die Bettdecke und das Tischtuch, alles war orange – wie Jos Sofa. Unglaublich, aber ich musste gestehen, dass ich jetzt kanadische Rüschenvorhänge vorgezogen hätte. Solche Kleinigkeiten brachten immer wieder die Gedanken an das Leben und meine Freunde in Kanada zum Vorschein. Ich vermisste sie so sehr.

Drei Tage vergingen ohne größere Probleme. Den ganzen Tag um meine Familie herum zu sein war an und für sich schön, aber ich fühlte mich bald eingeengt. So entschloss ich mich, in die nahe gelegene Stadt zu fahren und mich mal umzuschauen. Wieder fielen mir die vielen, mürrischen und unfreundlichen Leute auf. In einem Warenhaus kaufte ich ein paar kleine Weihnachtsgeschenke für meine Familie ein. Meine Güte, war die Verkäuferin unfreundlich. Ich bot einer Kundin an, vor mir an der Kasse zu bezahlen, weil mir schien, sie habe es eilig. Sie wäre sowieso vor mir da gewesen, meinte sie barsch und bedankte sich natürlich keineswegs. Ich sah mich nur kurz um, um zu sehen, wie die anderen anstehenden Kunden um mich herum reagierten. Das hätte ich mir sparen können. Keiner schmunzelte oder schüttelte lächelnd den Kopf, jeder wollte einfach nur schnell drankommen und wieder verschwinden.

Die Verkäuferin meinte dann nur: »Mir ist egal, wer zuerst war, ich werde einfach in fünf Minuten in die Mittagspause gehen, egal ob alle bedient worden sind oder nicht.«

Verdattert stand ich in dieser schrecklichen, egoistischen und grauen Welt. Wieder zu Hause, sprach ich meine Eltern darauf an, die meinten, die Antwort zu kennen: »Das ist doch normal, das war schon immer so. Hast du das schon vergessen?«

»Ja, scheint so. Mir war das früher nicht bewusst, wahrscheinlich weil ich genauso war. In Kanada war das alles so anders. Es ist doch auch euch aufgefallen! Ihr selbst habt doch gesagt, die Leute dort seien alle so freundlich und hilfsbereit zu euch gewesen und hatten immer ein Lächeln auf den Lippen. Dies ist für mich normal. Ich scheine erst jetzt begriffen zu haben, dass ich verlernt habe, wie das Leben hier abläuft. Und ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, ob ich das auf die Dauer ertragen werde. Ich glaube, ich muss irgendwie zusehen, dass ich eine Arbeitsstelle in einem internationaleren Teil der Schweiz finde. Dort sollte die Mentalität erträglicher sein. Und Französisch lernen wollte ich ja auch noch. Ich weiß nicht, ob es das Richtige für mich sein wird. Aber eines weiß ich genau, ich möchte mich nicht wieder so sehr verändern müssen, nur damit ich hier zurechtkommen kann.«

Ich erschrak selbst über meine Worte. Dieses Land, das eigentlich meine Heimat sein sollte, war es nicht mehr. Ich hatte die kanadische Mentalität komplett angenommen und auch gelebt. Wollte ich wieder in mein Mauerblümchen-Dasein zurückfallen oder gab ich mir die Chance, meine Sprachkenntnisse zu vervollständigen, in einem Teil des Landes, der nicht so engstirnig zu sein schien?

Auf einmal hatte ich die Lösung für einen Neubeginn gefunden. Ich wollte in den französischen Teil der Schweiz, eine gute Arbeit suchen, bei der ich meine Englischkenntnisse anwenden konnte und ordentlich verdienen, damit ich schnellstmöglich wieder nach Kanada verschwinden konnte. Das war die Lösung! Ich wollte unbedingt wieder zurück. Ich gehörte nicht mehr hierhin, Kanada war jetzt meine Heimat. Und dabei spielte es nicht mal eine große Rolle, ob Josh noch lebte oder nicht. Ich kannte dort viele Freunde. Sie würden mir helfen, ein neues Leben zu beginnen. Sie würden mir helfen, eine Stelle zu finden und mich in allem Weiteren unterstützen. Die Schweiz war nicht mehr meine Heimat, sie war ein Zufluchtsort geworden, nicht mehr, aber auch nicht weniger.